Schiller – der Mann aus dem Osten

Abschließen will ich meine Reihe von Geschichtchen über einige Teilnehmer des SwissJuraMarathon mit einem, dessen sonniges Gemüt es wirklich jedem leicht macht, ihn zu mögen, mit Detlef Schiller aus dem thüringischen Mühlhausen.
Schon beim Start dachte ich mir: „den kennst Du!“
Und so suchte ich in meinen Erinnerungen den Lauf, bei dem wir schon einmal zusammen gelaufen sind. Auch Detlef erinnerte sich dunkel und so begann ein langes Frage- und Antwortspiel, das am Ende erfolgreich war.

„Bist Du den TransAlpineRun 2008 gelaufen?“ fragte ich Detlef. Aber die Frage führte nicht weiter, Detlef hatte zwar schon zwei Mal den TAR hinter sich gebracht, aber nur in den Jahren 2006 und 2007.
„Harzquerung?“ fragte Detlef zurück, aber da war ich noch nie dabei. Und so folgten einige Dutzend Läufe, die uns aber nicht weiter brachten. Schließlich einigten wir uns darauf, dass es wohl beim Rennsteiglauf gewesen sein muss.
Das hätte auch sein können, immerhin wohnt Detlef fast direkt neben der Strecke. Aber dort laufen so viele Menschen, warum sollte er mir aufgefallen sein?

Keine 5 Kilometer nach dem Start fiel mir Detlefs ungewöhnlicher Laufstil auf und eine Idee ging mir durch den Kopf: „Gondo Event 2008?“
„Natürlich!“ sagte Detlef. Jetzt war alles klar, ich erinnerte mich wieder sehr gut an diesen Lauf. Es war der schönste Lauf des Jahres 2008 für mich, schöner noch als der TAR.

Gondo

Eine kleine Gruppe von 120 Mann machte sich auf, zum Gedenken an den 14. Oktober 2000, als ein gewaltiger Erdrutsch das kleine schweizer Grenzdorf Gondo, direkt an der italienischen Grenze gelegen, verschüttete und dabei 13 Menschen ihr Leben verloren, von Gondo aus über den Simplon- und den Bistinenpass einen alpinen Doppelmarathon-Erlebnislauf nach Ried-Brig und zurück zu bewältigen.
Dabei
geht es auch ohne die Benutzung einer Brücke durch einen Gebirgsfluss durch, da diese Brücke bei der Erstausrichtung des Laufs noch zerstört war.

Traumhafte Landschaft, enorme körperliche Anstrengungen und ein soziales Ziel, drei wichtige Aspekte dieses Laufs, der mir wie kaum ein anderer in Erinnerung geblieben ist. Dort lief ich einige Meter mit Detlef. Dieser Laufstil … es war in Genf für mich dann so, als wäre das Gondo Event gestern gewesen.

Aber noch war Detlef mir zu schnell, ich wollte den ersten Tag ja besonders langsam und vorsichtig beginnen. Also ließ ich ihn ziehen und konzentrierte mich darauf, mit Gottfried zu laufen und „nach hinten abzusichern“. Na ja, die letzten waren wir nicht, aber wir waren doch sehr, sehr weit hinten.

Als Gotti dann kurz der dritten Versorgungsstelle meinem Tempo bergauf nicht mehr folgen konnte lief ich alleine weiter. Vor mir sah ich Detlef laufen und dachte: „Oh, da ist er ja wieder!“ Schritt für Schritt kam ich näher und bald nach der dritten Versorgungsstelle hatte ich ihn eingeholt. „Du machst ganz schön Druck von hinten!“ beschwerte er sich.

Ich weiß, dass ich bergauf einen ganz guten Schritt habe und dass mich da nur wenige überholen können. Aber ich kam auf den letzten paar Höhenmetern nicht mehr von Detlef weg und der Regen begann. Regen? Nein, es schüttete wie aus Eimern und der steile Abstieg stand uns ja noch bevor. Zum Glück war der Regen warm und Detlef und ich beschlossen, den restlichen Weg gemeinsam zurück zu legen. Redethemen hatten wir ausreichend und wir waren nass bis auf die Knochen. Und so stiegen wir gemeinsam ab, über steile und glitschige Wege und wir erreichten Hand in Hand glücklich und pitschenass gemeinsam das Ziel.

Am zweiten Tag lief mir Detlef erneut weg. Weit weg, wie ich dachte. Aber als ich die dritte Versorgungsstelle sah, erkannte ich auch, dass Detlef dort gerade wieder losgelaufen war. Zu diesem Zeitpunkt lief ich mit dem Schweizer Thomas Vetterli aus Wermatswil, einem interessanten und netten Laufkollegen, mit dem man gut quatschen kann. Wir haben uns einmal gemeinsam verlaufen und mussten uns durch einen Wald auf den richtigen Weg zurück kämpfen, aber als wir endlich wieder auf dem offiziellen Weg waren, sahen wir in Sichtweite vor uns drei andere Läufer. Und ich kannte den ungewöhnlichen Laufstil des einen Läufers.
„Detlef?!“ rief ich, aber es kam keine Reaktion. Noch einmal rief ich, diesmal noch etwas lauter: „Detlef?!“ Nun drehte er sich um, lachte und wir konnten aufschließen. Ich machte dann noch den Pacemaker für die nun auf fünf Personen gewachsene Laufgruppe, aber ich achtete darauf, dass jeder mitkam. Und kurz vor dem Ziel liefen wir alle auf einer Höhe und kamen zeitgleich ins Ziel.
Für Detlef und mich war es schon die zweite Zeitgleichheit.

Am dritten und vierten Tag konnte Detlef nicht mehr mit meinem Tempo mithalten. Vor allem der vierte Tag, mein bester Einzeltag, sorgte für einen scheinbar komfortablen Zeitvorsprung. Aber eben nur scheinbar.

An den Tagen fünf und sechs gab ich den komfortablen Vorsprung wieder komplett ab und war nun fünf Minuten hinter Detlef. Und das wollte ich am letzten Tag wieder ändern.

Dass mein letzter Tag sehr gut war, habe ich ja schon geschrieben. Nicht aber Detlefs letzter Tag. Bei ihm sammelten sich die Entzündungen an den Fußfesseln so, dass er am Ende die Schuhzungen abschnitt, weil sie so sehr auf die entzündeten Beine drückten. Aber Detlef, von vielen liebevoll „Kampfsau“ genannt, hielt durch und erreichte als vorletzter humpelnd, aber stolz, das Ziel in Basel.

Detlef hat als erfahrene Bergziege natürlich alle Qualifikationspunkte, die er für die Teilnahme am Ultra Trail de Mont Blanc (UTMB) benötigt. Aber Detlef sagte mir schon in Genf, dass er sich dieses Jahr dafür nicht fit fühlt. Krankheiten und Trainingsrückstände sind dafür verantwortlich. Aber er ist ein enorm belastbarer und leidensfähiger Läufer.
Und er ist ein guter Vater. Als seine 21-jährige Tochter ihren ersten Marathon laufen wollte, den „Möbel Kraft – Marathon“ in Hamburg, da war Detlef als Pacemaker gerade recht. Er führte das junge Talent sicher ins Ziel und das mit der guten Schlusszeit von 4:40:00 Stunden.

Und noch etwas habe ich von Detlef gelernt. Wenn Detlef von den Zeiten der ehemaligen DDR erzählt, dann fällt immer wieder der Satz: „Du musst Dich mit den Verantwortlichen immer gut stellen, dann ist auch mal mehr auf dem Teller!“ Vielleicht ist es diese sympathische Art, mit anderen Menschen umzugehen, die Detlef so beliebt macht.

Detlef, wir sehen uns wieder – irgendwann auf einem Berg!

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