Marshmallows auf Schwänen

Beim MIAU führte uns der Weg aus München heraus Richtung Süden.
Eine kleine Gruppe Läufer starteten schon vorzeitig um 3.00 Uhr, darunter auch Bernd Kalinowski, der Organisator des MIAU und ich. Wir beiden haben gleich die Führung der Gruppe übernommen, rein in den Englischen Garten und dort an der Wiese vorbei, auf der meine Kids und ich noch vor einem Jahr im Sommer Frisbee gespielt hatten, die Isar in München entlang, auch da gingen mir Gedanken durch den Kopf vom München-Urlaub mit der Familie, alles vertraut also.

Trailig ging es weiter mit Gesprächen mit Bernd Kalinowski und dem Aufgehen der Sonne. Niemals am Tag ist es so schön zu laufen wie in der Morgendämmerung. Die Vögel zwitschern, ein frischer typischer Morgengeruch liegt in der Luft und man fühlt sich frisch und stark. Morgennebel lag auf der kanalisierten Isar


… und schon bald stand die Sonne hoch und warm am Himmel und wir verließen für einen Moment den Lauf der Isar, um quer über das Land zu laufen, nicht allerdings ohne in einer kleinen Kneipe anzuhalten, um einen Kaffee zu trinken (Bernd) oder eine Apfelschorle zu trinken. Die Kneipe war offen, hatte aber eigentlich erst um 11 Uhr geöffnet. Die Chefin saß an der Buchführung, aber sie freute sich, dass wir im Gastraum waren.
Ich fragte nach einer Dose „Red Bull“ und sie fragte uns über den MIAU aus. Sie schenkte mir sogar eine Dose EnergyDrink und wünschte uns Glück und Spaß beim Lauf. Bayerische Gastfreundschaft par excellance …

Kurz vor dem zweiten Verpflegungspunkt hing mein Magen in den Kniekehlen. Ich konnte nicht mehr laufen, reihte Gehpause an Gehpause und zählte die Kilometer bis zur Futterstelle. Aber dennoch genoß ich die schöne Voralpenregion, die in sattem grün leuchtenden Frühlingswiesen und das typisch bayerische Flair der Häuser.
Es ist so lange her, dass ich in dieser Region gelebt habe, aber es ist immer noch da, das „Gfui“ …

… und nach dem Essen beim VP2 ging es wieder kraftvoll weiter.
Es ist immer wieder erstaunlich, was ein paar Tomaten, knackige Gürkchen, etwas Schokolade, Salzstangen und Bananen wieder aus einem müden Läufer herausholen können. Irgendwie ist es wie das Drücken eines Reset-Knopfes, alles läuft wieder.

Wir liefen dann durch Geretsried, die Nachbarstadt meiner alten Heimat Bad Tölz und mir fielen die alten Geschichten von damals wieder ein, die Fahrradfahrt mit meinem Bruder von Bad Tölz nach München und wieder zurück mit den frisch vom Konfirmationsgeld erstandenen 5-Gang-Fahrrädern, eine Strecke, die mir als 13-jährigem Kind als immens lang und weltrekordverdächtig vorkam.
Später dann auf dem Weg nach Bad Tölz dachte ich an die Staudämme, die wir gebaut hatten und ich erinnerte mich an den zugefrorenen Isarstausee, wo wir als Kinder zwei Mal ins Eis eingebrochen sind.
Mein Bruder und ich hatten dort eine glückliche Kindheit, vielleicht die schönste Zeit in meiner Kindheit, an die ich mich erinnere.

Ich sagte dann zu Bernd: „Wenn ich unter der Bad Tölzer Brücke zur Innenstadt bin, dann werde ich meinen Bruder anrufen.“ Bernd schwächelte schon etwas zu diesem Zeitpunkt und seine kurzen Auszeiten nutzte ich zu diesem Anruf.
„Wolf,“ sagte ich zu ihm, „rate mal, wo ich gerade bin? Ich bin dort, wo wir als Kinder Marshmallows auf die Schwäne geworfen haben!

„Was machst Du in Bad Tölz?“ fragte er mich und ich erzählte ihm vom MIAU, von München, von Innsbruck und von den schönen Kilometern dazwischen. Für einen Moment war ich wieder 13. Und glücklich.
Und das hielt lange an. In Lenggries wohnte der Kindvater meiner ältesten Nichte, am Sylvensteinsee waren wir häufig am Wochenende. Ich erinnerte mich an den alljährlichen Spaß der „Tölzer Zeitung“ am 1. April, die immer wieder ein Foto veröffentlichten, dass man wieder den Kirchturm von Fall wieder aus dem Wasser des Sylvensteinspeichers heraus ragen sah.
Der kleine Ort Fall wurde komplett umgesiedelt, um den Sylvensteinspeicher möglich zu machen. Niemals wieder hat man den Kirchturm gesehen, aber damit in den April geschickt zu werden wäre auch heute noch ein netter Spaß für mich.


Am Achensee, der nächsten Station unseres Laufs, waren wir oft zum Ski fahren. Ich entdeckte beim Lauf den steilen Hang, der einen der steilsten Schlepplifte hatte, an den ich mich als Kind erinnern konnte.

Am Achensee fieberte ich dann dem nächsten VP entgegen. Wieder hing der Magen in den Kniekehlen und die Ankündigung, dass es dort bei dem VP am Achensee Spaghettis geben würde, führte dazu, dass ich jeden einzelnen Meter abzählte.
Nach meiner Garmin Uhr sollte der Verpflegungspunkt längst schon da sein, ich war langsam und ein wenig verzweifelt. Sollte ich den VP übersehen haben?
Etwa 1,2 Kilometer später als erwartet kam der VP dann tatsächlich und die Nudeln, die es dort gab, waren sogar deutlich besser als erwartet. Ganz ehrlich: ich habe noch nie so hervorragende Nudeln bei einem Lauf bekommen!
Ein VP in einem Restaurant, es lebe der Achensee

Das alles war der angenehme und schöne Teil der Strecke, danach ging es steil den Berg hinunter – mit der Lauftrecke und mit meiner Laune.

Ich rechnete und rechnete und wollte auf jeden Fall noch möglichst weit kommen, bevor es dunkel wird. Eine Stunde lang könnte das klappen, vielleicht etwas länger. Und das war auch gut so. Mit der Dunkelheit kamen die Probleme und damit der riskante kürzere Weg über die Bundesstraße.
Aber ich habe ja schon darüber berichtet

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