Es ist eisig auf der Spitze …

Der ältere Niels Larsen, sein Sohn Henk Larsen, seine Tochter Anne-Mette Larsen und der ältere Jesper Paulsen sind mir schon im einfachen Bergsteiger-Hotel „Springland“ in Moschi aufgefallen.
Nicht wegen der dänisch-typisch hellblonden Haare, sondern, weil sie zu viert das gleiche T-Shirt trugen.
Ein schlammgrünes Shirt, vorne mit dem eigenen Namen und der Ergänzung „Kilimanjaro 2010“ und hinten bedruckt mit einem dänischen Satz, den ich gerne aufgeschrieben hätte, der mir aber zu kompliziert war, um ihn mir zu merken.


Später sahen wir die Vier dann bei unserer ersten Rast auf der Machamé-Route rauf auf das übermächtige Kilimanjaro-Massiv wieder. Ich sprach die Vier an, woher sie stammen würden und bekam zur Antwort, dass sie aus dem dänischen Holstebro stammen, irgendwo in der Mitte Dänemarks an der Küste. Ich hatte das blaue Laufshirt des ECU 2008 an, des European Cups of Ultramarathons 2008, das die Rennen in Mnisek, Eisenach (Rennsteiglauf), Biel, Schwäbisch Gmünd (Schwäbische Alb Marathon) und Celje zusammenfasste. Momentan ist auch noch der Wörthersee Trail in diesem Cup vertreten.
So kamen wir schnell auf das Marathon-Laufen.

Jesper Paulsen war es, der mir stolz erzählte, dass ein Läufer aus ihrer Region auch beim Berlin-Marathon 2010 mitgelaufen sei. Keine große Sache, dachte ich, immerhin sind fast 6.000 dänische Läufer im Ziel angekommen, gestartet sind vermutlich mehr als 6.000 dänische Läufer. Damit ist der Berlin-Marathon einer der ganz großen dänischen Marathons.
Aber dieser Läufer hatte etwas Besonderes getan. Er lief von seiner Heimatstadt bis nach Berlin. Mit den läufertypischen Umwegen waren das etwas mehr als 800 Kilometer. So etwas fasziniert mich und treibt mich, in 2011 ebenfalls zu versuchen, den einen oder anderen Lauf nicht mit dem Auto oder dem Flugzeug, sondern mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen, wenn die Zeit dafür ausreicht.

Es war mein langjähriger Freund Andreas Klotz vom mehrfach ausgezeichneten Umweltprogramm „mondberge.com“, der die Vier fragte, was der dänische Spruch auf dem T-Shirt Rücken übersetzt heißt. „Es ist eisig auf der Spitze …“ war die Bedeutung des Spruchs und wer schon einmal auf dem Uhuru Peak des Kibo, des Kilimanjaro war, der weiß, dass das stimmt.
Aber dieser Satz bedeutet auch noch etwas anderes. Während wir Deutschen sagen: „An der Spitze ist es einsam!“ und damit meinen, dass der Chef eines Unternehmens seine Entscheidungen meist alleine treffen, alleine verantworten und alleine durchsetzen muss und sich damit selten Freunde macht, heißt es im dänischen: „Es ist eisig auf der Spitze …“, gemeint aber ist das Gleiche. Mich hat das Wortspiel sofort fasziniert.

Da die Vier wie wir ebenfalls die Machamé-Route ausgewählt hatten, sahen wir sie auch immer wieder beim Laufen, wenn deren Gruppe unsere überholt hat, wenn wir die dänische Gruppe überholten, auf den Camps und ganz am Ende wieder im Bergsteiger-Hotel „Springland“ in Moschi, im Bus zum Flughafen und eben dort auf dem Kilimanjaro-Flughafen, wo wir eine Weile auf unseren Flug nach Amsterdam warten mussten.

Dort fragte ich die Vier, ob sie es alle geschafft hätten. Niels Larsen, der Vater, Jesper Paulsen und die süße blonde Anne-Mette Larsen hatten es ganz nach oben geschafft, Henk Larsen, der Sohn, allerdings nicht. Er schien uns manches Mal im Camp schon geistesabwesend zu sein, eine Art Trance oder Delirium, das Resultat aus hoher Anstrengung, beginnender Höhenkrankheit und mutmaßlich zu geringer Fitness uns Vorbereitung.
Anne-Mette Larsen aber, die zierlichste der Vier, hatte es mit ihrem Vater und Jesper Paulsen geschafft. Und bis auf eine von der sengenden Sonne knallrote Knubbelnase hat sie keine Beschwerden oder Verletzungen gehabt. Und sie war stolz und glücklich.

Unsere Gruppe, Andreas Klotz von Tipp4 in Rheinbach, die Hochzeits- und Landscape-Fotografin Radmila Kerl, ihr Mann Michi Kerl, der Audio-Autoeinbauten macht, Michael Matschuck von Druckpartner in Essen, sein eben erst 18 Jahre alt gewordener Sohn Niklas, der diese Reise zu seinem 18. Geburtstag geschenkt bekommen hatte und ich, hatte eine gravierende Änderung des normalen Tourablaufs gewählt. Anstatt nach dem Abstieg noch einen Tag im Hotel zu relaxen, teilten wir die dritte Tagesetappe in zwei Teile und schoben so eine zusätzliche Übernachtung auf etwa 3.900 Metern Höhe ein.
Das hat die Akklimatisierung erleichtert und wir hatten mehr Zeit für das Fotografieren. Vor allem für Radmila, Andreas und Michael war das auch der höhere Grund der Reise.

Bis zur Abreise kannte ich nur Andreas, der im gleichen Laufverein TV Altendorf-Ersdorf läuft und der mich Ende 2004 zum ersten Aufstieg auf den Kilimanjaro motiviert hat, den ich dann im Februar 2005 erfolgreich bewältigen dufte. Radmila kannte ich einige Wochen aus Facebook, alle anderen waren mir noch unbekannt bis zu dem Zeitpunkt am Düsseldorfer Flughafen, als ich Michael und Niklas Matschuck traf. Die Reiseunterlagen von DIAMIR in der Hand dachte ich, dass sie Teil unserer Gruppe sein mussten. Andreas war mit seinem Sohn Tim schon seit einigen Tagen in Afrika. Er wollte mit dem erst 15 Jahre alten Tim bis auf die Horombo Hütte auf der Marangu-Route, der einfachen „Coca-Cola-Route“, aufsteigen. Knapp 4.000 Meter über dem Meeresspiegel sind für einen jungen Mann wie Tim schon eine echte Herausforderung.
In Amsterdam warteten dann Radmila und ihr Mann Michi auf uns und so ging es mit dem Flieger nach Afrika, nach Tanzania, auf den Kilimanjaro Airport.

Schon der Flug war ein echtes Erlebnis. Nun bin ich schon viele Hundert Male in meinem kleinen Leben geflogen, es ist mir aber noch nie passiert, dass eine Stewardess zu mir kam und mich ansprach, ob ich alleine reisen würde. Als ich das bejahte, fragte sie mich, ob ich nicht auf einen der komfortableren Sitze ganz vorne im Abteil wechseln wolle. Da wäre noch einer frei und die Beinfreiheit dort sei überwältigend.
Oh Stewardess von KLM, ich liebe Dich!

Ansonsten war der Flug unspektakulär. Das Essen bei KLM ist überdurchschnittlich gut, es gibt sogar recht hochwertiges Besteck. Es ist aus einem durchsichtigen Plastik, aber es fühlt sich richtig gut an und man kann es auch sehr gut benutzen. Leider hat unser Reiseveranstalter DIAMIR vergessen, für mich meine Lieblings-Essensvariante vorzubuchen: „ASIAN VEGETARIAN“, aber es gab im Flugzeug nur die Auswahl zwischen einem Fleischgericht und leckerer Pasta. Für Vegetarier ist also auch ohne Vorbuchung immer etwas dabei bei KLM.
Die Auswahl an Filmen ist sensationell gewesen, aber ich hatte keine Lust, auf dem Hinweg allzu viel zu sehen, ich wollte lieber etwas Schlaf nachholen, was mir dank der großen Beinfreiheit und wenig gesprächssüchtigen Nachbarn auch gut gelang.


Auf dem Flughafen in Moschi begann dann für uns das Abenteuer Afrika. Nach einem Urlaub Mitte der 1980er Jahre in Marokko, einem Land, das nur kartographisch zu Afrika gehört, nach der Kenia/Tanzania Reise beim Aufstieg 2005 und nach dem Namibia-Urlaub 2008 mit meiner Familie war es erst das vierte Mal, dass ich afrikanischen Boden betreten habe, erst das vierte Mal, wo ich afrikanische Geduld lernen durfte und erst das vierte Mal, wo ich mich mit der Mentalität der Afrikaner auseinander setzen musste.

Für das Visum mussten wir lange anstehen. Oder aber auch nicht, denn ein tanzanischer Grenzbeamter sammelte unsere Pässe ein, riet bis auf Radmila allen, schon mal zum Gepäckband zu gehen und dort zu warten, das war entspannender als in der Schlange zu stehen. Radmila machte die Visums-Formalitäten für uns alle und wurde von dem Grenzbeamten sogar noch beschleunigt bedient. Wenn Du jetzt denkst, dass dafür auch nur ein einziger tanzanischer Schilling bezahlt wurde, dann irrst Du.
Ob es die stets gute Laune von Radmila war, die den Beamten bewegt hatte,  ihre blonden Haare oder was auch sonst – wir alle waren froh, die Prozedur des Visumerhalts abkürzen zu können.
Wir nahmen dann unser Gepäck, gingen aus dem Zollbereich des Flughafens heraus und trafen unseren Fahrer, der uns zur „Meru View Lodge“ bringen sollte, wo wir dann Andreas und Tim treffen wollten. Die Fahrt war kurz, aber die Straßen teilweise in katastrophalem Zustand. Und wir hielten nicht an der „Meru View Lodge“ an, sondern passierten sie erst einmmal, um zu einer dahinter gelegenen Lodge zu fahren. In diesem Moment erfuhren wir, dass wir wegen der Überbuchung getrennt wurden. Ich war der einzige, der im Anschluss in die „Meru View Lodge“ gebracht wurde, die anderen stiegen in der wesentlich vornehmeren Lodge dahinter ab.
Ich war also alleine.

Es war schon spät an diesem Abend und ich sollte mein Dinner also alleine einnehmen. In meiner Lodge allerdings hieß es dann, man habe mir Sandwiches vorbereitet, weil die Küche schon kalt wäre. Nach längeren Verhandlungen einigten wir uns dann darauf, dass ich doch noch etwas Warmes bekommen würde. Es dauerte sehr lange, bis mein Essen fertig war, wahrscheinlich wurde die Köchin erst wieder aus ihrem Haus an die Arbeitsstätte beordert.
Dann sagte man mir, dass ich am nächsten Abend das Dinner mit der ganzen Gruppe im anderen Hotel einnehmen würde, man würde mich dann nach der Safari dorthin fahren.

Das Frühstück am nächsten Tag nahm ich dann auch alleine ein, mir wurde aber zugesichert, dass man mich danach zur anderen Lodge fahren würde und so erschien ich nach dem Frühstück drüben in der anderen Lodge. Was in der Nacht wie eine lange Reise aussah, war aber nur ein kurzes Stück von vielleicht 500 Metern, das ich durchaus auch ohne Chauffeur hätte laufen können, aber ich war froh, die anderen, Andreas, Tim, Radmila, Michi, Michael und Niklas noch beim Frühstück zu erwischen.

Die sechs erzählten mir dann eine kleine Geschichte, die typisch ist für Afrika und das dortige Leben. Während ich am Vorabend alleine im Restaurant saß und mich langweilte, warteten die sechs in der anderen Lodge auf mich. „Thomas kommt gleich!“ hieß es ständig. Die Bedienung brachte auch zwei Mal mein Abendessen an den Tisch, immer dann, wenn ich erneut als Ankommer vermutet wurde. „Thomas kommt gleich!“
Erst viel später hieß es, dass ich nun doch in der „Meru View Lodge“ hätte essen wollen, aber ich käme dann zum gemeinsamen Frühstück in die Lodge.

Und so wartete man beim Frühstück geduldig auf mich, weil „Thomas kommt gleich!“, aber dann haben sich die sechs irgendwann entschlossen, nun doch ohne mich mit dem Frühstück anzufangen. Ein Glück, wie sich heraus stellte. Es war eben Kommunikation auf höchstem afrikanischen Niveau, die uns die ersten Stunden in Afrika „unrund“ erscheinen ließen. Später dann bin ich die Strecke einfach immer dann gelaufen, wenn es notwendig war, aber ich habe mich schon ein wenig geärgert, über die schlechte Kommunikation dort, aber auch über mich, dass ich nicht selbst die Entscheidung getroffen hatte, im Dunklen zur anderen Lodge zu laufen.

Als die sechs dann mit dem Frühstück fertig waren, ging es erst einmal in den sehr nahe gelegenenen Arusha Nationalpark zur Fotosafari. Der Arusha Nationalpark war so nahe an den Lodges, dass wir auch hätten hin laufen können, die Safari aber war ganz nett. Wenn ich bedenke, dass wir auf  Grund der Warterei auf „Thomas kommt gleich!“ erst spät von der Lodge weg kamen, dass dadurch die meisten Tiere schon träge und versteckt waren, dass die Farben des Tages nicht mehr so warm und schön waren wie in den Morgenstunden, dann war der Tag dennoch ein voller Erfolg.
Nur nicht für Michi Kerl, der sich entschlossen hatte, diesen Tag im Bett zu verbringen, um seine Erkältung vollends auszukurieren.

Bilder von der Safari und die Geschichte des Tages gibt es dann beim nächsten Mal …

Niels Larsen, seinen Sohn Henk Larsen, seine Tochter Anne-Mette Larsen und den älteren Jesper Paulsen jedenfalls sahen wir in Amsterdam dann zu letzten Mal. Das war auch der Zeitpunkt, an dem sich die Wege unserer Gruppe trennten. Niels, Henk, Anne-Mette und Jesper flogen von dort aus nach Kopenhagen, Radmila und Michi nach München, Andreas nach Köln, Michael, Niklas und ich flogen nach Düsseldorf und Andreas‘ Sohn Tim hatte uns ja schon Mitte der Vorwoche verlassen, erfolgreich an seinem Ziel, der Horombo Hütte angekommen.

Und ich? Ich war natürlich oben, gleich zwei Mal. Aber auch diese Geschichte erzähle ich beim nächsten Mal, ein Foto vom Gipfel aber gibt es schon jetzt:

Foto: Radmila Kerl, Zeitpunkt: Mittwoch 20.10.2010, ca. 8 Uhr

Ach ja, noch eines: „Thomas kommt gleich!“

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6 Kommentare zu “Es ist eisig auf der Spitze …

  1. Das ist nun Dein Spruch – „Thomas kommt gleich.“ ;)So spielt das Leben uns so manchesmal einen Streich… 😉

    Mit Spannung habe ich Deinen ersten Bericht gelesen und warte nun natürlich auf das, was noch folgt. Und dieses Foto, wie bereits erwähnt, ist einfach der Hammer!!!

  2. Mein Gott Thomas Du bist Ja wirklich ein Sozial Netzwerk Profi.

    Die Reise war Toll auch wenn wir nicht auf dem Gipfel waren.
    Alleine dich kennen gelernt zu haben ist eine Bereicherung und eine interessante Erfahrung, vor allem bin ich froh, das es doch noch Menschen gibt die ähnlich ticken wie man selbst.

    Bis Bald Michael

  3. Mensch Thomas,
    alleine dieser „Vorspann“ lässt erahnen, wie Toll diese Reise gewesen sein muss!
    Auch ich war schon mehrfach in Afrika und ähnliche Sprüche kenne ich nur zu gut! Egal ob „Zimmerservice kommt gleich“, „Bus kommt gleich“, „Taxi kommt gleich“, immer war es besser das Heft selbst in die Hand zu nehmen.

    Das Bild vom Gipfel ist auf jeden Fall schon mal super und macht so richtig neugierig auf den Rest!!!

    Liebe Grüße,
    Steffen

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