Laufen in Lappland

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Lappland ist der Landesteil von Skandinavien, der nördlich des Polarkreises liegt, dachte ich immer. Lappland ist das Land der Rentiere, dachte ich und da gibt es auch die Lemminge, den Vielfraß und die Elche.
Und nicht zuletzt ist Lappland sehr dünn besiedelt, extrem dünn besiedelt sogar.
Dachte ich. Bis gestern.
Gestern war ich also in Lappland laufen.
“Laufen in Lappland”, so sagte Daniel Heideck vor der Veranstaltung.

Aber dieses Lappland liegt nun mal doch weniger weit nördlich wie gedacht, eher auf den Eifelhöhen eine Biel-Lauflänge von meinem Heim entfernr.
Und statt Rentieren sah ich ungeheuer viele Renntiere, die wie Lemminge hintereinander her liefen. Ich war einer dieser Lemminge. Und ich war es gerne.
DSC_3922Aber dünn besiedelt ist diese Gegend auf den Eifelhöhen auch, wenngleich nicht ganz so dünn wie das Lappland im Norden Europas, wo ja nur rund 2 Einwohner auf jeden Quadratkilometer kargen Landes kommen.
Lappland in der Eifel ist also das Lauf- und Lebensgebiet von Holger Lapp, “Asics Frontrunner” und Held von “Trailrunning Eifel” und dem Blog www.trampelpfadlauf.de.
Ach so, Daniel, dachte ich und verstand, warum Lappland so weit nach Süden verschoben scheint.
Und weil Holger Lapp und die Seinen im Gebiet rund um Monschau jeden Stein auf den Trails beim Vornamen kennen, weil sie dort zuhause sind, wo die Strecke des Monschau-Marathons zu finden ist und weil Holger Lapp und die Seinen gleichsam schnell und eifeltrailerfahren sind, waren sie alle schneller als ich, Daniel Heideck inklusive.

Aber das war ja klar. Ich wollte ja gemütlich ein paar finale Kilometer vor dem SwissIronTrail in die Beine bekommen und das gelang mir auch einigermaßen, zumindest bis zum Halbmarathon-Punkt. 2:16 Stunden für die erste Hälfte des “MM”, des Monschau Marathons, fast exakt 6:30 Minuten für jeden der durchaus anspruchsvollen Kilometer runter und meist rauf auf die Hügel der Eifel.
DSC_3946Aber dann war es das mit der Gemütlichkeit, mit der Kontrolle und ich wurde schneller. Erst nur, weil ich dachte, dass zwei Mal 2:16 Minuten doof sind und ich gerne unter der Marke von 4:30 Stunden für den Marathon bliebe. Also musste die zweite Hälfte schneller sein als die erste.
Dann aber auch, weil ich sehen wollte, ob ich überhaupt noch laufen kann nach dem vielen Speedhiken in England, Andorra und in Kirgistan.
DSC_3921Und wenn Du, wie ich am Sonntag, weit hinten startest, dann wird so ein Marathon besonders interessant. Du hast ständig neue Läuferkollegen! Das ist wirklich richtig interessant.
Bei manchen Läufen hast Du vom Start bis zum Ziel die gleichen Leute um Dich herum. Das ist das Zeichen, dass Du Dich im Pulk richtig eingeordnet hast. Die Schnellen sind vorne und entfernen sich immer mehr von Dir und die Langsamen sind hinten und auch die entfernen sich immer mehr von Dir, wenngleich das in die andere Richtung geschieht.
Den ganz eifrigen Läufern, denen, die sich mutig und frech vorne bei den Cracks einordnen, geht es dabei oft so, dass sie ständig nach hinten durchgereicht werden. Auch die laufen immer mit neuen Kollegen um sie herum.
Und ich startete nun wirklich weit hinten und arbeitete mich sukzessive nach vorne. Und der Umstand, ständig auf neue Läufer aufzulaufen, motivierte mich derart, dass ich in der zweiten Hälfte des Rennens keinesfalls wieder eben gewonnene Plätze verlieren wollte.
DSC_3958Dazu kam, dass Du auch regulär die Vielzahl der Walker, die schon bis zu zwei Stunden vor den Marathonis gestartet waren, überholst. Und Du überholst auch noch einen Gutteil der Ultra-Marathonis, die mit einem Vorsprung von 1:55 Stunden zuerst die 14 Kilometer-Schleife liefen, um dann auf die Marathonstrecke einzubiegen. Die meisten Ultras hatten dann noch rund 15 Minuten Vorsprung auf die Marathonläufer. Und die waren dann irgendwann auch weg.

Und so kam ich dazu, regelmäßig zu grüßen, zu drücken und zu herzen. Ob es der typische Laufstil eines Bernd Rohrmanns war oder die schöne bunte Welt eine Bettina Mecking, es war einfach schön, auf diesem wunderschönen Lauf sich nicht alleine zu fühlen.
Schon vor dem Start waren da einige, die ich schon lange nicht mehr auf den Laufstrecken dieser Welt gesehen hatte. Willi Mütze mit seinen niederländischen Freunden, Helmut Hardy und andere Aachener Läufer.
Und ich traf auch mal wieder Daniel Heideck, mit dem ich gerade in diesem Jahr recht viel Gemeinsames hatte und ich traf eben auch Holger Lapp und seine Freunde.
DSC_3951Die Strecke des Monschau-Marathons ist schnell beschrieben. Da gibt es die historische Altstadt von Monschau, die ist so schön, so romantisch, die müsste unbedingt erfunden werden, wenn es sie noch nicht gäbe. Und durch diese schöne Stadt geht der Weg durch, vorbei an der historischen Senfmühle (Senf aus Monschau ist so berühmt wie die Stadt Monschau) und an anderen historischen und liebevoll restaurierten Gebäuden.

Der Rest der Strecke ist die Landschaft der Eifel pur. Hügel rauf, Hügel runter, grüne Landschaft, so weit das Auge blickt. Nichts für Bestzeitenjäger, aber auch kein Hardcore-Lauf und meine 4 Stunden und 18 Minuten für den Marathon erzählen genau davon. In der flachen City wären es vielleicht 3 Stunden 45 Minuten gewesen, in den Bergen hätte ich wohl eine deutliche Weile mehr gebraucht.
DSC_3928Eines aber fällt jedem auf, wenn man in Monschau läuft. Es ist ein Lauf von Leuten, die das Laufen lieben, von Leuten, die die Läufer lieben.
Und diese Liebe geht bis ins Detail.
Der Monschau-Marathon findet mitten im deutschen Sommer statt. Und oft ist es dort heiß, manchmal brüllend heiß. Und deshalb gibt es alle 3,5 Kilometer zumindest etwas zu trinken, meist sogar noch etwas zwischen die Zähne. Es ist leicht, von diesem Marathon schwerer nach Hause zu kommen wie man vor dem Marathon war, weil es eben so viele Verpflegungspunkte gibt, an denen man die verbrauchten Kalorien mehr als vielfach wieder ausgleichen kann. Lappland – Vielfraß, da war doch was …
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Und dennoch gab es neben den guten Leckereien auch zwei Sachen, die mich wirklich beeindruckt haben. Ich lamentiere ja gerne darüber, dass es selten Salz und noch seltener Salztabletten gibt. Selbst bei harten Ultraläufen vermisse ich dieses Wundermittel häufig und deshalb habe ich meine Tablettchen eigentlich immer dabei.
In Monschau wäre das nicht notwendig gewesen, endlich ein Lauf, bei dem man an diese wichtige Kleinigkeit gedacht hat.
DSC_3959Und ganz am Ende, am letzten Verpflegungspunkt, rund 3,5 Kilometer vor dem Ende, da reicht Dir dann jemand einen kleinen Plastiklöffel, an dem ein Batzen Honig hängt. Als “natural shot” für die letzten Meter.
Klar, das ist nichts für Veganer, aber Agavendicksaft wäre hier einfach zu flüssig. Ich jedenfalls fand diese Idee klasse und wünschte mir, auch andere Läufe würden diese Liebe zu den Läufern zeigen.
Und dann, vielleicht zwanzig Minuten später, bist Du dann drin. Am Ende geht es immer mal wieder rauf und Dich trägt noch immer der Gedanke an den Honig-Shot über die Strecke. Es gibt ein paar warme Worte des Moderators, der seine Sache sehr gut gemacht hat, sehr schnell Deinen Namen und Deine Daten präsent hat, auch wenn Du, wie ich, die Startnummer so unglücklich hängen hast, dass der “Vorgucker”, der dem Moderator schon vorab die Nummern der einlaufenden Helden mitteilt, diese nicht lesen kann.
DSC_3929Wenn Du dann schnell noch versuchst, diese Nummer nach vorne zu drehen und der Moderator tatsächlich nur wenig Zeit hat, auf der Teilnehmerliste nach Dir zu suchen, selbst dann findet er Dich, Dein Name hallt über die überfüllte Partymeile im Ziel, Deine Freunde hören, dass auch Du auf dieser Strecke unterwegs warst und dann wirst Du Dutzendfach angesprochen und immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert, der Frage, die mir auch schon die lieben und fleißigen Ultraläufer auf der Strecke gestellt haben:

“Hey Tom, was machst Du denn auf der Kurzstrecke?”

Aber Kurzstrecke laufen in der Eifel, in Land Holger Lapps, auf anspruchsvollen, aber nicht übermäßig fordernden Trails, in so viel Natur, wie es sich manche Städter gar nicht vorstellen können, das reicht dann auch, finde ich.
Nur ganz vielleicht werde ich beim nächsten Besuch dort doch auch mal den Ultra probieren, das aber nur, weil sie alle so nett sind, dort oben im Norden, im Lappland der EifelDSC_3927
Den entsprechenden Bericht auf www.laufspass.com gibt es hier …

Osh, Kyrgystan (Kirgistan)

DSC_3810Heiß ist es in Osh, vermutlich noch heißer als in Deutschland. Und vermutlich ist es dennoch im Winter kälter als bei uns. Kontinentales Klima halt, weit und breit kein Meer, das die Temperaturunterschiede begrenzen könnte. Osh liegt eben schon weit in Asien, direkt an Russland klebend.

Schön ist es nicht in Osh, vermutlich würde ich, wenn ich hier ein Jahr bleiben müsste, mindestens depressiv werden. Das “System UdSSR”, die bürgerkriegsähnlichen Konflikte vor einigen Jahren, die schwache Wirtschaftskraft, hier versucht jeder nur, zu überleben.
DSC_3815So viele Bettler, vor allem alte Frauen und alte Männer, habe ich noch nie in einer Stadt gesehen. Aber die, die davon nicht betroffen sind, zweifellos die überwiegende Mehrheit, sind stolz. Auf sich, auf Kyrgystan.

Junge Männer tragen gerne ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Kyrgystan” und dem nationalen Grafiksymbol dazu. Oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Russia”.
Davon ist man nicht weit entfernt, nicht nur wegen der gemeinsamen Grenze, die zufälligerweise auf dem Grat zwischen Basecamp 3 und dem Gipfel des Pik Lenin verläuft, sondern auch, weil die vielen Jahre im kommunistischen System der UdSSR, später der GUS-Staaten, tiefe Spuren hinterlassen haben.

Ältere Männer tragen oft einen ganz besonderen,  einen typisch kirgiesischen Hut, traditionell, hoch, mit einem Schlitz vorne in der Krempe und mit einem Text, den ich nicht lesen konnte. Dieser Hut wurde oft mit einer Weste kombiniert, die mich an Zimmermannsleute erinnerte.
DSC_3858Über die Stadt verteilt sieht man viele Statuen in kleinen Parks, selten aber sind diese Statuen ohne Macken und noch seltener ist der dazu gehörige Park gepflegt. Vertrocknetes Gras, herumliegender Müll, vieles wirkt trostlos, nicht nur in diesen Parks. Lampen sind oft zerschlagen und ohne Funktion, Springbrunnen funktionieren selten und die Fahrgeschäfte auf dem dauerhaften Jahrmarkt, einem Abklatsch des Wiener Praters, sind uralt und weisen ebenfalls oft erhebliche Macken auf. Und dennoch ziehen sie die Familien mit kleinen Kindern magisch an, die Kinder, die für den Gang auf den Rummel ganz besonders schön angezogen daher kommen. Mutti gibt sich immer dann besondere Mühe, wenn es auf den Jahrmarkt geht.
DSC_3812 DSC_3854 DSC_3865 DSC_3883 DSC_3895Staubig ist die Stadt, überall spürst und siehst Du den Dreck der Stadt, verursacht durch die Autoabgase der vielen, meist sehr alten Autos und durch das Aufwirbeln des Drecks, der sich eben überall befindet. Selbst nahe dem Stadtzentrum ist bei weitem nicht jede Straße geteert und durch das Befahren dieser Dreckstraßen wird die Luft der Stadt zusätzlich belastet.
DSC_3877 DSC_3896Chaotisch ist die Stadt und die Ampelschaltungen sind oft unglaublich, das haben die Fußgänger oft genauso “grün” wie die Autofahrer. Es wäre also naiv, bei “grün” einfach und blind über die Straße zu gehen. Vielleicht macht sich deshalb keiner die Mühe, bei einer Straßenüberquerung bis zur Fußgängerampel zu marschieren, man versucht es genau da, wo man ist, erst einmal bis in die Straßenmitte und dann, im zweiten Teil, ganz rüber. Angst hatte ich dabei oft, meist habe ich mich an Frauen mit kleinen Kindern orientiert.
Dennoch habe ich einige Straßenüberquerungen überlebt, weil hier jeder auf jeden aufpasst, zum Glück. Einen Verkehrsunfall habe ich nicht gesehen, obwohl vieles oft eng aussah und aufgeregt mit intensivem Hupen begleitet wurde. Die Hupe ist halt in vielen Ländern der beste Freund des Autofahrers, auch hier in Osh.

Dicke Menschen habe ich nicht gesehen, doch, einen Mann, aber der war die absolute Ausnahme. Es gibt zwar einige Männer und wenige Frauen mit einem mehr oder weniger großen “Bäuchlein”, die meisten Menschen aber sind schlank. Und gutaussehend sind sie, vor allem die Frauen.
Moderne Frauen, die gerne “bunt” tragen und sich ihrer Wirkung bewusst sind. Traditionelle Frauen, die sich mit Kopftuch oder Burka mehr oder weniger verhüllen. Eine Frau hatte sogar den Sehschlitz mit einem undurchsichtigen schwarzen Netz verschlossen.
Bemerkenswert fand ich vor allem einen der vielen Behinderten der Stadt. Etwa Mitte 20 Jahre alt, beide Beine oberhalb der Knie amputiert, Prothesen gab es nicht, dafür aber etwa 10, 15 cm dicke Schaumstoffpolster als Laufflächen, Beine und Polster mit Stoffbändern umwickelt, damit das Ganze hält.
Einen kleinen Spazierstock hatte er in der rechten Hand, den brauchte er zum kontrollierten Gehen auf den verbliebenen Beinstümpfen. In der linken Hand hielt er ein Speiseeis, an dem er regelmäßig leckte. Dabei sah er sehr glücklich aus, er lächelte und war mit sich und seiner Situation zumindest in diesem Moment offensichtlich im Reinen.

Groß sind sie nicht in Osh, vor allem nicht die Frauen. Die kleinen Kinder macht man fast durchweg hübsch und steckt sie in farbenfrohe Sachen. Und der kleinen Kinder gibt es mehr als genug. Und so viele hochschwangere Frauen wie an den gut zwei Tagen in Osh habe ich auch noch nie gesehen.
Und interessiert sind sie, die Bürger von Osh. Weil ich in der Stadt stets mit meinem Namibia-Hut unterwegs war, hielt mich jeder für einen Amerikaner und die wenigen, die der englischen Sprache einigermaßen Herr waren, sprachen mich an. Ob ich Amerikaner sei, Tourist und wie ich Osh finden würde.
“Interessant” war da immer meine Standard-Antwort.
Ob man wusste, was ich damit meine? Der Glanz in den Augen und die Freude im Gesicht der Fragenden sprachen dagegen.
DSC_3819 DSC_3876 DSC_3884“Interessant” – und da denke ich wieder an den Film “Ungeküsst”, in dem Drew Barrymoore, die die Hauptrolle dort inne hatte, erst mit Anfang 20 bemerkt hat, dass in den Vereinigten Staaten “special people” kein Kompliment, kein Lob ist. Bis dahin hielt sie sich für etwas Besonderes …

Viele goldene Zähne habe ich gesehen, ungeheuer viele. Meist waren es die Schneidezähne und meist waren diese nicht einzeln ausgebildet, sondern, nur mit einer kleinen Rille versehen, aus einem Stück gefertigt und eingesetzt. Gerne hätte ich die Geschichten erfahren,  die zu so vielen fehlenden Schneidezähnen geführt haben, vor allem auch deshalb, weil auch viele junge Menschen davon betroffen sind.

imageDSC_3860 DSC_3861Kleine Stände auf den Straßen, gewissermaßen “Ich-AGs”, gab es zu Hauf, meist von Frauen betrieben, meist aber auch leer. Ich dachte an Aremorica in einem Asterix-Heft, wo jeder Einwohner des Dorfes Wein und Kohlen verkauft hat. Mangels Kunden setzt man sich zusammen und quatscht. Über bessere Zeiten. Statt des sich zusammen setzens gibt es heutzutage das Handy. Und so telefonieren die “Ich-AGler” fast ständig. Überhaupt hat man das Gefühl, dass da telefoniert wird bis zum Umfallen, das Handy als Statussymbol immer und ständig am Ohr.
Meist wurden an den kleinen Ständen Lottoscheine verkauft oder zwei Sorten Eistee aus großen Fässern oder es wurden Pfirsiche angeboten, oft aber derart angeschlagen, dass ich sie aus unserem Obstkorb entfernt hätte, oder eben Melonen.
Kirgisistan scheint eine Melonen-Oase zu sein, überall siehst Du sie, sogar aufgeschnitten als Dessert im Basecamp 2 des Pik Lenin auf 4.400 Metern. Davon habe ich in den letzten Tagen mehr als genug zu mir genommen, lecker, viel Flüssigkeit, guter Geschmack.

Nicht zu mir genommen – und das nicht nur, weil ich bekanntlich vegetarisch lebe – habe ich die auf offener Straße auf einfachsten Eisengestellen gebratenen Fleischspieße. Da gab er keinen nennenswerten Abstand zwischen der Holzkohle und dem Grillgut, zudem habe ich Fleisch oft ungekühlt bei den Händlern hängen oder schon auf den Spießen für den Tag vorbereitet bei den Straßengrillern liegen gesehen, kein wirklicher Spaß bei mindestens 30 Grad im Schatten.
DSC_3849 DSC_3850 DSC_3881 DSC_3891Überhaupt, das Essen, vor allem das vegetarische …
Hunger hatte ich ja schon, aber keine Ahnung von einer kyrillischen Karte. Und weil niemand Englisch spricht und weil die Einkaufsläden zwar immer eine große Auswahl an Spirituosen, aber nie essfertige Salate hatten, bestand mein erstes Abendessen in Osh, ganz alleine, aus einer sehr kleinen Tüte Chips, vier Schokokeksen und einem Snickers, alles zu mir genommen in meinem Hotelzimmer.

Einen Tag später traf ich dann in einem Einkaufsladen, ich will das wirklich nicht “Supermarkt” nennen, eine junge Lady, eine von denen, die mich auf Englisch ansprach und die eben mal alles von mir wissen wollten. Sie arbeitete in einem Café gleich um die Ecke, sagte sie.
“Das ist meine Chance”, dachte ich und war dann zum Mittagessen bei ihr. Schlechtes Englisch ist viel besser als gar kein Englisch!
Am Nachbartisch saß eine ältere Dame, eine Englischlehrerin, wie sie mir später sagte. Die Ansprüche sind da wohl nicht allzu hoch. Sie versuchte zu übersetzen, weil bei der jungen Bedienung nach “Where do you come from?” und ähnliches Standards nicht mehr viele Vokabeln vorhanden waren. Ganz zum Schluss lernte ich jedoch, dass auch die Englischlehrerin neben einer merkwürdigen Aussprache auch ein merkwürdiges englisches Vokabular hatte, so wünschte sie mir, nachdem sie ihre Rechnung bezahlt hatte, auf dem Weg nach draußen “good appetit” statt des gebräuchlichen “Enjoy your meal”.

Ich wollte also eine Gemüsesuppe, vielleicht mit Reis oder Nudeln darin, japanischer Stil vielleicht, auf jeden Fall alles vegetarisch, alles, bloß kein Fleisch. Nein, auch kein Hühnchen. Dazu einen vegetarischen Salat. Auf eine Art frittierter Kartoffel-Ecken zeigend sagte ich, dass die auch OK wären.

Ich bekam eine Hühnersupoe ohne Huhn, aber auch ohne Gemüse, Reis oder Nudeln, dafür mit den typischen Fettaugen auf der Oberfläche (Wie lange habe ich die nicht mehr fesehen?) und mit weißen, in der Flüssigkeit wabernden Fettkügelchen, die drohend darin herum schwammen, also wirklich so gar nichts für mich.
Der Salat war aber ordentlich, leider mit einer Joghurtsauce, mit Dill versetzt, immerhin genießbar und die Kartoffelecken aß ich auch zur Hälfte.
Am Abend aß ich dann aber lieber gar nichts mehr.
DSC_3829 DSC_3831 DSC_3833 DSC_3834 DSC_3835Und heute, am dritten Tag, sitze ich mit vier Russen vor dem Flughafen und wir warten darauf, dass es Mitternacht und noch ein wenig später wird. Mein Flug startet um 5.30 Uhr, ich sollte um 3.30 Uhr dort sein (sicher ist sicher), mit der Fahrt zum Flughafen hätte das ein Aufstehen zwischen 2 Uhr und 2.30 Uhr bedeutet – also kein Hotelzimmer, die Nächte sind warm und die Bänke vor dem Terminal sind groß.
Und mit den Russen habe ich vereinbart,  dass wir gegenseitig auf uns und unser Gepäck aufpassen.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich am liebsten von überall, wo ich bisher in Asien war, nie wieder zurückgekehrt wäre.
Hier in Osh aber zähle ich die Stunden, die mich erlösen, die Stunden, bis ich in den Flieger nach Istanbul einsteigen darf.

Und wenn wir dann abheben, dann werden mir nur die Worte in den Sinn kommen: “Heim, heim, heim …”DSC_3901 DSC_3907


Nachtrag: Der Shop im Terminal ist schon geschlossen, aber einer der Russen sagte mir, dass gleich um die Ecke ein kleiner Laden wäre. Ich ging in die gezeigte Richtung und stellte fest, es waren sogar Dutzende kleiner, einfacher Läden, immer nebeneinander, alle mit nahezu dem gleichen Angebot, viele Sweeties dabei, aber kein Salat.
Ich bin in einen Laden nach dem nächsten gegangen, ohne etwas zu finden, was ich wollte, bis mich nach vielleicht sechs Läden ein Kirgiese auf Englisch (!) fragte, was ich denn haben wolle.
“Einen Salat”, antwortete ich, “Karotten oder ähnliches”.
Und dann führte er mich zu fünf seiner Kumpels, die gerade beim Essen waren, unter anderem: Salat. Eine Art Sauerkraut-Salat mit Rindfleisch-Stückchen in der einen Schüssel und, etwas für mich, ein leckerer Weißkohlsalat in einer anderen Schüssel. Dazu bekam ich eine Art Brot, eine köstliche lokale Spezialität, kleine, in Fett ausgebackene Rauten und später gab es noch ein mit kleinen Kartoffelstückchen gefülltes Teigtäschchen und eine Cola.
Vier der sechs Jungs sprachen ein akzeptables Englisch und wenn einem mal eine Vokabel gefehlt hatte, dann hat er im Kreis nachgefragt, meist hat es dann geklappt. Oder man hat es irgenwie beschrieben, das, worüber man reden wollte.

Und ich beantwortete so viele Fragen. Ob ich Frau und Kinder hätte, wo in Deutschland wir wohnen würden, ob ich einen BMW fahren würde und was ich von Kirgisistan wüsste. Einer, “Sam”, der komplette Name war zu schwer für mich, der auch im Sicherheitsbereich des Flughafens arbeitet (er hatte den entsprechenden Dienstausweis um den Hals hängen), surfte gleich bei Google Pictures nach Aufnahmen aus seinem Land. Und er erzählte und schwärmte und sagte, ich müsse beim nächsten Mal unbedingt zu diesem See, zu diesem Berg, zu dieser Moschee und in dieses, in eine zauberhafte Höhle eingebaute, Museum.
Und er war schon in Österreich,  in Salzburg, Innsbruck und Reutte, wo seine Schwester lebt und er war in Bayern, in Bad Tölz und in München. Er liebt die Kultur, die Geschichte, die Schlösser und die Alpen. Ob ich auch die Geschichte der Schlösser und Könige lieben würde? “Klar,” log ich. Und Dschingis, der junge Freund, erzählte mir viel von Osh und Biskek.
Insgesamt kam ich so dem Abflug eine Stunde näher.
Bezahlen durfte ich nicht und nichts, es sei doch eine Einladung gewesen. Und ich habe noch eine Tüte guter, grüner Trauben mit auf den Weg bekommen.
Ich dankte und ich verabschiedete mich von jedem Einzelnen mit einem festen Händedruck und ich dachte mir, dass es solch eine Gastfreundschaft einem vollkommen Fremden gegenüber auf dieser Welt nur sehr selten und in unserer mitteleuropäischen “geben-und-nehmen”-Kultur wohl gar nicht gibt.
Warm, wohlig, wunderbar …

Danke an Euch sechs Jungs, vielen lieben Dank!
DSC_3872Nachtrag 2: Das Einchecken geschieht hier in merkwürdiger Weise. Um 2.30 Uhr kam über Lautsprecher in türkischer, lokaler und englischer Sorache, dass nun das Check-In für den Flug der Turkish Airlines nach Istanbul um 5.30 Uhr Abflugszeit beginnt.
Wie saßen zu diesem Zeitpunkt im Terminal und wussten, dass es wohl über den Eingang C1 abgewickelt würde. Noch hatte ich keine Bordkarte, ich versicherte mich aber, dass es die erst später, nach der Kontrolle und der Gepäckaufgabe, geben würde.
Ein paar Lichter gingen an, etliche Menschen kamen durch die Türe, durch die wir hinein wollten. Dann geschah 20 Minuten lang wieder mal nichts. Irgendwann aber begann sich eine Reihe zu bilden und mangels besserer Ideen stellte ich mich einfach mal dazu.
Dann ging es voran, zuerst musste jeder an dem Herren vorbei, der kontrolliert het, dass man einen Pass hat – und ein Ticket. Meines war ja nur eine eMail Bestätigung, aber immerhin. Dann ging es weiter zum Scanner, ähnlich wie im Rest der Welt, nur dass ich weder Schuhe noch Gürtel ausziehen musste. Und mein Tab durfte im Koffer bleiben. Danach kam der problemlose Gang durch das Scanner-Tor.
Es folgte ein Tisch, an dem zwei Menschen eifrig bemüht waren, jedes aufzugebende Gepäckstück in Plastikfolie einzuhüllen. Bei meiner Art, den Rucksack zu packen war das aber sehr von Vorteil, vor allem wegen der nur mäßig befestigten Bergschuhe und den langen Treckingstöcken.
Irgendwann sagte einer der Herren zu mir “Hundert, Hundert” und er zeigte auf die Pakete. Nicht viel Geld, etwa zwei US-Dollar pro Gepäckstück, aber ich war schon froh, dass ich mein kigiesisches Restgeld noch nicht verschenkt hatte.

Das Gepäck wie den Reichstag in Berlin verpackt stellte ich meine beiden Pakete auf die Waage. Etwas weniger Gewicht wie beim Hinflug,  besser so als anders herum, dachte ich. Und erst dann durfte ich mich wegen einer Bordkarte anstellen. Das Gepäck wird direkt nach Frankfurt gecheckt, meine Bordkarte von Istanbul nach Frankfurt aber bekomme ich erst in Istanbul, schade. So habe ich das auch noch nicht erlebt.
Nun kam die Passkontrolle,  wobei der Beamte offensichtlich Spaß daran hatte, mal wieder sein Englisch auspacken zu dürfen. Wann ich angekommen wäre, wo ich war, wo ich in Deutschland wohnen würde, ob es da flach oder bergig sei.
Ich beantwortete brav alle Fragen, noch vor wenigen Jahren wäre mir das schwerer gefallen.
Ein Ausgangsstempel in den Pass, plopp, dann wollte er meine Bordkarte sehen. Auch sie wurde von ihm gestempelt.
Als nächstes ging es ein paar Meter weiter zu einer Dame, die die Bordkarte sehen wollte.  Auch sie wolkte diese stempeln und hakte meinen Sitz auf ihrer Liste ab.
Personalkosten sind wohl nicht das Problem hier, aber wenn das sich mal ändern sollte, dann könnte ich ein paar Firmen empfehlen,  die solche Ablaufprozesse optimieren und rationalisieren könnten.
Nach all dem war es 3.15 Uhr, noch 2.15 Stunden bis zum Abflug.
Mittlerweile ist es schon 5.00 Uhr und die Schlangen an der Passkontrolle werden erst jetzt kürzer, gut, dass ich früh da und dabei war …
Wie wir alle aber um 5.30 im Flugzeug sitzen sollen ist mir ein Rätsel und dennoch rollen wir um 5.50 Uhr  an und sind um 5.55 Uhr in der Luft. Und während die Sitze beim Hinflug Istanbul-Osh gnadenlos eng standen, hat beim Rückflug jeder Passagier mehr als genug Beinfreiheit. So macht Fliegen Freude.
Und wenn es heim geht, zur Familie, die man lange nicht mehr gesehen hat, dann steigert sich diese Freude noch mehr.

“Heim, heim, heim …”DSC_3455

SIT – “Ich mag es, lange unterwegs zu sein.”

Eine starke Woche noch, genauer noch acht kurze Tage, dann heißt es mal wieder “Gruezi Schwiitz!”
Oder etwas moderner: “Davos calling … !”

Auf jeden Fall rufen 201.800 Meter Trail, 11.480 Höhenmeter uphill und 11.480 Höhenmeter downhill, eine wunderbare Landschaft in der Zentralschweiz durch die Bünder Bergwelt, es rufen 18 Verpflegungspunkte, zuzüglich dem Verpflegungs-. Start- und Zielpunkt in Davos,  und es rufen wunderschöne Peaks wie der Sertigpass, der Furcola, der Lunghinpass, dass Weisshorn und der Strelapass, um nur einige der zu belaufenden oder zu “speedhikenden” Spitzen zu nennen.

162 männliche Starter finde ich auf der Startliste für den SIT 201, davon 26 Deutsche, aber den Namen nach kenne ich nur den Chef und Herausgeber des TRAIL-MAGAZINs, Denis Wischniewski.
17 weibliche Starter garnieren diese “Königsetappe”, davon 2 Deutsche, dem Namen nach kenne ich nur die Lady, die eigentlich schon alles gelaufen hat, was sich laufen lässt, Anke Drescher. Mit ihr habe ich damals beim TdG ein paar gemeinsame Kilometer absolviert.

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Auf den kürzeren Strecken sind es 63m und 17w Teilnehmer beim SIT 141, 131m und 20w Teilnehmer beim SIT 81, 125m und 28w Teilnehmer beim SIT 41 und die Strecke, nach der es sich kaum lohnt, das Laufshirt wieder zu waschen, der SIT 21, wird von 119m und 62w Teilnehmern besucht.
Zusammen sind das 734 LäuferInnen, immerhin. Und es werden auch nicht mehr mehr werden, da die Online-Registration geschlossen ist und Nachmeldungen nicht angemommen werden können.

Und für diese 734 LäuferInnen hat sich Tuffli Events schon jetzt sehr viel Mühe gegeben. So gibt es eine Swiss Irontrail Sonderbeilage, die Du Dir bei ISSUU.com ansehen kannst, vielleicht sogar ansehen solltest. Darin ist das moderne und ausgefeilte GPS-Tracker-System beschrieben (Seite 7), das uns aus Sicherheitsgründen mitgegeben wird und über das die Betreuer, die Freunde und auch Dritte nachvollziehen können, wo beispielsweise ich mal wieder Pause mache.
Einige Läuferinnen und Läufer kommen zu Wort, so auch Anke Drescher (Seite 9) und auf den Seiten 4 und folgende findest Du ausgewählte Streckenabschnitte, die uns Bergläufern gleichsam das “läuferische Wasser im Munde zusammenlaufen” lassen, die uns eher langsamen Läufern aber auch klar machen, dass es schon einem Stück Grenzdebilität bedurfte, dass unsereins sich da eingeschrieben hat.

Mal ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich auch, was mich antreibt und ob ich wirklich immer richtig beraten bin, stets die langen Strecken auszuwählen?
Anstatt hier sicher den T 81 zu finishen, drängt mich irgendwas in mir, den T 201 auszuwählen, nicht immer die richtige Entscheidung, befürchte ich. Aber was soll’s, wir leben nur ein Mal und wenn ich es nicht versuchen würde, dann könnte ich auch das “Gefühl vom Scheitern” nicht erleiden.
Und wenn es denn dann gut ausgehen sollte, dann labe ich mich am süßen Gift des Erfolgs, zumindest auf meinem bescheidenen Niveau.

Oder anders gefragt: habe ich überhaupt ein Recht, an ein Finish beim PTL mit meinen beiden “Franken-Express”-KollegInnen Gabi Kenkenberg und Jörg Konfeld zu glauben, wenn ich dieses Ding hier nicht packe?

Auf jeden Fall zähle ich schon die Tage bis Davos, die Spannung und die Vorfreude steigt, gepaart jedoch mit einer gehörigen Portion Skepsis und Selbstzweifeln. Gelaufen bin ich nur wenig in den letzten Wochen, gewandert aber bin ich dafür sehr viel.
“Ich mag es, lange unterwegs zu sein,” sagte Anke Drescher. Ich mag das auch, sehr sogar …DavosFür die 4 UTMB-Punkte laufe ich nicht in der schönen Schweiz, ich laufe, um mal wieder eine “Story to be told” zu erleben, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Aber nach den kleinen und großen Pannen dieses Jahres und in Anbetracht dessen, was da an Problemchen dieses Jahr noch kommen kann … vielleicht würde ich genau diese 4 UTMB-Punkte irgendwann mal dringend brauchen.
Für die nächste Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, dann aber in und um Chamonix …
2015

Allmächt, der Frankenweg!

Interaktiver SKatalog über den Frankenweg - hier klicken!

Interaktiver SKatalog über den Frankenweg – ins Bild klicken!

533,10 Kilometer ist er lang, erst 2004/2005 wurde er komplett markiert, er bietet offiziell 21 Etappen und er liegt in Bayern. Einmal musste er einfach ins Leben gerufen werden, der Frankenweg, der sich zwischen der Grenze zu Thüringen und dem Tal der Wörnitz in Schwaben durch die großartige Natur- und Kulturlandschaft Ober- und Mittelfrankens erstreckt.
“Allmächt” würde jetzt ein Franke sagen, “doch nicht in Bayern. In Franken!” Na ja, zumindest im Wesentlichen liegt der Frankenweg tatsächlich in Franken, die Oberpfalz lassen wir da mal unberücksichtigt. Um also nicht den Zorn der Franken zu erregen, verschwindet das Wort Bayern ab jetzt aus diesem Bericht.

In Franken also, das selbst wiederum in das vom Weinbau beherrschte Unterfranken und das vom Gerstensaft beherrschte Oberfranken unterteilt ist, in zwei Teile, die sich nicht wirklich lieben. Ohne diese Trink- und Mentalitätsrivalität wäre das kleine, von großen grobschlächtigen Oberfranken zart gehauchte Gebet nach oben zum “Allmächt(igen)” sonst wohl auch nicht zu verstehen:

“Man muss Gott für alles danken. Selbst für einen Unterfranken!”

Gerüchteweise beten aber die Unterfranken dann doch auch das gleiche Gebet, wenngleich sie Unterfranken durch Oberfranken ersetzen.
Ich selbst, gebürtiger Nürnberger, Franke also, Mittelfranke zwischen allen Stühlen, verstehe dabei gut, warum Franken nur ungern mit dem Freistaat in einem Atemzug genannt werden wollen und heuer, wo der fränkische Fußball die Regnitz, Pegnitz oder den Main runtergeht, der Fußball im Restfreistaat aber immer mehr “Sterne des Südens” produziert, ist eine Annäherung der ungleichen Landesteile noch schwerer vorstellbar, Zeit, dass das “Radio freies Franken”, von dem immer wieder die Rede ist, kommt …

42,2 Kilometer dieses Frankenwegs bilden dabei die Strecke des Frankenweg-Marathons und es sind wunderschöne, nicht einfach zu laufende, aber aufregende Kilometer zwischen Streitberg und Obertrubach. Kilometer mit Höhlendurchquerungen, bei denen jeder, der größer ist als 150 cm, den Kopf einziehen muss, vorbei an Felsformationen, die Lust aufs Klettern machen und mit Treppenpartien, die gleichsam großartige Ausblicke und pulsbeschleinigende Schwierigkeiten bieten.
Vor allem der längere Aufstieg über die Treppen zur Gößweinsteiner Burg hat mir sehr gut gefallen, die Burg selbst und der Ort Gößweinstein, selbst ein echtes Juwel in der “Fränkischen Schweiz”, taten dann ihr übriges.
FW7 FW2 FW3 FW5 FW6Häufig folgt der Frankenweg auch dem Verlauf der Wiesent, einem kleinen Fluß, der gesäumt ist von Burgen und Schlössern. Einen “Burgenweg” gibt es dort auch, es wäre ein netter Abstecher vom Frankenweg, wenn man dafür Zeit hat.
Und während der Weg des Frankenwegs und der Weg des Frankenweg-Marathons durch die Durchgangshöhle Oswaldshöhle geht, eine Höhle, bei der es einen kleinen optimalen Punkt gibt, an dem man das Licht des Höhleneingangs und das des Höhlenausgangs sehen kann, führt der Frankenweg irgendwann geradewegs auf die berühmte Teufelshöhle zu, die aber leider nicht belaufen wird, sondern der Weg biegt unmittelbar vor der Höhle nach links ab.
Schade, dachte ich. Aber die Teufelshöhle wäre dann eben auch ein netter Abstecher, wenn man, wie oben schon erwähnt, die Zeit dafür hat.

Dieses Stück des Frankenwegs, das wir da laufen durften, ist zweifellos ein Stück perfekter Natur. Enge Waldstücke, trailige Steigungen, kaum Asphaltpassagen, die Höhlen, die Felsen, die Brauereien an der Strecke, die Brücken am Fluß, die Dörfer, die Burgen und Ruinen, es ist ein Stück Deutschland, das es wert ist, noch bekannter zu werden.
FW1Es ist dabei gleichgültig, ob Du diesen Teil des Frankenwegs, gerne auch noch mehrere Teilstücke, mit dem Mountainbike durchquerst, ob Du wanderst, walkst, ob Du spazieren gehst oder eben, ob Du da läufst, Du wirst in jedem Fall “gut Freund” mit der Strecke werden.
Wenn Du aber läufst, dann ist der Frankenweg-Marathon (http://www.frankenweg-lauf.de) ein guter Anlass dafür. Und weil nicht jeder einen Marathon laufen will, gibt es dazu noch eine Mitteldistanz von 24 Kilometern und die Kurzstrecke von gerade mal 15 Kilometern. Da soll keiner sagen, dass da nichts für ihn dabei sei …

Nur wenn ich das nächste Mal zum “Allmächt(igen)” bete, dann bete ich noch für eine zusätzliche Ultrastrecke, Franken würden “an Ulldra” dazu sagen, so etwas mit 80 Kilometern oder auch mit etwas mehr. Denn wenn eine Strecke so schön ist wie die des Frankenwegs, dann ist der Genuß länger, wenn die Strecke länger ist. Was Herbert Peter, die gute Seele und das Herz des Laufs, hier geschaffen hat, dass ist schon aller Ehren und definitiv ein Mitlaufen wert.
FW4Ich bin ja mit meinem PTL-Partner des “Franken-Express”, mit Jörg Kornfeld zum Start gekommen und ich habe auch mit ihm die erste Hälfte des Laufs gemeinsam bestritten, eher gemütlich, aber dennoch nicht ohne Anspruch. Gabi Kenkenberg, die Zugmaschine unseres “Franken-Express” PTL-Teams, die an diesem Tag sehr, sehr schnell 3. Frau bzw. 1. Deutsche beim Fürth-Marathon wurde, fehlte jedoch. Mit ihr besprachen wir am Abend zuvor in meinem Nürnberger Lieblingsrestaurant “CHESMU” bei schwarzem Reis mit Früchten, bei vegetarischem “Züricher Geschnetzeltes” und bei braunen Spaghetti in Kokossauce mit knackigem Gemüse unsere gemeinsame Strategie für diesen Ende August stattfindenen 141-Stunden Lauf, der mal so weit weg war und der nun schon der fünftnächste Lauf für mich ist.
Allmächt’, wie die Zeit vergeht!

Nach der halben Strecke des Frankenweg-Marathons lief ich dann mit Andreas Weiser etwas schneller, mit dem ich mich hervorragend verstand und mit dem ich über einige gemeinsame Lauffreunde reden konnte, vor allem natürlich über die der “Coolrunners Germany”. Knapp 11 Kilometer vor dem Ziel rechneten wir aus, wenigstens noch unter die Marke von 5:30 Stunden kommen zu können und so versuchte ich, all das, was ich vorher versaubeutelt hatte, in einem längeren Schlußspurt noch aufzuholen. Mehr als ein 55. Platz aber war dann nicht mehr drin.
Aber diese höchst mäßige Zeit, 5:24:24 Stunden, zeigt schon, dass es sich nicht um eine Strecke handelte, bei der persönliche Bestwerte möglich sind. Und wie angesichts der läuferischen Schwierigkeiten eine Zeit von 3:36:12 Stunden möglich war, die Jürgen Winkler vom DJK LC Vorra hingelegt hat, das entzieht sich wie immer meiner Vorstellung.
Vorstellen aber kann ich mir in jedem Fall, noch einmal dort in Streitberg zu sein und noch einmal dort zu starten. Die Frankische Schweiz, der Frankenweg, die überaus nette Organisation dieses wunderbaren Landschafts-Laufs, all das lässt meine fränkischen Wurzeln erblühen und ich sage: “Allmächt’, was für ein Lauf!”Fraenkische_Schweiz
Und war sagen Andere dazu?
Fürst Pückler-Muskau
schrieb 1834 in Muggendorf, dem damaligen Tourismuszentrum:

„Franken ist wie ein Zauberschrank, immer neue Schubfächer thun sich auf und zeigen bunte, glänzende Kleinodien, und das hat kein Ende. Wer Deutschlands geheimste jungfräuliche Reize genießen will, muß nach Franken reisen.“

Also nichts wie hin, wenn am Sonntag, den 14. Juni 2015 die nächste Austragung dieses schönen Naturpark-Marathons stattfindet!

Mehr als nur ein Stock

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Viola Zaltron ist zwei Jahre alt und sie wartete am TorTOUR-Samstag auf ihren Vater Andrea, der ihr versprochen hatte, unseren gemeinsamen Workshop vom Freitag nicht mehr allzu lange dauern zu lassen.
Viola wird wahrscheinlich in vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren die neue Chefin von FIZAN sein (Fizan Srl, Via Borgo Tocchi, 18, 36027 Rosà (Vicenza), Italien), einem der internationalen “big player” in der Stockherstellung.
Sie wäre dann die vierte Generation von Zaltrons, die sich um alles kümmern, was wichtig ist, damit die Stöcke, die dort produziert werden, möglichst perfekt sind.
2014-06-06 18.22.39Andrea, der jetzige Chef, ist ein sympathischer Mittvierziger, den man aber gerne einige Jahre jünger schätzen würde. Er beaufsichtigt jetzt, eben in der dritten Generation, dieses Unternehmen, von dem ich, ehrlich gesagt, erst im vergangenen Sommer anlässlich der TRAIL-MANIAK Veranstaltung “Vom Marienplatz auf das Top of Germany” gehört habe.
International ist man also noch erheblich besser aufgestellt als im Teilmarkt Deutschland, das war eine von vielen neuen Erkenntnissen, die ich bei der Werksbesichtigung gewinnen konnte, mit der der Workshop zum Thema “Wir machen den perfekten Stock” begann. Dass man aber auch im Telmarkt Deutschland ganz vorne dabei ist, dafür setzt sich insbesondere der deutsche Distributor von Fizan, die Christoph & Markus Krah GmbH (www.krah.com) ein.
2014-06-07 08.36.58Andreas Großvater begann 1947 mit der Produktion der ersten Stöcke. Und er war, damals noch woanders angestellt, weltweit der erste, der Stöcke aus Aluminium herstellte. Leki folgte dann ein Jahr später und irgendwann wurde Stahl als Stockmaterial nirgendwo mehr verwendet und Bambus, die Alternative, verschwand ebenfalls aus der Produktion.
Heute ergänzt Carbon das Materialspektrum, Aluminium aber ist aber seit damals das meist genutzte Material.
Ganze 6 Paar Stöcke verließen die provisorische Produktionsstätte damals. Im gesamten Kalenderjahr 1947!
Und auch 1948 war Andreas Großvater noch woanders angestellt, bis er mutig genug war, sich ausschließlich auf die Herstellung von Stöcken zu verlassen. Damals waren mit Stöcken hauptsächlich Winterartikel gemeint, heute aber machen die Sommerstöcke rund 70% des Gesamtumsatzes aus.
2014-06-06 15.01.102014-06-06 15.06.182014-06-06 15.05.40 Und etwas größer und vielfältiger ist die Produktion seither auch geworden. Aus diesen 6 Paar im Jahr 1 sind mittlerweile rund 500.000 Paar Stöcke pro Kalenderjahr geworden.
Wow, was für eine Zahl! Wäre ich vorher gefragt worden, ich hätte diese Zahl erheblich kleiner eingeschätzt.
Und wenn ich bis zum Workshop dachte, dass es eben zwei Materialien gibt, dass es einteilige, zwei-, drei- und vierteilige Stöcke gibt, dass es Stöcke mit Innenverschluss und mit Außenverschluss gibt, Stöcke für Skifahrer, Skilangläufer, Nordic Walker, Trailrunner, Wanderer und dass es Stöcke als Gehhilfe gibt, dass es verschiedenste Spitzen für den Boden und Schlaufen für die Hände gibt, ich hätte mir nicht träumen lassen, wie viele verschiedene Modelle da permanent gefertigt werden müssen.
2014-06-06 14.59.07Vielen Stöcken sieht man dabei die Herkunft gar nicht an. Da steht nämlich nicht immer Fizan drauf, wo Fizan drin ist, sondern da steht vielleicht ELAN oder die Marke anderer Skihersteller drauf, da steht “Carabinieri” drauf oder der Name und das Logo eines Trailrunning-Events. Und die Stöcke von Manfrotto kommen auch von Fizan.
Ganz aktuell werden die Läufer unter Euch, die beim ZUT 2014, beim Zugspitz Ultra Trail, unterwegs sein werden, dort eigene Eventstöcke mit dem ZUT-Logo finden, hergestellt in einem einzigartigen und patentierten Sublimationsdruck-Verfahren, das so gut ist, dass kleinste Buchstaben noch transferiert werden können.
Da ich ja selbst viel in Sublimation drucke, Tassen, T-Shirts und ähnliche Artikel, keine Stöcke, war ich ob dieser Erkenntnis und dieser Parallelität schlichtweg begeistert.
Dennoch werden die überwiegende Zahl der Stöcke im Siebdruck, in der “silk screen”-Technik, bedruckt.

Beim anschließenden, von TRAIL-MANIAK initiierten, Workshop wurde uns allen dann klar, dass unsere Eingangsgedanken meistens weit weg von dem waren, was machbar ist, dass vieles schon realisiert wurde und dass dennoch jeder seine eigene Vorstellung vom “perfekten Stock” hat.
Schon über die Frage, ob wir Trailrunner einteilige oder dreiteilige Stöcke benötigen und darüber, ob die mehrteiligen Stöcke höhenverstellbar sein sollten, stritten wir. Da ist der Transport, vor allem im Koffer oder im Handgepäck, da ist die Mitnahme im Rucksack. Da ist aber auch die Erkenntnis, dass kein Trailrunner die Regel befolgt, Stöcke beim Aufstieg 10 Zentimeter kürzer zu haben als bei Abstieg.
Ich stelle mir immer den Stau auf dem Grat vor, wenn alle Trailrunner auf der kleinen Fläche stehen bleiben, um die Stocklänge zu verändern …
Herrlich streiten konnten wir auch über die Schlaufen, die verwendet werden sollten. Ich hatte bisher ja nur die losen Schlaufen von Komperdell, eine Mischlösung von Black Diamond und habe die Schlaufenlösung, wo man die Schlaufe ständig um die Hand gezippt hat und die Schlaufe immer wieder in den Stock ein- und ausklickt, erst an diesem Tag kennen gelernt. Damit auf dem Trail unterwegs zu sein war aber ein spätere, eine gute Erkenntnis, die ich für die nächsten Bergläufe in Andorra und in der Schweiz weiter testen werde.
Die letzte Streitfrage aber war die “modernste”, nämlich die über das Material. “Carbon ist cool” hieß es da. Carbon ist aber auch hoch angesehen beim Kunden und daher lässt sich ein höherer Verkaufspreis realisieren. Carbon hat aber nicht nur Vorteile. Und der leichteste Teleskopstock der Welt, natürlich ein FIZAN-Stock, wiegt nur 158 Gramm und ist aus Aluminium, nicht aus Carbon.
2014-06-06 14.46.54Als Resultat dieses Workshops hat Andrea einige Vorstellungen von uns erhalten und er soll versuchen, daraus etwas ganz spezielles für TRAIL-MANIAK zu basteln, mit einem eigenen Design und einer eigenen Kombination aus Materialien, Techniken und Nutzen.
Ich bin gespannt, was wir da noch erleben werden.

Die FIZAN-Stöcke, die ich mir zum Testen ausgesucht habe, sind Einteiler. Solche hatte ich nämlich noch gar nicht.
Und Andrea, selbstverständlich auch ein Sportler, dachte sich dann noch, dass er uns noch eine weitere Freude machen könnte und er lud uns zu einem eigentlich schon ausverkauften Trailrunning-Event “Antico Trail del Contrabbandiere” am darauf folgenden Sonntag ein. 37 Kilometer mit 2.500 Höhenmetern auf dem alten Tabakschmuggler-Weg “Alta Via del Tobacco”.
2014-06-06 18.09.10 Steil rauf, steil runter, technisch schwierig und so hart, dass die zur Marathonlänge fehlenden Kilometer keine Rolle spielten, auch dank der extremen Temperaturen an diesem Sonntag war ich im Ziel so kaputt wie selten. Die TorTOURisten, die Baltic Runner und die Helden vom K-UT am Vortag können ein Lied von den Temperaturen singen.
2014-06-06 18.32.05 2014-06-06 18.32.36 2014-06-07 00.24.10Ein richtig gelungenes Wochenende war das also dort im heißen Italien. Dass Andrea uns ganz italienisch galant zu leckerstem Essen und edlen Weinen am Abend in ein Restaurant auf der Piazza in Rosà ausgeführt hat, versteht sich von selbst. Und dass wir die Produktionsstätten nicht verlassen durften, ohne zwei Flaschen vom besten Rotwein der Gegend mit uns zu nehmen, auch. Italiener sind eben perfekte Gastgeber.

Und ganz vielleicht gibt es auch für den “Franken-Express” beim PTL Ende August noch ein ganz tolles Schmankerl. Aber weil das noch auf “vielleicht” steht, erzähle ich davon erst, wenn es ganz sicher ist.

Viola hatte dann ihren Vater wieder, wir hatten unseren Trail, FIZAN hat neue Aufgaben und ich hoffe ungeduldig, ob wir aus dem “vielleicht” wirklich noch ein “super geil” machen können …

Danke für dieses Wochenende, danke Andrea, danke FIZAN!
2014-06-07 15.11.16 2014-06-07 18.52.46 2014-06-07 18.53.00

Die Würde des Menschen ist unantastbar …

65 Jahre deutsches Grundgesetz

Der ZEIT ONLINE ist es zu verdanken, dass ich unter dem Titel “Danke, Navid Kermani” die mich tief bewegende Rede des deutsch-iranischen Schriftstellers Navid Kermani lesen konnte, im Archiv des Bundestages.
Ein direkter Link dorthin sparte mir Zeit bei der Suche.
Die Rede wurde zur “Feierstunde 65 Jahre Grundgesetz” gehalten und ist, so der Journalist und Kommentator Lenz Jakobsen, im positivsten Sinne des Wortes “ungeheuer, voller Liebe und Wut.”
Für mich als Kind eines Einwanderers und einer Deutschen ist sie auch deshalb so bewegend, weil sie uns zeigt, dass beispielsweise der große Willi Brandt wohl keine Chance im Krieg gehabt hätte, wenn andere Staaten das Asylrecht damals ähnlich ausgehöhlt hätten, wie wir es 1993 taten. Edward Snowden hätte bis damals noch ein Recht auf Asyl in Deutschland gehabt.Bundestagi.Lenz Jakobsen schreibt weiter über diese Rede: “Ein Fraktionsvize erträgt das nicht, Deutschland aber sehr wohl …”
Ich glaube, dass es mehr als die zum Lesen aufzuwändende Zeit wert ist, diese Rede, die ich im Wortlaut unten eingefügt habe, komplett zu lesen. (Dabei danke ich an dieser Stelle herzlich dem Pressereferat des Bundestags für die Betreuung von Presse, Rundfunk und Fernsehen dafür, diese Rede in Gänze kopieren und verbreiten zu dürfen.)
Hinweis in eigener Sache: Marathonundlaenger.de soll im Wesentlichen ein Laufblog bleiben, solch ein Highlight deutscher Sprache, europäischer Kultur und bewundernswertem Weltbürgertums aber muss hier auch einmal Platz finden, vor allem dann, wenn auch der Inhalt uns als leuchtender Stern in der Zukunft leiten kann, soll und darf.

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I Think The Answer’s Yes

Relativ kurz nach dem unglaublichen Lauf auf der spanischen Insel “die Größere” (Mallorca) nun ein Lauf auf der spanischen Insel “die Kleinere” (Menorca), wobei der Trail auf “die Größere” kürzer ist wie der auf “die Kleinere”.

Erst einmal etwas über die Lage der Insel:
Neben den Inseln Mallorca und Menorca, die beide die Gymnesischen Inseln darstellen, gehören auch noch die Inseln Ibiza und Formentera, die beide zur Inselgruppe der Pityusen gehören, zur spanischen autonomen Region Balearen. Cabrera, die „Ziegeninsel“, eigentlich ein vorgelagerter Teil von Mallorca, gehört mit seinen rund 20 Einwohnern auch noch zu dieser autonomen Region.

Wie auf Mallorca gibt es auch auf Menorca das Tramuntana-Gebirge im Norden, im Süden liegt Migjorn, das Hügelland. Der Trail Camí de Cavalls (katalanisch für „Weg für Pferde“) ist ein Fernwanderweg auf Menorca, er ist 185 Kilometer lang und trägt im Fernwander-Wegenetz die offizielle Bezeichnung GR 223. Am Wochenende vom 16.-18. Mai sollten wir Trailläufer auf den fünf Streckenlängen von 32 Kilometern bis zu 185 Kilometern die Pferde sein.
CdCNach so viel unnützem Wissen komme ich nun aber doch zu etwas Text über den Lauf, auf den ich mich schon lange freute..

Es war am Donnerstag, dem Tag vor dem Start zum Menorca Ultra Trail.
Wir, das waren Michael (Michi) Raab, seine Lebensgefährtin Kathrin und ich, bewegten uns zur Startnummernausgabe. Das sollte kein Problem sein, dachten wir, immerhin hat Michi diesen Lauf ja in 2013 erfolgreich gefinished.
Wir fanden auch schnell die Zielgegend aus dem Vorjahr, die Halle, in der die Startunterlagen 2013 ausgegeben wurden, zu finden, war schon ein wenig aufwändiger.
2013 war das bei Michi auch schon schwierig gewesen, er war zuerst in der falschen Sporthalle, in der gegenüber dem Hallenbad, und musste dann quer durch die Stadt in die Halle auf der anderen Stadtseite, in die gegenüber dem großen Supermarkt.
Dank einer Eingebung aber erinnerte er sich nun also an den Weg zu dieser Halle, zu der gegenüber dem großen Supermarkt, und dort waren wir dann zum Glück auch nicht alleine. Gleich drei andere Läufer waren dort genauso ratlos wie wir, weil die Halle geschlossen war.
Ein paar Telefonate später war dann klar, dass die Halle gewechselt wurde, weil sich die Teilnehmerzahl so dramatisch gut entwickelt hatte. Jetzt waren wir dann dort richtig, wo Michi noch vor einem Jahr falsch war.
Also erneut quer durch die Stadt, um dorthin zu kommen, in die Halle gegenüber dem Hallenbad.

Dort trafen wir dann gleich Victor, den Chef, den Initiator, den, der für all das verantwortlich zeichnet, was da auf dieser wunderschönen Insel in Sachen Ultralauf passiert. Victor ist ein richtig netter Zeitgenosse, einer, mit dem man sofort warm wird und dessen Freund man auch sofort werden will.
Wir schossen einige gemeinsame Fotos, quatschten über dies und das und natürlich auch über andere Läufer. Und Victor verriet uns, dass noch ein Thomas Dörr kommen würde, der wiederum für ein Laufportal schreiben würde. Für welches aber wusste er im Moment nicht.
Ich hatte ja Victors Wunsch, nach dem Lauf etwas über meine Erlebnisse zu schreiben, schon im Vorfeld positiv beantwortet und war gleich ein wenig eifersüchtig, dass er offensichtlich auch andere deutsche Läufer gebeten hatte, so etwas zu tun.
2014-05-16 08.02.42Es war am Freitag, frühmorgens, vielleicht eine Stunde vor dem Start. Noch war wenig los im Startgebiet und ich suchte Gesprächspartner. Und da war eine Niederländerin, die ihren zweiten Hunderter laufen wollte. Ihre ganze Familie war mitgekommen, um sie nach Kräften zu unterstützen und ihr Vater fotografierte erst mich vor der Startlinie und später dann bat ich ihn, erneut den Auslöser zu drücken, dann aber mit mir und Thomas Dörr.
Ihn sah ich alleine stehend und ich erkannte ihn an dem einen Tag zuvor gehörten Namen. Unter “Kollegen” sprach ich ihn an und fragte ihn, für welches Portal er denn schreiben würde. “Ich schreibe nicht,” antwortete er und ich war verdutzt. Wir sprachen weiter und er erzählte mir, dass er erst kurz aus dem Süden in den deutschen Westen gezogen sei und sich Eigentum in der Grafschaft gegönnt habe.
In der Grafschaft?
2014-05-16 08.23.32Und da dämmerte es mir, dass Victor mich Thomas aus der Grafschaft mit ihm Thomas aus der Grafschaft verwechselt haben muss. Ich begann, mich darüber zu freuen, dass Victor meine Berichte offensichtlich doch wohl gut fand und dass er sich wahrscheinlich wirklich über meinen noch ungeschriebenen Bericht über den Menorca Ultra Trail Camí de Cavalls freuen würde.
Was er und ich aber noch nicht wussten, ist, dass es diesen so nie geben würde.

So kam es also, dass bei drei deutschen Startern, Michi Raab auf dem 100 Kilometer Trail, Thomas Dörr und ich auf den 185 Kilometern, zwei TRAIL-MANIAKS dabei waren, zwei Thomas und zwei aus der kleinen Grafschaft in Rheinland-Pfalz.

Dass ich mich überhaupt entschlossen habe, nach Menorca zu fliegen, um diesen Lauf zu bestreiten, hat seinen Grund in einem wunderbar warmen Abend in Michis Münchner Wohnung. Wer weiß, dass ich keinen Alkohol trinke, dem sei gesagt, dass ich für das Ausbrüten verrückter Ideen keinen Alkohol brauche. Gute Gespräche über schöne Trails auf dieser kleinen Welt führen bei mir schon schnell zu einer ganz eigenen Art von Betrunkenheit.
Und weil ich immer Angst vor den Entzugserscheinungen habe, sollen diese Gespräche auch niemals enden …

Michi erzählte also davon, wie schön dieser Trail sei, wie fantastisch diese Insel wäre und wie wunderbar nett die Organisatoren waren. Und er sagte, dass wir das unbedingt einmal gemeinsam machen sollten.
Trotz unserer menschlichen Nähe, die uns seit Anfang 2010 verbindet, hindert uns leider die fehlende räumliche Nähe daran, auf den Trails allzu viel gemeinsam anzustellen.
Da war ein Rennsteiglauf, eine Tagesetappe beim TransAlpineRun und da war der Lauf auf Mallorca 2012. An mehr erinnere ich mich nicht, der Rest musste immer telefonisch erledigt werden. Oder eben an wunderbar warmen Abenden in München.
Aber all das macht nichts. Wenn man sich im Geiste nahe ist, dann ist auch eine räumliche Entfernung lediglich eine Schwierigkeit, definitiv aber kein Hindernis. Und Schwierigkeiten überwinden üben wir ja alle bei unseren Läufen.

Ein, zwei Mal haben wir dann noch über Menorca geredet, aber uns konkret dort einschreiben wollten wir dann doch irgendwie nicht, scheinbar. Aber irgendwann Anfang 2014 berichtete Michi mir davon, dass er jetzt auf der Starterliste stehen würde und diese Reise mit einem längeren Besuch, einem kleinen Urlaub bei Kathrins Tante auf deren Gut in Portugal verbinden würde.
Für Julian, den gemeinsamen Sohn, sollte es die erste weite Reise sein.

Ab dann war ich in der Pflicht, aber auch in der Zwickmühle. Über so etwas wie eine Auslandsreise reden ist das Eine, sich wirklich dafür entscheiden ist das Andere. Es war ja leider ein Wochenende, an dem ich eigentlich hätte arbeiten müssen. Und ich hatte keinen Ersatz für mich, scheinbar.
Dann aber, als ich doch eine kleine Chance auf eine Realisierung sah, habe ich mich dort sicherheitshalber schon mal eingeschrieben, um mir selbst etwas Druck zu machen. Und dann, als mein Sohn Pascal sich bereit erklärte, für mich zu arbeiten, buchte ich, nach der Zustimmung meiner “besseren Zweidrittel” auch noch die Flüge dazu. Es war eine gute Entscheidung, eine meiner besten in diesem Jahr.

Menorca ist zweifellos eine Reise wert, oh mit Laufen oder ohne. Diese spanische Insel verzaubert Dich mit einer unvergleichlichen und wechselhaften Landschaft auch deshalb, weil die Verantwortlichen dort schon früh begriffen haben, dass Massentourismus auf Dauer nur wenig bringt. Massentouristen sind wie Heuschrecken, die sich dort niederlassen, wo sie scheinbar für ihr Geld das meiste erhalten, am liebsten “all inclusive”.

Zurück zum Trail. Zurück zum Start, alles wieder auf Anfang.
Michi kam 20 Minuten vor dem Start an, ich machte Thomas Dörr und ihn miteinander bekannt, aber ich bin nicht sicher, ob ich Michi auch erkärt habe, welche Zufälle zusammen spielen mussten, damit wir beide,  in diesem Fall ich Thomas aus der Grafschaft und er Thomas aus der Grafschaft,  realisierten, dass wir, die einzigen Ultraläufer der Grafschaft, gemeinsam auf Menorca am Start standen und dass wir uns, kaum drei Kilometer von einander entfernt wohnend, ausgerechnet dort vor dem Start kennen lernen konnten.

Mit Michi laufen wollte ich nicht. Er wollte sowieso “nur” die kurzen 100 Kilometer Trailsprint laufen, außerdem wollte er auf Zeit laufen, angreifen, um mindestens in die Top Ten zu kommen. Zehnter werden hat er am Ende dann doch nicht geschafft, als Altersklassenerster wurde er Gesamtzweiter. Wahrscheinlich war dieses Übertreffen des Ziels psychisch kein allzu großes Manko, bleibende Schäden und eine nennenswerte Erosion des Selbstwertgefühls sind also nicht zu erwarten.
Und dieser zweite Platz wurde ihm dann mit einer wunderschönen Trophäe versüßt. Die hätte es ja auch nicht gegeben, wenn er “nur” Zehnter geworden wäre.
Michi hat sich also mal wieder als ein TRAIL-MANIAK mit Vorbild-Charakter gezeigt, so hat er auch das Recht und die Pflicht, die Mädels und Jungs vom TRAIL-MANIAK Lauftreff München ein wenig zu ziehen und zu quälen, aber nur so weit, dass man gefordert ist, der Spaß aber nicht vergessen wird.
2014-05-28 20.22.05Also lief ich mit Thomas Dörr. Zwei Grafschafter auf dem Weg von Ciutadella nah Ciutadella, zwei Grafschafter, die beide dieses Ziel nicht sehen würden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich blieb bei Thomas bis zum ersten Verpflegungspunkt. Dazwischen lief er mir immer wieder davon, wenn ich Fotos machte. Und eine Lücke von wenigen Metern zulaufen ist doch schwerer, als man denkt.
Dann aber verschwand ich eher aus dem Verpflegungspunkt als er und ich sah ihn danach auch nicht mehr wieder, leider.
Heute weiß ich, dass er am Ende nur rund eine halbe Stunde hinter mit lag, wahrscheinlich hätten wir zusammen bleiben sollen.
Hinterher ist man halt immer schlauer …

Beim Lauf selbst ging es mir fantastisch. Ich fühlte mich gut und ich war komplett schmerzfrei. Ein Aussteigen am 100 Kilometer Punkt war vollkommen undenkbar, auch deshalb nicht, weil mich die Landschaft so faszinierte.
Aber die Strecke, die Temperaturen und das Profil waren alle härter als ich das erwartet hatte. Und mir saßen das Wissen um das Endspiel im DFB-Pokal, das am Samstagabend übertragen wurde und das ich so gerne sehen wollte, im Nacken.
Ich erlebte, deutlich langsamer zu sein, wie ich es erwartet hatte und wähnte, meinen Plan voraussichtlich nicht erreichen zu können, das demotivierte mich.

Die Strecke aber war ein Traum. Die Szenerie wechselte ungefähr alle 10 Kilometer, ein Tal war schöner als das andere, ein Ausblick auf die Insel schöner als der nächste.
Aber ich stürzte schon nach 25 Kilometern und die Wunde am Ellenbogen des rechten Arms wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ich wollte mal wieder ein “nice guy” sein, als ich beschleunigte, weil ein vor mir laufender Kollege für mich eines der unzähligen Gatter aufhielt, um es mir leichter zu machen. Um ihm ein paar Sekunden zu ersparen, hektikte ich Richtung Tor, allerdings ohne auf den Boden zu achten und so lernte mein Ellenbogen die Härte und den Staub des Bodens kennen und ich schlug mit dem Kopf gegen das Gatter. Nur meine neue X-Kross Sportbrille verhinderte, dass ich auch im Gesicht verletzt wurde.
Der Kratzer auf der orangenen Sichtscheibe heilt hoffentlich noch irgendwann. Für den GUCR habe ich jetzt erst einmal auf die Radfahr-Scheiben umgestellt.
Ich ersparte dem unbekannten Läufer also keine Zeit, sondern ich hielt ihn auch dadurch auf, weil er sich nun erst einmal um mich kümmern musste, dafür hatte ich meinen Laufpartner für die nächste Etappe des Laufs gefunden.

Beim Lauf ging es mir dann nicht mehr so gut. Ich litt unter der Hitze, die Oberschenkel schmerzten und ich begann, mir Sorgen zu machen wegen der 145 Meilen beim GUCR (Grand Union Canal Race), das am nächsten Wochenende folgen würde. Meine Aufenthalte in den Verpflegungspunkten wurden länger und ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, dass ich langsamer und langsamer wurde.
Zwar lief ich noch immer in der gleichen Liga wie die Mädels und Jungs um mich herum, da waren zwei, die ich immer laufend überholte, beim nächsten Berg aber zogen die beiden wieder an mir vorbei. Solch ein Spiel kann man stundenlang spielen, es erweckt aber den Eindruck, dass Du Stück für Stück nach hinten durchgereicht wirst.

Harte Trails, sandige Passagen über die zauberhaften und vollkommen leeren Strände des Nordens, eingebettet in aufregende Felsformationen und weit entfernt von menschlichen Ansiedlungen, Holztreppen, die schön, aber auch sehr heftig waren und dann kamen knapp 10 Kilometer, vor denen schon ein Schild auf dem Tisch des Verpflegungspunktes davor gewarnt hatte. Auf Deutsch!
Es waren die einzigen deutschen Worte, die ich auf Menorca gelesen habe und die waren tatsächlich wahr. Aber auch diese Etappe ging vorüber.
2014-05-16 13.11.04

Beim Lauf ging es mir dann richtig schlecht. Ich haderte an mir und an meinem Tempo. Das GUCR, das Pokalendspiel, die Hitze des nächsten Tages, die nässende Wunde am Ellenbogen, die Oberschenkel und nicht zuletzt das Gefühl, nun wirklich niemanden mehr hinter mir zu haben, ließen mich an Alternativen denken.
Ich fand einen dritten und letzten Laufpartner, mit dem ich in den Verpflegungspunkt bei 100 Kilometern einlief. Nach 15 Stunden und 3 Minuten!
Ich hatte in diesem Moment fast schon genug, also fragte ich, ob ich den Bewerb switchen könnte. “Ja”, sagte die Lady dort, “ich nehme Dich auf die 100 K Liste”. Ich bekam das Finishershirt und später auch die Medaille und dann gönnte ich mir die weiche Matraze, die mich sicher und warm durch die Nacht gebracht hat.

Thomas Dörr stieg, wie ich später erfahren habe, auch bei 100 K aus. “Falsche Schuhe, falsche Einstellung, andere falsche Entscheidungen” schrieb er mir. Und so kam es, dass alle deutschen Teilnehmer nicht über die 100 K heraus kamen und wir alle in Es Grau, einem Städtchen nahe der Hauptstadt Maó, das Ende unserer Läufe fanden.

Für Michi, der mit einer so guten Platzierung wohl nicht gerechnet hatte und seinen Rückflug nach Deutschland schon auf einen Zeitpunkt vor der Siegerehrung terminiert hatte, nahm ich stellvertretend die Ehrung als Altersklassen-Sieger in Empfang. Dabei freute ich mich ein wenig darüber, in der nächstjüngeren Altersklasse noch eine einigermaßen gute Figur zu machen.
Und ich nahm, wieder stellvertretend für Michi, auch die Ehrung als Gesamtzweiter in Empfang. Dabei freute ich mich aber gar nicht, ich fühlte mich eher unwohl. Auf dem Podest des Altersklassen-Siegers stand ich ja schon manchmal, ein Mal sogar ganz oben, auf dem Podest der Gesamtsieger aber war ich noch nie. Und da werde ich auch nie hinkommen, außer Umstände wie auf Menorca führen mich da hinauf, um andere zu vertreten.
2014-05-18 13.02.03Für Thomas Dörr war dieser Trail sicher eine Lernerfahrung, die ihn in eine läuferisch großartige Zukunft führen wird und für mich war Menorca auch ein Signal, auf mich selbst zu achten und immer, wirklich immer, unterhalb meiner Möglichkeiten zu laufen. Denn nur dann hast Du noch Kraft für die Kilometer, die nach dem 100 Kilometer Sprint, nach dem 100 Kilometer Bambini-Lauf, kommen.
Und mit diesem Bewusstsein flog ich nach England, nach Birmingham, wo der Start zum GUCR war.

Auf den Heimflug wartend amüsierte ich mich noch darüber, dass es zwar keinen Direktflug von Deutschland aus nach Menorca gibt, wohl aber einen von Birmingham, dem Startort des GUCR. Ich hätte also gleich dort diesen Flieger besteigen können und ich hätte mir so viel Zeit gespart.

Und eine weitere positive Überraschung erlebte ich nach dem Menorca Trail Costa Nord.
Ich war nicht der Einzige, der sich in diese Insel und in diesen Lauf verliebt hat.
TRAIL-MANIAK organisiert für 2015 eine Gruppenreise nach Menorca.

Und wenn die TRAIL-MANIAKS mich fragen, ob ich dabei bin?
Dann würde ich wohl an das zauberhafte Lied der Gruppe “The Beautiful South” denken und ich glaube, die Antwort wäre “Yes”.

MP3-Soundplayer “The Beautiful South – I think the Answer’s Yes” – hier klicken …

Und wie wäre Deine Antwort?

Die Bildergalerie zu diesem Lauf:
Menorca_GalerieMenorca_Galerie