Die kleinen Sieger des Ultra India Race …

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– „What’s your name?“

– „From where are you coming?“
– „Where are you going?“

Es waren immer die gleichen Sätze, die ich während der 200 Kilometer von Munnar nach Kumily zu beantworten hatte. Nur 15% der Inder können Englisch, wahrlich nicht viele für ein Land, dass über Generationen von den Engländern unterjocht wurde.
Aber man bemüht sich, schon die Kinder in den ersten Schuljahren ans Englisch heran zu führen.
Und wenn Du dann eine Gegenfrage stellst, vor allem an junge Inderinnen, dann wird gekichert und die Angesprochene dreht sich schamhaft an die Schulter der stets vorhandenen Freundin neben ihr.
UltraIndia-293Das Besondere beim ULTRA INDIA RACE war für mich nicht die Strecke. Die Wege durch die Gewürz- und vor allem durch die wunderschönen Teeplantagen machten eben nur einen kleinen Teil der langen Gesamtstrecke aus, leider – und diese Passagen waren definitiv nicht repräsentativ. Repräsentativ waren da eher die vielen Kilometer auf einfachen und schmalen Landstraßen, die rechts und links von subtropischen Gehölzen gesäumt waren. Alle paar Minuten, oft alle paar Sekunden, war da dann auch mal wieder ein Auto oder eine Motor-Rikscha, eine Vespa Ape, wenn sie etwas älter war oder eben eine Mahindra, wenn sie neuer war.
Auch die meisten Autos waren von Mahindra und viele davon sahen aus, als wären sie die Zwillingsgeschwister des originalen Jeep. Und jeder Autofahrer, wirklich jeder, benutzte die Hupe.
Dabei war das durchaus nicht böse gemeint. Meist bedeutete das Hupen einen Gruß und die Insassen winkten mit Inbrunst, wenn sie Dich passierten. Und Du winkst dann zurück, nachdem Du Dich von dem Erschrecken durch die Hupe erholt hast.
Typisch waren auch die kleinen oder größeren Orte und Städtchen, die wir durchquerten, mit einfachen Buden rechts und links des Wegs, deren Eigentümer alle zusammen vor einer dieser Buden saßen, quatschten und auf Kunden warteten.

Das Besondere beim ULTRA INDIA RACE waren für mich eher die Menschen, die wir gesehen haben. Menschen, die Dir in die Augen sahen, auf Dich zukamen, die Hand ausstreckten und Dir dann sagten: „Welcome in India!“ Menschen, die ihre Freude, dass es da Läufer gibt, die hier durch das Land ziehen, mit intensivem Winken Luft machten, Menschen in ihren Läden, Buden oder Häusern, Bauarbeiter auf Dächern, Spaziergänger oder einfache Morgenpassanten, die alle eines gemeinsam hatten: sie freuten sich, dass wir da waren!

Dabei wussten wir genau, dass wir eine Art „Freak Show“ für die Menschen dort sein mussten. Läufer in bunten Klamotten, bewaffnet mit schweren Rucksäcken und allerlei technischem Gerät, mit Sonnenbrillen und Buffs, allesamt schwer atmend, die, statt die Schönheit der Natur zu bewundern, statt einen Gingertea mit Milch in einer der Buden an der Straße zu trinken, recht schnelll durch die heiße Mittagssonne wankten. Läufer aus Kanada, Singapour, Belgien, Frankreich, Marokko, Indien und eben auch aus Deutschland, internationale Gäste, die sich die für die stolzen Bewohner der Kerala-Berge wohl spirituellste Region dieser Hindu-Welt ausgesucht haben, um dort zu laufen. Leider sind die Südkoreaner und die Jordanier nicht angetreten, die beiden Nationen hätten das Starterfeld noch interessanter gemacht.

Aber es waren auch andere Menschen neben der Strecke, Menschen in Armut, Menschen in Not.
Ich erinnere mich an eine alte Dame, die auf Knien im Dreck neben der Straße vor einer Brücke saß und dann, als sie sich bewegen wollte, ihren Körper durch den Dreck schob. Beine hatte sie keine, nur gurkenähnliche Enden unterhalb der Knie, die irgendwo im Nichts endeten.
Und da war auch ein Beinamputierter, der die wenigen Schritte, die er vor hatte, zu gehen, auf Prothesen zurück zu legen versuchte, die diesen Namen nicht verdient haben. Einfachste Holzkonstruktionen, die nur in Verbindung mit Krücken überhaupt den Behinderten zu bewegen vermochten.
„It’s all about money …!“ dachte ich und wurde mir mit einem Schlag bewusst, wie viel Glück wir alle haben, in einer Gesellschaft zu leben, die Dir Dein Leben „im Falle“ einigermaßen normal zu machen versucht.

Und da war noch einer: „der“ Inder! Er war überall. Oberlippenbart, mittlere Statur, mittlere Größe – und er kam mir immer entgegen. Manchmal war er schon älter, dann war der Oberlippenbart schon weiß, meistens aber glich er dem, den Du erst vor einer halben Stunde passiert hast, frappant. Ob wir „Langnasen“ für Inder ebenfalls häufig gleich aussehen?
UltraIndiaRace_SWAber vor allem waren da die Kinder. Wir alle kommen ja aus einer Gesellschaft, in der die Bevölkerungspyramide auf dem Kopf steht, daher sind wir es gar nicht mehr gewöhnt, so viele Kinder zu sehen. In Mexiko sind zwei Drittel der Einwohner unter dreißig Jahre alt, in Indien dürfte das nicht viel anders sein. Und diese Kinder in ihren Schuluniformen sind allesamt gut erzogen, ausgesprochen interessiert und dankbar, dass ihr oft langweiliges Leben für einen Moment eine interessante Wendung genommen hat.

Oft haben mich die Kinder mit ihren Fahrrädern ein paar Kilometer begleitet und dabei haben sie mir in dem wenigen Englisch, das sie zur Verfügung hatten, Löcher in den Bauch gefragt. Zwei Jungs begleiteten mich am vierten Tag fast bis ins Camp, waren später dann, verstärkt um drei weitere Kumpels, im Camp, weil sie alle fotografiert werden wollten.
Zu dumm, dass mein GoPro Hero kein Display hat und ich ihnen die Fotos, die ich von ihnen machte, nicht einmal zeigen konnte. Egal, sie posierten ein ums andere Mal aufs Neue und mancher von ihnen träumte wohl heimlich davon, einen ersten Schritt auf der Karriereleiter nach Bollywood genommen zu haben.

Dabei waren die Kinder immer freundlich, nie aggressiv, sie waren interessiert und wollten Hände anfassen, Haut fühlen und Fragen stellen. Manche nahmen auch den sportlichen Wettkampf an, gingen neben mir in die vermeintliche Startbox, um dann an mir vorbei zu spurten. Die Kiddies konnten es allesamt einfach besser als ich.
Und wenn sie dann nach vielleicht Hundert Metern erschöpft und außer Atem auf mich warteten, dann fehlte nur der frische Siegerkranz aus duftenden Lorbeerblättern, der die kindlichen Sieger von dem alten und langsamen Haudegen abhoben. Gefühlt gab es viele Sieger neben mir.

Es macht wenig Sinn, an dieser Stelle Fotos einzuklicken, schau‘ Dir einfach die offiziellen Fotos von CANAL-AVENTURE.COM an. Sie geben ein rundes Bild ab von der Landschaft, in der wir liefen, von den hervorragenden Menschen, die ich begleiten durfte und von dem einsatzfreudigen Team rund um Jérome Lollier, die einfach immer da waren, im Auto, in den Teebüschen, an den VPs, an den gefährlicheren Kreuzungen oder einfach mal so, um sich nach Dir zu erkundigen, eine Zusatzportion Wasser anzubieten, Dir Deinen Müll abzunehmen oder einfach zu winken und zu motivieren.
Nicht immer kann so ein kleines Event gegen die „Großen“ gegen halten, aber es sind die Menschen des Staffs, die mir auch jetzt noch ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, wenn ich an sie denke: Claude, Isa, Jamila et les autres … merci bien!

India

On my way to … India!

Ein wenig spät ist es schon für den Vorbericht über das Ultra India Race, immherhin liegt die Finishermedaille ja schon direkt neben mir, aber versprochen ist versprochen …
„Warum nach Indien?“ wurde ich oft gefragt, als ich mich für dieses Event entschieden hatte. Genau, warum eigentlich nach Indien?UltraIndia-315_klein
Salman Rushdie hat einmal gesagt: „Der Mensch drei große Fantasien: Geld, Gott und Indien.“ Ist das nicht schon Grund genug?

Nach Indien wollte ich schon immer mal. Schon als Teenie, als ich noch in Schorndorf, meiner Abitursstadt, im °Hammerschlag° in Hippie-Klamotten die Abende verbrachte und jeden bewunderte, der gerade aus Indien kam, entweder auf der Suche nach Erlösung, meist aber auf der Suche nach individueller Freiheit und einer gewissen Bewusstseinserweiterung.
Während die Glücklicheren unter uns dort den Baghwan oder einen anderen Guru suchten, begnügten wir uns später damit, in den Baghwan-Discos gegen Mitternacht Walzer zu tanzen und über die Geheimnisse hinter den Kulissen dieser Organisation zu philosphieren.
Ich jedenfalls habe es nie geschafft, es denen gleich zu tun, die sich einfach ein Fahrrad geschnappt haben, um die vielen Tausend Kilometer nach Indien zu radeln.

Überhaupt hat Indien die Welt schon lange reich gemacht. Da waren die fahrenden Gewürzhändler, die anfangs über den Landweg Safran zu Goldstaub machten, wenn sie nicht in einer der Wüsten auf dem Weg überfallen wurden, später dann kam der Seeweg dazu.
Die Engländer verdankten lange Zeit einen Großteil ihres Wohlstandes der indischen Kolonie und das Ende dieses Teils des Kolonialismus wurde dann nicht mit einer „stiff upper lip“ ertragen, sondern versucht, mit geradezu bestialischer Gewalt zu zerschiessen.
Aber da hat die Welt dann gesehen, dass die Inder vor allem eines sind: ungeheuer leidensfähig. Der hinduistische Glaube half damals den Menschen, trotzdem friedlich gegen die Engländer stehen zu bleiben.

FarbenIndien? Was ist das eigentlich für ein Land?
°Eine Form wie ein Diamant° sagte mein Zimmer-und Zeltnachbar Sriri poetisch. Ein Land mit 20 offiziell bestätigten Sprachen, aber mit unzähligen davon abweichender Dialekte. Sriri unterschied auch stets zwischen dem wohlhabenderen Südindien und dem bevölkerungsreicheren und ärmeren Nordindien, aber wie soll das denn auch ein Land einigermaßen einheitlich sein, wenn es dort rund 14 Mal so viele Menschen gibt wie bei uns im größer geworden Deutschland?
Jedes Restaurant macht diese Unterscheidung übrigens auch, weil die südindische Küche wesentlich stärker reisbasiert ist, während die nordindische Küche auch stark auf Weizenprodukte setzt.

Richtig erstaunlich aber fand ich eine andere kulinarische Unterscheidung. Während wir zwischen Vegetariern und Veganern unterscheiden, Ovo-Lacto-Vegetarier kennen und selbst Menschen, die keine Fleisch, aber dennoch Fisch essen, suspekt empfunden werden, gibt es in Indien nur zwei Küchen.
In der einen Küche bekommen die Fleischgerichte einen roten Punkt und die fleisch- und eilosen einen grünen Punkt. Und dann gibt es noch etwas, was in Deutschland ganz, ganz selten ist.

Kids°100% Pure Vegetarian Cuisine° heißt dabei, dass in dieser Küche kein Fleisch, kein Fisch, kein Ei zur Verwendung kommt, es also keine Kontaminierung durch nicht-vegetarische Speisen geben kann.
Wahnsinn, finde ich, großartig. In den meisten deutschen vegetarischen Restaurants wird für die weniger Konsequenten dann doch ein Dessert angeboten, das mit Eischnee aufgepeppt wurde.

Also, riesig ist dieses Indien – und Dank der Qualität der Straßen eigentlich noch riesiger. Kurz davor, der bevölkerungsreichste Staat der Welt zu sein ist dieses Indien (Sriri war schon etwas stolz darauf, bald die Chinesen eingeholt zu haben), heiß und schwül ist dieses Indien und es ist ein Traum in Bezug auf Kunsthandwerk (der Metallelefant, den ich nach Hause gebracht habe, ist einfach zu schön), in Bezug auf alle erdenklichen Farben und in Bezug auf wirklich alle Arten Gewürzen. °Spice Supermarkets° gibt es ja in allen Größen und Qualitäten.

Und trotzdem fühle ich mich jetzt, wo alles vorbei ist, wie jemand, der in einem riesigen Keller mit einer kleinen Taschenlampe ein Ecken beleuchtet hat und zu wissen glaubt, wie es in diesem Keller aussieht.

Also muss ich noch einmal hinunter in diesen Keller. Und da versuche ich dann, ein anderes Eckchen auszuleuchten, noch einmal frische Gewürze holen, die „Indian Vegetarian Cuisine“ genießen und noch einmal die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Inder erleben.
Vielleicht gelingt es mir dann, auch die volle Freude an den indischen Farben zu erleben. Das indische „Farbenfest“, das „Holi“, wird ja im Wesentlichen im Norden Indiens gefeiert. Wär doch was, oder?
Holi