Davos – da wo’s teuer ist!

Unsere Reise nach Davos begann am vergangenen Freitag kurz nach 11 Uhr und obwohl die Straßen weitgehend frei waren, dauerte die Reise lange.
Richtig problematisch war der Abschnitt zwischen Ulm und der österreichischen Grenze. So einen dicken Stau hätte ich nicht gebraucht.
Und er hat uns die Ankunft vor 19 Uhr gekostet. Hätten wir diese 19 Uhr – Grenze einhalten können, dann hätte ich meine Startunterlagen noch am Freitag abholen können, so musste ich das auf den Samstag verlegen. Um 21 Uhr waren wir dann endlich wirklich in Davos eingetroffen.

Am Freitag sahen wir in Davos jedoch ausschließlich Regen, Regen und nochmal Regen. Der Regen war so stark, dass wir am Abend nicht mehr in ein Restaurant in der City fahren wollten, so blieben wir im Turmhotel Victoria, um dort eine Kleinigkeit zu essen. Eine Kleinigkeit?
In dem Restaurant gab es eigentlich nur eine Auswahl von Speisen vom „heißen Stein“ und eine große Auswahl an Fondues. Alles war üppig und überstieg in der Menge und in den Preisen deutlich unsere Vorstellungen.
Zum Glück bekamen wir dann noch etwas aus der Bistrokarte, aber die Preise waren immer noch höher als eine richtige Abendmahlzeit in den meisten normalen Restaurants.
Aber es ging schnell und war auch geschmacklich sehr ordentlich.
Angesichts des auf 5.30 Uhr gestellten Weckers wollten wir sowieso nicht lange weg bleiben, insofern hat das schon gepasst.

SwissAlpineMarathon

SwissAlpineMarathon

Am nächsten Morgen war der Regen nur noch sehr dünn und die Hoffnung groß, dass es doch noch ein großartiger Tag werden könnte. Und schon kurz vor dem Start scheinte sogar die Sonne vom ansonsten stark bewölkten Himmel. Bis zum Start hatte ich noch meine Arm- und Beinlinge an, die Beinlinge entfernte ich aber noch während der letzten Sekunden vor dem Start.
Ansonsten war ich stolz, zum ersten Mal das schöne Shirt des „SwissJuraMarathon“ zu tragen. Das war eine gute Entscheidung, weil ich noch einige Freunde treffen sollte, mit denen ich erst vor wenigen Wochen gemeinsam gelaufen bin.

Ich finde es schon recht erstaunlich: im Vorfeld wusste ich von einigen, die in Davos starten wollten, gesehen habe ich aber keinen einzigen davon. Aber unverhofft kommt oft, sagt man und als ich mich zum Start aufstellen wollte, traf ich zwei „SwissJuraMarathon“ – Finisher, die mich gleich überschwänglich begrüßten. Aber die beiden sollten nicht die letzten „SwissJuraMarathon“ – Lauffreunde sein, die ich sehen würde.

Schon nach zwei Kilometern lief ich auf Helmut Hardy auf, den Veranstalter des Eifelsteig-Etappenlaufs. Er und ich wurden dann wenige Kilometer später von seiner Frau und deren bester Freundin bejubelt. Welch eine Überraschung, mit ihm hätte ich am wenigsten gerechnet, weil Helmut bisher noch nie in Davos am Start war. Insgesamt liefen wir einige Kilometer gemeinsam, Kilometer, die mir sehr viel Freude machten.
Helmuts Ziel für diesen Lauftag war eine Zeit von etwa 10 Stunden und die Verwirklichung der Strategie, bis km 61 kontrolliert zu laufen und es danach die letzten 17 Kilometer bergab „laufen lassen“ zu können. Helmut hat mit der Zeit von 09:47:10 Stunden gefinished, perfekt!
Als ich Helmut gegenüber die Überlegung geäußert habe, dass ich mal wieder auf den C42 abkürze, hat er intensiv versucht, mich zum Laufen mit ihm zu bewegen. Bestimmt wäre das sehr lustig geworden.

Als nächsten traf ich meinen Dauerläufer Hans-Peter Gieraths aus Bad Neuenahr – Heimersheim, den einzigen Ultraläufer im Ahrtal, der ähnlich viel läuft wie ich. Mit „HP“ war ich 2008 beim „GONDO EVENT“ und dort habe ich einen echten Freund gefunden. Wir tauschen unsere Start und Ziele regelmäßig aus, aber von seinem Start in Davos wusste ich nichts.
Richtig gefreut habe ich mich aber, als Hans-Peter mir sagte, dass wir uns vielleicht sogar am 15. August beim „KÖLNPFAD“ sehen. 171 gemeinsame Kilometer? Das wäre doch was, oder?
Und dass Hans-Peter mit 09:36:41 Stunden eine richtig gute Zeit laufen würde, war mir von Anfang an klar. Gerade am Berg hat er mir viel voraus. Beim „GONDO EVENT“ hat er mir jeden Tag eine Stunde abgenommen und auch beim „Bödefelder Hollenlauf“ dieses Jahr konnte ich ihm nicht folgen.

Während ich also mit den beiden lief, liefen wir auf einen Läufer auf, der mir von hinten sehr bekannt vorkam. „Ist das nicht der Jack?“ fragte ich mich und ich überholte ihn, um ihn von vorne zu sehen. Er war es. Jack B. Liver ist nicht nur einer der Mitglieder in unserer UTMB-Gruppe im „Wer-kennt-wen (WKW)“, mit denen ich mich gelegentlich über die Trainingsläufe unterhalte. Jack war auch Supporter von Katja Blättler aus Littau, die ebenfalls eine „SwissJuraMarathon“ – Finisherin ist.
Beim SJM dachte ich noch, dass Jack durchaus auch selbst hätte mitlaufen können und sich nicht nur auf die Rolle des Supporters seiner Freundin hätte einrichten müssen.
Aber als ich dann wieder zurück war, las ich eine schöne Geschichte von Jack, wo er von seinem 250-Meilen-Lauf (Thames Ring Race 250 M) durch England geschrieben hat.
Jack endete seinen Laufbericht mit den schönen Worten: „… jetzt muss ich schließen und mich auf machen nach Genf. Meine Freundin Katja startet da morgen beim SwissJuraMarathon.“ Ist das nicht süß?
Mit Jack lief ich auch noch ein paar Kilometer und wir sprachen über die vielen schönen Läufe dieser Welt und ich freue mich, wenn ich Jack beim UTMB wieder sehen darf. Jack, Du bist ein ganz Großer!

Jack sagte, dass Katja auch dabei wäre und wir beschleunigten ein wenig, um sie einzuholen. Sie trug auch das Trikot des SwissJuraMarathon und sie erzählte, dass das Knie schon noch weh tut vom SJM. Aber sie lief. Und sie lief gut. Mit 10:46:00 Stunden war sie bald eine Stunde schneller als ihr Freund Jack. Na wenn das keine Leistung ist, Katja!

Ich habe dann die Läufer erst einmal hinter mir gelassen, aber ich bin dann nach 31 Kilometern in Filisur auf den C42 abgebogen. Ich war nicht kaputt und auch der Regen, der uns immer wieder ärgerte, war zu dieser Zeit vorbei gewesen. Ganz im Gegenteil: es wurde sogar noch richtig warm. Aber ich traute meiner Gesundheit noch nicht vollständig und mir gingen die Gedanken durch den Kopf, dass ich mit meiner Familie noch weiterfahren wollte Richtung Kroatien. Der Urlaub rief …
Außerdem war die Übernachtung in Davos doppelt so teuer wie geplant, weil ich von Zimmerpreisen, das Hotel aber von Preisen pro Person ausgegangen bin. Da war er wieder, der Amerikaner in mir. Also keine zweite Nacht in Davos, da wo’s so teuer ist …

Als ich bei der Abzweigung zum C42 meine Frau Gabi anrief, um ihr zu sagen, dass sie mich, wie sie es wollte, im Ziel des C42 abholen kann, war ich schon ein wenig stolz auf mich. Stolz, weil ich es geschafft habe, meine eigenen Ziele und die der Familie vernünftig zu mischen.
Und mit der Zielzeit von 04:11:10 Stunden blieb ich noch über 45 Minuten unterhalb meiner Vorjahreszeit. Aber richtig gilt das ja nicht, immerhin war ich damals noch krank. Dennoch finde ich diese Zeit akzeptabel. Meine Platzierungen waren 86. Platz von allen und Platz 25 der Altersklasse, immerhin.

Wir fuhren noch bis nach Südtirol und wir schliefen bei Bozen. Noch wenige Stunden Fahrt blieben für den Folgetag, um endlich im Urlaub zu sein.

Seven Summits für „Normalos“ …

Dr. med. Karl Flock aus dem deutschen Weilheim hat sich einen Lebenstraum erfüllt: Er hat die höchsten Berge von sieben Kontinenten bezwungen, die so genannten „Seven Summits“.

Im TOYOTA-Magazin wurde seine Geschichte abgedruckt und ich muss sagen: ich war beeindruckt!

ein Weilheimer bezwingt die sieben höchsten Berge der einzelnen Kontinente

Ein Weilheimer bezwingt die sieben höchsten Berge der einzelnen Kontinente - Klicken zum Vergrößern und lesen!

Da ist der KIBO (Kilimanjaro, Uhuru Peak, Afrika) dabei, auf dem ich auch schon gestanden habe und auch der Aconcagua in Südamerika, der nächste Berg auf meiner Wunschliste.
Auch der Elbrus als höchster europäischer Berg ist relativ einfach zu besteigen, irgendwann werde ich auch von diesem Berg herab schauen …
Beim Elbrus denke ich immer, wie schön doch der kalte Krieg funktioniert hat. Da haben Generationen von Schülern eingetrichtert bekommen, dass der Mont Blanc der höchste Berg sei – Pustekuchen.
Hinter den 7 eisernen Vorhängen bei den 7 bösen Kommunisten liegt ein Berg, der noch viel höher ist als der Mont Blanc, dort, im tiefen Kaukasus.

Die Carstensz-Pyramide in Australien (Puncak Jaya) ist auch noch eine Herausforderung, der man sich stellen kann, anders aber sieht es bei den drei letzten der „Seven Summits“ aus.
Ist der Mount Vinson in der Antarktis mit seinen 4.892 Metern trotz der immensen Kälte noch bezwingbar, aber spätestens der Mount Everest als höchster Berg Asiens hat es wirklich in sich.
Es ist dabei nicht nur die Höhe und die Kälte, das kleine Zeitfenster, das man für die Besteigung hat und die manchmal monatelange Warterei im Basis-Camp auf dieses kleine Zeitfenster. Zwar gilt der Mount Everest für einen 8.000-er Berg als relativ leicht zu besteigen, aber das ist eben auch relativ, auch mit Sauerstoff-Maske und dem entsprechenden Training.

Den größten Respekt allerdings habe ich vor dem tödlichsten Berg der Welt, dem Mount McKinley in Alaska. Obwohl er nur 6.195 Meter hoch ist und damit kaum höher ist als der Kibo sind nirgendwo so viele Menschen gestorben wie an diesem Berg. Innerhalb von Minuten kann die gefühlte Temperatur von relativ erträglichen -30 Grad auf -60 Grad abfallen, weil starke Winde ihren Teil dazu beitragen. Jeder, der da oben war, ist für mich ein echter Held.

Der Mount McKinley - der kälteste und tödlichste Berg der Welt!

Davos K78 – da wo’s schön ist!

K78, C42, K42, K31, K21, K11, dazu noch Walk K11 und Mini A, Mini B und Mini C
… so viele Zahlen!

Und gleich noch eine: die 75!

Davos

An den legendären Lauf in Davos habe ich eigentlich keine guten Erinnerungen.
Im Vorjahr war ich für den K78 angemeldet, aber ich wurde eine Woche davor beim Nachtlauf Baiersbronn nach Baden-Baden krank, richtig krank.
Von Versorgungsstelle zu Versorgungsstelle wurde es schlimmer, ich wurde schlapper, die Augen wurden glasiger und das Fieber stieg.
Getröstet hat mich nur der Umstand, dass ich mal wieder mit meinem Lauffreund Dirk Joos laufen durfte. Da er am Bodensee wohnt und zudem meist eher kürzere Rennen absolviert, ist es eher selten, dass wir uns live beim Laufen sehen.
So bleibt mir nur, ihn aus der Ferne zu beobachten, seine ständig neuen persönlichen Bestzeiten zu bewundern und zu hoffen, ihn hin und wieder irgenwo zu treffen.

Ein weiterer Motivator war, dass ich bei diesem Lauf nach Baden-Baden den „Cool Runner“ Bernie Conradt kennen gelernt habe. Und gleich haben wir uns schon zu Beginn des Laufs für Davos K78 verabredet.

Aber meine Krankheit war so schlimm, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Drei Tage musste ich anschließend im Bett verbringen und ich blieb schwach bis Davos.
Mein Büro und alle Freunde rieten mir dann dringend, auf den Start in Davos zu verzichten und ich stimmte zu. Am Freitag Nachmittag, also direkt vor dem Lauf, war ich dann dabei, meine gepackten Laufsachen wieder auszupacken, als sich Träne um Träne aus den Augen schlich. Da wusste ich, dass ich einfach starten muss.

Also fuhr ich um 16 Uhr los Richtung Davos und erreichte Davos kurz vor Mitternacht. Ich glaube, ich habe das letzte freie Zimmer bekommen, nachdem mir ein Mitarbeiter der Reception eines großen Davos Hotels einen Tipp gegeben hat. Das letzte Zimmer, bezogen endlich um 0.30 Uhr, aufstehen um 5 Uhr!
Viel Geld für wenig Schlaf, aber ich war glücklich. Und das TURMHOTEL hatte ein Läuferfrühstück mit Nudeln und Tomatensauce und allem, was das Läuferherz erfreut.

Beim Start ging es mir noch gut. Schon bald fand ich Bernie Conradt und dort lernte ich auch Kurt Süsser kennen, den ich dann spätestens beim TransAlpineRun 2008 (TAR) noch viel besser kennen und schätzen gelernt habe. Ich schloss mich den beiden an, bis zu der „Stelle der Entscheidung“ kurz vor dem km 30. Da geht es nach links ab in die Berge. Ich fühlte mich schwach und hatte Angst, noch nicht wieder fit zu sein, die Zeitlimite nicht zu schaffen oder sogar ein echtes körperliches Problem zu bekommen.
Da geht es nach rechts das Tal entlang, das ist der C42, die Versuchung. Ich bin ihr erlegen. Geärgert habe ich mich aber spätestens im Ziel, weil ich in einem kleinen Dörfchen ohne Atmosphäre ankam, mit dem Züglein wieder nach Davos gebracht wurde und das schönste des Davoser Laufs, den Einlauf ins Stadion, nicht erleben durfte.
Und mir fehlten die Höhenmeter für das Training für den bald folgenden TAR, auch etwas, was mir Sorgen machte.

Diesem Umstand ist zu verdanken, dass ich das GONDO EVENT kennen gelernt habe. Genau eine Woche später und der schönste Lauf, den ich in 2008 gemacht habe. Viele Läufer des folgenden TAR waren da und ich konnte die Höhenmeter in die Beine bekommen, die mir eine Woche zuvor in Davos abgegangen sind. Für mich war das das große Glück und ich bedauere, dass ich dieses Jahr dort nicht mehr dabei sein kann. Wirklich schade!

Der legendäre Berglauf in der Schweiz

Der legendäre Berglauf in der Schweiz


Und dieses Jahr? Die Geschichte wiederholt sich. Wieder habe ich glasige Augen, ich huste sehr viel und ich schwitze in der Nacht drei Garnituren Nachtwäsche durch.

Ob mich das wieder den K78 kostet?

Aber eines weiß ich sicher: wenn ich mir den K78 nicht zutraue, dann starte ich nicht in Davos, sondern in Bergün.
Dort startet der K42, eine Marathon wie der C42, aber eben gebirgig und wunderschön – und der Zieleinlauf findet auch da im Davoser Stadion statt.

Ich will, ich will, ich will!

Mal sehen, wie ich mich entscheide. Leider werde ich Dich vermutlich lange nicht darüber informieren können, weil meine liebe Familie und ich direkt im Anschluss an den Zieleinlauf weiterfahren nach Istrien / Kroatien, um den Urlaub dort zu verbringen. Kein Asien, kein Amerika, mal wieder Europa.

Ob ich dort häufig online gehen kann und will?

Was aber war mit der Zahl 75?

Na ja, Davos wird ein kleines Jubiläum sein, es ist mein 75. Marathon und länger … ach was, jetzt schon?

Wilma, der Liebling aller Läufer und Betreuer …

Wilma. Wilma wer?

Wilma Vissers aus Illgau am schweizerischen Vierwaldstätter See hat einen typisch schweizer Nachnamen, sieht sehr schweizerisch aus und hat auch einen unüberhörbaren Dialektanklang.
Aber ist das wirklich Schweizerdeutsch?

Beim SwissJuraMarathon hatten wir Deutsche, die in der Schweiz wohnen, Schweizer, die in Deutschland wohnen, eine Französin, die in Holland wohnt und eben auch eine Holländerin, die in der Schweiz wohnt.
Wilma Vissers lief am liebsten so, wie es sich für Eidgenossen gehört: in Orange!

Und wo Wilma auch hinkam, bei den drei Verpflegungspunkten, im Ziel, bei Mitläufern oder den anderen Supportern, Wilma war immer der Liebling unter den Teilnehmern. Wahrscheinlich, weil sie sich so viel Mühe gegeben hat, jedem einzelnen gerecht zu werden, jeden einzelnen als Mensch wahrzunehmen und mit wirklich jedem Spaß zu haben.

Wilma wurde bei den Frauen die drittschnellste Frau und an den ersten Tagen habe ich sie immer weit vor mir gesehen – unerreichbar in der Ferne.

Aber nicht auf der 4. Etappe. Da lief ich schon kurz hinter der 3. Versorgung auf Wilma auf und wir beschlossen, die restlichen 13 Kilometer gemeinsam zu laufen und gemeinsam zu finishen. Und wir beschlossen, viel zu quatschen, das war wirklich schön.
Dabei machten wir noch einigermaßen Druck, um unsere Positionen zu halten und etwa drei Kilometer vor dem Ziel schaute ich nach hinten – da war weit und breit niemand mehr.

Wenn Wilma und ich dann gedacht hatten, dass das so bleiben sollte, dann waren wir aber getäuscht. Jörg Heisig aus Duisburg war plötzlich bei uns. Ich dachte ihn schon lange hinter mir gelassen zu haben, aber Jörg hatte ein unglaubliches Finish. Jörg wollte dann mit uns ins Ziel kommen und so meisterten wir die letzten Kilometer ratschend und tratschend und liefen Händchen haltend gemeinsam ein:

Wilma
Am meisten habe ich bei Wilma bewundert, wie intensiv sie sich jeden Tag nach meinem und dem Befinden der anderen erkundigt hat. Auch an den Tagen 5 und 6, wo ich nicht mehr schnell laufen konnte, motivierte sie mich und versuchte, mich dazu zu bewegen, bei ihr zu laufen. Aber das ging leider gar nicht.

Erst am 7. Tag, am letzten Tag, blieb ich wieder lange mit und bei Wilma. Nur ihrem Lauftempo auf den flachen Abschluss-Kilometern den Basler Fluss „Birs“ bis zur Rheinmündung und dann noch weiter bis zum Basler Münsterplatz konnte ich nicht mehr stand halten und so verlor ich bescheidene 5 Minuten auf Wilma. Ein guter Grund, gemeinsam auch in Basel zu feiern!

Wilma war sicherlich die Seele der Lauftruppe und ich rufe ihr gerne zu: „Wilma, ik hou van jou!“

Schiller – der Mann aus dem Osten

Abschließen will ich meine Reihe von Geschichtchen über einige Teilnehmer des SwissJuraMarathon mit einem, dessen sonniges Gemüt es wirklich jedem leicht macht, ihn zu mögen, mit Detlef Schiller aus dem thüringischen Mühlhausen.
Schon beim Start dachte ich mir: „den kennst Du!“
Und so suchte ich in meinen Erinnerungen den Lauf, bei dem wir schon einmal zusammen gelaufen sind. Auch Detlef erinnerte sich dunkel und so begann ein langes Frage- und Antwortspiel, das am Ende erfolgreich war.

„Bist Du den TransAlpineRun 2008 gelaufen?“ fragte ich Detlef. Aber die Frage führte nicht weiter, Detlef hatte zwar schon zwei Mal den TAR hinter sich gebracht, aber nur in den Jahren 2006 und 2007.
„Harzquerung?“ fragte Detlef zurück, aber da war ich noch nie dabei. Und so folgten einige Dutzend Läufe, die uns aber nicht weiter brachten. Schließlich einigten wir uns darauf, dass es wohl beim Rennsteiglauf gewesen sein muss.
Das hätte auch sein können, immerhin wohnt Detlef fast direkt neben der Strecke. Aber dort laufen so viele Menschen, warum sollte er mir aufgefallen sein?

Keine 5 Kilometer nach dem Start fiel mir Detlefs ungewöhnlicher Laufstil auf und eine Idee ging mir durch den Kopf: „Gondo Event 2008?“
„Natürlich!“ sagte Detlef. Jetzt war alles klar, ich erinnerte mich wieder sehr gut an diesen Lauf. Es war der schönste Lauf des Jahres 2008 für mich, schöner noch als der TAR.

Gondo

Eine kleine Gruppe von 120 Mann machte sich auf, zum Gedenken an den 14. Oktober 2000, als ein gewaltiger Erdrutsch das kleine schweizer Grenzdorf Gondo, direkt an der italienischen Grenze gelegen, verschüttete und dabei 13 Menschen ihr Leben verloren, von Gondo aus über den Simplon- und den Bistinenpass einen alpinen Doppelmarathon-Erlebnislauf nach Ried-Brig und zurück zu bewältigen.
Dabei
geht es auch ohne die Benutzung einer Brücke durch einen Gebirgsfluss durch, da diese Brücke bei der Erstausrichtung des Laufs noch zerstört war.

Traumhafte Landschaft, enorme körperliche Anstrengungen und ein soziales Ziel, drei wichtige Aspekte dieses Laufs, der mir wie kaum ein anderer in Erinnerung geblieben ist. Dort lief ich einige Meter mit Detlef. Dieser Laufstil … es war in Genf für mich dann so, als wäre das Gondo Event gestern gewesen.

Aber noch war Detlef mir zu schnell, ich wollte den ersten Tag ja besonders langsam und vorsichtig beginnen. Also ließ ich ihn ziehen und konzentrierte mich darauf, mit Gottfried zu laufen und „nach hinten abzusichern“. Na ja, die letzten waren wir nicht, aber wir waren doch sehr, sehr weit hinten.

Als Gotti dann kurz der dritten Versorgungsstelle meinem Tempo bergauf nicht mehr folgen konnte lief ich alleine weiter. Vor mir sah ich Detlef laufen und dachte: „Oh, da ist er ja wieder!“ Schritt für Schritt kam ich näher und bald nach der dritten Versorgungsstelle hatte ich ihn eingeholt. „Du machst ganz schön Druck von hinten!“ beschwerte er sich.

Ich weiß, dass ich bergauf einen ganz guten Schritt habe und dass mich da nur wenige überholen können. Aber ich kam auf den letzten paar Höhenmetern nicht mehr von Detlef weg und der Regen begann. Regen? Nein, es schüttete wie aus Eimern und der steile Abstieg stand uns ja noch bevor. Zum Glück war der Regen warm und Detlef und ich beschlossen, den restlichen Weg gemeinsam zurück zu legen. Redethemen hatten wir ausreichend und wir waren nass bis auf die Knochen. Und so stiegen wir gemeinsam ab, über steile und glitschige Wege und wir erreichten Hand in Hand glücklich und pitschenass gemeinsam das Ziel.

Am zweiten Tag lief mir Detlef erneut weg. Weit weg, wie ich dachte. Aber als ich die dritte Versorgungsstelle sah, erkannte ich auch, dass Detlef dort gerade wieder losgelaufen war. Zu diesem Zeitpunkt lief ich mit dem Schweizer Thomas Vetterli aus Wermatswil, einem interessanten und netten Laufkollegen, mit dem man gut quatschen kann. Wir haben uns einmal gemeinsam verlaufen und mussten uns durch einen Wald auf den richtigen Weg zurück kämpfen, aber als wir endlich wieder auf dem offiziellen Weg waren, sahen wir in Sichtweite vor uns drei andere Läufer. Und ich kannte den ungewöhnlichen Laufstil des einen Läufers.
„Detlef?!“ rief ich, aber es kam keine Reaktion. Noch einmal rief ich, diesmal noch etwas lauter: „Detlef?!“ Nun drehte er sich um, lachte und wir konnten aufschließen. Ich machte dann noch den Pacemaker für die nun auf fünf Personen gewachsene Laufgruppe, aber ich achtete darauf, dass jeder mitkam. Und kurz vor dem Ziel liefen wir alle auf einer Höhe und kamen zeitgleich ins Ziel.
Für Detlef und mich war es schon die zweite Zeitgleichheit.

Am dritten und vierten Tag konnte Detlef nicht mehr mit meinem Tempo mithalten. Vor allem der vierte Tag, mein bester Einzeltag, sorgte für einen scheinbar komfortablen Zeitvorsprung. Aber eben nur scheinbar.

An den Tagen fünf und sechs gab ich den komfortablen Vorsprung wieder komplett ab und war nun fünf Minuten hinter Detlef. Und das wollte ich am letzten Tag wieder ändern.

Dass mein letzter Tag sehr gut war, habe ich ja schon geschrieben. Nicht aber Detlefs letzter Tag. Bei ihm sammelten sich die Entzündungen an den Fußfesseln so, dass er am Ende die Schuhzungen abschnitt, weil sie so sehr auf die entzündeten Beine drückten. Aber Detlef, von vielen liebevoll „Kampfsau“ genannt, hielt durch und erreichte als vorletzter humpelnd, aber stolz, das Ziel in Basel.

Detlef hat als erfahrene Bergziege natürlich alle Qualifikationspunkte, die er für die Teilnahme am Ultra Trail de Mont Blanc (UTMB) benötigt. Aber Detlef sagte mir schon in Genf, dass er sich dieses Jahr dafür nicht fit fühlt. Krankheiten und Trainingsrückstände sind dafür verantwortlich. Aber er ist ein enorm belastbarer und leidensfähiger Läufer.
Und er ist ein guter Vater. Als seine 21-jährige Tochter ihren ersten Marathon laufen wollte, den „Möbel Kraft – Marathon“ in Hamburg, da war Detlef als Pacemaker gerade recht. Er führte das junge Talent sicher ins Ziel und das mit der guten Schlusszeit von 4:40:00 Stunden.

Und noch etwas habe ich von Detlef gelernt. Wenn Detlef von den Zeiten der ehemaligen DDR erzählt, dann fällt immer wieder der Satz: „Du musst Dich mit den Verantwortlichen immer gut stellen, dann ist auch mal mehr auf dem Teller!“ Vielleicht ist es diese sympathische Art, mit anderen Menschen umzugehen, die Detlef so beliebt macht.

Detlef, wir sehen uns wieder – irgendwann auf einem Berg!