MdS 2: „Herr Ober – Zahlen bitte!“

Der 25. Marathon des Sables ist vorbei. Endlich. Leider. Und glücklicherweise.
Das sind die nackten Zahlen dieses Jubiläums-Events:

– 1.013 Teilnehmer
– 923 Finisher
– 470 Helferinnen und Helfer
– 58 Läufer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
– 53 Finisher aus dem deutschsprachigen Gebiet
– 250 Kilometer zu laufen, eine Verlängerung gegenüber den
– 230 – 235 Kilometern der anderen Events

– 82 Kilometer hatte die längste Etappe
– 21,1 Kilometer hatte die kürzeste Etappe
– 7 Lauftage in
– 6 Etappen
– 1 Traum


Mein Traum …
… meine Nacht.
Und mit der will ich anfangen, von meinem Marathon des Sables zu erzählen.

Mein Traum – meine Nacht: 82 besondere km

Es ist 16 Uhr 30 in der marokkanischen Sahara. Ich trabe locker mit der hübschen Schwedin Petra die Hochebene entlang und wir reden über das, worüber Läufer reden: über Läufe. Ich erzähle ihr, dass ich schon am Wochenende nach dem MdS den „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul laufen will, eine Information, wegen der Petra mich am Morgen danach „The crazy guy“ und später dann, wohl, um den Ausdruck zu relativieren, „The stairs guy“ nennen wird.

Sie läuft mit Stöcken und ist mir am Ende dann doch etwas zu langsam, ich schwitze, leide und hoffe auf den Kontrollpunkt „CP3“ und auf eine lange Pause dort. Es ist heiß und trocken und der Sand, der in der Luft schwebt, macht den Mund ständig trocken und lässt die Zähne knirschen.

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Endlich sehe ich „CP3“ in der Ferne und freue mich darauf, den Puls ein wenig senken zu können, einen kurzen Moment lang wenigstens. Wie ich so vor mich hinträume, wie ich den Rucksack abschnalle, die Wasserflaschen auffülle, Peronin in die eine und Isopulver in die andere Flasche fülle, wie ich fantasiere, wie eine hübsche und nette marokkanische Tänzerin mir Kühle zufächert und mir eine eiskalte Coca-Cola anbietet, passiert etwas sehr hilfreiches: die Sonne verschwindet hinter ein paar Wolken und es wird mit einem Schlag ein paar Grade kühler.
Sofort merke ich, dass ich auch am „CP3“ keine Pause brauche, sondern wenigstens noch bis zum „CP4“ weiterlaufen kann.

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Am „CP3“ saß der erschöpfte Zeltkumpan Tilmann auf dem Boden und ich motiviere ihn, in reduziertem Tempo mit mir weiterzugehen. Tilmann folgt artig und wir erleben eine Etappe mit vielen ausgetauschten Ideen, mit der Begleitung durch eine attraktive Französin, die sich erkundigt, ob Anke Molkenthin wieder zu uns stoßen würde und uns berichtet, dass Anke ihr begebracht hat, wie man auf Dünen läuft und mit dem langsamen Einsetzen der Dämmerung und dem Untergehen der Sonne. Es ist schon fast dunkel, als wir „CP4“ erreichten, Tilmann sich eine weitere Pause gönnte und ich mich drei anderen Deutschen anschloss, um nicht alleine im Dunkeln die Dünenpassage bewältigen zu müssen.

Es sind Stefan aus Hannover, der den MdS schon im Jahr 2007 gemacht hat und ihn dieses Jahr mit seiner Freundin Jutta erleben will. Stefans Bestzeiten auf den Kurzstrecken bis hin zum Marathon sind besser als meine, danach aber sind meine Zeiten weitaus ansprechender. Ich bin eben der „Ultra-Man“, der stets langsam beginnt. Ferner sind es der Schweizer Roland, der stets leicht an seiner grünen Skinfit-Hose zu erkennen ist und der Mönchengladbacher Oliver, der Apotheker, der mir in der Nacht von einem von ihm organisierten 50-Stunden-Spendenlauf berichtet, bei dem er mit seinem Unternehmen, unterstützt durch etliche Läufer und Geld der Pharma-Industrie, die stolze Summe von 23.000 EUR für soziale Zwecke erwirtschaftet hat – eine großartige Leistung für wirklich gute Zwecke.
Zu dritt finden wir den Weg sehr leicht. Die vom Veranstalter aufgehängten Knicklichter sind häufig und weithin sichtbar, zudem haben die Läufer vor uns Knicklichter am Rucksack hängen. Nur wahre Künstler schaffen es in dieser Nacht, den Weg zum „CP5“ kreativ auszulegen und eigene Bahnen zu ziehen. Alle Sorgen, die ich vorher wegen dieser Laufnacht hatte, zerfallen im Sand der marokkanischen Dünen und ich war froh, dass es so einfach war.

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Roland und Oliver sind vielleicht einen halben Schritt zu schnell für mich und Stefan hinkt sichtlich hinterher, also entschließe ich mich, in etwa auf halber Entfernung zwischen „CP4“ und „CP5“, mit Stefan zu laufen und die beiden andern ziehen zu lassen. Es wird später und später und kühler und kühler. Es wird richtig schön und angenehm. Und ich denke an das Buch, das ich nie geschrieben habe, das aber, wenn es denn existieren würde: „Die Bekenntnisse des Nachtläufers TomWingo“ heißen würde. Ich liebe es, durch die Nacht zu laufen und denke an die Nächte in Biel, bei Baden-Baden, bei Chamonix und in Radebeul – und ich werde schneller.
Ich erzähle Stefan die eine oder andere Geschichte, er antwortet immer seltener. Irgendwann antwortet er gar nicht mehr. Kann er auch nicht, weil der Atem im Nacken, den ich ihm zugeschrieben hatte, gar nicht von ihm war. Er war von einem Franzosen und ich realisiere, dass von Stefan in der Dunkelheit nichts mehr zu sehen ist, also gehe ich etwas schneller weiter.

Beim „CP5“ treffe ich Roland und Oliver erneut, ich entledige mich des Bergwerks in meinen Schuhen und bekämpfe ein kleines Hüngerchen durch ein Drittel Riegel Powerbar „Cookies & Cream“, den ich von Roland bekommen habe. Meine eigenen Riegel sind im Rucksack und dafür, die dort zu suchen, haben wir keine Zeit. Wir gehen gleich weiter und ich beschleunige zusehends.

Bald bin ich alleine und am Ende der Dünen, beim „CP6“ geschieht ein kleines Wunder. Zuerst schimpfe ich mit mir, weil ich mal wieder viel zu defensiv diese Langetappe angegangen bin. Getreu dem Motto „save some space for the desert“ habe ich etwas Luft gelassen für befürchtete Hürden, die aber gar nicht gekommen sind. Ich war frisch wie ein Frühlingsmorgen, die Muskeln waren locker und ich wollte möglichst früh schlafen gehen. Ich weiß ja, dass ich das Problem habe, nur schlecht bei Licht schlafen zu können und daher war es mein Ziel, noch vor 1 Uhr 30 in der Nacht im Biwak einzutreffen, damit die dunkle Nacht noch so lange dauert, dass ich auf eine nennenswerte Anzahl an Schlafstunden komme.

Ich erhöhe nun Schritt für Schritt mein Tempo und vielleicht vier oder fünf Kilometer vor dem Ziel sehe ich am Ende des Weges einen hellen Schein, das Biwak. Und ich war davon angezogen. Wie die Motte zum Licht begann ich noch einmal richtig zu rennen und von da an überholte ich 21 Läufer in einem schon enorm auseinandergezerrten Läuferfeld. Und ich werde ständig schneller. Ich erlebe das, was das Laufen so außergewöhnlich schön macht: das „Runners High“.
Als wäre ich gerade eben erst gestartet, als hätte ich nicht schon 80 Kilometer hinter mir, als hätte ich nicht knapp 10 Kilogramm Gewicht auf den Schultern und als wäre es die letzte Etappe des Marathon des Sables renne ich, wie ich schon lange nicht mehr gerannt bin.

Manche der Läufer, die ich noch überholen will, wehren sich und fangen plötzlich auch noch mit dem Laufen an, aber es hilft nichts. Stück für Stück komme ich näher, bin ich parallel und auch gleich vorbei. Noch einen Kilometer, noch eine Vierergruppe, die am Ende scheint. Noch fünfhundert Meter, noch zweihundert Meter, das Ziel kommt immer näher. Die beiden letzten Läufer, die ich überhole, sind eine Französin mit Ihrem Lebenspartner, die Hand in Hand gehen und das schnaubende Etwas von hinten anrollen hören, sich umdrehen und verwundert stehen bleiben. Sie stehen vielleicht dreißig Meter vor dem Ziel und lassen die Dampflokomotive an sich vorbei stampfen und applaudieren. Unglaublich.

Und ich wünsche, dass das Ziel noch zwanzig, dreißig Kilometer weiter nach hinten verlegt würde. Ich weiß, dass diese Etappe meine mit Abstand Beste sein würde, dass meine Tagesplatzierungen sich umgekehrt proportional zur Etappenlänge verhalten.
Ich liebe einfach die „langen Kanten“ und ich fühle mich wie eine AAA-Batterie der Firma mit dem tollen Werbespruch. Unten schwarz, mit goldenem Kopf, garniert mit dem Slogan:
„Hält länger durch …!“

Die 16 Stunden, 13 Minuten und 18 Sekunden für die knapp über 82 Kilometer sind die letzten Zahlen des Berichts. Es hätten kleinere Zahlen sein können, wenn ich weniger defensiv begonnen hätte. Ich weiß das und ich ärgere mich darüber. Aber ich bin auch froh, diesen Zieleinlauf erlebt haben zu dürfen.

Herr Ober, Zahlen bitte!

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Ein Kommentar zu “MdS 2: „Herr Ober – Zahlen bitte!“

  1. Hallo Tom,

    herzlichen Glückwunsch zum MdS-Finish!

    Danke für Deine Berichte. Vor lauter K-UT Vorbereitungen habe ich den MdS dieses Jahr leider nicht live verfolgt. Hauptache Du bist Finisher. Schöne Erfahrung, gelle?

    Viel Erfolg in Radebeuel.

    Wir sehen uns beim K-UT (und beim PTL)

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