Laufen in Lappland

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Lappland ist der Landesteil von Skandinavien, der nördlich des Polarkreises liegt, dachte ich immer. Lappland ist das Land der Rentiere, dachte ich und da gibt es auch die Lemminge, den Vielfraß und die Elche.
Und nicht zuletzt ist Lappland sehr dünn besiedelt, extrem dünn besiedelt sogar.
Dachte ich. Bis gestern.
Gestern war ich also in Lappland laufen.
„Laufen in Lappland“, so sagte Daniel Heideck vor der Veranstaltung.

Aber dieses Lappland liegt nun mal doch weniger weit nördlich wie gedacht, eher auf den Eifelhöhen eine Biel-Lauflänge von meinem Heim entfernr.
Und statt Rentieren sah ich ungeheuer viele Renntiere, die wie Lemminge hintereinander her liefen. Ich war einer dieser Lemminge. Und ich war es gerne.
DSC_3922Aber dünn besiedelt ist diese Gegend auf den Eifelhöhen auch, wenngleich nicht ganz so dünn wie das Lappland im Norden Europas, wo ja nur rund 2 Einwohner auf jeden Quadratkilometer kargen Landes kommen.
Lappland in der Eifel ist also das Lauf- und Lebensgebiet von Holger Lapp, „Asics Frontrunner“ und Held von „Trailrunning Eifel“ und dem Blog www.trampelpfadlauf.de.
Ach so, Daniel, dachte ich und verstand, warum Lappland so weit nach Süden verschoben scheint.
Und weil Holger Lapp und die Seinen im Gebiet rund um Monschau jeden Stein auf den Trails beim Vornamen kennen, weil sie dort zuhause sind, wo die Strecke des Monschau-Marathons zu finden ist und weil Holger Lapp und die Seinen gleichsam schnell und eifeltrailerfahren sind, waren sie alle schneller als ich, Daniel Heideck inklusive.

Aber das war ja klar. Ich wollte ja gemütlich ein paar finale Kilometer vor dem SwissIronTrail in die Beine bekommen und das gelang mir auch einigermaßen, zumindest bis zum Halbmarathon-Punkt. 2:16 Stunden für die erste Hälfte des „MM“, des Monschau Marathons, fast exakt 6:30 Minuten für jeden der durchaus anspruchsvollen Kilometer runter und meist rauf auf die Hügel der Eifel.
DSC_3946Aber dann war es das mit der Gemütlichkeit, mit der Kontrolle und ich wurde schneller. Erst nur, weil ich dachte, dass zwei Mal 2:16 Minuten doof sind und ich gerne unter der Marke von 4:30 Stunden für den Marathon bliebe. Also musste die zweite Hälfte schneller sein als die erste.
Dann aber auch, weil ich sehen wollte, ob ich überhaupt noch laufen kann nach dem vielen Speedhiken in England, Andorra und in Kirgistan.
DSC_3921Und wenn Du, wie ich am Sonntag, weit hinten startest, dann wird so ein Marathon besonders interessant. Du hast ständig neue Läuferkollegen! Das ist wirklich richtig interessant.
Bei manchen Läufen hast Du vom Start bis zum Ziel die gleichen Leute um Dich herum. Das ist das Zeichen, dass Du Dich im Pulk richtig eingeordnet hast. Die Schnellen sind vorne und entfernen sich immer mehr von Dir und die Langsamen sind hinten und auch die entfernen sich immer mehr von Dir, wenngleich das in die andere Richtung geschieht.
Den ganz eifrigen Läufern, denen, die sich mutig und frech vorne bei den Cracks einordnen, geht es dabei oft so, dass sie ständig nach hinten durchgereicht werden. Auch die laufen immer mit neuen Kollegen um sie herum.
Und ich startete nun wirklich weit hinten und arbeitete mich sukzessive nach vorne. Und der Umstand, ständig auf neue Läufer aufzulaufen, motivierte mich derart, dass ich in der zweiten Hälfte des Rennens keinesfalls wieder eben gewonnene Plätze verlieren wollte.
DSC_3958Dazu kam, dass Du auch regulär die Vielzahl der Walker, die schon bis zu zwei Stunden vor den Marathonis gestartet waren, überholst. Und Du überholst auch noch einen Gutteil der Ultra-Marathonis, die mit einem Vorsprung von 1:55 Stunden zuerst die 14 Kilometer-Schleife liefen, um dann auf die Marathonstrecke einzubiegen. Die meisten Ultras hatten dann noch rund 15 Minuten Vorsprung auf die Marathonläufer. Und die waren dann irgendwann auch weg.

Und so kam ich dazu, regelmäßig zu grüßen, zu drücken und zu herzen. Ob es der typische Laufstil eines Bernd Rohrmanns war oder die schöne bunte Welt eine Bettina Mecking, es war einfach schön, auf diesem wunderschönen Lauf sich nicht alleine zu fühlen.
Schon vor dem Start waren da einige, die ich schon lange nicht mehr auf den Laufstrecken dieser Welt gesehen hatte. Willi Mütze mit seinen niederländischen Freunden, Helmut Hardy und andere Aachener Läufer.
Und ich traf auch mal wieder Daniel Heideck, mit dem ich gerade in diesem Jahr recht viel Gemeinsames hatte und ich traf eben auch Holger Lapp und seine Freunde.
DSC_3951Die Strecke des Monschau-Marathons ist schnell beschrieben. Da gibt es die historische Altstadt von Monschau, die ist so schön, so romantisch, die müsste unbedingt erfunden werden, wenn es sie noch nicht gäbe. Und durch diese schöne Stadt geht der Weg durch, vorbei an der historischen Senfmühle (Senf aus Monschau ist so berühmt wie die Stadt Monschau) und an anderen historischen und liebevoll restaurierten Gebäuden.

Der Rest der Strecke ist die Landschaft der Eifel pur. Hügel rauf, Hügel runter, grüne Landschaft, so weit das Auge blickt. Nichts für Bestzeitenjäger, aber auch kein Hardcore-Lauf und meine 4 Stunden und 18 Minuten für den Marathon erzählen genau davon. In der flachen City wären es vielleicht 3 Stunden 45 Minuten gewesen, in den Bergen hätte ich wohl eine deutliche Weile mehr gebraucht.
DSC_3928Eines aber fällt jedem auf, wenn man in Monschau läuft. Es ist ein Lauf von Leuten, die das Laufen lieben, von Leuten, die die Läufer lieben.
Und diese Liebe geht bis ins Detail.
Der Monschau-Marathon findet mitten im deutschen Sommer statt. Und oft ist es dort heiß, manchmal brüllend heiß. Und deshalb gibt es alle 3,5 Kilometer zumindest etwas zu trinken, meist sogar noch etwas zwischen die Zähne. Es ist leicht, von diesem Marathon schwerer nach Hause zu kommen wie man vor dem Marathon war, weil es eben so viele Verpflegungspunkte gibt, an denen man die verbrauchten Kalorien mehr als vielfach wieder ausgleichen kann. Lappland – Vielfraß, da war doch was …
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Und dennoch gab es neben den guten Leckereien auch zwei Sachen, die mich wirklich beeindruckt haben. Ich lamentiere ja gerne darüber, dass es selten Salz und noch seltener Salztabletten gibt. Selbst bei harten Ultraläufen vermisse ich dieses Wundermittel häufig und deshalb habe ich meine Tablettchen eigentlich immer dabei.
In Monschau wäre das nicht notwendig gewesen, endlich ein Lauf, bei dem man an diese wichtige Kleinigkeit gedacht hat.
DSC_3959Und ganz am Ende, am letzten Verpflegungspunkt, rund 3,5 Kilometer vor dem Ende, da reicht Dir dann jemand einen kleinen Plastiklöffel, an dem ein Batzen Honig hängt. Als „natural shot“ für die letzten Meter.
Klar, das ist nichts für Veganer, aber Agavendicksaft wäre hier einfach zu flüssig. Ich jedenfalls fand diese Idee klasse und wünschte mir, auch andere Läufe würden diese Liebe zu den Läufern zeigen.
Und dann, vielleicht zwanzig Minuten später, bist Du dann drin. Am Ende geht es immer mal wieder rauf und Dich trägt noch immer der Gedanke an den Honig-Shot über die Strecke. Es gibt ein paar warme Worte des Moderators, der seine Sache sehr gut gemacht hat, sehr schnell Deinen Namen und Deine Daten präsent hat, auch wenn Du, wie ich, die Startnummer so unglücklich hängen hast, dass der „Vorgucker“, der dem Moderator schon vorab die Nummern der einlaufenden Helden mitteilt, diese nicht lesen kann.
DSC_3929Wenn Du dann schnell noch versuchst, diese Nummer nach vorne zu drehen und der Moderator tatsächlich nur wenig Zeit hat, auf der Teilnehmerliste nach Dir zu suchen, selbst dann findet er Dich, Dein Name hallt über die überfüllte Partymeile im Ziel, Deine Freunde hören, dass auch Du auf dieser Strecke unterwegs warst und dann wirst Du Dutzendfach angesprochen und immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert, der Frage, die mir auch schon die lieben und fleißigen Ultraläufer auf der Strecke gestellt haben:

„Hey Tom, was machst Du denn auf der Kurzstrecke?“

Aber Kurzstrecke laufen in der Eifel, in Land Holger Lapps, auf anspruchsvollen, aber nicht übermäßig fordernden Trails, in so viel Natur, wie es sich manche Städter gar nicht vorstellen können, das reicht dann auch, finde ich.
Nur ganz vielleicht werde ich beim nächsten Besuch dort doch auch mal den Ultra probieren, das aber nur, weil sie alle so nett sind, dort oben im Norden, im Lappland der EifelDSC_3927
Den entsprechenden Bericht auf www.laufspass.com gibt es hier …

Osh, Kyrgystan (Kirgistan)

DSC_3810Heiß ist es in Osh, vermutlich noch heißer als in Deutschland. Und vermutlich ist es dennoch im Winter kälter als bei uns. Kontinentales Klima halt, weit und breit kein Meer, das die Temperaturunterschiede begrenzen könnte. Osh liegt eben schon weit in Asien, direkt an Russland klebend.

Schön ist es nicht in Osh, vermutlich würde ich, wenn ich hier ein Jahr bleiben müsste, mindestens depressiv werden. Das „System UdSSR“, die bürgerkriegsähnlichen Konflikte vor einigen Jahren, die schwache Wirtschaftskraft, hier versucht jeder nur, zu überleben.
DSC_3815So viele Bettler, vor allem alte Frauen und alte Männer, habe ich noch nie in einer Stadt gesehen. Aber die, die davon nicht betroffen sind, zweifellos die überwiegende Mehrheit, sind stolz. Auf sich, auf Kyrgystan.

Junge Männer tragen gerne ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Kyrgystan“ und dem nationalen Grafiksymbol dazu. Oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Russia“.
Davon ist man nicht weit entfernt, nicht nur wegen der gemeinsamen Grenze, die zufälligerweise auf dem Grat zwischen Basecamp 3 und dem Gipfel des Pik Lenin verläuft, sondern auch, weil die vielen Jahre im kommunistischen System der UdSSR, später der GUS-Staaten, tiefe Spuren hinterlassen haben.

Ältere Männer tragen oft einen ganz besonderen,  einen typisch kirgiesischen Hut, traditionell, hoch, mit einem Schlitz vorne in der Krempe und mit einem Text, den ich nicht lesen konnte. Dieser Hut wurde oft mit einer Weste kombiniert, die mich an Zimmermannsleute erinnerte.
DSC_3858Über die Stadt verteilt sieht man viele Statuen in kleinen Parks, selten aber sind diese Statuen ohne Macken und noch seltener ist der dazu gehörige Park gepflegt. Vertrocknetes Gras, herumliegender Müll, vieles wirkt trostlos, nicht nur in diesen Parks. Lampen sind oft zerschlagen und ohne Funktion, Springbrunnen funktionieren selten und die Fahrgeschäfte auf dem dauerhaften Jahrmarkt, einem Abklatsch des Wiener Praters, sind uralt und weisen ebenfalls oft erhebliche Macken auf. Und dennoch ziehen sie die Familien mit kleinen Kindern magisch an, die Kinder, die für den Gang auf den Rummel ganz besonders schön angezogen daher kommen. Mutti gibt sich immer dann besondere Mühe, wenn es auf den Jahrmarkt geht.
DSC_3812 DSC_3854 DSC_3865 DSC_3883 DSC_3895Staubig ist die Stadt, überall spürst und siehst Du den Dreck der Stadt, verursacht durch die Autoabgase der vielen, meist sehr alten Autos und durch das Aufwirbeln des Drecks, der sich eben überall befindet. Selbst nahe dem Stadtzentrum ist bei weitem nicht jede Straße geteert und durch das Befahren dieser Dreckstraßen wird die Luft der Stadt zusätzlich belastet.
DSC_3877 DSC_3896Chaotisch ist die Stadt und die Ampelschaltungen sind oft unglaublich, das haben die Fußgänger oft genauso „grün“ wie die Autofahrer. Es wäre also naiv, bei „grün“ einfach und blind über die Straße zu gehen. Vielleicht macht sich deshalb keiner die Mühe, bei einer Straßenüberquerung bis zur Fußgängerampel zu marschieren, man versucht es genau da, wo man ist, erst einmal bis in die Straßenmitte und dann, im zweiten Teil, ganz rüber. Angst hatte ich dabei oft, meist habe ich mich an Frauen mit kleinen Kindern orientiert.
Dennoch habe ich einige Straßenüberquerungen überlebt, weil hier jeder auf jeden aufpasst, zum Glück. Einen Verkehrsunfall habe ich nicht gesehen, obwohl vieles oft eng aussah und aufgeregt mit intensivem Hupen begleitet wurde. Die Hupe ist halt in vielen Ländern der beste Freund des Autofahrers, auch hier in Osh.

Dicke Menschen habe ich nicht gesehen, doch, einen Mann, aber der war die absolute Ausnahme. Es gibt zwar einige Männer und wenige Frauen mit einem mehr oder weniger großen „Bäuchlein“, die meisten Menschen aber sind schlank. Und gutaussehend sind sie, vor allem die Frauen.
Moderne Frauen, die gerne „bunt“ tragen und sich ihrer Wirkung bewusst sind. Traditionelle Frauen, die sich mit Kopftuch oder Burka mehr oder weniger verhüllen. Eine Frau hatte sogar den Sehschlitz mit einem undurchsichtigen schwarzen Netz verschlossen.
Bemerkenswert fand ich vor allem einen der vielen Behinderten der Stadt. Etwa Mitte 20 Jahre alt, beide Beine oberhalb der Knie amputiert, Prothesen gab es nicht, dafür aber etwa 10, 15 cm dicke Schaumstoffpolster als Laufflächen, Beine und Polster mit Stoffbändern umwickelt, damit das Ganze hält.
Einen kleinen Spazierstock hatte er in der rechten Hand, den brauchte er zum kontrollierten Gehen auf den verbliebenen Beinstümpfen. In der linken Hand hielt er ein Speiseeis, an dem er regelmäßig leckte. Dabei sah er sehr glücklich aus, er lächelte und war mit sich und seiner Situation zumindest in diesem Moment offensichtlich im Reinen.

Groß sind sie nicht in Osh, vor allem nicht die Frauen. Die kleinen Kinder macht man fast durchweg hübsch und steckt sie in farbenfrohe Sachen. Und der kleinen Kinder gibt es mehr als genug. Und so viele hochschwangere Frauen wie an den gut zwei Tagen in Osh habe ich auch noch nie gesehen.
Und interessiert sind sie, die Bürger von Osh. Weil ich in der Stadt stets mit meinem Namibia-Hut unterwegs war, hielt mich jeder für einen Amerikaner und die wenigen, die der englischen Sprache einigermaßen Herr waren, sprachen mich an. Ob ich Amerikaner sei, Tourist und wie ich Osh finden würde.
„Interessant“ war da immer meine Standard-Antwort.
Ob man wusste, was ich damit meine? Der Glanz in den Augen und die Freude im Gesicht der Fragenden sprachen dagegen.
DSC_3819 DSC_3876 DSC_3884„Interessant“ – und da denke ich wieder an den Film „Ungeküsst“, in dem Drew Barrymoore, die die Hauptrolle dort inne hatte, erst mit Anfang 20 bemerkt hat, dass in den Vereinigten Staaten „special people“ kein Kompliment, kein Lob ist. Bis dahin hielt sie sich für etwas Besonderes …

Viele goldene Zähne habe ich gesehen, ungeheuer viele. Meist waren es die Schneidezähne und meist waren diese nicht einzeln ausgebildet, sondern, nur mit einer kleinen Rille versehen, aus einem Stück gefertigt und eingesetzt. Gerne hätte ich die Geschichten erfahren,  die zu so vielen fehlenden Schneidezähnen geführt haben, vor allem auch deshalb, weil auch viele junge Menschen davon betroffen sind.

imageDSC_3860 DSC_3861Kleine Stände auf den Straßen, gewissermaßen „Ich-AGs“, gab es zu Hauf, meist von Frauen betrieben, meist aber auch leer. Ich dachte an Aremorica in einem Asterix-Heft, wo jeder Einwohner des Dorfes Wein und Kohlen verkauft hat. Mangels Kunden setzt man sich zusammen und quatscht. Über bessere Zeiten. Statt des sich zusammen setzens gibt es heutzutage das Handy. Und so telefonieren die „Ich-AGler“ fast ständig. Überhaupt hat man das Gefühl, dass da telefoniert wird bis zum Umfallen, das Handy als Statussymbol immer und ständig am Ohr.
Meist wurden an den kleinen Ständen Lottoscheine verkauft oder zwei Sorten Eistee aus großen Fässern oder es wurden Pfirsiche angeboten, oft aber derart angeschlagen, dass ich sie aus unserem Obstkorb entfernt hätte, oder eben Melonen.
Kirgisistan scheint eine Melonen-Oase zu sein, überall siehst Du sie, sogar aufgeschnitten als Dessert im Basecamp 2 des Pik Lenin auf 4.400 Metern. Davon habe ich in den letzten Tagen mehr als genug zu mir genommen, lecker, viel Flüssigkeit, guter Geschmack.

Nicht zu mir genommen – und das nicht nur, weil ich bekanntlich vegetarisch lebe – habe ich die auf offener Straße auf einfachsten Eisengestellen gebratenen Fleischspieße. Da gab er keinen nennenswerten Abstand zwischen der Holzkohle und dem Grillgut, zudem habe ich Fleisch oft ungekühlt bei den Händlern hängen oder schon auf den Spießen für den Tag vorbereitet bei den Straßengrillern liegen gesehen, kein wirklicher Spaß bei mindestens 30 Grad im Schatten.
DSC_3849 DSC_3850 DSC_3881 DSC_3891Überhaupt, das Essen, vor allem das vegetarische …
Hunger hatte ich ja schon, aber keine Ahnung von einer kyrillischen Karte. Und weil niemand Englisch spricht und weil die Einkaufsläden zwar immer eine große Auswahl an Spirituosen, aber nie essfertige Salate hatten, bestand mein erstes Abendessen in Osh, ganz alleine, aus einer sehr kleinen Tüte Chips, vier Schokokeksen und einem Snickers, alles zu mir genommen in meinem Hotelzimmer.

Einen Tag später traf ich dann in einem Einkaufsladen, ich will das wirklich nicht „Supermarkt“ nennen, eine junge Lady, eine von denen, die mich auf Englisch ansprach und die eben mal alles von mir wissen wollten. Sie arbeitete in einem Café gleich um die Ecke, sagte sie.
„Das ist meine Chance“, dachte ich und war dann zum Mittagessen bei ihr. Schlechtes Englisch ist viel besser als gar kein Englisch!
Am Nachbartisch saß eine ältere Dame, eine Englischlehrerin, wie sie mir später sagte. Die Ansprüche sind da wohl nicht allzu hoch. Sie versuchte zu übersetzen, weil bei der jungen Bedienung nach „Where do you come from?“ und ähnliches Standards nicht mehr viele Vokabeln vorhanden waren. Ganz zum Schluss lernte ich jedoch, dass auch die Englischlehrerin neben einer merkwürdigen Aussprache auch ein merkwürdiges englisches Vokabular hatte, so wünschte sie mir, nachdem sie ihre Rechnung bezahlt hatte, auf dem Weg nach draußen „good appetit“ statt des gebräuchlichen „Enjoy your meal“.

Ich wollte also eine Gemüsesuppe, vielleicht mit Reis oder Nudeln darin, japanischer Stil vielleicht, auf jeden Fall alles vegetarisch, alles, bloß kein Fleisch. Nein, auch kein Hühnchen. Dazu einen vegetarischen Salat. Auf eine Art frittierter Kartoffel-Ecken zeigend sagte ich, dass die auch OK wären.

Ich bekam eine Hühnersupoe ohne Huhn, aber auch ohne Gemüse, Reis oder Nudeln, dafür mit den typischen Fettaugen auf der Oberfläche (Wie lange habe ich die nicht mehr fesehen?) und mit weißen, in der Flüssigkeit wabernden Fettkügelchen, die drohend darin herum schwammen, also wirklich so gar nichts für mich.
Der Salat war aber ordentlich, leider mit einer Joghurtsauce, mit Dill versetzt, immerhin genießbar und die Kartoffelecken aß ich auch zur Hälfte.
Am Abend aß ich dann aber lieber gar nichts mehr.
DSC_3829 DSC_3831 DSC_3833 DSC_3834 DSC_3835Und heute, am dritten Tag, sitze ich mit vier Russen vor dem Flughafen und wir warten darauf, dass es Mitternacht und noch ein wenig später wird. Mein Flug startet um 5.30 Uhr, ich sollte um 3.30 Uhr dort sein (sicher ist sicher), mit der Fahrt zum Flughafen hätte das ein Aufstehen zwischen 2 Uhr und 2.30 Uhr bedeutet – also kein Hotelzimmer, die Nächte sind warm und die Bänke vor dem Terminal sind groß.
Und mit den Russen habe ich vereinbart,  dass wir gegenseitig auf uns und unser Gepäck aufpassen.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich am liebsten von überall, wo ich bisher in Asien war, nie wieder zurückgekehrt wäre.
Hier in Osh aber zähle ich die Stunden, die mich erlösen, die Stunden, bis ich in den Flieger nach Istanbul einsteigen darf.

Und wenn wir dann abheben, dann werden mir nur die Worte in den Sinn kommen: „Heim, heim, heim …“DSC_3901 DSC_3907


Nachtrag: Der Shop im Terminal ist schon geschlossen, aber einer der Russen sagte mir, dass gleich um die Ecke ein kleiner Laden wäre. Ich ging in die gezeigte Richtung und stellte fest, es waren sogar Dutzende kleiner, einfacher Läden, immer nebeneinander, alle mit nahezu dem gleichen Angebot, viele Sweeties dabei, aber kein Salat.
Ich bin in einen Laden nach dem nächsten gegangen, ohne etwas zu finden, was ich wollte, bis mich nach vielleicht sechs Läden ein Kirgiese auf Englisch (!) fragte, was ich denn haben wolle.
„Einen Salat“, antwortete ich, „Karotten oder ähnliches“.
Und dann führte er mich zu fünf seiner Kumpels, die gerade beim Essen waren, unter anderem: Salat. Eine Art Sauerkraut-Salat mit Rindfleisch-Stückchen in der einen Schüssel und, etwas für mich, ein leckerer Weißkohlsalat in einer anderen Schüssel. Dazu bekam ich eine Art Brot, eine köstliche lokale Spezialität, kleine, in Fett ausgebackene Rauten und später gab es noch ein mit kleinen Kartoffelstückchen gefülltes Teigtäschchen und eine Cola.
Vier der sechs Jungs sprachen ein akzeptables Englisch und wenn einem mal eine Vokabel gefehlt hatte, dann hat er im Kreis nachgefragt, meist hat es dann geklappt. Oder man hat es irgenwie beschrieben, das, worüber man reden wollte.

Und ich beantwortete so viele Fragen. Ob ich Frau und Kinder hätte, wo in Deutschland wir wohnen würden, ob ich einen BMW fahren würde und was ich von Kirgisistan wüsste. Einer, „Sam“, der komplette Name war zu schwer für mich, der auch im Sicherheitsbereich des Flughafens arbeitet (er hatte den entsprechenden Dienstausweis um den Hals hängen), surfte gleich bei Google Pictures nach Aufnahmen aus seinem Land. Und er erzählte und schwärmte und sagte, ich müsse beim nächsten Mal unbedingt zu diesem See, zu diesem Berg, zu dieser Moschee und in dieses, in eine zauberhafte Höhle eingebaute, Museum.
Und er war schon in Österreich,  in Salzburg, Innsbruck und Reutte, wo seine Schwester lebt und er war in Bayern, in Bad Tölz und in München. Er liebt die Kultur, die Geschichte, die Schlösser und die Alpen. Ob ich auch die Geschichte der Schlösser und Könige lieben würde? „Klar,“ log ich. Und Dschingis, der junge Freund, erzählte mir viel von Osh und Biskek.
Insgesamt kam ich so dem Abflug eine Stunde näher.
Bezahlen durfte ich nicht und nichts, es sei doch eine Einladung gewesen. Und ich habe noch eine Tüte guter, grüner Trauben mit auf den Weg bekommen.
Ich dankte und ich verabschiedete mich von jedem Einzelnen mit einem festen Händedruck und ich dachte mir, dass es solch eine Gastfreundschaft einem vollkommen Fremden gegenüber auf dieser Welt nur sehr selten und in unserer mitteleuropäischen „geben-und-nehmen“-Kultur wohl gar nicht gibt.
Warm, wohlig, wunderbar …

Danke an Euch sechs Jungs, vielen lieben Dank!
DSC_3872Nachtrag 2: Das Einchecken geschieht hier in merkwürdiger Weise. Um 2.30 Uhr kam über Lautsprecher in türkischer, lokaler und englischer Sorache, dass nun das Check-In für den Flug der Turkish Airlines nach Istanbul um 5.30 Uhr Abflugszeit beginnt.
Wie saßen zu diesem Zeitpunkt im Terminal und wussten, dass es wohl über den Eingang C1 abgewickelt würde. Noch hatte ich keine Bordkarte, ich versicherte mich aber, dass es die erst später, nach der Kontrolle und der Gepäckaufgabe, geben würde.
Ein paar Lichter gingen an, etliche Menschen kamen durch die Türe, durch die wir hinein wollten. Dann geschah 20 Minuten lang wieder mal nichts. Irgendwann aber begann sich eine Reihe zu bilden und mangels besserer Ideen stellte ich mich einfach mal dazu.
Dann ging es voran, zuerst musste jeder an dem Herren vorbei, der kontrolliert het, dass man einen Pass hat – und ein Ticket. Meines war ja nur eine eMail Bestätigung, aber immerhin. Dann ging es weiter zum Scanner, ähnlich wie im Rest der Welt, nur dass ich weder Schuhe noch Gürtel ausziehen musste. Und mein Tab durfte im Koffer bleiben. Danach kam der problemlose Gang durch das Scanner-Tor.
Es folgte ein Tisch, an dem zwei Menschen eifrig bemüht waren, jedes aufzugebende Gepäckstück in Plastikfolie einzuhüllen. Bei meiner Art, den Rucksack zu packen war das aber sehr von Vorteil, vor allem wegen der nur mäßig befestigten Bergschuhe und den langen Treckingstöcken.
Irgendwann sagte einer der Herren zu mir „Hundert, Hundert“ und er zeigte auf die Pakete. Nicht viel Geld, etwa zwei US-Dollar pro Gepäckstück, aber ich war schon froh, dass ich mein kigiesisches Restgeld noch nicht verschenkt hatte.

Das Gepäck wie den Reichstag in Berlin verpackt stellte ich meine beiden Pakete auf die Waage. Etwas weniger Gewicht wie beim Hinflug,  besser so als anders herum, dachte ich. Und erst dann durfte ich mich wegen einer Bordkarte anstellen. Das Gepäck wird direkt nach Frankfurt gecheckt, meine Bordkarte von Istanbul nach Frankfurt aber bekomme ich erst in Istanbul, schade. So habe ich das auch noch nicht erlebt.
Nun kam die Passkontrolle,  wobei der Beamte offensichtlich Spaß daran hatte, mal wieder sein Englisch auspacken zu dürfen. Wann ich angekommen wäre, wo ich war, wo ich in Deutschland wohnen würde, ob es da flach oder bergig sei.
Ich beantwortete brav alle Fragen, noch vor wenigen Jahren wäre mir das schwerer gefallen.
Ein Ausgangsstempel in den Pass, plopp, dann wollte er meine Bordkarte sehen. Auch sie wurde von ihm gestempelt.
Als nächstes ging es ein paar Meter weiter zu einer Dame, die die Bordkarte sehen wollte.  Auch sie wolkte diese stempeln und hakte meinen Sitz auf ihrer Liste ab.
Personalkosten sind wohl nicht das Problem hier, aber wenn das sich mal ändern sollte, dann könnte ich ein paar Firmen empfehlen,  die solche Ablaufprozesse optimieren und rationalisieren könnten.
Nach all dem war es 3.15 Uhr, noch 2.15 Stunden bis zum Abflug.
Mittlerweile ist es schon 5.00 Uhr und die Schlangen an der Passkontrolle werden erst jetzt kürzer, gut, dass ich früh da und dabei war …
Wie wir alle aber um 5.30 im Flugzeug sitzen sollen ist mir ein Rätsel und dennoch rollen wir um 5.50 Uhr  an und sind um 5.55 Uhr in der Luft. Und während die Sitze beim Hinflug Istanbul-Osh gnadenlos eng standen, hat beim Rückflug jeder Passagier mehr als genug Beinfreiheit. So macht Fliegen Freude.
Und wenn es heim geht, zur Familie, die man lange nicht mehr gesehen hat, dann steigert sich diese Freude noch mehr.

„Heim, heim, heim …“DSC_3455

SIT – „Ich mag es, lange unterwegs zu sein.“

Eine starke Woche noch, genauer noch acht kurze Tage, dann heißt es mal wieder „Gruezi Schwiitz!“
Oder etwas moderner: „Davos calling … !“

Auf jeden Fall rufen 201.800 Meter Trail, 11.480 Höhenmeter uphill und 11.480 Höhenmeter downhill, eine wunderbare Landschaft in der Zentralschweiz durch die Bünder Bergwelt, es rufen 18 Verpflegungspunkte, zuzüglich dem Verpflegungs-. Start- und Zielpunkt in Davos,  und es rufen wunderschöne Peaks wie der Sertigpass, der Furcola, der Lunghinpass, dass Weisshorn und der Strelapass, um nur einige der zu belaufenden oder zu „speedhikenden“ Spitzen zu nennen.

162 männliche Starter finde ich auf der Startliste für den SIT 201, davon 26 Deutsche, aber den Namen nach kenne ich nur den Chef und Herausgeber des TRAIL-MAGAZINs, Denis Wischniewski.
17 weibliche Starter garnieren diese „Königsetappe“, davon 2 Deutsche, dem Namen nach kenne ich nur die Lady, die eigentlich schon alles gelaufen hat, was sich laufen lässt, Anke Drescher. Mit ihr habe ich damals beim TdG ein paar gemeinsame Kilometer absolviert.

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Auf den kürzeren Strecken sind es 63m und 17w Teilnehmer beim SIT 141, 131m und 20w Teilnehmer beim SIT 81, 125m und 28w Teilnehmer beim SIT 41 und die Strecke, nach der es sich kaum lohnt, das Laufshirt wieder zu waschen, der SIT 21, wird von 119m und 62w Teilnehmern besucht.
Zusammen sind das 734 LäuferInnen, immerhin. Und es werden auch nicht mehr mehr werden, da die Online-Registration geschlossen ist und Nachmeldungen nicht angemommen werden können.

Und für diese 734 LäuferInnen hat sich Tuffli Events schon jetzt sehr viel Mühe gegeben. So gibt es eine Swiss Irontrail Sonderbeilage, die Du Dir bei ISSUU.com ansehen kannst, vielleicht sogar ansehen solltest. Darin ist das moderne und ausgefeilte GPS-Tracker-System beschrieben (Seite 7), das uns aus Sicherheitsgründen mitgegeben wird und über das die Betreuer, die Freunde und auch Dritte nachvollziehen können, wo beispielsweise ich mal wieder Pause mache.
Einige Läuferinnen und Läufer kommen zu Wort, so auch Anke Drescher (Seite 9) und auf den Seiten 4 und folgende findest Du ausgewählte Streckenabschnitte, die uns Bergläufern gleichsam das „läuferische Wasser im Munde zusammenlaufen“ lassen, die uns eher langsamen Läufern aber auch klar machen, dass es schon einem Stück Grenzdebilität bedurfte, dass unsereins sich da eingeschrieben hat.

Mal ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich auch, was mich antreibt und ob ich wirklich immer richtig beraten bin, stets die langen Strecken auszuwählen?
Anstatt hier sicher den T 81 zu finishen, drängt mich irgendwas in mir, den T 201 auszuwählen, nicht immer die richtige Entscheidung, befürchte ich. Aber was soll’s, wir leben nur ein Mal und wenn ich es nicht versuchen würde, dann könnte ich auch das „Gefühl vom Scheitern“ nicht erleiden.
Und wenn es denn dann gut ausgehen sollte, dann labe ich mich am süßen Gift des Erfolgs, zumindest auf meinem bescheidenen Niveau.

Oder anders gefragt: habe ich überhaupt ein Recht, an ein Finish beim PTL mit meinen beiden „Franken-Express“-KollegInnen Gabi Kenkenberg und Jörg Konfeld zu glauben, wenn ich dieses Ding hier nicht packe?

Auf jeden Fall zähle ich schon die Tage bis Davos, die Spannung und die Vorfreude steigt, gepaart jedoch mit einer gehörigen Portion Skepsis und Selbstzweifeln. Gelaufen bin ich nur wenig in den letzten Wochen, gewandert aber bin ich dafür sehr viel.
„Ich mag es, lange unterwegs zu sein,“ sagte Anke Drescher. Ich mag das auch, sehr sogar …DavosFür die 4 UTMB-Punkte laufe ich nicht in der schönen Schweiz, ich laufe, um mal wieder eine „Story to be told“ zu erleben, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Aber nach den kleinen und großen Pannen dieses Jahres und in Anbetracht dessen, was da an Problemchen dieses Jahr noch kommen kann … vielleicht würde ich genau diese 4 UTMB-Punkte irgendwann mal dringend brauchen.
Für die nächste Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, dann aber in und um Chamonix …
2015