Die Eifel ist überall

2014-05-03 14.32.17Der „The Trail Yonne“ – was für ein schönes Bild hatte ich mir von diesem Trail gemacht!

Im Burgund laufen, das regt die Phantasie an, es klingt nach weiten und steilen Weinbergen und nach großen, alten, herrschaftlichen Weingütern. Man stellt sich eine hügelige Landschaft vor, in der Forstwege durch die riesenhaften Weinberge führen.
Es hätte also alles so schön sein können dort an der Yonne im französischen Burgund.
Aber es war irgendwie wie in der Eifel.
2014-05-03 14.45.03Wir liefen über Wiesen und Felder, durch hohes Gras oder durch riesige Wälder und wir liefen einfach über Äcker, Kilometer für Kilometer. Und ständig dachte ich, dass ich das auch in der Eifel hätte haben können, direkt vor der Haustüre und nicht rund 500 Kilometer von zu Hause entfernt.
Und auch anderes war ähnlich wie in der Eifel:
ich verstand niemanden richtig!
Mein deutlich eingerostetes Schulfranzösisch ist nicht mehr viel besser wie mein Verständnis für „Eifler Platt“, im Zweifel, wenn schnell gesprochen wird, verstehe ich nur wenig bis gar nichts.
2014-05-03 15.17.06Das heißt aber nicht, dass die Strecke nicht schön gewesen wäre, schön im herkömmlichen Sinne. „The Trail Yonne“ versprach Trails und wir bekamen reichlich Trails, nur eben welche, die so gar nicht zu dem Bild passten, das ich mir vor dem Lauf davon gemacht hatte. „Du sollst Dir kein Bild(nis) machen,“ heißt es ja schon in den 10 Geboten, schon gar nicht von Ultratrails.
Du kannst nur enttäuscht werden …

Es gab viele knackige Anstiege, keine langen, eher stramm-kurze, die Dir erst nach und nach die Energie aus dem Körper saugen. Am häufigsten aber ging es über leicht ansteigende Wiesenwege. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich die wirklich nicht mag. Ich mag es, wenn es flach ist und ich gemächlich traben kann. Und ich mag es, wenn es mindestens einigermaßen steil rauf geht, zumindest so steil, dass man, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne sich umzudrehen, um nachzusehen, dass auch wirklich niemand zusieht, auf zügiges Gehen umstellen kann.
Aber die Anstiege, die eigentlich keine sind, die ich aber nur mit viel Mühe und Überwindung laufen kann und die ich am liebsten gehen würde, die Anstiege, bei denen ich immer froh bin, wenn ich einen Laufpartner habe, der noch ein paar Meter vor mir auf das Gehen umstellen will und ich mich dankbar anschließen kann und die Umstellung vor mir selbst mit dem Laufpartner rechtfertigen kann, diese Anstiege hasse ich.
Und wenn es davon sehr, sehr viele gibt und wenn ich gleichzeitig keine Laufpartner finde, dann leidet auch meine innere Einstellung zu einem Lauf.

Und Laufpartner waren wirklich nicht zu sehen. Alleine bei 40 Kilometern lief ich eine Weile mit einem jungen Mann aus Paris, der italienische Wurzeln hat und dessen Eltern sich strategisch günstig in Chamonix und in den Pyrenäen angesiedelt haben. Er war einer der ganz wenigen, der nicht vor Schreck erstarrt ist, wenn ich, nachdem ich angesprochen wurde, mit meinem Lieblingssatz: „In English please …!“ geantwortet habe. Und sein Englisch war sogar ganz ordentlich.
Leider war er mir zu schnell, zumindest in dieser Phase.

Ich hatte beschlossen, zwischen dem 40. und dem 58. Kilometer meine Krise zu nehmen. Andere werfen sich Gels ein, ich wollte es mit einer psychischen Krise versuchen. Wenn Du das machst, dann merkst Du schnell, dass diese Maßnahme wesentlich schneller ihre negative Wirkung zeigt als die Gels eine positive Wirkung zeigen würden.
Die Kunst, unglücklich zu sein, kann also auch auf Ultratrails geübt werden. Bestimmt hat österreichische Psychologe Paul Watzlawick Ultratrails im Auge gehabt, als er seine „Anleitung zum Unglücklichsein“ geschrieben hat. Die brauchte ich aber gar nicht, das ging auch so ganz gut ..

Diess Ml hbe ih abgekrzt …

Hintergrund dieser Krise war das Briefing kurz vor dem Start. Der Erzählende wies in schnellem und gutem Französisch darauf hin, dass diejenigen, die die 110 K doch nicht laufen wollten, in Villeneuve sur Yonne auf das 85 K Rennen switchen können. So viel Französisch verstand ich dann doch, das zu realisieren. Und weil ich dachte, dass ich eigentlich schon genügen Eifelberge gelaufen war, überlegte ich, dieses Angebot anzunehmen und den 25 K Loop, der von Villeneuve sur Yonne nach Villeneuve sur Yonne ging, einfach auszulassen.

Und da saßen doch tatsächlich die beiden Geister auf meinen Schultern, das kleine Teufelchen, das mir in epischer Breite die vielen Vorteile einer Verkürzung verkündete. „Einlaufen gegen drei Uhr, schön schlafen, wenn es noch dunkel ist,“ hieß es da. „Du hast in der letzten Zeit wirklich genug getan,“ hieß es außerdem und da kamen auch Sätze wie: „Du bist heute so schlecht drauf, die 16:40 Stunden für die 110 K schaffst Du so sowieso nicht.“ Das Teufelchen ließ mich glauben, mich ganz hinten im Feld zu befinden, bestenfalls waren zwei, drei Wanderer noch hinter mir.
Und da war da auch noch der gute Geist auf der anderen Schulter, der mich von meinem Vorhaben abbringen wollte. Der war aber irgendwie rhetorisch nicht so gut drauf und kaum zu verstehen. Vielleicht zu viel „Eifler Platt“?

Und da traf mein Kopf die Entscheidung, mich sehr, sehr langsam zu machen. Ich konnte den Läufern, mit denen ich schon seit Stunden hinterher gelaufen war, plötzlich nicht mehr folgen, die Oberschenkel begannen zu brennen und jeder Schritt wurde schwer.
Wie viel Zeit, dachte ich, wird Dir dieser junge und unerfahrene Bursche abnehmen?
Ich wusste, dass ich ihn nicht mehr sehen würde. Und auch damit hatte ich Recht.

Es ist ja immer unser Kopf, der emotional getroffenen Entscheidungen rational zu begründen versucht und Dir das Gefühl gibt, richtig gehandelt zu haben. Ob Du also einen Lauf packst oder nicht, das entscheidet nie Dein Körper. Nur wenn Du Deinen Kopf steuern kannst, darin stark bist, dann bist Du auch ein guter Ultraläufer. Und wenn Du im Kopf eher weich und schwach bist, dann sind wir da in einer Liga.

Ich war fast am Ende, als endlich Villeneuve sur Yonne kam und ich überlegte, wie ich die noch kommenden 27 Kilometer (K 85) oder sogar 52 Kilometer (K 110) bewältigen sollte. Es schien mir unmöglich, bestenfalls mit ausgedehntem Wandern zu machen. Also sprach ich mit den Veranstaltern, an dieser Stelle von 110 auf  85 zu wechseln. Eine Entscheidung war getroffen, ich fühlte mich wie befreit, befreit von dem Entscheidungsdruck.
Und ich lief mit einem älternen Franzosen aus dem Verpflegungspunkt heraus und ich wünschte ihm dann noch Spaß und Erfolg beim Lauf, ich müsste ja nun ganz, ganz langsam machen. Das tat ich auch, aber er entfernte sich nicht signifikant von mir. Und nach vielleicht einem Kilometer ging es mir wieder gut. Der gute Geist und das Teufelchen hatte ich ja am Verpflegungspunkt zurück gelassen, ich hatte keinen Druck mehr und ich lief und lief und lief, vorbei an dem älteren Franzosen und überhaupt an sehr vielen, die da noch vor mir waren.
Die kumulierte Gesamtgeschwindigkeit sank sogar von 8:04 Minuten auf am Ende 8:02 Minuten, trotz einiger besonders schwerer Anstiege.

Ich errechnete in Villeneuve sur Yonne, dass ich bei einer 10er Zeit im Durchschnitt um 3 Uhr drin sein würde und diese hochgerechnete Zeit wurde besser und besser und ich wäre sogar noch vor 2.30 Uhr drin gewesen, wenn nicht am Ende noch 1,6 Kilometer dazu gekommen wären.
Ich lief in dieser Phase fast mit dem Zweitplatzierten des 110 K Rennens, Verriere Emmanuel, der vielleicht 15 Kilometer vor dem Finish auf mich auflief und dem ich lange als Pacemaker folgen konnte.

Am Ende waren es 25 Kilometer weniger als geplant. Aber statt der 16:40 Stunden, die ich prognostiziert habe, sind es dann weniger als 11:40 Stunden geworden. Das hätte also alles gepasst. Aber ich habe es nicht getan. Und das ärgert mich schon sehr.
Die Gesamtzeit von 11:35 Stunden aber freut mich genauso wie der 29. Platz von allen und der 3. Platz der Altersklasse V2H (Veterans 2, Homme).
Den jungen Mann, dem ich bei Kilometer 40 nicht mehr folgen konnte, habe ich fast 1 1/2 Stunden abgenommen, er war wohl doch etwas zu ungestüm am Anfang.
Aber er wird für die Zukunft wohl daraus lernen.
Das mussten wir ja alle tun, solche Erfahrungen mussten wir alle machen.

Solche Läufe wie der „The Trail Yonne“ zeigen mir immer wieder, dass ich „etwas mehr“ brauche, um gut laufen zu können, große Läufe wie den UTMB oder den TransGranCanaria, den Ultratramuntana auf Mallorca oder ähnliche, spektakuläre Aussichten, aufregende Wege oder einfach nette und interessante Laufpartner, die mir helfen, zu vergessen, dass ich gerade sehr, sehr langsam bin. Und ich habe wieder einmal gesehen, dass es für mich sehr schwer ist, dem „süßen Gift“ zu widerstehen, das immer dann verstreut wird, wenn es heißt, dass man verkürzen kann und dennoch gewertet wird.
Ohne diese Option wäre ich halt die gesamte Strecke gelaufen.
Und das sicher auch nicht schlecht.

Der „The Trail Yonne“, wie war er denn nun in der Zusammenfassung?
„Ganz nett“ war er sicher. Und irgendwie war ich ja gar nicht da, denn bekanntlich ist  „ein Mal ist kein Mal“.
Zwei Mal wären aber ganz sicher ein Mal zuviel …2014-05-03 20.40.26
Meinen Bericht auf laufspass.com gibt es hier …

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