Mein längstes Rennen …

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(klicken zum Vergrößern …)

Es war Mittwoch, 9 Uhr englische Zeit.
34 Starter standen an der Startlinie und warteten auf den Startschuss zum 250 Meilen (400 Kilometer) langen THAMES RING RACE. Ich weiß nicht, was die anderen Starter dachten, ich aber schaute mir die anderen Starter an und fühlte mich untertrainiert angesichts der optischen Zustände der Mit-Teilnehmer.
Als es dann los ging, stürmten alle, wie immer viel zu schnell, an die Themse, um sich auf die lange Reise zu machen. Ich versuchte, mich weiter hinten einzuordnen, um die erste Etappe bis zum CP1 in Hurley, also in etwa den ersten der neuneinhalb Marathons, nicht schneller als in 6 Stunden zu schaffen.

Ich erinnerte mich an das Jahr 2011. Damals war ich auch schon dort am Start, ich ging die lange Strecke viel zu schnell an, auch, um nicht hinter meinem ehemaligen englischen Laufpartner Bob Lovegrove zu liegen. Das war ein echter Amateurfehler, das Rennen nicht nach einem eigenen, auf das eigene Laufvermögen abgestellte, Plan zu laufen, sondern sich von externen Einflüssen leiten zu lassen. Das Resultat war 2011 gewesen, dass ich danach so langsam wurde, dass ich den CP3 in Yiewsley erst so spät erreichte, dass ich übermüdet war, aber nicht genug Zeit zum Cut-Off geschaffen hatte, um auszuschlafen. Dort müssen die Läufer um 9.30 Uhr am Donnerstag den CP verlassen haben und ich kam damals erst um 7.30 Uhr dort an, zu wenig Zeit zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, Umstellung der Kleidung von Nacht auf Tag, zum Schlafen usw.

Nach 5 Stunden und 50 Minuten war ich dann tatsächlich am CP1. Ich lag weit hinten im Starterfeld, aber ich fühlte mich gut, aß etwas, trank viel und füllte meinen Rucksack auf. Dann ging es schnell weiter. Jeder weitere Marathon sollte in knapp 8 Stunden bewältigt werden, so mein Plan.
In Chertsey lag der CP2, bis dahin ging es immer an der Themse entlang. Da gab es teilweise wunderbare Villen und Gehöfte zu bewundern, meist mit immens großen Grundstücken und je näher wir Richtung London kamen, desto häufiger waren auch ganz moderne Bauwerke zwischen den typisch englischen Herrenhäusern zu bestaunen.
Wer deutsche Flüsse kennt, der weiß um die Begradigungen der letzten zweihundert Jahre, der denkt an einen Fahrradweg neben dem Fluss. Die Themse ist da vollkommen anders. Sie fließt in Bögen, wie sie will, meist liefen wir wirklich nur auf einem „footpath“, einem Trampelpfad, neben dem Fluss, der gelegentlich auch etwas weiter vom Fluss entfernt war. Dann galt es, Gatter zu passieren, Tore auf- und wieder zu zu machen, Leitern zu überwinden, es ist tatsächlich noch sehr natürlich dort im schönen England.
Oft führte uns der Weg aber auch einfach über Rasenstücke, Parks, Wiesen und gelegentlich aber auch über Feldwege und sogar über richtige Straßen, gelegentlich sogar mitten durch die angrenzenden Ortschaften.
Etwas ganz Besonderes war es aber, die Themse bei Eaton zu belaufen. Eaton ist ja wie manch andere Universitäten für die hervorragenden Ruderer bekannt und just an diesem Wochenende gab es eine Ruderregatta auf der Regattastrecke der Themse. Tausende von Zuschauern waren vor Ort, es gab einen VIP Bereich für die „upper 10.000“ direkt auf der Laufstrecke. Wir mussten einen Umweg über die Stadt nehmen. Anschließend kamen die öffentlichen Bereiche mit Catering-Ständen en masse, mit Engländerinnen und Engländern, die einzeln teilweise so skurril angezogen waren, dass allein dieser Anblick die Reise wert gewesen wäre. Ich brauchte einige Zeit, um zu bemerken, dass die skurrilsten Anzüge meist vielfach vertreten waren. Fast alle Zuschauer kamen im Outfit Ihrer Universität, Ihrer Verbindung, Ihres Clans, sehr traditionell, sehr bunt, sehr britisch. Skurril, aber nicht ohne Stil und Charme.
Ich gestehe, solch eine Ansammlung von Menschen schon lange nicht mehr gesehen zu haben. Den Kontrast dazu bildeten die Ruderer, um die sich alles drehte. Ein tolles Bild für uns. Nur das Laufen fiel uns allen sehr schwer. Zwar war der Weg hier tatsächlich gepflastert und einigermaßen breit, aber wir mussten stets auf die unzähligen Menschen achten, die auf dem Weg standen, uns entgegen kamen oder die wir überholen wollten. Und da Besucher nie alleine sind, sind zwei gut situierte Herren fortgeschrittenen Alters, die nebeneinander gehen oder stehen, eben auch einigermaßen breit. Ich lief über Kilometer hinweg Slalom von der einen Grasseite neben dem Weg auf die andere Grasseite, um wenigstens einigermaßen schnell weiter zu kommen. Erst am Ende der Regattastrecke konnte ich wieder normal weiterlaufen. Ich war froh, aber auch ein wenig traurig, denn eigentlich sollte man sich die Gelegenheit, solch ein Event wie die anderen Zuschauer „ganz normal“ zu besuchen, nicht entgehen lassen.

Irgendwann verließen wir an einem Park die Themse und querten einen großen Park nahe eines Luxushotels, um den berühmten „Grand Union Canal“ zu erreichen. Dort waren anfangs noch Häuser zu sehen, dann folgte ein Industriegebiet, dann begann die weite Landschaft. In diesem Industriegebiet verlor ich dann auch die Orientierung und wusste nicht mehr weiter. Ich versuchte mehrere Möglichkeiten, den weiteren Weg zu finden, alle vergebens. Welchen Fehler ich machte, weiß ich auch heute noch nicht, ich verlor viel Zeit mit der Sucherei und überlegte, was zu tun sei.
Noch ein paar Minuten zuvor überholte ich einen anderen Läufer, der sich auf einer Parkbank zum Schlafen hingelegt hatte. Sollte ich zurück gehen, mich zu ihm gesellen und dann gemeinsam suchen?
Ich wusste aber nicht, ob er einen Kurzschlaf halten wollte oder vielleicht sogar eine oder zwei Stunden zu schlafen gedachte.
Ich entschied mich, über eine Schleuse zu gehen und den angrenzenden Hang hinauf zu gehen. Ich kam dort in einen riesigen und wunderschönen Park mit einem imposanten Herrenhaus. Es gab ein bewachtes Tor zur Straße und ich folgte dieser Straße einigermaßen parallel zur Themse. Nach einem Kilometer fand ich einen riesigen öffentlichen Park und wählte die Lauf- und Fahrradwege darin aus, bis ich zu einem Schild kam, das zum „Grand Union Canal“ zeigte. Alles war wieder im Lot, der Morgen begann zu grauen und da mein Plan für die erste Nacht sowieso keinen Schlaf vorsah, war ich auch sehr gut im Plan. Ich war auch überhaupt nicht müde, als ich in Yiewley ankam, dort, wo zwei Jahre zuvor für mich das Ende der langen Reise war.
Aber ich ließ mich dort ein wenig massieren, leider und unverständlicherweise war es die einzige Massagestelle des gesamten Laufs und die war auch nur privat von einer Schwedin gemanagt worden. Aber besser ein Mal als kein Mal.

Der Canal ist weitgehend Tristesse pur. Da ist der Trampelpfad rechts oder links des Kanals, da sind die Hausboote, die angelegt haben, „mooring“ nennen das die Engländer, und da ist rechts und links etwas Landschaft. Keine Häuser, keine Ortschaften, nichts, das Abwechslung für die Augen versprechen könnte. Nur manchmal kamen Schleusen, manchmal fehlten die Hausboote. Für mich, der ich großartige Blicke von den Gipfeln liebe, war das schon eine immense Herausforderung. Aber ich kannte das ja und ich war darauf eingestellt. Und ich wusste ja, dass viele der Kilometer, die ich zurück zu legen hatte, von Kilometer-Paten gekauft wurden, für einen guten Zweck, für Kinder, deren größter Traum es vielleicht war, sich mal solch eine Landschaft ansehen zu können.

In Berkhamstedt am CP4 hatte ich schon ein deutliches Zeitpolster auf die Cut-Off Zeit herausgearbeitet, sodass ich es mir leisten konnte, am CP5 in Milton Keynes planmäßig drei Stunden zu schlafen, auch wenn mich das nahe an die Cut-Off Zeit brachte.
Meine Mission in England war „finishen“, nur das zählt, dachte ich.
Dann kam der Freitag und mit dem Freitag kam auch die Hitze. Sie war vom Wetterbericht angekündigt, aber sie traf mich dennoch mit voller Wucht. Es war das heiße Wochenende, an dem Andy Murray in Wimbledon bei 40 Grad Hitze zum ersten Mal seit Menschengedenken wieder den Wimbledon-Titel wieder auf der britischen Insel halten konnte.
Bis zum CP6 in Nether Heyford ging es noch mit dem Temperaturen, aber am Nachmittag wurde ich in der Hitze langsamer und langsamer und ich musste mich richtig quälen. Zum Glück waren die Cut-Off Zeiten je Etappe nun etwas üppiger, sodass mein langsamer werden sich nicht negativ auf mein Zeitpolster auswirkte.
Es ging an einer Canal Kreuzung dann in den „Oxford Canal“. Diese seltenen Kreuzungen wollten alle mit Bedacht gelaufen sein, zu schnell hat man den falschen Wasserweg gewählt. Aus der Historie des Laufs wusste ich, dass manche Läufer solch einen Fehler erst nach 20 Meilen bemerkt hatten.
Hilfreich war aber stets, dass die Brücken nummeriert waren und ich verglich die Nummern immer mit meinem ausgedruckten Plan.
Da es keinen GPX-Track der Strecke gab und seitens der Organisatoren noch vieles so gehandhabt wurde „wie früher“, bekamen wir an jedem CP immer einen ausgedruckten und laminierten Plan der Strecke bis zum nächsten CP und wir mussten den alten Plan immer abgeben. Es war keine optimale Lösung, aber man gewöhnt sich im Laufe der fast 100 Stunden an dieses Procedere.

Wenn ich aber gehofft hatte, dass die Strecke nach dem „Grand Union Canal“ neben dem „Oxford Canal“ besser würde, dann wurde ich bitter enttäuscht. Das Gegenteil war der Fall. Dieser Trampelpfad war wesentlich seltener begangen und oft durch dornige Gewächse und Brennnesseln überwuchert. Wenn man immer darauf achtet, sich nicht allzu oft an den Dornen zu kratzen und auch sich nicht allzu oft an den Brennnesseln zu verbrennen, dann reduziert das die Laufgeschwindigkeit weiter.
Und die Läufer vor mir hatten zweifellos hier noch größere Probleme. Es waren aber nicht mehr allzu viele Läufer im Rennen, die die Strecke hätten niedertrampeln können. Stück für Stück reduzierte sich die Läuferschar von den ursprünglichen 34 auf schlussendlich 14 Läufer, die es bis nach Streatley/Goring schafften.
Außerdem war der „Oxford Canal“ wesentlich weniger befahren, es gab oft stundenlang keine bemannte Schleuse, keinen Kiosk, kein Hausboot, nichts, wo ich hätte Wasser nachfüllen konnte. Und die Temperaturen stiegen und stiegen.
Zwei Mal luden mich Hausbootbewohner auf eine Cola oder ein Wasser ein. Ich schenkte diesen Menschen fünf Minuten Zeit, eine nette Geschichte und ein gutes Gefühl und ich ging dann weiter im Bewusstsein, hier etwas wirklich Großartiges zu leisten.
In manchen Phasen fielen mir diese Gedanken aber wesentlich schwerer.
Richtig anstrengend waren auch die beiden Berge. Zwei Mal verschwand der Canal in einem Tunnel und unser Weg führte uns einige Meilen über den Berg wieder ins Tal. Ein Mal davon durfte ich zwei Anläufe dafür nehmen, weil ich mich verlaufen hatte und wieder am Ausgangspunkt ankam. Ich wurde aber davor gewarnt, dass das passieren kann. Einer hatte einmal sogar diesen Fehler nicht bemerkt und ist dann den Canal einfach wieder zurück gelaufen, im festen Glauben, auf der anderen Seite des Berges angekommen zu sein.

Den CP7 in Fenny Compton erreichte ich am frühen Abend des Freitags. Ich hatte mir ein immens großes Zeitpolster vor dem Cut-Off herausgearbeitet, lag immerhin auf Rang 12 von Anfang 20 zu diesem Zeitpunkt noch verbliebenen Läufern, aber ich wusste, dass ich so nicht weiterlaufen konnte.
Eine Entscheidung musste her. Und ich entschied mich, mich ganz ans Ende des Rankings fallen zu lassen, um meinen mittlerweile elefantös aufgedunsenen und schmerzenden Fesseln die maximale Regenerationszeit zu gönnen. Und ich entschied mich, mich mit dem letzten Platz abzufinden. „Hauptsache, das Finish klappt,“ dachte ich.
Und so hatte ich Zeit bis Samstagfrüh um 2 Uhr. Ich aß ausgiebig, Gabi cremte die Beine, Fesseln und Füße mit Hirschtalg und einer After Sun Lotion ein und ich versuchte, mich ins Schlafzelt zu bewegen. Ohne mich stützen zu lassen ging das aber nicht. Ich war total am Ende und die meisten Beobachter strichen mich schon im Geiste von der Teilnehmerliste.
Schlaf aber hat einen eigenen Zauber. Ich regenerierte, zum Glück. „Als Du zwei Minuten vor dem Cut-Off erst das Lager verlassen hast,“ sagte später eine der Ladies der Organisation zu mir, „dachten wir schon, dass Du es nicht mehr rechtzeitig schaffst!“ Aus dem CP draußen bist Du nämlich erst, wenn auch Deine Schuhe den CP verlassen haben. Und wer denkt, dass nur die schweizer Uhren genau gehen, die englischen Uhren tun es ebenfalls. Und wer den CP zu spät verlässt und sei es auch nur um eine Minute, der ist draußen.
Ich war also Letzter. Aber ich konnte wieder laufen. Es war dunkel, tiefe Nacht, es war wunderbar kühl, feucht, nicht kalt, optimal zum Laufen. Es war „meine Zeit“. Und in „meiner Zeit“ war ich auch nicht lange Letzter. Und auch nicht lange Vorletzter. Ich überholte eifrig Läufer auf Läufer, bis ich gegen 10.30 Uhr im CP8 in Lower Heyford ankam. Dort machte ich gleich zwei dumme Fehlerchen hintereinander.
Fehler 1: Anstatt nur kurz zu verweilen blieb ich bis zum Schluss des CPs und machte ein Nickerchen.
Um 14 Uhr ging es dann weiter. Die Sonne heizte die Gegend so sehr auf, dass es wirklich unerträglich war. Ich passierte schon nach wenigen Minuten Javed und wegen Fehler 2: Schnell laufen war nach zweieinhalb Stunden „Schicht am Schacht“ bei mir. Ich hatte meine Geschwindigkeit von 3.25 Meilen pro Stunde am Vormittag auf 3.5 Meilen pro Stunde erhöht und plötzlich ging nichts mehr. Der Kreislauf drohte abzusacken, mir wurde schummrig vor Augen und nur „Aunt Annie’s Teeroom“ rettete mich. Ich setzte mich in den Tearoom, trank zwei halbe Liter eiskalte Coca Cola und machte 30 Minuten lang gar nichts. Erst dann setzte ich meinen Weg langsam wieder fort. Javed hatte mich längst wieder überholt, aber ich sah ihn später wieder in Sichtweite und erreichte ihn, als er sich an einem offenen Wasserhahn erfrischte. Wir gingen ein paar Meilen zusammen und erreichten kurz vor Oxford eine Canal-Kreuzung. „Hier habe ich vor vier Jahren verloren,“ sagte Javed. „Ich lag zu dieser Zeit in Führung, aber ich nahm hier den falschen Weg.“ Ich war froh, ihn in diesem Moment neben mir zu wissen.
Aber plötzlich schaltete Javed den Turbo ein und ich war nicht mehr imstande, ihm zu folgen und kurze Zeit später, bei dem schwierigen Übergang vom „Oxford Canal“ zur Themse, war ich ganz allein. Ich wusste, dass es schwer war, den richtigen Weg zu finden. „Da gingen schon viele verloren!“ schärfte man mir ein. Es war auch auf dem Plan falsch und unverständlich beschrieben. Aber wenn man weiß, dass es schwer ist, dann tastet man sich mehr voran als dass man läuft. Und ständig fragte ich Passanten, ob ich auf dem richtigen Weg war. Mit deren Hilfe schaffte ich es an die Themse ohne allzu viel Zeit verloren zu haben, aber mein Tempo glich dem der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB): Kaum merkliche Bewegungen!
Ich schob mich mehr vorwärts als dass ich ging, von Laufen war schon lange keine Rede mehr. Ich passierte ein großes und schönes Restaurant mit einem riesigen Biergarten davor, da stand einer auf und kam auf mich zu. „Du musst Tom sein,“ sagte er. „Ich bin Jack. Ich habe auf Dich gewartet. Ich begleite Dich jetzt bis zum nächsten CP.“ Der arme Jack musste sich mein langsames Tempo antun, aber dank netter Gespräche und seiner immensen Ruhe, die er ausstrahlte, schaffte ich die 7 Meilen bis zum CP9 in Abingdon dann doch irgendwie. „Drei Läufer sind hinter Dir,“ sagte Jack. Drei Läufer? Einer davon war Javed, der sich mit den beiden anderen, Ernie und Kate, dort im Biergarten ein Abendessen gegönnt hat.
Es gehörte zur Strategie von Javed, nur kurz im CP9 zu bleiben, um durch die Nacht ins Ziel zu laufen. Kein Grund für mich, meine gewählte defensive Strategie zu ändern.
Im CP9 angekommen machte ich das gleiche Procedere wie am Vortag. Ausgiebig essen und trinken, Hirschtalg und After Sun Lotion für die Beine, Fesseln und Füße, viel trinken und schlafen bis zum Ende der Cut-Off Zeit. Dachte ich zumindest.
Der Verantwortliche für diesen CP riet mir dringend davor ab, bis 2:30 Uhr auszuharren, weil er der Ansicht war, ich würde sonst das letzte Stück nicht mehr in den gesetzten 10.5 Stunden schaffen. „Und wenn Du eine Minute zu spät einläufst, dann bist Du kein Finisher!“ Mir war klar, dass ich keine Probleme mit der Zeit haben werde und wollte dennoch an meiner Strategie festhalten. Ausserdem dachte ich, dass es im Wesentlichen sein Interesse war, den CP früher schließen zu können.
Andy, der Läufer vor mir, war schon bei der Schleuse des ersten Bogens, einem Punkt, den ich erst im Morgengrauen des nächsten Tages erreichen sollte, als ich noch beim Essen war. Javed war mit seiner Strategie sicher auch schon weit vor mir, aber Ernie und Kate schliefen auch im Schlafzelt. Sie wollten um 1 Uhr geweckt werden. Geweckt werden von einem, der eigentlich will, dass er den CP vorzeitig abbauen kann, bedeutet, dass er die beiden so lautstark geweckt hat, dass auch ich wach war. Ich konnte gar nicht anders. Und ich konnte nicht wieder einschlafen. Nach einer weiteren Viertelstunde entschied ich, jetzt doch zu gehen, diesem Herren einen früheren Feierabend zu gönnen. Ich zog mich an und verließ den CP dreißig Minuten nach Ernie und Kate.
Nach Abingdon wurde die Strecke sehr, sehr einsam. Ich hätte nie geglaubt, dass die Themse so einsam sein kann. Es waren zwei Bögen der Themse zu laufen, einer einsamer als die andere. Ich wurde schon vorgewarnt, dass alleine der erste Bogen einige Stunden Zeit in Anspruch nehmen würde. Auf der Karte sah das gar nicht so wild aus. Und es war wieder angenehm kühl und feucht in der Nacht, ich konnte wieder einigermaßen laufen und ich holte Ernie und Kate schon nach vierzig Minuten ein. Was für ein Gefühl. Ich war nicht mehr Letzter! Und ich war auch nicht mehr letzter Mann! Position halten, mehr geht nicht, dachte ich.

Der erste Bogen war passiert, der zweite begann, Nebel lag über den Feldern, die Sonne ging auf. Es war einsam, aber wunderschön, ein perfekter Morgen. Und es waren nur noch gut 10 Meilen zu gehen, ich war sicher, finishen zu können, ich war nicht Letzter, mir ging es richtig gut. Und ich begann, gelegentlich wieder zu laufen. Am Ende des zweiten Bogens überquerte ich die Themse, es ging durch ein Dörfchen und von rechts aus einer Seitenstraße kam Andy, der ja schon am Vorabend am Ende des ersten Bogens war. „Wo kommst Du denn her?“ fragte ich ihn. „Ich war so müde,“ antwortete er, „ich musste schlafen.“ Und ich bot ihm an, ab sofort gemeinsam weiter zu laufen. Wir trabten also gemeinsam und ich wunderte mich, dass ich tatsächlich dauerhaft laufen konnte, ohne Gehpausen machen zu müssen. Ich sagte mir aber auch, dass ich es nicht zulassen wollte, diesen frisch gewonnenen Platz im Ranking wieder abgeben zu müssen. Ich wollte also alles tun, um nicht hinter Andy zu fallen. Das war aber nicht nötig, er strich nach zwei Meilen die Segel und ließ sich nach hinten fallen. Auf den folgenden sieben Meilen nahm ich ihm noch 21 Minuten ab.

Und rund drei Meilen vor dem Ziel, ich war mittlerweile in ein echtes „Runner’s High“ gefallen und lief schneller als zu jeder anderen Zeit des Rennens, passierte etwas, mit dem ich auch nicht mehr gerechnet hätte. Javed hing an einem Straßenschild, vollkommen am Ende. Er versuchte 50 Meter lang, mir zu folgen, es ging aber nicht. Ich flog dem Ziel entgegen. Noch zwei Meilen.
Und ich rannte über eine Wiese und da stand Jack. Jack vom gestrigen Abend. Jack, der mich in meiner dunkelsten Periode des Laufs bespaßt und begleitet hat. Und ich rannte an ihm vorbei. Er staunte ungläubig. Ich lief und lief und lief und nahm Javed auf knapp drei Meilen 33 Minuten ab. Selbst Andy überholte Javed noch und lief 12 Minuten vor ihm ins Ziel.
Ich aber rannte und rannte, noch über die beiden letzten Brücken zwischen Streatley und Goring. Ich sah schon das Ziel, hörte die Menschen im Ziel und ich hörte erst auf, zu laufen, als ich die Ziellinie überschritten hatte. Sechseinviertel Stunden hatte ich noch für die letzte Strecke zwischen CP9 und dem Ziel gebraucht, ich hätte mir noch fünfeinviertel Stunden länger gönnen können. Alles war plötzlich so klar und leicht und ich fragte mich, warum ich in der Hitze des Freitagnachmittag und des Samstagnachmittag solche Probleme hatte.
Ich war drin, 400 Kilometer in 94 Stunden und 44 Minuten waren gelaufen. Von den 34 Startern kamen am Ende nur 14 Läufer ins Ziel, ich war Zehnter, Andy Elfter, Javed wurde Zwölfter und Ernie und Kate kamen danach zusammen ins Ziel, geschunden und spät, aber dennoch sicher vor dem Cut-Off.
Kate war übrigens erst die zweite Frau überhaupt, die dieses Thames Ring Race finishen konnte! Der Sieger, Steve, brauchte mit 66 Stunden und 47 Minuten fast 28 Stunden weniger als ich, es war mir egal.
Mission Finish erfüllt,“ dachte ich und ich wurde mit einer Finisherplakette belohnt, die es wirklich wert war, sich so zu schinden. Ein Metalloval „Thames Ring, 248 Miles, 175 Locks“ mit einem Steuerrad in der Mitte, aufgeschraubt auf ein Holzplättchen und darauf noch eine dünne Metallplatte mit „BRITAINS LONGEST NON-STOP RACE 2013“ eingraviert.
Ich war stolz und ergriffen und zum Schluss liefen dann doch bei mir wieder die Tränen._10th Thomas Eller 9444
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230 Kilometer und das Peter-Prinzip …

Das „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“, dieses 400 Kilometer Nonstop-Rennen, sollte mir 2013 Klarheit verschaffen, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, lange Distanzen zu meistern.

Dabei war früher alles so einfach:
Der TransAlpineRun 2008 (TAR), mein erster wirklich großer Lauf, klappte besser als gedacht und machte Lust auf mehr. Die drei UTMB-Punkte, die es für diesen Stagerun gab, mussten natürlich 2009 zum UTMB führen. Wie sagte damals Bernie Conradt kurz nach dem TAR zu mir: „Jetzt hast Du drei UTMB-Punkte, jetzt musst Du auch nach Chamonix!“
In der Vorbereitung des UTMB 2009 habe ich dann im Jahr 2009 meinen ersten 24-h Lauf gelaufen, damals in Delmenhorst, immerhin über 177,5 Kilometer. Ich wollte damals unbedingt zumindest einmal die Länge des UTMB nonstop hinter mich gebracht haben.
Ich lief die 350 Kilometer des SwissJuraMarathons in 7 Etappen von Genf nach Basel und zur Absicherung lief ich noch gegen den Rat der meisten Freunde zwei Wochen vor dem UTMB die 171 Kilometer des Kölnpfads in knapp unter 24 Stunden.
Alles war einfach und gut, Zweifel gab es nicht, nie.

Auch den UTMB selbst lief ich ich guten 41:52:33 Stunden deutlich leichter und besser als geplant. Ich konnte mir sogar eine längere Schlafpause in Trient in der zweiten Nacht gönnen – welch ein Luxus!

2010 kamen dann im Frühjahr die 230 Kilometer der TorTOUR de Ruhr, ich musste leiden und kam erst im späten Dunkel ins Ziel, aber ich konnte diesen Lauf finishen – wie eben alle anderen zuvor. Zweifel gab es immer noch nicht.

Und dann begann das „Peter-Prinzip“ (das „Peter-Prinzip auf Wikipedia), das Streben nach mehr, die Gier nach Dingen, für die ich vielleicht einfach nicht gemacht bin.
PPDas Scheitern beim PTL 2010 konnte ich im Wesentlichen noch den widrigen Umständen zuschreiben, dem Wetter beispielsweise. In diesem Jahr wurde an gleicher Stelle immerhin der UTMB wegen der Wetterkapriolen nach 32 Kilometern abgebrochen. Auch dem Team, als zweites Beispiel, insbesondere den Meinungsunterschieden zwischen dem kanadisch-deutschen Part Carsten Quell und mir, nachdem der englische Part, Bob Lovegrove, das Team verlassen wollte.
Wenn Du, Carsten, dies hier lesen solltest, dann nimm bitte meine Entschuldigung an und wisse, dass ich damals kopfmäßig einfach nicht in der Lage war, solch einen Lauf erfolgreich zu stemmen.

2011 scheiterte ich dann erst bei meinem ersten Antritt beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“ – und das grandios. Ich hatte mir dort alles anders vorgestellt, ich war viel zu langsam und sehr müde und musste deshalb am CP 3 nach etwa drei Marathonlängen aussteigen.
Dann scheiterte ich 2011 auch noch beim 330 Kilometer Tor des Géants (TdG) nach knapp 200 absolvierten Kilometern. Ich war leer im Kopf, kam einfach keinen Berg mehr hinauf und beschloss, ab sofort nur noch zu weinen. Und das tat ich dann mehrere Tage lang.
100ZweifelUnd plötzlich waren sie da, die Zweifel. Und sie waren massiv und ständig präsent. Ist die Grenze von 230 Kilometern meine persönliche Leistungsgrenze?
Das einzige, was mich damals aufrecht hielt, waren der persönliche Bestwert von 189,6 Kilometer beim 24-h Lauf, wieder in Delmenhorst. Platz 5 von allen, Platz 1 der Altersklasse, das habe ich weder vorher noch nachher noch einmal erreicht.
Das war damals der Lauf meines Lebens. Ich lief und lief und lief …

2012 verkürzte ich dann meine erneute TorTOUR de Ruhr auf 100 Kilometer, ich scheiterte beim JUNUT, 2012 war ein wirklich fürchterliches Jahr für mich. Beim UTMB durfte ich wegen des Lospechs in der Lotterie auch nicht antreten, zum TdG habe ich mich erst gar nicht mehr getraut.

Aber 2013 sollte alles anders werden, alles besser werden.
Mit dem JUNUT, den ich immerhin bis zum Finisherpunkt bei 172 Kilometern geschafft habe und eben vor allem mit dem „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“. Dieses Mal musste es einfach klappen.

Ich konzentrierte mich und meine Vorbereitung vor allem auf diesen Lauf. Nach den 200 Kilometern in Indien beim Ultra India Race, den 119 Kilometern des TransGranCanaria und den 172 Kilometern des JUNUT 172 reparierte ich mein angeschlagenes Ego zuerst durch das Finish beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und dann durch eine gute Platzierung beim 60 K Extreme Ultra vom Mount Everest Base Camp ausgehend.
Den Start bei meinem Traumlauf in Andorra über die 170 Kilometer in den hohen Bergen der Pyrenäen machte leider der nepalesische Darmvirus Giardia lamblia (Lamblien) zunichte, meine Sicherheit, gut vorbereitet zu sein, wurde dadurch aber nicht geschmälert.

Dass ich aus dem England-Lauf einen Spendenlauf gemacht habe und dass ich auch aus dem Läuferkreis so hervorragende und motivierende Reaktionen erfahren hatte, dass Webseiten wie soq.de oder meinestadt.de berichtet haben, dass die lokalen Zeitungen diesen Lauf nicht ignorierten, all das trug mich lange beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“.

Bei manchem Kilometer sprach ich laut zum vermeintlich präsenten Kilometer-Paten: „Das ist Dein Kilometer. Vielen Dank für Deine Unterstützung!“
Das motivierte mich, es machte mich glücklich und glich auch den Mangel an neuen äußeren optischen Eindrücken beim Lauf aus.

Am Ende hat es dann funktioniert. Die 230 Kilometer-Grenze gibt es nicht mehr für mich. Aber die Gier nach mehr gibt es auch nicht mehr.
Es wird für mich kein „Projekt 500“ geben und keinen Frostskade 500.
Ich werde 2014 noch einmal die TorTOUR de Ruhr laufen, vielleicht einen oder zwei 24-h Läufe mit dem Ziel, näher an die 200-Kilometer-Marke heran zu laufen und im Spätsommer vielleicht ein schönes Bergevent.

Ansonsten werde ich einfach glücklich sein und wissen:
Du musst nicht wirklich wissen, wann das Peter-Prinzip für Dich erreicht ist!230

Was für eine geile Strecke …

Nach den 400 Kilometern des „Thames Ring Race“ vom letzten Wochenende war ich noch nicht richtig regeneriert, zudem bekam ich am Dienstagabend zuerst leichte Kopfschmerzen, dann Bauchschmerzen, Fieber und einen Darminfekt, der mich bis Freitagfrüh im Griff hatte.
Lauter gute Gründe, an diesem Wochenende nicht allzu viel zu tun.
Trail-ManiakWas machst Du aber, wenn an diesem Wochenende der TRAIL-MANIAK Pitztal Gletscher Ultra stattfindet und Du dort für die 95 K Distanz gemeldet bist?
Ich habe über diese Frage lange gegrübelt und viele Meinungen eingeholt.
Gar nicht laufen und einfach die schöne Landschaft genießen?
Das ist auch keine Alternative, weil  ich mich gut genug kenne, dass ich dann nur die Zeit vertrödeln würde.
Den 13 K Einsteiger Trail-Lauf mitmachen?
Mit solchen Distanzen fange ich wirklich nicht an, schon gar nicht, wenn die Veranstaltung immerhin 9 Autostunden von mir zu Hause entfernt ist.
Doch den 95 K Trail machen?
Spät ins Bett kommen, sehr früh raus, auch noch die Nacht zum Sonntag durchlaufen und das in meinem Zustand? Nee, an diesem Wochenende wollte ich das nicht auf mich nehmen, obwohl ich immer ein kleines Problem damit habe, wenn ich eine Strecke laufe, die kürzer ist als die Hauptstrecke des Events.
Also den 42 K Bergmarathon laufen.
Das heißt schlafen bis nach 7 Uhr am Morgen, ordentlich frühstücken, ein zweites und finales Racebriefing um 9 Uhr und ein Start um 10 Uhr.

Die Maximalzeit betrug laut Ausschreibung 9 Stunden, weil Mario Schönherr und Michi Raab gut drauf waren, gab es vom Anfang an eine Stunde „gratis“ oben drauf. Wie lange braucht man für solch einen Lauf?
Beim Gondo-Event hatte ich 6.15 Stunden und 6.45 Stunden gehabt und kam mir extrem langsam vor. Wie sehr ich in diesem Punkt irrte!
Direkt nachdem ich mich für das „Downgrading“ vom 95 K auf den 42 K entschieden hatte, klingelte mich Didi Beiderbeck mit der Frage an, ob ich ihn dort guiden könnte. Kann ich, sagte ich gerne. Ich weiß, dass Didi zuvor eine ellenlange Telefonliste abtelefoniert hatte, wo auch zumindest mit Birte Döring eine Läuferin dabei war, die Didi überhaupt nicht kannte.
Wie sagte doch John Wayne im Film „The Fighting Seabees“: „It’s a dirty job, but somebody has to do it.“
Didi und ich trafen uns kurz vor dem Start im Läuferzelt, bastelten das Seil um unsere Hüften und gingen nach dem Startschuss gemächlich los.

Nicht gemächlich los aber ging der Trail. Gleich auf den ersten 3 Kilometern waren 600 Höhenmeter zu bewältigen, das aber war noch ein relativ leichtes Unterfangen, weil sich vor uns oft ein Stau bildete und wir dadurch immer wieder eingebremst wurden. Eigentlich blieb Dir auch nichts anderes übrig, als das Tempo Deiner Vor-Läufer mitzugehen, nicht schneller, nicht langsamer. Und dann kommt nach der Seilbahn-Mittelstation irgendwann auch die Bergstation und damit Wasser, Isodrink, Red Bull in verschiedenen Variationen und etwas, was ich bisher nicht kannte. CLIF heißt ein Riegel, der für mich einfach perfekt ist. Er schmeckt richtig gut, ist weder hart und trocken noch weich und klebrig, sondern er hat eine Konsistenz, die sehr angenehm ist. Diese Riegel haben das Zeug, meine Lieblingssnacks auf den Bergen zu werden, eine echte Entdeckung!
(Hinweis: CLIF Bars bei http://www.bergfreunde.de)
Blueberry_CrispCrunchy_Peanut_ButterBei dieser ersten, wirklich sehr frühen, Labestation habe ich auch endlich einmal den Laufspass.de-Betreiber Thomas Schmidtkonz persönlich kennen gelernt. Am Abend sollte ich auch noch Jörg Kornfeld kennenlernen, beides Läuferkollegen, von denen man viel auf Facebook liest, mit denen man aber bis dato noch nie direkt kommuniziert hat. Auch zwei kleine Gewinne für mich.
Wir wussten, dass die nächste Labestation sehr weit weg sein würde, also gönnten wir uns ein paar Minuten Ruhe in der Sonne der Berge und stritten und danach mit Thomas und einer weiteren Läuferin um die „rote Laterne“.
Rechts herum um den Rifflsee und dann begann eine lange und sehr trailige Passage, die uns ständig schräg nach oben und weit weg von der Rifflsee-Bergbahn führte. Und wo Trail draufstand war auch Trail drin. Echter Trail. Da waren Klettersteigpassagen verpackt, wo Du Dir mich Eisen-Fixseilen helfen musstest, da gab es in den Stein eingelassene Metalltritte, kurz, es war ein Stück Welt, wie es kaum schöner sein konnte.

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Und Didi und ich waren langsam. Sehr langsam.
Um die um eine Stunde verlängerte Zeitvorgabe zu erfüllen, darfst Du im Schnitt nicht mehr Zeit brauchen als 14 Minuten, Pausen inklusive. Und wir waren nach einem Viertel der Strecke schon kumuliert bei über 18 Minuten. Da begann ich darüber nachzudenken, dass wir eventuell keine Finisher werden könnten. Und da begann ich auch, zu treiben, zu ziehen und einen Schlag schneller zu laufen. Es endete aber immer damit, dass wir eben frisch gewonnenen Raum durch ein Atem-Päuschen schon wieder verloren.
Nach 13.8 Kilometern kamen Didi und ich dann überein, dass das wohl nichts ist an diesem Tage in dieser Situation an diesem Berg und ich bat den direkt vor uns laufenden Detlef, Didi zu übernehmen.
Und ich hatte noch fast 30 Kilometer Zeit, ein wenig Luft zwischen die rote Laterne und mich zu bringen. Lange war da aber niemand. Aber dann traf ich die ersten Läuferinnen und Läufer, später überholte ich dann Grace Sacher und ich überholte und überholte und muss mich wohl für die vor mir Laufenden wie eine Lokomotive angehört haben, die laut schnaubend und donnernd durch das Gebirge fuhr. Meistens ließ man mich sofort passieren.
Und weil jeder Loop auch einen Wendepunkt hat, ging es irgendwann zurück, ein steiles Sandstück herunter, nicht aber, ohne zuvor einen Panoramablick zu bieten, wie Du ihn nur sehr selten hast. Dieser Ausblick, gepaart mit echtem Kaiserwetter, wäre schon allein die Mühe Wert gewesen, dorthin zu laufen.

Nach der zweiten Labestation, wieder mit CLIF Bars, Red Bull, viel Wasser und etwas Iso, ging es daran, aus meiner kumulierten Zeit, die ich auf 15 Minuten 30 Sekunden gedrückt hatte, eine gute Zeit zu machen. Da kam der lange und flach abfallende Forstweg bis nach Mandalfen gerade recht. Unter fünf Minuten pro Kilometer lief ich die vielen Kilometerchen ins Tal und drückte die kumulierte Zeit auf 12 Minuten und 14 Sekunden, immerhin.
Das Ziel war auch die Durchgangsstation für die Zwischenzeit-Messung und auch die dritte Labestation, gekrönt mir schon trinkfertig eingeschenkten Bierbechern mit alkoholfreiem Erdinger Weißbier. So ein Becher musste natürlich rein, kühl, köstlich, aufbauend.
Es ging noch zwei weitere Kilometer leicht abwärts, ich trabte gemeinsam mit Karin Walder und ich dachte, dass ich für die noch anstehenden 15 Kilometer vielleicht noch 3.30 Stunden oder 3.45 Stunden benötigen würde, nachdem die ersten 27 Kilometer mit 4:50 Stunden trotz des langsamen Starts so gut gelaufen sind. Das aber war eine klassische Fehleinschätzung.
Gut, es waren, als es nach links in den Berg ging, ziemlich genau 1.000 Höhenmeter, die zu bewältigen waren. Und weil das Pitztal kein Tal wie andere ist, sondern eher ein in Länge und Breite geschrumpftes Tal, ist da alles steiler rauf und runter als anderswo.

Beim Aufstieg sammelte ich Läufer ein wie selten und ich fühlte mich gut. Dank des Thames Ring und dank der Darmerkrankungen vor und nach diesem Event hatte ich am vergangenen Freitag das niedrigste Gewicht auf die Waage gebracht, das ich seit meiner Jugend hatte. Und das hilft sehr beim Aufstieg. Trotzdem war ich am Ende froh, dass es vorbei war. Gerade die letzten dreihundert Höhenmeter in der Sonne waren extrem steil. Meine kumulierte Zeit sank trotz der 1.000 Höhenmeter auch nur auf 13 Minuten und 49 Sekunden je Kilometer ab.
Und von nun an geht es ja „nur noch runter“.

Dieser Downhill aber war der härteste Downhill, den ich je erlebt habe. Nicht einmal die schwierigen Passagen des PTL oder des TdG hätten da mithalten können. Steinig und wirklich supersteil am Anfang, dann kamen längere Passagen über Schneefelder, insgesamt sicher ein Kilometer lang. Da war das Rutschen auf dem Hintern oft noch die beste Idee, ansonsten musst Du Deine Hacken fest in den Schnee drücken und mutig viel Körpergewicht drauf geben. Feigheit wird sofort bestraft, insgesamt drei Mal durfte ich den Boden küssen.
Noch schwerer als diese Downhillpassage auf dem Schneefeld war aber eine Schneefeld Querung an einem recht steilen Stück. Jeden Fuß bewusst und kontrolliert aufsetzen, langsam sein, denn wenn Du da ausrutschst, dann findest Du Dich am unteren Ende des Schneefelds wieder.
Meine kumulierte Zeit erhöhte sich permanent.
Mann, dachte ich, Du bist nicht einmal in der Lage, im Downhill eine kumulierte Zeit von 13:49 nach unten zu korrigieren? Wo bist Du hier?

Irgendwann war der Schnee weg und das nasse Gras begann. Die Latschenkiefern begannen. Und unter denen mussten wir durch. Jeder Läufer über 120 Zentimeter Körpergröße hatte damit seine Probleme und viele Läufer haben am Ende eine Blessur auf der Stirn gehabt. Du schaust nach unten, weil es steil ist und matschig, steinig und nass. Du schaust aber auch nach oben, weil immer wieder die Latschenkiefern Brücken gebaut haben. Und so ging es rund 1.300 Höhenmeter bis hinunter ins Tal. Endlos.
Im Tal angekommen hatte ich eine kumulierte Zeit von 14 Minuten und 45 Sekunden erreicht. Mit einem einfachen Dreisatz wäre jetzt auszurechnen, wie lange ich effektiv für jeden Downhill-Kilometer gebraucht habe. Ich kann es nicht mehr, ich will es auch gar nicht wissen, es ist einfach zu traurig.

Unten im Tal ging es dann erst einmal rund 300 Meter lang nach links zur letzten Labestation beim Kilometer 36. In dieser Phase kam mir Stefanie Lieb entgegen, die beim 95 K Ultra an dieser Station aufhören musste, weil sie die Cut-Off Zeit überschritten hatte. Steffi die Schnelle hat den Cut-Off nicht erreicht!
Beim 95 K Ultra haben insgesamt sowieso nur 10 Teilnehmer die gesamte Strecke bewältigen können, die anderen wollten oder mussten vorzeitig unter die Dusche. Es soll wirklich niemand sagen, dass das im Pitztal kein Trail war oder das das einfach war!

9 Stunden und einige Minuten waren nun vergangen, die ursprüngliche Maximalzeit für den Marathon war abgelaufen, aber noch hatte ich ausreichend Zeit, das Ding innerhalb der „Bonus-Stunde“ fertig zu rocken. Noch 6 Kilometer Forstweg, permanent um insgesamt 300 Höhenmeter ansteigend. Ich entschied mich für eine Mischung aus Laufen und schnellem Gehen, ich holte Steffi ein, übholte noch drei oder vier andere Teilnehmer, aber auf halber Strecke ist dann doch das Entsetzliche geschehen: ich wurde überholt!
Seit der Trennung von Didi gab es nur Ranking-Verbesserungen und nun das!
Ich heftete mich an die Fersen des Delinquenten und schob ihn vor mir her. Er zog mich hinter sich her und ich kam nicht wieder ran, er kam nicht wirklich weg. Und so rannten wir am Ende immer schneller bis ins Ziel.

Ein langer roter Teppich, das riesige Red Bull – Tor, eine jubelnde Menge, etliche Hände, die ich abklatschen durfte, es war himmlisch. Und es war ein verdienter Lohn für insgesamt 9 Stunden und 45 Minuten „hardloop“, wie die Niederländer sagen.
Eine Veranstaltung war nun fast vorbei, die ihresgleichen sucht. Hochprofessionell organisiert, beste Wetterbedingungen, super trailige Laufstrecken, die mich bis an die Grenze forderten. Die anfängliche Sorge, ich könnte nach dem Marathon noch nicht ausgelastet sein, war unnötig. Es war genau das, was ich am Samstag brauchte. Und glücklicherweise auch nicht mehr.
Aber allem voran war es vor allem eines:

WAS FÜR EINE GEILE STRECKE WAR DENN DAS DA IM PITZTAL!
Tor

The TRA 250 Miles Thames Ring Race 2013

mrtrDas Rennen des Thames Rings wurde nach 2009 und 2011 heuer zum dritten Mal ausgetragen, immer im 2-Jahres-Rhythmus. Es gab einen fantastischen Streckenrekord für Männer aus 2009 und einen für Frauen, ebenfalls aus 2009. Was ich jedoch nicht wusste, dass es außer dieser Frau weder in 2009 noch in 2011 keine weitere Dame schaffte, den Ring zu vollenden.
Ich war schon 2011 dabei gewesen, damals schaffte ich es allerdings nur bis zum CP 3.

Für mich ist es oft sehr schwer, mich umzustellen, wenn die Verhältnisse, die ich vorfinde, so gar nicht mit meinen Vorstellungen davon übereinstimmen. Und das war damals in höchstem Maße gegeben. Wenn ich mir großartige Landschaften vorgestellt hatte, fand ich ich ein zweifellos romantisches Bild vom Kanal vor, mit Hausbooten darauf, mit viel Grün außen herum, wahrlich nicht schlecht, aber solch ein Bild, das sich über Stunden nicht verändert, ist schon eine gesteigerte Herausforderung an den eigenen Geist.
Zu dem kam die erstaunliche englische Ernährung, insbesondere die vegetarische Ernährung ging wirklich gar nicht.

„Nie wieder“ war also meine damalige Lernerfahrung gewesen. Dann aber sagte ich mir, dass ich, wenn ich meine Erwartungen ändern würde und für eine bessere Kost Sorge tragen würde, durchaus die Chance hätte, dieses Ding zu schaukeln. Es hatten ja auch ganz andere schon geschafft, Jack B. Liver zum Beispiel.
Er war es ja, der ursächlich dafür verantwortlich war, dass ich von diesem Rennen überhaupt erfahren habe. Das war im Spätsommer 2009 und ich kannte Jack damals noch nicht persönlich, er war aber Teil einer virtuellen Trainingsgruppe für den UTMB 2009, die Bernie Conradt mit seinen „Coolrunners Germany“ auf „WKW“ (wer-kennt-wen) eingerichtet hatte.
Läufer wie Jack waren darin, Kurt Süsser, Norman Bücher, Ralph Kölsch, Bernie Conradt, ich, Florian Bechtel und viele andere mehr. Jack war mir damals vor allem wegen seines Namens aufgefallen.
Wir tauschten damals Trainingstipps aus, Rennerlebnisse und Berichte über eigene Befindlichkeiten und am Ende hatten wir ein großes Treffen bei Pizza und Bier in Chamonix vor dem UTMB.
Was waren wir alle aufgeregt wegen dieses Hundertmeilers!

Teil meiner UTMB-Vorbereitung war, die 350 Kilometer der letzten Austragung des Swiss Jura Trails von Genf nach Basel zu bewältigen. Es war ein 7-Tage-Etappenlauf und ich war nicht alleine, weil Achim Knacksterdt ebenfalls dort teilnahm. Antje, seine Frau, war sogar im Staff des zweiten VP gewesen, eine tägliche kleine Freude, wenn Du den VP 2 erreicht hattest. Und da war da auch noch Katja.
Katja war eine junge und gutaussehende Läuferin, die an den ersten Tagen immer an den VPs von einem ebenfalls gutaussehenden und schlanken Mann mit einem Küsschen empfangen wurde.
Ihr Freund, dachte ich damals, hätte ja auch mitlaufen können. Eine Läuferfigur hatte er zumindest.

Am Ende der 7 Etappen, wieder zu Hause, las ich im WKW den Bericht von Jack B. Liver über das 250 Miles Thames Ring Race, 400 Kilometer nonstop, was für eine gewaltige Distanz! Er benötigte rund 99 der maximalen 100 Stunden und schloss seinen Bericht mit den Worten: „… aber jetzt muss ich Schluss machen und nach Genf fahren. Meine Freundin Katja startet dort morgen früh beim Swiss Jura Trail.“
Ich kam mir so klein, einfältig und lächerlich vor, verstand, vor einer Woche Jack live gesehen zu haben und ich begriff, warum er nicht einer der Swiss Jura Trail – Teilnehmer war, nicht sein konnte.
Heute sind Katja und Jack schon lange kein Paar mehr, aber immer, wenn ich Jack treffe, denke ich an diese kleine Geschichte.
Und seither verfolgt er mich, der Ring.

TRAls ich mich 2013 angemeldet habe, schrieb Anthony, einer der beiden „Big Guys“ des Events, dass er sich noch an meine negative Wertung aus der vergangenen Veranstaltung erinnern würde und so würde er sich wundern, dass ich wieder dabei sein wolle. Na ja, niemand ist alt genug, um nicht noch etwas lernen zu dürfen.
Um mehr eigene Motivation zu haben, bin ich dann auch gerne der Einladung von Inka Orth, der Vorsitzenden des „Bunten Kreises Bonn / Bad Neuenahr“, gefolgt, einen Spendenlauf aus diesem Rennen zu machen. Wir alle schulden dieser Gesellschaft, die uns alle überdurchschnittlich verwöhnt, unseren Teil dazu zu tun, dass es für die, die es nicht so gut haben, Hilfsangebote gibt. Deshalb spenden wir, deshalb sammeln wir spenden, deshalb engagieren wir uns ehrenamtlich hier oder da.
Die Zeit war nur recht kurz gewesen, die uns für die Umsetzung blieb und mein Laufprogramm vor dem Event ließ mich kaum zu Hause sein, dennoch fanden wir schnell einen Namen für das Projekt („Füße tragen Leben“), der vielseitige Stephan Maria Glöckner, seit Jahren ein guter Freund, schuf ein Logo dazu. Der Comedian Luke Mockridge übernahm die Schirmherrschaft, Facebook, der Generalanzeiger Bonn, die Wochenzeitung Blickpunkt, die Webseiten soq.de und meinestadt.de, die Organisatoren des Ahrathon und viele andere engagierten sich in unserer Sache. Heraus kam ein gutes Ergebnis für unser „erstes Mal“.
Vom ersten bis zum letzten Kilometer waren die Kilometerverkäufe am Ende gediehen, lediglich dazwischen gab es noch Lücken, die wir gerne gefüllt gesehen hätten. Aber noch während meiner Anreise nach England konnte ich zwei Kilometer an ganz, ganz liebe Lauffreunde verkaufen. Das war für mich neue „Motivation pur“.

FTLMeine Gabi hatte sich ja irgendwann dazu entschlossen, nachzubuchen und mich zum Event zu begleiten. Zwar hatte ich klare Vorstellungen, wie ich das Ernährungsproblem lösen wollte, so aber war das alles noch viel besser. Wie wichtig diese Unterstützung gerade in den beiden letzten Nächten werden sollte, erzähle ich aber erst in einer der folgenden Geschichten. Und weil wir nun zu zweit waren und weil Gabi ja den Ring abfahren wollte, mieteten wir noch ein kleines Auto und es war egal, dass wir im Internet irrtümlicherweise einen falschen Mietzeitraum angegeben hatten. Die Dame am Hertz- Empfang bügelte das alles wieder aus.

In England dann fanden wir nach langer Suche auch noch ein Hotelzimmer für die Nacht zum Event, alles passte.
Und wenn einem so viel Gutes geschieht, dann kann der Lauf selbst auch nur gut werden, dachte ich …
FTL