Mein kleiner privater airanaCnarGsnarT

Vielleicht hatte ich meine Familie nur deshalb davon überzeugt, den diesjährigen Sommerurlaub erstmals auf Gran Canaria zu verbringen, weil ich den TransGranCanaria Ultra noch einmal laufen wollte. OK, dachte ich, Marokko wäre noch eine Alternative gewesen. Ein wenig durch die Sahara laufen, das Atlasgebirge unter meine Fußsohlen bringen – das hätte auch etwas Flair gehabt.

Aber Gran Canaria hatte für alle etwas.

Für meine Gabi, dass sie seit rund 38 Jahren (upps, ist sie denn schon so alt?) nicht mehr dort war und ihre eigene kleine Zeitreise machen konnte. Drei Mal war sie als junges Mädchen auf der Insel gewesen, zwei Mal davon noch mit ihrem leider viel zu früh verstorbenen Vater, einmal nur mit ihrer Mutter und ihrer Tante.
Die drei Hotelnamen von damals waren auch nach den vielen Jahren noch bei ihr präsent – und wir haben tatsächlich jedes dieser Hotels auch wiedergefunden. Manchmal bleibt die Zeit halt einfach stehen. Gabi erinnerte sich an die Büdchen am Strand, an denen ihr Vater am liebsten Langusten gegessen hatte und an viele weitere Kleinigkeiten, die sie für 10 Tage wieder viele Jahre zurück gebeamt haben.

Für unsere großen Kinder, dass dort viel Leben ist. Bergsteigen, Wassersport, Schwimmen, Paintball, Tennis und noch viel mehr ist auf so einer Insel möglich. Bisher hatten wir ja Touristenparadiese immer gemieden, dieses Mal aber wollten wir auch mal dabei sein, vor allem auch deshalb, weil der Urlaub ja auch ganz besonders kurz war. 10 Tage, was ist das schon?

Und für mich bot die Insel eben auch eine kleine Zeitreise, wenn auch nur zurück in die ersten Märztage. Den TransGranCanaria (TGC) noch einmal laufen, was für eine tolle Vorstellung. Während sich manche Anderen stundenlang am Swimmingpool krebsrot rösten lassen und am Abend in der Disco „Ringelpietz mit Anfassen“ spielen, kommt bei mir ein Urlaubsgefühl auf, wenn ich ganz alleine lange laufen darf, am liebsten durch die Nacht – dachte ich zumindest.

Und da passte es gar nicht, dass sich am Tag vor dem Abflug auf die Sonneninsel mein Rückenproblem weiter verschärft hatte! Der lange Lauf geriet in weite Ferne. In der Notfallklinik auf Gran Canaria, in die mich die Schmerzen getrieben hatten, hätte ich nicht gewagt, jemandem zu erzählen, dass ich vor nur viereinhalb Monaten tatsächlich einmal quer über die Insel gelaufen bin. Niemand hätte mir das dort zugetraut, wo schon der Weg vom Wartezimmer in das Sprechzimmer eine Herausforderung war.
Aber dann wurde es von Stunde zu Stunde besser und besser und nach insgesamt fast drei vollkommen lauffreien Wochen lief ich irgendwann das erste Mal wieder – fünf Kilometer über die Dünen von Maspalomas nach Playa des Inglés, immerhin. Mein kleiner privater TransGranCanaria Lauf rückte wieder näher, das Urlaubsende allerdings auch.
Die einzelnen Familieninteressen waren dann nicht anders zu koordinieren, als dass ich die Strecke anders herum laufen sollte, also von Las Palmas über den Pico  de las Nieves und über Maspalomas nach Playa des Inglés. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich mich während des Laufs versorgen sollte, vor allem die Flüssigkeitsaufnahme war ein Problem. Und ich hatte weniger Zeit als im März, weil wir für den Abend einen Tisch im schönsten Hotel von Maspalomas gebucht hatten, um den Urlaub standesgemäß ausklingen zu lassen.

Ich entschied mich also, mir auch die Möglichkeit einzuräumen, ein wenig abzukürzen. Hauptsache rauf auf den Berg und dann irgendwo wieder runter an die Küste, dachte ich. Und ich legte meinen Start auf 19 Uhr am Abend, sodass ich noch etwas Zeit im Hellen hatte und doch im Wesentlichen durch die Nacht laufen konnte, so wie ich es liebe.

Jeder, den Du fragst, sagt Dir, dassder TGC ein toller Lauf ist, nur die letzten 21 Kilometer sind doof. Ich aber dachte, dass diese Kilometerchen, zu Beginn und im Hellen gelaufen, vielleicht doch nicht so schlimm sind. Aber das war ein fataler Irrtum.
Ich freute mich zwar manchmal, dass die Strecke am Anfang näher an der Küste verlief als ich mir das in der Nacht gewahr wurde, aber die Gegend hinter Las Palmas blieb öde, die Ausblicke auf Autoschrottplätze unromantisch und die Strecke war auch im Hellen besehen schlecht. Lockere Steine lockern Deinen Willen, der Gestank in dem ausgetrockneten Flussbett war auch nicht in die Ferien gefahren, Du verläufst Dich ein Dutzend Mal, trotz des auf dem Garmin gespeicherten Tracks, und eines hatte ich nach dem Lauf total vergessen oder verdrängt. Aber das war auch noch da. Und das war sogar noch schlimmer und lauter als beim eigentlichen Event.
Während ich das schreibe, höre ich es auch noch, das Jaulen und das Bellen unzähliger Hunde, vor allem auf jenen letzten, für mich ersten 21 Kilometern. Mitten in der Nacht sind die Hunde wohl nicht so wach, am frühen Abend aber wirst Du verbellt, bis Dir die Ohren klingeln. Und nicht nur das.
Die Hunde zu hören ist nämlich das Eine, sie zu sehen ist das Andere. Und von diesen Anblicken hatte uns die laue Nacht im März verschont.

Das schöne Städtchen Teror auf 600 Metern über N.N., etwa auf dem halben Weg zwischen Las Palmas und dem Pico de las Nieves, auch der Platz eines Versorgungspunktes beim TGC.

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Die alte demokratische Forderung: „One House – one dog!“ gilt nicht in Spanien. Wie es bei uns hierzulande vielleicht starken Ohrkneiferbefall im Badezimmer gibt, sind dort die großen und kleinen Häuser von Hundemeuten regelrecht befallen. Und alle, alle bellen Dich aus, rennen an den Zaun, wedeln mit dem Schwanz oder fletschen die Zähne und bellen! Manche sind aber auch im Zwinger, andere stehen hoch über Dir auf Mauern und verbellen Dich von dort aus.
Und zwei Hunde, die ganz besonders wild und gefährlich aussahen, standen vielleicht 10 Meter neben mir. Und das Tor zum Hof war weit offen. Und mein Herz in der Hose.
Die beiden Hunde sahen mich, kläfften, bleckten die Zähne und rannten auf mich zu. Ich bekam richtige Angst, ein Umstand, der bei mir aber sehr leicht geht, weil ich Hunden nun wirklich nicht vertrauen kann und ich überlegte mir, wie ich meine Stöcke zur Selbstverteidigung einsetzen könnte.
Nach vielleicht drei, vier Metern wurden die Hunde dann jäh zurück gerissen. Es tat sogar mir körperlich weh, das anzusehen. Die Hunde waren angeleint, zum Glück, und das Ende der Kette war erreicht, meine Stöcke mussten keinen Nahkampf bestehen und ich schaute, nun ein wenig schneller von diesem Ort weg zu kommen.
Insgesamt müssen es wohl Hundert Hunde oder mehr gewesen sein, die sich gedacht haben, dass ich ein gutes Ziel und meine Angst ein netter Abendzeitvertreib wäre.

Ein einziges Mal konnte ich meinen Flüssigkeitsvorrat wieder auffüllen. Das war eben nach jenen 21 Kilometern, wo ich neben Wasser zum Auffüllen auch noch zwei Dosen eines EnergyDrinks kaufen konnte und wo beim TGC der Halbmarathon beginnt. Ich füllte meinen neuen Salomon S-Lab Rucksack wieder auf, das Teil, das ich eigentlich gar nicht mehr bekommen sollte, weil es ja bis Ende August ausverkauft ist. Aber nicht bei Rolli und seinem Laden „Wat läuft“, das jedes Läuferherz höher schlagen lässt. Er schickte mir sofort noch diesen 12 Liter Rucksack, der sich wirklich wie eine zweite Haut anschmiegt, ganz so, wie es die Werbung dafür versprochen hat. Was ich mir speziell für den SwissIronTrail gegönnt hatte, durfte jetzt also auf Gran Canaria eingeschwitzt werden.
Ein Mal ist aber nicht allzu viel, wenn auch die Nachttemperaturen noch sehr hoch sind und so begann ich gegen Mitternacht, meine Flüssigkeitsaufnahme zu reduzieren, damit ich in jedem Fall noch so viel Reserve gehabt hätte, um ein richtiges korperliches Problem zu lösen. Optimal aber ist das nicht.

Gelaufen bin ich mit nagelneuen und daher gut gedämpften Asics Gel Kayano, in der schicksten Farbe, die es so gibt: in strahlendem schwarz. Ganz neu ist dabei auch nicht optimal, aber die gute Dämpfung eines brandneuen Schuhs, sagte ich mir, kann nicht schlecht für meinen Rücken sein. Auch diese Schuhe hatte ich mir eigentlich für die Schweiz gekauft.

Außer den Hunden gibt es auf dieser kleinen Kanareninsel auch andere Tiere. Irgendwann mitten in der Nacht, ich war kurz unterhalb des Gipfels des Pico  de las Nieves, klingelte in der dunklen Nacht ein helles Glöckchen. Ich drehte mich um und schaute in vielleicht drei Dutzend leuchtende Augen, vermutlich von Schafen, die viel mehr Angst vor mir hatten wie ich vor den Hunden Stunden zuvor. Sie stoben auseinander und drei Dutzend Glöckchen spielten ein spontanes Nachtliedchen. Und ein Hund bellte aus der Ferne dazu, natürlich.
Irgendwo flog dann ein wahrscheinlich größerer Vogel im Dunklen auf und ich erschreckte mich. Immer wieder hörte ich Geräusche, die ich nicht zuordnen konnte und fragte mich, ob es auf Gran Canaria wilde Tiere gibt. Und neben allen Sorgen vor den wilden Tieren musst Du Dich auch noch um den Weg sorgen. Im Kegel Deines Kopflichts findest Du den Weg oft nicht, weil dort irgendwie alles so aussah, als wäre es der Weg. Und ich verlief mich – wieder und wieder.
Es begann, hell zu werden, als ich endlich ganz oben auf dem Dach der Insel war. Ich hatte mir Blasen gelaufen, war dehydriert, müde und demotiviert und so beschloss ich, wirklich „nur“ noch nach Ingenio abzusteigen, einem Örtchen kurz vor dem Flughafen, um mich dann dort abholen zu lassen. Da ich dann aber meiner Familie nicht erreichen konnte, ging ich weiter bis zu Flughafen, um dort einen Bus zum Faro von Maspalomas, zu dem Leuchtturm, zu besteigen. Es war dann für mich auch wirklich genug gewesen. Ich konnte dann noch schön schlafen, hatte noch etwas vom letzten Urlaubstag und das Abendessen war dann auch noch ein echter kleiner Traum.

Vielleicht waren meine ursprünglichen Ziele etwas hoch gesteckt, weil eine Strecke bei einem Event immer leichter und kürzer ist als sonst, weil Du versorgt wirst, motiviert wirst, mit Menschen quasseln kannst und auch, weil Dich der Läufer vor Dir immer ein wenig mitzieht.
Und vor dem Hundegebell hast Du auch weniger Angst, wenn Du nicht alleine bist.

Schön war mein kleiner privater airanaCnarGsnarT aber trotzdem.

Schnee auf dem Pico de las Nieves

Der 1949 Meter hohe Pico de las Nieves ist der höchste der Berge Gran Canarias, die Läufer vom Trans Gran Canaria (TGC) wissen das. Und sie wissen auch, dass dort, am höchsten Punkt der Insel und am höchsten Punkt des TGC, zahlreiche Menschen standen, die uns Läufer bejubelten, anfeuerten und heimlich bewunderten. Heute, als meine Familie und ich dorthin hochfuhren, lief niemand an den beiden kleinen Obelisken vorbei. Niemanden konnte ich versuchen zu motivieren, niemand lief schwitzend dort hinauf, hoffend, dass das Leiden in der heißen Sonne der Kanaren erst einmal vorbei ist.
Aber ich sah hinüber zum Roque Nublo, dem Wahrzeichen der Insel, dorthin, wo wir im März 2012 noch den kleinen Loop gelaufen sind und die Kletterer, die sich diesen Riesenfelsen zu besteigen vorgenommen haben, mit neidvollen Blicken beobachtet haben. Irgendwo zwischen diesem Kletterfelsen und der Inselhöhenspitze lag auch die Partie, wo wir nur dank der gespannten Fixseile weiter in die Höhe kamen.

Die große grüne Kugel auf der Bergspitze, mutmaßlich zur Beobachtung der Sterne gebaut, gehört zu einer militärischen Anlage, das wussten wir Läufer. Dass der Zugang dorthin aber unmöglich war, wussten wir nicht. Aber wir wussten auch vieles andere nicht von diesem Berg, dem Pico de las Nieves. Zum Beispiel hat uns niemand von den Schneegruben (spanisch Horadada – „Loch“) erzählt. Eine davon haben wir heute besucht. Sie war riesig und wir dachten, dass man, wenn man dort hinein fallen würde, niemals wieder ohne fremde Hilfe herauskommen könnte. Aber ein Sturz in diese Grube würde man wahrscheinlich sowieso nicht überleben, in diesem Fall ist die Sorge um das heraus klettern aus der Grube eher nebensächlich. Da gäbe es dann Menschen, die darauf spezialisiert wären. Aber das wäre Dir dann auch egal.
Man schrieb den 18. September 1699, als die Domherren des kanarischen Domkapitels beschlossen, eine Grube zur Aufbewahrung des im Winter gefallenen Schnees zu graben.
Diese Grube, die sich auf einer Höhe von 1.910 Metern befindet, wurde gemeinsam mit einer anderen im Jahr 1694 angelegten, nur 300 Meter entfernten, genutzt.

Ich staunte nicht schlecht. Selbst oben auf dem Berg in fast 2.000 Metern Höhe war es noch brütend heiß und da hat man – Schnee gesammelt? Irgendwie klingt das schon ein wenig verrückt, aber die Geschichte um die beiden Schneegruben ist so noch nicht zu Ende erzählt. Immerhin wurden diese Schneegruben dann irgendwann vollkommen vergessen und erst die Forschungen und die Doktorarbeit von Dr. Salvador Miranda Calderin ließen die Gruben wieder auferstehen. Er suchte sie, legte sie frei und übergab sie der Öffentlichkeit zur Besichtigung.

Der Doktorarbeit von Dr. Salvador Miranda Calderin zufolge kamen die Einwohner von San Mateo, Cueva Grande, La Bodeguilla und anderen Ortschaften aus dem Bergvorland zur Schneegrube, wenn es schneite. Ein von den Geistlichen des Domkapitels ernannter Vorarbeiter organisierte die Arbeit und die Versorgung. Das Sammeln, Verdichten und Isolieren des Schnees dauerte im Durchschnitt fünf Tage lang.
Die Arbeiter sammelten in der Umgebung den Schnee und beförderten ihn in Weidenkörben zur Grube, wo ihn die Facharbeiter, die sogenannten „Stampfer“, mit Hilfe einer Handramme in Formen verdichteten.
Im Inneren der Grube wurden die Formstücke in Reihen aufgeschichtet, jedes durch eine dicke Schicht Stroh voneinander getrennt. Im 18. Jahrhundert führten diese Arbeiten im Durchschnitt 26 Arbeiter und 10 „Stampfer“ aus.
Um den niedrigen Temperaturen standhalten zu können, bestand das tägliche Menü aus gepökeltem Fleisch, Gofio (Mehl aus geröstetem Mais), Brot aus Weizenmehl und Käse.
All dies wurde großzügig mit einem hochprozentigen Wein begossen. Es handelte sich um eine hypokalorische Ernährung. Die Nahrungsmittel kamen auf dem Rücken von Lasttieren aus San Mateo oder sogar Las Palmas de Gran Canaria.

Im Sommer wurde der Schnee dann abermals kompaktiert und wurde dann in Formen auf den Rücken der Lasttiere bis zum Eisspeicher hinter der Kathedrale gebracht.

Unglaublich, finde ich, aber was tut man nicht alles für ein kühles Bier im heißen Sommer!

Diese Schneegruben wurden dann Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr genutzt und gerieten in vollkommene Vergessenheit. Die Schneegrube, die wir besichtigten, war dann bis zum Februar 1998 verschüttet. Vergessen, verschüttet, verwaist.

Der Forscher Dr. Salvador Miranda Calderin machte sie schließlich ausfindig, indem er den Beschreibungen der Engländerin Olivia Stone aus dem Jahre 1887 folgte.

Olivia Stone hatte 1883 aus die Grube besichtigt und beschrieb sie damals so:

“ Die Grube besteht aus einer weiß getünchten Wand, unten lagern einige mit Stroh bedeckte Schneeblöcke, zu denen man durch eine an der Seite befindlichen Treppe gelangt.
das Dach aus Ziegeln auf Pfosten bedeckt die Grube, an jedem Ende gibt es Türen, die zeigen, dass die Grube verschlossen werden kann.“

Nach dem Wiederfinden der Grube leitete Dr. Salvador Miranda Calderin 1999 die von der Umweltschutzbehörde des Inselrats Gran Canarias begonnene Restaurierung. Im Rahmen der Freilegung der Grube wurden Steine der eingefallenen Mauern und Dachziegel gefunden. Mit der zu Tage geförderten Erde wurde ein kleiner Aussichtspunkt errichtet.

Wir jedenfalls waren alle von der Idee und der Dimension der Schneegrube fasziniert.

Hier auf Gran Canaria zu sein ist sowieso etwas ganz Besonderes. Gestern sind Pascal und ich den umgekehrten Weg über den Strand gelaufen, an dem der TGC startete. Pascal kürzte die Strecke zwischen dem Leuchtturm in Maspalomas und dem Ausstieg in Playa des Inglés ein wenig ab, indem er den direkten, geraden Weg durch die Dünen lief, ich folgte im Wesentlichen der Strecke am Strand. Trotz erheblich besserer Laufbedingungen für mich war Pascal schon geduscht, als ich in unserer Bungalowanlage eintraf.

Vor einigen Tagen, als mir mein Rücken noch zu schaffen machte und ich so langsam war, dass ich nicht einmal mit einer Zweijährigen, die, von ihren Eltern begleitet, vor mir ging, mithalten konnte, gingen wir zum berühmten Roque Nublo, dem Wahrzeichen der Insel, auch wieder ein Teilstück des TGC, das wir in umgekehrter Richtung begingen. Schon auf der Fahrt dort hoch und dann bei der Wanderung erklärte ich meiner Familie wahrscheinlich öfters, als die das hören wollten, wo genau der TGC entlang ging.
Aber ich sah immer wieder die Strecke, die Kreuzungen, an denen wir entlang gingen und da musste das einfach immer wieder aus mir raus.
Schön, dass meine Familie meine Mitteilsamkeit klaglos über sich ergehen ließ.
Danke, dass man so viel Geduld mit mir und Verständnis für mich hatte.

Heute morgen in Maspalomas tat ich auch noch etwas, was ich mich bei der Wanderung, bei der ich so langsam war, dass ich höchstens als Elendshaufen durchgegangen wäre, noch nicht getraut hatte. Ich zog meine TGC Finisherweste an und wir schauten uns den trockenen Flusslauf an, durch den man nach dem Abbiegen am Faro von Maspalomas in die Berge kam.
Die TGC Läufer unter uns werden sich an diese Fotos erinnern, auch wenn wir diese Passagen nur in tiefster Nacht erlebt haben:
Wie im März war der Fluss trocken, die Luft aber war viel heißer als damals. Und wenn ich in der Nacht im März überhaupt nicht realisiert habe, dass neben dem Strand die wunderschönen und gigantischen Dünen von Playa des Inglés liegen und wie manche Gegend, die wir im Dunklen durchstreift haben, im Hellen aussieht, dann konnte ich das alles in diesem Urlaub nachholen.

Den Roque Nublo aber sahen wir auch damals im gleißend heißen Tageslicht – und er sieht so schön aus! Da müssen wir Läufer alle, Du und ich, noch einmal hin, vielleicht zum Trans Gran Canaria 2013?

Was macht eigentlich … Heiko Bahnmüller?

Sodele, der erste Schritt in Sachen THE NORTH FACE UTMB 2012 ist getan.
Heiko und ich haben uns auf eine Fassbrause zusammen gesetzt und etwas geredet.
Seine Antworten auf meine Fragen findest Du hier:

https://marathonundlaenger.wordpress.com/the-north-face-utmb/

Mehr Fotos und mehr Informationen folgen bald …

Heute meine beste Freundin …

Das war gestern schon ein ganz besonderer Tag.

Besonders gräßlich.
Besonders deprimierend.

Ein Stich in den Rücken, ein Zucken und ich lag auf dem Boden. Mal wieder war es das ISG (Iliosakralgelenk), das sich blockierend meldete. So wie kurz vor der 100 km DM in Bad Neuenahr am 3. Oktober 2009 und zuletzt wieder Ende Oktober 2010 (siehe Bericht von damals).
Und das einen einzigen Tag vor der Abreise zum SwissIronTrail T201 !
Ich war am Boden zerstört und vollkommen frustriert.

Eine Notiz darüber auf Facebook, um zu informieren und auch, um Leid zu teilen. Wertvolle und aufbauende Hinweise der vielen Freunde im wunderschönen Facebook-Land folgten und ich machte mich dankbar auf zum Sportarzt meines Vertrauens, zu Dr. Roman Bauer in Bad Neuenahr, der Sportarzt, der wahrscheinlich zaubern kann.

Die Sprechstundenhilfe wollte mich erst nicht mehr dran nehmen, aber meine langjährige und gute persönliche Beziehung zu Dr. Bauer, die aus gemeinsamen Zeiten beim SC07 Bad Neuenahr, Frauenfußball 1. Bundesliga, stammt, zwang die erst unwillige Zunge der Sprechstundenhilfe dann doch zu einem geknödelten „Na dann OK, kommen Sie vorbei.“
Eines aber musste sie für Ihr Ego ergänzen: „Aber kommen Sie sofort!“

Als ich dort angekommen war – weit ist es wirklich nicht, aber Du verlierst Zeit und Nerven bei der Parkplatzsuche – brauchte ich mich nicht ins Wartezimmer begeben, sondern ich durfte ich mich gleich auf die „informelle Wartebank“ vor dem Empfang setzen.
Da saß aber schon eine ältere Dame. Ich schaute sie nett an und fragte in einem warmen Tonfall: „Darf ich mich noch zu Ihnen setzen?“
Sie nahm ihr Jäckchen zu sich und bot mir einen Platz an und wies darauf hin, dass die Bank breit genug sei für zwei.

Sitzend bemühte ich mein Samsung Notes Smartphone, um das aufregende Facebook-Land über den aktuellen Stand der Situation zu informieren. Vielleicht bist Du einer von denjenigen, die mir da Glück und Gesundheit gewünscht haben.
Für uns ist der Umgang mit einem Smartphone normal, das Notes mit seinem Riesendisplay lädt aber die Anderen aber förmlich ein, zuzusehen. Und die ältere Dame tat das mit großem Interesse und wachsender Begeisterung.

Sie erkundigte sich nach den vielen Icons und ich philosophierte über „Apps“, über kleine Programme. die bestimmte Dinge können. Ich erzählte ihr von Pilz-Apps, die Pilze im Wald, die Du fotografierst, identifiziert und erklärt, von Vogel-Apps, die den Gesang der Vögel erkennen und die Vögel identifizieren.
Und sofort wirst Du als gebildet und romantisch angesehen, wenn Du mit Deiner Angebeteten durch den Wald streifst und nach dem Gesang einer einbeinigen und rechtsflügligen Bachstelze alles über dieses Tier erzählen kannst. So wirst Du zum Experten, solange Deine Begleitung nicht sieht, wie profan Du das Wissen einfach vom Handy abliest.

Ich zeigte ihr ein paar interessante Apps, zum Beispiel das Instagram Kamera-App. Ich schaltete den Aufnahmemodus auf  die Frontkamera um und sah uns beide auf dem Display.
Wir beide waren angeschnitten, aber das war mir in diesem Fall wirklich egal. Ich fotografierte uns beide, sie war begeistert und ich hatte eine Freundin gewonnen.


Sie erzählte mir von ihren 84 Lebensjahren, die in Bayern begannen, von 50 Jahren Ehe mit ihrem verstorbenen Mann, der aus Ostpreussen stammte. Ich erzählte ihr von meinen Kindern und davon, dass mein Adoptivvater aus Insterburg stammte und sie blühte auf. „In Insterburg,“ sagte sie, „hat mein Mann früher viel gearbeitet!“
So klein ist die Welt.

Ich updatete meinen Facebook-Status erneut und sie schaute erneut fasziniert zu. Die drei Sprechstundenhilfen hinter dem Empfang hatten mit der Beobachtung dieses Gesprächs genauso viel Spaß wie wir beide. Selbst eifrige Smartphone-Nutzer ergänzten die drei meine Informationen, fragten nach dem Stand der Gesundheit der alten Dame und wir redeten, nun zu fünft, darüber, dass sie leider zuerst ihren Ehemann, dann ihre zwei Enkel und dann auch noch ihre Tochter überlebt hat. Und wie weh das tat.

Sie erzählte von ihren starken, hoch gewachsenen Enkeln, deren Leben auf dem Motorrad unter einem falsch fahrenden LKW endete und von ihrer Tochter, deren Leben durch ein Blutgerinsel im Gehirn zu Ende ging.
Und sie sagte, dass sie keinem Menschen wünscht, am Grab der eigenen Kinder oder sogar der eigenen Enkel stehen zu müssen.
Jetzt, sagte sie, sei sie ganz allein auf dieser Welt.

Aus dem lockeren Gespräch war sukzessive eines mit Tiefgang geworden. Es wurde richtig still bei den drei Sprechstundenhilfen und bei mir. Wir lauschten intensiv und erlebten eine Frau, die für ihr Alter körperlich einigermaßen in Ordnung war, geistig aber leuchtete ihre Intelligenz hell und freundlich, sie war lustig und sehr menschlich, einfach ein richtig guter Mensch.
Sie war meine beste Freundin von heute.

Und so hatte gestern die ISG-Blockade für mich sogar noch etwas wirklich Gutes …

The North Face UTMB 2012

Nach ein paar glücklichen Tagen im schönen Österreich kam ich nach Hause, sah auf meinen eMail Accout und staunte nicht schlecht.

Da war doch eine Mail von The North Face, immerhin Hauptsponsor des The North Face Ultra Trail du Mont Blanc 2012, in der ich gefragt wurde, ob ich ein wenig über die Vorbereitung ihres Läufers beim UTMB berichten wolle. Und ob ich dann während des UTMB weiter berichten wolle, direkt vor Ort.
Dabei sein in der Kulisse und das Event mal im Ganzen erleben. Grandios, wenn man schon nicht selbst mitlaufen kann. Hinter der Ziellinie stehen, um Fotos der Finisher zu machen, so wie damals Klaus Duwe die Fotos von mir gemacht hat. Menschen kennen lernen, die über unser Hobby berichten und Menschen kennen lernen, die sich für unser Hobby engagieren, die uns einkleiden, ernähren, die all ihr Wissen für uns verwenden, alles, damit wir solche Herausforderungen wie den UTMB meistern können.
Klar wollte ich das.

Aber nur unter bestimmten Bedingungen, selbstverständlich. Aber wer mich kennt, der weiß, dass ich keine Lobhudeleien mag, mich nicht kaufen lasse und nur etwas schreiben will, wenn es interessant für mich ist. Und hier war es für mich besonders interessant, zu erfahren, über wen ich da berichten sollte. Wen, fragte ich mich, soll ich da portraitieren? Mir fielen viele Namen ein, die „üblichen Verdächtigen“ waren darunter und auch ein paar Andere.
Keinesfalls wollte ich über jemanden berichten, der keiner „von uns“ ist.

Es sollte jemand sein, dachte ich mir, der wie wir ein Amateur ist. Professionals gibt es ja einige und viele Printmedien berichten mehr oder weniger gerne von ihnen. Ein Grund für mich, das nicht zu tun.
Es sollte idealerweise jemand sein, dachte ich mir, von dem ich schon vorher etwas weiß. Und wer mich kennt, der weiß auch, dass ich mir über viele Läufer, die mir über den Weg gelaufen sind, vieles merke, vor allem natürlich über die, die ich bei den ganz großen Events kennen lernen durfte.

Es brauchte drei Telefonate, bis wir zur Beantwortung dieser Frage kamen. Drei lange Telefonate an drei langen Tagen – und ich vermute, dass dann meine Fingernägel vor Spannung schon halb abgekaut waren.

In meinem Kopf rotierten immer die gleichen Fragen: Männlein oder Weiblein? Jung oder Alt? Aus meiner direkten Läuferfamilie oder eher nicht?

Und als hätte mich der Läufergott erhört, kam dann die Antwort, die mich dann sofort zur Zusage zu diesem Projekt bewegt hat: „Unser Läufer ist aus Jesenwang,“ sagte Nicole, meine Gesprächspartnerin. Aus Jesenwang? Ein Dörfchen mit nur wenigen Hundert Einwohnern, mutmaßlich nicht gespickt mit Ultraläufern. Das konnte dann also nur Heiko sein, Heiko Bahnmüller, mein Laufpartner vom TransAlpineRun 2008. Was für ein Zufal, was für eine Freudel!

„Kennst Du ihn?“ fragte Nicole überrascht und ich erzählte ihr kurz unsere gemeinsame Geschichte.

Ich habe Heiko durch das Veranstaltungsteam „Plan B“, durch Uta Albrecht, kennengelernt. Den TransAlpineRun zu laufen war damals, Anfang 2008, mein großer Traum gewesen. Einmal quer über die Alpen – zu Fuß, das ist etwas für die ganz Harten, dachte ich damals.
Aber der TAR ist nun mal ein Teamlauf und so ganz ohne Partner ist ein Team ziemlich klein, zu klein. Aus meinem kleinen Bekanntenkreis erhielt ich bestenfalls ein Schulterzucken auf die Frage, ob Interesse bestehen würde, diese 300 Kilometer mit mir im Team zu laufen. Mancher Zeigefinger fand sogar den Weg an die Schläfe des Gesprächspartners und die obligatorische Antwort war stets, dass man für solch gewaltige Entfernungen doch das Auto erfunden habe.

Uta gab mir dann drei eMail Adressen von potenziellen Laufpartnern und mit Zweien habe ich länger telefoniert. Der eine war der niederländische Importeur von Suunto Laufuhren. Ein wirklich netter Kerl. Und wer weiß, wie sehr ich Niederländer und ihren Humor schätze, der kann erahnen, dass er sofort in meiner engeren Wahl war. Am Ende habe ich mich dann aber doch gegen ihn entschieden, weil er mir einfach „zu gut“ erschien. Zu schnell, zu erfahren. Zudem hatte ich die Sorge, dass ihm die Platzierung des Teams auch für seine beruflichen Aspekte wichtiger war als mir.

Entschieden habe ich mich dann für Heiko. Zwar waren seine Marathonzeiten auch besser wie meine. Eine 3:11 stand da zu Buche (ich weiß, Heiko, dass mittlerweile aus Dir ein „unter drei Stunden – Läufer“ geworden ist). Außerdem war Heiko bis dahin niemals weiter als einen Marathon gelaufen und er hatte Sorge, bei längeren Etappen Probleme zu bekommen. Wenigstens ein kleiner Vorteil für mich.
Das dritte Argument für ihn war damals auch, dass er Pädagoge ist, ein unschätzbarer Vorteil, wenn es Dir mal schlecht geht. Und genau diese Eigenschaft habe ich immer an ihm geschätzt, vor allem am letzten Tag, als ich wegen muskulärer Probleme kaum mehr laufen, sondern nur noch tippeln konnte.

Nach etlichen Telefonaten trafen wir uns dann das erste Mal im „real life“ beim StrongManRun 2008 in Weeze. Er war mit seiner Bundeswehr-Sportgruppe dort und wir machten noch schnell mittels eines schnell aufgebauten Fotohintergrundes einige gemeinsame Fotos. Heiko hatte kurz zuvor ERIMA als unseren Sponsor gewinnen können und die Ware war Tags zuvor bei ihm in Jesenwang eingetroffen. „Team ERIMA Sportswear“ hießen wir also dann.

Nach dem TAR 2008 war der Marathon des Sables 2010 das nächste gemeinsame Highlight. Und nicht nur das. Wir lebten gemeinsam mit Achim Knacksterdt, Tilman Markert und Christian Bechtel eine Woche lang unter dem gleichen Berberzeltdach in der südmarokkanischen Wüste. Was war das schön damals!

Einen Tag nach dem Telefonat mit Nicole telefonierte ich mit Heiko und er erzählte mir, dass er sie gefragt hätte, ob ich mich dort bei der Agentur gemeldet hätte. „Nein,“ sagte sie, „das ist purer Zufall.“
Zufall ja, vielleicht auch Fügung, Schicksal? Auf jeden Fall ist es der Beginn von großartigen 10 Wochen, in denen ich regelmäßig über „Heikos Weg nach Chamonix“ berichten werde.
Veröffentlichen werde ich die Berichte dann aber nicht hier auf der allgemeinen Seite, sondern hier:
https://marathonundlaenger.wordpress.com/the-north-face-utmb/
Vielleicht gelingt es mir auch, die Beiträge hier und dort zu posten, aber das ist nicht versprochen.

Als versprochen aber gilt, dass Du Dir dort ein umfassendes Bild von Heiko und seinem Training für den The North Face UTMB 2012 machen kannst. Vergleiche die Erfahrungen vor dem Rennen und während des Rennens mit Deinen eigenen oder nimm die eine oder andere Information für Dich mit, falls Du diesen großen weißen Berg noch nicht umrundet haben solltest.
Für Deinen Start beim UTMB 2013. So viel Berg muss einfach sein, finde ich. Weil diesen Lauf zu finishen noch für jeden Läufer, den ich kenne, das Größte ist.

Bei dem UTMB 2013 werde ich dann auch wieder als Läufer dabei sein, einen sicheren Startplatz habe ich ja schon …