Vorbericht: FAZ-Net über den Knast-Marathon

Knast-Marathon – Ausdauer für das Leben nach der Haft

Wer einen Marathon durchhalten will, muss intensiv trainieren und sich auf den Lauf einstellen. Bei einem Knast-Marathon ist das nicht anders.

Rundlauf: Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Darmstadt beim Trainingslauf.

Rundlauf: Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Darmstadt beim Trainingslauf.

12. Mai 2011

Schon das Training stehen nicht alle durch. Ein halbes Jahr lang müssen sie ran, fast jeden Tag. Da gibt manch einer wieder auf. Wer als Häftling beim Knast-Marathon in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Darmstadt mitmachen will, muss Durchhaltevermögen, Verzicht und Zuverlässigkeit lernen. Ein Lauf über 42,195 Kilometer – ein Lauf zu sich selbst.

Auf die Schnelligkeit kommt es gar nicht an. „Der Weg ist das Ziel“, sagt JVA-Leiter Dieter Heinzmann. „Wenn einer so etwas geschafft hat, gelingt es ihm auch draußen, Verlockungen zu widerstehen.“ Und Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) schreibt dazu in einer Mitteilung: „In diesem Zusammenhang wird gelernt, Frustration, Enttäuschung, subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeiten in sozial akzeptabler Weise abzubauen.“ Etwa 600 Inhaftierte zählt die JVA Darmstadt-Eberstadt. Sie alle sind Männer.

Auch bei schlechtem Wetter trainiert

Den Knast-Marathon gibt es seit fünf Jahren. In Hessen sei die Veranstaltung einmalig, vermutlich auch in Deutschland, sagt Sportbeamter Gerhard Wydra. An diesem Sonntag gehen fast 40 Strafgefangene auf die Strecke; 21 stammen aus der JVA selbst, die übrigen kommen aus anderen Haftanstalten. Hinzu kommen 150 Externe, wie sie genannt werden: Läufer von draußen – darunter manchmal auch ein ehemaliger Häftling, der mit seinem Einsatz anderen Mut machen will. Exakt 1,758 Kilometer ist eine Runde lang, geprüft vom hessischen Leichtathletikverband. 24 Mal muss diese Runde absolviert werden.

Trainiert haben die Häftlinge der JVA Darmstadt in ihrer Freizeit, auch bei schlechtem Wetter. Die anderen Läufer bereiteten sich auf ihre Weise vor. „Die Männer lernen dabei, sich in einer Gruppe zusammenzufügen“, sagt Wydra. Einige müssen aufs Rauchen verzichten, andere sich gesünder ernähren. „Die mentale Ausdauer ist nach der Haft enorm wichtig.“ Ein Häftling beschreibt die Herausforderung in einem Internet-Blog: „Also ich muss sagen, die letzten Wochen waren sehr anstrengend.“

„Ungewohnt, aber klasse“

Ein Marathon im Knast ist kein Lauf wie jeder andere. Die Strecke führt vorbei an Sicherheitsbeamten, an Häftlingen, an Gefangenenhäusern. Immer ist der Stacheldraht oben auf der Gefängnismauer im Blick, ein klares Zeichen, dass dies kein Sport ist in Freiheit – „sondern in einem eingemauerten Ding“, wie Helmut Rösch seine Eindrücke beschreibt. Der Sechsundvierzigjährige aus dem bayerischen Großenseebach war vergangenes Jahr beim Knast-Marathon dabei, als Externer. „Das war eine Riesenerfahrung“, schildert Rösch die Eindrücke. „Nächstes Jahr möchte ich wieder dabei sein.“

Ähnlich sehen es Rudi Vogel und Dietmar Mintgen aus Nickenich in der Nähe von Koblenz. „Ungewohnt, aber klasse“, sagt Vogel. Mintgen, der auch schon in einem Bergwerk Marathon gelaufen ist, sucht stets ein neues Erlebnis. Wie die 42,195 Kilometer hinter Gefängnismauern. „An die Rundendreherei habe ich mich aber erst einmal gewöhnen müssen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DPA

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