Staatsanwälte küsst man nicht

„Ich habe gedacht, alle Marathonläufer wären so Hungerhaken,“ sagte einer der Polizisten vor dem Darmstädter Knast. „Aber Du hast ja ein kleines Bäuchlein …!“
Ich habe dann kurz an mir heruntergeschaut, habe mich ein wenig geschämt und muss tatsächlich einräumen, zwei oder drei doofe Kilogramm zu viel mit mir herum zu tragen. Kein Wunder eigentlich, immerhin laufe ich eher zu wenig und zudem übe ich mich im Frustessen. Aber zwei Kilogramm sind schnell wieder weg, wenn ich im Mai und Juni wieder fleißig bin und jede Woche einen langen Lauf absolviere.
Einer der Gründe, warum ich so gerne lange laufe ist doch, dass ich so viel essen kann wie ich will – spätestens nach einem wirklich langen Lauf ist alles wieder im Lot.

Da ich also in der letzten Zeit gut genährt bin, habe ich mir gesagt, dass ich während des Darmstädter Knastmarathons nichts essen werde, zwei kleine Bananenstücke ab Kilometer 30 waren es dann aber doch. Aber ich habe viel getrunken. Immer nach zwei der rund 1,75 km langen Runden durch den Knast gab es einen halben Becher Frubiase. Wenn der Lauf schon von Frubiase gesponsort ist, dann gibt es eben mal was anderes als immer nur Wasser. Aber ab Kilometer 30 habe ich auch den einen oder anderen Becher Cola in meinen Flüssigkeitsplan eingebaut.

Ein Marathon im Knast? Seitdem ich das erste Mal davon gehört habe, wusste ich, dass ich diesen Lauf einmal machen muss. Aber ich dachte dabei vor allem an mich und an meine Interessen. Die Sicht für die Inhaftierten ist aber viel wichtiger und interessanter. Das freiwillige Knast-Marathonprogramm hat sehr viele pädagogische Aspekte.

Marathon laufen ist vor allem für die Menschen, die selten diese für Laien unglaubliche Strecke bewältigen, eine echte Herausforderung. Und so lernt der Inhaftierte durch das Marathon-Training und den abschließenden Marathonlauf Dinge wie Harnäckigkeit, Leidensfähigkeit, Konsequenz und Zielstrebigkeit. Als Nebeneffekt erhält der Häftling dann noch ein verbessertes Selbstwertgefühl und er schärft seine Begeisterungsfähigkeit.
Wenn wir Externe also dort mit den Gefängnis-Insassen laufen, dann beteiligen wir uns dankbar an diesem Programm, das in Darmstadt vor drei Jahren aufgelegt wurde und das sicherlich schon bald viele Nachahmer in Deutschland finden wird.

Meine erste Schwierigkeit beim Darmstädter Knastmarathon war schon das Auffinden des entsprechenden Gefängnisses. Ich bin ja ein bekennender Nichtleser von Ausschreibungen und lebe meist davon, dass liebe Lauffreunde mir vor dem Lauf sagen, worauf ich aufzupassen habe.
Im Fall des Darmstädter Knastmarathons war es dem Runningfreak Steffen vorbehalten, mich per SMS auf die Notwendigkeit, einen Personalausweis dabei zu haben, hinwies. Ich hätte sicherlich nicht an so ein Detail gedacht.
Wenn ich mir auch noch die Postadresse des Gefängnisses herausgeschrieben hätte, dann wäre vieles in Ordnung gewesen. Ich aber dachte, dass es reicht, nach Darmstadt herein zu fahren und an der nächsten Tankstelle nach der JVA Darmstadt zu fragen.

„Die ist in Weiterstadt,“ so die Antwort. Also ab nach Darmstadt-Weiterstadt und dort wieder zu einer Tankstelle, wieder die gleiche Frage und eine präzise Antwort. Nach scheinbar endlosen Spargelreihen fand ich auch das Gefängnis und ich fand das Eingangstor offen.
Jetzt kurz noch Steffen anrufen mit der Frage, wo genau wir uns treffen. Steffen aber war noch nicht da.
Ich gab ihm den Straßennamen der JVA, aber Melanie und er waren ganz wo anders in Darmstadt und das Navigationssystem versprach 15 Autominuten bis zu mir.
Ich bin aber schon in die Gefängnisfläche herein gefahren und sah viele leere Parkplätze, keine Läufer und nur einen einzigen Wärter, den ich gleich interviewte. Auf meinen Hinweis, dass ich heute hier einen Marathon laufen wolle schüttelte er nur den Kopf und meinte, dass das definitiv nicht in dieser JVA stattfinden würde.

Es war ein ganz anderer Stadtteil Darmstadts und so rief ich Steffen an, um ihm die Kunde zu übermitteln. Er war zwischenzeitlich schon auf dem halben Weg zu mir, um festzustellen, dass er doch genau dort hin sollte, von wo ich ihn Richtung Weiterstadt umbeordert hatte.
Steffen war wohl keine 200 Meter vom richtigen Ziel entfernt, bevor ich ihn in die ganz andere Richtung dirigiert hatte.
Was sollte er daraus lernen? Wer auf mich hört, der sollte die Informationen zwei Mal überprüfen.

Alsdann standen wir vor dem Knast, um irgendwann endlich reingelassen zu werden. Das war gar nicht so einfach, weil immer nur vier Läufer auf einmal durch die Türe durften. Dann hieß es, die Pässe abzugeben, hinzusitzen und das Beschnüffeln durch einen Drogenhund zu erdulden. Dann aber durften wir in den Gefängnishof.
Am Ende dann, als ich nach Hause gehen wollte, war das sehr einfach. Durch die Türe, um den Pass gebeten – tschüss!
Und ich dachte immer, dass es leichter wäre, in den Knast zu kommen als dort heraus…

Frubiase war ja der Hauptsponsor des Laufs und so ging ich mit Melanie und Steffen zuerst zum Frubiase-Zelt. Alle Ladies dort waren hilfsbereit und nett, dass aber Jana aus München da war hat mich besonders gefreut. Ich hatte sie ja in Hamburg beim „Zieleinlauf“ mit Susanne Alexi und Hauke „Petzi“ König beim Lauf Dresden – Hamburg auf dem Elberadweg kennen gelernt.
Danach hatten wir ein, zwei Mal telefoniert und zwei, drei Mal gemailt – und dann die Überraschung in Darmstadt.

Das Frubiase Team war für mich sehr hilfreich. Nicht nur wegen der Flüssigkeit, die ich in jeder zweiten Runde dort zu mir nahm, sondern auch wegen des Supports. Als in etwa nach der Halbmarathon-Distanz der Himmel stark zu weinen begann, bat ich um meine Regenjacke für die nächste Runde.
Als ich dann aber wieder am Frubiase-Stand war hatte sich der Himmel wieder eingekriegt und zeigte sich wieder sonnig lachend. Aber meine Laufbrille war nass und kaum mehr erträglich. Ich bekam sie abgenommen, geputzt und später wieder aufgesetzt.
Ein fantastischer Service – das wünsche ich mir auch für die 24 Stunden von Delmenhorst!

Dann ging es los mit einer Viertelstunde Verspätung und ich startete mit Steffen, die Runden zu ziehen.
Wir haben zügig begonnen, fast zu schnell, wie ich dachte, aber am Ende zeigte sich, dass dieser Marathon einer derjenigen war, bei denen ich überhaupt keinen Einbruch hatte. Ich lief und lief und lief, nicht Richtung persönlicher Bestzeit, dafür hätte ich schon viel früher schneller sein müssen, aber Richtung einem guten Normalwert, auf jeden Fall „unter 4“.
Viele Stadtmarathons habe ich ja zwischen 3:52 und 3;54 Stunden abgeschlossen, auch den Darmstädter Knastmarathon wollte ich in dieser Region finishen.

Vom Moderator erfuhren wir, dass zumindest ein Staatsanwalt mitgelaufen ist und eine Handvoll Häftlinge fragten mich, ob ich ein Staatsanwalt sei. Als ich die Jungs dann abklatschte, waren sie ganz begeistert und zeigten ihre Freude bei jeder meiner Runden, manchmal nannten sie mich dennoch „Staatsanwalt „.
Ansonsten war der Kontakt zu den Gefängnis-Insassen leider eher bescheiden. Zu unterschiedlich sind wohl die Welten, in denen wir alle leben und zu verschieden sind auch die Erfahrungshorizonte. Dennoch fand ich es schade, mit den Jungs nicht ins Gespräch kommen zu können, ich hätte mir gerne ein paar Geschichten einzelner Häftlinge angehört.

So hörte ich stets auf die Musik, die uns Läufer motiviert hat, auf den Moderator, der unermüdlich etwas über einzelne Läufer erzählt hat und der dauernd die aktuelle Platzierung der schnellen Hirsche mitgeteilt hat.

Natürlich waren es mal wieder die anderen Läufer, die diesen kleinen und persönlichen Lauf zu einem besonderen Event für mich gemacht haben. Andreas, Martin, Connie, den ich seit Brugg nicht mehr gesehen hatte, natürlich Melanie und Steffen oder auch Andrea, mit der ich erst vor kurzem nachts um 3 Uhr in München Richtung Innsbruck gestartet bin – um nur einige zu nennen.

Am Ende sah ich, dass ich unter 3:50 Stunden blieben konnte und gab mir Mühe, nicht zu langsam zu werden. Eine Nettozeit von 03:49:04 Stunden machte mich richtig glücklich und so setzte ich mich zu Jana an den Frubiase-Stand und trank ein Malzbier zum Abschluss.

Die Inhaftierten, die in mir einen Staatsanwalt sahen, sah ich nicht mehr, die Erinnerung an diese Menschen, deren Schicksal mich doch interessiert hätte, wird aber wohl noch lange anhalten.
Der Darmstädter Knastmarathon, ein schönes, ein persönliches, ein imposantes Erlebnis.
Wenn Du noch nicht da warst, dann laufe dort – im Jahr 2012.

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6 Kommentare zu “Staatsanwälte küsst man nicht

  1. Ah, jetzt also auch das Gegenstück zu dem bericht der Runningfreaks. Einzigartig, ein solcher Lauf und wie immer ist Deine Beschreibung sehr sympathisch und unterhaltsam.

    • Steffens Bericht ist wirklich prickelnd. Der Lauf war es auch.
      Leider konnte ich bei der Siegerehrung und dem ganzen Gedöns danach nicht mehr dabei sein, weil … na weil halt.
      Schade, Evchen, dass Du nicht da warst, das wäre eine weitere Bereicherung gewesen.

  2. Hallo Thomas,
    tröst dich, ich schleppe zur Zeit auch zwei Kilo zuviel mit mit herum . Das kriegen wir doch ganz schnell wieder in den Griff. Es war schon ein besonderes Erlebnis in Darmstadt. Viele Grüße und weiterhin viel Spass , wir sehen uns ja bestimmt bei irgendeinem Event wieder.

    Viele Grüße Melanie

    • „Life is a rollercoaster“ heißt es so schön. Das mit den überflüssigen Pfunden bekommen wir sicher während der Laufsaison wieder hin. Das momentant „auf“ und „nieder“ in meinen Leistungen aber nervt total.
      Ich bin nicht immer Herr meiner Gedanken und manchmal entstehen im Kopf so doofe Gedanken, die mir früher nicht gekommen wären.
      Was ist das?

      Na ja, wir beide haben uns ja gleich eine Woche nach Darmstadt wieder in Eisenach gesehen, das war sehr schön. Die allgemeine Stimmung dort war locker und entspannt, ganz so, wie wir uns solche Wartezeiten vor dem Start wünschen und erhoffen.

      Nun kommt für mich der K-UT, der SH-Supertrail und Delmenhorst – vielleicht bist Du ja auch bei einem der Läufe dabei?

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