Im Leid alleine …

WolfMein lieber großer Bruder, es sind nun 10 Tage vergangen, seit Du in den Himmel umgezogen bist. Seit 10 Tagen hast Du all Dein Leid hinter Dir gelassen, das körperliche Leid, die Krankheit, die seit 1993 Dein Leben bestimmt hat, das psychische Leid, die Ängste, die aus frühkindlichen und kindlichen Zeiten herrühren, die Sorgen, die wirtschaftliche Not und das Gefühl, alleine gelassen und nicht geliebt zu sein.
Aber Du warst nicht alleine, niemals.
Und Du wurdest immer geliebt, von allen.
Jeder, der Dein Leben begleitet hat, hat Dich geliebt.
Du warst immer in meinen Gedanken und auch in denen von vielen Anderen. Vielleicht konnten wir Dir das nie ausreichend zeigen, wahrscheinlich haben wir uns zu oft hinter Sachzwängen versteckt, jeder aus seinen eigenen Gründen. Aber nun sind uns alle Ausreden ausgegangen, Du wolltest doch immer nur geliebt werden, in den Arm genommen werden, angenommen werden …

Was nur hat Dich glauben lassen, dass es keine Gründe gäbe, zu bleiben? Welche Alternativen hätten wir bieten müssen, damit Du nicht Diesen Ausgang genommen hättest?
Ganz bestimmt hättest Du uns nicht mit so vielen Fragen zurückgelassen, wenn wir Dir früher mehr Antworten gegeben hätten. Und bestimmt hättest Du mich nicht mit meinen Erinnerungen alleine gelassen, wenn ich diese öfter mit Dir geteilt hätte.

Du warst früher mein Vorbild, mein ganzer Stolz. Deine Großzügigkeit haben jahrelang viele genossen, auch ich. Dir aber eine helfende Hand reichen, als Du am Abgrund warst, das tat kaum jemand. Auch ich nicht, zumindest nicht ausreichend.
Ich wusste einfach nicht, wie ich Dir hätte helfen können. Und ich wusste nicht, wie immens groß Dein Leidensdruck in den letzten Jahren wirklich gewesen sein muss.
Du warst immer der Sensibelste von uns Dreien, der künstlerischste, der, der die meisten Albträume hatte, aber Du warst auch der, der die meisten Lebensträume hatte. Aber Du hast es irgendwann nicht mehr geschafft, diese Träume in unsere reale Welt hinüber zu bringen. Dabei hast Du immer gesagt, dass Du alles im Griff hättest, dass es Dir wieder gut gehen würde. Heute weiß ich, dass es sich um eine lustige Maske für uns und die Welt um Dich herum gehandelt hat, dahinter aber gab es viel Leere und Traurigkeit.
Bitte verzeih mir, dass ich das nicht gesehen habe. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht sehen.
NF8L7953_SWMit Dir war es eine großartige Kindheit. Mir Dir habe ich rund 16 Jahre lang ein Zimmer geteilt, Du hast mich verteidigt, wenn ich wegen meiner Körperfülle gehänselt wurde, wenn man mich als “dicken, fetten Pfannenkuchen” bezeichnet hat, oder, wegen der hässlichen Hornbrille, als “Brillenschlange”. Mit Dir habe ich gemeinsam meine Konfirmation gefeiert, mit Dir habe ich meine erste längere Radtour unternommen, mit Fünfgang-Rädern, die wir uns damals von dem Geld der Konfirmation gekauft hatten.
Du stelltest mich immer Deinen Freunden vor und ich war jedesmal voller Bewunderung deswegen.
Vor allem, als Du mir den Inhaber eines City-Hotels in Schorndorf vorgestellt hast, der stets eine Gruppe junger Männer um sich geschart hatte. Du warst einer davon. Und ich hatte damals nicht verstanden, warum er diese Gruppe zu seinen Sauna-Parties brauchte.

Aber Du konntest Dein Leben, Deine Träume und Deine Sehnsüchte damals nicht offen leben. Du hattest sogar eine Freundin, entgegen all dem, was da in Dir geschlummert hat und Deine Zeit beim Militär als noch nicht bekennender Schwuler war für Dich schlimm, mehr als nur verlorene Monate.
Dann aber, nach Deiner Ausbildung zu einem ambitionierten jungen Spitzenkoch, gingst Du nach Berlin, um endlich frei zu sein. Frei von der Enge der häuslichen und der spießig-schwäbischen Gesellschaft und frei, Dich zu Dir und Deinem Wesen zu bekennen. Nicht jedem fiel es damals leicht, das zu verstehen und zu akzeptieren, damals, am Ende der 70er Jahre. Bei unserem Vater gingen damals die geistigen Rolläden runter, ganz auf gingen sie danach nie wieder.
Für mich aber wurde das Leben “zu Hause” um vieles einfacher und leichter. Die offenen Fragen, die Du damals dagelassen hast, haben unsere Eltern zu einem besseren Umgang mit dem letztverbliebenen Sohn, mit mir, gebracht.
Dann aber kam dort in Berlin mit der Freiheit auch der frühe Frost zu Dir, die Krankheit. Und sie, so schien mir immer, hat Dich glauben lassen, das nächste Jahrtausend nicht mehr erleben zu dürfen und Du hast Dein Leben darauf ausgerichtet. Aber mit der Zeit kamen auch die Medikamente, die Deinen Körper einigermaßen im Gleichgewicht gehalten haben. Aber eben auch nicht immer. Dein Glück war von da ab abhängig von den Blutwerten und die wurden tendenziell immer schlechter, Dein Körper wurde schwächer und schwächer und stets anfälliger für Krankheiten aller Art.
Klinik, Rehabilitation, Krisen und Glück, alles lag nah beieinander.
Aber am Ende warst Du körperlich nicht mehr in der Lage, zu arbeiten, eine wirtschaftliche Perspektive hat Dir jedoch weder die Gesellschaft geboten noch Deine Umwelt, die Freunde, die Verwandten, die Familie.
TE4Was für eine Familie auch? Du hattest über viele Jahre mit ihr gebrochen, auch mit mir, aber dann, als Du wieder Nähe wolltest und brauchtest, fandest Du nur unsere Schwester und mich.
Ich bin damals Botschafter für den Anti-AIDS-Tag geworden und das mit dem Satz: “Bruder, überlebe!”
Es hat nur zum Teil geholfen. Es war zwar nicht direkt die Krankheit, die Dich in den Himmel gebracht hat, aber all das, was da im Gefolge mit verbunden war und passierte.
Rote_Schleife_E-CardDu bist immer ein wundervoller Mensch gewesen, der dafür gesorgt hat, dass sich die Menschen um Dich herum wohl gefühlt haben. Ob Du eine Ahnung davon gehabt hast, wie sehr ich Dich geliebt habe?
Das Leben hier geht aber weiter und wir alle werden lernen müssen, mit unserem Schmerz zu leben. Und Du wirst auf uns herab sehen und uns leiten.

Und ich hoffe so sehr, dass es Dir dort oben, wo Du jetzt hingezogen bist, besser geht als in den letzten 20 Jahren in diesem Leben, Du hättest es mehr als verdient. Und uns, und mir, uns hast Du wieder offene Fragen da gelassen und vielleicht hast Du Manchem damit die Gelegenheit gegeben, im Leben wieder etwas besser zu werden und zu erkennen, dass man selbst nie das Zentrum, sondern immer nur ein Teil eines größeren Ganzen ist.
Für diese Aufgabe, der ich mich gerne stellen will, danke ich Dir.

Ich werde Dich nie wieder sehen können, ich werde nie wieder über Deine Stimm-Imitationen und Deine Schauspielerei lachen dürfen, ich werde nie wieder hören: “Hallo, hier ist das Wölfchen!” und ich werde Dich nie wieder küssen und nie wieder drücken können, aber ich werde Dich auch niemals vergessen, bis auch bei mir der letzte Vorhang fällt.
Du bist wie immer ein Stück voraus gegangen, irgendwann werde ich Dir folgen.
Und dann bist Du nicht mehr alleine in Deinem Leid.

In Liebe und in tiefer Trauer …NF8L7952_SW

Life, Liberty and the Pursuit of Happiness

Life, Liberty and the Pursuit of Happiness

Jetzt, wo ich mit einer entzündeten Achillessehne zu Hause bleiben muss, jetzt, wo ich wahrscheinlich viel zu viel zusätzliche Zeit habe, kann ich mich auch mal zurück lehnen und über mich und mein Leben nachdenken. Und dieses Leben drehte sich in den letzten Jahren immer mehr ums Laufen, um Laufevents und um die Menschen, die ich auf diesen Events wiedersehen konnte.
Fast jedes Wochenende ein Event besuchen, das hat schon etwas von dem, was man ein Suchtverhalten nennt. Oder eben Abhängigkeit.

Wikipedia über Abhängigkeit: Abhängigkeit, (umgangssprachlich Sucht), bezeichnet in der Medizin das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.

Und wenn man seine Sucht, seine Abhängigkeit, nicht mehr ausleben kann, was geschieht dann? Üblicherweise kommt dann der Entzug. Und die Entzugserscheinungen.

Wikipedia über Entzugssyndrome: Ein Entzugssyndrom sind alle körperlichen und psychischen Erscheinungen, die infolge von teilweisem oder vollständigem Entzug von psychotropen Substanzen auftreten.

Die pyschische Erscheinung, die bei mir aufgetreten ist, ist das Nachdenken. Daran kann ich erst einmal nichts Schlechtes erkennen. Und bei diesem Nachdenken erkenne ich, wie viel Zeit ich für den Laufsport verwendet habe und wie viel Zeit ich nun gewonnen habe, über wie viel zusätzliche Zeit ich nun verfügen kann.
Und ich frage mich, ob es nicht schön wäre, diese gewonnene Zeit, diese zusätzliche Zeit, dauerhaft zu haben? Wäre es eine Option für mich, auf die vielen Reisen und die damit verbundenen Kosten und die damit notwendigerweise zu verbrauchende Zeit in der Zukunft weitgehend zu verzichten?
Laufen kann ich doch auch hier in der Eifel. Und da dauert ein Fünf-Stunden-Lauf eben kaum mehr als fünf Stunden anstatt einige Stunden der Anreise, oft einer Übernachtung vor dem Lauf, gelegentlich einer Übernachtung nach dem Lauf und der zeitraubenden Rückreise, alles zuzüglich der eigentlichen Zeit des Laufs, in diesem Beispiel dieser fünf Laufstunden.

Wäre es nicht sinnvoll, die gewonnene Zeit dafür zu verwenden, endlich mal das Haus aufzuräumen, den lang geäußerten Wunsch, den Garten zu pflegen, zu befriedigen, ein schwieriges Kreuzworträtsel zu lösen oder ganz einfach eine große, flauschige Decke zu nehmen, ein paar Kilometer den Berg hinauf zu stapfen, um dort ein schönes Picknick mit der ganzen Familie und vielleicht einigen Freunden zu erleben?
Warum also nehme ich dieses Procedere eines Laufevents immer wieder und immer gerne in Kauf?
Es ist die Frage, die Du wahrscheinlich auch schon oft gestellt bekommen hast: “Warum machst Du so etwas?” Diese Frage wird oft mit der zweiten Frage kombiniert: “Hast Du kein Auto?” Und dann folgt meistens auch schon die dritte Frage, die uns Ultraläufern schon aus den Ohren quillt: “Was machen Deine Knie, Deine Bänder, Deine Gesundheit?”

Ich beantworte diese Fragen am Liebsten mit einer fast religiösen Feststellung, gefolgt von einer Gegenfrage.
“Die christiliche Kirche stellt immer die Frage nach einem Leben nach dem Tod. Ich selbst bin stets auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Gibt es ein Leben vor dem Tod?”

Gibt es ein Leben vor dem Tod? Und wenn ja, wie kann das für mich aussehen?

Ich bedauere manche Menschen, die zeitlebens nur das tun, was ihnen gesagt wird. Das beginnt schon in der Kindheit, wo wir alle nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben, aus dem Leben auszubrechen, in das wir hineingeboren wurden. Aber dann, wenn man nach der Schule, nach dem Studium oder der Ausbildung, irgendwann dort angekommen ist, wo spätestens das Leben beginnen sollte, geht oft das Befolgen von geschriebenen und, meist noch mehr, ungeschriebenen Regeln und Gesetzen weiter.
Ständig glaubt man zu wissen, was in dieser Gesellschaft “verboten” ist, was von einem erwartet wird, aber die meisten dieser vermeintlichen “Verbote” existieren nur im Kopf der Menschen. Häufig ist das, was man nicht tut, lediglich nur “nicht erlaubt”. Und nicht explizit erlaubt zu sein ist einfach kein Verbot.

Aber es sind eben diese gesellschaftlichen Normierungen, die uns zwingen, in bestimmten Situationen bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen, bestimmte Sachen anzuziehen, bestimmte Dinge zu denken und zu sagen und die uns dazu bringen, uns selbst ständig zu überprüfen, ob das, was man da gerade tut, auch dem entspricht, was die Gesellschaft von einem erwartet.

Unsere Meinungen lassen wir von den Medien bilden, unser Wissen haben wir aus dem selektierten Wissenspool, den uns die Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. Unser Leben, die Familie, die Kinder, das Haus im Grünen, das Auto mit einem gewissen Prestige, was wir essen und wo wir einkaufen, all das ist oft ein Resultat aus dem Erwartungsdruck, den vor allem Deine “peer group”, die Dir am nächsten stehenden Menschen, aufgebaut hat, real oder vermeintlich.

Und auch die Freizeitgestaltung gehört in diese Kategorie. Ist man da wirklich frei in der Wahl dessen, was man tut? Grillen am sonnigen Samstagnachmittag, Fußball ansehen in der Gemeinschaft der Straßenanwohner, der Theater- oder Kinobesuch, streng nach den Empfehlungen der “peer group”, der Netzwerke und der Werbung.
Die Bücher und die Zeitungen, die wir lesen, sind vorausgewählt, es gibt die Pflichtbesuche bei den mehr oder weniger nahen Verwandten, vor denen wir uns so gerne drücken würden und wir verlieren uns im Multiple Choice Verfahren über unnützes Wissen in unserem kleinen Traum, irgendwann selbst einmal auf dem “Wer wird Millionär”-Stuhl zu sitzen.WeThePeople

“Ich möchte etwas vollkommen Unnützes tun, das Sinn macht!”

Alles, was wir tun, hat seinen Nutzen. Für uns oder für die Gesellschaft, idealerweise aber für beide. Aber macht es auch Sinn? Als Jugendlicher habe ich einmal den Satz eines Theater-Schauspielers gehört, der mich seither geprägt hat. Er sagte: “Ich möchte mal etwas vollkommen Unnützes tun, das Sinn macht!”

Da ist sie, die vielleicht wichtigste Frage im Leben, die Frage nach dem Sinn des Lebens. Zutiefst philospophisch beantwortet fast jeder diese Frage nach dem Sinn des Lebens anders.
Für den Einen ist der Sinn des Lebens das neueste Computerspiel, das ihn nächtelang an den Computer bindet, für den Anderen die Rettung der Welt vor der vermeintlichen Schlechtigkeit der Menschen.
Wieder andere finden den Sinn ihres Lebens darin, Armen, Kranken, Kindern oder alten Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.
Und ich finde meinen Sinn im Leben eben im Laufen. Aber nicht im Laufen allein, sondern im Laufen in Gruppen. Fast mehr als die schönen Strecken in den Bergen oder den Tartan-Bahnen dieser Welt freue ich mich immer wieder aufs Neue darauf, die anderen Läufer der großen Läufer-Familie wiederzusehen. Kaum etwas gibt mir mehr Zufriedenheit wie die Erkenntnis, Teil dieser Familie zu sein und in dieser Familie Freunde zu haben.

Und beim Laufen selbst ordne ich immer wieder meine Gedanken neu. Viele der wenigen guten Ideen, die ich in den letzten Jahren hatte, entstammen dem “Flow” beim Laufen. In diesem Zustand des “Flow” führe ich oft lange Zwiegespräche im Kopf. Da wird verhandelt, verneint, vermittelt und argumentiert. Und irgendwann gibt es in diesen Zwiegesprächen auch ein Ergebnis, eine Handlungsaufforderung. Oft vergesse ich die nach den Laufen, manchmal aber nicht. Und manches Mal fällt sie mir irgendwann wieder ein. Dann bin ich oft verwundert, warum ich auf diese Handlungsaufforderung nicht beim Nachmittagstee kommen konnte.

Leben, das ist für mich dieser Zustand, im “hier und jetzt” zu sein und keine Gedanken an die Arbeit, an die Familie, an die Kinder, an die “To Do-Liste” und an die Sorgen und Nöte zu verlieren, die mich sonst immer begleiten.
Einfach laufen und frei sein. Die Atmung hat die oberste Priorität und wenn in der Zeit des Laufens die Welt einstürzt, dann soll sie das tun. Nach dem Lauf ist immer noch genug Zeit, das wieder zu reparieren.
Aber es ist selten so schlimm, denn Du stellst schnell fest, dass die meisten der Befürchtungen, dass die Welt genau jetzt einstürzen würde, übereilt und übertrieben waren.
Dale Carnegie empfiehlt ja stets, alle Probleme aus einem Blickwinkel zu betrachten, aus dem man diese Probleme in zwei Jahren betrachten würde.
Und, ganz ehrlich: welches Problem wurde, im zeitlichen Abstand von zwei Jahren betrachtet, nicht viel, viel kleiner, oft lächerlich klein?

Freiheit erleben …

Frei sein im Laufen, frei sein im Denken, was für ein Hochgefühl ist das. In einer Zeit, in der unsere persönliche Freiheit vom Staat sukzessive beschnitten wird, ist es gut, eine Insel zu finden und zu haben, in der Du Freiheit tatsächlich noch spüren kannst.

Die Freiheit sollte ja eine der Säulen unserer Gesellschaft sein, zumindest ist sie das der Verfassung nach. Aber sind wir denn wirklich so frei, wie wir uns gerne darstellen?
Wie reagiert die Gesellschaft, wenn Einzelne aus der “political correctness” ausbrechen und Dinge artikulieren, die man besser nicht sagt? Wenn Einzelne sich kleiden oder verhalten wie man das besser nicht tut?
Die Freiheit erreicht eben unter Umständen sehr schnell Grenzen, die oft gar nicht gesehen werden. Aber man läuft gegen Wände, da findet man Türen zugeschlagen, Ohren geschlossen und Augen zugekniffen.
Journalisten mit Rückgrat kennen das zur Genüge.
Zwar gibt es viele, die sich nicht verbiegen lassen, die sich nicht einlullen lassen von den Segnungen der Wohlstandsgesellschaft, Journalisten, die immer das schreiben, was sie denken. Aber wo können sie das noch tun?

Der von mir so verehrte Reinhard Mey singt in “Seid wachsam” zum Thema Freiheit:

Pass auf, dass du deine Freiheit nutzt, die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!

Also nutzen wir Läufer diese Freiheit zumindest in der Zeit, in der wir Laufen. Zwar folgen wir da auch gewissen Regeln, insbesondere bei den Laufevents, aber wir müssen das nicht tun. Wenn wir bereit sind, den Preis, die Disqualifikation, ein DNS oder ein DNF zu bezahlen, können wir auch nach eigenen Regeln über die Laufstrecken dieser Welt rennen.

Und dann gibt es Läufer in unserer Familie, die von vornherein sagen, dass sie auf die Annehmlichkeiten der Verpflegungspunkte und der markierten Routen verzichten und in ihrer kleinen Welt rund um das eigene Gärtchen oder in der großen Welt auf anderen Kontinenten, selbst festgelegte Routen und Etappen laufen, wenn nötig sogar mit einem Babyjogger, den der Läufer hinter sich her zieht.
So erlebt man Freiheit in einer ganz seltenen Intensität. Nur wenigen Menschen auf der Welt ist das vergönnt, leider. Frei sein und unabhängig. Das Streben nach Glück in seiner Perfektion.
1776

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1776 …

Die Amerikaner haben 1776 in ihrer Unabhängigkeitserklärung einige wichtige gedankliche Pfeiler in die Gedanken der Menschheit gerammt, “the persuit of happiness”, das Streben nach Glück, war einer davon.
Für diese gedanklichen Pfeiler sind Freiheitskriege geführt worden, Kriege, die uns Nachgeborenen auch in eine Verantwortung nehmen, in die Verantwortung, dieses Streben nach Glück nicht zu vernachlässigen. Es ist unsere Aufgabe, frei zu sein und nach persönlichem Glück zu streben, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Aber wie erfüllen denn die Erfinder des “persuit of happiness”, die Amerikaner, diese Aufgabe?
Nicht allzu gut, finde ich. Die Amerikaner sind bei weitem nicht so glücklich oder so frei, wie sie es gerne postulieren, ganz im Gegenteil.
War ich früher immer der Ansicht, dass es auf dieser Welt kaum etwas Schlimmeres geben könne als eine Eigentümerversammlung in einer deutschen Wohnanlage mit vielen Eigentumswohnungen, wurde ich in den fünf Jahren, in denen wir Eigentümer einer “attached villa”, einer Doppelhaushälfte in einer amerikanischen Community in Naples/Florida waren, eines Besseren belehrt.
Ein einziges Mal nahmen wir am Treffen des “board” teil, danach trauten wir uns dort nie wieder hin.

Warum nicht? Einige Beispiele:
Bis zu diesem Treffen durften mit Werbung beklebte Autos ausschließlich vor dem Haus auf der Straße und keinesfalls in den Garagen geparkt werden, nach dieser Versammlung war es genau umgekehrt.
Flaggen am Haus waren nur zulässig, wenn es sich um die Flaggen der USA oder Floridas handelte, Flaggen beispielsweise eines Basketball-Vereins oder eines anderen Landes waren fast schon ein Anschlag auf das ästhetische Gefühl der Community-Bewohner.
Und das Aufstellen der Mülleimer am Straßenrand durfte am Müll-Abholtag keinesfalls vor 10 Uhr stattfinden und die geleerten Mülleimer mussten spätestens um vier Uhr am Nachmittag wieder in den Garagen verschwunden sein. Was treibt Menschen, anderen Menschen solche Dinge vorzuschreiben?
Dafür aber war es still in der Community. Hundegebell gab es nicht.
Was erst einmal entspannt klingt, ist bei näherem Hinsehen ein richtiger Frevel. Bei den Hunden der Community war es die Pflicht der Hundebesitzer, den Tieren die Stimmbänder durchtrennen zu lassen, damit Ruhe herrscht bei den Nachbarn. Sich dagegen zu wehren wäre genauso sinnlos gewesen wie gegen andere Anordnungen des “boards” anzukämpfen. Wenn man also ein Schreiben bekommt, in dem man aufgefordert wird, das Hausdach vom Moos zu befreien, dann tut man das, auch wenn man anderer Ansicht ist.
In diesen Communities, der uramerikanischen Form des Zusammenlebens, gibt es meist so viele und so detaillierte Regelungen, dass sie, als Akte zusammengefasst, Lesestoff für Wochen bieten.
Sicher ist, dass das große weite Land hinter der Freiheitsstatue alles andere als frei ist.

Aber wenn man schon nicht frei ist, ist man dann wenigstens glücklich?

Die meisten Amerikaner sind vor allem eines: stolz auf ihr Land. Und diesen Stolz haben sie sich redlich erarbeitet. In der Schule lernen die Kinder früh die einzelnen Bundesstaaten und deren Hauptstädte auswendig, die Staaten dieser Welt sind dabei außerordentlich unwichtig, zumindest wenn sie in Europa, Asien oder in Afrika liegen.
An jedem “Geburtstag Amerikas”, an jedem 4. Juli, gehen die Hände der Amerikaner automatisch ans Herz, weil stets einige Veteranen der vielen US-amerikanischen Kriege an den feiernden Massen vorbei geschleust werden.
Zuletzt bewirkt der ständige Hinweis auf die kollektive Gefahr, Opfer eines fremdländischen Angriffs zu werden, eine Fokussierung auf den “äußeren Feind” und man übersieht dabei gerne, dass es ja oft das Verhalten der amerikanischen Eliten ist, dass zu der Wut vieler Menschen auf diesem Planeten geführt hat.
LLPFür persönliches Glück aber ist bei den meisten Menschen kein Platz und keine Zeit. Der Großbild-Fernseher mit den eingespielten Lachern im Fernsehprogramm, das gelegentlich die Werbung unterbricht, kann kein Glück verschaffen, die meistens nur 8 bis 10 Tage Urlaub, meist erst ab dem zweiten oder dritten Beschäftigungsjahr, reichen für die Schaffung eines Glückszustands auch selten aus.
Vom Glauben versprechen sich 32 Prozent der US-Amerikaner ihr Glück, das ist der höchste Wert bei den Punkten, die eine Umfrage der Monatszeitschrift Reader’s Digest in zehn Ländern Europas und Amerikas bei immerhin 6.800 Befragten ergeben hat. Aber gibt es Glück in etwas, was man nicht selbst tut?

Studien sagen, dass man dann am glücklichsten wird, wenn man das tut, wozu man mit allen Facetten seiner Persönlichkeit, mit seinem ganzen Wesen steht. Wir sollen uns nicht irgendeiner beliebigen, geforderten oder erwarteten Aufgabe hingeben und auf irgendeine Weise “damit klarkommen”, sondern wir sollen das anstreben, was uns am meisten gilt. Soweit zur Theorie.

Dies berücksichtigt, wird für mich eines klar. Ich stehe für das Laufen, das ist es, was mir “am meisten gilt”. Als Läufer gibt es für mich persönliches Glück. Und dieses Glück zeigt sich mir in mannigfaltiger Weise.

Das Glück beginnt dabei schon, wenn ich auf Facebook erlebe, was die anderen Läufer der Familie tun oder erlebt haben. Dabei eingebunden zu sein ist für mich Glück. Dort zu kommunizieren macht mich glücklich. Die Fotos, die ich in diesem sozialen Netzwerk betrachten kann, lassen mich nach einem Event ein wenig teilhaben an dem, was ich nicht selbst erleben konnte.

Und beim Laufen selbst ist es für mich das Größte, durch eine lange und dunkle Nacht gelaufen zu sein und dann den perfekten Sonnenaufgang zu erleben, zu merken, wie es Minute um Minute heller, schöner und wärmer wird. Jemand, der diese Tageszeit stets nur im Bett verbringt, weiß nichts von diesem täglich neuen Wunder.
Oder nach einem harten und langen Aufstieg auf einem Berggipfel zu stehen und in die Täler hinab zu sehen, Täler, die oft noch im Dunklen liegen, während die Sonnenstrahlen schon die Bergspitzen erleuchten, was kann mehr Glück bewirken?

Das Streben nach persönlichem Glück ist also das, was mich als Läufer süchtig macht und das Fehlen dieser Glücksmomente ist die andere pyschische Erscheinung, die mir die aktuelle Verletzung bringt.
Und dieses Fehlen von Glück würde mich auf Dauer nachhaltig verändern und deshalb kann es für mich keine Option sein, nach der Verletzung anders zu leben als zuvor.
Ich werde also weiterhin Event auf Event besuchen, Land für Land bereisen, um immer wieder Dich und andere Läufer zu treffen und um auch weiterhin Teil der großen Läufer-Familie zu sein.
Und auch, um immer wieder eine Episode einer Geschichte zu erleben, die es wert ist, erzählt zu werden.
Denn auch das Erzählen von Geschichten macht mich glücklich.

Laufen in Lappland

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(Klicken zum Vergrößern …)

Lappland ist der Landesteil von Skandinavien, der nördlich des Polarkreises liegt, dachte ich immer. Lappland ist das Land der Rentiere, dachte ich und da gibt es auch die Lemminge, den Vielfraß und die Elche.
Und nicht zuletzt ist Lappland sehr dünn besiedelt, extrem dünn besiedelt sogar.
Dachte ich. Bis gestern.
Gestern war ich also in Lappland laufen.
“Laufen in Lappland”, so sagte Daniel Heideck vor der Veranstaltung.

Aber dieses Lappland liegt nun mal doch weniger weit nördlich wie gedacht, eher auf den Eifelhöhen eine Biel-Lauflänge von meinem Heim entfernr.
Und statt Rentieren sah ich ungeheuer viele Renntiere, die wie Lemminge hintereinander her liefen. Ich war einer dieser Lemminge. Und ich war es gerne.
DSC_3922Aber dünn besiedelt ist diese Gegend auf den Eifelhöhen auch, wenngleich nicht ganz so dünn wie das Lappland im Norden Europas, wo ja nur rund 2 Einwohner auf jeden Quadratkilometer kargen Landes kommen.
Lappland in der Eifel ist also das Lauf- und Lebensgebiet von Holger Lapp, “Asics Frontrunner” und Held von “Trailrunning Eifel” und dem Blog www.trampelpfadlauf.de.
Ach so, Daniel, dachte ich und verstand, warum Lappland so weit nach Süden verschoben scheint.
Und weil Holger Lapp und die Seinen im Gebiet rund um Monschau jeden Stein auf den Trails beim Vornamen kennen, weil sie dort zuhause sind, wo die Strecke des Monschau-Marathons zu finden ist und weil Holger Lapp und die Seinen gleichsam schnell und eifeltrailerfahren sind, waren sie alle schneller als ich, Daniel Heideck inklusive.

Aber das war ja klar. Ich wollte ja gemütlich ein paar finale Kilometer vor dem SwissIronTrail in die Beine bekommen und das gelang mir auch einigermaßen, zumindest bis zum Halbmarathon-Punkt. 2:16 Stunden für die erste Hälfte des “MM”, des Monschau Marathons, fast exakt 6:30 Minuten für jeden der durchaus anspruchsvollen Kilometer runter und meist rauf auf die Hügel der Eifel.
DSC_3946Aber dann war es das mit der Gemütlichkeit, mit der Kontrolle und ich wurde schneller. Erst nur, weil ich dachte, dass zwei Mal 2:16 Minuten doof sind und ich gerne unter der Marke von 4:30 Stunden für den Marathon bliebe. Also musste die zweite Hälfte schneller sein als die erste.
Dann aber auch, weil ich sehen wollte, ob ich überhaupt noch laufen kann nach dem vielen Speedhiken in England, Andorra und in Kirgistan.
DSC_3921Und wenn Du, wie ich am Sonntag, weit hinten startest, dann wird so ein Marathon besonders interessant. Du hast ständig neue Läuferkollegen! Das ist wirklich richtig interessant.
Bei manchen Läufen hast Du vom Start bis zum Ziel die gleichen Leute um Dich herum. Das ist das Zeichen, dass Du Dich im Pulk richtig eingeordnet hast. Die Schnellen sind vorne und entfernen sich immer mehr von Dir und die Langsamen sind hinten und auch die entfernen sich immer mehr von Dir, wenngleich das in die andere Richtung geschieht.
Den ganz eifrigen Läufern, denen, die sich mutig und frech vorne bei den Cracks einordnen, geht es dabei oft so, dass sie ständig nach hinten durchgereicht werden. Auch die laufen immer mit neuen Kollegen um sie herum.
Und ich startete nun wirklich weit hinten und arbeitete mich sukzessive nach vorne. Und der Umstand, ständig auf neue Läufer aufzulaufen, motivierte mich derart, dass ich in der zweiten Hälfte des Rennens keinesfalls wieder eben gewonnene Plätze verlieren wollte.
DSC_3958Dazu kam, dass Du auch regulär die Vielzahl der Walker, die schon bis zu zwei Stunden vor den Marathonis gestartet waren, überholst. Und Du überholst auch noch einen Gutteil der Ultra-Marathonis, die mit einem Vorsprung von 1:55 Stunden zuerst die 14 Kilometer-Schleife liefen, um dann auf die Marathonstrecke einzubiegen. Die meisten Ultras hatten dann noch rund 15 Minuten Vorsprung auf die Marathonläufer. Und die waren dann irgendwann auch weg.

Und so kam ich dazu, regelmäßig zu grüßen, zu drücken und zu herzen. Ob es der typische Laufstil eines Bernd Rohrmanns war oder die schöne bunte Welt eine Bettina Mecking, es war einfach schön, auf diesem wunderschönen Lauf sich nicht alleine zu fühlen.
Schon vor dem Start waren da einige, die ich schon lange nicht mehr auf den Laufstrecken dieser Welt gesehen hatte. Willi Mütze mit seinen niederländischen Freunden, Helmut Hardy und andere Aachener Läufer.
Und ich traf auch mal wieder Daniel Heideck, mit dem ich gerade in diesem Jahr recht viel Gemeinsames hatte und ich traf eben auch Holger Lapp und seine Freunde.
DSC_3951Die Strecke des Monschau-Marathons ist schnell beschrieben. Da gibt es die historische Altstadt von Monschau, die ist so schön, so romantisch, die müsste unbedingt erfunden werden, wenn es sie noch nicht gäbe. Und durch diese schöne Stadt geht der Weg durch, vorbei an der historischen Senfmühle (Senf aus Monschau ist so berühmt wie die Stadt Monschau) und an anderen historischen und liebevoll restaurierten Gebäuden.

Der Rest der Strecke ist die Landschaft der Eifel pur. Hügel rauf, Hügel runter, grüne Landschaft, so weit das Auge blickt. Nichts für Bestzeitenjäger, aber auch kein Hardcore-Lauf und meine 4 Stunden und 18 Minuten für den Marathon erzählen genau davon. In der flachen City wären es vielleicht 3 Stunden 45 Minuten gewesen, in den Bergen hätte ich wohl eine deutliche Weile mehr gebraucht.
DSC_3928Eines aber fällt jedem auf, wenn man in Monschau läuft. Es ist ein Lauf von Leuten, die das Laufen lieben, von Leuten, die die Läufer lieben.
Und diese Liebe geht bis ins Detail.
Der Monschau-Marathon findet mitten im deutschen Sommer statt. Und oft ist es dort heiß, manchmal brüllend heiß. Und deshalb gibt es alle 3,5 Kilometer zumindest etwas zu trinken, meist sogar noch etwas zwischen die Zähne. Es ist leicht, von diesem Marathon schwerer nach Hause zu kommen wie man vor dem Marathon war, weil es eben so viele Verpflegungspunkte gibt, an denen man die verbrauchten Kalorien mehr als vielfach wieder ausgleichen kann. Lappland – Vielfraß, da war doch was …
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Und dennoch gab es neben den guten Leckereien auch zwei Sachen, die mich wirklich beeindruckt haben. Ich lamentiere ja gerne darüber, dass es selten Salz und noch seltener Salztabletten gibt. Selbst bei harten Ultraläufen vermisse ich dieses Wundermittel häufig und deshalb habe ich meine Tablettchen eigentlich immer dabei.
In Monschau wäre das nicht notwendig gewesen, endlich ein Lauf, bei dem man an diese wichtige Kleinigkeit gedacht hat.
DSC_3959Und ganz am Ende, am letzten Verpflegungspunkt, rund 3,5 Kilometer vor dem Ende, da reicht Dir dann jemand einen kleinen Plastiklöffel, an dem ein Batzen Honig hängt. Als “natural shot” für die letzten Meter.
Klar, das ist nichts für Veganer, aber Agavendicksaft wäre hier einfach zu flüssig. Ich jedenfalls fand diese Idee klasse und wünschte mir, auch andere Läufe würden diese Liebe zu den Läufern zeigen.
Und dann, vielleicht zwanzig Minuten später, bist Du dann drin. Am Ende geht es immer mal wieder rauf und Dich trägt noch immer der Gedanke an den Honig-Shot über die Strecke. Es gibt ein paar warme Worte des Moderators, der seine Sache sehr gut gemacht hat, sehr schnell Deinen Namen und Deine Daten präsent hat, auch wenn Du, wie ich, die Startnummer so unglücklich hängen hast, dass der “Vorgucker”, der dem Moderator schon vorab die Nummern der einlaufenden Helden mitteilt, diese nicht lesen kann.
DSC_3929Wenn Du dann schnell noch versuchst, diese Nummer nach vorne zu drehen und der Moderator tatsächlich nur wenig Zeit hat, auf der Teilnehmerliste nach Dir zu suchen, selbst dann findet er Dich, Dein Name hallt über die überfüllte Partymeile im Ziel, Deine Freunde hören, dass auch Du auf dieser Strecke unterwegs warst und dann wirst Du Dutzendfach angesprochen und immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert, der Frage, die mir auch schon die lieben und fleißigen Ultraläufer auf der Strecke gestellt haben:

“Hey Tom, was machst Du denn auf der Kurzstrecke?”

Aber Kurzstrecke laufen in der Eifel, in Land Holger Lapps, auf anspruchsvollen, aber nicht übermäßig fordernden Trails, in so viel Natur, wie es sich manche Städter gar nicht vorstellen können, das reicht dann auch, finde ich.
Nur ganz vielleicht werde ich beim nächsten Besuch dort doch auch mal den Ultra probieren, das aber nur, weil sie alle so nett sind, dort oben im Norden, im Lappland der EifelDSC_3927
Den entsprechenden Bericht auf www.laufspass.com gibt es hier …

Osh, Kyrgystan (Kirgistan)

DSC_3810Heiß ist es in Osh, vermutlich noch heißer als in Deutschland. Und vermutlich ist es dennoch im Winter kälter als bei uns. Kontinentales Klima halt, weit und breit kein Meer, das die Temperaturunterschiede begrenzen könnte. Osh liegt eben schon weit in Asien, direkt an Russland klebend.

Schön ist es nicht in Osh, vermutlich würde ich, wenn ich hier ein Jahr bleiben müsste, mindestens depressiv werden. Das “System UdSSR”, die bürgerkriegsähnlichen Konflikte vor einigen Jahren, die schwache Wirtschaftskraft, hier versucht jeder nur, zu überleben.
DSC_3815So viele Bettler, vor allem alte Frauen und alte Männer, habe ich noch nie in einer Stadt gesehen. Aber die, die davon nicht betroffen sind, zweifellos die überwiegende Mehrheit, sind stolz. Auf sich, auf Kyrgystan.

Junge Männer tragen gerne ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Kyrgystan” und dem nationalen Grafiksymbol dazu. Oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Russia”.
Davon ist man nicht weit entfernt, nicht nur wegen der gemeinsamen Grenze, die zufälligerweise auf dem Grat zwischen Basecamp 3 und dem Gipfel des Pik Lenin verläuft, sondern auch, weil die vielen Jahre im kommunistischen System der UdSSR, später der GUS-Staaten, tiefe Spuren hinterlassen haben.

Ältere Männer tragen oft einen ganz besonderen,  einen typisch kirgiesischen Hut, traditionell, hoch, mit einem Schlitz vorne in der Krempe und mit einem Text, den ich nicht lesen konnte. Dieser Hut wurde oft mit einer Weste kombiniert, die mich an Zimmermannsleute erinnerte.
DSC_3858Über die Stadt verteilt sieht man viele Statuen in kleinen Parks, selten aber sind diese Statuen ohne Macken und noch seltener ist der dazu gehörige Park gepflegt. Vertrocknetes Gras, herumliegender Müll, vieles wirkt trostlos, nicht nur in diesen Parks. Lampen sind oft zerschlagen und ohne Funktion, Springbrunnen funktionieren selten und die Fahrgeschäfte auf dem dauerhaften Jahrmarkt, einem Abklatsch des Wiener Praters, sind uralt und weisen ebenfalls oft erhebliche Macken auf. Und dennoch ziehen sie die Familien mit kleinen Kindern magisch an, die Kinder, die für den Gang auf den Rummel ganz besonders schön angezogen daher kommen. Mutti gibt sich immer dann besondere Mühe, wenn es auf den Jahrmarkt geht.
DSC_3812 DSC_3854 DSC_3865 DSC_3883 DSC_3895Staubig ist die Stadt, überall spürst und siehst Du den Dreck der Stadt, verursacht durch die Autoabgase der vielen, meist sehr alten Autos und durch das Aufwirbeln des Drecks, der sich eben überall befindet. Selbst nahe dem Stadtzentrum ist bei weitem nicht jede Straße geteert und durch das Befahren dieser Dreckstraßen wird die Luft der Stadt zusätzlich belastet.
DSC_3877 DSC_3896Chaotisch ist die Stadt und die Ampelschaltungen sind oft unglaublich, das haben die Fußgänger oft genauso “grün” wie die Autofahrer. Es wäre also naiv, bei “grün” einfach und blind über die Straße zu gehen. Vielleicht macht sich deshalb keiner die Mühe, bei einer Straßenüberquerung bis zur Fußgängerampel zu marschieren, man versucht es genau da, wo man ist, erst einmal bis in die Straßenmitte und dann, im zweiten Teil, ganz rüber. Angst hatte ich dabei oft, meist habe ich mich an Frauen mit kleinen Kindern orientiert.
Dennoch habe ich einige Straßenüberquerungen überlebt, weil hier jeder auf jeden aufpasst, zum Glück. Einen Verkehrsunfall habe ich nicht gesehen, obwohl vieles oft eng aussah und aufgeregt mit intensivem Hupen begleitet wurde. Die Hupe ist halt in vielen Ländern der beste Freund des Autofahrers, auch hier in Osh.

Dicke Menschen habe ich nicht gesehen, doch, einen Mann, aber der war die absolute Ausnahme. Es gibt zwar einige Männer und wenige Frauen mit einem mehr oder weniger großen “Bäuchlein”, die meisten Menschen aber sind schlank. Und gutaussehend sind sie, vor allem die Frauen.
Moderne Frauen, die gerne “bunt” tragen und sich ihrer Wirkung bewusst sind. Traditionelle Frauen, die sich mit Kopftuch oder Burka mehr oder weniger verhüllen. Eine Frau hatte sogar den Sehschlitz mit einem undurchsichtigen schwarzen Netz verschlossen.
Bemerkenswert fand ich vor allem einen der vielen Behinderten der Stadt. Etwa Mitte 20 Jahre alt, beide Beine oberhalb der Knie amputiert, Prothesen gab es nicht, dafür aber etwa 10, 15 cm dicke Schaumstoffpolster als Laufflächen, Beine und Polster mit Stoffbändern umwickelt, damit das Ganze hält.
Einen kleinen Spazierstock hatte er in der rechten Hand, den brauchte er zum kontrollierten Gehen auf den verbliebenen Beinstümpfen. In der linken Hand hielt er ein Speiseeis, an dem er regelmäßig leckte. Dabei sah er sehr glücklich aus, er lächelte und war mit sich und seiner Situation zumindest in diesem Moment offensichtlich im Reinen.

Groß sind sie nicht in Osh, vor allem nicht die Frauen. Die kleinen Kinder macht man fast durchweg hübsch und steckt sie in farbenfrohe Sachen. Und der kleinen Kinder gibt es mehr als genug. Und so viele hochschwangere Frauen wie an den gut zwei Tagen in Osh habe ich auch noch nie gesehen.
Und interessiert sind sie, die Bürger von Osh. Weil ich in der Stadt stets mit meinem Namibia-Hut unterwegs war, hielt mich jeder für einen Amerikaner und die wenigen, die der englischen Sprache einigermaßen Herr waren, sprachen mich an. Ob ich Amerikaner sei, Tourist und wie ich Osh finden würde.
“Interessant” war da immer meine Standard-Antwort.
Ob man wusste, was ich damit meine? Der Glanz in den Augen und die Freude im Gesicht der Fragenden sprachen dagegen.
DSC_3819 DSC_3876 DSC_3884“Interessant” – und da denke ich wieder an den Film “Ungeküsst”, in dem Drew Barrymoore, die die Hauptrolle dort inne hatte, erst mit Anfang 20 bemerkt hat, dass in den Vereinigten Staaten “special people” kein Kompliment, kein Lob ist. Bis dahin hielt sie sich für etwas Besonderes …

Viele goldene Zähne habe ich gesehen, ungeheuer viele. Meist waren es die Schneidezähne und meist waren diese nicht einzeln ausgebildet, sondern, nur mit einer kleinen Rille versehen, aus einem Stück gefertigt und eingesetzt. Gerne hätte ich die Geschichten erfahren,  die zu so vielen fehlenden Schneidezähnen geführt haben, vor allem auch deshalb, weil auch viele junge Menschen davon betroffen sind.

imageDSC_3860 DSC_3861Kleine Stände auf den Straßen, gewissermaßen “Ich-AGs”, gab es zu Hauf, meist von Frauen betrieben, meist aber auch leer. Ich dachte an Aremorica in einem Asterix-Heft, wo jeder Einwohner des Dorfes Wein und Kohlen verkauft hat. Mangels Kunden setzt man sich zusammen und quatscht. Über bessere Zeiten. Statt des sich zusammen setzens gibt es heutzutage das Handy. Und so telefonieren die “Ich-AGler” fast ständig. Überhaupt hat man das Gefühl, dass da telefoniert wird bis zum Umfallen, das Handy als Statussymbol immer und ständig am Ohr.
Meist wurden an den kleinen Ständen Lottoscheine verkauft oder zwei Sorten Eistee aus großen Fässern oder es wurden Pfirsiche angeboten, oft aber derart angeschlagen, dass ich sie aus unserem Obstkorb entfernt hätte, oder eben Melonen.
Kirgisistan scheint eine Melonen-Oase zu sein, überall siehst Du sie, sogar aufgeschnitten als Dessert im Basecamp 2 des Pik Lenin auf 4.400 Metern. Davon habe ich in den letzten Tagen mehr als genug zu mir genommen, lecker, viel Flüssigkeit, guter Geschmack.

Nicht zu mir genommen – und das nicht nur, weil ich bekanntlich vegetarisch lebe – habe ich die auf offener Straße auf einfachsten Eisengestellen gebratenen Fleischspieße. Da gab er keinen nennenswerten Abstand zwischen der Holzkohle und dem Grillgut, zudem habe ich Fleisch oft ungekühlt bei den Händlern hängen oder schon auf den Spießen für den Tag vorbereitet bei den Straßengrillern liegen gesehen, kein wirklicher Spaß bei mindestens 30 Grad im Schatten.
DSC_3849 DSC_3850 DSC_3881 DSC_3891Überhaupt, das Essen, vor allem das vegetarische …
Hunger hatte ich ja schon, aber keine Ahnung von einer kyrillischen Karte. Und weil niemand Englisch spricht und weil die Einkaufsläden zwar immer eine große Auswahl an Spirituosen, aber nie essfertige Salate hatten, bestand mein erstes Abendessen in Osh, ganz alleine, aus einer sehr kleinen Tüte Chips, vier Schokokeksen und einem Snickers, alles zu mir genommen in meinem Hotelzimmer.

Einen Tag später traf ich dann in einem Einkaufsladen, ich will das wirklich nicht “Supermarkt” nennen, eine junge Lady, eine von denen, die mich auf Englisch ansprach und die eben mal alles von mir wissen wollten. Sie arbeitete in einem Café gleich um die Ecke, sagte sie.
“Das ist meine Chance”, dachte ich und war dann zum Mittagessen bei ihr. Schlechtes Englisch ist viel besser als gar kein Englisch!
Am Nachbartisch saß eine ältere Dame, eine Englischlehrerin, wie sie mir später sagte. Die Ansprüche sind da wohl nicht allzu hoch. Sie versuchte zu übersetzen, weil bei der jungen Bedienung nach “Where do you come from?” und ähnliches Standards nicht mehr viele Vokabeln vorhanden waren. Ganz zum Schluss lernte ich jedoch, dass auch die Englischlehrerin neben einer merkwürdigen Aussprache auch ein merkwürdiges englisches Vokabular hatte, so wünschte sie mir, nachdem sie ihre Rechnung bezahlt hatte, auf dem Weg nach draußen “good appetit” statt des gebräuchlichen “Enjoy your meal”.

Ich wollte also eine Gemüsesuppe, vielleicht mit Reis oder Nudeln darin, japanischer Stil vielleicht, auf jeden Fall alles vegetarisch, alles, bloß kein Fleisch. Nein, auch kein Hühnchen. Dazu einen vegetarischen Salat. Auf eine Art frittierter Kartoffel-Ecken zeigend sagte ich, dass die auch OK wären.

Ich bekam eine Hühnersupoe ohne Huhn, aber auch ohne Gemüse, Reis oder Nudeln, dafür mit den typischen Fettaugen auf der Oberfläche (Wie lange habe ich die nicht mehr fesehen?) und mit weißen, in der Flüssigkeit wabernden Fettkügelchen, die drohend darin herum schwammen, also wirklich so gar nichts für mich.
Der Salat war aber ordentlich, leider mit einer Joghurtsauce, mit Dill versetzt, immerhin genießbar und die Kartoffelecken aß ich auch zur Hälfte.
Am Abend aß ich dann aber lieber gar nichts mehr.
DSC_3829 DSC_3831 DSC_3833 DSC_3834 DSC_3835Und heute, am dritten Tag, sitze ich mit vier Russen vor dem Flughafen und wir warten darauf, dass es Mitternacht und noch ein wenig später wird. Mein Flug startet um 5.30 Uhr, ich sollte um 3.30 Uhr dort sein (sicher ist sicher), mit der Fahrt zum Flughafen hätte das ein Aufstehen zwischen 2 Uhr und 2.30 Uhr bedeutet – also kein Hotelzimmer, die Nächte sind warm und die Bänke vor dem Terminal sind groß.
Und mit den Russen habe ich vereinbart,  dass wir gegenseitig auf uns und unser Gepäck aufpassen.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich am liebsten von überall, wo ich bisher in Asien war, nie wieder zurückgekehrt wäre.
Hier in Osh aber zähle ich die Stunden, die mich erlösen, die Stunden, bis ich in den Flieger nach Istanbul einsteigen darf.

Und wenn wir dann abheben, dann werden mir nur die Worte in den Sinn kommen: “Heim, heim, heim …”DSC_3901 DSC_3907


Nachtrag: Der Shop im Terminal ist schon geschlossen, aber einer der Russen sagte mir, dass gleich um die Ecke ein kleiner Laden wäre. Ich ging in die gezeigte Richtung und stellte fest, es waren sogar Dutzende kleiner, einfacher Läden, immer nebeneinander, alle mit nahezu dem gleichen Angebot, viele Sweeties dabei, aber kein Salat.
Ich bin in einen Laden nach dem nächsten gegangen, ohne etwas zu finden, was ich wollte, bis mich nach vielleicht sechs Läden ein Kirgiese auf Englisch (!) fragte, was ich denn haben wolle.
“Einen Salat”, antwortete ich, “Karotten oder ähnliches”.
Und dann führte er mich zu fünf seiner Kumpels, die gerade beim Essen waren, unter anderem: Salat. Eine Art Sauerkraut-Salat mit Rindfleisch-Stückchen in der einen Schüssel und, etwas für mich, ein leckerer Weißkohlsalat in einer anderen Schüssel. Dazu bekam ich eine Art Brot, eine köstliche lokale Spezialität, kleine, in Fett ausgebackene Rauten und später gab es noch ein mit kleinen Kartoffelstückchen gefülltes Teigtäschchen und eine Cola.
Vier der sechs Jungs sprachen ein akzeptables Englisch und wenn einem mal eine Vokabel gefehlt hatte, dann hat er im Kreis nachgefragt, meist hat es dann geklappt. Oder man hat es irgenwie beschrieben, das, worüber man reden wollte.

Und ich beantwortete so viele Fragen. Ob ich Frau und Kinder hätte, wo in Deutschland wir wohnen würden, ob ich einen BMW fahren würde und was ich von Kirgisistan wüsste. Einer, “Sam”, der komplette Name war zu schwer für mich, der auch im Sicherheitsbereich des Flughafens arbeitet (er hatte den entsprechenden Dienstausweis um den Hals hängen), surfte gleich bei Google Pictures nach Aufnahmen aus seinem Land. Und er erzählte und schwärmte und sagte, ich müsse beim nächsten Mal unbedingt zu diesem See, zu diesem Berg, zu dieser Moschee und in dieses, in eine zauberhafte Höhle eingebaute, Museum.
Und er war schon in Österreich,  in Salzburg, Innsbruck und Reutte, wo seine Schwester lebt und er war in Bayern, in Bad Tölz und in München. Er liebt die Kultur, die Geschichte, die Schlösser und die Alpen. Ob ich auch die Geschichte der Schlösser und Könige lieben würde? “Klar,” log ich. Und Dschingis, der junge Freund, erzählte mir viel von Osh und Biskek.
Insgesamt kam ich so dem Abflug eine Stunde näher.
Bezahlen durfte ich nicht und nichts, es sei doch eine Einladung gewesen. Und ich habe noch eine Tüte guter, grüner Trauben mit auf den Weg bekommen.
Ich dankte und ich verabschiedete mich von jedem Einzelnen mit einem festen Händedruck und ich dachte mir, dass es solch eine Gastfreundschaft einem vollkommen Fremden gegenüber auf dieser Welt nur sehr selten und in unserer mitteleuropäischen “geben-und-nehmen”-Kultur wohl gar nicht gibt.
Warm, wohlig, wunderbar …

Danke an Euch sechs Jungs, vielen lieben Dank!
DSC_3872Nachtrag 2: Das Einchecken geschieht hier in merkwürdiger Weise. Um 2.30 Uhr kam über Lautsprecher in türkischer, lokaler und englischer Sorache, dass nun das Check-In für den Flug der Turkish Airlines nach Istanbul um 5.30 Uhr Abflugszeit beginnt.
Wie saßen zu diesem Zeitpunkt im Terminal und wussten, dass es wohl über den Eingang C1 abgewickelt würde. Noch hatte ich keine Bordkarte, ich versicherte mich aber, dass es die erst später, nach der Kontrolle und der Gepäckaufgabe, geben würde.
Ein paar Lichter gingen an, etliche Menschen kamen durch die Türe, durch die wir hinein wollten. Dann geschah 20 Minuten lang wieder mal nichts. Irgendwann aber begann sich eine Reihe zu bilden und mangels besserer Ideen stellte ich mich einfach mal dazu.
Dann ging es voran, zuerst musste jeder an dem Herren vorbei, der kontrolliert het, dass man einen Pass hat – und ein Ticket. Meines war ja nur eine eMail Bestätigung, aber immerhin. Dann ging es weiter zum Scanner, ähnlich wie im Rest der Welt, nur dass ich weder Schuhe noch Gürtel ausziehen musste. Und mein Tab durfte im Koffer bleiben. Danach kam der problemlose Gang durch das Scanner-Tor.
Es folgte ein Tisch, an dem zwei Menschen eifrig bemüht waren, jedes aufzugebende Gepäckstück in Plastikfolie einzuhüllen. Bei meiner Art, den Rucksack zu packen war das aber sehr von Vorteil, vor allem wegen der nur mäßig befestigten Bergschuhe und den langen Treckingstöcken.
Irgendwann sagte einer der Herren zu mir “Hundert, Hundert” und er zeigte auf die Pakete. Nicht viel Geld, etwa zwei US-Dollar pro Gepäckstück, aber ich war schon froh, dass ich mein kigiesisches Restgeld noch nicht verschenkt hatte.

Das Gepäck wie den Reichstag in Berlin verpackt stellte ich meine beiden Pakete auf die Waage. Etwas weniger Gewicht wie beim Hinflug,  besser so als anders herum, dachte ich. Und erst dann durfte ich mich wegen einer Bordkarte anstellen. Das Gepäck wird direkt nach Frankfurt gecheckt, meine Bordkarte von Istanbul nach Frankfurt aber bekomme ich erst in Istanbul, schade. So habe ich das auch noch nicht erlebt.
Nun kam die Passkontrolle,  wobei der Beamte offensichtlich Spaß daran hatte, mal wieder sein Englisch auspacken zu dürfen. Wann ich angekommen wäre, wo ich war, wo ich in Deutschland wohnen würde, ob es da flach oder bergig sei.
Ich beantwortete brav alle Fragen, noch vor wenigen Jahren wäre mir das schwerer gefallen.
Ein Ausgangsstempel in den Pass, plopp, dann wollte er meine Bordkarte sehen. Auch sie wurde von ihm gestempelt.
Als nächstes ging es ein paar Meter weiter zu einer Dame, die die Bordkarte sehen wollte.  Auch sie wolkte diese stempeln und hakte meinen Sitz auf ihrer Liste ab.
Personalkosten sind wohl nicht das Problem hier, aber wenn das sich mal ändern sollte, dann könnte ich ein paar Firmen empfehlen,  die solche Ablaufprozesse optimieren und rationalisieren könnten.
Nach all dem war es 3.15 Uhr, noch 2.15 Stunden bis zum Abflug.
Mittlerweile ist es schon 5.00 Uhr und die Schlangen an der Passkontrolle werden erst jetzt kürzer, gut, dass ich früh da und dabei war …
Wie wir alle aber um 5.30 im Flugzeug sitzen sollen ist mir ein Rätsel und dennoch rollen wir um 5.50 Uhr  an und sind um 5.55 Uhr in der Luft. Und während die Sitze beim Hinflug Istanbul-Osh gnadenlos eng standen, hat beim Rückflug jeder Passagier mehr als genug Beinfreiheit. So macht Fliegen Freude.
Und wenn es heim geht, zur Familie, die man lange nicht mehr gesehen hat, dann steigert sich diese Freude noch mehr.

“Heim, heim, heim …”DSC_3455

SIT – “Ich mag es, lange unterwegs zu sein.”

Eine starke Woche noch, genauer noch acht kurze Tage, dann heißt es mal wieder “Gruezi Schwiitz!”
Oder etwas moderner: “Davos calling … !”

Auf jeden Fall rufen 201.800 Meter Trail, 11.480 Höhenmeter uphill und 11.480 Höhenmeter downhill, eine wunderbare Landschaft in der Zentralschweiz durch die Bünder Bergwelt, es rufen 18 Verpflegungspunkte, zuzüglich dem Verpflegungs-. Start- und Zielpunkt in Davos,  und es rufen wunderschöne Peaks wie der Sertigpass, der Furcola, der Lunghinpass, dass Weisshorn und der Strelapass, um nur einige der zu belaufenden oder zu “speedhikenden” Spitzen zu nennen.

162 männliche Starter finde ich auf der Startliste für den SIT 201, davon 26 Deutsche, aber den Namen nach kenne ich nur den Chef und Herausgeber des TRAIL-MAGAZINs, Denis Wischniewski.
17 weibliche Starter garnieren diese “Königsetappe”, davon 2 Deutsche, dem Namen nach kenne ich nur die Lady, die eigentlich schon alles gelaufen hat, was sich laufen lässt, Anke Drescher. Mit ihr habe ich damals beim TdG ein paar gemeinsame Kilometer absolviert.

(Klicken zum Vergrößern ...)

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Auf den kürzeren Strecken sind es 63m und 17w Teilnehmer beim SIT 141, 131m und 20w Teilnehmer beim SIT 81, 125m und 28w Teilnehmer beim SIT 41 und die Strecke, nach der es sich kaum lohnt, das Laufshirt wieder zu waschen, der SIT 21, wird von 119m und 62w Teilnehmern besucht.
Zusammen sind das 734 LäuferInnen, immerhin. Und es werden auch nicht mehr mehr werden, da die Online-Registration geschlossen ist und Nachmeldungen nicht angemommen werden können.

Und für diese 734 LäuferInnen hat sich Tuffli Events schon jetzt sehr viel Mühe gegeben. So gibt es eine Swiss Irontrail Sonderbeilage, die Du Dir bei ISSUU.com ansehen kannst, vielleicht sogar ansehen solltest. Darin ist das moderne und ausgefeilte GPS-Tracker-System beschrieben (Seite 7), das uns aus Sicherheitsgründen mitgegeben wird und über das die Betreuer, die Freunde und auch Dritte nachvollziehen können, wo beispielsweise ich mal wieder Pause mache.
Einige Läuferinnen und Läufer kommen zu Wort, so auch Anke Drescher (Seite 9) und auf den Seiten 4 und folgende findest Du ausgewählte Streckenabschnitte, die uns Bergläufern gleichsam das “läuferische Wasser im Munde zusammenlaufen” lassen, die uns eher langsamen Läufern aber auch klar machen, dass es schon einem Stück Grenzdebilität bedurfte, dass unsereins sich da eingeschrieben hat.

Mal ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich auch, was mich antreibt und ob ich wirklich immer richtig beraten bin, stets die langen Strecken auszuwählen?
Anstatt hier sicher den T 81 zu finishen, drängt mich irgendwas in mir, den T 201 auszuwählen, nicht immer die richtige Entscheidung, befürchte ich. Aber was soll’s, wir leben nur ein Mal und wenn ich es nicht versuchen würde, dann könnte ich auch das “Gefühl vom Scheitern” nicht erleiden.
Und wenn es denn dann gut ausgehen sollte, dann labe ich mich am süßen Gift des Erfolgs, zumindest auf meinem bescheidenen Niveau.

Oder anders gefragt: habe ich überhaupt ein Recht, an ein Finish beim PTL mit meinen beiden “Franken-Express”-KollegInnen Gabi Kenkenberg und Jörg Konfeld zu glauben, wenn ich dieses Ding hier nicht packe?

Auf jeden Fall zähle ich schon die Tage bis Davos, die Spannung und die Vorfreude steigt, gepaart jedoch mit einer gehörigen Portion Skepsis und Selbstzweifeln. Gelaufen bin ich nur wenig in den letzten Wochen, gewandert aber bin ich dafür sehr viel.
“Ich mag es, lange unterwegs zu sein,” sagte Anke Drescher. Ich mag das auch, sehr sogar …DavosFür die 4 UTMB-Punkte laufe ich nicht in der schönen Schweiz, ich laufe, um mal wieder eine “Story to be told” zu erleben, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Aber nach den kleinen und großen Pannen dieses Jahres und in Anbetracht dessen, was da an Problemchen dieses Jahr noch kommen kann … vielleicht würde ich genau diese 4 UTMB-Punkte irgendwann mal dringend brauchen.
Für die nächste Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, dann aber in und um Chamonix …
2015

Allmächt, der Frankenweg!

Interaktiver SKatalog über den Frankenweg - hier klicken!

Interaktiver SKatalog über den Frankenweg – ins Bild klicken!

533,10 Kilometer ist er lang, erst 2004/2005 wurde er komplett markiert, er bietet offiziell 21 Etappen und er liegt in Bayern. Einmal musste er einfach ins Leben gerufen werden, der Frankenweg, der sich zwischen der Grenze zu Thüringen und dem Tal der Wörnitz in Schwaben durch die großartige Natur- und Kulturlandschaft Ober- und Mittelfrankens erstreckt.
“Allmächt” würde jetzt ein Franke sagen, “doch nicht in Bayern. In Franken!” Na ja, zumindest im Wesentlichen liegt der Frankenweg tatsächlich in Franken, die Oberpfalz lassen wir da mal unberücksichtigt. Um also nicht den Zorn der Franken zu erregen, verschwindet das Wort Bayern ab jetzt aus diesem Bericht.

In Franken also, das selbst wiederum in das vom Weinbau beherrschte Unterfranken und das vom Gerstensaft beherrschte Oberfranken unterteilt ist, in zwei Teile, die sich nicht wirklich lieben. Ohne diese Trink- und Mentalitätsrivalität wäre das kleine, von großen grobschlächtigen Oberfranken zart gehauchte Gebet nach oben zum “Allmächt(igen)” sonst wohl auch nicht zu verstehen:

“Man muss Gott für alles danken. Selbst für einen Unterfranken!”

Gerüchteweise beten aber die Unterfranken dann doch auch das gleiche Gebet, wenngleich sie Unterfranken durch Oberfranken ersetzen.
Ich selbst, gebürtiger Nürnberger, Franke also, Mittelfranke zwischen allen Stühlen, verstehe dabei gut, warum Franken nur ungern mit dem Freistaat in einem Atemzug genannt werden wollen und heuer, wo der fränkische Fußball die Regnitz, Pegnitz oder den Main runtergeht, der Fußball im Restfreistaat aber immer mehr “Sterne des Südens” produziert, ist eine Annäherung der ungleichen Landesteile noch schwerer vorstellbar, Zeit, dass das “Radio freies Franken”, von dem immer wieder die Rede ist, kommt …

42,2 Kilometer dieses Frankenwegs bilden dabei die Strecke des Frankenweg-Marathons und es sind wunderschöne, nicht einfach zu laufende, aber aufregende Kilometer zwischen Streitberg und Obertrubach. Kilometer mit Höhlendurchquerungen, bei denen jeder, der größer ist als 150 cm, den Kopf einziehen muss, vorbei an Felsformationen, die Lust aufs Klettern machen und mit Treppenpartien, die gleichsam großartige Ausblicke und pulsbeschleinigende Schwierigkeiten bieten.
Vor allem der längere Aufstieg über die Treppen zur Gößweinsteiner Burg hat mir sehr gut gefallen, die Burg selbst und der Ort Gößweinstein, selbst ein echtes Juwel in der “Fränkischen Schweiz”, taten dann ihr übriges.
FW7 FW2 FW3 FW5 FW6Häufig folgt der Frankenweg auch dem Verlauf der Wiesent, einem kleinen Fluß, der gesäumt ist von Burgen und Schlössern. Einen “Burgenweg” gibt es dort auch, es wäre ein netter Abstecher vom Frankenweg, wenn man dafür Zeit hat.
Und während der Weg des Frankenwegs und der Weg des Frankenweg-Marathons durch die Durchgangshöhle Oswaldshöhle geht, eine Höhle, bei der es einen kleinen optimalen Punkt gibt, an dem man das Licht des Höhleneingangs und das des Höhlenausgangs sehen kann, führt der Frankenweg irgendwann geradewegs auf die berühmte Teufelshöhle zu, die aber leider nicht belaufen wird, sondern der Weg biegt unmittelbar vor der Höhle nach links ab.
Schade, dachte ich. Aber die Teufelshöhle wäre dann eben auch ein netter Abstecher, wenn man, wie oben schon erwähnt, die Zeit dafür hat.

Dieses Stück des Frankenwegs, das wir da laufen durften, ist zweifellos ein Stück perfekter Natur. Enge Waldstücke, trailige Steigungen, kaum Asphaltpassagen, die Höhlen, die Felsen, die Brauereien an der Strecke, die Brücken am Fluß, die Dörfer, die Burgen und Ruinen, es ist ein Stück Deutschland, das es wert ist, noch bekannter zu werden.
FW1Es ist dabei gleichgültig, ob Du diesen Teil des Frankenwegs, gerne auch noch mehrere Teilstücke, mit dem Mountainbike durchquerst, ob Du wanderst, walkst, ob Du spazieren gehst oder eben, ob Du da läufst, Du wirst in jedem Fall “gut Freund” mit der Strecke werden.
Wenn Du aber läufst, dann ist der Frankenweg-Marathon (http://www.frankenweg-lauf.de) ein guter Anlass dafür. Und weil nicht jeder einen Marathon laufen will, gibt es dazu noch eine Mitteldistanz von 24 Kilometern und die Kurzstrecke von gerade mal 15 Kilometern. Da soll keiner sagen, dass da nichts für ihn dabei sei …

Nur wenn ich das nächste Mal zum “Allmächt(igen)” bete, dann bete ich noch für eine zusätzliche Ultrastrecke, Franken würden “an Ulldra” dazu sagen, so etwas mit 80 Kilometern oder auch mit etwas mehr. Denn wenn eine Strecke so schön ist wie die des Frankenwegs, dann ist der Genuß länger, wenn die Strecke länger ist. Was Herbert Peter, die gute Seele und das Herz des Laufs, hier geschaffen hat, dass ist schon aller Ehren und definitiv ein Mitlaufen wert.
FW4Ich bin ja mit meinem PTL-Partner des “Franken-Express”, mit Jörg Kornfeld zum Start gekommen und ich habe auch mit ihm die erste Hälfte des Laufs gemeinsam bestritten, eher gemütlich, aber dennoch nicht ohne Anspruch. Gabi Kenkenberg, die Zugmaschine unseres “Franken-Express” PTL-Teams, die an diesem Tag sehr, sehr schnell 3. Frau bzw. 1. Deutsche beim Fürth-Marathon wurde, fehlte jedoch. Mit ihr besprachen wir am Abend zuvor in meinem Nürnberger Lieblingsrestaurant “CHESMU” bei schwarzem Reis mit Früchten, bei vegetarischem “Züricher Geschnetzeltes” und bei braunen Spaghetti in Kokossauce mit knackigem Gemüse unsere gemeinsame Strategie für diesen Ende August stattfindenen 141-Stunden Lauf, der mal so weit weg war und der nun schon der fünftnächste Lauf für mich ist.
Allmächt’, wie die Zeit vergeht!

Nach der halben Strecke des Frankenweg-Marathons lief ich dann mit Andreas Weiser etwas schneller, mit dem ich mich hervorragend verstand und mit dem ich über einige gemeinsame Lauffreunde reden konnte, vor allem natürlich über die der “Coolrunners Germany”. Knapp 11 Kilometer vor dem Ziel rechneten wir aus, wenigstens noch unter die Marke von 5:30 Stunden kommen zu können und so versuchte ich, all das, was ich vorher versaubeutelt hatte, in einem längeren Schlußspurt noch aufzuholen. Mehr als ein 55. Platz aber war dann nicht mehr drin.
Aber diese höchst mäßige Zeit, 5:24:24 Stunden, zeigt schon, dass es sich nicht um eine Strecke handelte, bei der persönliche Bestwerte möglich sind. Und wie angesichts der läuferischen Schwierigkeiten eine Zeit von 3:36:12 Stunden möglich war, die Jürgen Winkler vom DJK LC Vorra hingelegt hat, das entzieht sich wie immer meiner Vorstellung.
Vorstellen aber kann ich mir in jedem Fall, noch einmal dort in Streitberg zu sein und noch einmal dort zu starten. Die Frankische Schweiz, der Frankenweg, die überaus nette Organisation dieses wunderbaren Landschafts-Laufs, all das lässt meine fränkischen Wurzeln erblühen und ich sage: “Allmächt’, was für ein Lauf!”Fraenkische_Schweiz
Und war sagen Andere dazu?
Fürst Pückler-Muskau
schrieb 1834 in Muggendorf, dem damaligen Tourismuszentrum:

„Franken ist wie ein Zauberschrank, immer neue Schubfächer thun sich auf und zeigen bunte, glänzende Kleinodien, und das hat kein Ende. Wer Deutschlands geheimste jungfräuliche Reize genießen will, muß nach Franken reisen.“

Also nichts wie hin, wenn am Sonntag, den 14. Juni 2015 die nächste Austragung dieses schönen Naturpark-Marathons stattfindet!

Mehr als nur ein Stock

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Viola Zaltron ist zwei Jahre alt und sie wartete am TorTOUR-Samstag auf ihren Vater Andrea, der ihr versprochen hatte, unseren gemeinsamen Workshop vom Freitag nicht mehr allzu lange dauern zu lassen.
Viola wird wahrscheinlich in vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren die neue Chefin von FIZAN sein (Fizan Srl, Via Borgo Tocchi, 18, 36027 Rosà (Vicenza), Italien), einem der internationalen “big player” in der Stockherstellung.
Sie wäre dann die vierte Generation von Zaltrons, die sich um alles kümmern, was wichtig ist, damit die Stöcke, die dort produziert werden, möglichst perfekt sind.
2014-06-06 18.22.39Andrea, der jetzige Chef, ist ein sympathischer Mittvierziger, den man aber gerne einige Jahre jünger schätzen würde. Er beaufsichtigt jetzt, eben in der dritten Generation, dieses Unternehmen, von dem ich, ehrlich gesagt, erst im vergangenen Sommer anlässlich der TRAIL-MANIAK Veranstaltung “Vom Marienplatz auf das Top of Germany” gehört habe.
International ist man also noch erheblich besser aufgestellt als im Teilmarkt Deutschland, das war eine von vielen neuen Erkenntnissen, die ich bei der Werksbesichtigung gewinnen konnte, mit der der Workshop zum Thema “Wir machen den perfekten Stock” begann. Dass man aber auch im Telmarkt Deutschland ganz vorne dabei ist, dafür setzt sich insbesondere der deutsche Distributor von Fizan, die Christoph & Markus Krah GmbH (www.krah.com) ein.
2014-06-07 08.36.58Andreas Großvater begann 1947 mit der Produktion der ersten Stöcke. Und er war, damals noch woanders angestellt, weltweit der erste, der Stöcke aus Aluminium herstellte. Leki folgte dann ein Jahr später und irgendwann wurde Stahl als Stockmaterial nirgendwo mehr verwendet und Bambus, die Alternative, verschwand ebenfalls aus der Produktion.
Heute ergänzt Carbon das Materialspektrum, Aluminium aber ist aber seit damals das meist genutzte Material.
Ganze 6 Paar Stöcke verließen die provisorische Produktionsstätte damals. Im gesamten Kalenderjahr 1947!
Und auch 1948 war Andreas Großvater noch woanders angestellt, bis er mutig genug war, sich ausschließlich auf die Herstellung von Stöcken zu verlassen. Damals waren mit Stöcken hauptsächlich Winterartikel gemeint, heute aber machen die Sommerstöcke rund 70% des Gesamtumsatzes aus.
2014-06-06 15.01.102014-06-06 15.06.182014-06-06 15.05.40 Und etwas größer und vielfältiger ist die Produktion seither auch geworden. Aus diesen 6 Paar im Jahr 1 sind mittlerweile rund 500.000 Paar Stöcke pro Kalenderjahr geworden.
Wow, was für eine Zahl! Wäre ich vorher gefragt worden, ich hätte diese Zahl erheblich kleiner eingeschätzt.
Und wenn ich bis zum Workshop dachte, dass es eben zwei Materialien gibt, dass es einteilige, zwei-, drei- und vierteilige Stöcke gibt, dass es Stöcke mit Innenverschluss und mit Außenverschluss gibt, Stöcke für Skifahrer, Skilangläufer, Nordic Walker, Trailrunner, Wanderer und dass es Stöcke als Gehhilfe gibt, dass es verschiedenste Spitzen für den Boden und Schlaufen für die Hände gibt, ich hätte mir nicht träumen lassen, wie viele verschiedene Modelle da permanent gefertigt werden müssen.
2014-06-06 14.59.07Vielen Stöcken sieht man dabei die Herkunft gar nicht an. Da steht nämlich nicht immer Fizan drauf, wo Fizan drin ist, sondern da steht vielleicht ELAN oder die Marke anderer Skihersteller drauf, da steht “Carabinieri” drauf oder der Name und das Logo eines Trailrunning-Events. Und die Stöcke von Manfrotto kommen auch von Fizan.
Ganz aktuell werden die Läufer unter Euch, die beim ZUT 2014, beim Zugspitz Ultra Trail, unterwegs sein werden, dort eigene Eventstöcke mit dem ZUT-Logo finden, hergestellt in einem einzigartigen und patentierten Sublimationsdruck-Verfahren, das so gut ist, dass kleinste Buchstaben noch transferiert werden können.
Da ich ja selbst viel in Sublimation drucke, Tassen, T-Shirts und ähnliche Artikel, keine Stöcke, war ich ob dieser Erkenntnis und dieser Parallelität schlichtweg begeistert.
Dennoch werden die überwiegende Zahl der Stöcke im Siebdruck, in der “silk screen”-Technik, bedruckt.

Beim anschließenden, von TRAIL-MANIAK initiierten, Workshop wurde uns allen dann klar, dass unsere Eingangsgedanken meistens weit weg von dem waren, was machbar ist, dass vieles schon realisiert wurde und dass dennoch jeder seine eigene Vorstellung vom “perfekten Stock” hat.
Schon über die Frage, ob wir Trailrunner einteilige oder dreiteilige Stöcke benötigen und darüber, ob die mehrteiligen Stöcke höhenverstellbar sein sollten, stritten wir. Da ist der Transport, vor allem im Koffer oder im Handgepäck, da ist die Mitnahme im Rucksack. Da ist aber auch die Erkenntnis, dass kein Trailrunner die Regel befolgt, Stöcke beim Aufstieg 10 Zentimeter kürzer zu haben als bei Abstieg.
Ich stelle mir immer den Stau auf dem Grat vor, wenn alle Trailrunner auf der kleinen Fläche stehen bleiben, um die Stocklänge zu verändern …
Herrlich streiten konnten wir auch über die Schlaufen, die verwendet werden sollten. Ich hatte bisher ja nur die losen Schlaufen von Komperdell, eine Mischlösung von Black Diamond und habe die Schlaufenlösung, wo man die Schlaufe ständig um die Hand gezippt hat und die Schlaufe immer wieder in den Stock ein- und ausklickt, erst an diesem Tag kennen gelernt. Damit auf dem Trail unterwegs zu sein war aber ein spätere, eine gute Erkenntnis, die ich für die nächsten Bergläufe in Andorra und in der Schweiz weiter testen werde.
Die letzte Streitfrage aber war die “modernste”, nämlich die über das Material. “Carbon ist cool” hieß es da. Carbon ist aber auch hoch angesehen beim Kunden und daher lässt sich ein höherer Verkaufspreis realisieren. Carbon hat aber nicht nur Vorteile. Und der leichteste Teleskopstock der Welt, natürlich ein FIZAN-Stock, wiegt nur 158 Gramm und ist aus Aluminium, nicht aus Carbon.
2014-06-06 14.46.54Als Resultat dieses Workshops hat Andrea einige Vorstellungen von uns erhalten und er soll versuchen, daraus etwas ganz spezielles für TRAIL-MANIAK zu basteln, mit einem eigenen Design und einer eigenen Kombination aus Materialien, Techniken und Nutzen.
Ich bin gespannt, was wir da noch erleben werden.

Die FIZAN-Stöcke, die ich mir zum Testen ausgesucht habe, sind Einteiler. Solche hatte ich nämlich noch gar nicht.
Und Andrea, selbstverständlich auch ein Sportler, dachte sich dann noch, dass er uns noch eine weitere Freude machen könnte und er lud uns zu einem eigentlich schon ausverkauften Trailrunning-Event “Antico Trail del Contrabbandiere” am darauf folgenden Sonntag ein. 37 Kilometer mit 2.500 Höhenmetern auf dem alten Tabakschmuggler-Weg “Alta Via del Tobacco”.
2014-06-06 18.09.10 Steil rauf, steil runter, technisch schwierig und so hart, dass die zur Marathonlänge fehlenden Kilometer keine Rolle spielten, auch dank der extremen Temperaturen an diesem Sonntag war ich im Ziel so kaputt wie selten. Die TorTOURisten, die Baltic Runner und die Helden vom K-UT am Vortag können ein Lied von den Temperaturen singen.
2014-06-06 18.32.05 2014-06-06 18.32.36 2014-06-07 00.24.10Ein richtig gelungenes Wochenende war das also dort im heißen Italien. Dass Andrea uns ganz italienisch galant zu leckerstem Essen und edlen Weinen am Abend in ein Restaurant auf der Piazza in Rosà ausgeführt hat, versteht sich von selbst. Und dass wir die Produktionsstätten nicht verlassen durften, ohne zwei Flaschen vom besten Rotwein der Gegend mit uns zu nehmen, auch. Italiener sind eben perfekte Gastgeber.

Und ganz vielleicht gibt es auch für den “Franken-Express” beim PTL Ende August noch ein ganz tolles Schmankerl. Aber weil das noch auf “vielleicht” steht, erzähle ich davon erst, wenn es ganz sicher ist.

Viola hatte dann ihren Vater wieder, wir hatten unseren Trail, FIZAN hat neue Aufgaben und ich hoffe ungeduldig, ob wir aus dem “vielleicht” wirklich noch ein “super geil” machen können …

Danke für dieses Wochenende, danke Andrea, danke FIZAN!
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