Allmächt, der Frankenweg!

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533,10 Kilometer ist er lang, erst 2004/2005 wurde er komplett markiert, er bietet offiziell 21 Etappen und er liegt in Bayern. Einmal musste er einfach ins Leben gerufen werden, der Frankenweg, der sich zwischen der Grenze zu Thüringen und dem Tal der Wörnitz in Schwaben durch die großartige Natur- und Kulturlandschaft Ober- und Mittelfrankens erstreckt.
“Allmächt” würde jetzt ein Franke sagen, “doch nicht in Bayern. In Franken!” Na ja, zumindest im Wesentlichen liegt der Frankenweg tatsächlich in Franken, die Oberpfalz lassen wir da mal unberücksichtigt. Um also nicht den Zorn der Franken zu erregen, verschwindet das Wort Bayern ab jetzt aus diesem Bericht.

In Franken also, das selbst wiederum in das vom Weinbau beherrschte Unterfranken und das vom Gerstensaft beherrschte Oberfranken unterteilt ist, in zwei Teile, die sich nicht wirklich lieben. Ohne diese Trink- und Mentalitätsrivalität wäre das kleine, von großen grobschlächtigen Oberfranken zart gehauchte Gebet nach oben zum “Allmächt(igen)” sonst wohl auch nicht zu verstehen:

“Man muss Gott für alles danken. Selbst für einen Unterfranken!”

Gerüchteweise beten aber die Unterfranken dann doch auch das gleiche Gebet, wenngleich sie Unterfranken durch Oberfranken ersetzen.
Ich selbst, gebürtiger Nürnberger, Franke also, Mittelfranke zwischen allen Stühlen, verstehe dabei gut, warum Franken nur ungern mit dem Freistaat in einem Atemzug genannt werden wollen und heuer, wo der fränkische Fußball die Regnitz, Pegnitz oder den Main runtergeht, der Fußball im Restfreistaat aber immer mehr “Sterne des Südens” produziert, ist eine Annäherung der ungleichen Landesteile noch schwerer vorstellbar, Zeit, dass das “Radio freies Franken”, von dem immer wieder die Rede ist, kommt …

42,2 Kilometer dieses Frankenwegs bilden dabei die Strecke des Frankenweg-Marathons und es sind wunderschöne, nicht einfach zu laufende, aber aufregende Kilometer zwischen Streitberg und Obertrubach. Kilometer mit Höhlendurchquerungen, bei denen jeder, der größer ist als 150 cm, den Kopf einziehen muss, vorbei an Felsformationen, die Lust aufs Klettern machen und mit Treppenpartien, die gleichsam großartige Ausblicke und pulsbeschleinigende Schwierigkeiten bieten.
Vor allem der längere Aufstieg über die Treppen zur Gößweinsteiner Burg hat mir sehr gut gefallen, die Burg selbst und der Ort Gößweinstein, selbst ein echtes Juwel in der “Fränkischen Schweiz”, taten dann ihr übriges.
FW7 FW2 FW3 FW5 FW6Häufig folgt der Frankenweg auch dem Verlauf der Wiesent, einem kleinen Fluß, der gesäumt ist von Burgen und Schlössern. Einen “Burgenweg” gibt es dort auch, es wäre ein netter Abstecher vom Frankenweg, wenn man dafür Zeit hat.
Und während der Weg des Frankenwegs und der Weg des Frankenweg-Marathons durch die Durchgangshöhle Oswaldshöhle geht, eine Höhle, bei der es einen kleinen optimalen Punkt gibt, an dem man das Licht des Höhleneingangs und das des Höhlenausgangs sehen kann, führt der Frankenweg irgendwann geradewegs auf die berühmte Teufelshöhle zu, die aber leider nicht belaufen wird, sondern der Weg biegt unmittelbar vor der Höhle nach links ab.
Schade, dachte ich. Aber die Teufelshöhle wäre dann eben auch ein netter Abstecher, wenn man, wie oben schon erwähnt, die Zeit dafür hat.

Dieses Stück des Frankenwegs, das wir da laufen durften, ist zweifellos ein Stück perfekter Natur. Enge Waldstücke, trailige Steigungen, kaum Asphaltpassagen, die Höhlen, die Felsen, die Brauereien an der Strecke, die Brücken am Fluß, die Dörfer, die Burgen und Ruinen, es ist ein Stück Deutschland, das es wert ist, noch bekannter zu werden.
FW1Es ist dabei gleichgültig, ob Du diesen Teil des Frankenwegs, gerne auch noch mehrere Teilstücke, mit dem Mountainbike durchquerst, ob Du wanderst, walkst, ob Du spazieren gehst oder eben, ob Du da läufst, Du wirst in jedem Fall “gut Freund” mit der Strecke werden.
Wenn Du aber läufst, dann ist der Frankenweg-Marathon (http://www.frankenweg-lauf.de) ein guter Anlass dafür. Und weil nicht jeder einen Marathon laufen will, gibt es dazu noch eine Mitteldistanz von 24 Kilometern und die Kurzstrecke von gerade mal 15 Kilometern. Da soll keiner sagen, dass da nichts für ihn dabei sei …

Nur wenn ich das nächste Mal zum “Allmächt(igen)” bete, dann bete ich noch für eine zusätzliche Ultrastrecke, Franken würden “an Ulldra” dazu sagen, so etwas mit 80 Kilometern oder auch mit etwas mehr. Denn wenn eine Strecke so schön ist wie die des Frankenwegs, dann ist der Genuß länger, wenn die Strecke länger ist. Was Herbert Peter, die gute Seele und das Herz des Laufs, hier geschaffen hat, dass ist schon aller Ehren und definitiv ein Mitlaufen wert.
FW4Ich bin ja mit meinem PTL-Partner des “Franken-Express”, mit Jörg Kornfeld zum Start gekommen und ich habe auch mit ihm die erste Hälfte des Laufs gemeinsam bestritten, eher gemütlich, aber dennoch nicht ohne Anspruch. Gabi Kenkenberg, die Zugmaschine unseres “Franken-Express” PTL-Teams, die an diesem Tag sehr, sehr schnell 3. Frau bzw. 1. Deutsche beim Fürth-Marathon wurde, fehlte jedoch. Mit ihr besprachen wir am Abend zuvor in meinem Nürnberger Lieblingsrestaurant “CHESMU” bei schwarzem Reis mit Früchten, bei vegetarischem “Züricher Geschnetzeltes” und bei braunen Spaghetti in Kokossauce mit knackigem Gemüse unsere gemeinsame Strategie für diesen Ende August stattfindenen 141-Stunden Lauf, der mal so weit weg war und der nun schon der fünftnächste Lauf für mich ist.
Allmächt’, wie die Zeit vergeht!

Nach der halben Strecke des Frankenweg-Marathons lief ich dann mit Andreas Weiser etwas schneller, mit dem ich mich hervorragend verstand und mit dem ich über einige gemeinsame Lauffreunde reden konnte, vor allem natürlich über die der “Coolrunners Germany”. Knapp 11 Kilometer vor dem Ziel rechneten wir aus, wenigstens noch unter die Marke von 5:30 Stunden kommen zu können und so versuchte ich, all das, was ich vorher versaubeutelt hatte, in einem längeren Schlußspurt noch aufzuholen. Mehr als ein 55. Platz aber war dann nicht mehr drin.
Aber diese höchst mäßige Zeit, 5:24:24 Stunden, zeigt schon, dass es sich nicht um eine Strecke handelte, bei der persönliche Bestwerte möglich sind. Und wie angesichts der läuferischen Schwierigkeiten eine Zeit von 3:36:12 Stunden möglich war, die Jürgen Winkler vom DJK LC Vorra hingelegt hat, das entzieht sich wie immer meiner Vorstellung.
Vorstellen aber kann ich mir in jedem Fall, noch einmal dort in Streitberg zu sein und noch einmal dort zu starten. Die Frankische Schweiz, der Frankenweg, die überaus nette Organisation dieses wunderbaren Landschafts-Laufs, all das lässt meine fränkischen Wurzeln erblühen und ich sage: “Allmächt’, was für ein Lauf!”Fraenkische_Schweiz
Und war sagen Andere dazu?
Fürst Pückler-Muskau
schrieb 1834 in Muggendorf, dem damaligen Tourismuszentrum:

„Franken ist wie ein Zauberschrank, immer neue Schubfächer thun sich auf und zeigen bunte, glänzende Kleinodien, und das hat kein Ende. Wer Deutschlands geheimste jungfräuliche Reize genießen will, muß nach Franken reisen.“

Also nichts wie hin, wenn am Sonntag, den 14. Juni 2015 die nächste Austragung dieses schönen Naturpark-Marathons stattfindet!

Mehr als nur ein Stock

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Viola Zaltron ist zwei Jahre alt und sie wartete am TorTOUR-Samstag auf ihren Vater Andrea, der ihr versprochen hatte, unseren gemeinsamen Workshop vom Freitag nicht mehr allzu lange dauern zu lassen.
Viola wird wahrscheinlich in vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren die neue Chefin von FIZAN sein (Fizan Srl, Via Borgo Tocchi, 18, 36027 Rosà (Vicenza), Italien), einem der internationalen “big player” in der Stockherstellung.
Sie wäre dann die vierte Generation von Zaltrons, die sich um alles kümmern, was wichtig ist, damit die Stöcke, die dort produziert werden, möglichst perfekt sind.
2014-06-06 18.22.39Andrea, der jetzige Chef, ist ein sympathischer Mittvierziger, den man aber gerne einige Jahre jünger schätzen würde. Er beaufsichtigt jetzt, eben in der dritten Generation, dieses Unternehmen, von dem ich, ehrlich gesagt, erst im vergangenen Sommer anlässlich der TRAIL-MANIAK Veranstaltung “Vom Marienplatz auf das Top of Germany” gehört habe.
International ist man also noch erheblich besser aufgestellt als im Teilmarkt Deutschland, das war eine von vielen neuen Erkenntnissen, die ich bei der Werksbesichtigung gewinnen konnte, mit der der Workshop zum Thema “Wir machen den perfekten Stock” begann. Dass man aber auch im Telmarkt Deutschland ganz vorne dabei ist, dafür setzt sich insbesondere der deutsche Distributor von Fizan, die Christoph & Markus Krah GmbH (www.krah.com) ein.
2014-06-07 08.36.58Andreas Großvater begann 1947 mit der Produktion der ersten Stöcke. Und er war, damals noch woanders angestellt, weltweit der erste, der Stöcke aus Aluminium herstellte. Leki folgte dann ein Jahr später und irgendwann wurde Stahl als Stockmaterial nirgendwo mehr verwendet und Bambus, die Alternative, verschwand ebenfalls aus der Produktion.
Heute ergänzt Carbon das Materialspektrum, Aluminium aber ist aber seit damals das meist genutzte Material.
Ganze 6 Paar Stöcke verließen die provisorische Produktionsstätte damals. Im gesamten Kalenderjahr 1947!
Und auch 1948 war Andreas Großvater noch woanders angestellt, bis er mutig genug war, sich ausschließlich auf die Herstellung von Stöcken zu verlassen. Damals waren mit Stöcken hauptsächlich Winterartikel gemeint, heute aber machen die Sommerstöcke rund 70% des Gesamtumsatzes aus.
2014-06-06 15.01.102014-06-06 15.06.182014-06-06 15.05.40 Und etwas größer und vielfältiger ist die Produktion seither auch geworden. Aus diesen 6 Paar im Jahr 1 sind mittlerweile rund 500.000 Paar Stöcke pro Kalenderjahr geworden.
Wow, was für eine Zahl! Wäre ich vorher gefragt worden, ich hätte diese Zahl erheblich kleiner eingeschätzt.
Und wenn ich bis zum Workshop dachte, dass es eben zwei Materialien gibt, dass es einteilige, zwei-, drei- und vierteilige Stöcke gibt, dass es Stöcke mit Innenverschluss und mit Außenverschluss gibt, Stöcke für Skifahrer, Skilangläufer, Nordic Walker, Trailrunner, Wanderer und dass es Stöcke als Gehhilfe gibt, dass es verschiedenste Spitzen für den Boden und Schlaufen für die Hände gibt, ich hätte mir nicht träumen lassen, wie viele verschiedene Modelle da permanent gefertigt werden müssen.
2014-06-06 14.59.07Vielen Stöcken sieht man dabei die Herkunft gar nicht an. Da steht nämlich nicht immer Fizan drauf, wo Fizan drin ist, sondern da steht vielleicht ELAN oder die Marke anderer Skihersteller drauf, da steht “Carabinieri” drauf oder der Name und das Logo eines Trailrunning-Events. Und die Stöcke von Manfrotto kommen auch von Fizan.
Ganz aktuell werden die Läufer unter Euch, die beim ZUT 2014, beim Zugspitz Ultra Trail, unterwegs sein werden, dort eigene Eventstöcke mit dem ZUT-Logo finden, hergestellt in einem einzigartigen und patentierten Sublimationsdruck-Verfahren, das so gut ist, dass kleinste Buchstaben noch transferiert werden können.
Da ich ja selbst viel in Sublimation drucke, Tassen, T-Shirts und ähnliche Artikel, keine Stöcke, war ich ob dieser Erkenntnis und dieser Parallelität schlichtweg begeistert.
Dennoch werden die überwiegende Zahl der Stöcke im Siebdruck, in der “silk screen”-Technik, bedruckt.

Beim anschließenden, von TRAIL-MANIAK initiierten, Workshop wurde uns allen dann klar, dass unsere Eingangsgedanken meistens weit weg von dem waren, was machbar ist, dass vieles schon realisiert wurde und dass dennoch jeder seine eigene Vorstellung vom “perfekten Stock” hat.
Schon über die Frage, ob wir Trailrunner einteilige oder dreiteilige Stöcke benötigen und darüber, ob die mehrteiligen Stöcke höhenverstellbar sein sollten, stritten wir. Da ist der Transport, vor allem im Koffer oder im Handgepäck, da ist die Mitnahme im Rucksack. Da ist aber auch die Erkenntnis, dass kein Trailrunner die Regel befolgt, Stöcke beim Aufstieg 10 Zentimeter kürzer zu haben als bei Abstieg.
Ich stelle mir immer den Stau auf dem Grat vor, wenn alle Trailrunner auf der kleinen Fläche stehen bleiben, um die Stocklänge zu verändern …
Herrlich streiten konnten wir auch über die Schlaufen, die verwendet werden sollten. Ich hatte bisher ja nur die losen Schlaufen von Komperdell, eine Mischlösung von Black Diamond und habe die Schlaufenlösung, wo man die Schlaufe ständig um die Hand gezippt hat und die Schlaufe immer wieder in den Stock ein- und ausklickt, erst an diesem Tag kennen gelernt. Damit auf dem Trail unterwegs zu sein war aber ein spätere, eine gute Erkenntnis, die ich für die nächsten Bergläufe in Andorra und in der Schweiz weiter testen werde.
Die letzte Streitfrage aber war die “modernste”, nämlich die über das Material. “Carbon ist cool” hieß es da. Carbon ist aber auch hoch angesehen beim Kunden und daher lässt sich ein höherer Verkaufspreis realisieren. Carbon hat aber nicht nur Vorteile. Und der leichteste Teleskopstock der Welt, natürlich ein FIZAN-Stock, wiegt nur 158 Gramm und ist aus Aluminium, nicht aus Carbon.
2014-06-06 14.46.54Als Resultat dieses Workshops hat Andrea einige Vorstellungen von uns erhalten und er soll versuchen, daraus etwas ganz spezielles für TRAIL-MANIAK zu basteln, mit einem eigenen Design und einer eigenen Kombination aus Materialien, Techniken und Nutzen.
Ich bin gespannt, was wir da noch erleben werden.

Die FIZAN-Stöcke, die ich mir zum Testen ausgesucht habe, sind Einteiler. Solche hatte ich nämlich noch gar nicht.
Und Andrea, selbstverständlich auch ein Sportler, dachte sich dann noch, dass er uns noch eine weitere Freude machen könnte und er lud uns zu einem eigentlich schon ausverkauften Trailrunning-Event “Antico Trail del Contrabbandiere” am darauf folgenden Sonntag ein. 37 Kilometer mit 2.500 Höhenmetern auf dem alten Tabakschmuggler-Weg “Alta Via del Tobacco”.
2014-06-06 18.09.10 Steil rauf, steil runter, technisch schwierig und so hart, dass die zur Marathonlänge fehlenden Kilometer keine Rolle spielten, auch dank der extremen Temperaturen an diesem Sonntag war ich im Ziel so kaputt wie selten. Die TorTOURisten, die Baltic Runner und die Helden vom K-UT am Vortag können ein Lied von den Temperaturen singen.
2014-06-06 18.32.05 2014-06-06 18.32.36 2014-06-07 00.24.10Ein richtig gelungenes Wochenende war das also dort im heißen Italien. Dass Andrea uns ganz italienisch galant zu leckerstem Essen und edlen Weinen am Abend in ein Restaurant auf der Piazza in Rosà ausgeführt hat, versteht sich von selbst. Und dass wir die Produktionsstätten nicht verlassen durften, ohne zwei Flaschen vom besten Rotwein der Gegend mit uns zu nehmen, auch. Italiener sind eben perfekte Gastgeber.

Und ganz vielleicht gibt es auch für den “Franken-Express” beim PTL Ende August noch ein ganz tolles Schmankerl. Aber weil das noch auf “vielleicht” steht, erzähle ich davon erst, wenn es ganz sicher ist.

Viola hatte dann ihren Vater wieder, wir hatten unseren Trail, FIZAN hat neue Aufgaben und ich hoffe ungeduldig, ob wir aus dem “vielleicht” wirklich noch ein “super geil” machen können …

Danke für dieses Wochenende, danke Andrea, danke FIZAN!
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Die Würde des Menschen ist unantastbar …

65 Jahre deutsches Grundgesetz

Der ZEIT ONLINE ist es zu verdanken, dass ich unter dem Titel “Danke, Navid Kermani” die mich tief bewegende Rede des deutsch-iranischen Schriftstellers Navid Kermani lesen konnte, im Archiv des Bundestages.
Ein direkter Link dorthin sparte mir Zeit bei der Suche.
Die Rede wurde zur “Feierstunde 65 Jahre Grundgesetz” gehalten und ist, so der Journalist und Kommentator Lenz Jakobsen, im positivsten Sinne des Wortes “ungeheuer, voller Liebe und Wut.”
Für mich als Kind eines Einwanderers und einer Deutschen ist sie auch deshalb so bewegend, weil sie uns zeigt, dass beispielsweise der große Willi Brandt wohl keine Chance im Krieg gehabt hätte, wenn andere Staaten das Asylrecht damals ähnlich ausgehöhlt hätten, wie wir es 1993 taten. Edward Snowden hätte bis damals noch ein Recht auf Asyl in Deutschland gehabt.Bundestagi.Lenz Jakobsen schreibt weiter über diese Rede: “Ein Fraktionsvize erträgt das nicht, Deutschland aber sehr wohl …”
Ich glaube, dass es mehr als die zum Lesen aufzuwändende Zeit wert ist, diese Rede, die ich im Wortlaut unten eingefügt habe, komplett zu lesen. (Dabei danke ich an dieser Stelle herzlich dem Pressereferat des Bundestags für die Betreuung von Presse, Rundfunk und Fernsehen dafür, diese Rede in Gänze kopieren und verbreiten zu dürfen.)
Hinweis in eigener Sache: Marathonundlaenger.de soll im Wesentlichen ein Laufblog bleiben, solch ein Highlight deutscher Sprache, europäischer Kultur und bewundernswertem Weltbürgertums aber muss hier auch einmal Platz finden, vor allem dann, wenn auch der Inhalt uns als leuchtender Stern in der Zukunft leiten kann, soll und darf.

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I Think The Answer’s Yes

Relativ kurz nach dem unglaublichen Lauf auf der spanischen Insel “die Größere” (Mallorca) nun ein Lauf auf der spanischen Insel “die Kleinere” (Menorca), wobei der Trail auf “die Größere” kürzer ist wie der auf “die Kleinere”.

Erst einmal etwas über die Lage der Insel:
Neben den Inseln Mallorca und Menorca, die beide die Gymnesischen Inseln darstellen, gehören auch noch die Inseln Ibiza und Formentera, die beide zur Inselgruppe der Pityusen gehören, zur spanischen autonomen Region Balearen. Cabrera, die „Ziegeninsel“, eigentlich ein vorgelagerter Teil von Mallorca, gehört mit seinen rund 20 Einwohnern auch noch zu dieser autonomen Region.

Wie auf Mallorca gibt es auch auf Menorca das Tramuntana-Gebirge im Norden, im Süden liegt Migjorn, das Hügelland. Der Trail Camí de Cavalls (katalanisch für „Weg für Pferde“) ist ein Fernwanderweg auf Menorca, er ist 185 Kilometer lang und trägt im Fernwander-Wegenetz die offizielle Bezeichnung GR 223. Am Wochenende vom 16.-18. Mai sollten wir Trailläufer auf den fünf Streckenlängen von 32 Kilometern bis zu 185 Kilometern die Pferde sein.
CdCNach so viel unnützem Wissen komme ich nun aber doch zu etwas Text über den Lauf, auf den ich mich schon lange freute..

Es war am Donnerstag, dem Tag vor dem Start zum Menorca Ultra Trail.
Wir, das waren Michael (Michi) Raab, seine Lebensgefährtin Kathrin und ich, bewegten uns zur Startnummernausgabe. Das sollte kein Problem sein, dachten wir, immerhin hat Michi diesen Lauf ja in 2013 erfolgreich gefinished.
Wir fanden auch schnell die Zielgegend aus dem Vorjahr, die Halle, in der die Startunterlagen 2013 ausgegeben wurden, zu finden, war schon ein wenig aufwändiger.
2013 war das bei Michi auch schon schwierig gewesen, er war zuerst in der falschen Sporthalle, in der gegenüber dem Hallenbad, und musste dann quer durch die Stadt in die Halle auf der anderen Stadtseite, in die gegenüber dem großen Supermarkt.
Dank einer Eingebung aber erinnerte er sich nun also an den Weg zu dieser Halle, zu der gegenüber dem großen Supermarkt, und dort waren wir dann zum Glück auch nicht alleine. Gleich drei andere Läufer waren dort genauso ratlos wie wir, weil die Halle geschlossen war.
Ein paar Telefonate später war dann klar, dass die Halle gewechselt wurde, weil sich die Teilnehmerzahl so dramatisch gut entwickelt hatte. Jetzt waren wir dann dort richtig, wo Michi noch vor einem Jahr falsch war.
Also erneut quer durch die Stadt, um dorthin zu kommen, in die Halle gegenüber dem Hallenbad.

Dort trafen wir dann gleich Victor, den Chef, den Initiator, den, der für all das verantwortlich zeichnet, was da auf dieser wunderschönen Insel in Sachen Ultralauf passiert. Victor ist ein richtig netter Zeitgenosse, einer, mit dem man sofort warm wird und dessen Freund man auch sofort werden will.
Wir schossen einige gemeinsame Fotos, quatschten über dies und das und natürlich auch über andere Läufer. Und Victor verriet uns, dass noch ein Thomas Dörr kommen würde, der wiederum für ein Laufportal schreiben würde. Für welches aber wusste er im Moment nicht.
Ich hatte ja Victors Wunsch, nach dem Lauf etwas über meine Erlebnisse zu schreiben, schon im Vorfeld positiv beantwortet und war gleich ein wenig eifersüchtig, dass er offensichtlich auch andere deutsche Läufer gebeten hatte, so etwas zu tun.
2014-05-16 08.02.42Es war am Freitag, frühmorgens, vielleicht eine Stunde vor dem Start. Noch war wenig los im Startgebiet und ich suchte Gesprächspartner. Und da war eine Niederländerin, die ihren zweiten Hunderter laufen wollte. Ihre ganze Familie war mitgekommen, um sie nach Kräften zu unterstützen und ihr Vater fotografierte erst mich vor der Startlinie und später dann bat ich ihn, erneut den Auslöser zu drücken, dann aber mit mir und Thomas Dörr.
Ihn sah ich alleine stehend und ich erkannte ihn an dem einen Tag zuvor gehörten Namen. Unter “Kollegen” sprach ich ihn an und fragte ihn, für welches Portal er denn schreiben würde. “Ich schreibe nicht,” antwortete er und ich war verdutzt. Wir sprachen weiter und er erzählte mir, dass er erst kurz aus dem Süden in den deutschen Westen gezogen sei und sich Eigentum in der Grafschaft gegönnt habe.
In der Grafschaft?
2014-05-16 08.23.32Und da dämmerte es mir, dass Victor mich Thomas aus der Grafschaft mit ihm Thomas aus der Grafschaft verwechselt haben muss. Ich begann, mich darüber zu freuen, dass Victor meine Berichte offensichtlich doch wohl gut fand und dass er sich wahrscheinlich wirklich über meinen noch ungeschriebenen Bericht über den Menorca Ultra Trail Camí de Cavalls freuen würde.
Was er und ich aber noch nicht wussten, ist, dass es diesen so nie geben würde.

So kam es also, dass bei drei deutschen Startern, Michi Raab auf dem 100 Kilometer Trail, Thomas Dörr und ich auf den 185 Kilometern, zwei TRAIL-MANIAKS dabei waren, zwei Thomas und zwei aus der kleinen Grafschaft in Rheinland-Pfalz.

Dass ich mich überhaupt entschlossen habe, nach Menorca zu fliegen, um diesen Lauf zu bestreiten, hat seinen Grund in einem wunderbar warmen Abend in Michis Münchner Wohnung. Wer weiß, dass ich keinen Alkohol trinke, dem sei gesagt, dass ich für das Ausbrüten verrückter Ideen keinen Alkohol brauche. Gute Gespräche über schöne Trails auf dieser kleinen Welt führen bei mir schon schnell zu einer ganz eigenen Art von Betrunkenheit.
Und weil ich immer Angst vor den Entzugserscheinungen habe, sollen diese Gespräche auch niemals enden …

Michi erzählte also davon, wie schön dieser Trail sei, wie fantastisch diese Insel wäre und wie wunderbar nett die Organisatoren waren. Und er sagte, dass wir das unbedingt einmal gemeinsam machen sollten.
Trotz unserer menschlichen Nähe, die uns seit Anfang 2010 verbindet, hindert uns leider die fehlende räumliche Nähe daran, auf den Trails allzu viel gemeinsam anzustellen.
Da war ein Rennsteiglauf, eine Tagesetappe beim TransAlpineRun und da war der Lauf auf Mallorca 2012. An mehr erinnere ich mich nicht, der Rest musste immer telefonisch erledigt werden. Oder eben an wunderbar warmen Abenden in München.
Aber all das macht nichts. Wenn man sich im Geiste nahe ist, dann ist auch eine räumliche Entfernung lediglich eine Schwierigkeit, definitiv aber kein Hindernis. Und Schwierigkeiten überwinden üben wir ja alle bei unseren Läufen.

Ein, zwei Mal haben wir dann noch über Menorca geredet, aber uns konkret dort einschreiben wollten wir dann doch irgendwie nicht, scheinbar. Aber irgendwann Anfang 2014 berichtete Michi mir davon, dass er jetzt auf der Starterliste stehen würde und diese Reise mit einem längeren Besuch, einem kleinen Urlaub bei Kathrins Tante auf deren Gut in Portugal verbinden würde.
Für Julian, den gemeinsamen Sohn, sollte es die erste weite Reise sein.

Ab dann war ich in der Pflicht, aber auch in der Zwickmühle. Über so etwas wie eine Auslandsreise reden ist das Eine, sich wirklich dafür entscheiden ist das Andere. Es war ja leider ein Wochenende, an dem ich eigentlich hätte arbeiten müssen. Und ich hatte keinen Ersatz für mich, scheinbar.
Dann aber, als ich doch eine kleine Chance auf eine Realisierung sah, habe ich mich dort sicherheitshalber schon mal eingeschrieben, um mir selbst etwas Druck zu machen. Und dann, als mein Sohn Pascal sich bereit erklärte, für mich zu arbeiten, buchte ich, nach der Zustimmung meiner “besseren Zweidrittel” auch noch die Flüge dazu. Es war eine gute Entscheidung, eine meiner besten in diesem Jahr.

Menorca ist zweifellos eine Reise wert, oh mit Laufen oder ohne. Diese spanische Insel verzaubert Dich mit einer unvergleichlichen und wechselhaften Landschaft auch deshalb, weil die Verantwortlichen dort schon früh begriffen haben, dass Massentourismus auf Dauer nur wenig bringt. Massentouristen sind wie Heuschrecken, die sich dort niederlassen, wo sie scheinbar für ihr Geld das meiste erhalten, am liebsten “all inclusive”.

Zurück zum Trail. Zurück zum Start, alles wieder auf Anfang.
Michi kam 20 Minuten vor dem Start an, ich machte Thomas Dörr und ihn miteinander bekannt, aber ich bin nicht sicher, ob ich Michi auch erkärt habe, welche Zufälle zusammen spielen mussten, damit wir beide,  in diesem Fall ich Thomas aus der Grafschaft und er Thomas aus der Grafschaft,  realisierten, dass wir, die einzigen Ultraläufer der Grafschaft, gemeinsam auf Menorca am Start standen und dass wir uns, kaum drei Kilometer von einander entfernt wohnend, ausgerechnet dort vor dem Start kennen lernen konnten.

Mit Michi laufen wollte ich nicht. Er wollte sowieso “nur” die kurzen 100 Kilometer Trailsprint laufen, außerdem wollte er auf Zeit laufen, angreifen, um mindestens in die Top Ten zu kommen. Zehnter werden hat er am Ende dann doch nicht geschafft, als Altersklassenerster wurde er Gesamtzweiter. Wahrscheinlich war dieses Übertreffen des Ziels psychisch kein allzu großes Manko, bleibende Schäden und eine nennenswerte Erosion des Selbstwertgefühls sind also nicht zu erwarten.
Und dieser zweite Platz wurde ihm dann mit einer wunderschönen Trophäe versüßt. Die hätte es ja auch nicht gegeben, wenn er “nur” Zehnter geworden wäre.
Michi hat sich also mal wieder als ein TRAIL-MANIAK mit Vorbild-Charakter gezeigt, so hat er auch das Recht und die Pflicht, die Mädels und Jungs vom TRAIL-MANIAK Lauftreff München ein wenig zu ziehen und zu quälen, aber nur so weit, dass man gefordert ist, der Spaß aber nicht vergessen wird.
2014-05-28 20.22.05Also lief ich mit Thomas Dörr. Zwei Grafschafter auf dem Weg von Ciutadella nah Ciutadella, zwei Grafschafter, die beide dieses Ziel nicht sehen würden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich blieb bei Thomas bis zum ersten Verpflegungspunkt. Dazwischen lief er mir immer wieder davon, wenn ich Fotos machte. Und eine Lücke von wenigen Metern zulaufen ist doch schwerer, als man denkt.
Dann aber verschwand ich eher aus dem Verpflegungspunkt als er und ich sah ihn danach auch nicht mehr wieder, leider.
Heute weiß ich, dass er am Ende nur rund eine halbe Stunde hinter mit lag, wahrscheinlich hätten wir zusammen bleiben sollen.
Hinterher ist man halt immer schlauer …

Beim Lauf selbst ging es mir fantastisch. Ich fühlte mich gut und ich war komplett schmerzfrei. Ein Aussteigen am 100 Kilometer Punkt war vollkommen undenkbar, auch deshalb nicht, weil mich die Landschaft so faszinierte.
Aber die Strecke, die Temperaturen und das Profil waren alle härter als ich das erwartet hatte. Und mir saßen das Wissen um das Endspiel im DFB-Pokal, das am Samstagabend übertragen wurde und das ich so gerne sehen wollte, im Nacken.
Ich erlebte, deutlich langsamer zu sein, wie ich es erwartet hatte und wähnte, meinen Plan voraussichtlich nicht erreichen zu können, das demotivierte mich.

Die Strecke aber war ein Traum. Die Szenerie wechselte ungefähr alle 10 Kilometer, ein Tal war schöner als das andere, ein Ausblick auf die Insel schöner als der nächste.
Aber ich stürzte schon nach 25 Kilometern und die Wunde am Ellenbogen des rechten Arms wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ich wollte mal wieder ein “nice guy” sein, als ich beschleunigte, weil ein vor mir laufender Kollege für mich eines der unzähligen Gatter aufhielt, um es mir leichter zu machen. Um ihm ein paar Sekunden zu ersparen, hektikte ich Richtung Tor, allerdings ohne auf den Boden zu achten und so lernte mein Ellenbogen die Härte und den Staub des Bodens kennen und ich schlug mit dem Kopf gegen das Gatter. Nur meine neue X-Kross Sportbrille verhinderte, dass ich auch im Gesicht verletzt wurde.
Der Kratzer auf der orangenen Sichtscheibe heilt hoffentlich noch irgendwann. Für den GUCR habe ich jetzt erst einmal auf die Radfahr-Scheiben umgestellt.
Ich ersparte dem unbekannten Läufer also keine Zeit, sondern ich hielt ihn auch dadurch auf, weil er sich nun erst einmal um mich kümmern musste, dafür hatte ich meinen Laufpartner für die nächste Etappe des Laufs gefunden.

Beim Lauf ging es mir dann nicht mehr so gut. Ich litt unter der Hitze, die Oberschenkel schmerzten und ich begann, mir Sorgen zu machen wegen der 145 Meilen beim GUCR (Grand Union Canal Race), das am nächsten Wochenende folgen würde. Meine Aufenthalte in den Verpflegungspunkten wurden länger und ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, dass ich langsamer und langsamer wurde.
Zwar lief ich noch immer in der gleichen Liga wie die Mädels und Jungs um mich herum, da waren zwei, die ich immer laufend überholte, beim nächsten Berg aber zogen die beiden wieder an mir vorbei. Solch ein Spiel kann man stundenlang spielen, es erweckt aber den Eindruck, dass Du Stück für Stück nach hinten durchgereicht wirst.

Harte Trails, sandige Passagen über die zauberhaften und vollkommen leeren Strände des Nordens, eingebettet in aufregende Felsformationen und weit entfernt von menschlichen Ansiedlungen, Holztreppen, die schön, aber auch sehr heftig waren und dann kamen knapp 10 Kilometer, vor denen schon ein Schild auf dem Tisch des Verpflegungspunktes davor gewarnt hatte. Auf Deutsch!
Es waren die einzigen deutschen Worte, die ich auf Menorca gelesen habe und die waren tatsächlich wahr. Aber auch diese Etappe ging vorüber.
2014-05-16 13.11.04

Beim Lauf ging es mir dann richtig schlecht. Ich haderte an mir und an meinem Tempo. Das GUCR, das Pokalendspiel, die Hitze des nächsten Tages, die nässende Wunde am Ellenbogen, die Oberschenkel und nicht zuletzt das Gefühl, nun wirklich niemanden mehr hinter mir zu haben, ließen mich an Alternativen denken.
Ich fand einen dritten und letzten Laufpartner, mit dem ich in den Verpflegungspunkt bei 100 Kilometern einlief. Nach 15 Stunden und 3 Minuten!
Ich hatte in diesem Moment fast schon genug, also fragte ich, ob ich den Bewerb switchen könnte. “Ja”, sagte die Lady dort, “ich nehme Dich auf die 100 K Liste”. Ich bekam das Finishershirt und später auch die Medaille und dann gönnte ich mir die weiche Matraze, die mich sicher und warm durch die Nacht gebracht hat.

Thomas Dörr stieg, wie ich später erfahren habe, auch bei 100 K aus. “Falsche Schuhe, falsche Einstellung, andere falsche Entscheidungen” schrieb er mir. Und so kam es, dass alle deutschen Teilnehmer nicht über die 100 K heraus kamen und wir alle in Es Grau, einem Städtchen nahe der Hauptstadt Maó, das Ende unserer Läufe fanden.

Für Michi, der mit einer so guten Platzierung wohl nicht gerechnet hatte und seinen Rückflug nach Deutschland schon auf einen Zeitpunkt vor der Siegerehrung terminiert hatte, nahm ich stellvertretend die Ehrung als Altersklassen-Sieger in Empfang. Dabei freute ich mich ein wenig darüber, in der nächstjüngeren Altersklasse noch eine einigermaßen gute Figur zu machen.
Und ich nahm, wieder stellvertretend für Michi, auch die Ehrung als Gesamtzweiter in Empfang. Dabei freute ich mich aber gar nicht, ich fühlte mich eher unwohl. Auf dem Podest des Altersklassen-Siegers stand ich ja schon manchmal, ein Mal sogar ganz oben, auf dem Podest der Gesamtsieger aber war ich noch nie. Und da werde ich auch nie hinkommen, außer Umstände wie auf Menorca führen mich da hinauf, um andere zu vertreten.
2014-05-18 13.02.03Für Thomas Dörr war dieser Trail sicher eine Lernerfahrung, die ihn in eine läuferisch großartige Zukunft führen wird und für mich war Menorca auch ein Signal, auf mich selbst zu achten und immer, wirklich immer, unterhalb meiner Möglichkeiten zu laufen. Denn nur dann hast Du noch Kraft für die Kilometer, die nach dem 100 Kilometer Sprint, nach dem 100 Kilometer Bambini-Lauf, kommen.
Und mit diesem Bewusstsein flog ich nach England, nach Birmingham, wo der Start zum GUCR war.

Auf den Heimflug wartend amüsierte ich mich noch darüber, dass es zwar keinen Direktflug von Deutschland aus nach Menorca gibt, wohl aber einen von Birmingham, dem Startort des GUCR. Ich hätte also gleich dort diesen Flieger besteigen können und ich hätte mir so viel Zeit gespart.

Und eine weitere positive Überraschung erlebte ich nach dem Menorca Trail Costa Nord.
Ich war nicht der Einzige, der sich in diese Insel und in diesen Lauf verliebt hat.
TRAIL-MANIAK organisiert für 2015 eine Gruppenreise nach Menorca.

Und wenn die TRAIL-MANIAKS mich fragen, ob ich dabei bin?
Dann würde ich wohl an das zauberhafte Lied der Gruppe “The Beautiful South” denken und ich glaube, die Antwort wäre “Yes”.

MP3-Soundplayer “The Beautiful South – I think the Answer’s Yes” – hier klicken …

Und wie wäre Deine Antwort?

Die Bildergalerie zu diesem Lauf:
Menorca_GalerieMenorca_Galerie

Die Eifel ist überall

2014-05-03 14.32.17Der “The Trail Yonne” – was für ein schönes Bild hatte ich mir von diesem Trail gemacht!

Im Burgund laufen, das regt die Phantasie an, es klingt nach weiten und steilen Weinbergen und nach großen, alten, herrschaftlichen Weingütern. Man stellt sich eine hügelige Landschaft vor, in der Forstwege durch die riesenhaften Weinberge führen.
Es hätte also alles so schön sein können dort an der Yonne im französischen Burgund.
Aber es war irgendwie wie in der Eifel.
2014-05-03 14.45.03Wir liefen über Wiesen und Felder, durch hohes Gras oder durch riesige Wälder und wir liefen einfach über Äcker, Kilometer für Kilometer. Und ständig dachte ich, dass ich das auch in der Eifel hätte haben können, direkt vor der Haustüre und nicht rund 500 Kilometer von zu Hause entfernt.
Und auch anderes war ähnlich wie in der Eifel:
ich verstand niemanden richtig!
Mein deutlich eingerostetes Schulfranzösisch ist nicht mehr viel besser wie mein Verständnis für “Eifler Platt”, im Zweifel, wenn schnell gesprochen wird, verstehe ich nur wenig bis gar nichts.
2014-05-03 15.17.06Das heißt aber nicht, dass die Strecke nicht schön gewesen wäre, schön im herkömmlichen Sinne. “The Trail Yonne” versprach Trails und wir bekamen reichlich Trails, nur eben welche, die so gar nicht zu dem Bild passten, das ich mir vor dem Lauf davon gemacht hatte. “Du sollst Dir kein Bild(nis) machen,” heißt es ja schon in den 10 Geboten, schon gar nicht von Ultratrails.
Du kannst nur enttäuscht werden …

Es gab viele knackige Anstiege, keine langen, eher stramm-kurze, die Dir erst nach und nach die Energie aus dem Körper saugen. Am häufigsten aber ging es über leicht ansteigende Wiesenwege. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich die wirklich nicht mag. Ich mag es, wenn es flach ist und ich gemächlich traben kann. Und ich mag es, wenn es mindestens einigermaßen steil rauf geht, zumindest so steil, dass man, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne sich umzudrehen, um nachzusehen, dass auch wirklich niemand zusieht, auf zügiges Gehen umstellen kann.
Aber die Anstiege, die eigentlich keine sind, die ich aber nur mit viel Mühe und Überwindung laufen kann und die ich am liebsten gehen würde, die Anstiege, bei denen ich immer froh bin, wenn ich einen Laufpartner habe, der noch ein paar Meter vor mir auf das Gehen umstellen will und ich mich dankbar anschließen kann und die Umstellung vor mir selbst mit dem Laufpartner rechtfertigen kann, diese Anstiege hasse ich.
Und wenn es davon sehr, sehr viele gibt und wenn ich gleichzeitig keine Laufpartner finde, dann leidet auch meine innere Einstellung zu einem Lauf.

Und Laufpartner waren wirklich nicht zu sehen. Alleine bei 40 Kilometern lief ich eine Weile mit einem jungen Mann aus Paris, der italienische Wurzeln hat und dessen Eltern sich strategisch günstig in Chamonix und in den Pyrenäen angesiedelt haben. Er war einer der ganz wenigen, der nicht vor Schreck erstarrt ist, wenn ich, nachdem ich angesprochen wurde, mit meinem Lieblingssatz: “In English please …!” geantwortet habe. Und sein Englisch war sogar ganz ordentlich.
Leider war er mir zu schnell, zumindest in dieser Phase.

Ich hatte beschlossen, zwischen dem 40. und dem 58. Kilometer meine Krise zu nehmen. Andere werfen sich Gels ein, ich wollte es mit einer psychischen Krise versuchen. Wenn Du das machst, dann merkst Du schnell, dass diese Maßnahme wesentlich schneller ihre negative Wirkung zeigt als die Gels eine positive Wirkung zeigen würden.
Die Kunst, unglücklich zu sein, kann also auch auf Ultratrails geübt werden. Bestimmt hat österreichische Psychologe Paul Watzlawick Ultratrails im Auge gehabt, als er seine “Anleitung zum Unglücklichsein” geschrieben hat. Die brauchte ich aber gar nicht, das ging auch so ganz gut ..

Diess Ml hbe ih abgekrzt …

Hintergrund dieser Krise war das Briefing kurz vor dem Start. Der Erzählende wies in schnellem und gutem Französisch darauf hin, dass diejenigen, die die 110 K doch nicht laufen wollten, in Villeneuve sur Yonne auf das 85 K Rennen switchen können. So viel Französisch verstand ich dann doch, das zu realisieren. Und weil ich dachte, dass ich eigentlich schon genügen Eifelberge gelaufen war, überlegte ich, dieses Angebot anzunehmen und den 25 K Loop, der von Villeneuve sur Yonne nach Villeneuve sur Yonne ging, einfach auszulassen.

Und da saßen doch tatsächlich die beiden Geister auf meinen Schultern, das kleine Teufelchen, das mir in epischer Breite die vielen Vorteile einer Verkürzung verkündete. “Einlaufen gegen drei Uhr, schön schlafen, wenn es noch dunkel ist,” hieß es da. “Du hast in der letzten Zeit wirklich genug getan,” hieß es außerdem und da kamen auch Sätze wie: “Du bist heute so schlecht drauf, die 16:40 Stunden für die 110 K schaffst Du so sowieso nicht.” Das Teufelchen ließ mich glauben, mich ganz hinten im Feld zu befinden, bestenfalls waren zwei, drei Wanderer noch hinter mir.
Und da war da auch noch der gute Geist auf der anderen Schulter, der mich von meinem Vorhaben abbringen wollte. Der war aber irgendwie rhetorisch nicht so gut drauf und kaum zu verstehen. Vielleicht zu viel “Eifler Platt”?

Und da traf mein Kopf die Entscheidung, mich sehr, sehr langsam zu machen. Ich konnte den Läufern, mit denen ich schon seit Stunden hinterher gelaufen war, plötzlich nicht mehr folgen, die Oberschenkel begannen zu brennen und jeder Schritt wurde schwer.
Wie viel Zeit, dachte ich, wird Dir dieser junge und unerfahrene Bursche abnehmen?
Ich wusste, dass ich ihn nicht mehr sehen würde. Und auch damit hatte ich Recht.

Es ist ja immer unser Kopf, der emotional getroffenen Entscheidungen rational zu begründen versucht und Dir das Gefühl gibt, richtig gehandelt zu haben. Ob Du also einen Lauf packst oder nicht, das entscheidet nie Dein Körper. Nur wenn Du Deinen Kopf steuern kannst, darin stark bist, dann bist Du auch ein guter Ultraläufer. Und wenn Du im Kopf eher weich und schwach bist, dann sind wir da in einer Liga.

Ich war fast am Ende, als endlich Villeneuve sur Yonne kam und ich überlegte, wie ich die noch kommenden 27 Kilometer (K 85) oder sogar 52 Kilometer (K 110) bewältigen sollte. Es schien mir unmöglich, bestenfalls mit ausgedehntem Wandern zu machen. Also sprach ich mit den Veranstaltern, an dieser Stelle von 110 auf  85 zu wechseln. Eine Entscheidung war getroffen, ich fühlte mich wie befreit, befreit von dem Entscheidungsdruck.
Und ich lief mit einem älternen Franzosen aus dem Verpflegungspunkt heraus und ich wünschte ihm dann noch Spaß und Erfolg beim Lauf, ich müsste ja nun ganz, ganz langsam machen. Das tat ich auch, aber er entfernte sich nicht signifikant von mir. Und nach vielleicht einem Kilometer ging es mir wieder gut. Der gute Geist und das Teufelchen hatte ich ja am Verpflegungspunkt zurück gelassen, ich hatte keinen Druck mehr und ich lief und lief und lief, vorbei an dem älteren Franzosen und überhaupt an sehr vielen, die da noch vor mir waren.
Die kumulierte Gesamtgeschwindigkeit sank sogar von 8:04 Minuten auf am Ende 8:02 Minuten, trotz einiger besonders schwerer Anstiege.

Ich errechnete in Villeneuve sur Yonne, dass ich bei einer 10er Zeit im Durchschnitt um 3 Uhr drin sein würde und diese hochgerechnete Zeit wurde besser und besser und ich wäre sogar noch vor 2.30 Uhr drin gewesen, wenn nicht am Ende noch 1,6 Kilometer dazu gekommen wären.
Ich lief in dieser Phase fast mit dem Zweitplatzierten des 110 K Rennens, Verriere Emmanuel, der vielleicht 15 Kilometer vor dem Finish auf mich auflief und dem ich lange als Pacemaker folgen konnte.

Am Ende waren es 25 Kilometer weniger als geplant. Aber statt der 16:40 Stunden, die ich prognostiziert habe, sind es dann weniger als 11:40 Stunden geworden. Das hätte also alles gepasst. Aber ich habe es nicht getan. Und das ärgert mich schon sehr.
Die Gesamtzeit von 11:35 Stunden aber freut mich genauso wie der 29. Platz von allen und der 3. Platz der Altersklasse V2H (Veterans 2, Homme).
Den jungen Mann, dem ich bei Kilometer 40 nicht mehr folgen konnte, habe ich fast 1 1/2 Stunden abgenommen, er war wohl doch etwas zu ungestüm am Anfang.
Aber er wird für die Zukunft wohl daraus lernen.
Das mussten wir ja alle tun, solche Erfahrungen mussten wir alle machen.

Solche Läufe wie der “The Trail Yonne” zeigen mir immer wieder, dass ich “etwas mehr” brauche, um gut laufen zu können, große Läufe wie den UTMB oder den TransGranCanaria, den Ultratramuntana auf Mallorca oder ähnliche, spektakuläre Aussichten, aufregende Wege oder einfach nette und interessante Laufpartner, die mir helfen, zu vergessen, dass ich gerade sehr, sehr langsam bin. Und ich habe wieder einmal gesehen, dass es für mich sehr schwer ist, dem “süßen Gift” zu widerstehen, das immer dann verstreut wird, wenn es heißt, dass man verkürzen kann und dennoch gewertet wird.
Ohne diese Option wäre ich halt die gesamte Strecke gelaufen.
Und das sicher auch nicht schlecht.

Der “The Trail Yonne”, wie war er denn nun in der Zusammenfassung?
“Ganz nett” war er sicher. Und irgendwie war ich ja gar nicht da, denn bekanntlich ist  “ein Mal ist kein Mal”.
Zwei Mal wären aber ganz sicher ein Mal zuviel …2014-05-03 20.40.26
Meinen Bericht auf laufspass.com gibt es hier …

Was ziehe ich nur an?

The_Trail_YonneNach einem Wochenende ohne Laufen, eigentlich nach zwei Wochen ohne Laufen, geht es am Samstag in der Frühe nach Sens im französischen Burgund. 110 Kilometer Trail stehen an bei einem Lauf, der sich ganz bescheiden “THE TRAIL YONNE” nennt.
Wenn ich an das Burgund denke, dann kommen mir edle und teure Burgunder-Weine in den Sinn, dünne, bauchige Burgunder-Gläser und ich denke an die Städte Mâcon, eine der französischen Hauptstädte guter Weine, Auxerre, eine Stadt, in der noch vor einem Jahrzehnt ein international erfolgreicher Fußball gespielt wurde mit einer Mannschaft, die heute nur noch am Ende der Tabelle der zweiten französischen Liga herum dümpelt und natürlich an Dijon, die heimliche Hauptstadt des Senfs.
BurgundAn einen Ultratrail aber dachte ich nicht, bisher. Das soll sich jetzt jedoch ändern.

Und weil ich zurzeit relativ viel Zeit habe, konnte ich mich gut auf den Lauf vorbereiten. Und die Vorbereitung beginnt ja immer mit der typischen Frage:
“Was ziehe ich nur an?”
Das “kurze Schwarze”, das mich meist begleitet? Aber mit welcher Farbe kombiniert? Orange? Weiß?
Oder doch das “kurze Weiße”, das ich so gerne in den Bergen trage?
Eine echte Alternative könnte auch die schwarz/grüne Kombination sein mit dem schicken X-BIONIC POWER SHIRT, aber passt da ein roter Rucksack dazu?
Ich sehe schon: ich habe gar nichts mehr zum Anziehen, da hilft nur ein ausgiebiger Shopping-Trip!
Und was ist mit den Schuhen?
Finde ich Waldwege vor, breite Wege durch die Weinberge – oder doch Single-Trails? Überhaupt, finde ich, kann meine lädierte Psyche nur dadurch geheilt werden, in dem ich mir neue Laufschuhe hole. Schuhe kaufen als Balsam für die Seele.
Ja, ja, was Frauen die Pumps sind, sind dem Läufer die Trailschuhe …
Ob mich da mal jemand auf einer Läuferparty mit der ältesten, aber auch erfolgreichsten Anmach-Floskel der Welt zu betören versucht?
SchuhgeschaeftIch habe mir die Liste der Pflichtausrüstung angesehen, abgesehen davon, dass die heute in französischer Sprache rundgemailt wurde, gibt es da keine Überraschungen.
Mindestens 1 Liter Wasser, eine Trillerpfeife, eine Überlebensdecke, Reflektoren, ein Kopflicht, ein Ersatz-Kopflicht, soweit die Pflicht, ein Mobiltelefon, ein paar Riegel, eine Regenjacke mit Kapuze, Handschuhe, eine Mütze, eine zusätzliche, wärmende Schicht, etwas Geld für alle Fälle, eine Laufbrille, Wechselschuhe, Wechselkleidung, Sonnencreme, einen Kompass (das gibt’s doch auch als App!), ein Messer und Vaseline, soweit die Kür.
vive_la_franceUnd dann habe ich mir die Fahrtstrecke angesehen. Ich habe einmal versucht, die Strecke ohne mautpflichtige Autobahnen zu suchen und einmal mit mautpflichtigen Autobahnen. Auf jeden Fall geht es erst durch Luxemburg und dann, in Frankreich, beträgt der Zeitunterschied zwischen den beiden Alternativen rund zwei Stunden. Spare ich also an der Zeit oder an den hohen Autobahngebühren? Vive la France!
WeinkarteZuletzt noch ein Blick auf die Verpflegungsposten:
Die längste Strecke, die zwischen zwei VPs zu bewältigen ist, beträgt 24 Kilometer. Wenn ich von 9 Minuten pro Kilometer ausgehe, dann beginnt diese Etappe kurz nach Mitternacht und endet gegen 3 Uhr. Es wird also kühl sein, der Flüssigkeitsbedarf ist dann eher niedrig.
Bei K08, K26, K47, K58, K82, K96 und K105 gibt es Verpflegungsposten, immer in den Städtchen, in Sens am Start und Ziel, in Collemiers, Chaumot, Saint Julien du Sault, Villeneuve sur Yonne, erneut in Villeneuve sur Yonne, Marsangy und in Gron.
Profil2.500 Höhenmeter auf 110 Kilometer, wahrlich nicht allzu viele. Komme ich da mit 9 Minuten pro Kilometer hin, mit 16 Stunden und 30 Minuten total?
Wenn es so wäre, dann wäre der Lauf, der am Samstag um 15 Uhr beginnt, um 6.30 Uhr am Sonntagmorgen zu Ende.
Aber wie heißt es im Musical “Elisabeth” so schön?

“Doch was nützt ein Plan, ist er auch noch so schlau, er bleibt doch immer Theorie und nur das eine weiß man ganz genau, so wie man plant und denkt, so kommt es nie!”

Es wird stark auf die Beschaffenheit der Böden ankommen, auf das Wetter und auch darauf, ob ich Lust habe, mich zu quälen oder ob ich mich lieber doch etwas schone und mit irgend einem anderen Läufer quatschend durch die Nacht laufe.

Und die Cut-Offs?
Hier zeigt sich, dass die Strecke entweder wesentlich schwieriger ist als ich sie mir vorstelle, oder aber es ist ein “Bei-uns-kommt-jeder-durch”-Lauf. Bis zum letzten Cut-Off beispielsweise hast Du 21 1/2 Stunden Zeit – für 108 Kilometer!
Die Etappe mit der längsten Strecke ohne Verpflegung musst Du spätestens um 2 Uhr 30, also nach 11 1/2 Stunden, beginnen und dann spätestens um 7 Uhr 30, also nach 16 1/2 Stunden, hinter Dich gebracht haben.
Stop, alle Überlegungen zurück. Wie waren denn die Zeiten im Vorjahr?
Mit 13:36:36 Stunden warst Du Dritter von allen bei den Männern und als dritte Frau durftest Du Dich sogar 19:42:00 Stunden lang vergnügen. Sind da die geplanten 16 1/2 Stunden für mich überhaupt realistisch?
68 Starter gab es 2013, davon kamen 67 in die Wertung, 1 Dame war “non classée”. Und 10 dieser 67 Finisher brauchten mehr als 20 Stunden?!
TrailDu, THE TRAIL YONNE im Burgund, nahe der Champagne, Du machst mir Gedanken. Und die drehen sich im Kreis.
Und da bin ich auch wieder am Anfang:
Was ziehe ich nur an?
Course

Backen für Fortgeschrittene …

MallorcaMan nehme:
Eine Insel, nicht allzu groß.
Einen Gebirgszug, möglichst schroff. Man stelle ihn ins UNESCO Welterbe World Heritage.
Einen Trail, möglichst eng und steinig.
Ein Meer, blau, zum drauf schauen.
Eine Horde Läufer, mindestens 350 Stück.
Viel direkte Sonne.
Ein Orga-Team, das sich um die Läufer kümmert.
Zuschauer, die stundenlang applaudieren und anfeuern.

Zuerst nimmst Du die Insel. Du positionierst sie so, dass sie gut erreichbar ist. Und Du positionierst sie im Süden, damit es warm ist, aber nicht zu tief im Süden, damit die Temperaturen noch auszuhalten sind.
Das Gebirge schichte nicht allzu hoch auf, damit noch Platz für Wälder und Sträucher bleibt. Am besten ist es, wenn man das Gebirge nicht mitten in der Insel aufschichtet, sondern irgendwo am Rand.
In dieses Gebirge legst Du nun den Trail. Achte dabei darauf, dass Du diesen möglichst oft wieder bis ganz runter in die Täler führst.
Das Meer legst Du um die Insel herum, damit die Aussichten darauf schön sind.
Die Läufer bereitest Du einzeln vorab vor
(siehe Rezept: Wie mache ich aus Menschen Läufer?),
achte dabei darauf, dass sie alle einen Rucksack tragen, stecke dort etwas Essbares rein und fülle die Trinkblasen mit sehr viel Wasser. Die Läufer werden es brauchen.
Wenn Du all das hast, dann köchle alles unter direkter Sonneneinstrahlung. Achte darauf, dass mindestens 27 Grad erreicht werden und dass die Hitze möglichst lange anhält und nicht allzu sehr abfällt gegen Abend.
Das Orga-Team verteile ungefähr gleichmäßig am Anfang des Trail, den wir “Start” nennen und an das Ende des Trails, das wir “Finish” nennen. Und vergiss nicht, dieses Team auch in den vielen Tälern zu verteilen. Statte die Team-Mitglieder mit viel Essen und mit sehr vielen Getränken aus. Sie sollen diese Sachen den Läufern geben.
Und statte die Team-Mitglieder im Finish auch mit hübschen Metallplättchen aus, die Du, damit sie besser um den Hals getragen werden können, mit einem Textilband versiehst. Dazu statte diese letzten Team-Mitglieder auch mit wärmenden Vlies-Pullis aus, die sie am Ende den Finishern geben sollen. Auf die Pullis nähe vorab ein hübsches Bildchen, dann sind die Läufer noch stolzer.
Die Zuschauer verteile sporadisch in den Tälern, die meisten aber stellst Du vor dem Finish auf. Achte darauf, dass die Zuschauer andauernd “¡Ánimo!” rufen, je lauter, desto besser, je öfter, desto besser. Für den Erfolg des Rezepts ist es vor allem sehr wichtig, dass die Zuschauer vor dem Finish zahlreich und laut sind.
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Wenn Du all das richtig zusammenstellst, Dir die nötige Ruhe antust, das alles wirken zu lassen, dann wird das Ergebnis ein Lauf sein, der seinesgleichen sucht. Der ULTRA TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA auf Mallorca ist solch ein Lauf, der es wert ist, von vielen aus unserer Läuferfamilie gelaufen zu werden. Und das sage ich, wohl wissend, dass ich schon den einen oder anderen Lauf auf der einen oder anderen Insel hinter mir habe und deshalb durchaus Vergleiche ziehen kann.
Ganz besonders schön finde ich dabei, dass dieser Lauf nicht wie die meisten Inselläufe von einer Küste zur anderen Küste geht und man dazwischen das Meer meist gar nicht sieht, sondern der Trail läuft parallel zur nord-westlichen Küste und verwöhnt Dich immer wieder mit imposanten Ausblicken auf das große, stille, blaue Meer, das von oben immer so harmlos und glatt aussieht, so mächtig und attraktiv, dass ich stets denke, dass wir Menschen uns heimlich immer noch dahin gezogen fühlen, wo wir eigentlich herkommen.

Die Organisatoren feilen dabei ständig am Konzept und an den Details. So haben sie gegenüber 2012, wo ich dort das erste Mal gelaufen bin, den Startplatz verändert. Statt ganz profan auf der Straße neben dem “PALAU MUNICIPAL D’ESPORTS” hat man sich für 2014 ein Kastell ausgesucht, das wunderschön erleuchtet ist und den mitternächtlichen Start besonders bemerkenswert macht.
Für Lars, Hendrik und mich, die wir uns kurz vor dem Start noch ein Wässerchen gegönnt hatten und die die Ruhe weg hatten, obwohl wir mittlerweile nur noch die “letzten Mohikaner” in dem Bistro waren, hätte das fast ein Riesenproblem werden können. Wissend, dass der Start gleich draußen vor der Türe stattfindet, hatten wir uns gewundert, warum die anderen Läufer alle schon Richtung Start gegangen waren, bis ein aufgeregter Bistro-Mitarbeiter uns darauf hingewiesen hat, dass wir noch einen längeren Fußweg bis zum Start zu bewältigen hätten. Also zogen wir los, nicht in Hektik, aber auch ohne die übliche Gelassenheit, um gerade noch rechtzeitig zum Massenstart auf dem Kastell zu kommen.

Die zweite Änderung war, dass man nach Valldemossa, dem Startort des “Trails”, also der kürzeren Variante, nicht links über die Berge ging, sondern rechts herum durch eine Schlucht, die mich so sehr fasziniert hat, dass ich am liebsten stehen geblieben wäre. Dachte ich bislang, dass die Schlucht auf Gran Canaria, die zum Cruz Grande führt, einen “Magic Moment” darstellt, so blieb das für mich weit hinter dieser Schlucht zurück.
Der Vorteil auf Mallorca ist dabei, dass es nicht so hoch ist und auch nicht so heiß ist im Jahresverlauf, einen richtigen Winter haben kann und daher Gebiete bewaldet sind, die auf Gran Canaria einfach nur mit niedrigem Buschwerk bewachsen sind. Und dieser optische Vorteil kommt eben dieser Schlucht zu Gute.

Aber jede Münze hat zwei Seiten, sagt man, alles hat seinen Preis. Und der Preis für diese schöne Schlucht war dann nach einem fantastischen Höhenweg mit Blick auf das Meer ein Downhill, den ich erst schnell angegangen bin. Dann aber habe ich gemerkt, dass ich das ja gar nicht kann und ich reduzierte mein Tempo. Bis dahin war ich wirklich gut in der Zeit gelegen, die ersten 56 von 112,2 Kilometern habe ich in 8:58 Stunden hinter mich bringen können.
Aber trotz dessen, dass ich langsamer wurde, begannen die Oberschenkel zu brennen und ich hatte das Gefühl, dass jetzt nichts mehr gehen würde.

Diese Phase war die vielleicht einzige, vor der ich Sorge hatte.
2012 erreichte ich Valldemossa um 7:40 Uhr und dann, nach dem nächsten Uphill, rannten mich die noch frischen Cracks des kurzen Trails TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA, der um 8:00 Uhr startet, auf dem Downhill tot. Eingeschüchtert ob meiner Langsamkeit blieb ich immer wieder stehen, um die Züge der Cracks vorbei zu lassen, für die es ja der erste Downhill war.
Die großartige Steph Lieb von den TRAIL-MANIAKs war da auch darunter.
2014 wollte ich diese Situation weitgehend vermeiden. Ich lief also schon um 6:59 Uhr in Valldemossa ein und um 7:02 Uhr dort aus und der erste der schnellen Trailer holte mich erst kurz vor dem Ende des deutlich schwierigeren Downhills ein.
Dennoch blieb das Überholen durch die Trailer ein Dauerzustand und ich weiß nicht, ob ein Start um 10 Uhr da nicht sinnvoller wäre.
Insgesamt überholten mich bis zum Finish 431 der rund 1.200 Starter, also rund ein Drittel der Gestarteten. Und ich war nun wirklich nicht langsam unterwegs.

Von Läufern des Ultra wurde ich sehr selten überholt. Die Schnellen waren ja sowieso vorne, da ich wie immer langsam und verhalten begann. Deshalb war ich anfangs recht weit hinten im Feld, aber dann holte ich Position für Position auf. Natürlich hat jeder seine guten und schwachen Phasen und so gab es einige Ultras, die mich überholten, die ich überholte und mit denen ich im Grunde einen großen Teil des Rennens gemeinsam gelaufen bin.
Aber eben die Trailer, die mich überholten, waren seit Valldemossa mir gegenüber ja 58 Minuten schneller unterwegs, keine Frage, dass die alle nicht mehr einzuholen waren. Dennoch tröstete es mich, dass mir 417 Läufer des Trails diese 58 Minuten nicht abnehmen konnten, obwohl sie die rund 46 Kilometer zuvor nicht in den Beinen hatten und dass beispielsweise der letzte der Trailer kaum mehr als drei Stunden weniger für seine Strecke gebraucht hat wie ich für die gesamte Strecke.

Dann aber kamen die Verpflegungspunkte mit Kohlenhydraten. Hintereinander folgten Nudeln, Reis und erneut Nudeln. Auch das war neu. Ein Mal Nudeln in Soller war alles, was es 2012 gab. Und noch etwas war neu und absolut himmlisch: Wasser und Cola wurden in großen Bottichen gekühlt und waren zwar nicht eiskalt, aber eben nett kühl.
Mit Grausen erinnere ich mich an die Cola im Jahr 2012, die so warm war, dass ich sie nicht mehr haben und trinken konnte.

Und es kam Soller. Soller ist ein wirklich nettes Städtchen mit einem pulsierenden Stadtzentrum, wo Tausende von Menschen vor den Cafés und Bistros im Freien saßen und den April einen schönen Monat sein ließen.
An denen ging es vorbei bis zum großen Verpflegungspunkt und wieder ertönten “¡Ánimo!” Rufe. Einige der Zuschauer waren dabei enorm sachkundig und erkannten, dass die Läufer mit den grünen Startnummern in Valldemossa gestartet waren, die mit den roten Startnummern aber schon in Andratx los gelaufen waren.
Die mit den roten Startnummern waren wohl 400 Starter gewesen, davon sind 286 Läufer im Ziel angekommen, die letzten kurz vor dem Cut-Off um 24.00 Uhr.
Und weil, wie schon geschrieben, jede Medaille zwei Seiten und alles seinen Preis hat, bezahlten wir das Erlebnis in Soller mit dem Anstieg auf den höchsten Punkt des Rennens. 1.250 Meter ging es nach oben. Und das auf einem Weg, der steil war und direkt von der gnadenlos brütenden Sonne beschienen wurde.
Ein Polizist fing am Anfang jeden Läufer ab, fragte ihn, ob er wisse, wo er sei und was da auf ihn zukommen würde. Ich wusste es. Ich hatte diesen Uphill 2012 hassen gelernt. Und ich hatte die Fotos beispielsweise von Birger Jüchter und Hans-Peter Roden aus dem Jahr 2013 bewundert, die diese Passage im Nebel bewältigen durften. Wo bitteschön, ist das Paradies?
Bei 27 Grad im Schatten wird daraus eine echte Herausforderung.

Ein Sonnenstich in 2012 holte ich mir da, Nasenbluten am höchsten Punkt, weswegen ich anhalten und Läufer um ein Tempo bitten musste, später dann musste ich mich insgesamt vier Mal übergeben, eine Situation, die ich weder davor noch danach noch einmal hatte.
Ja, ich wusste, was mich erwarten würde.
Dem Polizisten sagte ich: “Ja, ich weiß, 1.250 Höhenmeter, steiler Trail, kein Schatten, brütend heiß!”
Er war zufrieden.

Ich war es auch, denn es gab dennoch hin und wieder doch etwas Schatten. Den hatte meine Erinnerung vollkommen ausgeblendet. Aber weil ja meine Oberschenkel noch immer zeitweilig gekrampft haben, musste ich unter dem Krampfpunkt laufen und wählte einen langsamen, aber stetigen Läufer als meinen Pacer, den ich keinesfalls überholen wollte. Das war eine richtig gute Entscheidung, weil ich merkte, wie ich zu regenerieren begann.
Allen, die solch eine Situation noch nie erlebt haben, sei gesagt, dass es immer die Chance gibt, zu regenerieren. Früher bin ich in solchen Situationen gelegentlich ausgestiegen, weil ich dachte, dass ich in dem Zustand, in dem ich war, nicht mehr finishen könnte. Aber wenn Du dann bewusst langsam machst, ein, zwei, drei Stunden lang, dann geht es Dir wieder besser. Und Du “verlierst” in der Stunde vielleicht zehn Minuten, also maximal eine halbe Stunde, wenn Du das drei Stunden lang machst. Aber Du kannst wieder laufen, kannst finishen und alles wird gut.
Danke an dieser Stelle meinem unbekannten Pacer.

Ein Verpflegungspunkt auf 850 Metern, dann der Anstieg auf den 1.250 Meter hohen Gipfel und dann ging es runter.
Aber eins hätten wir dann doch noch …
Nach dem Abstieg auf etwas mehr als 1.000 Meter geht es dann doch noch einmal auf knapp 1.200 Meter hoch, ein kleiner Test für Deine Psyche, den Du dann aber locker meisterst. Wer bis dahin rund 90 Kilometer bewältigt hat, der lässt sich von so einem letzten Berg nicht abschrecken.
Aber dann ging es wirklich runter, runter bis zum Kloster Lluc. Ich lief und trabte im Wohlfühl-Modus, ich war nicht sicher, wie es mir gehen würde und wollte mich etwas schonen.
Dann aber, nach dem letzten Verpflegungspunkt im Kloster Lluc, ging es einen letzten Trail downhill. Noch etwa 17 Kilometer, da geht noch was. Und wenn danach alles weh tut, dann ist das egal. Dann ist da das Finish und alles wird wunderbar!

Ich heftete mich an die Fersen eines Trail-Experten. Ich lief in seiner Spur, stellte die Füße dort auf, wo er es tat und so bildeten wir einen Zwei-Mann-Kurzzug, der Läufer um Läufer überholte. Wir waren so schnell, wie ich alleine niemals gewesen wäre. Ich bin ja eher ein ängstlicher Downhiller, ständig in Sorge, umzuknicken, zu stürzen oder, noch schlimmer, an jemandem vorbeizulaufen, den ich kenne und ihn nicht grüße!
Ich weiß nicht, wie viele Läufer wir auf diesen 9 Kilometern downhill überholt haben und wie viele davon Trailer und wie viele davon Ultras waren, ich weiß nur, dass ich diesen Lauf fantastisch fand.
Und dann folgten etwas mehr als 7 Kilometer fast flach bis ins Ziel. Mal auf der Straße, mal auf einem Trail daneben. Ich hielt das Laufen nicht mehr permanent durch und wechselte von schnellem Gehen über das Traben zum Laufen und wieder zurück.
Als das Schild “Noch 7 Kilometer” kam, rechnete ich mit maximal noch 10 Minuten pro Kilometer, also mit maximal noch 70 Minuten. Ein Finish unter 19:30 Stunden war also sicher, bis dahin wären es sogar noch 74 Minuten gewesen. Unter 19:00 Stunden zu finishen war auch illusorisch, da hätte ich nur noch 44 Minuten Zeit gehabt. Eine glatte Sechser-Zeit … aber nicht nach über 100 Kilometern in den Beinen.

Und irgendwann kam dann die Stadt Pollença, das Ziel. Ich wurde schneller.
Je mehr Menschen den Weg säumten, desto schneller lief ich. Nur einmal, an einem Anstieg im Dorf, schaltete ich kurz zurück, um dann mit Verve und Elan die letzten Meter zur Finish-Line zu nehmen.
Ich packte gefühlt eine 4:30er Zeit aus, mein Garmin hatte mich schon lange verlassen, aber ich war so schnell wie selten. Vor mir, kurz vor dem Ziel, machte mir noch ein Läufer Platz und er forderte mich auf, ihn zu überholen.
Aber das wollte ich nicht und ich sagte ihm, dass ich das nicht fair fände. Wir liefen also zusammen ein und schon auf den letzten 50 Metern begannen wieder die Tränen zu laufen.

Aus den Tränen wurden Sturzbäche und die Orga-Team-Leute wussten nicht recht, was sie mit mir anfangen sollten.
Dabei war ich einfach nur überglücklich.
Das sind die Momente, für die ich laufe, für die ich lebe!
19:07 Uhr stand auf der Anzeige über mir, die Menge jubelte und ich fühlte mich so, also hätte ich dieses Rennen gerade gewonnen.
Man stellte mir einen Stuhl hin und ich bemühte mich, durch Wackeln des Oberkörpers dem Körper noch etwas Bewegung zu geben, um langsamer runter zu kommen.
Dass ich den 7. Platz der Altersgruppe MÀSTER MASC erreicht hatte, wusste ich erst viel später. Auch der 136. Platz von allen ist für mich in Ordnung. Mehr ist für mich alten Mann eben nicht mehr drin.
Im vorderen Drittel der Gestarteten, deutlich in der vorderen Hälfte der 286 Finisher, was will ich mehr?

So bleibt mir nur, mit guten Gedanken Richtung Mallorca zurück zu denken, den Organisatoren des TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA von Herzen zu danken und ihnen zuzurufen:
“Da habt Ihr etwas ganz, ganz Tolles auf die Beine gestellt. Respekt, Hut ab und tief, ganz tief, verneigt!”Start