Bye bye love, bye bye happiness, hello loneliness … I think I’m gonna cry …

The Everly Brothers: Bye bye love

Bye bye love, bye bye happiness
hello loneliness I think I’m gonna cry.
Bye bye love, bye bye sweet caress
hello emptiness, I feel like I could die,
bye bye my love goodbye.

There goes my baby with someone new
she sure looks happy I sure am blue
she was my baby ‚till he stepped in
goodbye to romance that might have been

Bye bye love, bye bye happiness
hello loneliness I think I’m gonna cry.
Bye bye love, bye bye sweet caress
hello emptiness I feel like I could die
bye bye my love goodbye.

I’m through with romance I’m through with love
I’m through with counting the stars above
and there’s a reason that I’m so free
my loving baby is through with me.

Bye bye love, bye bye happiness
hello loneliness I think I’m gonna cry.
Bye bye love, bye bye sweet caress
hello emptiness I feel like I could die,
bye bye my love goodbye, bye bye my love goodbye
bye bye my love goodbye, bye bye my love goodbye.

In wenigen Stunden verlasse ich für insgesamt 14 Tage meine Familie. Noch nie war ich so lange von meiner Familie getrennt, auch eine neue Erfahrung. Aber ich muss heute noch nach Heidelberg, nach Bruchsal und zu meiner Mutter nach Offenburg. Und morgen früh um 7.30 Uhr habe ich einen Termin bei einem Schuster, der mir noch die Klettbänder auf die Schuhe näht. Dank meines Freundes Achim Knacksterdt habe ich doch noch „auf den letzten Drücker“ diese Möglichkeit bekommen.
Da hast Du fast ein Jahr Zeit, alles vorzubereiten und dann machst Du das meiste erst kurz vor Toreschluss! Das ist typisch für mich, einer meiner Fehler, die ich gerne ändern würde. Danach geht nach Frankfurt zum Flughafen und die lange Reise beginnt. Für die vielen Stunden in Casablanca habe ich mir genug Lesestoff und einen dicken MP3-Player mitgenommen.

Wenn ich dann weg bin, dann tragen mich die vielen lieben Wünsche, die mich in der letzten Zeit erreicht haben. Ich bin voller guter Gefühle und danke herzlich für alle Hinweise und Glückwünsche, die mich über FACEBOOK, eMail, Twitter, ICQ und andere Wege erreicht haben. Ich bin überwältigt und glücklich und ich fühle, dass die Kraft, die Ihr mir gegeben habt, mich durch die Wüste tragen wird. Aber ich habe auch eine traurige Ader: „I think I’m gonna cry …“

Zum MdS: die Atlantide Organisation Int. ist bemüht, täglich Rennberichte und alle Einzelergebnisse am Abend der einzelnen Etappen unter www.darbaroud.com einzustellen. Die meisten Ergebnisse sind dann auch am Abend abrufbar. Allerdings kann es vorkommen, dass ich oder andere Teilnehmer, die erst im letzten Drittel ins Ziel kommen, erst am Folgetag in de Liste zu finden sind.
Wenn Du mich also einmal nicht in der Liste findest, so besteht kein Grund zur Aufregung!!! Solange ich nicht auf der Liste der Aussteiger notiert bin, ist alles in Ordnung.

Bitte bedenke zudem, dass der Lauf ja mitten in der marokkanischen Sahara stattfindet. Es ist sowieso unglaublich, wie dort jeden Tag aufs Neue in Form eine Bivoucs für ca. 1500 Personen aus dem Nichts hingestellt wird. Auch die Natur hat ihre Launen und so kann es auch vorkommen, dass es zu windig ist, um die Technik zu bedienen, dass es einen Weile kein Netz gibt usw.

Eine richtig gute Botschaft gibt es zudem:

In der Zeit während der Etappen und auch wirklich nur konkret an den Tagen, an denen die Etappen 1-5 stattfinden, kannst Du mir eine eMail schicken. In diesen Tagen ist unter www.darbaroud.com etwas freigeschaltet und mit Angabe meines Namens und der Startnummer (ich habe die 494) kommen dann die Mails direkt zu mir ins Haus… äh, unters Berberzelt.
(Wie das konkret aussehen wird kann ich derzeit nicht sagen, in den letzten Jahren soll es aber immer einfach zu finden und auch zu benutzen gewesen sein)

Also noch einmal: DANKE für den Zuspruch, danke für so viel überwältigende Unterstützung. Ich denke an jeden Einzelnen von Euch, wenn der Sand nach dem Sandsturm zwischen den Zähnen knirscht …

Ich liebe Italien …

Ich liebe Italien, weil das Wetter viel besser ist als bei uns. Zwar haben wir jetzt auch die ersten Frühlingstemperaturen, aber die Bäume sind noch kahl und braun und die Abende sind noch kalt. Zum Marathon in Rom, der „ewigen Stadt“, flogen wir also ins Warme. Bisher war ich nur ein Mal an Rom vorbei gefahren, aber die Stadt selbst hatte ich noch nie besichtigen können. Rom, die Stadt von Romulus und Remus, direkt neben der Vatikanstadt und gespickt mit alten Prunkbauten. Geschichte, wo Du nur langläufst.

Den Freitag Nachmittag und den ganzen Samstag waren wir zu Fuß durch Rom unterwegs und wir sind so viel gelaufen, dass manche von uns schon Muskelkater vom Gehen bekommen haben. Aber wir haben viel gesehen. Mein Highlight war der Gang auf die Kuppel des Petersdoms. Für sieben Euro hättest Du die Hälfte der Treppen mit dem Fahrstuhl erledigen können, für fünf Euro aber musstest Du die ganzen rund 560 Stufen nach oben laufen. Ich hatte Spaß daran, die Stufen am Pulslimit nach oben zu rennen und Rainer, mein IronMan-Freund, schloss sich mir an.
Der Blick von da oben über Rom ist fantastisch, leider war der Himmel aber wolkenverhangen, was die Farben der Stadt gedämpft hat. Die Aussicht aber konnte uns das Wetter nicht nehmen.

(klicken zum Vergrößern) Blick von der Kuppel des Petersdoms über Rom

Aber ich liebe Italien auch, weil alleine die Weine und Mahlzeiten Dir immer wieder beweisen, dass das Leben Spaß macht. Und von beidem haben wir besonders viel genossen. Wir, das waren außer Gabi und mir noch fünf Freunde, die sich aufgemacht haben, die 42,195 Kilometer durch Rom an den größten und berühmtesten Bauwerken der Welt vorbei zu laufen. Monika, mit der ich schon in Edinburgh, in Stockholm und in Kopenhagen einen Marathon gelaufen habe, Huberta, die auch mit in Stockholm gewesen ist, Rainer, durch den ich überhaupt erst zum Laufen gekommen bin, sein Freund Dietmar und dessen Lebensabschnittspartnerin Christiane, die als einzige nicht laufen wollte.

(klicken zum Vergrößern) Gabi, Monika, ich, Rainer, Dietmar und Huberta

Am Abend vor dem Marathon hatten wir zuerst ein fantastisches italienisches Restaurant entdeckt und dort einen Rotwein entdeckt, der uns motiviert hat, zu kontrollieren, ob nur eine Flasche davon schmeckt oder ob das Geschmackserlebnis vier Mal wiederholt werden kann. Und der Wein aus dem Weingut Leonardo da Vinci Morellino di Scansano war wirklich „rund“, eine herrliche Nase und ein vollmundiger Geschmack mit aufregendem Abgang. Genau das Richtige, um sich für den Marathon vorzubereiten.

Und die Pizzen waren ebenso großartig, aber das gilt ja für ganz Italien. Aber am Ende des Tages war ich noch nicht ganz satt und bestellte mir noch eine Portion hausgemachte Nudeln mit Olivenöl und großen Pfefferkörnern und teilte diese Portion mit Huberta, die auch noch ein kleines Hüngerchen bei sich entdeckt hat.

Der Marathontag selbst war eher unspektakulär. Rainer und Dietmar hatten vor, sehr schnell zu laufen, Huberta und Monika wollten unter vier Stunden bleiben und bei mir rumorte wieder der Rücken. Scheinbar bekomme ich das Problem nicht wirklich in den Griff. Heute ist es so, morgen wieder anders. Bei meinem letzten Testlauf am Samstag Vormittag über rund 90 Minuten begriff ich, dass ich langsam, sehr langsam anlaufen muss, damit der Rücken erst einmal warm wird. Mehr als eine „6-er Zeit“ war nicht drin, das war mir klar.
Gabi wiederum lief nur auf „ankommen“. Nahezu ohne Training und vollständig ohne eine einzige lange Einheit kann man einfach keine guten Zeiten erwarten. In der Tat ist Gabi seit dem Berlin-Marathon nicht mehr weiter als 10 Kilometer gelaufen und auch diese Einheiten lassen sich wahrscheinlich an den Fingern beider Hände abzählen.

Für mich sind die großen Marathons dieser Welt vor allem interessant, weil man unglaubliche Menschen erleben kann. Vor allem weiter hinten tummeln sich skurrile Typen, die alle irgend ein anderes Ziel verfolgen. Und in Rom ordnete ich mich mit Gabi ganz hinten ein, vor allem, um mich erst gar nicht von den anderen Läufern „ziehen“ zu lassen. Direkt vor uns im Startblock standen zwei sportliche junge Männer, die beide Engelsflügel auf dem Rücken trugen. Damit fliegt es sich leichter, dachte ich.
Und da war ein kleiner Japaner, der mit einer riesigen Fahne, aber ohne Schuhe lief. Er war 65 Jahre alt und seine Webseite war etwas wie „runningwithoutshoes dot irgendwas“. Später war da noch eine Läuferin, die es sich zum Ziel gemacht hat, die lange Strecke mit einem Basketball zurückzulegen, den sie permanent auftippen ließ. Was für ein Vorhaben! Und da war noch eine hübsche Dänin, bei der mir vor allem der runde Hintern aufgefallen ist. Sie lief oft vor mir und ich musste einfach gelegentlich auf diesen runden Hintern schauen.

Der Lauf selbst ist kurz beschrieben. Ich startete mit so wenig Motivation wie selten, der Rücken rumorte so sehr, dass ich mich entschloss, mit einem „ABC-Pflaster“ auf dem Rücken zu starten, da hinten in der Masse der Langsamläufer war es schwer, wegen des permanenten Platzmangels in Tritt zu kommen und bei Kilometer 8 bekam ich das erste Mal in meinem Läuferleben ein wenig Angst. Ich startete ja nicht nur mit den Rückenproblemen, sondern auch mit Zahnproblemen und meine größte Sorge ist es immer, dass eine Entzündung, die durchaus von den Zähnen stammen kann, anfängt, im Körper zu wandern und sich auf den Herzmuskel legt. Und keine Stadt der Welt ist schön genug, um dort zu sterben. Und ich hatte einen springenden Puls von 188, von 205, von 220, von 145, von 189 und so weiter.

(klicken zum Vergrößern)

Ich kannte ähnliches schon von meiner früheren POLAR-Uhr, die sich manchmal die Freiheit genommen hat, den Puls anderer Läufer zu meinem zu addieren, aber mein GARMIN hatte das noch nie getan, weder der GARMIN Forerunner 305 noch mein neuer GARMIN Forerunner 310. Ich fühlte mich ruhig und gut, aber ich machte mir Sorgen. Also lies ich mich zurück fallen, aber es dauerte rund vier weitere Kilometer, bis ich wieder einen ehrlichen Puls angezeigt bekam. In dieser Zeit drehten sich meine Gedanken vor allem darum, diesen Lauf abzubrechen, um früh unter der Dusche darüber zu schimpfen, dass meine „Nummer 89“ noch immer auf sich warten lässt.
Nachdem sich die Pulsazeige wieder normalisiert hatte, entschloss ich mich, doch weiter zu laufen. Ich hatte ja keine großen Ziele, außer wenigstens unter 6 Minuten pro Kilometer zu bleiben. Damit würde Rom mein langsamster Stadtmarathon werden, den ich je hinter mich gebracht habe, aber ich wollte vor dem Marathon des Sables einfach nichts riskieren. Wenn ich am Ende mit 4:08:10 Stunden über die Ziellinie lief, dann bleibt nicht viel, als über diesen Lauf den Mantel des Schweigens zu legen.
Aber irgendwo neben diesem Mantel lugt doch ein Umstand hervor, der erwähnenswert ist und der mich wenigstens ein klein wenig mit mir selbst versöhnt. Es sind die 5-Kilometer Zwischenzeiten. So habe ich für die ersten 5 Kilometer noch 34:51 Minuten gebraucht, vor allem, weil der Rücken gezwickt hat. Die nächsten 5 Kilometer habe ich dann in 29:03 Minuten bewältigt, dann dauerte es 29:22 Minuten, bis die nächste Marke kam. Für die beiden nächsten Markierungen brauchte ich im Schnitt 29:19 Minuten. Leider gab es keine Zeitmessung bei km 20, nur eine bei km 21,1, deshalb muss ich die Werte von km 15 bis km 25 halbieren.
Nun folgten die Werte 29:24 Minuten und 28:18 Minuten und zuletzt 29:28 Minuten. Für die letzten 2,195 Kilometer brauchte ich noch einmal 13:17 Minuten. Hier bremsten mich die drei Steigungen zum Schluss noch ein wenig. Aber immerhin, im Grunde wurde ich immer schneller. Das passiert mir eher selten und ist ein Ausdruck der Situation, dass ich vor allem am Anfang einfach gehemmt war.

Und noch ein paar nette Aspekte gab es. Die Lady mit dem hübschen Hintern überholte ich kurz vor km 40, als ihr Schwung vorbei war und sie Gehpausen einlegen musste und direkt nach der 40-Kilometer-Marke überholte ich den ersten der beiden Jungs mit den Engelsflügeln. Erst hat er sich noch gewehrt und versucht, erneut Gas zu geben, seine Flügel waren aber lahm und er flog schon sehr tief. Er schien mir wirklich am Ende seiner Kraft zu sein. Engel fliegen eben anders …

Nach dem Zieleinlauf und dem Erhalt einer wirklich schweren und schönen Medaille ging ich zum Duschen ins Hotel. Monika und Huberta, die mit 4:03 Stunden gefinished hatten, waren schon da und Rainer und Dietmar, bei denen die Uhr bei 3:22 Stunden anhielt, natürlich auch. Und nach der erfrischenden Dusche gingen wir alles zusammen wieder zum Ziel und kamen gerade rechtzeitig, als Gabi einlief, lächelnd, glücklich und leicht wie eine Feder. Nur wenige Minuten hinter ihr lief auch der barfüßige Japaner mit seiner Riesenfahne ein. Ohne Schuhe geht es eben auch. Und so bewies dieser Japaner, dass das Motto dieses Laufs die Ehrung des legendären äthiopischen Läufers Abebe Bikila war, der bei der Olympiade 1960 in Rom als erster Afrikaner überhaupt eine olympische Goldmedaille erringen konnte – im Marathon, mit der Startnummer 11, barfuß.


Belohnt haben wir uns am Abend dann mit einem erneuten Besuch bei unserem neuen „Lieblingsitaliener“. Der Wein war noch genauso gut wie am Vortag, aber wir entdeckten, dass er auch einen hervorragenden Weißwein auf der Karte hatte. Es war eine Mischung aus einem Pinot Grigio und einem Chardonnay, sehr fruchtig, so ein Wein, bei dem Du Dir wünschst, dass Deine Badeewanne damit gefüllt wäre.
Wir bekamen die Flaschen anfangs gekühlt, aber als wir die gekühlten Flaschen leer getrunken hatten, schwenkte der Kellner um und servierte uns die restlichen Flaschen in einem Eiskühler. Insgesamt waren wir sechs Stunden in diesem Restaurant, wir haben viel gelacht und viel gegessen und am Ende habe ich mich gefragt, wie wir zusammen so viele Flaschen Wein leeren konnten. Aber es ging.

Ich selbst feierte auch, dass mein Rücken nach dem Marathon wieder „wie neu“ war. Und so soll es auch bleiben.

(klicken zum Vergrößern) Monika und Huberta nach der Dusche vor dem Colosseum nahe der Start-/Zielzone

Es gibt Tage, an denen ich weinen könnte …

… heute ist beispielsweise so ein Tag gewesen.

Nicht, weil ich mit jedem Tag, der vergeht, nervöser werde und immer mehr unbeantwortete Fragen über den Marathon des Sables (MdS) finde.
Fragen, was ich in der Nacht trage, Fragen, welche Strümpfe, welche Armlinge und welche speziellen Wüstenteile ich wähle. Fragen, was ich an diesen sieben Tagen essen soll, worauf ich mich bette und ob das, was ich mir vorstelle, auch wirklich alles richtig ist und Fragen, ob ich das ganze Gewicht werde stemmen können.

Nein, ich hatte Tränen in den Augen wegen etwas anderem.

Auf FACEBOOK hat mich heute der große Achim Achilles von sich aus auf die Kontaktliste gefügt, das motiviert schon sehr. Aber sollte es mir Tränen der Freude und des Glücks in die Augen treiben?
Das nun auch wieder nicht, obwohl wir Läufer alle stets aufs Neue von seinen Geschichten erfreut werden. Wir alle kennen den „Klemmbrett-Karraß“, seine Frau Mona und seine Probleme mit dem Laufen, wo jede einzelne Geschichte aus unserem eigenen kleinen unwichtigen Läuferleben sein könnten. Und wir alle denken über Walker das, was Achim für uns vordenkt.

Nein, die Tränen in die Augen trieb mir ausgerechnet die freundliche Postbotin der Deutschen Post AG, die jeden Tag bei uns ins Büro kommt, um uns mit unserer Post zu versorgen. Und in dieser Post war etwas drin. Für mich. Für mich ganz allein.
Es war ein Buch des Verlages Groh „Ich drück dir fest die Daumen!“
Und an dem Buch hing noch etwas, ein kleines Kamel von NICI beauties:
Und ein Brief war dabei, ein Brief meines lieben Läuferfreundes Kurt Süsser, derjenige unter uns, der stets erst an die anderen Menschen denkt und erst danach an sich selbst.

Kurt ist auch derjenige, mit dem ich eigentlich diesen Wüstentrip geplant hatte. Und er hätte mich auch begleitet, wenn seine Frau nicht eine so schwere Lebensprüfung erlitten hätte, eine Lebensprüfung für beide, die auch Kurt mehr zu Hause hält als ihm lieb ist. An dieser Stelle schicke ich „gute Gefühle“ Richtung Ulm. Gute Besserung, Cherie!

„Viel Glück!“ steht handschriftlich im Buchdeckel innen.
Mit „Ich wünsche Dir viel Glück und Erfolg, …, großes Abenteuer, neue Eindrücke und Erlebnisse …“ beginnt der beiliegende Brief. „Das Kamel ist dafür, dass Du immer genügend zu trinken hast …,“ steht da weiterhin. Gerade das Trinken ist so wichtig und ein großer Teil meiner Sorgen, mit dem Kamel aber sollte es einfacher werden. Und Kurt weiter schreibt von einer Oase, damit ich immer einen Lichtblick in der Wüste hätte und auch wenn ich mit den Augen nur Sand sehen könnte, so würde meine Seele und meine Vorstellungskraft das sehen und spüren, was ich möchte. Wie lieb und wahr!

„Ich wollte so gern mit Dir zusammen laufen,“ schreibt Kurt und sagt, dass er mit mir gemeinsam diesen Lauf gemeistert hätte. Daran zweifle ich keine Sekunde, Kurt ist ein erfahrener Ultraläufer, dem ich meist nur hinterher schauen kann.
Zuletzt tat ich das beim Rennsteiglauf 2009 und auch beim Trans Alpine Run 2008 haben Kurt und sein Laufpartner Walter stets besser abgeschnitten als das „TEAM ERIMA SPORTSWEAR“, das aus Heiko und aus mir als Bremser bestand.

Mit den Worten „Ich werde … jeden Tag an Dich denken“ endet der Brief.

Lieber Kurt, ich werde das gleiche tun. Und ich werde das Kamel mit auf die große Reise nehmen, am Rucksack befestigen und bei jedem Schluck Wasser noch ein paar „gute Gedanken“ Richtung Deutschland schicken.

Danke für diese Tränen, Kurt, das hat mich heute stolz und glücklich gemacht.

Und erstens kommt es anders … und zweitens als man denkt!

Für den Braveheart Battle hatte ich in Münnerstadt ein Quartier gesucht und habe deshalb bei Google „Münnerfeld“ und „Übernachtung“ eingegeben. Ich bekam eine Liste von 5 Hotels, wobei ich eines davon anrief und sofort gebucht habe, weil der Preis stimmte. Als ich am Freitag Abend dort ankam und auf mein Zimmer geführt wurde, ging gerade die Türe zum Nachbarzimmer auf. Die Gäste neben mir waren auch Braveheart Battle – Reisende.

Die junge Dame, die aus dem Zimmer schaute, kam mir ein wenig bekannt vor, ihr Partner aber noch viel mehr. Es waren Michael Neumann und seine Freundin Susanne Holz, die zufällig im gleichen Café Hotel eingebucht waren wie ich.

Michael Neumann und Susanne organisieren Läufe wie den KiLL50, den HiLL50, den STUNT100 und in 2010 noch drei 100-Meiler wie den ESELSTREIBER oder den RUN2KILL, die Bestandteile des „German Sixpack“ sind, was aber nichts mit der gleichnamigen Portion Dosenbier zu tun hat. So kam ich zu einem netten Abendessen mit den beiden beim Münnerstädter Griechen „Taverne Dionnyos“. Und wieder habe ich begriffen, wie klein unsere Welt der Ultra-Läufer ist.

Michael Neumann im säuischen "Kampfdress". Er ist irgend etwas zwischen "Schweinchen Babe" und einem Ursaurier ...

Nach einer großen Flasche griechischen Wassers und einer riesigen Portion Bauernsalat für wirklich kleines Geld sind wir dann noch zusammen auf die Abendparty im Braveheart Battle – Zelt gegangen. Wir erlebten gleich das erste Hindernis des Braveheart Battle schon vor dem eigentlichen Lauf: die Bürgersteige waren hochgeklappt und genauso verhielt es sich mit der groß angekündigten Abendparty im Zelt. Zum Glück waren einige Vertreter der CABANAUTEN anwesend, die wenigstens ein wenig Stimmung verbreiteten. Ohne diese lustige Gruppe wäre das Zelt wohl leer gewesen. Ein Grund für mich, den Heimweg ins Hotel anzutreten.

Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Susanne und Michael, bei dem wir uns über die halbe Ultra-Läuferwelt unterhalten haben, bin ich ins Startzelt gegangen, um meine Startunterlagen abzuholen. Völlig ungewohnt war, dass in dem großen Umschlag außer der Startnummer nur noch vier Büroklammern drinnen waren, keine Werbung, keine Pröbchen und auch keines der gefürchteten Gewinnspielchen. Und dann wurde die Zeit lange und ich war froh, dass die CABANAUTEN sich mit Sunblocker und Farbpigmenten eingerieben hatten, so war wenigstens etwas los im Zelt. Michael erstrahlte am Ende in einem neonrosa, das ihn zart und niedlich machte. Am liebsten hätte ich ihn „Babe“ genannt und ihm eine Zitronenscheibe in den Mund geschoben.

Später kamen dann mein TAR– und MdS– Laufkumpel Heiko Bahnmüller, der gleich mit einer ganzen Truppe seiner Luftwaffeneinheit erschienen ist, Bernie Conradt und seine hochschwangere Frau Sabine, der auch mit zwei Freunden da war, mein Lieblingsfotograf Klaus Duwe, den ich nicht erst seit dem fantastischen Foto im Ziel des UTMB in meine Abendgebete einschließe und ich hatte etliche nette Gespräche mit Läufern, die mir einiges über deren Laufleben erzählt haben.


Beim Start fehlte vieles.
Vor allem fehlten Starter. 596 Starter sind einfach nicht viel. Es fehlte aber auch Musik als Aufputschmittel. Es war ungewohnt ruhig und langweilig am Start und die Läuferkollegen hatten Glück, die entweder Freunde oder etwas zu lesen dabei hatten, am besten sogar beides.
Trotz der kleinen Schar an Läufern gab es keinen Massenstart, sondern es wurde in Gruppen gestartet, um nicht den Stau am ersten Hindernis zu haben, der vom StrongManRun her berühmt und berüchtigt ist. Ich startete mit Bernie und seinen Freunden ganz hinten und hatte auch vor, bei den Vieren zu bleiben. Aber schon beim ersten Hindernis, einer Flußdurchquerung, habe ich die Jungs nicht mehr gesehen und musste mich also alleine auf die lange Strecke wagen.

Nach dem ersten Hindernis kam die 6,5 Meter hohe Wand, vor der ich schon ein wenig Sorge hatte. Mir gingen immer Bilder durch den Kopf von Bundeswehr-Übungen, wo man sich an solchen Wänden hochziehen muss. Und das wäre überhaupt nicht mein Ding gewesen. Aber diese Wand war einfach, fast lächerlich einfach. Und schon nach zwei, drei Hindernissen habe ich den Lauf geistig als „gut gemeint“ abgehakt. Es war mir zu dieser Zeit einfach zu wenig anspruchsvoll und ich dachte, dieses Rennen schnell zu Ende zu bringen und dann zur Tagesordnung überzugehen.

Dass mich der erste Eindruck getäuscht hat, sei schon jetzt verraten.

Es ging zwei Kilometer weg von Münnerstadt und dann, nach einer erneuten Flußquerung, wieder zwei Kilometer zurück. Und dann kam die lange Schleife und die anspruchsvollen Hindernisse warteten auf uns.
Erwähnen will ich vor allem die selbst gebastelte Brücke aus labilen Holzscheiten, die es geschafft hat, mich in Wild-West-Manier abzuschütteln und so kam ich zu meinem Tauchgang und zu meinem Szenen-Applaus. Die Tauch-Einlage war nicht schlimm, eklig aber war es, aus diesem Wasser wieder heraus zu kommen. Danke an dieser Stelle dem Läuferkollegen, dessen helfende Hand dafür gesorgt hat, dass ich nicht auch jetzt noch in diesem Loch zubringen muss.


Auch die Hindernisreihe mit den Stromschlägen seien lobend erwähnt. Ich selbst bin dort zwar nicht geweckt worden, aber Heiko erzählte mir im Ziel, dass er ein paar Engelchen singen hörte, als er Kontakt mit den Schnüren hatte. Was streckt Heiko auch seinen Hintern so hoch?


Und auch die vier tiefen Löcher verdienen eine lobende Erwähnung. Da haben die Veranstalter-Jungs wohl lange gegraben, um so tiefe Löcher zu fabrizieren, deren Wände so steil und rutschig waren, dass ich im ersten Loch lange überlegt habe, wie ich da wohl wieder heraus komme. Nach vier dieser Übungen war ich wirklich gezeichnet, vor allem, weil diese Löcher ganz oben auf dem Berg waren. Und dieser Berg muss auch erwähnt werden.


Natürlich hatte ich im Vorfeld gelesen, dass es irgendwann 3,5 Kilometer bergauf gehen würde, aber dieses bergauf schien harmlos. Erst war es eine längere Straße, dann eine flach ansteigender Wiese, die aber sehr matschig war und dadurch Kraft gekostet hat. Und dann kam wieder ein Feldweg mit einem relativ wenig anspruchsvollen Hindernis, eine schmierige Strecke einen Bach entlang. Und dann musste wieder gerobbt werden, gerobbt bis zu ihm, zu dem Berg.
Im Braveheart Battle – Forum habe ich ein paar Kommentare gelesen, die sich diesen Berg weg gewünscht haben, ich liebte ihn. Beim StrongManRun haben wir stets angemerkt, dass die Laufpassagen zu kurz kamen. Und jetzt wollen wir es einfach und bequem haben?
Beim ToughGuy wiederum gab es das Hindernis „Slalom“, ein steiler Anstieg auf einen Hügel, der dann gleich wieder runter und wieder rauf gelaufen wird, insgesamt zehn Mal ein scharfer kurzer Anstieg, der die ToughGuys in zwei Lager teilte.
Die Läuferfraktion durfte weiterlaufen, die „Wenig-Läufer“ mussten eine Ereigniskarte ziehen, auf der stand: „Du hast Muskelkrämpfe in den Waden. Gehe nicht weiter, ziehe nicht auf Los. Du musst eine Runde aussetzen!“

Der Berg war hart im Anstieg, steil, so steil, dass ich mich in Schwäbisch Gmünd beim „Schwäbische Alb (Ultra-)Marathon“ wähnte. Und dann, endlich oben, kamen die Löcher, die mich vor so große Probleme stellten. Und wenn ich beim Aufstieg noch dachte, dass mich das Tempo machen beim Bergablaufen glücklich machen würde, dann sah ich mich mal wieder getäuscht. Es war steil, stramm durch den Wald, rutschig und glitschig, keine Chance, Zeit aufzuholen.
Es war ein Stück Laufstrecke in bester Trail-Manier und ich war glücklich. Endlich etwas für Läufer! Und ich wusste, dass es von jetzt an leicht werden würde, zumindest leichter, weil es tendenziell berab gehen würde, die Schleife noch zu Ende und dann noch einmal die 4 Kilometer lange Anfangsschleife, ein paar Hindernisse noch, die alles nicht allzu wild waren.

Aber der Berg hatte auch die Mitstreiter des Braveheart Battle getrennt. Nur wenige Läufer waren übrig geblieben, die mit mir noch laufen konnten, viele schalteten um auf das Gehen und sie verwandelten sich in Hindernisse, in Slalomstangen, die ich teilweise bedauert habe und denen ich versucht habe, mit ein paar motivierenden Worten Unterstützung zu geben.
Bei einem der letzten Hindernisse rief mir ein Passant zu: „Du siehst noch gut aus!“ Ich lachte und antwortete, dass ich jetzt, wo ich auf die 30 zugehen würde, mich richtig gut fühlen würde. Er traute wohl seinen Ohren nicht und stand mit offenem Mund da, nur die junge Lady neben ihm war schlagfertig und fragte zurück: „Zum wievielten Mal?“

Beim Überqueren der 6,5 Meter hohen Wand, die bei den ersten beiden Malen noch niedrig und wenig anspruchsvoll schien, hatte ich aber mehr Mühe und ich fragte mich, ob die Organisatoren in der Zwischenzeit noch ein paar Meter aufgestockt hatten. Beim vierten und letzten Überqueren merkte ich durch ein Ziehen im Oberschenkel, dass ich kurz vor dem Krampf war. Und das ist selten bei mir. Es spricht für die Organisatoren und dafür, dass ich die Strecke viel zu schnell in eine falsche Schublade gesteckt habe.

Die erste von insgesamt vier Überquerungen der 6,5 Meter hohen Wand. Und jedes Mal wurde sie höher ...

Es war schon ein gutes Stück Arbeit gewesen, zudem war die Strecke laut meinem GPS Protokoll 20,5 Kilometer lang, also rund zwei Kilometer länger wie ausgeschrieben. Mein Ziel, unter der Marke von 2:30 Stunden zu bleiben, habe ich aber dennoch erreicht. Meine Uhr blieb bei 2:27 Stunden stehen, mal sehen, ob sich das mit dem offiziellen Resultat deckt.
Ganz zum Schluss, nachdem ich erst die hart erarbeitete „Medal of Honor“ erhalten und dann ein Plastiktüte über den Kopf gestülpt bekommen habe, musste ich stoppen und eine nette Lady vom Roten Kreuz schob mir ein Thermometer ins linke Ohr, um meine Körpertemperatur zu messen. Es waren 33,6 Grad – und das war durchaus normal nach diesen Strapazen. Auf welche Temperaturen die Kollegen heruntergekommen waren, die erst zum Ende der Veranstaltung eintrudelten, will ich gar nicht wissen.

Mir jedenfalls ging es trotz der 33,6 Grad gut, kein Vergleich mit dem Zittern und dem Verschütten des warmen Kakaos beim ToughGuy. Welche Körpertemperatur ich damals im Ziel hatte, will ich besser auch gar nicht erst wissen. Oft ist es besser, wenn man nicht allzu viel weiß …


Am Ende sind aus 596 Startern 410 Bravehearts geworden, 186 Startern verbleibt die traurige Erkenntnis, dass auch vermeintlich kurze Läufe Dir alles, aber auch wirklich alles abverlangen können. Aber sind wir nicht genau dafür dort angetreten?

Fotos vom Lauf gibt es unter anderem hier: http://www.lauf-news.de/Bilder_Rockstar_Braveheart_Battle_2010.aspx

Bernie Conradt und seine Freunde nach dem Zieleinlauf im Zelt.

BRAVEHEART-BATTLE: die letzten Updates vor der Schlacht …

BraveheartBattle 2010 – hart, härter, Braveheart!

Die heiße Phase der Schlachtvorbereitungen für den Braveheart Battle 2010 hat begonnen, denn es sind nur noch 3 Tage bis zum Start dieses Extremlaufs.
Langsam bekommen wir Klarheit über das Wetter – es wird richtig gut: eiskalt, windig, eklig, vielleicht wird es in Franken sogar schneien, soll doch keiner sagen, dass wir es kuschelig warm hatten!
Und wir kennen jetzt die Strecke: es ist ein 18,64 km langer Laufparcours ausgewiesen und wir Läufer des Braveheart Battle 2010 müssen uns warm anziehen:


an 33 Folterstationen müssen wir beweisen, dass wir wahrlich echte Bravehearts sind und wir müssen uns mit Tapferkeit, Mut, Ausdauer und absolutem Siegeswillen durch den Höllentrip kämpfen. Ab dem Startschuss am Samstag um 12:00 Uhr bleiben genau 6 Stunden Zeit, um die Strapazen des Rockstar Braveheart Battle 2010 zu bewältigen und die „Medal of Honor“ zu erkämpfen.

6 Stunden? Beim ToughGuy, der ähnlich lang ist, habe ich kaum mehr als 120 Minuten gebraucht! Wenn ich mich also auf 360 Minuten einstellen muss, dann bedeutet dies, dass ich noch mehr frieren werde. Vielleicht sollte ich heute Abend und auch noch bis zum Start am Samstag ordentlich essen, um mir noch eine wärmende Speckschicht anzufuttern, damit ich diesem Problem Herr werde?
Beim Zielfoto allerdings sollten die Speckröllchen wieder weg sein, immerhin könnte ja jemand die Fotos ansehen und erstaunt rufen: „Schau mal da, Dickie Tom!“

Bereits jetzt freue ich mich auf die die Braveheart Battle-Partys vor und nach dem Lauf. Wenn diese nur halb so professionell sind wie die des StrongManRuns, dann werde ich mich doppelt freuen, dass ich auch noch von Samstag auf Sonntag in Münnerstadt schlafen werde. Schade nur, dass ich – entgegen dem StrongManRun – hier wohl nicht in die VIP-Zelte gehen darf. Oder hat einer der vielen Götter im Himmel ein Einsehen mit mir und lässt eine VIP-Karte vom Himmel fallen?

Ich werde schon am Freitag Nachmittag ins Frankenland fahren und habe mir für zwei Nächte eine Bleibe gebucht. So kann ich mich am Samstag früh gut auf die Schlammlöcher vorbereiten, auf den 6,5 m hohen Wall und auf die rutschigen Seilstege. Aber ich hoffe doch, dass die 6,5 Meter optimistisch gemessen wurden und wir alle nach dem Lauf feststellen, dass das „keine 20 Zentimeter“ waren, die 32,5 Mal diese 6,5 Meter ergeben sollten.

Ich werde mich dann mit einer ganzen Dose Melkfett einreiben, meine ToughGuy Handschuhe reaktivieren und mich in alte Laufklamotten werfen, bei denen es nicht schade ist, wenn ich hier oder da ein Löchlein ins Gewebe reiße.
Den Lauf selbst werde ich sehr bedächtig angehen, um Zeit zu haben, vor den Kameras zu posieren. Außerdem muss ich meine Kraft einteilen, weil ich am Sonntag ja noch einen kleinen „Bonbon“-Lauf absolvieren möchte.

Die Reihenfolge der Hindernisse des Braveheart Battle 2010:

1. Schäferswand „Brave Wall“: Ein höllisch hohes Kletterhindernis eröffnet den Braveheart Battle 2010 Parcours und macht uns Braveheart-Anwärter sogar insgesamt 4 mal schwindelig.
2. Direkt danach zwingt uns der „Creep Trench“ für 50 m auf die Knie. So schön haben wir noch nie gebetet!
3. Schweißtreibend sein wird es sein, wenn wir uns durch das Kriech- und Kletterhindernis „Hell Pipes“ / Seger-Tunnel kämpfen. Wir Kampf-Säue werden dort ein ständiges „Auf und Nieder“ erleben.
4. Das Stufenhindernis „Step Peel“ bringt uns Himmelsstürmer dann dem Braveheart Battle Himmel entgegen und dem Sieg einen Schwertschlag näher. Schlimmer als der „Sächsische Mt. Everest Treppenmarathon“ kann das nicht werden!
5. Danach wird endlich ein wenig gelaufen. Nach einer längeren Strecke an der Lauer entlang, auf der wir richtig Tempo machen können, müssen wir den Fluss über die „Soapy Ropes“ von überqueren – wer hier fällt, holt sich mehr als nur nasse Füße. Aber wer fällt, der fällt wenigstens auf.

Dann ist Halbzeit des Braveheart Battle 2010. Bestimmt bekommen wir dann einen Pausentee und vom Inspektor einen ordentlichen Einlauf. Schon jetzt höre ich die melodische Stimme des Drill Inspektors, der, um die säuselnde Stimme zu schonen, durch ein auf „extrem laut“ gestelltes Megaphon ruft: „Los Ihr Luschen!“. Und damit sich diese freundliche Botschaft bis in die Zehenspitzen verteilt, hält der Coach jedem einzelnen der ermatteten Tee-Trinker dieses röhrende Megaphon direkt ans Ohr. Das Klingeln im Kopf wird uns dann in die gesamte zweite Hälfte begleiten …

Dann wird die Kampflaufstrecke auf der anderen Flussseite ohne weitere Hindernisse zurückgelaufen, wie schade. Aber zum Glück droht an der Verpflegungsstation der Kampf um Wasser, Obst und isotonische Getränke. Wer Glück hat und etwas davon abbekommt, der darf am Ende dieser Braveheart Battle Etappe noch einmal die Hindernisse 3, 2 und 1 bezwingen.

6. Mit einem „Riverdance“ – Tanz über den Fluss – geht es weiter bei Station 6: nur wer seine innere Balance erlangt, kommt trocken über die rutschige Dünisch-Brücke. Ich glaube, ich setze mich dort im Schneidersitz auf das Holz, falte meine Hände zur Meditation auseinander, lasse ein tiefes „Ommm“ durch den Körper jagen und stehe erst wieder auf, wenn ich so viel innere Balance gefunden habe, dass ich über diese Hürde fliegen kann.
7. Direkt danach folgen die „Straw Hump“ Swinger-Barrikaden: Münnerstadts „rote Meile“ besteht aus mehreren Strohballen verschiedener Höhen. Offensichtlich wissen die Münnerstädter also nicht, dass Swinger ihr Glück nicht unbedingt in Strohballen suchen.
8. Bis wir Braveheart-Möchtegerns uns wieder bei einer langen, geraden und hindernisfreien Sprint-Strecke erholen können, kommen wir erst noch zum „Hoop Tomb“, der „Knochenbrecher“-Hürde.
9. Eine wahrlich große Herausforderung des Braveheart Battle 2010 wird der enorm kräftezehrende Quad-Schwarz-Graben, „Death Valley“ genannt, bei dem es durch einen unwegsamen Hohlweg 3,5 km steil bergauf geht. Dagegen wird mein Juni-Trip zum „Canyon du Verdon“ ein wahres Zuckerschlecken sein. Aber Zucker kann sehr gefährlich sein …
10. Zum Abkühlen dürfen wir dann durch die „Sludge Zone“ kriechen, durch 50 m Schlamm. Das klingt irgendwie eklig. Zwar hat Mutti gesagt: „Dabei sein ist alles!“, aber sie hat auch gesagt, dass ich mich nicht schmutzig machen soll.

11. Danach wartet das  „Straw Hump“ Strohhindernis, die Reichenbacher Barrikaden, errichtet von der Reichenbacher Dorfjugend, auf uns, der ideale Hautkitzel, bevor wir anschließend durch den Reichenbacher Schlammsee getrieben werden. Den Schlamm seh’n im Schlammsee …, aber „Dabei sein ist alles!“
12. Das „Loch Ness“ ist nur für Braveheart-Schwimmer geeignet. Mitte März bietet es sicher eine erholsame Badetemperatur, zumindest wird das Wasser ein halbes Grad wärmer sein als die umgebende Luft – diese Schikane wird von den Fischfreunden aus Reichenbach betreut. Vielleicht sollte ich mir von meinem Vater doch die Angelrute leihen und dort nach Fischen und Ertrinkenden fischen?
13. Beim Outdoor-Extrem-Berglauf „Hamburger Hill“ auf 380 m quer durch den Wald wird es uns Braveheart Battle 2010 „fast schon“ Bezwingern sicher schnell wieder warm werden – der eine oder andere wird aber vermutlich auf der Strecke bleiben, das ist aber auch wichtig, damit die Nachfolgenden die Gestrauchelten nach dem Weg fragen können …
14. Die Bad Kissinger Höhe wird masochistischen Läufern mit Sicherheit „ein königliches Vergnügen“ bereiten. Hier verteilt der Slalomparcours „Iron Curtain“ leichte elektrische Schläge an ungeschickte Braveheart Battle Torkler. Beim ToughGuy gab es diese Stromschläge auch. Sie sind preiswerter als die Qual im örtlichen S/M – Studio, also ran an die Fäden: „Gimme more, more, more, more, more …“
15. Zu guter Letzt geht der Spaziergang wieder in das beschauliche fränkische Städtchen Münnerstadt zurück, doch muss erneut ein Braveheart Battle 2010 Schlammhindernis durchquert werden, die „Funk Holes“ der Gessner-Gräben. Langsam glaube ich doch, dass ich nicht vollkommen sauber bleiben kann. Mutti wird sich ärgern …

Bevor der kräftezehrende Rückweg beginnt gibt es noch eine erneute „Schlacht am kalten Buffet“. Zwar gilt da: „All U Can Eat“, aber nicht jeder wird zwei, drei Stündchen verweilen können, um dieses Angebot auch ausgiebig zu nutzen. Vielleicht, ganz vielleicht, haben die Betreuer der Verpflegungsstelle auch einen DELIVERY SERVICE? Sicherheitshalber schreibe ich die Adresse und die Zimmernummer meines Hotels mal auf ein Zettelchen, das ich dort liegen lasse. Wer weiß, am Ende bekomme ich noch abendlichen Besuch vom Pizza-Buffet-Man?

Nach der ausgedehnten Mittagspause am „All U Can Eat“-Stand geht es über die Folterkammern 11 – 6 zurück nach Münnerstadt und noch einmal am Fluss entlang über die Stationen 2, 3, 4, 5 sowie 3 und 2. Wenn ich es dann, noch vollgefuttert von dem Mittags-Buffet, erneut über die mörderisch hohe Schäferswand „Brave Wall“ schaffe, dann bin ich verdient im Braveheart Battle 2010 Himmel angelangt, schnappe mir die begehrte „Medal of Honor“ und trinke den Veranstaltern den ganzen Rest an ROCKSTAR-EnergyDrink leer.

Und ich werde feiern und mich derart daneben benehmen, damit die Veranstalter mich im nächsten Jahr auf keinen Fall erneut einladen.
Der gute Eindruck, den ich noch vor dem Lauf gemacht habe, wird dann weg sein, die „Medal of Honor“ aber wird bleiben!

Was will ich mehr?

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ … wie Milan Kundera schreiben würde

Gotthold Ephraim Lessings Selbstbild:

„Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht freigebig folgern. Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farbe verquistet, ist ein Maler (. . . )
Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich empor arbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt:
ich muss alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauf pressen.

Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremden Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. (. . . )
Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die Krücke unmöglich erbauen kann.“

(Hamburgische Dramaturgien, 1768)

(vergrößern durch klicken ins Bild!)

Ich habe 1982 über Gotthold Ephraim Lessing meine schriftliche Deutsch-Abiturarbeit geschrieben und die obige Passage hat mich damals wie heute bewegt. Immerzu gehen diese Sätze durch meinen Kopf, immer, wenn ich mich „nicht gut genug“ für etwas fühle, wenn ich denke „nicht genug“ zu sein, aber auch, wenn ich gelobt werde, weil manche meinen, mir würde das, was ich tue, leicht fallen.
Tut es aber nicht, ganz im Gegenteil.

Ob es im Beruf ist, in der Partnerbeziehung oder beim Laufen: ich muss mir alles hart erarbeiten, härter als manche andere. Auch ich muss alles, was ich denke, sage und tue, aus mir herauf pressen und so fehlt mir die Leichtigkeit und die Souveränität, die ich bei vielen Freunden bewundere und um die ich viele Menschen beneide. Etwas aus sich herauf zu pressen, um es zu verwenden, heisst auch, etwas bewusst zu tun und damit verweilst Du stets in der dritten Kompetenz-Stufe: der der bewussten Kompetenz.

Und Du bewunderst und beneidest die Menschen, um Dich herum, die alles, was sie tun, in der vierten Kompetenz-Stufe erledigen: der der unbewussten Kompetenz. Die haben die „Leichtigkeit des Seins“ entdeckt, während Du ständig grübelst. Die ruhen in sich, während Du rastlos getrieben bist. Und bei diesen Menschen fügt sich am Ende alles zum Guten, während Du Dir mal wieder eingestehen musst, etwas gut gemeint, aber eben nicht wirklich gut gemacht zu haben.

Es muss so schön sein, „das Händchen“ für Situationen zu haben und so erbauend, zu wissen, dass alles in einem ruht und man diese Quelle stets aufrufen kann, ohne sich dessen immer im Klaren zu sein. Wenn Du immer nachdenkst, alles durchdenkst und analysierst, dann weißt Du immer, was Dir fehlt. Und was andere Dir voraus haben. Und Du schaust diesen Menschen hinterher und beneidest sie heimlich.
Das war schon in der Schule so, wo Du immer den Eindruck hattest, mehr lernen zu müssen als die, denen alles „zufliegt“ und dennoch öffneten sich für Dich nicht immer die Türen, die anderen weit offen standen. Du bist ein Mensch, der zweifelt und fragt, der grübelt und der dennoch kein gerades Ziel hat. Gerade wir Läufer wissen, wie viel Energie verloren geht, wenn Du nicht schnurstracks und geradewegs auf Dein Ziel zuläufst. Du kannst so schnell sein, wie Du willst, Du wirst nicht als Erster ankommen können, wenn Du Umwege läufst. Aber wer weiß schon immer genau, wo das Ziel im Leben ist?
Du weißt es nicht immer, aber Du siehst, dass andere es immer im Blick haben.

Es fällt Dir auch so unheimlich schwer, dem nachzueifern, weil Dich mal wieder ein Steinchen im Schuh zum Halten zwingt und wieder ist der andere weiter. Du begegnest den Steinchen im Schuh mit Gamaschen, aber das hilft nicht. Die Steinchen im Schuh wollen einfach zu Dir, immer zu Dir.


Das ungefähr ist mein Glaubensbekenntnis im Leben, mein Bild der Welt, undifferenziert und vage. Und dann höre ich Adel Salah Mahmoud Eid El-Tawil, die männliche Stimme von „Ich & Ich“ singen und er fasst meine Gedanken so schön in einem Lied zusammen und ich erkenne „Einer von Zweien“ zu sein. Der Liedtext ist so treffend, dass ich mir kleine Tränchen aus den Augen wische, schweigend nicke und denke, dass dieses Lied genau das ausdrückt, was ich sagen wollte. Und ich suche auf YouTube nach „Einer von Zweien“ und lese in den Kommentaren, dass ich mich in guter Gesellschaft befinde. „Einer von Zweien“ heißt ja auch, dass es rund 41,5 Millionen Leidensgenossen gibt. Diese Gefühle sind es, die uns von Seminar zu Seminar treiben, die uns Bücher lesen lassen, um zu lernen zu verstehen, warum etwas so ist, wie es ist. Aber „verstehen ist der Trostpreis im Leben“, wie der Psychologe Jens Corssen immer sagt.

Der Text des Liedes „Einer von Zweien“:

Einer von zweien
liebt immer etwas mehr
Einer von zweien
schaut immer hinterher
Einer von zweien
fühlt sich schwer wie Blei
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein Stein im Schuh
Einer von zweien
traut sich nicht so viel zu
Einer von zweien
versuchts gar nicht erst
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Einer von zweien
grübelt zu viel
Einer von zweien
hat kein gerades Ziel
Einer von zweien
trägt eine Last mit sich rum
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein ganz dünnes Fell
Einer von zweien
friert so schnell
Einer von zweien
hat schon nichts mehr im Glas
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür


Und ich muss weiter hart arbeiten und alles aus mir herauf pressen, muss mich weiter „bewusst kompetent“ durch die Klippen des Lebens bewegen und ständig versuchen, die „Leichtigkeit des Seins“ zu erreichen. Aber das schafft eben nur „Einer von Zweien“. Ob ich das irgendwann auch schaffe?

Noch 369,6 Kilometer – dann wäre im März gut gesät

März 2010, die letzten 31 Tage vor dem Abflug nach Casablanca zum MdS. Und wieder habe ich zwei Tage verstreichen lassen, ohne etwas zu tun. Und wieder hat mein schlechtes Gewissen dafür gesorgt, dass ich schlecht geschlafen habe. Und wenn ich schlecht schlafe, dann träume ich mehr. Oder ich merke mir meine Träume besser.
Heute Nacht habe ich von Kamelen geträumt, Kamele, die eng verwandt mit Schafen waren. Voller Wolle, aber in der Wüste.

Nach dieser Nacht, nach diesem Traum habe ich eine Entscheidung getroffen: ich will im März 2010 insgesamt 400 Kilometer laufen, Training und Wettkampf zusammen. Das sind rund 13 Kilometer pro Tag, also durchaus nicht allzu viel. Und weil ich gestern und vorgestern keine Zeit fürs Laufen hatte – oder mir das zumindest eingeredet habe – musste ich heute etwas länger ran. Da traf es sich gut, dass mich mein Söhnchen Pascal gefragt hat, ob ich ihn auf 18.00 Uhr zum Training fahren könnte. Weiter fragte er, ob ich ihn von seiner „Herz-Dame“ um 21.00 Uhr abholen kann.

Das passt doch perfekt, dachte ich und nutzte diese Zeit, um in 2:41 Stunden 30,4 Kilometer abzuspulen. Und das war so schön. Ich habe mich für die Strecke von Bad Neuenahr Richtung Altenahr entschieden, wieder über den engen Bergtrail, der laut der Warnschilder „sehr gefährlich“ ist. Sehr gefährlich ist er aber nur für ältliche Kurgäste, für unsereins ist der Trail geradezu ideal.
Beim Laufen erinnerte ich mich an die beiden letzten Male, als ich diesen Trail gelaufen bin. Das war bei den beiden Schneeläufen an den Wochenenden vor nicht allzu langer Zeit. Damals war ich nach 35,5 Kilometern vollkommen fertig gewesen, sicher auch dem tiefen Schnee geschuldet.
Und ich war langsam, sehr, sehr langsam.

Aber heute konnte ich endlich wieder große Schritte machen, Tempo genießen und sehr konstant laufen. Nach einer Stunde hatte ich 11,4 Kilometer auf dem Garmin 310, nach zwei Stunden hatte ich 22,7 Kilometer hinter mir. Wenn das keine Konstanz ist … ich war begeistert. Es war noch hell, als ich startete und kurz vor dem Wendepunkt wurde es dunkel. Insgesamt lief ich genau 13 Kilometer Richtung Altenahr, bis ich zur Wende ansetzte. Weil ich aber viel zu früh wieder am Auto gewesen wäre und ich meinem Lieblings-Sohn keine der kostbaren Minuten bei der „Herz-Dame“ rauben wollte, andererseits hatte ich auch keine Lust, vor dem Haus auf ihn zu warten. Also lief ich am Auto vorbei und lief noch gute zwei Kilometer weiter bis in die Bad Neuenahrer Innenstadt und eben wieder zurück.
Mein Ziel war es, die 30 Kilometer voll zu machen, da ich aber noch bis zum Bad Neuenahrer Steigenberger Hotel laufen wollte, kam ich am Ende 400 Meter weiter und damit sinkt mein März-Soll auf 369,6 Kilometer.

Sorge hatte ich, als während des Rückwegs mitten auf dem Trail, mitten im dunklen Wald auf einem engen Trail, wo es links steil bis zur Ahr heruntergeht, das Kopflicht anfing zu blinken, wahrscheinlich, um mir zu sagen, dass die Batterien bald leer sind. Ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn es plötzlich dunkel würde. Nicht, dass ich nicht nach Hause gekommen wäre, aber ich hätte auf „gehen“ schalten müssen und das hätte ich, so kalt wie es war und so nass geschwitzt wie ich war, mit Frieren bezahlen müssen. Aber die Batterien hielten und ab Ahrweiler war die Strecke auch wieder beleuchtet.

Morgen werde ich nicht laufen können, also muss ich am Freitag zumindest die 26 Kilometer für morgen und übermorgen und die 9 Kilometer, die ich aktuell noch hinter dem Soll bin, laufen, also 35 Kilometer. Aber die werde ich deutlich langsamer laufen als heute.

Hurra, ich freue mich darauf!