Welt online: „Beim Wandern an der Elbe zeigt sich Hamburg anders“

Gestern nachmittag um 16 Uhr kam ein RSS-Feed von „Welt online“ auf meinen Rechner, das mich sehr interessierte. Es muss das „selektive Sehen“ sein, das immer wieder diese Duplizität der Ereignisse hervorbringt.
Das Feed verwies auf einen Artikel von Andreas Heimann mit der Überschrift „Beim Wandern an der Elbe zeigt sich Hamburg anders“.

Wandern oder Laufen an der Elbe? Da war doch was …

Ach ja, wir starten ja am 6. August um 6.00 Uhr von Dresden aus Richtung Hamburg, um herauszufinden, ob für Susanne Alexi, Hauke König und mich 560 Kilometer (zu laufen) möglich sind. Dabei werden wir hoffentlich auch die Erfahrung machen, dass sich beim Laufen oder Wandern an der Elbe die durchlaufene Gegend anders zeigt. Und genau darauf freue ich mich am meisten, mehr noch also darauf, ob das Herausschieben meiner persönlichen Laufgrenze gelingt oder nicht.

In dem Artikel steht also:

„Hamburg-Besucher sehen die Elbe oft nur ganz flüchtig. Dabei sollte man sich unbedingt ein bisschen Zeit für sie nehmen. Am Ufer führt der Elbwanderweg entlang, vom Stadtzentrum bis nach Wedel ist er 23 Kilometer lang. An der Strecke gibt es so viel zu sehen, dass dafür mindestens zwei Tage eingeplant werden sollten.
Wer mit etwas maritimem Flair in den Wandertag starten will, geht an den Landungsbrücken an Bord der Fähre, die elbabwärts unterwegs ist. Dort, gleich neben dem Alten Elbtunnel, legen auch die Schiffe für die Hafenrundfahrten ab. Die Fähre ist eine gute Alternative dazu: Am Bug beobachtet ein alter Seebär mit grauem Vollbart die Containerschiffe mit dem Fernglas.
Viele Kinder sind an Bord, ein Papa steht mit dem Kleinsten auf dem Arm an der Reling. Und am Elbufer gegenüber ist das Musicalzelt zu sehen, in dem schon seit einer gefühlten Ewigkeit „Der König der Löwen“ gespielt wird. Bald danach kommt das „Elbe Dock 17“ der Werft Blohm + Voss in Sicht, in dem Luxusyachten genauso wieder flott gemacht werden wie Kreuzfahrtschiffe. Elbabwärts geht es vorbei an den einst „instandbesetzten“ Häusern der Hafenstraße, die in den 80er-Jahren ständig in den Schlagzeilen waren. Heute sehen sie bunt und fast schon schick aus.

Erster Haltepunkt der Fähre ist der Altonaer Fischmarkt mit seiner Fischauktionshalle. Bis Neumühlen mit dem Anleger am Museumshafen sind es von hier aus nur noch fünf Minuten. Wer dort aussteigt, ist in Övelgönne angekommen. Früher wohnten hier vor allem Lotsen und Fischer. Ein paar Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert stehen noch.

„Kleineleuteklassizismus“ nannte der Schriftsteller Peter Rühmkorf, der lange in Övelgönne gelebt hat, den Baustil. Es sind schnuckelige Häuschen, die gemütlich wirken und in deren Vorgärten Rosen, Flieder und Hortensien blühen oder auch mal ein Anker liegt.

Am Wochenende sind hier viele Touristen unterwegs. Wer in Övelgönne wohnt, hat zumindest aus dem ersten Stock einen guten Blick auf die rund einen halben Kilometer breite Elbe – und wer hier spazieren geht, meist auch. Am Elbufer ist an dieser Stelle schon breiter Sandstrand, und viele Hamburger zieht es im Sommer am Wochenende dorthin: zum Grillen oder Chillen, zum Picknicken oder zum Feiern. Nach mancher Samstagnacht sieht es am Elbstrand so aus wie auf den Fanmeilen nach dem Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Manche gehen in Övelgönne sogar ein Stück ins Wasser, das heute viel sauberer ist als noch vor 20 Jahren.

Die „Strandperle“ hat hier ihren festen Platz. Vor dem bodenständigen Café, das Studenten genauso schätzen wie Touristen, flattert die Piratenflagge am Mast. Das ist kein Grund zur Beunruhigung, sondern mehr eine Sympathiekundgebung für Hamburgs neuen Erstligaverein FC St. Pauli. Unweit der „Strandperle“ ist mitten in der Elbe ein runder Ponton zu sehen, auf dem ein Mann mit dunkler Hose und weißem Hemd den Schiffsverkehr zu beobachten scheint. Er steht dort regungslos – und das schon ziemlich lange. Kein Wunder: Er ist aus Eichenholz und eine Arbeit des Bildhauers Stephan Balkenhol, der davon gleich mehrere in Hamburg verteilt hat.

Ein Stück hinter Övelgönne liegt der „Alte Schwede“ am Strand. Der Riesenfindling kam in der Eiszeit aus Südschweden nach Hamburg und lag dann ziemlich lange in der Elbe, bis er 1999 mit einigem Aufwand geborgen wurde. Schließlich wiegt er 217 Tonnen und gilt als einer der größten Findlinge Norddeutschlands. Wer eine erste Pause einlegen möchte, kann das an der „Elbkate“, nicht weit vom „Alten Schweden“ entfernt machen. Dort stehen Tische und Bänke im Freien, und der Blick fällt auf die haushoch beladenen Containerschiffe, die auf der Elbe ganz langsam vorbeiziehen.

Entlang des Wanderwegs am büschebestandenen Ufer ist der Fluss nicht immer zu sehen. Aber selbst dann ist das Wasser zu hören, wenn es an den Strand schlägt, vor allem, wenn gerade ein Schiff auf dem Weg in den Hafen ist. Am Strand sieht es nun manchmal aus wie an der Nordseeküste: Auch Muscheln und Feuersteine gibt es in großen Mengen. Oberhalb der Elbe lohnt der Jenisch-Park einen Abstecher, der als eine der schönsten Grünanlagen Hamburgs gilt. Das Jenisch-Haus aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist heute ein Museum und lohnt ebenfalls einen Besuch.


Zurück an der Elbe, ist in Teufelsbrück plötzlich wieder deutlich mehr los als auf der Strecke davor: An der Stelle, wo früher eine Brücke über die Elbe führte, ist heute die Fähranlegestelle. An dem Ponton direkt daneben blicken Gäste des Restaurants „Engel“ auf den Schiffsverkehr. Und auf dem Vorplatz am Festland spielt ein Akkordeonspieler „My Bonnie lies over the ocean“. Spaziergänger machen Pause und sonnen sich.

Elbabwärts geht es weiter in Richtung Blankenese, Hamburgs beste Adresse, die nach gut drei Kilometern erreicht ist. In Blankenese, im Mittelalter ein Fischerdorf, stehen auch heute noch Fischerhäuser mit Reetdach. Aber in der Zwischenzeit sind auch etliche Gründerzeitvillen und Jugendstilbauten hinzugekommen sowie viele jüngere, aber oft ebenfalls ganz ansehnliche Häuser mit Elbblick. Fast zwangsläufig laufen Besucher durch den Strandweg, der seinen Namen zu Recht trägt: Der Strand liegt vor der Haustür und ist sogar richtig breit. Wer hier wohnt, braucht nur ein paar Meter zu gehen, um sich wie im Urlaub zu fühlen – dafür steht das Wasser aber auch vor der Haustür, wenn die Elbe mal über die Ufer tritt. Der Strom ist hier schon 2,5 Kilometer breit. Ein rot-weiß geringelter Leuchtturm zeigt den großen Pötten, wo es langgeht.

Wer nach so vielen Kilometern eine Pause direkt am Wasser machen will, steuert den Anleger Op’n Bullen an. Dort legt die Fähre ab, die ans südliche Elbufer nach Cranz fährt, das schon fast zu Niedersachsen gehört. Auf dem Anleger wartet das „ponton op’n bullen“ auf Gäste, wo man entspannt Käsetorte essen und Latte Macchiato trinken kann – oder auch ein Pils zum Fischbrötchen, falls einem das passender erscheint. Egal, was auf dem Teller landet: Der Blick auf die Elbe lohnt sich in jedem Fall.“

Susanne, Hauke und ich werden kaum zwei Tage Zeit haben für 23 Kilometer, aber ich will mir die Elbe, den Elbestrand und die Gegend vor und um Hamburg herum genau ansehen, mit einem gequälten Lächeln im Gesicht und im Bewusstsein, dass ich, wenn ich es wirklich bis nach Hamburg schaffe, von einem meiner langjährigsten Freunde in Empfang genommen werde, einem echten „Kölschen“, der dort im Exil lebt.

Hamburg, wir kommen!

„Sind 560 km möglich?“

Ich staunte nicht schlecht, als Hauke König diese Frage über FACEBOOK stellte. „Sind 560 km möglich?“ stand da und weiter war zu lesen, dass er die Idee hatte, den Elberadweg von Dresden nach Hamburg zu laufen.
Ich weiß noch genau, wie verrückt ich diese Idee fand und habe auch gleich geschrieben, dass das so, wie er sich das vorstellt, „vollkommener Blödsinn“ sei.

Wenn ich mir die Laufzeiten bei der „TorTOUR de Ruhr“ ausrechne, dann komme ich auf rund 8 Minuten und 20 Sekunden pro Kilometer und das, wo es tendenziell bergab geht. Das, was Hauke sich da vorgenommen hat, eben jene 560 km an vier Tagen von Freitag, 06. August bis Montag 09. August, gestartet um 6.00 Uhr am Freitag morgen, bedeutet, dass man, unterstellt, man würde bei den Kilometern 230 bis 560 nicht noch langsamer sein wie bei den ersten 230 Kilometern, über 77 Stunden reine Laufzeit hätte.

Nun hatten wir bei der „TorTOUR de Ruhr“ nur drei Mal einen Kurzschlaf gemacht, der in diesen Zahlen enthalten ist, das wird aber bei einem Lauf über vier Tage kaum ausreichen. Und man hat insgesamt nur 90 Stunden Zeit, weil ja am ersten Tag 6 Stunden fehlen. Ich glaube, dass es einfacher ist, einen dicken Zwirn durch eine sehr dünnes Nadelöhr zu pressen als dieses Vorhaben, das Hauke da postuliert hat, zu bewältigen. Ein Lauf eines Verrückten für andere Verrückte!

Aber Hauke hat danach tatsächlich zwei weitere Verrückte gefunden, Susanne Alexi und – wer war noch mal der Andere? Lauter Spinner, sage ich, größenwahnsinnig mit einer enormen Selbstüberschätzung!

Wenn aber einer von Euch dennoch Lust hat, die Drei teilweise zu begleiten, dann käme dadurch etwas Vernunft an, etwas Intelligenz würde dort einziehen.

(Klicken zum Vergrößern!)

Wie wäre es damit?

Alles ist rela-tief!

Nachdem ich mich in der Kunst geübt habe, Wein in Wasser zu verwandeln, sprich aus einer geplanten 17-tägigen Vietnamreise eine 7-tägige Reise in die Gegend rund um Salzburg zu machen, bin ich nun wieder zurück. Und noch immer habe ich ein Bild vom letzten Urlaubstag im Kopf, das mich nicht mehr loslässt.


Ich schwimme auf dem Rücken, ganz entspannt. Das Wasser hat zwar nur 8 Grad, aber ich friere nicht. Der Neoprenanzug mit einer wärmenden Innenausstattung, darüber noch eine Neoprenjacke und darüber noch eine Schwimmweste sorgen dafür, dass ich die Situation genießen kann. Das Wasser ist vielleicht 2 Meter tief und ich fasse mit der rechten Hand an blanken Fels, der sich 80 Meter senkrecht in die Höhe erhebt. Mit der linken Hand fasse ich ebenfalls an blanken Fels und auch der reckt sich genauso hoch in die Höhe.
Es ist meist relativ dunkel dort, nur selten erreichen Sonnenstahlen das Wasser. Da muss die Sonne schon wirklich senkrecht über der Schlucht stehen. Das aber tut die Sonne in diesem Augenblick. Und ich schaue auf einen grandiosen Wasserfall, der rund 8 Meter hoch ist.

Und ich fühle mich großartig und stark. Vom Plateau dieses Wasserfalls bin ich vor wenigen Minuten noch ins Wasser gesprungen, 8 Meter tief. Meine Gedanken sind bei diesem und bei 20 weiteren Sprüngen, wobei einer noch ein klein wenig höher war, einer ging über 6 Meter, die anderen waren deutlich weniger hoch. Ich sehe mich, die Hände an der Schwimmweste vor der Brust angezogen, senkrecht ins Wasser fallen. Ich habe diesen Sprung gewagt, ein ganz besonderer Sprung, weil Du das Wasser von oben nicht siehst.

Dein Guide sagt: „Spring!“ Und Du springst, Du vertraust, blind. Vor Dir war eine Felswand und Du hast Dich gefragt, ob Du da nicht draufspringen würdest. Dein Guide aber versichert Dir, dass das nah aussieht, Du aber nicht so weit springen könntest, selbst, wenn Du das wolltest. Unter Dir siehst Du die Wand nicht und Du fürchtest Dich vor Ausbuchtungen, aber Dein Guide redet mit weicher Stimme auf Dich ein und Du verstehst, dass nicht der Sprung das Problem ist. Das Problem sind Deine Gedanken.
Und dann springst Du.


Ich plansche und schaue zurück auf diesen letzten Sprung. Natürlich hätte ich mich abseilen lassen können, aber wer will das schon? Canyoning hat viel damit zu tun, Dinge zu erleben, die weit über das hinausgehen, was Du Dir vorher zugetraut hast. Und ich bin gesprungen. 21 Mal.

Vor Jahren bin ich bei vier Veranstaltungen von Tony Robbins vier Mal barfuß über glühende Kohlen gelaufen, immer in Trance und in der Vorstellung, über kühles Moos zu laufen. „Green moss, green moss, green moss“ rufst Du Dir zu und bist nach 10 Schritten erlöst, wenn Du auf der anderen Seite der Kohlen aufgefangen wirst und die Füße mit kaltem Wasser abgespült werden.
Nur ein Mal habe ich mich dabei ein wenig verbrannt, als irgend ein Depp eine Aufnahme mit Blitzlicht machte und ich kurz meine Trance verlor. All das habe ich geschafft, also schaffe ich auch diese Sprünge, dachte ich mir.
Und deshalb war ich stolz, enorm stolz, als ich so im Wasser trieb.


Gut drei Stunden gingen, krabbelten, balancierten wir durch die Schlucht, über Felsen, durch Wasser, schwimmend, gehend, springend. Drei Stunden, die schöner waren als fast alle anderen drei Stunden meines Lebens. Und ich war voller Liebe und schickte warme Gedanken an meine Familie, während die Sonne den Wasserfall vollständig beleuchtete. Ein grandioses Bild!

Ich war der Letzte gewesen in diesem Moment, weil ich lange unter einem starken Wasserfall geduscht habe. Ich liebe den harten Aufprall des Wassers auf dem Kopf und dem Körper und wollte dort gar nicht mehr weg. Ich war voller Liebe und dachte in erster Linie an meinen Sohn Pascal. Er wurde vom Guide als Vorspringer ausgewählt, sein unverkennbar sportlicher Körper war wohl der Grund dafür. Ich bin sicher, dass ich mehr Angst und Sorge vor manchen Sprüngen gehabt hätte, wenn Pascal nicht als Erster gesprungen wäre.

Früher war ich immer der in der Familie, der voran gehen musste. Jetzt ist es eben Pascal, der mittlerweile mit seinen 16 1/2 Jahren fast so groß ist wie ich und dank seines täglichen Hanteltrainigs Bauchmuskeln hat, auf die ich immer wieder neidisch bin. Er hat seine Rolle an diesem letzten Urlaubstag bravourös gemeistert und wir haben ihn zum „Familien-Helden“ ernannt.

Ich war voller Liebe und dachte an meine Tochter Milena. Sie wagte auch jeden Sprung, wenngleich sie sich meist vorher bekreuzigte und stets einen Schrei ausstieß, während sie fiel. Aber sie vertraut ebenfalls blind und wollte nicht zurückstehen hinter ihrem Bruder oder mir. Als „große Schwester“, die erst zwei Wochen zuvor aus Tansania zurückgekehrt war, war sie auch die treibende Kraft, die etwas erleben wollte und wegen der wir uns am letzten Tag für das Canyoning entschieden hatten.

Ich war voller Liebe und dachte an meine Frau Gabi. Sie ist sicherlich die Vorsichtigste unter uns Vieren, die Langsamste im Laufen, die es dennoch bisher auf 8 Marathons und einen Ultra-Marathon gebracht hat und die vieles mitmacht, um uns anderen eine Freude zu machen. Bei ihr hatte ich die größte Sorge, dass sie den letzten Sprung nicht wagen würde und sich abseilen lassen würde. Aber sie sprang. Und sie sprang gut und ohne Probleme, trotz des Umstands, dass sie ohne ihre Brille in der Schlucht war und nicht alles klar erkennen konnte. In diesem Moment merkte ich mal wieder, wie viel Kraft mir doch die Familie gibt und wie viel Zusammenhalt und Familiengefühl so ein Erlebnistag doch bringen kann.


Es gibt viele spektakuläre Schluchten und Canyons auf der Welt, aber die nur wenige Kilometer lange Strubklamm bei Hallein in Österreich ist etwas ganz Besonderes. Sie ist nicht so bekannt wie der Grand Canyon und nicht so lang wie die „Narrows“ im Zion National Park.
Aber sie ist zauberhaft und sie verlangt Dir alles ab. Und das Einzige, was Du wirklich weißt, ist das: Du wirst danach glücklich sein!
Und das ist doch mehr, als man verlangen kann, oder?

Ich träumte weiter auf dem kalten Wasser zwischen den nahen Felswänden und erinnerte mich an meine Schulzeit. Ein unangenehmer Bauchplatscher vom 1-Meter-Brett als Kind stoppte jäh meine Karriere als Turmspringer und ich erinnere mich mit Grausen an den einzigen Sprung vom 3-Meter-Brett, den ich wegen der Sportzensur machen musste. Und es war so wie oft in der Schule: grauenvoll und pädagogisch absolut wertlos!
Wir mussten damals hoch auf den Turm und sollten springen. Niemand machte sich die Mühe, uns dazu etwas zu erklären. Im Mathematik-Unterricht wäre das Lösen einer binomischen Formel nicht denkbar gewesen, wenn der Lehrer uns zuvor nicht etwas gelehrt hätte. Im Sportunterricht aber gab es keine Erklärungen. Nicht bei den Laufübungen über das Einteilen der Kräfte und das Laufen unterhalb der anaeroben Schwelle und auch nicht beim Turmspringen.
Erst unser Guide brachte uns wichtige Grundregeln beim Springen bei. Ohne diese Kurzinstruktion hätte ich alles falsch gemacht. Wozu braucht man dann überhaupt Sportlehrer, wenn sie einem doch nichts erklären, sondern nur die Noten abnehmen?
„Wir sind keine Frösche,“ sagte unser Guide, der Jan. Und er sagte daher, dass wir nicht mit beiden Beinen abspringen sollen. „Wenn Du mit beiden Beinen abspringst, dann bekommst Du sehr leicht Übergewicht nach vorne,“ sagte er. Und das führt zum gefürchteten Bauchplatscher, das kannte ich noch von früher. Auch sollst Du Dich vor der Rücklage schützen und daher ist es das einfachste und sicherste, mit einem Bein abzuspringen und einfach einen leichten Schritt nach vorne zu machen, die Hände vor der Brust festzuhalten und dann fällst Du gerade wie ein Stein ins Wasser. Und es stimmte.

Zuerst waren wir unsicher und ich hatte das mit den Händen vor der Brust vergessen. Beim ersten Sprung hatte ich also einen „Handplatscher“ gemacht. Das hat ganz schön lange weh getan. Aber wenn Du genau das machst, was Dein Guide sagt, dann ist jeder Sprung ein echtes Erlebnis, welches Du nie missen möchtest.

Und morgen wieder in die Strubklamm? Aber gerne doch, sofort wieder …

Hinweis: wir hatten leider keine Unterwasser-Kamera dabei. Alle Fotos sind aus dem Internet geliehen. Danke an die entsprechenden Fotografen!

Was Du schon immer mal wissen wolltest …

… über den Trail des Canyon du Verdon.
Die „abartige“ Strecke, wie Dr. Alfred Witting sie genannt hatte, die Strecke, die mich pyschisch derart belastet hat, dass ich in dem schönen Örtchen Moustiers Sainte Marie der Einladung des deutschen Pensionärs und seiner finnischen Frau gefolgt bin und die Wasserflaschen gegen zwei, drei Glas herrlich trockenen und fruchtigen französischen Weißwein getauscht habe, ist es wert, einmal näher betrachtet zu werden.


Warum bin ich ausgestiegen? Auf diesem Foto (alle Aufnahmen stammen von Volker Schillings) sah ich doch noch richtig gut aus und der kleine Anstieg war auch noch nicht repräsentativ für die gesamte Strecke. Aber Du kannst schon gut die Markierungen sehen, das rot-weiße Band, das uns Kilometer für Kilometer weiter geführt hat. Ich habe es fürchten gelernt …

Dass ich überhaupt ein paar Kilometer mit Volker Schillings laufen konnte, verdankte ich einem Zufall. Die erste Verpflegungsstelle lag etwa bei km 10, nach dem ersten langen und knackigen Anstieg, kurz vor unserem Hotel. Hans-Peter Gieraths hatte uns erzählt, dass genau bei diesem Hotel der Einstieg in die Schlucht stattfinden würde und deshalb wartete Gabi, meine liebe Frau und Begleiterin bei diesem Trip, dort auf der Terrasse, um sich am Ende dem Läuferfelde anzuschließen.
Aber es kam anders. Wegen eines großen Steins, der Tage vorher direkt auf die Laufstrecke gefallen war und diese unpassierbar machte, wurde die Strecke geändert und so liefen wir in einiger Entfernung am Hotel vorbei die Straße entlang, um dann nach links abzubiegen. Volker Schillings stand plötzlich da und fragte einen Mitläufer, wo denn der richtige Weg sei, immerhin war er vor einer halben Stunde schon an genau dem geleichen Punkt.
Es war ein kleiner Schock für ihn, als er erfahren hat, dass er eine mittlere Runde also zwei Mal durchlaufen musste. Am Ende des kurzen Wegs von der Straße bis zum Hauptweg ging es dann wieder nach rechts, den ursprünglich gekommenen Weg zurück bis zur zweiten Verpflegung, die identisch mit der ersten war. Weil Volker aber nach links ging, kam er wieder am Hotel vorbei und vielleicht würde er heute noch dort laufen, wenn er da nicht gefragt hätte.

Ein wenig gefrustet war er also schon an jenem 2. Verpflegungspunkt. Wir beschlossen dort, ein paar Kilometer gemeinsam zurück zu legen. Eigentlich ist er mir ja zu schnell, aber er musste eben sein Tempo verlangsamen und ich habe „eine Schippe draufgelegt“ und lief schneller, als ich es alleine getan hätte.
Meine Belohnung waren dann ein paar Fotos, die mir verwehrt geblieben wären, weil meine eigene Kamera seit ein paar Wochen beleidigt ist.

(Klicken zum Vergrößern ... ) Obwohl wir hier nur wenige Höhenmeter zu bewältigen hatten, kamen wir auf dem Geröllfeld nur sehr langsam voran. Ein wenig geflucht habe ich schon auf diesen großen Steinen ...

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(Klicken zum Vergrößern ... ) Nur die rot-weißen Bändchen machen Dir klar, dass das hier der Trail ist. Steil runter, steil rauf - und das, ohne auf dem Boden irgend eine Entsprechung zu finden. Wirklich grenzwertig.

(Klicken zum Vergrößern ... ) Kurz vor Moustiers Sainte Marie ging es über diesen großen Stein und unter diesem Tor durch. Zumindest groß gewachsene Läufer mit einem dicken Rucksack hatten hier mächtige Probleme und bei mir hat unter anderem diese Passage dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, warum ich mir das antue ...

Aber es gab auch echte „Magic Moments“, Situationen, in denen Du denkst: hier gehe ich nie wieder weg!
Dort, wo ich Volker und er dann anschließend mich fotografiert hat, war ein solcher Moment. Du bist in der Höhe und Du siehst in den Canyon und auf den grünlich-blauen Fluss. Und Du willst diesen Moment in Dein Bewusstsein einbrennen, ihn nie wieder vergessen und ihn mit der ganzen Welt teilen.
Wie schade, dass den meisten Menschen diese Situationen ihr Leben lang verwehrt bleiben! Aber dafür müssten die Menschen halt runter von Ihrem Sofa, raus aus ihrem Wohnzimmer und rein in die nahe und entfernte Landschaft. Wir Läufer tun das, wir Läufer wissen das!

(Klicken zum Vergrößern ... )



Das obere Foto ist auch eines meiner Lieblingsfotos, weil es deutlich macht, wie teilweise die Streckenführung ausgesehen hat. Gerade vor Moustiers Sainte Marie hatte ich das Gefühl, dass die Neuplanung der Strecke zu Situationen geführt hat, wo die Läufer irgendwie von der neuen auf die alte Strecke geführt werden müssen, ob da ein Weg ist oder nicht. Oder hättest Du gedacht, dass Du bei dem rot-weißen Bändchen mitten durch die Büsche musst?

Oder – und dafür steht das untere Foto – einfach quer durch die Gegend, über Stock und über Stein – und auch noch über diesen umgestürzten Baum. Und dann ging es die Anhöhe herauf, das kleine Bändchen oben in der Bildmitte zeigt den Weg. Das war ätzend, steil und nur zu bewältigen, weil der Baum oben Erbarmen gezeigt hat und ein paar Wurzeln aus dem Erdreich hat ragen lassen. Die waren unser Halt und unser Glück. Eine wahrhaft „abartige“ Strecke, da stimme ich Alfred hundertprozentig zu …



Beim oberen Foto war ich schon nicht mehr dabei. Einerseits war ich froh, dass dieses Drama vorbei war, andererseits hätte ich diese Steilwand doch gerne noch erlebt. Die Läufer hatten zu diesem Zeitpunkt so ungefähr schon 70 der insgesamt 102 harten Kilometer hinter sich und ich bin sicher, diese Kletterpassage wäre schon hart und gefährlich, wenn Du sie frisch, ausgeruht, wach und im Hellen machst. Wenn Du aber etwas langsamer warst, dann konnte es zu diesem Zeitpunkt durchaus schon dunkle Nacht sein …


Alles in allem denke ich heute, dass dieses Event einfach nicht „meine Veranstaltung“ war. Ich will zwar nicht immer gemütliche Läufe auf weichem Waldboden haben, es darf ruhig mal steil und steinig sein, aber der Trail des Canyon du Verdon ist zumindest in 2010 wohl eine Nummer zu hart, zu schwer, zu gefährlich und zu „abartig“ für mich gewesen.

Und wie sagte Dr. Alfred Witting letzte Woche so schön zu mir: „Die Gefahren dieses Laufs kannst Du nicht kalkulieren. Ich muss das nicht haben!“ Andererseits habe ich dadurch einen Canyon kennengelernt, der so schön ist, dass er für immer Platz in meinen Gedanken haben wird. Ich habe das süße Städtchen Moustiers Sainte Marie im glänzenden Sonnenlicht erlebt und ich habe mich in die riesigen Lavendelfelder verliebt. Und das ist ja auch was …

Verbier – oder an fremden Wassern weinen …

Ich bin wieder zurück. Eine ganze Nacht durchgefahren, 700 Kilometer durch die Nacht, immer wieder mit einem kleinen Stop auf einem Parkplatz neben der Autobahn, immer dann, wenn die Augen zuzufallen drohten. Und ich bin immer noch traurig, deprimiert und noch immer weine ich ein wenig.

Der Trail Verbier St. Bernard sollte der letzte große Alpentest sein vor dem PTL und daher hatte ich nur wenig Ziele. Ankommen wollte ich, nicht mehr. Nicht auf Zeit laufen, nicht auf eine Platzierung laufen, nur ankommen. Als ob das so leicht wäre …
Immer gingen mir die Bilder vom Trail des Canyon du Verdon durch den Kopf, von dem Trail, bei dem ich nach 45 Kilometern Schluss gemacht hatte. Ich wusste genau, warum mir das passiert ist und deshalb habe für den Trail Verbier St. Bernard alles anders, alles richtig gemacht.

Ich bin alleine angereist, damit ich den Kopf frei hatte und sich keine Gedanken ins Bewusstsein schleichen können, was passiert, wenn Du früher oder später ankommst. Ich bin langsam losgelaufen, das allererste Mal wirklich von ganz hinten. Und ich habe mich immer geschimpft, wenn ich mal wieder angefangen habe, zu rechnen, nachzurechnen und zu spekulieren, nach jedem Kilometer neu zu prognostizieren, wann Du an welchem Punkt sein könntest.
Es war so entspannend, so schön.

Ich startete schon am Freitag, am Vortag und gönnte mir noch einen Abstecher zu meinen Eltern, die fast an der Fahrtstrecke wohnen. Später dann hörte ich im Schweizer Radio eine Live-Übertragung des WM-Fußballspiels Niederlande gegen Brasilien und war begeistert, wie „Usgliech“ (Ausgleich), „Corner“ (Ecke) und andere fußballtypische Begriffe auf Schweizerisch klingen.

Erst auf den letzten Kilometern, der Serpentinenstraße aus dem Tal hinauf in das wunderschöne Bergstädtchen Verbier, begann es zu regnen. In diesem Moment hörte ich gerade das Lied von Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“

Rosenstolz – Lass‘ es Liebe sein …

Hast du nur ein Wort zu sagen
nur ein Gedanken dann
lass es Liebe sein
Kannst du mir ein Bild beschreiben
mit deinen Farben dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Hast du nur noch einen Tag
nur eine Nacht dann
lass es Liebe sein
Hast du nur noch eine Frage
die ich nie zu fragen wage dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein
Lass es Liebe sein

Aber es war keine Liebe, es war Wasser, Regen und davon richtig viel, zumindest dachte ich das. 24 Stunden später hätte ich den Regen wohl als „eher durchschnittlich“ eingestuft, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ich war froh, dass die Kontrolle der Ausrüstung problemlos funktioniert hatte und dass dann Christian Zimmer kam, um mit mir unsere kleine private Pasta-Party zu veranstalten, er mit Spaghetti Bolognese und ich mit Spaghetti Pesto, natürlich fleischlos, dafür aber mit viel Würze und italienischem Temperament.

Christian hatte schon sicherheitshalber vorab für uns beide die Schlafplätze im Bunker gesichert, sodass wir keine Hektik mehr hatten und einen schönen Abend hätten verleben können, wenn die Weckzeit 3.00 Uhr nicht gewesen wäre. Der Regen hatte aufgehört, als ich einzuschlafen versuchte.

Wenn Du mitten in der Nacht um 3.00 Uhr geweckt wirst, dann fragst Du Dich erst einmal kurz, wo Du jetzt bist, ordnest und sortierst Dich, um dann festzustellen, dass jetzt alles sehr schnell gehen muss. Die Vorbereitung auf den Lauf geht mittlerweile leicht von der Hand, so viel Routine nach fast 100 „Marathon und länger“ habe ich doch schon erworben. Die Pflaster für die Brustwarzen, der Brustgurt, die präventiven Compex-Pflaster auf die gefährdeten Stellen an den Füßen, das Melkfett, die Kompressionsstrümpfe, die Laufhose, das Laufshirt, die Armlinge, die Uhr, einen Buff über das rechte Handgelenk, einen über das linke Handgelenk, den MP3-Player, den Du mal wieder nicht benutzen wirst, die dünne SKINFIT – Jacke..
Zuletzt noch die Schuhe, die Stöcke und den schon vorbereiteten Rucksack und dann ab zum frühen Frühstück.

Dort war ich gleich doppelt überrascht. Das Frühstück war für französische Verhältnisse gut und üppig, ein Beleg mehr dafür, dass nicht überall Frankreich ist, wo Französisch gesprochen wird. Und da war auch Grace. Meine liebe und tapfere Lauffreundin Grace Sacher, die Inkarnation der Fitness, umarmte mich und stellte mich ihren Freunden vor. So beginnt ein Tag, der ein ganz großer Tag sein soll.

Im Startbereich traf ich viele andere Deutsche. Dr. Alfred Witting zum Beispiel, mit dem ich 2010 schon den MdS, den Marathon des Sables in Marokko, gelaufen bin. Und der Alfred Witting, der, wie ich auch, beim Trail des Canyon du Verdon in Moustiers Sainte Marie ausgestiegen ist. Weil ihm die Strecke zu „abartig“ war.
Es ist schön, zu wissen, dass es andere Läufer gibt, die manche Dinge ähnlich sehen wie Du es tust.
Und da war der Rest der Wuppertaler Laufgruppe, vielfach bewährt und teilweise auch beim Trail des Canyon du Verdon dabei.
Christian Zimmer war nicht am Start, sein Start war erst um 12 Uhr, weil er ja nur für die kurze Distanz eingeschrieben war. Welch eine verrückte Parallelität, dass wir am Ende dann doch eigentlich die gleiche Distanz gelaufen sind.

Verbier liegt ganz romantisch angeschmiegt an die mächtigen Berge der Region. Wasserfälle sind allgegenwärtig in und um Verbier und in einer wasserreichen Zeit wie jetzt sind diese auch schön und gut gefüllt, zumindest dachte ich das. „Wallende Wasser“ dachte ich, als ich die Serpentinen nach Verbier hochgefahren war, heute aber, nach diesem Lauf, weiß ich, wie viel mehr Wasser in solche Wasserfälle passt.
Schon vor dem Startschuss wunderte ich mich über meinen hohen Puls, den Dr. Alfred Witting mit der Höhe über Normalnull begründete. Das sei einer der Gründe, warum er den PTL wohl nie wieder versuchen würde. Wasser in den Lungen, Blut in der Leber, gesund erreicht da niemand das Ziel, außer er ist an die Bergwelt angepasst. Und wer von uns Flachland-Tirolern kann das schon von sich behaupten?
Aber der Puls interessierte mich nicht, Sorgen machte mir nur, dass ich vergessen hatte, die Sonnenmilch einzupacken.
Die Strecke ging aber sehr dicht an dem Parkplatz vorbei, wo mein Auto stand, also bin ich abgebogen und habe das Vergessene noch eingepackt. Daher fand ich mich gut 100 Meter hinter den letzten Läufern abgeschlagen hinten wieder. Das ist ein interessantes Gefühl, weil Du den Zuschauern, die Dich als „Träger der roten Laterne“ anfeuern, zu erklären versuchst, warum Du hinten und sogar so weit hinten läufst. Totaler Quatsch eigentlich, aber so sind wir Männer nun mal. Wir laufen auch immer dann ein wenig schneller, wenn Zuschauer an der Strecke sind …

Die Landschaft dort bei Verbier ist grandios. Ein Gutteil der Strecke deckt sich mit der Strecke des UTMB, nur geht die Reise anders herum. Also erst Champex-Lac, dann La Fouly. Dort war es auch, wo der erste Regen begann, aber er war nicht schlimm. Eher hat er gut getan hat nach der Hitze des Tages und ganz schnell war der Regen auch wieder vorbei und die Hitze kam zurück.
La Fouly liegt auf rund 1.600 Metern über N.N. und von dort aus geht es knapp über 1.000 Höhenmeter nach oben, zur Doppelspitze um den Großen St. Bernhard, den „Col du Grand Saint-Bernard“ herum. Und obwohl wir stetig höher kamen, wurde es heißer und drückender. Was für ein Glück, dass wir etliche Gebirgsbäche über- und durchqueren mussten. Immer wieder tauchte ich die Arme in das kalte Nass, immer wieder ließ ich Unmengen an kaltem Wasser mittels meiner Kappe über den Kopf, die Brust und den Rücken laufen.

Die letzten vier Kilometer dieses Anstiegs aber werde ich wohl lange nicht vergessen. Der Weg führte uns weitgehend über Schneefelder, weich, verharscht und glitschig und wegen der Steigung rutscht Du fast so weit nach hinten, wie Dich Dein Schritt nach vorne getragen hat. Eigentlich bin ich kein schlechter Bergläufer, aber die Psyche, die Oberschenkel und die Atmung zwangen mich zu mancher kurzen Pause. Vier Kilometer in 95 langen Minuten!
Mittlerweile war mein Wasservorrat leer, ich war durstig und froh, dass ich oben an der Kontrollstelle von der Kontolleurin einen Rest Wasser von ihrer Flasche bekommen hatte, den ich in einem Zug austrank. Es war schwül und heiß, obwohl wir auf einer Höhe von 2.698 Metern waren. Sogar die Geschwindigkeit einer kampferprobten Landschildkröte ist wahrscheinlich höher als meine an diesem Berg.


Im gleichen Moment, in dem ich die Wasserflasche zurück gab, begann der richtige Regen
. Regen? Nein, was passierte, war schlichtweg unbeschreiblich. Der Himmel machte alle Schleusen zugleich auf und Du denkst, dass jetzt die Welt untergeht.
Du gehst ein Schneefeld herunter, in das zwei schuhbreite Rinnen wie von schweren Langlaufskiern gegraben waren. Du rutscht in diesen Rinnen, Du hast Angst und Du freust Dich, dass Dir wenigstens die Stöcke ein wenig Halt und Sicherheit geben. Und von oben prasselt es. Du frierst und zitterst und überlegst, ob Du das aushalten sollst oder in dem Regen anhältst, um Handschuhe und eine Regenjacke anzuziehen. Ich entschied mich für das Aushalten.


Von oben kam ein anderer Läufer. Mittlerweile waren wir auf Grasebenen, die vollständig von fließendem Wasser bedeckt waren und die Bächlein, die wir überqueren mussten, waren Bäche geworden. Mein Laufpartner ging direkt durch das Wasser, während ich in gutem Glauben war, doch noch Steine zu finden, um den Weg durch die Fluten zu vermeiden. Nur zwei Bäche später war es mir egal und ich tat es ihm gleich. Bis zum Knie ging es durch die Fluten. Kurz vor der Versorgungsstelle an der Statue des St. Bernhard ging der Trail unterhalb der Straße weiter und mein leider nur französisch sprechender Laufpartner schlug vor, über die Straße zu gehen, durch den seitlich halb offenen Tunnel.
Ich fragte ihn in meinem mäßigen Französisch, ob er sich sicher sei und er nickte. In der Not versteht man sich auch ohne viele Worte. Die Straße war vier, fünf Zentimeter unter Wasser, das von oben über unsere Füße nach unten floss. Die Regentropfen von oben schlugen ein wie kleine Bomben und die von den Fluten über die Straße verteilten Steine brachen das fließende Wasser und es bildeten sich kleine Fontänen. Ein wunderschönes Bild, wenn man es im Trockenen hätte beobachten können. Wir kamen gut voran und ich bedauerte die drei Läufer, die ich weiter unten auf dem Trail laufen sah.

Direkt nach dem Tunnel querte der Trail die Straße und ging nach oben weiter. Wir folgten dem Tail und schon bald wusste ich, dass das ein Fehler war. Der Trail war kein Weg mehr. Es war eine einzige, mehrere Hundert Meter lange Pfütze. Und ich beneidete die drei Läufer, die ich weiter unten auf der Straße laufen sah.
Strike – Bingo – Ausgleich für die Drei!

Es war sehr voll am Verpflegungspunkt, auch die Läufer waren da, die mich zuvor am Berg überholt hatten. Warum waren die noch da? Sich unterstellen macht doch keinen Sinn, dachte ich. „Wir dürfen nicht weiterlaufen, es ist zu gefährlich!“ wurde ich belehrt. „Wir dürfen aber da unten in die Caritas Hospiz gehen und warten.“ Ein wenig froh war ich schon, dass ich die Gelegenheit nutzen konnte, mir frische Sachen und eine Regenjacke anzuziehen, also ging ich dort auf die Toilette und kramte in meinem Rucksack.
Weißt Du, was Klamotten sind, die bei so einem Regen im Rucksack waren? Richtig. Nass. Richtig nass, keine Verbesserung gegenüber dem, was Du am Körper getragen hast, aber dennoch habe ich die Sachen getauscht. Die Schuhe quietschten vor Nässe, das Shirt und die Hose waren nass, die Regenjacke war nass. Ekelhaft. Aber wir durften nicht weiterlaufen. Man überlege noch, wurde uns gesagt, wie es weiter gehen könne. Für diesen Fall gab es offensichtlich keinen „Plan B“.

Wir bekamen heißen Tee und mit abnehmender Körpertemperatur fing ich stärker an zu frieren, regelrecht zu zittern. Mehr als zwei Stunden waren wir dort, als uns gesagt wurde, dass man eine Fortsetzung des Trails unterhalb des Berges markiert hätte. Es würde aber auch ein Bus kommen für all diejenigen, die aufhören wollten, hieß es. Ich war nicht hin- und hergerissen, ich fror, ich hatte Sorge, meinen Rücken wieder zu verkühlen, ich war demotiviert, enttäuscht und wütend. Ich wollte weg.
Wenn ich weitergelaufen wäre, dann hätte ich minutenlang richtig Gas geben müssen, um wieder eine höhere Körpertemperatur zu erreichen. Wie aber machst Du das, bergab, auf nassem, glitschigen Gelände? Ich dachte aber auch daran, dass ich für mich gesagt habe, dass dieser letzte Alpentest für mich der Lackmustest dafür sein sollte, ob ich wirklich beim PTL antrete. Wenn ich das nicht schaffe, dann laufe ich auch nicht den PTL, dachte ich beim Start.
Jetzt denke ich, dass der Abbruch des Laufs mit Vernunft und mentaler Stärke zu tun hat und nicht mit psychischer und physischer Schwäche wie beim Trail des Canyon du Verdon, also werde ich davon nicht meinen Start beim PTL abhängig machen.
Ich starte dort, weil ich es will und weil ich es kann. Und ich werde dort auch finishen, allen Warnern zum Trotz, weil ich es kann und weil ich es will. Das ist meine Botschaft, die ich in den Fluten des Großen St. Berhard in großer Höhe gelernt habe!

Als der Bus uns dann zurück brachte, fuhren wir an vielen Wasserfällen vorbei, die ich einen Tag zuvor auch passiert hatte. Aus den wallenden Wassern sind stürzende Wasser geworden, die vertraute Optik hübscher Bergwasserfälle wechselte zu fremden, gefährlichen Sturzbächen, die sich in die Tiefe stürzten. Und ich weinte. Ganz leise.
In Verbier angekommen wollte ich nicht einmal mehr duschen. Ich wollte nur noch weg. Weg aus der Gegend, die meinem Selbstwertgefühl so sehr zugesetzt hatte.

Es regnete noch bis kurz vor Basel, ich war hundemüde und ich hörte immer und immer wieder Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“