Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen …

… Du weißt nie genau, was Du bekommst, heißt es ja.

Aber es geht auch anders, nämlich dann, wenn Du Dich beispielsweise für die Pralinen “Rocher” entscheidest. Da ist dann jede Praline gleich. Gleich gut und gleich lecker …
Und so wie im Leben, so wie bei der Pralinenpackung ist es auch bei den Läufen, Du weißt auch da oft nicht genau, was Du bekommst.

Und dennoch gibt es auch bei den Läufen solch eine “Rocher” Praline. Und diese Praline heißt Eisweinlauf. 65 Kilometer mit rund 1.800 Höhenmeter vom Bahnhof in Offenburg auf den erleuchteten Weihnachtsmarkt in der Baden-Badener Innenstadt, als Gruppenlauf durchgeführt, mit viel Zeit für alle möglichen Gespräche und das mit Anfangs 100 und zum Ende hin 200 Mitläufern.

R(ud)olf Mahlburg, der Chef des Events

Dabei ist die beste Werbung für diesen Lauf, dass ich seit 2006, mit einer einzigen Ausnahme im Jahr 2011, wo ich unbedingt an der letzten Austragung der berühmten “Georgsmarienhütter Null” teilnehmen musste, wollte, jedes Jahr aufs Neue dem Ruf von Brigitte und R(ud)olf Mahlburg folge, folgen muss. Es war heuer also das achte Mal, dass ich diese schöne Strecke über die Höhen des Schwarzwaldes gelaufen bin. Kein anderer Lauf hat mich öfters als vier Mal gesehen …
Und diese acht Mal waren großartigen Läufe mit großartigen Menschen. Achim Knacksterdt habe ich dort kennen gelernt, der damals mit seinem Freund Roman mitgelaufen ist. Den schnellen Dirk Joos habe ich dort ebenfalls kennen gelernt und viele, Dutzende, treffe ich Jahr für Jahr dort wieder, beim Treffen in der Halle des Hauptbahnhofs in Offenburg.

Wir haben schon wunderbar sonnige Tage dort erlebt, Kälte und Frost, Regen, der für viele Tage ausgereicht hätte und auch viel Wind bis hin zu stürmischen Stunden.
Und wir haben immer fünf Verpflegungspunkte erlebt, die derartig gut ausgestattet sind, dass die meisten Läufer schwerer aus dem Lauf heraus kommen als sie in den Lauf gegangen sind. Da gibt es eigentlich alles, was die unterschiedlichsten Läuferherzen begehren. Salzig oder süß, fleischhaltig, vegetarisch oder vegan, sauer, alles ist zu haben. Wärmend gibt es heißen Tee und heiße Brühe, aber auch Glühwein für diejenigen, die sich Alkohol während eines Laufs zutrauen.
Bier gibt es als modernes normales Bier, aber auch in der “old fashioned” alkoholhaltigen Variante. Kurzum, es ist ein Traum und die vielleicht 10 Minuten, die die Läufer dort verbringen, sind viel zu kurz, um all das zu genießen.

Ungeheuer komfortabel ist auch, dass Dein Gepäck von Station zu Station gebracht wird und dort stets in Reih und Glied, nach Nummern geordnet, bereit steht. So kannst Du auch mal eine weitere Schicht anziehen, wenn Du zu optimistisch warst oder Du entledigst Dich einiger Dinge, falls Du mehr schwitzt als Du magst. Nur am letzten Verpflegungsstand, gut 10 Kilometer vor dem Baden-Badener Weihnachtsmarkt, musst Du an Dein Gepäck, um eine Sicherheitsweste zu nehmen und das Kopflicht aufzusetzen. Und ab dann freust Du Dich vor allem darauf, von den Höhen nach Baden-Baden herunter zu laufen, den festlich beleuchteten Weihnachtsmarkt im Visier, um dann die Bewunderung der normalen Weihnachtsmarktbesucher zu erleben, die die vielen Läufer beklatschen, weil der Bürgermeister diese für Normalbürger unglaubliche Leistung öffentlich lobt.

Und dann gibt es die Schecks für die karitativen Organisationen, die jährlich bedacht werden. Die “Aktion Benni und Co.” ist immer dabei und in diesem Moment wird wahr, dass unsere gesunden Muskeln für die kranken Muskeln der betroffenen Kinder Spenden gesammelt haben.

Die beiden Veranstalter dieses Traditionslaufs, der 2014 mittlerweile zum 13. Mal durchgeführt wurde, Brigitte und R(ud)olf Mahlburg, investieren so viel Herzblut in diese Veranstaltung und der Erfolg von www.laufendhelfen.de zeigt, dass man da auf dem richtigen Weg ist.
Ich kann mich noch an Spendenschecks von 3.500 EUR erinnern, 2014 ist die Gesamtspendensumme auf nunmehr unglaubliche 10.000 EUR angewachsen, eine Summe, die natürlich nicht allein von den Startgeldern erwirtschaftet werden kann. Da helfen viele Firmen mit und auch einige großzügige Einzelspender, damit viel Gutes getan werden kann.

Viel Gutes waren auch in diesem Jahr dort die Gespräche mit den anderen Läufern. Da redeten Matthias Igel und ich länger über unseren gemeinsamen Trip mit den Trail-Maniaks nach Korsika im kommenden Juni, mit Günter Kromer habe ich über das Schreiben gefachsimpelt, da war aber auch Colleen, die gebürtige aus  Florida-Amerikanerin, die aber im schönen Meersburg wohnt und auch Kirsten, die ich bei ihrem ersten Ultra vor drei Jahren auf eben dieser Strecke so sehr “angefixt” habe, dass sie jetzt nicht nur den Supermarathon auf dem Rennsteig erfolgreich hinter sich gebracht hat, sondern auch die 100 Kilometer an der Zugspitze ins Auge gefasst hat.
Außerdem waren bei diesem “Familientreffen im Badischen” Annette, Heidi, Andreas, Dieter, Gerhard, Heiko, Meinrad, Steffen und so viele mehr, dass ich wunde Finger bekäme, wenn ich alle Namen auflisten wollte.

Eine ganz besondere Freude war dann nach dem Einlauf auf den Baden-Badener Weihnachtsmarkt das kurze, aber sehr nette Treffen mit dem Feuerpferdle, die ich zuletzt vor fünf Jahren, natürlich auch auf dieser Eiswein-Strecke, live gesehen hatte. Sie ist ja emotional mehr auf dem Mountainbike zu Hause und feiert aktuell die letzten zweistelligen Tage ihres neuen veganen Lebens, der 100. Tag darin wird kommende Woche zelebriert werden.
Wir vereinbarten das “meet and greet” schon vorab im “Gesichtsbuch” und so gab es warme Worte, ein paar Fotos und die Erkenntnis, dass vegane Kost einen Menschen offensichtlich noch ein Stückchen schöner machen kann.

Ich bekenne mich also schuldig, diesen Lauf zu lieben und ich werde wohl bei der 14. Edition meinen neunten Start dort erleben, wenn ich dann auch wieder dabei sein darf.
Und deshalb will ich diesem Event eine seltene Auszeichnung zukommen lassen, das Prädikat “besonders wertvoll”.
Darauf eine “Rocher” Praline …
BB

Trail-Maniaks auf dem GR 20 oder “Vive la Corse!”

GR20Es war schon die Ausschreibung, die mich irgendwie zwischen Frieren und Freuen hievte, die in mir den Wunsch schürte, die Zeit bis Juni 2015 vorzuspulen und wegen der ich endlich einmal nach Korsika muss:

Der 5 Tage, 15 Highlights, 181,8 km und 12.000 Hm
Ein einzigartiges Abenteuer für 25 Trail Runner mit Erfahrung und dem richtigen Spirit.
Sentier de Grande Randonnée 20
wurde 1974 eröffnet und ist mittlerweile ein Klassiker. weltweit zählt er zu den schönsten Fernwanderwegen und ist aufgrund seiner alpinen
Wegführung der extremste in Europa. Und genau deshalb die perfekte Challenge für wahre TRAIL-MANIAX und ein echter guerilla run, denn zu 98 Prozent führt er durch den Parc Naturel Régional de Corse.
GR20Urlaubsparadise und Gebirge im Meer?
Für Pauschaltouristen stehen diese beiden Begriffe im krassen Gegensatz. Für uns jedoch ergeben sie zusammen einen absoluten Premium-Trail.
Wie schwer dieser selbst für einen Ausnahmeathleten wie Kilian Journet ist, zeigt seine Bestzeit von 32 Stunden und 54 Minuten. Das ist nicht einmal ein Schnitt von 5,5 km/h (im Vergleich dazu liegt seine UTMB Zeit bei 8,2 km/h).

Die besonderen Reize des GR20. 

Natürlich zehren sowohl die Höhenmeter in der Summe als auch die Wege über Blockgelände, Grate und entlang an seilversicherten Stellen an den physischen und psychischen Kräften. Deshalb, wenn bei einem Blick auf die Uhr nach einer Stunde nur zwei Kilometer stehen, ganz ruhig bleiben, Kilian Journet war auch nicht viel schneller.

Außerdem ist für uns nicht die Stoppuhr das entscheidende Kriterium, sondern die Schönheit dieses Laufs, die immer wieder phänomenalen Ausblicke auf noch mehr Gipfel und in der Ferne auf das Meer. Auch wenn wir uns fünf Tage als sportliches Ziel gesetzt haben, so sollte auch Zeit zum Genießen, Schauen und Fotografieren sein.

Der inov-8 guerilla run. 

Auf der einen Seite sind hierbei ein hohes Maß an Eigenverantwortung und entsprechende Erfahrungen im alpinen Ultrabereich gefordert, auf der anderen Seite wollen wir für die richtigen Leute das richtige Event mit der besonderen Note an persönlichem Herzblut und individuellem Service bieten. Und genau deshalb bist Du dabei. Wir freuen uns auf Dich und Deinen Spirit!
Gut zu wissen …

So weit zur Ausschreibung. Was aber fast noch fantastischer ist wie die Ausschreibung und die Aussicht auf großartige Aussichten, fast noch besser als der weite Weg zu Laufwegen, die einzigartig sind, hart und herausfordernd, zugleich aber glücklich machend wie nur wenige Laufwege in Europa und fast noch aufregender als die Höhenmeter der Trails und die absolute Höhe der Trails über N.N. ist der Blick auf die Liste der Teilnehmer an diesem Event.

Was für ein Glück für mich, dass es sich dabei nicht um ein konventionelles Rennen, sondern eben um ein echtes Erleben, ein ganzheitliches Event und eine Laufwoche voller Spaß und mit viel Miteinander handelt.
Eingeladen hat einer der beiden Chefs aller Trail-Maniaks, Michael “Michi” Raab und ich bin so froh, nach dem Cami de Cavalls auf Menorca 2014 endlich mal wieder einen Lauf mit ihm gemeinsam erleben zu dürfen.
Zu gerne hätte ich ihn auch als Teilnehmer beim RheinBurgenWeg dabei, auch deshalb, da sein Trans Alpine Run – Partner von 2010, Tom Siener, die Truppe der “schnellen Hasen” dort anführt.
Und weil auch der Gruppenkopf der mittleren Gruppe beim RheinBurgenWeg, Achim Knacksterdt, in der illustren Runde der Korsika-Runner dabei ist, sind also alle Gruppen dort auf dem GR 20 repräsentiert.

Das Verlangen, irgendwann einmal auf diesem legendären Weg zu laufen, hatte ich schon vor Jahren von Gerhard Börner in den Kopf gesetzt bekommen, kein Wunder, dass auch er in dieser Woche diese Truppe bereichert.
Birger Jüchter, Daniel Heideck, Thomas Ehmke und Niels Luhmann runden die Gruppe meiner engsten Lauffreunde bei diesem Event ab.

Und endlich sehe ich auch wieder Florian Schöpf, der als Teilnehmer und als Mitveranstalter des INOV-8 Trail-Maniak Guerilla Runs eine Doppelrolle einnehmen wird. Als ich achillessehnenbedingt nicht am “Top of Germany Run” vom Münchner Marienplatz auf die Zugspitze teilnehmen konnte, bedauerte ich am meisten, dass ich damit das Vergnügen, mit ihm ein paar Worte wechseln zu können, verpassen musste. Nun wird all das nachgeholt.

Aber auch die Namen derjenigen, die ich noch nicht oder nicht so gut kenne und die bei dieser Läuferparty teilnehmen, sind hochkarätig und in der Szene bekannt. Auf jede Einzelne und jeden Einzelnen davon freue ich mich sehr!

Und deshalb freue ich mich auf genau dieses Profil, auf genau diese Strecke, auf diese Höhen, diese Ausblicke, diese Menschen und auf die, die für all das verantwortlich zeichnen, dass diese Woche so vonstatten gehen kann.
GR20So bleibt mir nur noch eines, nämlich “DANKE” zu sagen an Michi Raab und Mario Schönherr, an Trail-Maniak, an Florian Schöpf und INOV-8, an Beate Gabelt und Sziols und an alle anderen, die dieses Projekt unterstützen werden.
Und ich verspreche, einige schöne Fotos zu dem Buch beizutragen, das am Ende dieser Woche stehen soll, ein Buch über ein wirklich einzigartiges Abenteuer für 25 Trail Runner mit Erfahrung und dem richtigen Spirit.
Vive la Corse!

Wish you were here …

“Dynafit Feline Superlight” heißt er und auf die Berge rauf will er.
Also in etwa das, was wir alle wollen …

Er sieht kräftig und bissig aus, hat eine griffige Sohle von “Vibram”, zu den Vibram-Sohlen komme ich später noch im Detail, und er ist nicht nur super leicht, sondern auch super schön.
Den Tipp, mit ihm diesen Sommer über die Berge zu laufen, bekam ich am Pik Lenin von Bastian “Basti” Haag, der Hochalpinist, der nur gut einen Monat später so tragisch bei einer Speed-Besteigung im Himalaya von einer Lawine erfasst und dabei tödlich verletzt wurde.
Es ist schon schlimm, dass ich in den letzten zwei Monaten gleich zwei Mal Trauer tragen musste … aber das gehört nicht hierher.

... den Feline gibt es auch in rot, ich habe ihn aber so, wie er hier abgenbildet ist.

… den Feline gibt es auch in rot, ich habe ihn aber so, wie er hier abgenbildet ist.

Ich bekam also den Tipp, diesen Schuh zu ordern und ich konnte es kaum abwarten, bis er endlich bei mir zu Hause war. Nein, ganz stimmt das nicht. Weil die Zeit vor den Bergevents so weit fortgeschritten war, gab ich als Lieferadresse die Adresse meiner Eltern in Südbaden an. Dort musste ich ja stets vorbei fahren und so war ich sicher, dass ich nicht barfuß … oder sonstwie hätte “aufi kraxeln” müssen.
Sicher war, dass ich von meinen HOKAs, die ich auf der Straße noch immer liebe, weil man damit auf dem Asphalt schwebt, nicht mehr die steilen Downhills bewältigen wollte. Andorra lässt grüßen, ich erinnere mich, wie ich dort ständig weggerutscht bin.
Es musste also etwas mit “mehr Zähnen” sein, mit mehr direktem Kontakt zum Boden. Irgendwie ist es wie bei den Worten “Honolulu”, sehr weich, und “Gran Canaria”, eher etwas mit Zähnen, aber der dazu gehörende Witz will mir einfach nicht mehr einfallen …

Natürlich war mir Dynafit dem Namen nach bekannt, in den regionalen Laufshops aber konnte ich ihn nicht finden. Gut, dass es “das Netz” gibt und natürlich auch DHL, UPS und Co. Häufiger findest Du den Feline in Süddeutschland, so richtig auf den Steinen festbeißen kann er sich ja sowieso am besten in den Alpen, hier in der Eifel sind die Ansprüche an das Schuhwerk vielleicht etwas geringer.
Aber wenn Dir einer, der Läufe gewinnen kann, einen Schuh empfiehlt, dann weiß ich, dass ich gut beraten bin, dieser Empfehlung zu folgen. Warum dieser Feline dennoch nicht meine aktuellen Träume dominiert, dazu komme ich auch später noch.

Ganz besonders ist an diesem Schuh natürlich das niedrige Gewicht, die gute und schnell zu bedienende Schnürung und natürlich eben diese Vibram-Sohle.
Auf der Shopping-Messe in Chamonix anlässlich des UTMB 2014 traf ich mich mit Filippo Goi vom italienischen Tester Team von Vibram und ich unterhielt mich mit ihm. Über den Feline, über die Sohle und auch darüber, dass mittlerweile andere Schuhhersteller auch vibramsüchtig werden. Salomon hat Modelle mit Vibram-Sohlen, ja selbst HOKA wird in 2015 ein Modell mit einer Vibram Sohle anbieten. Der Dealer wird es wissen und freudig lächeln, schätze ich …

Vibram kennen wir ja alle von den “Five Fingers”, jetzt kenne ich auch die fantastische Sohle, die, zumindest bislang, keinerlei Abnützungserscheinungen zeigt. Es soll ja Schuhe geben, die nach einigen Hundert Kilometern schon einige Anteile ihres Profils verloren haben, die Vibram-Sohle ist bis jetzt lediglich schmutzig. Und das soll sie ja auch sein, denn bekanntlich ist es ja kein Trail, wenn da kein Wasser, kein Dreck, keine Pfützen und kein Matsch war.
Die Vibram-Leute haben in den letzten Jahren wirklich gute Arbeit gemacht. Und dass sie jetzt von den großen Trailschuh-Herstellern hofiert werden, belegt die Aufmerksamkeit, die man dieser Sohle mittlerweile zollt.

Und mit dem super leichten Gewicht, dem direkten engen Bodenkontakt und mit dieser Sohle ist der “Dynafit Feline Superlight” der echte Anti-HOKA. Spüren statt fliegen, beißen statt rutschen, stehen statt rutschen.
Ein “echt geiles Teil”, wenn ich mir diese Wertung erlauben darf.

Was für eine Sohle, findest Du nicht auch?

Was für eine Sohle, findest Du nicht auch?

Aber das Bessere ist der Feind des Guten und das Schönere der des Schönen, heißt es.
Und wenn ich mir jetzt für die Agenda 2015 Gedanken mache, für meinen “MMM”, also für “Madeira – Mallorca – Menorca” – und natürlich für den Trans-Korsika Guerilla-Run von Trail-Maniak auf dem legendären GR-20, bei dem ich mich ehrfurchtsvoll vor jeder anderen Laufkollegin und vor jedem anderen Laufkollegen verbeugen darf, so illuster ist diese kleine 25-Mensch-Truppe besetzt, und wenn mir dann in den Nächten die Worte “wish you were here” in den Sinn kommen, dann denke ich nicht an das fantastische Lied und die atemberaubende Stimme von Jewel, ich denke auch nicht an den “Feline Superlight”, dann denke ich an etwas Besseres, an etwas Schöneres …Jewel

“Wish you were here” gilt nämlich dem Dynafit MS Feline SL, knallig blau und der, wegen so vieler Vorschusslorbeeren richtig knallrot geworden, eben auch in diesem rot erhältlich ist. Oder sein wird …?
Auch diese Schuhe habe ich in Chamonix live sehen dürfen. So eine Läufermesse hat doch wirklich was.

Oder doch einen anderen Schuh aus der Feline Familie? WS, MS, SL, GTX, X7 …
“Ist ja alles so schön bunt hier …!” würde wohl Nina Hagen sagen.
Gut, dass ich erst in eineinhalb Wochen Geburtstag habe, da verbleibt dann noch genug Zeit, um diese letzten Fragen zu klären.
Man soll sich ja selbst auch was zum Wiegenfeste gönnen, oder?

MS Feline GTX

MS Feline GTX

WS Feline SL

WS Feline SL

MS Feline X7

MS Feline X7

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

WS Feline GTX

WS Feline GTX

Zwei Ameisen aus Bonn …

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beinchen weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

Joachim Ringelnatz

(1883 – 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler und Maler

OWDie Idee war schon groß. Und ich erfuhr von ihr schon recht frühzeitig.
Schon im Frühjahr 2014 fragte mich Oliver Witzke, ob ich ihn bei seinem Plan, vom 01. November bis zum 09. November 2014 von Bonn nach Berlin zu laufen, begleiten würde.
Bonn? Berlin? 9. November? Da war doch was …

Der 9. November, einst einer der schrecklichsten Tage der Deutschen, hat ja vor 25 Jahren eine ganz neue, dieses Mal positive Bedeutung gewonnen. Während am 9. November 1938 noch eingeschlagen wurde, wurde am 9. November 1989 endlich eingerissen. Und statt “Kristall”, statt Scheiben und Glas, fiel stahlharter Beton der Geschichte zum Opfer und statt unschuldiger Juden wurde eine gesamte Staatsführung an diesem Tag attackiert.
Und so wurde genau 51 Jahre nach dem bitterbösen Unrecht auf deutschem Boden die frohe Botschaft geschrieben, die unsere Welt in eine friedlichere Zukunft führen sollte.
Ob wir diese friedlichere Zukunft aber tatsächlich leben, das jedoch steht leider auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch auf einem anderen Blatt.

Und zu diesem Jahrestag des Mauerfalls wollte Oliver also aus der alten Bundeshauptstadt Bonn nach Berlin, in die neue Bundeshauptstadt, laufen.
Irgendwann versprach ich ihm, ihn wenigstens an den ersten beiden Tagen zu begleiten, mehr schien mein Terminplan im Vorweihnachtsgeschäft nicht herzugeben.

Doch dann kam alles anders.
Nach dem plötzlichen und für mich äußerst schmerzvollen Tod meines Bruders Wolf Siegfried in Berlin hatte ich zuerst die Idee, eventuell doch die gesamte Strecke mit Oliver zu laufen, vielleicht kurz nach der Beisetzung meines Bruders, vielleicht sogar hin zur Beisetzung in Berlin Schöneberg, je nachdem, wann die Beisetzung endgültig stattfinden würde. Dann wurde die Beisetzung auf den Donnerstag, den 06. November 2014 um 10 Uhr festgelegt und deshalb vereinbarte ich mit Oliver, ihn immerhin vier komplette Lauftage und noch einen Teil der fünften Etappe zu begleiten, also ungefähr bis zur ehemaligen innerdeutschen Grenze.
2014-11-01 10.51.46Meiner Achillessehnenverletzung geschuldet war ich seit Ende August erst einen Monat lang gar nicht und dann nur wenig und nie wieder über 27 Kilometer gelaufen, solch eine gewaltige Strecke drohte also für mich zum Fiasko zu werden.
Die erste Etappe begann am Samstag, den 01. November um 9 Uhr direkt am Bonner Marktplatz vor dem wunderschönen Rathaus der Stadt. Das Wetter war unser Freund. Es war zwar noch etwas frisch und leicht windig, aber die Sonne stand hell am Himmel und wir starteten bei optimalen Läuferbedingungen.
Wir starteten zu Dritt, Holger aus Remscheid-Lennep, der auch mit seiner Sandra unser “Herbergsvater” der kommenden Nacht war, selbst mit einer “Persönlichen Bestzeit” von 2:56 Stunden ein Marathoni der besseren Sorte, begleitete uns durch Troisdorf und die ersten Kölner Stadtteile hindurch bis nach Köln-Dellbrück. Dort entschied er sich für die Bahn, um alles für unser Eintreffen bei ihm vorzubereiten. Das war nach knapp 30 Kilometern auch in etwa der Zeitpunkt, an dem es auch bei mir begann, weh zu tun, vor allem in den Oberschenkeln, in denen ich rechts und links ziemlich mittig einen schmerzhaften Druckpunkt spürte. Außerdem begann ich damit, mir in einer neuen Dreiviertelhose einen “Wolf” zu laufen.

Eine Pause machten wir danach gleich an einem türkischen Imbiss. Die regulären Läden hatten ja wegen des allerheiligsten Feiertags leider alle geschlossen. Für Oliver gab es einen Döner, für mich einen Couscous-Salat und einen Bohnensalat in roter Sauce. Das tat gut, schmeckte halbwegs ordentlich und wir gingen weiter. Später dann führte uns die gewählte Strecke auch an Olivers Heimstatt vorbei, ich nutzte die Gelegenheit, um in einem Café etwas zu trinken. Warum er die Strecke so gewählt hat und nicht den direkten Weg nach Remscheid-Lennep, weiß ich nicht, angesichts solch einer großen Herausforderung, alle neun Etappen zusammen gerechnet, hätte ich es nicht getan und ich hätte mit jedem Kilometer gegeizt.
So aber sah ich “Schloß Burg” und die dorthin führende Seilbahn mal von unten und eine zauberhafte Altstadt von Solingen-Unterburg, die es tatsächlich wert war, belaufen zu werden.

Bis Remscheid-Lennep zog sich der Weg dann noch hin über Hügel und Täler und schlussendlich über eine tiefnasse, matschige und scheinbar endlose Wiese hinweg und ich freute mich, nach 69 Kilometern gegen 19.30 Uhr endlich das wohlige Warm des Hauses von Sandra und Holger zu sehen. Der Empfang war dann liebevoll, die Kerzen auf dem Eingangspodest leuchteten in die für Novemberverhältnisse extrem warme Nacht hinein. Wir wurden dort bestens versorgt, sowohl am Abend als auch am darauf folgenden Morgen.

Aber ich musste mit Oliver wegen des Aufstehens und des Weiterlaufens verhandeln. Ich halte mich ja für einen Langschläfer unter den Ultraläufern. Ungern starte ich vor sechs Uhr in der Frühe. Aber später starte ich auch nicht gerne. Dennoch schlug ich einen Start um 7 Uhr vor, Oliver wollte mir mit 8 Uhr entgegen kommen und wir einigten uns auf 7.30 Uhr. Kurz vor Mittag also …
Das Gute daran war, dass wir schon gute 10 Kilometer hinter uns hatten, bis wir den Startzeitpunkt des Vortages erreicht hatten. Das Schlechte daran war, dass wir für die restlichen 56 Kilometer noch genauso lang brauchen sollten wie für die 69 Kilometer des Vortages.

Wir legten regelmäßige Trinkpausen ein (Lieber Weihnachtsmann, schenke dem Oliver bitte eine Trinkblase für seinen Rucksack), ich lernte Freunde an einer Bushaltestelle und seine Tante und seinen Onkel in deren Häuschen kennen. Und wir verloren uns an einer Stelle, fanden uns dann aber glücklicherweise wieder.
Ein paar Mal musste ich ihn dafür anrufen. Stets bekam ich eine Leitung, aber ich konnte ihn nicht hören. Nach vier oder fünf Versuchen erst fiel mir auf, dass bei mir noch die Kopfhörer eingesteckt waren … da war sie wieder, die Geschichte mit dem Hirn eines Läufers und der Größe desselben während eines Laufes …

In Hagen erlebten wir Schönes. Erst ein wildes Gehupe hinter uns. Sandra und Holger hatten sich aufgemacht, uns auf dem Weg zum Freilichtmuseum in Hagen kurz an der Strecke aufzusuchen, nicht ohne uns einen Schokoladenkuchen, mit bunten Smarties bedeckt, mitzubringen. Später dann, am Hagener Hauptbahnhof, gab es für Oliver einen Burger und bei mir leuchteten die Augen, weil es einen auch an diesem Sonntag offenen “REWE to go” gab. So konnte ich mir einen Linsensalat aus kleinen roten Linsen mit aufgelegtem Ziegenfrischkäse gönnen, dazu einen Gurkensalat in einer weißen Sauce.

In Menden aber war die “vis comica” von Oliver ziemlich am Ende. Wie beim römischen Legionärsausblilder Nixalsverdrus bei “Asterix als Legionär” war die “Kraft der Komik” bei Oliver dem Zweifel gewichen. Er sah an der Bushaltestelle nach der Buslinie 514 zu unserem Etappenziel Wickede (Stadt). “Nur aus Interesse,” selbstverständlich. Aber er äußerte schon, dass wir das nächstgelegene Hotel aussuchen sollten, das kommen würde und nicht das, das uns HRS ausgewählt hatte. Am Ortseingang von Wickede war das dann die “Alte Poststube”, zwei Kilometer vor dem Stadtkern von Wickede, 66 Kilometer hinter Remscheid-Lennep.
Mir ging es seit dem Nachmittag immer besser, der Hirschtalg schonte mich im Schritt, die Oberschenkel waren schwach, aber ohne Schmerzen und die neuen Einlegesohlen entlasteten meine Achillessehne, “alles paletti” sozusagen.

Gegessen hat Oliver dann, wie auch am Vorabend, eher wenig. Ein Fehler, darauf wiesen ihn am Abend zuvor schon Holger und in Wickede auch ich hin.
Wir gingen zeitig zu Bett, der Wecker war auf 6 Uhr gestellt, spätestens um 7 Uhr sollte es weiter gehen, immerhin auf eine Etappe von 71.5 Kilometer nach Paderborn. Ständig geradeaus, an der B1 entlang, alles Straße, wie fast die gesamte Strecke der beiden Tage zuvor.

Daraus aber wurde … nichts.
Oliver konnte am Morgen nicht mehr auftreten, alles tat weh. Was für ein Pech!
Sein Fersensporn, was für ein Frust!

Weniger für mich, da ich sowieso nur bis nach Seesen gelaufen wäre und mein Lauf somit keinen “höheren Abschluss” gehabt hätte. Aber eben für Oliver. Für sein Bonn-Berlin-Projekt. Für seinen Spendenlauf. Für sein Selbstvertrauen.
Aber so ist das Ultralaufen eben. Nicht jeder, der einen schnellen Marathon laufen kann, kann auch richtig lange laufen. Und nicht jeder, der einen Hundermeiler stemmen kann, kann auch Etappenläufe bewältigen. Und alles auch umgekehrt. Wer einen 300 Kilometer Etappenlauf hinbekommt, der kann noch nicht automatisch eine TorTOUR durchstehen.
Es war also der Morgen des Erkennens, der Morgen der Wahrheit.

Und wahr war, dass wir sogar zum Wickeder Bahnhof ein Taxi bestellen mussten, um dann von dort aus erst nach Hagen und dann nach Wuppertal zu fahren. Dort trennten sich dann auch unsere Wege.

Was bleibt nach solch einem Erlebnis?
Oliver muss sich diese Frage selbst stellen und beantworten. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sein Ehrgeiz, mal wieder einen schnellen Marathon zu laufen, gestiegen sein dürfte. Sicherlich wird es sich aber auch fragen, ob ein einziges Hundert Kilometer Rennen und viele Marathons und ein paar Läufe “dazwischen” ausreichen, um sich so viele Straßenkilometer zuzumuten.
Ich wiederum fühle mich wie die beiden Ameisen aus dem Gedicht von Joachim Ringelnatz auf der Chaussee in Altona …
Und es passt zu einem Laufjahr 2014 mit seinen Ups, der Kirgistan-Reise, dem für mich fantastischen Ergebnis beim Ultra Tramuntana auf Mallorca und seinen Downs, mit dem Pech, den Chip beim TGC verloren zu haben, mit der Abkürzung der Laufstrecke von Menorca von 185 K auf 100 K  und mit den DNFs in Andorra, beim SIT und beim PTL, mit dem verpatzten Sommerurlaub auf Sumatra, der schon in Amsterdam am Check-In scheiterte, dem abgesagten Spendenlauf und der entzündeten Achillessehne, meiner ersten “richtigen” Sportverletzung, die mehr als nur meinen Körper dauerhaft geschwächt hat.

Aber eines kann uns keiner nehmen: es waren zwei sonnige Lauftage im November, herrliches, fast zu warmes und sonniges Herbstwetter. Es waren insgesamt 135 Kilometer, die wir gelaufen sind, immerhin.
Und ich konnte einen weiteren Läufer näher kennen lernen und wieder die These bestätigt finden, nach der alle Ultraläufer irgendwie eigen, ja, irgendwie verrückt, sind.
Jeder von uns hat seine Ups und Downs, seine Vorlieben und Macken, seine Stärken und eben auch die Dinge, die manche anderen einfach nicht verstehen.
Oder nicht verstehen wollen.

Und da ist nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass es gut ist, wenn man sein Leben damit zubringt, mit verrückten Menschen merkwürdige Dinge zu tun.
2014-10-04 12.38.48Diese zwei Tage werden wohl ewig in meiner Erinnerung bleiben und es wird eine Kerbe in mein kleines läuferisches Kerbhols geschnitten sein, wie es nur wenige andere Kerben auf meinem läuferischen Kerbholz gibt.
Tom Wingo, we all never walk alone …

Bei Bonn lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Berlin reisen.
Bei Wickede auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beinchen weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

frei nach Joachim Ringelnatz

Im Leid alleine …

WolfMein lieber großer Bruder, es sind nun 10 Tage vergangen, seit Du in den Himmel umgezogen bist. Seit 10 Tagen hast Du all Dein Leid hinter Dir gelassen, das körperliche Leid, die Krankheit, die seit 1993 Dein Leben bestimmt hat, das psychische Leid, die Ängste, die aus frühkindlichen und kindlichen Zeiten herrühren, die Sorgen, die wirtschaftliche Not und das Gefühl, alleine gelassen und nicht geliebt zu sein.
Aber Du warst nicht alleine, niemals.
Und Du wurdest immer geliebt, von allen.
Jeder, der Dein Leben begleitet hat, hat Dich geliebt.
Du warst immer in meinen Gedanken und auch in denen von vielen Anderen. Vielleicht konnten wir Dir das nie ausreichend zeigen, wahrscheinlich haben wir uns zu oft hinter Sachzwängen versteckt, jeder aus seinen eigenen Gründen. Aber nun sind uns alle Ausreden ausgegangen, Du wolltest doch immer nur geliebt werden, in den Arm genommen werden, angenommen werden …

Was nur hat Dich glauben lassen, dass es keine Gründe gäbe, zu bleiben? Welche Alternativen hätten wir bieten müssen, damit Du nicht Diesen Ausgang genommen hättest?
Ganz bestimmt hättest Du uns nicht mit so vielen Fragen zurückgelassen, wenn wir Dir früher mehr Antworten gegeben hätten. Und bestimmt hättest Du mich nicht mit meinen Erinnerungen alleine gelassen, wenn ich diese öfter mit Dir geteilt hätte.

Du warst früher mein Vorbild, mein ganzer Stolz. Deine Großzügigkeit haben jahrelang viele genossen, auch ich. Dir aber eine helfende Hand reichen, als Du am Abgrund warst, das tat kaum jemand. Auch ich nicht, zumindest nicht ausreichend.
Ich wusste einfach nicht, wie ich Dir hätte helfen können. Und ich wusste nicht, wie immens groß Dein Leidensdruck in den letzten Jahren wirklich gewesen sein muss.
Du warst immer der Sensibelste von uns Dreien, der künstlerischste, der, der die meisten Albträume hatte, aber Du warst auch der, der die meisten Lebensträume hatte. Aber Du hast es irgendwann nicht mehr geschafft, diese Träume in unsere reale Welt hinüber zu bringen. Dabei hast Du immer gesagt, dass Du alles im Griff hättest, dass es Dir wieder gut gehen würde. Heute weiß ich, dass es sich um eine lustige Maske für uns und die Welt um Dich herum gehandelt hat, dahinter aber gab es viel Leere und Traurigkeit.
Bitte verzeih mir, dass ich das nicht gesehen habe. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht sehen.
NF8L7953_SWMit Dir war es eine großartige Kindheit. Mir Dir habe ich rund 16 Jahre lang ein Zimmer geteilt, Du hast mich verteidigt, wenn ich wegen meiner Körperfülle gehänselt wurde, wenn man mich als “dicken, fetten Pfannenkuchen” bezeichnet hat, oder, wegen der hässlichen Hornbrille, als “Brillenschlange”. Mit Dir habe ich gemeinsam meine Konfirmation gefeiert, mit Dir habe ich meine erste längere Radtour unternommen, mit Fünfgang-Rädern, die wir uns damals von dem Geld der Konfirmation gekauft hatten.
Du stelltest mich immer Deinen Freunden vor und ich war jedesmal voller Bewunderung deswegen.
Vor allem, als Du mir den Inhaber eines City-Hotels in Schorndorf vorgestellt hast, der stets eine Gruppe junger Männer um sich geschart hatte. Du warst einer davon. Und ich hatte damals nicht verstanden, warum er diese Gruppe zu seinen Sauna-Parties brauchte.

Aber Du konntest Dein Leben, Deine Träume und Deine Sehnsüchte damals nicht offen leben. Du hattest sogar eine Freundin, entgegen all dem, was da in Dir geschlummert hat und Deine Zeit beim Militär als noch nicht bekennender Schwuler war für Dich schlimm, mehr als nur verlorene Monate.
Dann aber, nach Deiner Ausbildung zu einem ambitionierten jungen Spitzenkoch, gingst Du nach Berlin, um endlich frei zu sein. Frei von der Enge der häuslichen und der spießig-schwäbischen Gesellschaft und frei, Dich zu Dir und Deinem Wesen zu bekennen. Nicht jedem fiel es damals leicht, das zu verstehen und zu akzeptieren, damals, am Ende der 70er Jahre. Bei unserem Vater gingen damals die geistigen Rolläden runter, ganz auf gingen sie danach nie wieder.
Für mich aber wurde das Leben “zu Hause” um vieles einfacher und leichter. Die offenen Fragen, die Du damals dagelassen hast, haben unsere Eltern zu einem besseren Umgang mit dem letztverbliebenen Sohn, mit mir, gebracht.
Dann aber kam dort in Berlin mit der Freiheit auch der frühe Frost zu Dir, die Krankheit. Und sie, so schien mir immer, hat Dich glauben lassen, das nächste Jahrtausend nicht mehr erleben zu dürfen und Du hast Dein Leben darauf ausgerichtet. Aber mit der Zeit kamen auch die Medikamente, die Deinen Körper einigermaßen im Gleichgewicht gehalten haben. Aber eben auch nicht immer. Dein Glück war von da ab abhängig von den Blutwerten und die wurden tendenziell immer schlechter, Dein Körper wurde schwächer und schwächer und stets anfälliger für Krankheiten aller Art.
Klinik, Rehabilitation, Krisen und Glück, alles lag nah beieinander.
Aber am Ende warst Du körperlich nicht mehr in der Lage, zu arbeiten, eine wirtschaftliche Perspektive hat Dir jedoch weder die Gesellschaft geboten noch Deine Umwelt, die Freunde, die Verwandten, die Familie.
TE4Was für eine Familie auch? Du hattest über viele Jahre mit ihr gebrochen, auch mit mir, aber dann, als Du wieder Nähe wolltest und brauchtest, fandest Du nur unsere Schwester und mich.
Ich bin damals Botschafter für den Anti-AIDS-Tag geworden und das mit dem Satz: “Bruder, überlebe!”
Es hat nur zum Teil geholfen. Es war zwar nicht direkt die Krankheit, die Dich in den Himmel gebracht hat, aber all das, was da im Gefolge mit verbunden war und passierte.
Rote_Schleife_E-CardDu bist immer ein wundervoller Mensch gewesen, der dafür gesorgt hat, dass sich die Menschen um Dich herum wohl gefühlt haben. Ob Du eine Ahnung davon gehabt hast, wie sehr ich Dich geliebt habe?
Das Leben hier geht aber weiter und wir alle werden lernen müssen, mit unserem Schmerz zu leben. Und Du wirst auf uns herab sehen und uns leiten.

Und ich hoffe so sehr, dass es Dir dort oben, wo Du jetzt hingezogen bist, besser geht als in den letzten 20 Jahren in diesem Leben, Du hättest es mehr als verdient. Und uns, und mir, uns hast Du wieder offene Fragen da gelassen und vielleicht hast Du Manchem damit die Gelegenheit gegeben, im Leben wieder etwas besser zu werden und zu erkennen, dass man selbst nie das Zentrum, sondern immer nur ein Teil eines größeren Ganzen ist.
Für diese Aufgabe, der ich mich gerne stellen will, danke ich Dir.

Ich werde Dich nie wieder sehen können, ich werde nie wieder über Deine Stimm-Imitationen und Deine Schauspielerei lachen dürfen, ich werde nie wieder hören: “Hallo, hier ist das Wölfchen!” und ich werde Dich nie wieder küssen und nie wieder drücken können, aber ich werde Dich auch niemals vergessen, bis auch bei mir der letzte Vorhang fällt.
Du bist wie immer ein Stück voraus gegangen, irgendwann werde ich Dir folgen.
Und dann bist Du nicht mehr alleine in Deinem Leid.

In Liebe und in tiefer Trauer …NF8L7952_SW

Life, Liberty and the Pursuit of Happiness

Life, Liberty and the Pursuit of Happiness

Jetzt, wo ich mit einer entzündeten Achillessehne zu Hause bleiben muss, jetzt, wo ich wahrscheinlich viel zu viel zusätzliche Zeit habe, kann ich mich auch mal zurück lehnen und über mich und mein Leben nachdenken. Und dieses Leben drehte sich in den letzten Jahren immer mehr ums Laufen, um Laufevents und um die Menschen, die ich auf diesen Events wiedersehen konnte.
Fast jedes Wochenende ein Event besuchen, das hat schon etwas von dem, was man ein Suchtverhalten nennt. Oder eben Abhängigkeit.

Wikipedia über Abhängigkeit: Abhängigkeit, (umgangssprachlich Sucht), bezeichnet in der Medizin das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.

Und wenn man seine Sucht, seine Abhängigkeit, nicht mehr ausleben kann, was geschieht dann? Üblicherweise kommt dann der Entzug. Und die Entzugserscheinungen.

Wikipedia über Entzugssyndrome: Ein Entzugssyndrom sind alle körperlichen und psychischen Erscheinungen, die infolge von teilweisem oder vollständigem Entzug von psychotropen Substanzen auftreten.

Die pyschische Erscheinung, die bei mir aufgetreten ist, ist das Nachdenken. Daran kann ich erst einmal nichts Schlechtes erkennen. Und bei diesem Nachdenken erkenne ich, wie viel Zeit ich für den Laufsport verwendet habe und wie viel Zeit ich nun gewonnen habe, über wie viel zusätzliche Zeit ich nun verfügen kann.
Und ich frage mich, ob es nicht schön wäre, diese gewonnene Zeit, diese zusätzliche Zeit, dauerhaft zu haben? Wäre es eine Option für mich, auf die vielen Reisen und die damit verbundenen Kosten und die damit notwendigerweise zu verbrauchende Zeit in der Zukunft weitgehend zu verzichten?
Laufen kann ich doch auch hier in der Eifel. Und da dauert ein Fünf-Stunden-Lauf eben kaum mehr als fünf Stunden anstatt einige Stunden der Anreise, oft einer Übernachtung vor dem Lauf, gelegentlich einer Übernachtung nach dem Lauf und der zeitraubenden Rückreise, alles zuzüglich der eigentlichen Zeit des Laufs, in diesem Beispiel dieser fünf Laufstunden.

Wäre es nicht sinnvoll, die gewonnene Zeit dafür zu verwenden, endlich mal das Haus aufzuräumen, den lang geäußerten Wunsch, den Garten zu pflegen, zu befriedigen, ein schwieriges Kreuzworträtsel zu lösen oder ganz einfach eine große, flauschige Decke zu nehmen, ein paar Kilometer den Berg hinauf zu stapfen, um dort ein schönes Picknick mit der ganzen Familie und vielleicht einigen Freunden zu erleben?
Warum also nehme ich dieses Procedere eines Laufevents immer wieder und immer gerne in Kauf?
Es ist die Frage, die Du wahrscheinlich auch schon oft gestellt bekommen hast: “Warum machst Du so etwas?” Diese Frage wird oft mit der zweiten Frage kombiniert: “Hast Du kein Auto?” Und dann folgt meistens auch schon die dritte Frage, die uns Ultraläufern schon aus den Ohren quillt: “Was machen Deine Knie, Deine Bänder, Deine Gesundheit?”

Ich beantworte diese Fragen am Liebsten mit einer fast religiösen Feststellung, gefolgt von einer Gegenfrage.
“Die christiliche Kirche stellt immer die Frage nach einem Leben nach dem Tod. Ich selbst bin stets auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Gibt es ein Leben vor dem Tod?”

Gibt es ein Leben vor dem Tod? Und wenn ja, wie kann das für mich aussehen?

Ich bedauere manche Menschen, die zeitlebens nur das tun, was ihnen gesagt wird. Das beginnt schon in der Kindheit, wo wir alle nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben, aus dem Leben auszubrechen, in das wir hineingeboren wurden. Aber dann, wenn man nach der Schule, nach dem Studium oder der Ausbildung, irgendwann dort angekommen ist, wo spätestens das Leben beginnen sollte, geht oft das Befolgen von geschriebenen und, meist noch mehr, ungeschriebenen Regeln und Gesetzen weiter.
Ständig glaubt man zu wissen, was in dieser Gesellschaft “verboten” ist, was von einem erwartet wird, aber die meisten dieser vermeintlichen “Verbote” existieren nur im Kopf der Menschen. Häufig ist das, was man nicht tut, lediglich nur “nicht erlaubt”. Und nicht explizit erlaubt zu sein ist einfach kein Verbot.

Aber es sind eben diese gesellschaftlichen Normierungen, die uns zwingen, in bestimmten Situationen bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen, bestimmte Sachen anzuziehen, bestimmte Dinge zu denken und zu sagen und die uns dazu bringen, uns selbst ständig zu überprüfen, ob das, was man da gerade tut, auch dem entspricht, was die Gesellschaft von einem erwartet.

Unsere Meinungen lassen wir von den Medien bilden, unser Wissen haben wir aus dem selektierten Wissenspool, den uns die Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. Unser Leben, die Familie, die Kinder, das Haus im Grünen, das Auto mit einem gewissen Prestige, was wir essen und wo wir einkaufen, all das ist oft ein Resultat aus dem Erwartungsdruck, den vor allem Deine “peer group”, die Dir am nächsten stehenden Menschen, aufgebaut hat, real oder vermeintlich.

Und auch die Freizeitgestaltung gehört in diese Kategorie. Ist man da wirklich frei in der Wahl dessen, was man tut? Grillen am sonnigen Samstagnachmittag, Fußball ansehen in der Gemeinschaft der Straßenanwohner, der Theater- oder Kinobesuch, streng nach den Empfehlungen der “peer group”, der Netzwerke und der Werbung.
Die Bücher und die Zeitungen, die wir lesen, sind vorausgewählt, es gibt die Pflichtbesuche bei den mehr oder weniger nahen Verwandten, vor denen wir uns so gerne drücken würden und wir verlieren uns im Multiple Choice Verfahren über unnützes Wissen in unserem kleinen Traum, irgendwann selbst einmal auf dem “Wer wird Millionär”-Stuhl zu sitzen.WeThePeople

“Ich möchte etwas vollkommen Unnützes tun, das Sinn macht!”

Alles, was wir tun, hat seinen Nutzen. Für uns oder für die Gesellschaft, idealerweise aber für beide. Aber macht es auch Sinn? Als Jugendlicher habe ich einmal den Satz eines Theater-Schauspielers gehört, der mich seither geprägt hat. Er sagte: “Ich möchte mal etwas vollkommen Unnützes tun, das Sinn macht!”

Da ist sie, die vielleicht wichtigste Frage im Leben, die Frage nach dem Sinn des Lebens. Zutiefst philospophisch beantwortet fast jeder diese Frage nach dem Sinn des Lebens anders.
Für den Einen ist der Sinn des Lebens das neueste Computerspiel, das ihn nächtelang an den Computer bindet, für den Anderen die Rettung der Welt vor der vermeintlichen Schlechtigkeit der Menschen.
Wieder andere finden den Sinn ihres Lebens darin, Armen, Kranken, Kindern oder alten Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.
Und ich finde meinen Sinn im Leben eben im Laufen. Aber nicht im Laufen allein, sondern im Laufen in Gruppen. Fast mehr als die schönen Strecken in den Bergen oder den Tartan-Bahnen dieser Welt freue ich mich immer wieder aufs Neue darauf, die anderen Läufer der großen Läufer-Familie wiederzusehen. Kaum etwas gibt mir mehr Zufriedenheit wie die Erkenntnis, Teil dieser Familie zu sein und in dieser Familie Freunde zu haben.

Und beim Laufen selbst ordne ich immer wieder meine Gedanken neu. Viele der wenigen guten Ideen, die ich in den letzten Jahren hatte, entstammen dem “Flow” beim Laufen. In diesem Zustand des “Flow” führe ich oft lange Zwiegespräche im Kopf. Da wird verhandelt, verneint, vermittelt und argumentiert. Und irgendwann gibt es in diesen Zwiegesprächen auch ein Ergebnis, eine Handlungsaufforderung. Oft vergesse ich die nach den Laufen, manchmal aber nicht. Und manches Mal fällt sie mir irgendwann wieder ein. Dann bin ich oft verwundert, warum ich auf diese Handlungsaufforderung nicht beim Nachmittagstee kommen konnte.

Leben, das ist für mich dieser Zustand, im “hier und jetzt” zu sein und keine Gedanken an die Arbeit, an die Familie, an die Kinder, an die “To Do-Liste” und an die Sorgen und Nöte zu verlieren, die mich sonst immer begleiten.
Einfach laufen und frei sein. Die Atmung hat die oberste Priorität und wenn in der Zeit des Laufens die Welt einstürzt, dann soll sie das tun. Nach dem Lauf ist immer noch genug Zeit, das wieder zu reparieren.
Aber es ist selten so schlimm, denn Du stellst schnell fest, dass die meisten der Befürchtungen, dass die Welt genau jetzt einstürzen würde, übereilt und übertrieben waren.
Dale Carnegie empfiehlt ja stets, alle Probleme aus einem Blickwinkel zu betrachten, aus dem man diese Probleme in zwei Jahren betrachten würde.
Und, ganz ehrlich: welches Problem wurde, im zeitlichen Abstand von zwei Jahren betrachtet, nicht viel, viel kleiner, oft lächerlich klein?

Freiheit erleben …

Frei sein im Laufen, frei sein im Denken, was für ein Hochgefühl ist das. In einer Zeit, in der unsere persönliche Freiheit vom Staat sukzessive beschnitten wird, ist es gut, eine Insel zu finden und zu haben, in der Du Freiheit tatsächlich noch spüren kannst.

Die Freiheit sollte ja eine der Säulen unserer Gesellschaft sein, zumindest ist sie das der Verfassung nach. Aber sind wir denn wirklich so frei, wie wir uns gerne darstellen?
Wie reagiert die Gesellschaft, wenn Einzelne aus der “political correctness” ausbrechen und Dinge artikulieren, die man besser nicht sagt? Wenn Einzelne sich kleiden oder verhalten wie man das besser nicht tut?
Die Freiheit erreicht eben unter Umständen sehr schnell Grenzen, die oft gar nicht gesehen werden. Aber man läuft gegen Wände, da findet man Türen zugeschlagen, Ohren geschlossen und Augen zugekniffen.
Journalisten mit Rückgrat kennen das zur Genüge.
Zwar gibt es viele, die sich nicht verbiegen lassen, die sich nicht einlullen lassen von den Segnungen der Wohlstandsgesellschaft, Journalisten, die immer das schreiben, was sie denken. Aber wo können sie das noch tun?

Der von mir so verehrte Reinhard Mey singt in “Seid wachsam” zum Thema Freiheit:

Pass auf, dass du deine Freiheit nutzt, die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!

Also nutzen wir Läufer diese Freiheit zumindest in der Zeit, in der wir Laufen. Zwar folgen wir da auch gewissen Regeln, insbesondere bei den Laufevents, aber wir müssen das nicht tun. Wenn wir bereit sind, den Preis, die Disqualifikation, ein DNS oder ein DNF zu bezahlen, können wir auch nach eigenen Regeln über die Laufstrecken dieser Welt rennen.

Und dann gibt es Läufer in unserer Familie, die von vornherein sagen, dass sie auf die Annehmlichkeiten der Verpflegungspunkte und der markierten Routen verzichten und in ihrer kleinen Welt rund um das eigene Gärtchen oder in der großen Welt auf anderen Kontinenten, selbst festgelegte Routen und Etappen laufen, wenn nötig sogar mit einem Babyjogger, den der Läufer hinter sich her zieht.
So erlebt man Freiheit in einer ganz seltenen Intensität. Nur wenigen Menschen auf der Welt ist das vergönnt, leider. Frei sein und unabhängig. Das Streben nach Glück in seiner Perfektion.
1776

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1776 …

Die Amerikaner haben 1776 in ihrer Unabhängigkeitserklärung einige wichtige gedankliche Pfeiler in die Gedanken der Menschheit gerammt, “the persuit of happiness”, das Streben nach Glück, war einer davon.
Für diese gedanklichen Pfeiler sind Freiheitskriege geführt worden, Kriege, die uns Nachgeborenen auch in eine Verantwortung nehmen, in die Verantwortung, dieses Streben nach Glück nicht zu vernachlässigen. Es ist unsere Aufgabe, frei zu sein und nach persönlichem Glück zu streben, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Aber wie erfüllen denn die Erfinder des “persuit of happiness”, die Amerikaner, diese Aufgabe?
Nicht allzu gut, finde ich. Die Amerikaner sind bei weitem nicht so glücklich oder so frei, wie sie es gerne postulieren, ganz im Gegenteil.
War ich früher immer der Ansicht, dass es auf dieser Welt kaum etwas Schlimmeres geben könne als eine Eigentümerversammlung in einer deutschen Wohnanlage mit vielen Eigentumswohnungen, wurde ich in den fünf Jahren, in denen wir Eigentümer einer “attached villa”, einer Doppelhaushälfte in einer amerikanischen Community in Naples/Florida waren, eines Besseren belehrt.
Ein einziges Mal nahmen wir am Treffen des “board” teil, danach trauten wir uns dort nie wieder hin.

Warum nicht? Einige Beispiele:
Bis zu diesem Treffen durften mit Werbung beklebte Autos ausschließlich vor dem Haus auf der Straße und keinesfalls in den Garagen geparkt werden, nach dieser Versammlung war es genau umgekehrt.
Flaggen am Haus waren nur zulässig, wenn es sich um die Flaggen der USA oder Floridas handelte, Flaggen beispielsweise eines Basketball-Vereins oder eines anderen Landes waren fast schon ein Anschlag auf das ästhetische Gefühl der Community-Bewohner.
Und das Aufstellen der Mülleimer am Straßenrand durfte am Müll-Abholtag keinesfalls vor 10 Uhr stattfinden und die geleerten Mülleimer mussten spätestens um vier Uhr am Nachmittag wieder in den Garagen verschwunden sein. Was treibt Menschen, anderen Menschen solche Dinge vorzuschreiben?
Dafür aber war es still in der Community. Hundegebell gab es nicht.
Was erst einmal entspannt klingt, ist bei näherem Hinsehen ein richtiger Frevel. Bei den Hunden der Community war es die Pflicht der Hundebesitzer, den Tieren die Stimmbänder durchtrennen zu lassen, damit Ruhe herrscht bei den Nachbarn. Sich dagegen zu wehren wäre genauso sinnlos gewesen wie gegen andere Anordnungen des “boards” anzukämpfen. Wenn man also ein Schreiben bekommt, in dem man aufgefordert wird, das Hausdach vom Moos zu befreien, dann tut man das, auch wenn man anderer Ansicht ist.
In diesen Communities, der uramerikanischen Form des Zusammenlebens, gibt es meist so viele und so detaillierte Regelungen, dass sie, als Akte zusammengefasst, Lesestoff für Wochen bieten.
Sicher ist, dass das große weite Land hinter der Freiheitsstatue alles andere als frei ist.

Aber wenn man schon nicht frei ist, ist man dann wenigstens glücklich?

Die meisten Amerikaner sind vor allem eines: stolz auf ihr Land. Und diesen Stolz haben sie sich redlich erarbeitet. In der Schule lernen die Kinder früh die einzelnen Bundesstaaten und deren Hauptstädte auswendig, die Staaten dieser Welt sind dabei außerordentlich unwichtig, zumindest wenn sie in Europa, Asien oder in Afrika liegen.
An jedem “Geburtstag Amerikas”, an jedem 4. Juli, gehen die Hände der Amerikaner automatisch ans Herz, weil stets einige Veteranen der vielen US-amerikanischen Kriege an den feiernden Massen vorbei geschleust werden.
Zuletzt bewirkt der ständige Hinweis auf die kollektive Gefahr, Opfer eines fremdländischen Angriffs zu werden, eine Fokussierung auf den “äußeren Feind” und man übersieht dabei gerne, dass es ja oft das Verhalten der amerikanischen Eliten ist, dass zu der Wut vieler Menschen auf diesem Planeten geführt hat.
LLPFür persönliches Glück aber ist bei den meisten Menschen kein Platz und keine Zeit. Der Großbild-Fernseher mit den eingespielten Lachern im Fernsehprogramm, das gelegentlich die Werbung unterbricht, kann kein Glück verschaffen, die meistens nur 8 bis 10 Tage Urlaub, meist erst ab dem zweiten oder dritten Beschäftigungsjahr, reichen für die Schaffung eines Glückszustands auch selten aus.
Vom Glauben versprechen sich 32 Prozent der US-Amerikaner ihr Glück, das ist der höchste Wert bei den Punkten, die eine Umfrage der Monatszeitschrift Reader’s Digest in zehn Ländern Europas und Amerikas bei immerhin 6.800 Befragten ergeben hat. Aber gibt es Glück in etwas, was man nicht selbst tut?

Studien sagen, dass man dann am glücklichsten wird, wenn man das tut, wozu man mit allen Facetten seiner Persönlichkeit, mit seinem ganzen Wesen steht. Wir sollen uns nicht irgendeiner beliebigen, geforderten oder erwarteten Aufgabe hingeben und auf irgendeine Weise “damit klarkommen”, sondern wir sollen das anstreben, was uns am meisten gilt. Soweit zur Theorie.

Dies berücksichtigt, wird für mich eines klar. Ich stehe für das Laufen, das ist es, was mir “am meisten gilt”. Als Läufer gibt es für mich persönliches Glück. Und dieses Glück zeigt sich mir in mannigfaltiger Weise.

Das Glück beginnt dabei schon, wenn ich auf Facebook erlebe, was die anderen Läufer der Familie tun oder erlebt haben. Dabei eingebunden zu sein ist für mich Glück. Dort zu kommunizieren macht mich glücklich. Die Fotos, die ich in diesem sozialen Netzwerk betrachten kann, lassen mich nach einem Event ein wenig teilhaben an dem, was ich nicht selbst erleben konnte.

Und beim Laufen selbst ist es für mich das Größte, durch eine lange und dunkle Nacht gelaufen zu sein und dann den perfekten Sonnenaufgang zu erleben, zu merken, wie es Minute um Minute heller, schöner und wärmer wird. Jemand, der diese Tageszeit stets nur im Bett verbringt, weiß nichts von diesem täglich neuen Wunder.
Oder nach einem harten und langen Aufstieg auf einem Berggipfel zu stehen und in die Täler hinab zu sehen, Täler, die oft noch im Dunklen liegen, während die Sonnenstrahlen schon die Bergspitzen erleuchten, was kann mehr Glück bewirken?

Das Streben nach persönlichem Glück ist also das, was mich als Läufer süchtig macht und das Fehlen dieser Glücksmomente ist die andere pyschische Erscheinung, die mir die aktuelle Verletzung bringt.
Und dieses Fehlen von Glück würde mich auf Dauer nachhaltig verändern und deshalb kann es für mich keine Option sein, nach der Verletzung anders zu leben als zuvor.
Ich werde also weiterhin Event auf Event besuchen, Land für Land bereisen, um immer wieder Dich und andere Läufer zu treffen und um auch weiterhin Teil der großen Läufer-Familie zu sein.
Und auch, um immer wieder eine Episode einer Geschichte zu erleben, die es wert ist, erzählt zu werden.
Denn auch das Erzählen von Geschichten macht mich glücklich.

Laufen in Lappland

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(Klicken zum Vergrößern …)

Lappland ist der Landesteil von Skandinavien, der nördlich des Polarkreises liegt, dachte ich immer. Lappland ist das Land der Rentiere, dachte ich und da gibt es auch die Lemminge, den Vielfraß und die Elche.
Und nicht zuletzt ist Lappland sehr dünn besiedelt, extrem dünn besiedelt sogar.
Dachte ich. Bis gestern.
Gestern war ich also in Lappland laufen.
“Laufen in Lappland”, so sagte Daniel Heideck vor der Veranstaltung.

Aber dieses Lappland liegt nun mal doch weniger weit nördlich wie gedacht, eher auf den Eifelhöhen eine Biel-Lauflänge von meinem Heim entfernr.
Und statt Rentieren sah ich ungeheuer viele Renntiere, die wie Lemminge hintereinander her liefen. Ich war einer dieser Lemminge. Und ich war es gerne.
DSC_3922Aber dünn besiedelt ist diese Gegend auf den Eifelhöhen auch, wenngleich nicht ganz so dünn wie das Lappland im Norden Europas, wo ja nur rund 2 Einwohner auf jeden Quadratkilometer kargen Landes kommen.
Lappland in der Eifel ist also das Lauf- und Lebensgebiet von Holger Lapp, “Asics Frontrunner” und Held von “Trailrunning Eifel” und dem Blog www.trampelpfadlauf.de.
Ach so, Daniel, dachte ich und verstand, warum Lappland so weit nach Süden verschoben scheint.
Und weil Holger Lapp und die Seinen im Gebiet rund um Monschau jeden Stein auf den Trails beim Vornamen kennen, weil sie dort zuhause sind, wo die Strecke des Monschau-Marathons zu finden ist und weil Holger Lapp und die Seinen gleichsam schnell und eifeltrailerfahren sind, waren sie alle schneller als ich, Daniel Heideck inklusive.

Aber das war ja klar. Ich wollte ja gemütlich ein paar finale Kilometer vor dem SwissIronTrail in die Beine bekommen und das gelang mir auch einigermaßen, zumindest bis zum Halbmarathon-Punkt. 2:16 Stunden für die erste Hälfte des “MM”, des Monschau Marathons, fast exakt 6:30 Minuten für jeden der durchaus anspruchsvollen Kilometer runter und meist rauf auf die Hügel der Eifel.
DSC_3946Aber dann war es das mit der Gemütlichkeit, mit der Kontrolle und ich wurde schneller. Erst nur, weil ich dachte, dass zwei Mal 2:16 Minuten doof sind und ich gerne unter der Marke von 4:30 Stunden für den Marathon bliebe. Also musste die zweite Hälfte schneller sein als die erste.
Dann aber auch, weil ich sehen wollte, ob ich überhaupt noch laufen kann nach dem vielen Speedhiken in England, Andorra und in Kirgistan.
DSC_3921Und wenn Du, wie ich am Sonntag, weit hinten startest, dann wird so ein Marathon besonders interessant. Du hast ständig neue Läuferkollegen! Das ist wirklich richtig interessant.
Bei manchen Läufen hast Du vom Start bis zum Ziel die gleichen Leute um Dich herum. Das ist das Zeichen, dass Du Dich im Pulk richtig eingeordnet hast. Die Schnellen sind vorne und entfernen sich immer mehr von Dir und die Langsamen sind hinten und auch die entfernen sich immer mehr von Dir, wenngleich das in die andere Richtung geschieht.
Den ganz eifrigen Läufern, denen, die sich mutig und frech vorne bei den Cracks einordnen, geht es dabei oft so, dass sie ständig nach hinten durchgereicht werden. Auch die laufen immer mit neuen Kollegen um sie herum.
Und ich startete nun wirklich weit hinten und arbeitete mich sukzessive nach vorne. Und der Umstand, ständig auf neue Läufer aufzulaufen, motivierte mich derart, dass ich in der zweiten Hälfte des Rennens keinesfalls wieder eben gewonnene Plätze verlieren wollte.
DSC_3958Dazu kam, dass Du auch regulär die Vielzahl der Walker, die schon bis zu zwei Stunden vor den Marathonis gestartet waren, überholst. Und Du überholst auch noch einen Gutteil der Ultra-Marathonis, die mit einem Vorsprung von 1:55 Stunden zuerst die 14 Kilometer-Schleife liefen, um dann auf die Marathonstrecke einzubiegen. Die meisten Ultras hatten dann noch rund 15 Minuten Vorsprung auf die Marathonläufer. Und die waren dann irgendwann auch weg.

Und so kam ich dazu, regelmäßig zu grüßen, zu drücken und zu herzen. Ob es der typische Laufstil eines Bernd Rohrmanns war oder die schöne bunte Welt eine Bettina Mecking, es war einfach schön, auf diesem wunderschönen Lauf sich nicht alleine zu fühlen.
Schon vor dem Start waren da einige, die ich schon lange nicht mehr auf den Laufstrecken dieser Welt gesehen hatte. Willi Mütze mit seinen niederländischen Freunden, Helmut Hardy und andere Aachener Läufer.
Und ich traf auch mal wieder Daniel Heideck, mit dem ich gerade in diesem Jahr recht viel Gemeinsames hatte und ich traf eben auch Holger Lapp und seine Freunde.
DSC_3951Die Strecke des Monschau-Marathons ist schnell beschrieben. Da gibt es die historische Altstadt von Monschau, die ist so schön, so romantisch, die müsste unbedingt erfunden werden, wenn es sie noch nicht gäbe. Und durch diese schöne Stadt geht der Weg durch, vorbei an der historischen Senfmühle (Senf aus Monschau ist so berühmt wie die Stadt Monschau) und an anderen historischen und liebevoll restaurierten Gebäuden.

Der Rest der Strecke ist die Landschaft der Eifel pur. Hügel rauf, Hügel runter, grüne Landschaft, so weit das Auge blickt. Nichts für Bestzeitenjäger, aber auch kein Hardcore-Lauf und meine 4 Stunden und 18 Minuten für den Marathon erzählen genau davon. In der flachen City wären es vielleicht 3 Stunden 45 Minuten gewesen, in den Bergen hätte ich wohl eine deutliche Weile mehr gebraucht.
DSC_3928Eines aber fällt jedem auf, wenn man in Monschau läuft. Es ist ein Lauf von Leuten, die das Laufen lieben, von Leuten, die die Läufer lieben.
Und diese Liebe geht bis ins Detail.
Der Monschau-Marathon findet mitten im deutschen Sommer statt. Und oft ist es dort heiß, manchmal brüllend heiß. Und deshalb gibt es alle 3,5 Kilometer zumindest etwas zu trinken, meist sogar noch etwas zwischen die Zähne. Es ist leicht, von diesem Marathon schwerer nach Hause zu kommen wie man vor dem Marathon war, weil es eben so viele Verpflegungspunkte gibt, an denen man die verbrauchten Kalorien mehr als vielfach wieder ausgleichen kann. Lappland – Vielfraß, da war doch was …
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Und dennoch gab es neben den guten Leckereien auch zwei Sachen, die mich wirklich beeindruckt haben. Ich lamentiere ja gerne darüber, dass es selten Salz und noch seltener Salztabletten gibt. Selbst bei harten Ultraläufen vermisse ich dieses Wundermittel häufig und deshalb habe ich meine Tablettchen eigentlich immer dabei.
In Monschau wäre das nicht notwendig gewesen, endlich ein Lauf, bei dem man an diese wichtige Kleinigkeit gedacht hat.
DSC_3959Und ganz am Ende, am letzten Verpflegungspunkt, rund 3,5 Kilometer vor dem Ende, da reicht Dir dann jemand einen kleinen Plastiklöffel, an dem ein Batzen Honig hängt. Als “natural shot” für die letzten Meter.
Klar, das ist nichts für Veganer, aber Agavendicksaft wäre hier einfach zu flüssig. Ich jedenfalls fand diese Idee klasse und wünschte mir, auch andere Läufe würden diese Liebe zu den Läufern zeigen.
Und dann, vielleicht zwanzig Minuten später, bist Du dann drin. Am Ende geht es immer mal wieder rauf und Dich trägt noch immer der Gedanke an den Honig-Shot über die Strecke. Es gibt ein paar warme Worte des Moderators, der seine Sache sehr gut gemacht hat, sehr schnell Deinen Namen und Deine Daten präsent hat, auch wenn Du, wie ich, die Startnummer so unglücklich hängen hast, dass der “Vorgucker”, der dem Moderator schon vorab die Nummern der einlaufenden Helden mitteilt, diese nicht lesen kann.
DSC_3929Wenn Du dann schnell noch versuchst, diese Nummer nach vorne zu drehen und der Moderator tatsächlich nur wenig Zeit hat, auf der Teilnehmerliste nach Dir zu suchen, selbst dann findet er Dich, Dein Name hallt über die überfüllte Partymeile im Ziel, Deine Freunde hören, dass auch Du auf dieser Strecke unterwegs warst und dann wirst Du Dutzendfach angesprochen und immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert, der Frage, die mir auch schon die lieben und fleißigen Ultraläufer auf der Strecke gestellt haben:

“Hey Tom, was machst Du denn auf der Kurzstrecke?”

Aber Kurzstrecke laufen in der Eifel, in Land Holger Lapps, auf anspruchsvollen, aber nicht übermäßig fordernden Trails, in so viel Natur, wie es sich manche Städter gar nicht vorstellen können, das reicht dann auch, finde ich.
Nur ganz vielleicht werde ich beim nächsten Besuch dort doch auch mal den Ultra probieren, das aber nur, weil sie alle so nett sind, dort oben im Norden, im Lappland der EifelDSC_3927
Den entsprechenden Bericht auf www.laufspass.com gibt es hier …