Die Würde des Menschen ist unantastbar …

65 Jahre deutsches Grundgesetz

Der ZEIT ONLINE ist es zu verdanken, dass ich unter dem Titel „Danke, Navid Kermani“ die mich tief bewegende Rede des deutsch-iranischen Schriftstellers Navid Kermani lesen konnte, im Archiv des Bundestages.
Ein direkter Link dorthin sparte mir Zeit bei der Suche.
Die Rede wurde zur „Feierstunde 65 Jahre Grundgesetz“ gehalten und ist, so der Journalist und Kommentator Lenz Jakobsen, im positivsten Sinne des Wortes „ungeheuer, voller Liebe und Wut.“
Für mich als Kind eines Einwanderers und einer Deutschen ist sie auch deshalb so bewegend, weil sie uns zeigt, dass beispielsweise der große Willi Brandt wohl keine Chance im Krieg gehabt hätte, wenn andere Staaten das Asylrecht damals ähnlich ausgehöhlt hätten, wie wir es 1993 taten. Edward Snowden hätte bis damals noch ein Recht auf Asyl in Deutschland gehabt.Bundestagi.Lenz Jakobsen schreibt weiter über diese Rede: „Ein Fraktionsvize erträgt das nicht, Deutschland aber sehr wohl …“
Ich glaube, dass es mehr als die zum Lesen aufzuwändende Zeit wert ist, diese Rede, die ich im Wortlaut unten eingefügt habe, komplett zu lesen. (Dabei danke ich an dieser Stelle herzlich dem Pressereferat des Bundestags für die Betreuung von Presse, Rundfunk und Fernsehen dafür, diese Rede in Gänze kopieren und verbreiten zu dürfen.)
Hinweis in eigener Sache: Marathonundlaenger.de soll im Wesentlichen ein Laufblog bleiben, solch ein Highlight deutscher Sprache, europäischer Kultur und bewundernswertem Weltbürgertums aber muss hier auch einmal Platz finden, vor allem dann, wenn auch der Inhalt uns als leuchtender Stern in der Zukunft leiten kann, soll und darf.

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I Think The Answer’s Yes

Relativ kurz nach dem unglaublichen Lauf auf der spanischen Insel „die Größere“ (Mallorca) nun ein Lauf auf der spanischen Insel „die Kleinere“ (Menorca), wobei der Trail auf „die Größere“ kürzer ist wie der auf „die Kleinere“.

Erst einmal etwas über die Lage der Insel:
Neben den Inseln Mallorca und Menorca, die beide die Gymnesischen Inseln darstellen, gehören auch noch die Inseln Ibiza und Formentera, die beide zur Inselgruppe der Pityusen gehören, zur spanischen autonomen Region Balearen. Cabrera, die „Ziegeninsel“, eigentlich ein vorgelagerter Teil von Mallorca, gehört mit seinen rund 20 Einwohnern auch noch zu dieser autonomen Region.

Wie auf Mallorca gibt es auch auf Menorca das Tramuntana-Gebirge im Norden, im Süden liegt Migjorn, das Hügelland. Der Trail Camí de Cavalls (katalanisch für „Weg für Pferde“) ist ein Fernwanderweg auf Menorca, er ist 185 Kilometer lang und trägt im Fernwander-Wegenetz die offizielle Bezeichnung GR 223. Am Wochenende vom 16.-18. Mai sollten wir Trailläufer auf den fünf Streckenlängen von 32 Kilometern bis zu 185 Kilometern die Pferde sein.
CdCNach so viel unnützem Wissen komme ich nun aber doch zu etwas Text über den Lauf, auf den ich mich schon lange freute..

Es war am Donnerstag, dem Tag vor dem Start zum Menorca Ultra Trail.
Wir, das waren Michael (Michi) Raab, seine Lebensgefährtin Kathrin und ich, bewegten uns zur Startnummernausgabe. Das sollte kein Problem sein, dachten wir, immerhin hat Michi diesen Lauf ja in 2013 erfolgreich gefinished.
Wir fanden auch schnell die Zielgegend aus dem Vorjahr, die Halle, in der die Startunterlagen 2013 ausgegeben wurden, zu finden, war schon ein wenig aufwändiger.
2013 war das bei Michi auch schon schwierig gewesen, er war zuerst in der falschen Sporthalle, in der gegenüber dem Hallenbad, und musste dann quer durch die Stadt in die Halle auf der anderen Stadtseite, in die gegenüber dem großen Supermarkt.
Dank einer Eingebung aber erinnerte er sich nun also an den Weg zu dieser Halle, zu der gegenüber dem großen Supermarkt, und dort waren wir dann zum Glück auch nicht alleine. Gleich drei andere Läufer waren dort genauso ratlos wie wir, weil die Halle geschlossen war.
Ein paar Telefonate später war dann klar, dass die Halle gewechselt wurde, weil sich die Teilnehmerzahl so dramatisch gut entwickelt hatte. Jetzt waren wir dann dort richtig, wo Michi noch vor einem Jahr falsch war.
Also erneut quer durch die Stadt, um dorthin zu kommen, in die Halle gegenüber dem Hallenbad.

Dort trafen wir dann gleich Victor, den Chef, den Initiator, den, der für all das verantwortlich zeichnet, was da auf dieser wunderschönen Insel in Sachen Ultralauf passiert. Victor ist ein richtig netter Zeitgenosse, einer, mit dem man sofort warm wird und dessen Freund man auch sofort werden will.
Wir schossen einige gemeinsame Fotos, quatschten über dies und das und natürlich auch über andere Läufer. Und Victor verriet uns, dass noch ein Thomas Dörr kommen würde, der wiederum für ein Laufportal schreiben würde. Für welches aber wusste er im Moment nicht.
Ich hatte ja Victors Wunsch, nach dem Lauf etwas über meine Erlebnisse zu schreiben, schon im Vorfeld positiv beantwortet und war gleich ein wenig eifersüchtig, dass er offensichtlich auch andere deutsche Läufer gebeten hatte, so etwas zu tun.
2014-05-16 08.02.42Es war am Freitag, frühmorgens, vielleicht eine Stunde vor dem Start. Noch war wenig los im Startgebiet und ich suchte Gesprächspartner. Und da war eine Niederländerin, die ihren zweiten Hunderter laufen wollte. Ihre ganze Familie war mitgekommen, um sie nach Kräften zu unterstützen und ihr Vater fotografierte erst mich vor der Startlinie und später dann bat ich ihn, erneut den Auslöser zu drücken, dann aber mit mir und Thomas Dörr.
Ihn sah ich alleine stehend und ich erkannte ihn an dem einen Tag zuvor gehörten Namen. Unter „Kollegen“ sprach ich ihn an und fragte ihn, für welches Portal er denn schreiben würde. „Ich schreibe nicht,“ antwortete er und ich war verdutzt. Wir sprachen weiter und er erzählte mir, dass er erst kurz aus dem Süden in den deutschen Westen gezogen sei und sich Eigentum in der Grafschaft gegönnt habe.
In der Grafschaft?
2014-05-16 08.23.32Und da dämmerte es mir, dass Victor mich Thomas aus der Grafschaft mit ihm Thomas aus der Grafschaft verwechselt haben muss. Ich begann, mich darüber zu freuen, dass Victor meine Berichte offensichtlich doch wohl gut fand und dass er sich wahrscheinlich wirklich über meinen noch ungeschriebenen Bericht über den Menorca Ultra Trail Camí de Cavalls freuen würde.
Was er und ich aber noch nicht wussten, ist, dass es diesen so nie geben würde.

So kam es also, dass bei drei deutschen Startern, Michi Raab auf dem 100 Kilometer Trail, Thomas Dörr und ich auf den 185 Kilometern, zwei TRAIL-MANIAKS dabei waren, zwei Thomas und zwei aus der kleinen Grafschaft in Rheinland-Pfalz.

Dass ich mich überhaupt entschlossen habe, nach Menorca zu fliegen, um diesen Lauf zu bestreiten, hat seinen Grund in einem wunderbar warmen Abend in Michis Münchner Wohnung. Wer weiß, dass ich keinen Alkohol trinke, dem sei gesagt, dass ich für das Ausbrüten verrückter Ideen keinen Alkohol brauche. Gute Gespräche über schöne Trails auf dieser kleinen Welt führen bei mir schon schnell zu einer ganz eigenen Art von Betrunkenheit.
Und weil ich immer Angst vor den Entzugserscheinungen habe, sollen diese Gespräche auch niemals enden …

Michi erzählte also davon, wie schön dieser Trail sei, wie fantastisch diese Insel wäre und wie wunderbar nett die Organisatoren waren. Und er sagte, dass wir das unbedingt einmal gemeinsam machen sollten.
Trotz unserer menschlichen Nähe, die uns seit Anfang 2010 verbindet, hindert uns leider die fehlende räumliche Nähe daran, auf den Trails allzu viel gemeinsam anzustellen.
Da war ein Rennsteiglauf, eine Tagesetappe beim TransAlpineRun und da war der Lauf auf Mallorca 2012. An mehr erinnere ich mich nicht, der Rest musste immer telefonisch erledigt werden. Oder eben an wunderbar warmen Abenden in München.
Aber all das macht nichts. Wenn man sich im Geiste nahe ist, dann ist auch eine räumliche Entfernung lediglich eine Schwierigkeit, definitiv aber kein Hindernis. Und Schwierigkeiten überwinden üben wir ja alle bei unseren Läufen.

Ein, zwei Mal haben wir dann noch über Menorca geredet, aber uns konkret dort einschreiben wollten wir dann doch irgendwie nicht, scheinbar. Aber irgendwann Anfang 2014 berichtete Michi mir davon, dass er jetzt auf der Starterliste stehen würde und diese Reise mit einem längeren Besuch, einem kleinen Urlaub bei Kathrins Tante auf deren Gut in Portugal verbinden würde.
Für Julian, den gemeinsamen Sohn, sollte es die erste weite Reise sein.

Ab dann war ich in der Pflicht, aber auch in der Zwickmühle. Über so etwas wie eine Auslandsreise reden ist das Eine, sich wirklich dafür entscheiden ist das Andere. Es war ja leider ein Wochenende, an dem ich eigentlich hätte arbeiten müssen. Und ich hatte keinen Ersatz für mich, scheinbar.
Dann aber, als ich doch eine kleine Chance auf eine Realisierung sah, habe ich mich dort sicherheitshalber schon mal eingeschrieben, um mir selbst etwas Druck zu machen. Und dann, als mein Sohn Pascal sich bereit erklärte, für mich zu arbeiten, buchte ich, nach der Zustimmung meiner „besseren Zweidrittel“ auch noch die Flüge dazu. Es war eine gute Entscheidung, eine meiner besten in diesem Jahr.

Menorca ist zweifellos eine Reise wert, oh mit Laufen oder ohne. Diese spanische Insel verzaubert Dich mit einer unvergleichlichen und wechselhaften Landschaft auch deshalb, weil die Verantwortlichen dort schon früh begriffen haben, dass Massentourismus auf Dauer nur wenig bringt. Massentouristen sind wie Heuschrecken, die sich dort niederlassen, wo sie scheinbar für ihr Geld das meiste erhalten, am liebsten „all inclusive“.

Zurück zum Trail. Zurück zum Start, alles wieder auf Anfang.
Michi kam 20 Minuten vor dem Start an, ich machte Thomas Dörr und ihn miteinander bekannt, aber ich bin nicht sicher, ob ich Michi auch erkärt habe, welche Zufälle zusammen spielen mussten, damit wir beide,  in diesem Fall ich Thomas aus der Grafschaft und er Thomas aus der Grafschaft,  realisierten, dass wir, die einzigen Ultraläufer der Grafschaft, gemeinsam auf Menorca am Start standen und dass wir uns, kaum drei Kilometer von einander entfernt wohnend, ausgerechnet dort vor dem Start kennen lernen konnten.

Mit Michi laufen wollte ich nicht. Er wollte sowieso „nur“ die kurzen 100 Kilometer Trailsprint laufen, außerdem wollte er auf Zeit laufen, angreifen, um mindestens in die Top Ten zu kommen. Zehnter werden hat er am Ende dann doch nicht geschafft, als Altersklassenerster wurde er Gesamtzweiter. Wahrscheinlich war dieses Übertreffen des Ziels psychisch kein allzu großes Manko, bleibende Schäden und eine nennenswerte Erosion des Selbstwertgefühls sind also nicht zu erwarten.
Und dieser zweite Platz wurde ihm dann mit einer wunderschönen Trophäe versüßt. Die hätte es ja auch nicht gegeben, wenn er „nur“ Zehnter geworden wäre.
Michi hat sich also mal wieder als ein TRAIL-MANIAK mit Vorbild-Charakter gezeigt, so hat er auch das Recht und die Pflicht, die Mädels und Jungs vom TRAIL-MANIAK Lauftreff München ein wenig zu ziehen und zu quälen, aber nur so weit, dass man gefordert ist, der Spaß aber nicht vergessen wird.
2014-05-28 20.22.05Also lief ich mit Thomas Dörr. Zwei Grafschafter auf dem Weg von Ciutadella nah Ciutadella, zwei Grafschafter, die beide dieses Ziel nicht sehen würden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich blieb bei Thomas bis zum ersten Verpflegungspunkt. Dazwischen lief er mir immer wieder davon, wenn ich Fotos machte. Und eine Lücke von wenigen Metern zulaufen ist doch schwerer, als man denkt.
Dann aber verschwand ich eher aus dem Verpflegungspunkt als er und ich sah ihn danach auch nicht mehr wieder, leider.
Heute weiß ich, dass er am Ende nur rund eine halbe Stunde hinter mit lag, wahrscheinlich hätten wir zusammen bleiben sollen.
Hinterher ist man halt immer schlauer …

Beim Lauf selbst ging es mir fantastisch. Ich fühlte mich gut und ich war komplett schmerzfrei. Ein Aussteigen am 100 Kilometer Punkt war vollkommen undenkbar, auch deshalb nicht, weil mich die Landschaft so faszinierte.
Aber die Strecke, die Temperaturen und das Profil waren alle härter als ich das erwartet hatte. Und mir saßen das Wissen um das Endspiel im DFB-Pokal, das am Samstagabend übertragen wurde und das ich so gerne sehen wollte, im Nacken.
Ich erlebte, deutlich langsamer zu sein, wie ich es erwartet hatte und wähnte, meinen Plan voraussichtlich nicht erreichen zu können, das demotivierte mich.

Die Strecke aber war ein Traum. Die Szenerie wechselte ungefähr alle 10 Kilometer, ein Tal war schöner als das andere, ein Ausblick auf die Insel schöner als der nächste.
Aber ich stürzte schon nach 25 Kilometern und die Wunde am Ellenbogen des rechten Arms wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ich wollte mal wieder ein „nice guy“ sein, als ich beschleunigte, weil ein vor mir laufender Kollege für mich eines der unzähligen Gatter aufhielt, um es mir leichter zu machen. Um ihm ein paar Sekunden zu ersparen, hektikte ich Richtung Tor, allerdings ohne auf den Boden zu achten und so lernte mein Ellenbogen die Härte und den Staub des Bodens kennen und ich schlug mit dem Kopf gegen das Gatter. Nur meine neue X-Kross Sportbrille verhinderte, dass ich auch im Gesicht verletzt wurde.
Der Kratzer auf der orangenen Sichtscheibe heilt hoffentlich noch irgendwann. Für den GUCR habe ich jetzt erst einmal auf die Radfahr-Scheiben umgestellt.
Ich ersparte dem unbekannten Läufer also keine Zeit, sondern ich hielt ihn auch dadurch auf, weil er sich nun erst einmal um mich kümmern musste, dafür hatte ich meinen Laufpartner für die nächste Etappe des Laufs gefunden.

Beim Lauf ging es mir dann nicht mehr so gut. Ich litt unter der Hitze, die Oberschenkel schmerzten und ich begann, mir Sorgen zu machen wegen der 145 Meilen beim GUCR (Grand Union Canal Race), das am nächsten Wochenende folgen würde. Meine Aufenthalte in den Verpflegungspunkten wurden länger und ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, dass ich langsamer und langsamer wurde.
Zwar lief ich noch immer in der gleichen Liga wie die Mädels und Jungs um mich herum, da waren zwei, die ich immer laufend überholte, beim nächsten Berg aber zogen die beiden wieder an mir vorbei. Solch ein Spiel kann man stundenlang spielen, es erweckt aber den Eindruck, dass Du Stück für Stück nach hinten durchgereicht wirst.

Harte Trails, sandige Passagen über die zauberhaften und vollkommen leeren Strände des Nordens, eingebettet in aufregende Felsformationen und weit entfernt von menschlichen Ansiedlungen, Holztreppen, die schön, aber auch sehr heftig waren und dann kamen knapp 10 Kilometer, vor denen schon ein Schild auf dem Tisch des Verpflegungspunktes davor gewarnt hatte. Auf Deutsch!
Es waren die einzigen deutschen Worte, die ich auf Menorca gelesen habe und die waren tatsächlich wahr. Aber auch diese Etappe ging vorüber.
2014-05-16 13.11.04

Beim Lauf ging es mir dann richtig schlecht. Ich haderte an mir und an meinem Tempo. Das GUCR, das Pokalendspiel, die Hitze des nächsten Tages, die nässende Wunde am Ellenbogen, die Oberschenkel und nicht zuletzt das Gefühl, nun wirklich niemanden mehr hinter mir zu haben, ließen mich an Alternativen denken.
Ich fand einen dritten und letzten Laufpartner, mit dem ich in den Verpflegungspunkt bei 100 Kilometern einlief. Nach 15 Stunden und 3 Minuten!
Ich hatte in diesem Moment fast schon genug, also fragte ich, ob ich den Bewerb switchen könnte. „Ja“, sagte die Lady dort, „ich nehme Dich auf die 100 K Liste“. Ich bekam das Finishershirt und später auch die Medaille und dann gönnte ich mir die weiche Matraze, die mich sicher und warm durch die Nacht gebracht hat.

Thomas Dörr stieg, wie ich später erfahren habe, auch bei 100 K aus. „Falsche Schuhe, falsche Einstellung, andere falsche Entscheidungen“ schrieb er mir. Und so kam es, dass alle deutschen Teilnehmer nicht über die 100 K heraus kamen und wir alle in Es Grau, einem Städtchen nahe der Hauptstadt Maó, das Ende unserer Läufe fanden.

Für Michi, der mit einer so guten Platzierung wohl nicht gerechnet hatte und seinen Rückflug nach Deutschland schon auf einen Zeitpunkt vor der Siegerehrung terminiert hatte, nahm ich stellvertretend die Ehrung als Altersklassen-Sieger in Empfang. Dabei freute ich mich ein wenig darüber, in der nächstjüngeren Altersklasse noch eine einigermaßen gute Figur zu machen.
Und ich nahm, wieder stellvertretend für Michi, auch die Ehrung als Gesamtzweiter in Empfang. Dabei freute ich mich aber gar nicht, ich fühlte mich eher unwohl. Auf dem Podest des Altersklassen-Siegers stand ich ja schon manchmal, ein Mal sogar ganz oben, auf dem Podest der Gesamtsieger aber war ich noch nie. Und da werde ich auch nie hinkommen, außer Umstände wie auf Menorca führen mich da hinauf, um andere zu vertreten.
2014-05-18 13.02.03Für Thomas Dörr war dieser Trail sicher eine Lernerfahrung, die ihn in eine läuferisch großartige Zukunft führen wird und für mich war Menorca auch ein Signal, auf mich selbst zu achten und immer, wirklich immer, unterhalb meiner Möglichkeiten zu laufen. Denn nur dann hast Du noch Kraft für die Kilometer, die nach dem 100 Kilometer Sprint, nach dem 100 Kilometer Bambini-Lauf, kommen.
Und mit diesem Bewusstsein flog ich nach England, nach Birmingham, wo der Start zum GUCR war.

Auf den Heimflug wartend amüsierte ich mich noch darüber, dass es zwar keinen Direktflug von Deutschland aus nach Menorca gibt, wohl aber einen von Birmingham, dem Startort des GUCR. Ich hätte also gleich dort diesen Flieger besteigen können und ich hätte mir so viel Zeit gespart.

Und eine weitere positive Überraschung erlebte ich nach dem Menorca Trail Costa Nord.
Ich war nicht der Einzige, der sich in diese Insel und in diesen Lauf verliebt hat.
TRAIL-MANIAK organisiert für 2015 eine Gruppenreise nach Menorca.

Und wenn die TRAIL-MANIAKS mich fragen, ob ich dabei bin?
Dann würde ich wohl an das zauberhafte Lied der Gruppe „The Beautiful South“ denken und ich glaube, die Antwort wäre „Yes“.

MP3-Soundplayer „The Beautiful South – I think the Answer’s Yes“ – hier klicken …

Und wie wäre Deine Antwort?

Die Bildergalerie zu diesem Lauf:
Menorca_GalerieMenorca_Galerie

Die Eifel ist überall

2014-05-03 14.32.17Der „The Trail Yonne“ – was für ein schönes Bild hatte ich mir von diesem Trail gemacht!

Im Burgund laufen, das regt die Phantasie an, es klingt nach weiten und steilen Weinbergen und nach großen, alten, herrschaftlichen Weingütern. Man stellt sich eine hügelige Landschaft vor, in der Forstwege durch die riesenhaften Weinberge führen.
Es hätte also alles so schön sein können dort an der Yonne im französischen Burgund.
Aber es war irgendwie wie in der Eifel.
2014-05-03 14.45.03Wir liefen über Wiesen und Felder, durch hohes Gras oder durch riesige Wälder und wir liefen einfach über Äcker, Kilometer für Kilometer. Und ständig dachte ich, dass ich das auch in der Eifel hätte haben können, direkt vor der Haustüre und nicht rund 500 Kilometer von zu Hause entfernt.
Und auch anderes war ähnlich wie in der Eifel:
ich verstand niemanden richtig!
Mein deutlich eingerostetes Schulfranzösisch ist nicht mehr viel besser wie mein Verständnis für „Eifler Platt“, im Zweifel, wenn schnell gesprochen wird, verstehe ich nur wenig bis gar nichts.
2014-05-03 15.17.06Das heißt aber nicht, dass die Strecke nicht schön gewesen wäre, schön im herkömmlichen Sinne. „The Trail Yonne“ versprach Trails und wir bekamen reichlich Trails, nur eben welche, die so gar nicht zu dem Bild passten, das ich mir vor dem Lauf davon gemacht hatte. „Du sollst Dir kein Bild(nis) machen,“ heißt es ja schon in den 10 Geboten, schon gar nicht von Ultratrails.
Du kannst nur enttäuscht werden …

Es gab viele knackige Anstiege, keine langen, eher stramm-kurze, die Dir erst nach und nach die Energie aus dem Körper saugen. Am häufigsten aber ging es über leicht ansteigende Wiesenwege. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich die wirklich nicht mag. Ich mag es, wenn es flach ist und ich gemächlich traben kann. Und ich mag es, wenn es mindestens einigermaßen steil rauf geht, zumindest so steil, dass man, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne sich umzudrehen, um nachzusehen, dass auch wirklich niemand zusieht, auf zügiges Gehen umstellen kann.
Aber die Anstiege, die eigentlich keine sind, die ich aber nur mit viel Mühe und Überwindung laufen kann und die ich am liebsten gehen würde, die Anstiege, bei denen ich immer froh bin, wenn ich einen Laufpartner habe, der noch ein paar Meter vor mir auf das Gehen umstellen will und ich mich dankbar anschließen kann und die Umstellung vor mir selbst mit dem Laufpartner rechtfertigen kann, diese Anstiege hasse ich.
Und wenn es davon sehr, sehr viele gibt und wenn ich gleichzeitig keine Laufpartner finde, dann leidet auch meine innere Einstellung zu einem Lauf.

Und Laufpartner waren wirklich nicht zu sehen. Alleine bei 40 Kilometern lief ich eine Weile mit einem jungen Mann aus Paris, der italienische Wurzeln hat und dessen Eltern sich strategisch günstig in Chamonix und in den Pyrenäen angesiedelt haben. Er war einer der ganz wenigen, der nicht vor Schreck erstarrt ist, wenn ich, nachdem ich angesprochen wurde, mit meinem Lieblingssatz: „In English please …!“ geantwortet habe. Und sein Englisch war sogar ganz ordentlich.
Leider war er mir zu schnell, zumindest in dieser Phase.

Ich hatte beschlossen, zwischen dem 40. und dem 58. Kilometer meine Krise zu nehmen. Andere werfen sich Gels ein, ich wollte es mit einer psychischen Krise versuchen. Wenn Du das machst, dann merkst Du schnell, dass diese Maßnahme wesentlich schneller ihre negative Wirkung zeigt als die Gels eine positive Wirkung zeigen würden.
Die Kunst, unglücklich zu sein, kann also auch auf Ultratrails geübt werden. Bestimmt hat österreichische Psychologe Paul Watzlawick Ultratrails im Auge gehabt, als er seine „Anleitung zum Unglücklichsein“ geschrieben hat. Die brauchte ich aber gar nicht, das ging auch so ganz gut ..

Diess Ml hbe ih abgekrzt …

Hintergrund dieser Krise war das Briefing kurz vor dem Start. Der Erzählende wies in schnellem und gutem Französisch darauf hin, dass diejenigen, die die 110 K doch nicht laufen wollten, in Villeneuve sur Yonne auf das 85 K Rennen switchen können. So viel Französisch verstand ich dann doch, das zu realisieren. Und weil ich dachte, dass ich eigentlich schon genügen Eifelberge gelaufen war, überlegte ich, dieses Angebot anzunehmen und den 25 K Loop, der von Villeneuve sur Yonne nach Villeneuve sur Yonne ging, einfach auszulassen.

Und da saßen doch tatsächlich die beiden Geister auf meinen Schultern, das kleine Teufelchen, das mir in epischer Breite die vielen Vorteile einer Verkürzung verkündete. „Einlaufen gegen drei Uhr, schön schlafen, wenn es noch dunkel ist,“ hieß es da. „Du hast in der letzten Zeit wirklich genug getan,“ hieß es außerdem und da kamen auch Sätze wie: „Du bist heute so schlecht drauf, die 16:40 Stunden für die 110 K schaffst Du so sowieso nicht.“ Das Teufelchen ließ mich glauben, mich ganz hinten im Feld zu befinden, bestenfalls waren zwei, drei Wanderer noch hinter mir.
Und da war da auch noch der gute Geist auf der anderen Schulter, der mich von meinem Vorhaben abbringen wollte. Der war aber irgendwie rhetorisch nicht so gut drauf und kaum zu verstehen. Vielleicht zu viel „Eifler Platt“?

Und da traf mein Kopf die Entscheidung, mich sehr, sehr langsam zu machen. Ich konnte den Läufern, mit denen ich schon seit Stunden hinterher gelaufen war, plötzlich nicht mehr folgen, die Oberschenkel begannen zu brennen und jeder Schritt wurde schwer.
Wie viel Zeit, dachte ich, wird Dir dieser junge und unerfahrene Bursche abnehmen?
Ich wusste, dass ich ihn nicht mehr sehen würde. Und auch damit hatte ich Recht.

Es ist ja immer unser Kopf, der emotional getroffenen Entscheidungen rational zu begründen versucht und Dir das Gefühl gibt, richtig gehandelt zu haben. Ob Du also einen Lauf packst oder nicht, das entscheidet nie Dein Körper. Nur wenn Du Deinen Kopf steuern kannst, darin stark bist, dann bist Du auch ein guter Ultraläufer. Und wenn Du im Kopf eher weich und schwach bist, dann sind wir da in einer Liga.

Ich war fast am Ende, als endlich Villeneuve sur Yonne kam und ich überlegte, wie ich die noch kommenden 27 Kilometer (K 85) oder sogar 52 Kilometer (K 110) bewältigen sollte. Es schien mir unmöglich, bestenfalls mit ausgedehntem Wandern zu machen. Also sprach ich mit den Veranstaltern, an dieser Stelle von 110 auf  85 zu wechseln. Eine Entscheidung war getroffen, ich fühlte mich wie befreit, befreit von dem Entscheidungsdruck.
Und ich lief mit einem älternen Franzosen aus dem Verpflegungspunkt heraus und ich wünschte ihm dann noch Spaß und Erfolg beim Lauf, ich müsste ja nun ganz, ganz langsam machen. Das tat ich auch, aber er entfernte sich nicht signifikant von mir. Und nach vielleicht einem Kilometer ging es mir wieder gut. Der gute Geist und das Teufelchen hatte ich ja am Verpflegungspunkt zurück gelassen, ich hatte keinen Druck mehr und ich lief und lief und lief, vorbei an dem älteren Franzosen und überhaupt an sehr vielen, die da noch vor mir waren.
Die kumulierte Gesamtgeschwindigkeit sank sogar von 8:04 Minuten auf am Ende 8:02 Minuten, trotz einiger besonders schwerer Anstiege.

Ich errechnete in Villeneuve sur Yonne, dass ich bei einer 10er Zeit im Durchschnitt um 3 Uhr drin sein würde und diese hochgerechnete Zeit wurde besser und besser und ich wäre sogar noch vor 2.30 Uhr drin gewesen, wenn nicht am Ende noch 1,6 Kilometer dazu gekommen wären.
Ich lief in dieser Phase fast mit dem Zweitplatzierten des 110 K Rennens, Verriere Emmanuel, der vielleicht 15 Kilometer vor dem Finish auf mich auflief und dem ich lange als Pacemaker folgen konnte.

Am Ende waren es 25 Kilometer weniger als geplant. Aber statt der 16:40 Stunden, die ich prognostiziert habe, sind es dann weniger als 11:40 Stunden geworden. Das hätte also alles gepasst. Aber ich habe es nicht getan. Und das ärgert mich schon sehr.
Die Gesamtzeit von 11:35 Stunden aber freut mich genauso wie der 29. Platz von allen und der 3. Platz der Altersklasse V2H (Veterans 2, Homme).
Den jungen Mann, dem ich bei Kilometer 40 nicht mehr folgen konnte, habe ich fast 1 1/2 Stunden abgenommen, er war wohl doch etwas zu ungestüm am Anfang.
Aber er wird für die Zukunft wohl daraus lernen.
Das mussten wir ja alle tun, solche Erfahrungen mussten wir alle machen.

Solche Läufe wie der „The Trail Yonne“ zeigen mir immer wieder, dass ich „etwas mehr“ brauche, um gut laufen zu können, große Läufe wie den UTMB oder den TransGranCanaria, den Ultratramuntana auf Mallorca oder ähnliche, spektakuläre Aussichten, aufregende Wege oder einfach nette und interessante Laufpartner, die mir helfen, zu vergessen, dass ich gerade sehr, sehr langsam bin. Und ich habe wieder einmal gesehen, dass es für mich sehr schwer ist, dem „süßen Gift“ zu widerstehen, das immer dann verstreut wird, wenn es heißt, dass man verkürzen kann und dennoch gewertet wird.
Ohne diese Option wäre ich halt die gesamte Strecke gelaufen.
Und das sicher auch nicht schlecht.

Der „The Trail Yonne“, wie war er denn nun in der Zusammenfassung?
„Ganz nett“ war er sicher. Und irgendwie war ich ja gar nicht da, denn bekanntlich ist  „ein Mal ist kein Mal“.
Zwei Mal wären aber ganz sicher ein Mal zuviel …2014-05-03 20.40.26
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