Last exit St. Gervais

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Du tust mir ja so leid.

Zuerst sah es so aus, als ob Du ein Glückskind wärst. Du hast Dich bei der Lotterie mit 2.299 anderen gegen weitere ca. 1.300 weniger Glückliche durchgesetzt, die bei der Lotterie keinen Startplatz für den UTMB ergattern konnten. Vielleicht hast Du dieses Glück dann ausgiebig gefeiert und Du hattest das Gefühl, fliegen zu können.
Ich weiß, was es heißt, dann fast ein Jahr lang zu trainieren, diesen Lauf als Saison-Höhepunkt zu definieren und sich wie ein kleines Kind darauf zu freuen.
Sich zu freuen auf den Abend in Chamonix, auf den Abend, an dem traditionell der UTMB beginnt.


Und dann, kurz vor dem UTMB, hast Du Dich auf die Reise vorbereitet.  Und ich kenne die Sorgen, die Du haben musstest, ob Du alles notwendige eingepackt hast, ob Deine Rennstrategie zu offensiv oder zu defensiv ist und auch die Sorgen, die Du Dir um Deine Gesundheit gemacht hast. Ich sehe förmlich Deine Begeisterung, mit der Du mit dem Auto, mit der Bahn oder mit dem Flugzeug Richtung Chamonix gefahren bist, vielleicht einen Tag vor dem Lauf, vielleicht auch erst am Tage des Laufs. Du hast dann ein Hotelzimmer gebucht, wahrscheinlich schon vor Monaten, ein Appartement oder sonst eine wie auch immer geartete Schlafgelegenheit.

Du hast Dir dann die Startunterlagen abgeholt, einige der vielen Stände auf der Marathon-Messe angesehen und dann hast Du Dich noch einmal im Hotelzimmer hingelegt, um für die erste Nacht, die Du durchlaufen wolltest, fit zu sein. Und dann gingst Du noch in ein Restaurant, um Dir eine heiße Pizza oder eine Portion Pasta zu bestellen. Du hast Dich dann für den Lauf fertig gemacht und hast die nächsten Stunden aufgeregt und euphorisiert hinter Dich gebracht.

Und endlich war Freitag Abend, 22 Uhr. Du standest mit über 2.000 anderen Läufern aufgeregt und nervös hinter dem Startportal. Du hast letzte Gespräche geführt, noch ein paar Fotos geschossen und dann hast Du mit den anderen Läufern die letzten Sekunden bis zum Start herunter gezählt.

Und dann, liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis … ging es endlich los.

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Die ersten Meter konntest Du nur langsam gehen, so voll war der schmale Weg, der von Abertausend Zuschauern gesäumt wurde. Die Begeisterung der Zuschauer hat Dir ein Kribbeln auf dem Rücken verursacht und Du hast etliche Kinderhände abgeklatscht, die sich Dir entgegen gestreckt haben. Und Du hast diesen Kindern ins Gesicht geblickt und Du hast gesehen, dass Du in diesem Moment die Welt wieder ein wenig besser gemacht hast.
Bis weit hinter Chamonix säumten die Zuschauer die Strecke und auch später hast Du noch Zuschauer an allen wichtigen Stellen bis Les Houches gesehen. Gerade die ersten, eher flachen 8 Kilometer haben Dich besonders bewegt. Du wolltest keinesfalls zu schnell starten, immerhin folgen ja noch fast 160 Kilometer nach Les Houches, Du wolltest aber auch nicht zurück fallen und hast hier Deinen Kompromiss gesucht und gefunden.
Und dann ging es weiter Richtung St. Gervais und Du warst in Gedanken schon auf den Bergen. Deine Hoffnung ging dahin, am Samstag in sonnigem Wetter wunderschöne Alpenpässe zu bezwingen, Spaß zu haben und die wunderschöne Landschaft rund um den Mont Blanc zu genießen. Du träumtest noch, als Du St. Gervais hinter Dir gelassen hast.

Aber dann träumtest Du nicht mehr. Die ersten Gerüchte waren Dir zu Ohren gekommen, dass der Lauf abgebrochen werden sollte, aber Du wolltest es nicht glauben. Du wolltest es solange nicht glauben, bis es zur bitteren Gewissheit wurde: wegen einer Schlammlawine, dem schlechten Wetter und wegen einer immensen Menge im Gletschereis gefangenem Wassers, das zu Tal zu rauschen droht ist nach nur 31 Kilometern Schluss mit dem UTMB.

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Du tust mir ja so leid.

Ein ganzes Jahr der Vorfreude ist vertan, der Frust ist groß und wer weiß. was im nächsten Jahr sein wird, ob Du die notwendigen Qualifikationspunkte haben wirst, ob Du gesund sein wirst, ob der Termin passen wird und ob Du Dir die Mühe und die Kosten der Anreise nach Chamonix wieder antun willst.

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Chamon-NIX.

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6.000 Meter über N.N.

In der „guten alten Zeit“, als in Deutschland noch der gezwirbelte Bart etwas galt, wir noch nicht von bürgerlichen Politikern, sondern von Kaiser Wilhelm II. regiert wurden, da war die Welt noch in Ordnung. Man wusste, was der Kaiser wollte und man besorgte es ihm.
Und da jedes Land seinen Hausberg hat, hatte Deutschland auch einen. Die Kaiser-Wilhelm-Spitze war der Hausberg der Deutschen – und er war mächtig hoch. Ein 6.000er mitten in Deutschland!
Damals hatten wir noch was, damals waren wir noch wer.

Mitten in Deutschland? Genau in der Mitte Deutschland befand sich der Berg nun nicht, eher im süd-östlichen Teil des Kaiserreichs, in einer der beiden Kolonien Deutschlands in Afrika, eben in Deutsch-Ostafrika.

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Und weil der dortige Berg, eben die Kaiser-Wilhelm-Spitze, „nur“ 5.895 Meter hoch war haben sich die Männer dort doch glatt so lange vermessen, bis „offizielle“ 6.000 Meter daraus wurden. Heutzutage würde kein Mann mehr auf die Idee kommen sich zu „vermessen“, nicht einmal der kleine Peter aus dem Song von „Möhre“ (Mirja Boes), aber damals war sich kein preussischer Beamter zu schade, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist.

Erst mit dem Ende des 1. Weltkriegs und dem „Verlust“ der Kolonien für die Spitzhelm-Nation schrumpfte die Kaiser-Wilhelm-Spitze auf den heutigen Wert herunter, zudem verlor sie ihren Namen und wurde wieder zum Kibo mit dem Uhuru (Swahili für „Freiheit“) Peak, mit den Schwesterbergen Mawenzi und Shira bildet der Kibo das Kilimanjaro-Massiv (Swahili für „Berg des bösen Geistes“).

v.l.n.r.: Shira, Kibo, Mawenzi

Der Kilimanjaro wurde oft beschrieben, besungen, spielt in Hunderten von Filmen über Afrika eine Hauptrolle und bewegt nicht nur deutsche Wandertouristen in der ganzen Welt. Stellvertretend ist der „Kili“ auch weltweit das bekannteste Symbol für die Klimaveränderung und Klimaerwärmung. So schrumpfte die Eiskappe des weißen Bergs zwischen 1912 und 2009 von 12 km² auf 1,85 km², was einem Verlust von 85 % entspricht. Irgendwann um das Jahr 2030 herum wird das Buch von Ernest Hemingway „Schnee auf dem Kilimanjaro“ nicht mehr die Realität beschreiben.

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Am 12. Februar 2005 war ich ganz oben auf dem Uhuru Peak und noch immer finde ich, dass das einer der beeindruckendsten Momente meines Lebens war. Wenn ich Mitte Oktober 2010, also nach knapp über 68 Monaten, wieder aufbreche, um diesen Berg ein zweites Mal zu besteigen, dann tue ich das in einem anderen Bewusstsein, ich tue das mit einer anderen Truppe und ich tue das über eine andere Route.

Das andere Bewusstsein

2005 ging es mir darum, zu beweisen, dass ich in der Lage bin, so eine Tour zu schaffen, diese Höhe zu bewältigen und mich der Strapazen dieser Reise zu stellen. Ich habe nicht allzu viele Gedanken an die Landschaft verschwendet, ich war total „gipfelfixiert“ damals.
2010 will ich die atemberaubende Schönheit der Strecke bewusster genießen, immerhin führt der Marsch auf den Gipfel durch nahezu alle Vegetationsstufen dieser Erde hindurch. Ich werde langsamer sein und viel mehr Fotos von der Tour mitbringen als vor gut fünfeinhalb Jahren.

Die andere Truppe

2005 hatte ich mich in eine schweizer Expedition eingebucht und lief daher mit mir zu Anfang unbekannten Schweizern und Deutschen, die zufällig die gleiche Tour gebucht hatten. Ich entschied mich damals für das schweizer Unternehmen „Aktivreisen“ von Hans-Peter Rüedi, weil mein Lauffreund von TV Altendorf-Ersdorf, Andreas Klotz, ebenfalls mit diesem Unternehmen den Kilimanjaro bestiegen hatte. Es war eine großartige Reise, die auch zwei beeindruckende Safaris beinhaltete und mit ein paar Badetagen in Kenia abschloß.
2010 laufe ich mit deutschen Freunden, die alle der Natur- und Landschaftsfotografie zugewandt sind. Und ich laufe mit Andreas Klotz, eben dem, dessen Erzählungen über den Kilimanjaro mich damals spontan dazu bewegt hatten, diesen Gipfel in meinen Laufplan einzuarbeiten.
2006, also ein Jahr später, sind meine liebe Frau Gabi und ich mit ihm in Venezuela auf den Tafelberg Auyan Teupui gegangen, eine Reise, aus der später ein Buch entstanden ist, das man bei Amazon kaufen konnte.

Dieses Buch war auch der Vorläufer, die Übung gewissermaßen, für Andreas Klotz‘ nächstes Projekt, über das ich an dieser Stelle schon einmal berichtet hatte. Es ist das Projekt „Mondberge.com“, also der Marsch auf drei Gipfel des Ruwenzori Gebirges in Uganda und zudem der Besuch bei den geschützten Berggorillas. Es wurde ein Foto- und Multimediaprojekt, das enorme Spenden zusammenbrachte eben für die bedrohten Berggorillas, die Tiere, die uns so nahe sind, dass es manchmal schon unheimlich ist.
Das Ruwenzori Gebirge befindet sich rund 900 Kilometer nördlich des Kilimanjaro-Massivs und ich bin froh und stolz, erneut mit Andreas einen Berg besteigen zu dürfen. Aktuell plant Andreas mit dem Mondberge.com – Team ein paar großartige neue Sachen. Ich bin sicher, bald darüber berichten zu können.

Die andere Route

Normalerweise besteigen europäische Wandertouristen den Kibo über die „Coca-Cola-Route“, die Marangu-Route. Sie ist die leichteste der insgesamt 10 Routen auf das „Dach Afrikas“, außerdem ist es die einzige Route, bei der Du in festen Hütten schläfst und eben nicht nur in Zelten.


Andererseits ist sie auch eine Art Autobahn und Du bist dort eigentlich nie alleine. Rund 100 Menschen gehen diese Route täglich nach oben und weil alle nahezu zur gleichen Zeit frühmorgens aufbrechen, ist der Weg oft sehr voll. Das reduziert das Gefühl, etwas „Besonderes“ zu leisten, doch gewaltig.

Die alternativen Routen sind die:

  • Barafu-Route – steile Teilroute von der bzw. über die Barafu Hut (4.600 m) auf den Kibo
  • Lemosho-Route – Ausgangspunkt Londorossi (2.250 m)
  • Machame-Route – Ausgangspunkt Machame (1.800 m)
  • Mweka-Route – Ausgangspunkt Mweka (1.700 m)
  • Rongai- oder Kikelewa-Route – Ausgangspunkt Nalemoru (2.020 m)
  • Shira-Route – Ausgangspunkt Londorossi (2.250 m)
  • Umbwe-Route – Ausgangspunkt Umbwe (1.700 m)
  • Western-Breach-Route – steile Teilroute vom bzw. vorbei am Lava Tower (4.600 m) auf den Kibo
  • Thomas-Glacier-Route – Route führt über den Gletscher des Nördlichen Eisfelds – Erstbegehung 28./29. Oktober 2009

Wir werden die Machame-Route nach oben gehen, nach unten aber werden wir die Rongai- oder Kikelewa-Route auswählen. So sehen wir viel mehr von der Landschaft und natürlich auch vom Vulkankrater, ein Ausblick, der Dir bei der Marangu-Route leider verwehrt bleibt.

Am 12. Oktober geht es los, von Düsseldorf über Amsterdam direkt auf den Kilimanjaro Airport und wenn wir alle am 22. Oktober wieder deutschen Boden unter den Füßen haben werden, dann werden wir viele Fotos im Gepäck haben, als Team eng verbunden sein und wir werden uns gewiss sein, vielleicht eine der letzten Chancen ergriffen zu haben, den „Schnee auf dem Kilimanjaro“ noch zu erleben.

Und für mich schließt sich dann auch ein privater Kreis. Unsere Tochter Milena ist im Sommer noch mit einem Schulprojekt in Tansania gewesen. Sie hat dort 14 Tage mit tansanischen Schülerinnen und Schülern zusammen gelernt und gelebt. FairTrade war damals einer der Lehrpunkte, der Umgang der tansanischen Bevölkerung mit der gemeinsamen Geschichte war ein anderer.
Und wenn die Tansanier die Deutschen „fast perfekte Menschen“ (Übersetzung aus Swahili) nennen, dann vergessen sie die unglaublich vielen Toten, die Deutschland in dieser ehemaligen Kolonie zu verantworten hat.

Die tansanischen Schülerinnen und Schüler wussten selbstverständlich davon, aber sie lobten vor allem, dass Deutschland ihnen ja die Eisenbahn gebracht hätte …

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Die Abendpost!

Die Hamburger Morgenpost (MoPo) hatte uns am Samstagmorgen mit ihren drei Seiten über den „irren Lauf“ auf dem Elbe-Radweg ja erst richtig auf Trab gebracht und dafür gesorgt, dass die Depressionen verschwanden und sich in ein Hochgefühl verwandelte, das uns fliegen lies.
Und wenn die MoPo am Morgen etwas schreibt, dann gibt es auch am Abend Post …

Das Hamburger Abendblatt berichtete am Ende auch über Hauke, den „härtesten Sportler der Stadt“ und zeige Hauke ganz weich und gefühlvoll mit Töchterchen Enna auf dem Arm.

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Viel Spaß beim Lesen …

Kahtoola MICROspikes

„Kahtoola!“

Was auf den ersten Moment wie eine hawaiianische Begrüßungsformel klingt, ist etwas, das ich bis gestern noch nicht kannte, aber heute schon bestellt habe.
Regelmäßige Leser meines kleinen Blogs mögen mir verzeihen, dass ich gerade die Serie der Laufberichte über Hauke Königs 530 Kilometer-Lauf von Dresden nach Hamburg unterbreche, um ein freundliches „Kahtoola!“ in die Runde zu rufen, aber der PTL wirft seine Schatten voraus und beschäftigt mich zurzeit in jeder freien Minute.

Gestern habe ich angefangen, meinen Rucksack zu packen. Ich hatte die Wahl zwischen dem SALOMON Rucksack, den ich so liebe und dem RACELITE Rucksack mit Front-Container, den ich mir für den MdS gekauft habe. Zum Glück bin ich sehr vorsichtig mit dem Rucksack umgegangen, sodass ich ihn auch noch für den PTL verwenden kann. Letztendlich hat der Front-Container und damit die gleichmäßigere Gewichtsverteilung den Ausschlag gegeben, warum ich mich für RACELITE entschieden habe.

Ich habe viel gelesen in den letzten Tagen, die 36-seitige Anleitung über die Regeln der vier Bewerbe am Mont Blanc ( CCC, TDS, UTMB und PTL), die Mails von Michael Eßer und Jens Vieler und natürlich die vielen Mails meiner beiden Laufpartner Bob Lovegrove von der britischen Insel und Carsten Quell aus Kanada. Und da las ich, dass wir wohl ab 2.800 Metern Höhe mit Schnee und mit Schneefeldern zu rechnen haben.

Sofort dachte ich an den „Trail Verbier/St. Bernard“ und an die knapp zwei Kilometer Aufstieg über ein riesiges Schneefeld. Ich erinnerte mich, wie ich mich gequält habe, um Meter für Meter nach oben zu kommen, stets zwei Schritte nach vorne machend, während ich einen Schritt wieder zurück rutschte.
Und auf der anderen Seite des Berges ging es in einer gefährlichen Rutschpartie wieder nach unten. Der glatte Schnee unten, der stark prasselde Regen von oben, die schmale Spur im Schnee, die bestenfalls für einen Fuß reichte und die Erschöpfung machten den Weg nach unten zur Qual – Spikes hätte man haben sollen, dachte ich damals.

Nun aber hat sich Carsten „Kahtoola!“ gekauft. Danach musste ich natürlich gleich googeln. Und siehe da, „Kahtoola!“ ist keine hawaiianische Grußformel, sondern der Hersteller von auf den Schuh aufziehbaren Spikes, ideal für die Herausforderungen des PTL und dabei sehen diese MICROspikes auch noch richtig gut  aus:

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„Kahtoola für alle!“

Laufrausch – der heilige Sonntag …

Knapp 190 Kilometer waren gelaufen und der Frust des Stoppelfeldes und der überstiegenen Zäune nagte am Sonntag Morgen noch an mir. Die Nacht war kurz und unruhig gewesen, immerhin sind wir ja erst sehr spät in unsern Lagern im Wohnmobil gewesen. Der Morgen graute schon und ich befürchtete, gar nicht schlafen zu können, weil ich einer derjenigen bin, die stets aufwachen, wenn es hell wird.

Aber ein wenig Schlaf durfte sein, sollte sein, musste sein. Auch für Hauke. Und dann musste er wieder laufen und Susanne begleitete ihn. Ich war für das Frühstück zuständig, da „unsere Mutter“ Thomas Unterstützung brauchte. Wenigstens am Sonntag sollte es einen Touch von Luxus geben. Aber alles, was Mühe macht, war gestrichen.
Kein Frühstücksei, schon gar kein Omlett. Also holten wir frische Brötchen, ein paar Croissants und für den Nachmittag insgesamt acht Stücke Kuchen.
Nicht jedes Kuchenstück hat allerdings den Sonntag Nachmittag erlebt.

Susanne und ich teilen dabei eine Leidenschaft und ich war sehr froh, das in diesem Moment zu merken. Weil ich ein Fan von Mohnkuchen bin und weil ich unbedingt wenigstens ein Stück Mohnkuchen haben wollte, hatten wir insgesamt drei Stücke Mohnkuchen gekauft, zwei Stücke Mohnstreusel, den ich so liebe und ein Stück Mohnkuchen mit einem Eierstich.
Susanne nahm sich einen der Mohnstreusel und sagte, dass sie Mohn in jeder Form lieben würde. Er würde so schön „high“ machen – ich war begeistert!
In meiner Familie hält sich die Liebe zum Mohn in engen Grenzen, aber nun kenne ich jemanden, mit dem ich in rauchigen Hinterzimmern und in dunklen Bahnhofsecken der gemeinsamen Sucht frönen kann.


Als Susanne im Wohnmobil saß und über Mohn philosophierte, dachte ich unweigerlich an das WM-Endspiel Deutschland gegen die Niederlande 1974. Ich war damals knapp dreizehn Jahre alt und es war mein erstes Endspiel vor dem Fernseher. Die Spieler waren noch schwarz/weiß, der Fernseher klein und mit nur einer Box ausgestattet, aber meine Mutter hatte ein ganzes Blech Mohnstrudel gebacken. Für die ganze Familie, für fünf Personen.

Und dann machte meine Mutter gleich zwei Fehler:

1. sie stellte das Blech auf den Esszimmertisch und
2. sie ließ meinen Bruder und mich alleine das Endspiel ansehen.

Hast Du Dir schon einmal ein spannendes Fußball-Endspiel angesehen und vor Dir stand ein riesiger Mohnstrudel? Ja? Dann verstehst Du, dass nach 90 Minuten das Blech leer war. Mohn ist halt so eine Sache …
Schade, dass ich damals Susanne noch nicht kannte. Andererseits hätten wir dann den Mohnstrudel durch drei teilen müssen. Aber lustig wäre es bestimmt gewesen.

Nach dem Frühstück lief ich mal mit den beiden, mal nur mit Hauke, mal machte ich wieder eine Pause, damit ich erneut die Nachtschicht übernehmen konnte. Bemerkenswert war vor allem, dass es unglaublich viele Schlösser in Sachsen-Anhalt gibt. Schön restaurierte Schlösser und auch Schlösser, die noch nicht zu den „blühenden Landschaften“ gezählt werden können.
Aber sonst ist doch vieles traurig gewesen. Ortschaften, in denen es weder Bürgersteige noch hübsche Vorgärten gab, Menschen, die traurig aussahen und landwirtschaftliche Gebäude, wahrscheinlich ehemalige LPG’s, die bei der Wende schon alt und marode waren und denen die letzten fast 21 Jahre dann den Rest gegeben haben.
Schöne, neue und renovierte Häuser waren genauso an der Strecke wie Häuser, die nicht mal in der Nachkriegszeit charmant ausgesehen haben.
An ein Haus erinnere ich mich noch ganz besonders gut. Es war direkt an der Elbe gelegen, genau dort, wo die Zufahrt ins Örtchen war, also in einer wirklich fast optimalen Lage. Das Haus war riesig und man konnte noch gut erkennen, wo die Terrasse gewesen war. Es muss einmal ein Restaurant gewesen sein, aber mittlerweile fehlt der Boden im Restaurant, vom Dach sind nur noch Rudimente erhalten und die einzigen Gäste sind Dauergäste.
Büsche und Bäume wachsen seit Jahren da, wo sich früher Menschen vergnüngt haben. Das Gelände ist mit Bauzäunen abgeriegelt und eine Dixie-Toilette steht davor und bewacht dieses Anwesen.

Hauke hat diese Dixie-Toilette auch aufgesucht. Thomas war darüber sehr erstaunt und verwundert, aber Hauke antwortete ihm: „Ich habe früher auf dem Bau gearbeitet. Kannst Du Dir vorstellen, wie die Toiletten dort aussahen?“ Thomas schwieg.

Noch war der Weg nach Hamburg enorm weit und so ging es weiter, Kilometer für Kilometer. Am späten Nachmittag hat sich Susanne dann eine Pause gegönnt, die hatte sie sich auch verdient. Hauke und ich liefen, gingen und trabten weiter.
Wenige Kilometer vor dem nächsten Treffpunkt sahen wir dann zufällig das Wohnmobil in einiger Entfernung. Wir riefen Susanne an und sie erzählte uns, dass die beiden wieder irgendwo auf einem Campingplatz eine Dusche genommen haben. Ich war so neidisch.
Es ist wirklich eine gute Sache, auf Campingplätzen zu duschen. Am Vortag hatten Susanne, Thomas und ich uns das auch schon gegönnt und die Duschen waren brandneu, warm, hatten einen satten Wasserstrahl und machten sofort neue Menschen aus uns Dreien.

Wir sahen also das Wohnmobil in der Ferne, aber Susanne sah uns nicht, trotz meines leuchtend gelben LIVESTRONG – Laufshirts, das mich immer an den New York – Marathon 2007 erinnern wird. Und dann waren Thomas und Susanne auch schon wieder aus der Sichtweite und Hauke und ich waren ein wenig hungrig und wir freuten uns auf einen Schlag Nudeln beim nächsten Treffpunkt.

Als wir dort ankamen, empfing uns eine gut gelaunte und frisch geduschte Susanne, die sich ganz alleine um das Abendessen gekümmert hatte. Sie hat Thomas schlafen gelegt, so konnte sie richtig wirbeln und aus dem Benutzermobil wieder ein Wohnmobil machen.
Die Nudeln waren fertig, die Sauce auch. Alles noch nichts Besonderes. Aber es standen Kerzen auf dem Tisch. Und die leuchteten das Wohnmobil aus und verströmten einen Duft, der zum Bleiben einlud.
Dass Susanne eben noch alle Teppiche aus dem Wohnmobil genommen und gereinigt hat, sei nur nebenbei erwähnt. Auf jeden Fall hatte das Wohnmobil, in dem wir das Abendessen zu uns nahmen, nichts mehr mit dem Wohnmobil zu tun, das wir verlassen hatten. Susanne hatte den Touch von Luxus geschaffen, den ich schon am Morgen haben wollte.

Die kölschen Jungs von BAP hätten gesungen: „Do kanns zaubere“, so schön war es …

Lyrics BAP – Do kanns zaubere

E wieß Blatt Papier, ne Bleisteff, Jedanke bei dir setz ich
Ahm Finster un hühr, wat sich avvspillt vür der Dür, bess ich
Avvrötsch en die Zick, en der et dich für mich nit joov
un mir ming Levve vürm Daach X op einmohl vüürkütt wie en Stroof.

Do kanns zaubre, wie din Mamm, die Kate läät,
– Irjendsujet muss et sinn –
Jede Andre hätt jesaat: ‚Et ess zo spät,
dä Typ ess fäädisch, nä dä typ,
Dä krisste wirklich nit mieh hin.‘

Mem Rögge zur Wand, spaßend un jede Nacht voll woor ich,
Ming bessje Verstand hassend, total vun der Roll wor ich.
T’schlemmste woor, als mir, wie do mich endlich registriert,
Entsetzlich klarwood, dat et jetz oder nie met uns zwei passiert.

Mensch woor ich nervös, als ich dir alles jesaat – hektisch
Un trotzdämm erlös, weil do mich nit treck ussjelach un dich
Für mich intressiert häss, für all dä Stuss, dä uss mir kohm
Für all dä Laber, dä’sch jebraat hann, weil die Chance zo
plötzlich kohm.

Do kanns zaubre …

E wieß Blatt Papier, ne Bleisteff, Jedanke bei die setz ich
Ahm Finster un hühr en mich, krich kaum jet notiert, weil ich
Immer noch nit raffe, dat mir uns tatsächlich hann,
Un mir deshalb halt wießmache,
Dat do wirklich zaubre kanns …

Aber trotz des schönen Heims ging es für Hauke und mich weiter. Die Nacht kam und dieses Mal wollte ich unbedingt den Sonnenaufgang erleben. Wegen der nicht mehr arbeitenden Fähren mussten mal wieder die Straße nehmen und wir hatten vor, das 25 Kilometer lang zu tun. Ich hatte meine Laufjacke aus der „Brooks Nightlife Kollektion“ an, damit wir besser gesehen werden. Außerdem trugen wir unsere Stirnlampen, wobei eine davon hinten sogar noch ein rotes Licht hatte.

Alles unnötig, wir waren alleine auf den Straßen. Im Osten war in dieser Sonntag Nacht einfach nichts los.
Wir kamen aber nur rund 15 Kilometer weit, als Hauke Schmerzen in den Beinen bekam. Erst setzten wir uns an den Straßenrand, dann gingen wir weiter und dann riefen wir Thomas und Susanne an, dass sie uns abholen sollten.
Und wir gingen langsam weiter.
Es dauert lange, bis sich ein Wohnmobil unter Thomas in Bewegung setzt. Thomas, der Fan jedes Navigationssystems, fragte mich als erstes nach der Adresse, wo wir stehen würden. Zu diesem Zeitpunkt waren wir irgendwo im Niemandsland zwischen zwei Ortschaften, aber an einer Bundesstraße. Der Strauch, neben dem ich stand, sagte auch nichts, als ich ihn nach der genauen Adresse fragte. Aber irgendwann fuhr das Auto dann und rettete uns. Und wir gingen zu Bett.

Hauke musste sich erholen, die Beine mussten wieder lockerer werden. Für ihn war die Nachtruhe wichtig und hilfreich, für mich war sie der Abschluss der Elbe-Tour.
Am nächsten Morgen …

… Fortsetzung folgt.