Rain Man in der Pfalz

Das Phänomen des Autismus kennen wir alle spätestens, seit Dustin Hofmann in „Rain Man“ einen ganz besonderen autistischen Menschen gespielt hat. Autismus hat nichts zu tun mit mangelnder Intelligenz, Autismus ist …

… fragen wir mal „Tante Wikipedia“, die weiß ja alles:

Autismus (v. gr. αὐτός „selbst“) wird von der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, als eine tiefgreifende Entwicklungs-Störung klassifiziert. Sie wird von Ärzten, Forschern, Angehörigen und Autisten selbst als eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht.
Andere Forscher und Autisten beschreiben Autismus als angeborenen abweichenden Informationsverarbeitungs-Modus, der sich durch Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation sowie durch stereotype Verhaltensweisen und Stärken bei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz zeigt.

In den aktuellen Diagnosekriterien wird zwischen frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom) und dem Asperger-Syndrom unterschieden, das sich oftmals erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht. Viele Ärzte vermuten jedoch mittlerweile ein Autismusspektrum (Autismusspektrums-Störung), das verschiedene Schweregrade kennt.

Soweit als zu „Tante Wikipedia“.

Was aber ist, wenn Deine Kinder von dieser Krankheit betroffen sind? Eine liebe und langjährige Freundin aus der Pfalz hat seit einigen Jahren so ein Kind. Und sie hat einmal geschrieben, wie es ist, Mutter eines solchen Kindes zu sein. Sie hat diese Situation in so klaren Bildern beschrieben, die mir so ans Herz gingen, dass ich sie hier einmal vorstellen will. Und ich hoffe, sie bewegen Dich ähnlich wie mich …

Was sie geschrieben hat, heißt: „Willkommen in Holland!“ und ist eine Abwandlung von Emily Pearl Kingsley’s Geschichte „Welcome to Holland“.

Willkommen in Holland
(nach Emily Pearl Kingsley)

Ich werde oft gefragt, zu erklären, wie man sich fühlt, ein Kind aufzuziehen, das anders ist als die anderen. Um Leuten das Gefühl dieser einzigartigen Beziehung zu erklären, benutze ich gerne eine Parabel.

Es ist so:

Wenn man ein Baby bekommt, ist es so, als ob man sich auf eine fantastische Reise begibt — nach Italien. Man kauft eine Menge an Touristenführern und macht wundervolle Pläne.
Das Kolosseum, den Michaelangelo, David, die Gondeln in Venedig…
Man lernt bestimmt auch ein paar Wörter auf italienisch, freut sich im Voraus auf italienische Küche, auf mediterranes Flair und auf Ciabatta mit Olivenöl. Kurz, es ist eine sehr schöne Zeit.

Nach einigen Monaten der schönen Vorbereitung und der schönen Tagträume ist endlich der große Tag da, du packst deine Koffer!!! Einige Stunden später, das Flugzeug landet und die Stewardess kommt zu Dir und sagt „Willkommen in Holland“!

Holland?“ sagst du. „Was sagen Sie da? Ich habe doch einen Urlaub nach Italien gebucht!!! Ich soll doch in Italien sein. Mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, nach Italien zu fliegen.“

Aber da war eine Flugplanänderung. Der Flieger ist in Holland gelandet und du musst da bleiben.

Das wichtigste ist, dass du nicht in einem dreckigen, seuchenverpesteten Land gelandet bist. Holland ist nur anders.

Also fängst du wieder an und kaufst neue Touristenführer. Du musst jetzt eine völlig neue Sprache lernen. Und du wirst eine total neue Gruppe von Menschen treffen, die du vielleicht niemals kennengelernt hättest, wenn die Dinge anders wären.

Es ist nur ein anderer Ort. Es ist langsamer als Italien, vielleicht nicht so viel Glamour. Aber wenn du eine Zeit lang dort bist, merkst du schnell, dass es auch seine Vorteile hat. Du fängst an, um dich zu schauen:
Holland hat wunderschöne Windmühlen, Holland hat Tulpen. Holland hat sogar Rembrandt.

Aber jeder, den du kennst, ist viel zu beschäftigt, um die Schönheit Hollands zu erkennen, denn alle sind auf dem Weg nach Italien. Alle erzählen, wie toll es doch in Italien ist und was für eine fantastische Zeit der Urlaub dort doch war.

Und für den Rest deines Lebens wirst du dir sagen:
„Italien, ja, das ist der Urlaub den ich geplant hatte! Da wollte ich auch hin!“

Und das Gefühl, verletzt zu sein, einen Traum verloren zu haben, wird nie verschwinden. Denn ein großer Traum ist nicht wahr geworden, das ist ein großer Verlust.

Aber wenn du immer und immer wieder den Verlust deines Italienurlaubs beweinst, wirst du niemals die Schönheit Hollands und dessen spezielle Sehenswürdigkeiten sehen, kennen und lieben lernen. Denn Holland ist genauso wie Italien eine grandiose Erfahrung für sich und den Betrachter. Man muss sich nur die Mühe machen, die Schönheiten zu suchen und die Augen nicht davor zu versperren. Holland ist wirklich auch ein schönes Land.

Ein wunderbarer Text, oder? Ich weiß nicht, ob meine Gabi und ich uns hätten auf „Holland“ einstellen können, ich hoffe aber doch, dass auch uns das gelungen wäre. Ich finde diesen Text wunderbar und voller Liebe und denke, dass dieser Text auch stellvertretend für andere Krankheiten, andere Situationen und andere Befindlichkeiten steht.

Bleiben wir tolerant, bleiben wir offen für das Leben, denn Leben ist das, was ist …

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