Sei wachsam …

Neujahrsgrüße sind immer lieb, Neujahrsgrüße sind oft aber auch wegweisend, Neujahrsgrüße sind manchmal auch bedeutend.
So einen bedeutenden Neujahrsgruß habe ich von Chris Sömer erhalten. Chris ist einer der vielen Online-Berater über das Web 2.0, aber einer, der sehr sympathisch und sehr jung ist.

Umso mehr hat es mich gewundert, dass er ausgerechnet ein Lied von Reinhard Mey für diesen Neujahrsgruß ausgewählt hat. Ich hätte eher Shakira oder Rammstein erwartet …

Nun muss ich einräumen, ein bekennender Fan von Reinhard Mey zu sein, nicht so sehr wegen der bekannten Songs von ihm, viele sind mir da auch zu kommerziell.
Aber gerade die autobiografischen Lieder über seine Jugend („Dieter Malinek, Ulla und ich“, „Ich hab‘ meine Rostlaube tiefer gelegt“) oder die über seine Kinder („Mein Apfelbäumchen“, „Zeugnistag“) haben mich tief bewegt.

Bemerkenswert finde ich aber auch seine politischen Lieder, von denen es leider nicht allzu viele gibt. In einem davon verweigert er dem Militär seine Kinder („Meine Söhne geb‘ ich nicht“), er ist halt ein konsequenter Pazifist.

Wenn Du nun weißt, wie bewusst die Eliten die Gesellschaft dumm halten, wenn man realisiert, wie die Eliten die Menschen arm halten, wie Furcht vor dem Mitmenschen geschürt wird, dann entsteht schnell ein Eindruck, der von Reinhard Mey in dem Lied „Sei wachsam“ in präzise Worte gefasst wird.

Wenn der Politiker dem Kirchenmann sagt: „Halt Du sie dumm, ich halt‘ sie arm“ dann spricht er mir aus der Seele. Und wenn er darüber nachdenkt, wie wir Deutschen die Haltung, dass wir uns an keinem Krieg beteiligen, sukzessive eine Kriegsmacht wurden, wie wir Stück für Stück aus Deutschland über die EU erst in den Kosovo und dann nach Afrika und an den Hindukusch gingen, wie wir von der humanitären Hilfe und dem Brunnenbau zu weltweiten gefährlichen Kriegseinsätzen gekommen sind, dann wünsche ich mir Helmut Kohl’s Scheckbuchpolitik zurück, die uns unter Hinweis auf unsere Geschichte vor allen Kriegen bewahrt hat.
Dass ausgerechnet Rot-Grün den Weg in den Kriegsstaat geebnet hat ist traurig. Wenn sich dann aber Kanzler Schröder nicht so hartnäckig gegen den Kriegseinsatz im Irak gesträubt hätte, dann wären wir wohl noch tiefer drin im Dschungel von Gewalt und Gegengewalt.

Ob diese Musik „Deine“ Musik ist, weiß ich nicht. In jedem Fall ist jedoch der Text viel Nachdenken wert.

Sei wachsam …

Ein Wahlplakat zerrissen auf dem nassen Rasen
Sie grinsen mich an, die alten aufgeweichten Phrasen
Die Gesichter von auf jugendlich gemachten Greisen
Die dir das Mittelalter als den Fortschritt anpreisen
Und ich denk‘ mir, jeder Schritt zu dem verheiß’nen Glück
Ist ein Schritt nach ewig gestern, ein Schritt zurück
Wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen
Sie nennen es das Volk, aber sie meinen: Untertanen.

All das Leimen, all das Schleimen, ist nicht länger zu ertragen
Wenn du erst lernst, zu übersetzen, was sie wirklich sagen
Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
Halt du sie dumm, ich halt‘ sie arm!

Sei wachsam
Präg‘ dir die Worte ein!
Sei wachsam
Und fall nicht auf sie rein!
Pass auf, dass du deine Freiheit nutzt
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam
Merk dir die Gesichter gut!
Sei wachsam
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Du machst das Fernsehen an, sie jammern nach guten, alten Werten
Ihre guten, alten Werte sind fast immer die verkehrten
Und die, die da so laut in der Talk-Runde strampeln
Sind es, die auf allen Werten mit Füßen rumtrampeln:
Der Medienmogul und der Zeitungs-Zar
Die schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar!
Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und nach guten Sitten,
Doch ihre Botschaften sind nichts als Arsch und Titten.

Verrohung, Verdummung, Gewalt sind die Gebote,
Ihre Götter sind Auflage und Einschaltquote.
Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht:
So viel gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!

Sei wachsam…

Es ist ’ne Riesen-Konjunktur für Rattenfänger,
Für Trittbrettfahrer und Schmiergeldempfänger,
’ne Zeit für Selbstbediener und Geschäftemacher,
Scheinheiligkeit, Geheuchel und Posten-Geschacher.
Und sie sind alle hochgeachtet und sehr anerkannt,
Und nach den Schlimmsten werden Plätze und Flugplätze benannt.
Man packt den Hühnerdieb, den Waffenschieber lässt man laufen,
Kein Pfeiffchen Gras, aber ’ne ganze Giftgasfabrik kann Du kaufen.

Verseuch‘ die Luft, verstrahl‘ das Land, mach‘ ungestraft den größten Schaden,
Nur lass Dich nicht erwischen bei Sitzblockaden!
Man packt den Grünfried, doch das Umweltschwein genießt Vertrau’n.
Und die Polizei muss immer auf die Falschen draufhau’n.

Sei wachsam…

Wir ha’m ein Grundgesetz, das soll den Rechtsstaat garantier’n.
Was hift’s , wenn sie nach Lust und Laune dran manipulieren,
Die Scharfmacher, die immer von der Friedensmission quasseln,
Und unterm Tisch schon emsig mit dem Säbel rasseln?
Der alte Glanz in ihren Augen beim großen Zapfenstreich,
Abteilung kehrt, im Gleichschritt marsch, ein Lied und Heim ins Reich!

„Nie wieder soll von diesem Land ein Krieg ausgehen!“
„Wir müssen Flagge zeigen, dürfen nicht beiseite stehen!“
„Rein humanitär natürlich und ganz ohne Blutvergießen!“
„Kampfeinsätze sind jetzt nicht mehr so ganz auszuschließen!“
Sie ziehen uns immer tiefer rein, Stück für Stück.
Und seit heute früh schießen wir wieder zurück.

Sei wachsam…

Ich hab‘ Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen,
Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen,
Und verschon‘ mich mit den falschen Ehrlichen,
Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!
Ich hab‘ Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,
Nach ’nem bisschen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit.
Doch sag‘ die Wahrheit und Du hast bald nichts mehr zu lachen,
Sie werd’n Dich ruinier’n, exikutier’n und mundtot machen,
Erpressen, bestechen, versuchen Dich zu kaufen.
Wenn Du die Wahrheit sagst, lass draußen den Motor laufen,
Dann sag‘ sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt,
Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd!

Sei wachsam…

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