Last exit St. Gervais

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Du tust mir ja so leid.

Zuerst sah es so aus, als ob Du ein Glückskind wärst. Du hast Dich bei der Lotterie mit 2.299 anderen gegen weitere ca. 1.300 weniger Glückliche durchgesetzt, die bei der Lotterie keinen Startplatz für den UTMB ergattern konnten. Vielleicht hast Du dieses Glück dann ausgiebig gefeiert und Du hattest das Gefühl, fliegen zu können.
Ich weiß, was es heißt, dann fast ein Jahr lang zu trainieren, diesen Lauf als Saison-Höhepunkt zu definieren und sich wie ein kleines Kind darauf zu freuen.
Sich zu freuen auf den Abend in Chamonix, auf den Abend, an dem traditionell der UTMB beginnt.


Und dann, kurz vor dem UTMB, hast Du Dich auf die Reise vorbereitet.  Und ich kenne die Sorgen, die Du haben musstest, ob Du alles notwendige eingepackt hast, ob Deine Rennstrategie zu offensiv oder zu defensiv ist und auch die Sorgen, die Du Dir um Deine Gesundheit gemacht hast. Ich sehe förmlich Deine Begeisterung, mit der Du mit dem Auto, mit der Bahn oder mit dem Flugzeug Richtung Chamonix gefahren bist, vielleicht einen Tag vor dem Lauf, vielleicht auch erst am Tage des Laufs. Du hast dann ein Hotelzimmer gebucht, wahrscheinlich schon vor Monaten, ein Appartement oder sonst eine wie auch immer geartete Schlafgelegenheit.

Du hast Dir dann die Startunterlagen abgeholt, einige der vielen Stände auf der Marathon-Messe angesehen und dann hast Du Dich noch einmal im Hotelzimmer hingelegt, um für die erste Nacht, die Du durchlaufen wolltest, fit zu sein. Und dann gingst Du noch in ein Restaurant, um Dir eine heiße Pizza oder eine Portion Pasta zu bestellen. Du hast Dich dann für den Lauf fertig gemacht und hast die nächsten Stunden aufgeregt und euphorisiert hinter Dich gebracht.

Und endlich war Freitag Abend, 22 Uhr. Du standest mit über 2.000 anderen Läufern aufgeregt und nervös hinter dem Startportal. Du hast letzte Gespräche geführt, noch ein paar Fotos geschossen und dann hast Du mit den anderen Läufern die letzten Sekunden bis zum Start herunter gezählt.

Und dann, liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis … ging es endlich los.

(Klicken zum Vergrößern!)

Die ersten Meter konntest Du nur langsam gehen, so voll war der schmale Weg, der von Abertausend Zuschauern gesäumt wurde. Die Begeisterung der Zuschauer hat Dir ein Kribbeln auf dem Rücken verursacht und Du hast etliche Kinderhände abgeklatscht, die sich Dir entgegen gestreckt haben. Und Du hast diesen Kindern ins Gesicht geblickt und Du hast gesehen, dass Du in diesem Moment die Welt wieder ein wenig besser gemacht hast.
Bis weit hinter Chamonix säumten die Zuschauer die Strecke und auch später hast Du noch Zuschauer an allen wichtigen Stellen bis Les Houches gesehen. Gerade die ersten, eher flachen 8 Kilometer haben Dich besonders bewegt. Du wolltest keinesfalls zu schnell starten, immerhin folgen ja noch fast 160 Kilometer nach Les Houches, Du wolltest aber auch nicht zurück fallen und hast hier Deinen Kompromiss gesucht und gefunden.
Und dann ging es weiter Richtung St. Gervais und Du warst in Gedanken schon auf den Bergen. Deine Hoffnung ging dahin, am Samstag in sonnigem Wetter wunderschöne Alpenpässe zu bezwingen, Spaß zu haben und die wunderschöne Landschaft rund um den Mont Blanc zu genießen. Du träumtest noch, als Du St. Gervais hinter Dir gelassen hast.

Aber dann träumtest Du nicht mehr. Die ersten Gerüchte waren Dir zu Ohren gekommen, dass der Lauf abgebrochen werden sollte, aber Du wolltest es nicht glauben. Du wolltest es solange nicht glauben, bis es zur bitteren Gewissheit wurde: wegen einer Schlammlawine, dem schlechten Wetter und wegen einer immensen Menge im Gletschereis gefangenem Wassers, das zu Tal zu rauschen droht ist nach nur 31 Kilometern Schluss mit dem UTMB.

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Du tust mir ja so leid.

Ein ganzes Jahr der Vorfreude ist vertan, der Frust ist groß und wer weiß. was im nächsten Jahr sein wird, ob Du die notwendigen Qualifikationspunkte haben wirst, ob Du gesund sein wirst, ob der Termin passen wird und ob Du Dir die Mühe und die Kosten der Anreise nach Chamonix wieder antun willst.

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Chamon-NIX.

(Klicken zum Vergrößern!)

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4 Kommentare zu “Last exit St. Gervais

  1. Hallo Tom,

    das ist wirklich eine sehr empathische Würdigung derer, die unfreiwillig den UTMB abbrechen mussten.
    Die Enttäuschung derjenigen kann ich auch nachvollziehen. Jeder, der danach traurig war und dann das beste daraus gemacht hat, wird sich durch deinen Artikel getröstet fühlen. Die haben auch mein Mitgefühl und meinen Respekt. Untröstlich werden allerdings die bleiben, die zwar super trainiert und fit sind, aber nicht den nötigen Abstand zu den eigenen Befindlichkeiten haben, um zu sehen, wie gut es ihnen eigentlich geht, ob es nun einen UTMB gegeben hat oder nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich jeden Tag beruflich und im Umfeld unendliches Leid von Menschen sehe, in deren Augen es ein Hohn sein muss, sich über einen abgesagten Ultralauf zu beklagen, wie viel auch immer jemand dafür investiert hat. Wie auch immer, aber bei nicht abreißenden Klagen auf hohem Niveau lässt mein Verständnis dann nach. Warum sind wir nicht alle einfach glücklich, gesund zu sein und jeden Tag aufs Neue laufen zu können? Ziele zu haben im Leben ist ja schön, aber es ist auch sinnvoll, sie an die Gegebenheiten anpassen zu können. Wenn wir un szu so einem Lauf anmelden, ist doch von vorneherein klar, dass er an vielen Faktoren scheitern kann. Einer ist eben das Wetter. Tja, das sehe ich tatsächlich am Ende ganz pragmatisch, sorry.

    • „Verstehen,“ liebe Susanne, „ist der Trostpreis im Leben!“ Das ist nicht von mir, sondern von Jens Corssen, einem Psychologen, den ich sehr liebe.
      Natürlich können wir alles relativieren – aber bringt uns das weiter?
      Bringt das die Menschen weiter, die nicht so viel Glück wie wir hatten, gesund zu sein und im „besseren Teil“ der Welt zu leben?
      Warum darf man sich nicht Benchmarks für sein Leben setzten, ohne stets überlegen zu müssen, dass es Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als einem selbst? Und macht man diese Menschen glücklicher, wenn man an den eigenen Benchmarks scheitert?

      Wir alle wissen, dass unser Leben nur deshalb so herausgehoben ist, weil wir in dem Teil der Welt geboren wurden, der von der wirtschaftlichen Arbeitsteilung profitiert. Wir wissen, dass es Menschen gibt, die kränker, weniger intelligent und unfreier sind – aber soll uns das hindern, uns Ziele zu setzen, die uns selbst da abholen, wo wir sind?

      Wenn Du Dir, liebe Susanne, bei einem 24-h Lauf ein Ziel setzt, dann ist das das Maß der Dinge für Dich. Zu Recht, finde ich. Aber Du könntest auch einwenden, dass es Menschen gibt, die nicht einmal aus ihrem Bett heraus kommen und man also froh sein muss, überhaupt ein paar Schritte machen zu können.

      „Verstehen ist der Trostpreis im Leben!“ Aber eben nur der Trostpreis.

  2. Hallo Thomas,
    du hast die Gefühle die in uns vorgingen sehr gut beschrieben. Hans und ich sind bereits früh am Samstag Morgen abgereist. Wir wollten diesen Ort einfach nur noch verlassen. Die Motivation war auf minus 100 und wir wollten auch nicht das Angebot annehmen, ab Cormayeur die 2. Hälfte ab Samstag zu laufen. Wir hatten den Traum den UTMB noch ein zweites mal komplett zu erleben und nichts anderes…. aber der ist zerbrochen.

    Die Sicherheit der Sportler geht ganz klar vor und die Entscheidung des Abbruchs ist voll und ganz nachzuvollziehen. Nur traurig ist es allemal.

    Was uns bleibt sind die tollen Erinnerungen aus 2009 – das war wirklich einmalig!! Die Bilder und Erlebnisse sind in meinem Kopf fest gebrannt.

    • Tja mein Lieber,

      ich habe das auch ganz speziell für Dich geschrieben. Ich habe oft an Dich gedacht seither, weil ich weiß, wie sensibel Du bist.
      Lass‘ und beizeiten mal wieder zusammen laufen und etwas quatschen.
      Wie sieht es bei Dir denn am übernächsten Wochenende aus? Da ist der Münster Marathon, gar nicht weit weg von Dir und Hans …

      Dein Freund

      TOM

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