Die Nacht der Entscheidung in Lilienthal …

Vor dem Marathon des Sables, dachte ich Mitte der Woche, sollte ich wenigstens ein Mal noch eine der “langen Kanten” laufen. Im Februar und März allerdings gibt es nicht allzu viele Alternativen. Da gibt es am 7. März den 6-Stunden-Lauf von Stein/NL, aber das ist eher zu wenig, vielleicht 60 km, vielleicht ein wenig mehr. Und es gibt den schönen DURAVIT-Erlebnislauf am 19. März, ein wunderschöner Landschaftslauf über immerhin 65 Kilometer durch den prächtigen Schwarzwald, gespickt mit einigen Höhenmetern.
Im Vorjahr habe ich diesen Lauf genießen dürfen, aber ob es dieses Jahr klappen wird, weiß ich nicht.
Und da gibt es am 20. März den KIENBAUM 100 Lauf in Berlin, allerdings bin ich an dem Wochenende in Rom und eine Woche später gibt es die 100 Kilometer von Kelheim, aber das halte ich für zeitlich zu knapp vor dem MdS.

Da kam mir der 100 Kilometer bzw. 100 Meilen Lauf  “X-BIONIC®” von Carsten A. Mattejiet in Lilienthal bei Bremen gerade recht. Ein Lauf, der in der Vollmond-Nacht vom Freitag, 26. Februar 2010 auf den Samstag, 27. Februar 2010 stattfinden sollte. Start war um 20 Uhr, ein Zeitlimit für die 100 Kilometer konnte ich in der Ausschreibung nicht finden, das Zeitlimit für die 100 Meilen sind 30 Stunden, also alles recht gemächlich, fand ich.
Überhaupt wirkte die Veranstaltung für mich schon wegen des exotischen Namens relativ professionell und so startete ich gegen 14 Uhr, um mich durch die vielen Freitags-Staus auf der A1 zu kämpfen. So früh loszufahren war eine wirklich gute Entscheidung, eine bessere als die, von der A1 über Recklinghausen auf die A43 Richtung Münster auszuweichen, um dann bei Münster-Süd wieder auf die A1 aufzufahren. Wenn man “vom Regen in die Traufe” kommen kann, dann habe ich das gestern erlebt.

Aber ich war Punkt 19 Uhr in Lilienthal, also eine Stunde vor dem Start, eine perfekte Punktlandung, fand ich. Vor dem Reihenhaus der Mattejiets stand ein offenes schwarzes 3×3 Meter Zelt, eindeutig der Startpunkt des Laufs. Die Grundbedingung des Laufs kannte ich schon von der Internet-Ausschreibung her, es war ein „Pendel-Lauf“, die Strecke hatte 8,1 Kilometer bis zum Wendepunkt und dann ging es ebenso weit zurück, zusammen also 16,2 Kilometer, nach 6 mal hin- und 6 mal herlaufen hast Du also 97,2 Kilometer auf dem „Tacho“, also musst Du noch eine kleine Ausgleichsrunde laufen, um die 100 „voll zu machen“. Das wollte Carsten uns dann noch sagen und zeigen, aber er hat es dann vergessen …

Schon beim Ankommen hatte ich viele Gründe, mich zu wundern. Meine Frage nach einem Toilettchen wurde mit dem Hinweis auf die Nutzung einer Ecke des Sportfeldes beantwortet, das schöne Reihenhaus hatte wohl keine Gästetoilette. Als Läufer und als Mann bin ich es ja gewöhnt, die Hecken dieser Welt zum Blühen zu bringen und in Laufkleidung habe ich auch keine Probleme damit. Aber in den zivilen Klamotten, die ich noch anhatte, schämte ich mich schon ein wenig, als eine alte Dame mit zwei kleinen Hunden vorbeikam und kopfschüttelnd vorüberging.
Danach frage ich nach einem Platz zum Umziehen. Carsten deutete mit norddeutscher Gelassenheit auf das 3×3 Meter Zelt und sagte ein knappes: „Da!“
Nun muss ich auch die Hosen wechseln und ich trage beim Laufen niemals eine Unterhose darunter, deshalb entschied ich mich für die Wechselstation „Auto“. In meinem Wagen kümmerte ich mich auch noch um meine Zehennägel, um das Einfetten der problemhaften Hautpartien und um das Abkleben der Brustwarzen. Es war eng im Auto, aber es ging.

Die wenigen Läufer, die da waren, wurden nicht miteinander bekannt gemacht, die Stimmung war bremerisch hanseatisch unterkühlt, dem Wetter entsprechend, fand ich. Und wenn Du ins Teufelsmoor rauslaufen sollst, dann solltest Du auch keine Sonne im Herzen tragen, sondern mit gedämpfter Stimmung Deine Meilen abspulen. Im Norden ist halt vieles anders, dachte ich mir. Köln, sagte ich zu mir, ist zwar die schönste Stadt der Welt, aber eben nicht das Vorbild für andere Städte. Wie schade …

Richtig überrascht aber war ich, als uns gesagt wurde, dass es nur einen einzigen Helfer gab. Der saß am Ende der Strecken, am Wendepunkt, die Wende am Start blieb unbesetzt, die Folge wäre gewesen, dass überhaupt „kein Schnack“ möglich gewesen wäre, keine Abwechslung nach jeweils ca. einer Stunde Lauferei. An Musik wollte ich ja gar nicht denken, diese Hoffnung wurde mir ja schon sehr früh genommen.
Du solltest an beiden Wendepunkten aber immer Deine Ankunftszeiten an den einzelnen Wenden auf ein Zettelchen eintragen. Wehe dem, der ohne Uhr unterwegs war, denn der Veranstalter konnte oder wollte keine Uhr neben das Zettelchen stellen. Aber das waren alles Randprobleme einer Frage, die sich mir aufdrängte, seitdem ich Lilienthal erreicht hatte:

„Was will ich hier? Wo bin ich da hingeraten?“

Ein Streckenbriefing gab es nicht, auch bekamen wir keinen Steckenplan. Zwar war mir die Strecke noch aus dem Internet einigermaßen präsent, aber „in realitas“ ist dann doch alles ganz anders, so anders, dass ich mich schon beim Zurücklaufen verlaufen hatte. Aber dazu später. Dafür aber gab es ein Lied, ein Hexenlied, zelebriert von Carstens Tochter, ein kleines Highlight an einem traurigen Abend, fand ich. Und es gab einen Start im Marathontempo. Mindestens. Und alle rannten wie blöd hinter Carsten her, wahrscheinlich, weil alle genau wie ich Sorge hatten, den kaum gekennzeichneten Weg nicht zu finden. Sechs Minuten acht Sekunden für den ersten Kilometer, 5 Minuten 45 Sekunden für den zweiten Kilometer und 5 Minuten 25 Sekunden für den dritten Kilometer….

Ich hatte schon vor dem Start überlegt, gar nicht erst dieses Abenteuer anzugehen und ich zermarterte das bißchen Gehirn, das ich habe, was ich tun sollte, aber ich entschied mich, zumindest zu schauen, wie denn die Strecke aussieht, zumindest das bißchen der Strecke, das man im Dunklen erkennen kann. Aber das, was ich erkennen konnte, war nicht schön. Und es roch nicht gut, mal roch es nach Pferden, mal nach Moor, immer roch es aber irgendwie nicht nach Köln. Die Strecke wiederum war komplett geteert, die entsprechende Straße wiederum war von der Kälte und dem Schnee der vergangenen Wochen her noch in einem erbärmlichen und renovierungsbedürftigen Zustand, es gab sogar ein vierhundert Meter langes Teilstück, wo die Teerschicht abgetragen war, der holprige Untergrund zu sehen war und wahrscheinlich schon bald eine neue Teerdecke darauf gegossen wird. Bald, aber eben noch nicht jetzt.
Und so liefen wir auf Asphalt zwischen Wasserpfützen und Schlaglochern hindurch und ich – ich litt.

Das kurze Ausgleichsstück zum Ende, das Carsten uns noch zeigen wollte, hat er vergessen zu erwähnen, als wir daran vorbei gelaufen sind, andererseits wären mir Streckenmarkierungen auch wichtiger gewesen. Dann hätte ich kontrolliert mit einer 6 Minuten 30 Sekunden Zeit pro Kilometer starten und diese Pace halten können, so aber musste ich hinter Carsten herlaufen, viel zu schnell für so einen langen Lauf.

Und ich dachte nach, was ich bei diesem Lauf will und was für mich an diesem Abend richtig ist. Ich überlegte sogar noch, ein Zimmerchen zu mieten und am nächsten Tag den Marathon zu laufen, der am Samstag vormittag ausgeschrieben war. Oder einfach langsam zu laufen, mich irgendwann ins Auto zu setzen und das mitgebrachte Federbett zu genießen, um dann entspannt am nächsten Tag weiter zu laufen, denn Liegemöglichkeiten wurden von Carsten nicht angeboten, nicht in dem schönen Reihenhaus und auch nicht in dem 3×3 Meter Zelt davor.
Wenn ich die Übernachtungslösung gewählt hätte, dann wäre der Samstag weg gewesen und eine gewertete Laufzeit von vielleicht 18 Stunden für einen 100km-Lauf motiviert mich auch nicht wirklich.
Nein, zumindest sollte ich unter der 7er Marke von 11 Stunden und 40 Minuten bleiben. Das ist die 100km – Durchgangszeit bei der 24-h DLV Challenge in Delmenhorst aus dem Vorjahr gewesen, die normalen 100er-Läufe habe ich bisher in 11 Stunden 19 Minuten, 10 Stunden 43 Minuten und 10 Stunden 51 Minuten hinter mich gebracht und diese Zeiten will ich nicht signifikant verschlechtern.

„Was will ich hier? Wo bin ich da hingeraten?“

Und ich überlegte, was es mir bringt, 16,2km, 32,4km oder 48,6km zu laufen. Nichts. Keine Wertung, kein Finish, dafür aber ein Ende des Laufs gegen 22 Uhr, Mitternacht oder sogar zwei Uhr nachts. Und dann geht es noch vier Stunden Richtung Heimat! Wofür das alles?
Ich dachte an die Aussage von Carsten, dass seine Kinder einen ganz leichten Schlaf hätten und wir deshalb sehr ruhig sein sollten am Wendepunkt „Home“ und ich war richtig froh, dass ich Carsten nicht meine Wertsachen zum Einschließen gegeben hatte, sonst hätte ich sie wohl nicht vor dem nächsten Morgen zurück erhalten und hätte entsprechend laufen müssen.
Und ich überlegte, dass ich alles andere wie Gastfreundschaft erlebt hatte, eher Gleichgültigkeit den Läufern gegenüber, außer natürlich dem „Gerebelten“ gegenüber, den 30 EUR Startgeld, die allerdings nicht dafür ausgereicht hatten, genügend Becher zu besorgen, also sollten wir unsere Pappbecher nach Möglichkeit öfters benutzen und irgendwo abzustellen. Die Idee, den Läufern persönliche Becher auszugeben und somit auf Pappbecher zu verzichten, wie es beispielsweise beim UTMB gemacht wurde oder, ganz legendär mit faltbaren Bechern, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte, beim KiLL50.

Es war dann bei Kilometer vier, als ich beschloss, mich erst unauffällig nach hinten fallen zu lassen, um dann die Stirnlampe auszumachen, mich weiter nach hinten abzusetzen und klammheimlich und ohne Reue den alleinigen Rückweg anzutreten, um dann auf den Zettel bei der Heim-Wedemarke zu schreiben: „SORRY, ABER DAS IST WIRKLICH NICHT MEIN DING HIER!“

Ich dachte an die beiden Ameisen aus dem Gedicht von Joachim Ringelnatz und lief insgesamt rund 8 der geplanten 100 Kilometer.
Auf den kleinen Rest der Reise verzichtete ich, genauso weise.

Es war die Nacht der Entscheidung in Lilienthal, nicht in Altona auf der Chaussee, aber ich war glücklich, als ich noch vor 21 Uhr wieder auf der Autobahn war, um kurz nach Mitternacht wieder zu Hause zu sein.

Ich weiß nicht, was die beiden Ameisen am nächsten Tag nach ihrem Lauf getan haben, ich habe mich auf das konzentriert, was ich noch mehr liebe als das Laufen: auf meine Familie.

Das einzige, was mir noch bleibt, ist DANKE zu sagen. DANKE an die beiden Ameisen, die mir mit ihrem Beispiel Vorbild waren …

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Der filetierte Pfefferkarpfen-Lauf …

(klicken zum Vergrößern) - Die ersten Zeilen des Eifel-Krimis "VINO DIAVOLO" von Carsten S. Henn, der bei uns in Bad Neuenahr spielt.

Samstag, der 20. Februar, 6.00 Uhr, ich sitze im Auto, unterwegs Richtung Nürnberg-Schnepfenreuth, zum „Pfefferkarpfen-Lauf“ nach Pommersfelden. Ich war aufgeregt und freute mich, Olaf Schmalfuß, den Veranstalter des Laufs und Alexander von Uleniecki mal persönlich kennen zu lernen. Außderdem freute ich mich, Kurt Süsser, Klaus Neumann und Gottfried „Gotti“ Oel wieder zu sehen.

Mein Plan war, zwischen 9.00 Uhr und 9.30 Uhr in Nürnberg-Schnepfenreuth anzukommen, da der Lauf um 10 Uhr beginnen sollte. Für die rund 390 Kilometer hatte ich also ausreichend Zeit. Die Autobahn war leer und trocken, ich schaltete den Tempomat also auf 150 km/h und schob die erste CD des Hörbuchs „VINO DIAVOLO“ in den CD-Schlitz, das meine Frau Gabi mir am Tag zuvor noch gekauft hat. „Damit es Dir beim Auto fahren nicht so langweilig ist … !“ sagte sie.

Ich muss ja gestehen, ein großer Fan von Hörbüchern zu sein, was aber nicht bedeutet, dass ich keine Bücher lesen würde. Aber ein Hörbuch oder ein Hörspiel während der langen Fahrten erheitert oft ungemein. Und der fette Koch Julius Eichendorff aus unserem Ahrtal ist schon ein paar Lacher wert. Der Autor, Carsten Sebastian Henn, schreibt in einer unnachahmlich bildhaften Art und schon der Anfang der Geschichte hat mich fasziniert. Ich stellte mir vor, dass mir auch das passieren würde, was Julius Eichendorff erlebt hat, nämlich, dass ein schwarz gescheckter Wiederkäuer von wo aus auch immer direkt auf meinen Wagen fallen würde.


Aber das passierte natürlich nicht, es ist ja für Kühe überaus unüblich, vom Himmel zu fallen, also konnte in Ruhe zwei der vier CD’s anhören, bis ich in Erlangen-Tennenlohe von der A3 abfahren musste. Gleich sechs Kilometer weiter war dann auch das Sportheim des TB Johannis 1888, wo alle der 30 gemeldeten Läufer eintrudeln sollten. Viele waren schon da – und ich war froh, noch viel mehr Läufer zu kennen als die, auf die ich mich eingestellt hatte. Es gibt ja viele, die man oft gesehen hat, aber denen man keinen Namen zuordnen kann.

Nach ein paar Startfotos ging es auch pünktlich los, immer der Regnitz entlang, eine wunderschöne Strecke, die durch lange vermisste Sonnenstrahlen weiter verschönert wurde. Die meisten waren zu dick angezogen und ich wollte hier Vorbild sein und trug vier dünne Schichten, ein SKINFIT Unterhemd, ein kurzärmliges Laufshirt, eine dünne SKINFIT Windjacke und darüber noch eine ERIMA Laufjacke.
Und weil es ja heißt „Viel hilft viel!“ habe ich mir noch SKINFIT Armlinge gegönnt.
Kein Wunder, dass ich schon bei der ersten Verpflegungsstelle am Fuß des schon mit einem Umweltpreis ausgestatteten Schutt- und Energieberges nach 11 Kilometern klitschnass war. Hier verzichtete ich auf die Armlinge und die Windjacke. War das ein gutes Gefühl, wieder luftiger gekleidet zu sein!

Sorgen machte mir schon zu diesem Zeitpunkt mein Rücken. Nachdem ich jetzt wochenlang schmerzfrei war und auch beim Tennis die neu gewonnene Lauffreiheit genossen habe, rumorte es wieder an der neuralgischen Stelle über dem Popo. Nicht dramatisch, aber ich bin ja super vorsichtig zurzeit. Auf keinen Fall darf mir etwas vor dem Marathon des Sables passieren!
Das Rumoren des Rückens war dann den ganzen Tag lang zu spüren, aber den berühmten Stich ins Kreuz gab es nicht, zum Glück.


Nachdem wir auch auf den Schutt- und Energieberg gelaufen und auch dort oben fotografiert hatten, ging es von der Regnitz ab über das platte Land, viel Straße, ein paar Dörfer, viel Wald und vor allem noch viel Schnee. Aber kein schöner Schnee wie bei meinen Eifel-Läufen durch unberührte Schneefelder, sondern schwerer, nasser Schnee, zusammengedrückt von den Reifen von landwirtschaftlichen Fahrzeugen, wirklich unangenehm zu laufen.

Die insgesamt 55,57 Kilometer bis zum Pommersfeldender Hotel „Grüner Baum“ waren insgesamt eher wenig erbaulich, von der Strecke bis zur ersten Verpflegung einmal abgesehen. Aber die Verpflegungspunkte waren sensationell. Bei der zweiten Verpflegung waren nicht nur Dutzende der berühmten Nürnberger Rostbratwürstchen gebraten, die Gastgeber dieser Verpflegungsstelle waren auch eifrig am grillen und brutzeln. Und damit wir nicht auskühlen, durften wir sogar in das eigens für uns leer geräumte Wohnzimmer gehen. Die Stühle, auf denen wir saßen, rieten uns genauso, da zu bleiben und nicht mehr weiter zu laufen wie auch die frischen Biere mit Bügelverschluss, die da auf die Leerung warteten. Aber angesichts der vielen Fleischesser und der vielen geöffneten Bierflaschen fühlte ich mich wie Julius Eichendorff und fragte mich, wo ich hier nur rein geraten bin …

Da ich ja kein Fleisch esse und auch nur wenig Alkohol trinke, konnte ich diese Angebote nicht genießen, aber ich sah das schiere Glück in den Augen der anderen Läufer und ich dachte, wenn Gott ein Deutscher ist, dann muss er im Frankenland leben, weil die Würstchen und das Bier sicher göttlich sind. Olaf hatte mich ja schon vor dem Lauf gewarnt, dass die Versorgung beim Pfefferkarpfen-Lauf so gut ist, dass wir Läufer eher zu- als abnehmen würden. Und Olaf hat nicht übertrieben, das Angebot war jedes Mal üppig und vorbildlich, fast zu viel. Für mich sowieso, da ich ja beim Laufen stets nur geringe Mengen Nahrung zu mir nehme.

Die letzte Verpflegungsstelle, die wir allerdings erst suchen mussten, war dann in einem Fahrrad-Geschäft. Auch hier konnten wir länger ausharren, weil wir nicht in der Kälte stehen mussten und die dortigen Gastgeber haben sich viel Mühe gegeben, uns alle Wünsche von den Augen abzulesen. Überhaupt habe ich an diesem Samstag nur nette Menschen erlebt, alles Freunde von Olaf. Es bewahrheitet sich auch im Frankenland immer wieder: nette Menschen haben eben nette Freunde!


Trotz der hervorragenden Verpflegung war ich am Ende sehr froh, endlich im Hotel angekommen zu sein. Der Rücken schmerzte, die Beine wollten nicht mehr und die Psyche war gebrochen. Ich entschied bereits bei km 30, dass ich diese Strecke am nächsten Tag wohl nicht zurück laufen, sondern Olafs Angebot annehmen werde, mit dem Auto noch am Samstag Abend nach Nürnberg zu fahren. So würde zwar die „104 Kilometer lange Läuferparty“ wie ein Pfefferkarpfen filetiert und halbiert sein, aber zur Rückenschonung war die Entscheidung richtig und wichtig. Und ein halber Pfefferkarpfen ist doch besser als gar keiner, oder?

Ich blieb noch zum Abendessen und redete lange und viel mit Gerhard Börner, dem PTL-Finisher des Jahres 2009, der bei Marathon4you.de den legendären Artikel geschrieben hat: „Es gab Überlebende!“
Gerhard war einer derjenigen, die ich schon oft gesehen hatte, denen ich aber keinen Namen zuorden konnte. Gleichzeitig wusste ich viel von Gerhard, weil er zwei Wochen vor dem UTMB 2009 die virtuelle Trainingsgruppe um Bernie Conradt, in der auch Kurt Süsser und ich vertreten waren, angeschrieben hatte, weil er kurzfristig noch einen Mitläufer gesucht hatte.

Ich war zwar nicht so verrückt, diese Einladung anzunehmen, weil ich mir gesagt habe, dass ich zumindest erst einmal den UTMB finishen muss, bevor ich mich an die nächste Aufgabe wage. Aber den Samen für meinen PTL Lauf im August dieses Jahres hat er damit gesät. Und als ich nach dem UTMB seinen Laufbericht gelesen hatte, wusste ich, dass ich meinen inneren Frieden nicht werde finden können, wenn ich diesen Lauf nicht probiere.
Es war schön, dass ich mich mal richtig lange mit Gerhard unterhalten konnte, vor allem, weil er beim Abendessen mein direkter Sitznachbar zur Rechten war.

Schade war, dass ausgerechnet Olaf, der Veranstalter, das Geburtstagskind, keinen der vielen Pfefferkarpfen bekommen konnte, weil zu wenige dieser Spezialitäten vorbestellt waren. Ich für meinen Teil habe mich für Sprossentaler auf leicht verkochtem Gemüse und für einen kleinen Salat entschieden, dazu gab es eine große Flasche Mineralwasser, eine gute Wahl.

Dann musste es allerdings schnell gehen, weil das Auto nach Nürnberg abfuhr, kaum Zeit, sich zu verabschieden. Nicht von Kurt, nicht von Gerhard, nicht von Tanja, Alexander, Petra … und auch nicht vom Veranstalter, vom Geburtstagskind, von Olaf.


HAPPY BIRTHDAY Olaf, danke für diesen Lauf!

Auf dem Rückweg hörte ich mir die beiden letzten CD’s des Eifel-Krimis „VINO DIAVOLO“ und ich hatte am Ende, als der Mörder gefunden und seine bewegende Beichte vorbei war, ein paar Tränchen in den Augen, so ergreifend war das weinselige Gespräch zwischen Julius Eichendorff und dem Täter, voller Liebe und Romantik.

„In vino veritas“ – im Wein liegt Wahrheit, im Laufen auch.

Am Wochenende gibt es original fränkischen Pfefferkarpfen …

Pfefferkarpfen mit Polenta – Muffins

Pfefferkarpfen:
Die Karpfenstücke mit Knoblauch einreiben, salzen und pfeffern und in eine feuerfeste Auflaufform legen, dazwischen die Erdäpfelscheiben, Zwiebel- und Paprikaringe und die Karottenstücke geben.
Das Ganze mit Wasser aufgießen, sodass die Filetstücke bedeckt sind. In weiterer Folge den Saft der Zitrone, einige Pfefferkörner, 1 EL Butter und den halben Suppenwürfel dazugeben.
Zum Schluß alles mit gehackten Kräutern bestreuen, mit Alufolie abdecken und ins Backrohr bei 200 Grad Celsius für 40 bis 50 Minuten geben.

Polenta – Muffins:
1/2 Liter Milch, 1/2 Liter Wasser, 3 Eckerlkäse und Salz zum Kochen bringen.
250 g Maisgrieß einrieseln lassen und ca. 10 Minuten auf kleiner Stufe quellen lassen, öfters umrühren. Danach gehackte Kräuter und 50 g Parmesan dazugeben und etwas stehen lassen.
Zwischenzeitlich ein Muffinsbackblech einfetten und mit Brösel ausstreuen, die Polentamasse dann einfüllen und bei ca. 200 Grad 20 bis 25 Minuten im Rohr backen.

Schwierigkeitsgrad: leicht
Personen: 4
Zubereitungszeit: 50 Minuten
Vorbereitungszeit: 30 Minuten
Zutaten:
2 St Karpfenfilets in portionsgroße Stücke geschnitten, Salz, Pfeffer nach Geschmack
1/2 St Suppenwürfel, Knoblauch, 1 St Zwiebel (in Scheiben/Ringe geschnitten)
2-3 St kleinere Erdäpfel (in Scheiben geschnitten)
1 EL Butter, Saft einer Zitrone, gehackte Kräuter, Pfefferkörner
je 1 St roter Paprika, Karotte (geschnitten)


Du weißt ja vielleicht, dass ich ein gebürtiger Franke bin, ein Nürnberger, um genau zu sein. Ich weiß aber nicht, ob ich an einem Freitag geboren wurde, aber falls es ein Freitag gewesen sein sollte, dann gab es zu Mittag bestimmt eine typisch fränkische Spezialität: den fränkischen Pfefferkarpfen.

Als Baby hatte ich sicherlich auf den Pfefferkarpfen wenig Lust, wahrscheinlich war mir ein Gläschen mit Karottenmus oder Griesbrei lieber. Und am Wochenende, wenn es wieder fränkischen Pfefferkarpfen gibt, werde ich wohl auch nicht mitschlemmen, sondern einen vegetarischen Gemüseauflauf bevorzugen. Die fränkischen Pfefferkarpfen überlasse ich den 29 anderen Läufern und den 5 Helfern, sie werden sich das Essen durch fleißiges Laufen redlich verdient haben.

Wobei wir beim Laufen wären, beim Pfefferkarpfen-Lauf. Im Steppenhahn-Forum habe ich zuerst von diesem Lauf gelesen, als sich ein paar Läufer darüber gestritten haben, ob es nun der Pfefferkarpfen-Lauf oder der Pfefferkrapfen-Lauf sei. Als Franke war mir natürlich klar, dass es sich um den Fisch handeln musste, aber einen Krapfen (Berliner), gefüllt mit frischem scharfen Pfeffer, inspiriert auch sehr. Ich liebe ja bittere Schokolade, die mit Chili gefüllt ist, vielleicht wäre ich auch ein Fan dieser neuen Backspezialität?
Mitte der Woche erzählte mir dann mein lieber Laufkumpel Kurt Süsser, dass er am Wochenende beim Pfefferkarpfen-Lauf dabei wäre. Er war es auch, der mir die entsprechende Einladung besorgt und so mein Mitlaufen möglich gemacht hat.

So geht es am Samstag 54 Kilometer lang als Gruppenlauf von Nürnberg-Schnepfenreuth Richtung Pommersfelden. Dort gibt es im Pommersfeldener Hotel „Grüner Baum“ für die Läufer und die Helfer eben diesen fränkischen Pfefferkarpfen. Und nach einer wahrscheinlich kurzen Nacht geht es dann am Sonntag wieder die 54 Kilometer zurück nach Nürnberg. Aber am Sonntag heißt es dann, sich zu sputen, damit ich mein Tennisspiel um 20 Uhr in Bad Neuenahr nicht verpasse.

Die ganz besondere Freude aber hatte ich heute, als die Teilnehmer-Liste per Mail erhielt. Außer dem Veranstalter Olaf Schmalfuß und Kurt Süsser sind weitere 27 Läuferinnen und Läufer dabei. Nicht alle Namen sagen mir etwas, aber auf manche freue ich mich ganz besonders.
Vor allem freue ich mich auf den lieben Gottfried „Gotti“ Oel, den ich 2009 beim SwissJuraMarathon kennen- und schätzen gelernt habe, lies dazu mal meinen Bericht „Vom ersten bis zum letzten Tag“. Wir werden sicher viel zu tratschen haben …

Klaus Neumann, der König der Ultra-Marathons, ist auch dabei. Ihn habe ich zuletzt beim Sondershausener „Unter-Tage-Marathon“ gesehen. Bewundernswert und rekordverdächtig sind seine 109 Ultra-Marathons im Jahr 2009, einfach sensationell.
Als Teilnehmer des „TransEurop-FootRace“ kamen alleine dadurch letztes Jahr 72 Ultras auf sein Konto und so beschloss er, in 2009 die 100 Ultras voll zu machen und da muss er sich wohl irgendwann ein wenig verzählt haben …
Ich erinnere mich bei Klaus auch seine Antwort auf meine erste Frage an ihn. Es war beim Eisweinlauf vor einigen Jahren und ich hatte eben erst erfahren, dass Klaus drei Mal Spartathlon und zwei Mal Badwater erfolgreich hinter sicht gebracht hat. Ich nannte das „cool!“ Klaus aber antwortete: „Nein, nicht cool. Das war heiß, extrem heiß!“

Den letzten Mitläufer, den ich erwähnen will, ist Alexander von Uleniecki aus Berlin. Mit ihm habe ich mich in den letzten Wochen ein paar Mal per Mail ausgetauscht, weil er der Ausrichter der „Berliner Mauerläufe“ ist. Ich bin sehr froh, ihn bei dieser Gelegenheit auch persönlich kennen zu lernen. Interessant ist es übrigens, die Teilnehmerliste der Mauerläufe anzusehen. Viele der Läuferinnen und Läufer des kommenden Wochenendes finden sich dort wieder. Ich bin also umgeben mit hervorragenden Läuferinnen und Läufern, Menschen mit viel Erfahrung und interessanten eigenen Geschichten.

Vielleicht erzähle ich an dieser Stelle die eine oder andere davon in den nächsten Wochen, aber nur, wenn die Läufer nicht so still sind wie die fränkischen Pfefferkarpfen, die am Samstag Abend bei den meisten von uns auf dem Speiseplan stehen.

Andreas Klotz und sein Projekt mondberge.com

Ich kenne meinen Freund Andreas Klotz schon ziemlich lange. Aber ich werde nie ganz vergessen, wie ich ihn kennen gelernt hatte.
Es war ein privates Treffen von Läufern des TV Altendorf-Ersdorf, meines Lauftreffs, irgendwann Mitte 2004, jedenfalls noch lange vor meinem ersten Marathon. Ich war ganz frisch Mitglied des Lauftreffs und war von den beiden Läufern im Lauftreff, die schon einmal einen Marathon gelaufen waren, sehr beeindruckt und saugte jedes Wort der beiden tief in mich ein. Schließlich wollte ich ja auch mal ein Marathoni werden …

Andreas Klotz war einer der beiden. Und er war mehr. Er war auch Besteiger des Kilimanjaro, des Kilis, des Uhuru Peaks. Er trug an jenem Abend ein T-Shirt mit dem einschlägigen Kili-Motiv und er erzählte mir von der Besteigung und dem Weg durch die unterschiedlichen Klimazonen hindurch bis hoch ins ewige Eis. Die Klimazonen dort scheinen schichtartig angeordnet, scheinbar von jetzt auf gleich beginnt die nächste Klimazone. Er war davon sehr beeindruckt.
Und ich erinnerte mich an das, was Jahre zuvor mein Vater mir erzählt hat. Mein Vater ist bestimmt kein Vorzeigeexemplar, wenn es um Begeisterung für Dinge geht, die andere machen, aber eines Tages kam er von einem professionellen Dia-Abend zurück, den man heute wohl Multi-Media-Show nennen würde. Dort hat der Vortragende von seiner Kilimanjaro-Besteigung erzählt. Und mein Vater brannte …
Der Vortragende erzählte und mein Vater repetierte genau das Gleiche wie später Andreas Klotz, von den Klimazonen, von der Herausforderung und von dem unglaublichen Glück, das man empfindet, wenn man auf diesem Berg steht und im Morgengrauen auf die gut 4.000 Höhenmeter unter Dir liegende Hochebene schaut.

Das war der Abend, als ich Andreas Klotz kennen lernte. Und ich buchte meine Kilimanjaro-Reise noch in der darauf folgenden Woche. Ein paar Jahre später bin ich dann mit meiner Frau Gabi und ihm in Venezuela auf den Auyan Tepui, den wohl berühmtesten der vielen Tafelberge gestiegen, den Tafelberg, von dem aus der höchste Wasserfall der Welt, der ANGEL FALL, rund 1.000 Meter in freiem Fall herabstürzt. Andreas hatte damals über diese Reise ein Buch geschrieben, Gabi hat ein paar der Fotos dafür geliefert und ich war beeindruckt von der verlegerischen Leistung.

Der Auyan Tepui - eine abenteuerliche Trekking-Tour zu den Tafelbergen in Venezuela (bei Amazon als gebundene Ausgabe erhältlich, einfach auf das Foto klicken!)

Dieses Buch war aber nur die Übung für sein nächstes, weitaus größeres Projekt.
Direkt nach der Herausgabe dieses Buches begann er mit den Vorbereitungen zu einer Reise, die seinen wirklichen Zielen im Leben entspricht. So ist Andreas ein ambitionierter und wirklich guter Landschaftsfotograf und er liebt die Natur.

„Wenn wir in der Natur etwas bewahren können, dann retten wir auch ein Stück weit unsere eigene Welt!“ hat Andreas einmal zu mir gesagt. Und so widmete er sich einer aussterbenden Tierart, die uns Menschen genetisch so nahe steht wie keine andere, die Berggorillas des ugandischen Ruwenzori-Gebirges.

(klicken zum Vergrößern)

Die Berge des Ruwenzori-Gebirges werden auch die „Mondberge“ genannt. Noch streitet man sich, ob dort der Nil entspringt, sicher ist aber, dass wenigstens ein Teil des Nils dort seinen Ursprung hat. Und wen wundert das, gibt es doch dort mindestens unglaubliche 320 Regentage im Jahr, dort, in den höchsten Bergen Afrikas, vom Kilimanjaro abgesehen.

Genannt hat er dieses Projekt: MONDBERGE.COM, ein passender Name für ein derart ambitioniertes Projekt.

Die Leitideen waren dabei, Geld für die bedrohten Berggorillas zu sammeln. So gehen mindestens 10% der Projektumsätze und 100% der Spenden direkt und zweckgebunden an die Berggorilla & Regenwald Direkthilfe e.V.„.
Ein weiterer Aspekt war das Trekking auf die drei über 5.000 Meter hohen Berggipfel der Mondberge und der dritte Aspekt war, daraus eine Reise für ambitionierte Landschaftsfotografen zu machen, die danach ihre Bild- und Videoaufnahmen in einen gemeinsamen Pool stecken, aus dem dann ein Buch hervor gehen sollte, eine Multi-Media-Show und andere Dinge, die dem Zweck der Rettung der Berggorillas dienlich sind.

Das Buch ist schon lange erschienen und ich bin stolz, eines davon Mitte November zu meinem Geburtstag erhalten zu haben.

(klicken zum Vergrößern) Perle Afrikas - Impressionen aus Uganda

Klicke hier und Du findest das Buch im Shop von www.mondberge.com. Direkt nach der ISBN-Nummer gibt es einen Link, wo Du Dir das Buch online durchblättern kannst (JavaScript vorausgesetzt). Du siehst 212 aufregende Seiten voller Farbe, Abenteuer und Tiere in der natürlichen Umgebung. Ein Muss, finde ich!

Oder Du lädst Dir hier eine Leseprobe als PDF herunter:

hoch aufgelöst, ca. 21,5 MB
geringer aufgelöst, ca. 7,4 MB

Du kannst Dich übrigens stundenlang auf der ausführlichen und mit interessanten Informationen gespickten Webseite www.mondberge.com aufhalten und etwas über die Teilnehmer lesen, über die Sponsoren des Projekts, über den Central Circuit Trail durch das Ruwenzori-Gebirge, über die Berggorillas und über vieles mehr …
Es lohnt sich wirklich.

Genauso lohnt es sich, die professionelle Multi-Media-Show anzusehen. Bei der Premiere in Rheinbach Ende Januar 2010 war ich dabei, es war ein großartiges Erlebnis. Ich hätte mir am liebsten die Trekking-Schuhe geschnürt und wäre am liebsten gleich hingeflogen. Die nächste Multi-Media-Show wird am 20. April in der Bonner Beethovenhalle (Forum Süd) ab 19:00 Uhr gezeigt. Tickets für nur 14 EUR kannst Du hier buchen.

Das Projekt statete übrigens in dem Jahr (2009), das die UNO zum „Jahr des Gorillas“ ausgerufen hatte …

Braveheart Battle in Münnerstadt – mehr Arbeit für die Bestatterschule?

In der fränkischen Stadt Münnerstadt befindet sich nicht nur das Bundesausbildungszentrum Bestatter, sondern dort gibt es auch 30 Gräber, an denen niemals Trauernde stehen ...

Ob die Veranstalter des Braveheart Battle gerade Münnerstadt als Schlachtfeld ausgewählt haben, weil es dort eine Bestatterschule gibt? Im Zweifel hat das für uns Teilnehmer ja Vorteile, es entstehen nur geringe Wartezeiten, um nach dem Scheitern auf dem „Battlefield“ in die weiche, warme Erde zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Was in diesem Fall wohl auf den Grabsteinen stehen würde?
Andererseits kann eine Beerdigung in Münnerstadt auch ein echtes Problem werden. Wenn die Schüler der Bestatterschule sich nicht sicher sind in dem, was sie tun, kann das übel enden.

Nicht übel enden aber wird unser Kampf auf dem Schlachtfeld gegen die Barrikaden, gegen kaltes Wasser, zähen Schlamm und gegen uns selbst. Und härter als die „langen Kanten“ im derzeitigen Schnee kann es ja eigentlich auch nicht werden. Gespannt bin ich, wie die Abschnitte sein werden, wo wir durch den Schlamm robben müssen. Beim ToughGuy sind nur wenige Zeitimeter über Dir Metalldrähte gespannt, gute Gründe, den Kopf auch tief unten zu halten und immer wieder von dem teigigen Schlamm zu kosten.

Beim ToughGuy gab es auch etwas höher gehängte Netze, die scheinbar leichter zu bewältigen sind. Sind sie aber nicht, weil ruckzuck eine Schnur des Netzes einen roten Striemen auf der Stirn hinterlässt und Dein Kopf gleichzeitig in den Nacken gestoßen wird. Noch nach mehr als einem Jahr denke ich an den Schmerz, den schon das erste Netz bei mir verursacht hat. Danach habe ich mir immer einen groß gewachsenen Vorläufer ausgesucht und bin hauteng hinter ihm unter den Netzen durchgelaufen, das hat geholfen.
Das Risiko aber war, dass sich Deine Nase, wenn der Vorläufer überraschend stehen geblieben ist, mitten in der Po-Ritze dieses Läufers bohrt und Deine Wangen nehmen unangenehmen Kontakt mit den Po-Backen von ihm auf. Aber besser als einen weiteren Striemen zu riskieren. Es riecht zwar, aber es tut nicht weh.

Gespannt bin ich auch darauf, ob wir durch Wasser laufen, im Wasser schwimmen oder sogar im Wasser tauchen müssen. Sicherlich wird dieses, bestimmt unappetitlich schmutzige Wasser Mitte März nicht nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt kalt sein, das wird den Kontakt mit dem kühlen Nass angenehmer machen.

Ob aber die Veranstalter angenehmer sein werden als Mr. Mouse vom ToughGuy oder die professionellen Kollegen vom StrongManRun wage ich zu beweifeln. Während die Veranstaltungsagentur des StrongManRuns mit dem „Ausbilder Schmidt“ einen kabarettistischen Bundeswehr-General engagieren, der Dich mit liebevollen Worten wie „Los Du Lusche!“ motiviert, sind die Veranstalter des Braveheart Battle selbst und wirklich Drill-Inspektoren der „Truppe“.
Die Liegestützen, die wir machen müssen, wenn eine Übung misslingt, machen mir schon jetzt Kopfschmerzen und sie sind wohl noch die geringsten Strafen, die uns blühen, wenn wir schwach und ausgelaugt wirken.

Noch müssen wir harte 28 Tage, exakt einen Monat, warten, bis wir erst auf dem Schlachtfeld in Münnerstadt Erfolg haben und siegen werden, um dann eines der dreißig räber in Münnerstadt zu besichtigen, an denen niemals getrauert wird, weil es ja nur Übungsgräber sind.

Wir jedenfalls werden auch nicht trauern, sondern ein oder zwei der leckeren oberfränkischen Biere im Ziel austrinken, nicht um diese zu genießen, sondern, um denen zu gedenken, die am 13. März 2010 auf dem Schlachtfeld in Münnerstadt aufgeben müssen …
Und wir trinken auf die Sinnsprüche, die im Bundesausbildungszentrum Bestatter an der Wand hängen, so beispielsweise zwischen Raum 1.16 und der Übungskapelle:

„Den eigenen Tod immer ein bisschen im Auge behalten: das beruhigt und erfrischt zugleich.“ Oder:
„Meine Tante antwortete mir neulich auf die Frage, ob sie Angst vor dem Tode habe: ›Nein, nein. Nur ein bisschen Reisefieber.‹“

Das hässliche Entlein …

Es war der 02. März 2008 in Stein/NL, kurz vor dem Start zum 6-Stunden-Lauf.
Mein Lauffreund und Lauf-Urgestein Günter Meinhold kniff mir in die Seite und sagte: „Du hast gut gegessen über den Winter, TOM!“

Ein kleiner Satz und sofort spulte sich das alte Gedanken-Programm wieder ab. Und ich sah wieder den kleinen, dicken, hässlichen TOM mit seiner Hornbrille, den unvermeidlichen Knickerbocker-Lederhosen mit den Hosenträgern, die über der Brust die traditionelle bayrische Lederspange hatten, auf der ein weißer Plastik-Edelweiß befestigt war.
Und ich hörte wieder die anderen Kinder rufen: „Dicker fetter Pfannenkuchen!“
Und ich erinnerte mich an meinen schlanken blonden Bruder, der mich gegen diese Kinder verteidigt hatte.
Für einen kurzen Moment fühlte ich mich wieder jung, hässlich und ungeliebt. Dass ich direkt nach diesem 02. März 2008 mal wieder eine Diät machte, kannst Du wahrscheinlich nachvollziehen.

(klicken zum Vergrößern) - Meine Schwester, mein Bruder und ich im Wohnzimmer in den 60er Jahren. Erst mit 12 Jahren wurde ich schlanker.

Es war der 07. Februar 2010 in Herten-Bertlich, kurz vor dem Start zum Marathon der Bertlicher Straßenläufe.
Günter Meinhold war auch unter den Startern, glücklicherweise, nachdem er wegen körperlicher Probleme seinen Laufumfang eine Weile lang deutlich reduzieren musste. Günter schaute mich an und sagte: „Du bist zu dünn, TOM! Für den Ultralauf brauchst Du mehr Kraft – und die kommt aus dem Körpergewicht!“
Also war es wieder nicht richtig, wie ich war, aber ich gehe lieber als „zu dünn“ durch als dass ich mich wieder dick und hässlich fühle.

In der Tat habe ich in den letzten 12 Monaten deutlich Gewicht verloren. Das Gesicht ist länger geworden und die Laufshirts bekomme ich jetzt alle fast zwei Nummern kleiner. Aus XL wurde L und wenn die Armlänge kein Problem wäre, dann würde ich mir sogar M geben lassen. Niemals hätte ich mir so etwas träumen lassen …

Dabei war der 07. Februar 2010 ein für mich durchaus guter Tag. Denn nach 57 (!) Tagen ohne Marathon und nach einer ebenso langen Zeit ohne nennenswertes Training, ohne wirklich lange Läufe, fühlte ich mich schlapp und demotiviert und ich zweifelte sogar, ob ich auf der Marathonstrecke überhaupt noch akzeptable Zeiten hinbekommen würde. Seit dem Berlin-Marathon im September 2009 bin ich keinen Marathon mehr unter 4 Stunden gelaufen und auch beim diesem wunderschönen Lauf duckte ich mich im Stile eines Mambo-Tänzers nur äußerst knapp unter der 4-Stunden-Schwelle durch.
Die „langen Kanten“ vom Sommer 2009 haben Spuren hinterlassen, die Grundschnelligkeit schien genauso verloren wie die Motivation, relativ wenig attraktive Laufstrecken noch mit einem gewissen Druck anzugehen.

Da ist ein Lauf wie der „Unter-Tage-Marathon“ in Sondershausen natürlich anders, da motiviert Dich schon das Event und die Location an sich. Bei Bergläufen mit grandiosen Blicken ist es ähnlich. Aber drei Runden durch Bertlich und die wenig attraktive Umgebung laufen, ständig auf vom Winter stark beschädigten Nebenstraßen? Und das ohne Training, ohne rechte Lust und bei wenig attraktivem Wetter?
Aber ich wollte es wissen, ich wollte sehen, wie lange ich brauche, bis mein Körper müde wird.

Neben Günter Meinhold waren zuhauf erfahrene und bekannte Läufer am Start und außerdem waren ein paar Starter aus dem Freundeskreis dabei. Der „Ultrayogi“ Jörg Schranz zum Beispiel, mit dem ich mir am Ende der dann hoffentlich erfolgreich bestrittenen „TorTOUR de Ruhr“ ein „Erdinger Weißbier alkoholfrei“ teilen will und auch der „Extremsportler“ Gerhard Kotman, bei dem ich viele Parallelen in der läuferischen Karriere sehe. Ich erinnere mich an den Marathon in Glimmen/NL im Winter des Vorjahres, bei dem Gerhard und ich einige Zeit gemeinsam gelaufen sind und wo wir uns ausgiebig ausgetauscht haben.

Motiviert hat mich auch ein anderes Lauf-Urgestein, der mir gesagt hat, dass er jeden Marathon mit einer „3“ vorne abschließt. Großartig, dachte ich, bis er fortfuhr, dass es machmal auch eine 3:89 wäre. Welch fantastische Idee!
Sofort wusste ich in diesem Moment, dass ich diesem Lauf den Titel 3:68 Stunden gegeben hätte, wenn ich die 4-Stunden-Marke „gerissen“ hätte. Habe ich aber nicht.
3:55:23 Stunden war am Ende die Laufzeit und ich hätte durchaus besser sein können. Aber ich war nicht motiviert genug, mich anzustrengen, als mir klar war, dass ich auf jeden Fall unter 4 Stunden enden würde. 2:39:30 Stunden für die ersten 30 Kilometer und 1:15:53 Stunden für die 12,195 Kilometer danach. Aber hätte ich mich besser gefühlt, wenn ich mit 3:52:00 eingelaufen wäre? Sicher nicht. Und mehr wäre in meinem Trainingszustand und in der aktuellen mentalen Verfassung auch nicht drin gewesen.

Also freute ich mich daran, dass ich wohl nett anzusehen war. Ganz in schwarz gekleidet, sehr schlank und als Farbklecks eine orangene Laufbrille – mächtig cool. Da war nichts mehr von dem hässlichen Entlein, das ich mal war.

Und „Dicker fetter Pfannenkuchen!“ ruft mir schon seit 35 Jahren niemand mehr nach, nur manchmal, ganz manchmal, kann ich es noch hören …

Der Dienstag war der Freutag …

… der „Marathon des Sables“ (MdS) beschäftigt mich schon sehr.

Jeder Trainingskilometer dient dazu, dort gut durch die Sahara zu kommen, jedes Schneefeld, das durchlaufen wird, wird im Geiste zu einer Sanddüne, weil das Laufen durch Schnee sehr ähnlich sein soll wie das Laufen durch den Sand. Zumindest belasten beide Untergründe die Sehnen und Bänder gleichermaßen stark, auf beiden Untergründen musst Du permanent die Fußstellung ausgleichen und eine gewisse Vorsicht walten lassen.

Der Mittelrhein-Marathon von Oberwesel nach Koblenz, immer mit Blick auf den Rhein! (http://www.mittelrhein-marathon.de)

Und Stück für Stück wird die Ausrüstung für den MdS komplettiert.
Begonnen hat das alles mit einem extrem langen Titanlöffel, mit einem superleichten Taschenmesser und mit Einmalhandtüchern, die aussehen wie Reinigungspads für die Geschirrspülmaschine, alles Dinge, die mir mein Freund und MdS-Mitstreiter Achim Knacksterdt zum Geburtstag geschenkt hat; und es ging weiter mit einer Kopfbedeckung, die tatsächlich nach australischem Standard UV-abweisend ist und mit dem Horten von Mahlzeiten, an die ich schon langsam anfange, mich zu gewöhnen. „Travellunch“ heißen diese Tütchen, die es für das Frühstück, das Mittagessen, das Abendessen und auch als Dessert gibt, glücklicherweise gibt es die auch in einer vegetarischen Version. Für mich.

Die Ausstattungsliste geht weiter mit einem speziellen Schlafsack, einem Rucksack, der das Gewicht besser verteilt und vieles mehr. Teuer ist das ganze in jedem Fall, aber so hat man wenigstens schon Monate vor dem MdS die Gelegenheit, Stück für Stück das Leiden zu üben. Zwar schwitzt Du nicht unter der heißen Wüstensonne, aber Du schwitzt beim Begleichen der entsprechenden Rechnung und leidest bei der Vorstellung, wie teuer etwas sein kann. Teuer vor allem deshalb, weil es weniger ist!
Weniger Gewicht vor allem – und jedes Gramm zählt! Und wie bei Fahrrädern, insbesondere bei Straßenmaschinen, steigen die Preise höher, je leichter das Teil ist.

Schön, dass ich beim MdS wenigstens nicht auch noch die Running Sportswear kaufen muss, sondern stolz mit meiner Lieblingsmarke ERIMA auf der Brust durch Marokko traben darf. Und die neue Kollektion kam am Dienstag, am Freutag. Und die Sachen sind so schön!
Die kurze Laufhose ist etwas anders als die vorherigen und sie hat jetzt einen seidig anmutenden schwarzen Streifen eingenäht. Aber das, was ich am meisten liebe, ist geblieben: das Netz im Schritt.

Jetzt werden die Sachen noch beflockt bzw. beflext und alles passt.
Den neuen Prospekt kannst Du hier einfach downloaden:

Und weil ERIMA ganz neu ein Partner des Mittelrhein-Marathons vom 29. Mai 2010 ist und ich ja zwei Marathons hinter meinem Zeitplan bin, habe ich mich dort auch gleich angemeldet.

Aber bis dahin bin ich ja schon wieder aus Marokko zurück, hoffentlich behängt mit der Medaille, nach der ich schon so lange sehnsüchtig giere …