Ein Interview mit mir auf distqueror.com

Interview mit Tom Wingo

 

Posted Oct 31st, 2009

Ich könnte stundenlang auf anderen Laufseiten und Blogs rumsurfen und mir die Lauf- und Erfahrungsberichte von anderen Läufern durchlesen. Es ist schon fazinierend, welche Geschichte hinter jedem Einzelnen steht. Einen Sonderstatus genießen sicherlich die Ultraläufer, die Leistungen an den Tag legen, die wirklich ihresgleichen suchen. Beim Frankfurt Marathon habe ich bereits Yogi kurz persönlich kennenlernen dürfen, von dem in Kürze hier im Blog ein Interview erscheinen wird. Diese Woche hat sich Thomas Eller alias Tom Wingo von Mararthonundlaenger unseren Fragen gestellt. Seine Laufkarriere ist wirklich beeindruckend, wobei Thomas immer wieder auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist. Sein Motto lautet “keep on running”, was er auch eindrucksvoll vorlebt:

Thomas alias Tom, du betreibst den Blog „Marathonundlaenger“- der Name ist bei dir Programm. Wie viele Läufe hast du mittlerweile auf dem Buckel, die mindestens über die Marathondistanz gingen?
Der Name ist Programm, das stimmt. Ich habe jetzt 81 Läufe hinter mir, die „MuL“ (Marathon und Länger) waren.
Wie war dein sportlicher Werdegang? Warst du schon immer eine „Sportskanone“?

Das ist ein wirklich wunder Punkt bei mir. Als Schüler habe ich es immer gehasst, im Sport nur Mittelmaß zu sein. Beim Straßenfussball haben die beiden besten Spieler je eine Mannschaft gemacht und haben nacheinander die nächst besten aufgerufen. Ich hatte immer Sorge, bis zum Schluss übrig zu bleiben.
Aber mir hat auch niemand Sport gezeigt. Meine Eltern haben es nicht vorgelebt und kein Lehrer hat sich die Mühe gemacht, uns anzuleiten. Es gab nur die Prüfungen und wenn Du nicht weit gesprungen bist, dann gab es eben nur eine „3“. Dass man aber trainieren muss und wie man das systematisch tut, das hat mir niemand gesagt.
Und so ging das weiter, bis ich es als Erwachsener geändert habe.
Was war dein bisher längster Lauf?

Streckenmäßig war es ein kleiner Minikringel von 1 km, den ich innerhalb der gesetzten Zeit von 24 Stunden 177,520 Mal gelaufen bin. Das war bei der DLV 24-h Challenge in Delmenhorst Mitte Juni 2009.
Zeitlich war es der UTMB (Ultra-Trail du Mont Blanc) 2009. Da habe ich für die 166 Kilometer 41:53:22 Stunden gebraucht, allerdings waren auch knapp über 9.400 Höhenmeter zu bewältigen.
Was würdest du lauftechnisch als deine bislang härteste Herausforderung bezeichnen?
Das war natürlich auch der UTMB. Ich weiß noch genau, wie absurd dieser Lauf für mich geklungen hat, als ich mich dafür angemeldet habe. Es war mehr der Druck von Lauffreunden, der mich dorthin gebracht hat, aber ich habe es geschafft.
Durch zwei Nächte durchlaufen? Durch eine Nacht laufen kannte ich ja schon aus Biel und von ein paar Nachtläufen, aber zwei?
Heute weiß ich, dass die zweite Nacht ein echtes Erlebnis ist. Ob Du betrunken läufst oder müde, der Unterschied ist nicht sehr groß.
Was würdest du als den emotionalsten Moment deiner Laufkarriere bezeichnen?
Es gab einige Läufe, wo ich im Ziel hemmungslos weinen musste. Zum ersten Mal passierte mir das 2007 bei meinem ersten Zieleinlauf in Biel. 100 Kilometer! Welche Distanz! Und was für ein Klassiker („Einmal im Leben musst Du nach Biel“)! Aber auch der Zieleinlauf am 8. Tag beim TransAlpineRun 2008 (TAR) in Sexten ließ die Tränen laufen. Nach 300 Kilometern und 15.000 Höhenmetern, mit Schmerzen und Oberschenkel-Tapes quälte ich mit meinem Laufpartner Heiko die letzten Kilometer ins Ziel. Das war schon ein Erlebnis, an das ich das ganze Leben lang denken werde. Ganz bestimmt war es die Tränen wert.
Was macht für dich den Reiz aus, dich regelmäßig diesen Bewährungsproben zu stellen? Hat es auch damit zu tun, dass du deine Leistungsgrenzen austesten möchtest?

Ganz bestimmt hat es etwas damit zu tun. Gleichzeitig ist das mein größtes Problem zurzeit. Am Anfang wollte ich etwas schaffen, was ich als „Nicht-Läufer“ für unerreichbar hielt: 100 Marathons, die Aufnahme in den „100 MC“. Dann wollte ich die 100 Kilometer schaffen und der TAR hat mich dann auf andere Ziele gebracht. Weiter, viel weiter. Und 2009 ging ich innerhalb von nur 10 Wochen drei Mal über die 100 Meilen (166 Kilometer). Und jetzt fehlen mir die weiteren Ziele.
Also will ich mich im April 2010 beim Marathon des Sables (MdS) in der Wüste testen und dann will ich im Mai an Jens Vieler’s TorTOUR de Ruhr 230 Kilometer nonstop wagen.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das, was Du schon geschafft hast, nur bedingt zählt. Es sind die Ziele und Träume nach „mehr“, nach „weiter“, die mich treiben.
Am Schluss dieser Träume könnte so etwas wie der TransEuropeanFootrace sein: rund 5.000 Kilometer an 64 Tagen, was für ein Ziel!
Allgemein sagt man, dass sich ein Körper nach einer Anstrengung wie z.B. einen Marathon erstmal ca. 14 Tage erholen muss. Wie hältst du es mit Ruhephasen und wie sehen die gegebenenfalls aus?

Ich bin kein Läufer, der an die Grenzen geht. Ich schalte immer schon runter, wenn es auf die letzten Kilometer geht. Wenn ich nach einem langen Lauf pausieren muss, dann meistens wegen der geschundenen Füße. Da leide ich wegen ein paar Fußdefekten besonders. Häufig verliere ich Zehennägel, Blasen sind leider ebenfalls normal. Aber ich mache oft wochenlang einen MuL an jedem Wochenende.
Wenn ich also pausieren muss, dann mache ich das bewusst und ich laufe gar nicht. Eine Woche ohne einen einzigen Schritt wirkt Wunder, finde ich. Und Muskelschmerzen enden spätestens am Donnerstag nach dem Lauf.
Woher nimmst du deine Motivation, um dich immer wieder auf so lange Distanzen zu begeben?

Vielleicht motiviere ich mich dadurch, dass ich mit Menschen laufe oder mich mit Läufern austausche, die meistenteils schneller sind als ich, die häufig länger laufen und deren Respekt zu bekommen ist ein großes Ziel. Ein Beispiel: der Extremläufer Norman Bücher zum Beispiel war in unserer UTMB-Vorbereitungsgruppe. Zweifellos ist er ein ganz Großer im Laufzirkus. Und nach dem UTMB haben Norman und ich einen gemeinsamen Bericht über den Lauf geschrieben und im Forum Ultramarathon von XING veröffentlicht.
Ergänze bitte den Satz: Laufen bedeutet für mich…
… die Chance zu haben, für ein paar Stunden frei von allen weltlichen Wünschen und damit wirklich glücklich zu sein.
Empfindest du beim Laufen noch „Glücksmomente“ oder ist es mittlerweile eher Routine?

Beides. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass mir der unbedeutende Marathon in Belgien mit 35 Teilnehmern heute noch Glücksgefühle machen würde. Er motiviert mich auch nicht mehr wirklich.
Wenn es aber keine „Glücksmomente“ mehr geben würde, dann würde ich etwas anderes machen. Schaue Dir doch mal das Foto an, dass Klaus Duwe, auch eines meiner Vorbilder, von mir im Ziel des UTMB in Chamonix gemacht hat: so sieht Glück aus!

 

Du bist Geschäftsmann und dein Trainingspensum wird auch entsprechend groß sein. Wie bringst du dies alles unter einen Hut? Bleibt da auch noch Platz für ein Privatleben?

Sicherlich könnte ich mehr trainieren. Aber alles geht halt nicht. Ein Privatleben leiste ich mir natürlich. Es ist die Basis meines Lebens. Ich habe zwei Kinder, die ich wachsen gesehen habe. Ganz sicher aber wäre all das, was ich tue, nicht möglich gewesen, wenn ich einen normalen Job hätte, wo ich morgens das Haus verlasse und erst am Abend wieder zurück bin. Ich arbeite zu Hause und meine Frau arbeitet direkt in Nachbarzimmer. Und die Kinder sind nach der Schule auch nur eine Wand weit weg.

Dazu kommt aber auch, dass meine Familie mein Hobby teilt. Meine Frau hat nun auch schon 8 Marathons gelaufen, die meisten davon im Ausland, wenn sie mich begleitet hat. Und mein Sohn hat die Chance, irgendwann besser zu sein als ich. Er bekommt das Vorbild „Vater“ und die Methodik des Trainings. Er ist mit seinen 15 Jahren Schülertrainer bei den TriKids Ahrweiler und immerhin rheinland-pfälzischer Meister im Duathlon seines Jahrgangs. Ich bin sehr stolz auf ihn.
Wie viele Stunden trainierst du ca. in der Woche, ohne Wettkämpfe?

Definitiv zu wenig und zu unstet. Manchmal nur zwei Mal eine Stunde, manchmal aber auch sechs Mal zwei Stunden. Ich liebe das Laufen, aber ich hasse es, mich zum Training verpflichtet zu fühlen.
Jemand der gerne läuft und sich nicht sicher ist, ob er mal einen Marathon laufen soll – was wären deine Argumente, um ihn zu überzeugen?

Jeder kann einen Marathon laufen, das ist wichtig zu wissen. Genauso wichtig ist es aber auch, sich gut auf diesen Lauf vorzubereiten. So lernt man Trainingspläne einzuhalten, sich selbst zu disziplinieren und sich einzuschätzen. Und wenn man dann dieses Ziel erreicht hat, dann ist man stolz auf sich selbst. So stolz, wie kein Anlass „von außen“ das vermag.
Was würdest du ihm speziell raten bzw. was wären deine grundlegenden Trainingstipps?
Akribisch vorbereiten, sein eigenes Leistungsvermögen richtig einschätzen und dann „sein Tempo“ laufen. Mit akribisch vorbereiten meine ich, dass vor allem die langen Trainingsläufe entscheidend sind. Und die müssen langsam gelaufen werden, damit man die Grundlagen für die Ausdauer schafft.
Mit Leistungsvermögen richtig einschätzen meine ich, dass man nicht auf 3:00 Stunden trainieren sollte, wenn man die 10K in über 50 Minuten macht – und umgekehrt.
Mit „sein Tempo“ laufen meine ich, dass man gerade beim ersten Marathon der Versuchung widerstehen muss, sich vom Pulk ziehen zu lassen. Ich habe so viele Menschen erlebt, die sich zu hohe Ziele gesetzt haben und so stark eingebrochen sind, dass sie am Ende weit hinter den Erwartungen blieben. Schnell loslaufen kann jeder, so gewinnst Du ein paar Minuten. Wenn Deine Muskeln aber übersäuert sind und Du nicht mehr laufen kannst, dann verlierst Du die gewonnenen Minuten oft bei einem einzigen Kilometer, der dann gegangen werden muss. Und von diesen Kilometern gibt es am Ende oft recht viele, also: langsam und konstant laufen!

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