Im Leid alleine …

WolfMein lieber großer Bruder, es sind nun 10 Tage vergangen, seit Du in den Himmel umgezogen bist. Seit 10 Tagen hast Du all Dein Leid hinter Dir gelassen, das körperliche Leid, die Krankheit, die seit 1993 Dein Leben bestimmt hat, das psychische Leid, die Ängste, die aus frühkindlichen und kindlichen Zeiten herrühren, die Sorgen, die wirtschaftliche Not und das Gefühl, alleine gelassen und nicht geliebt zu sein.
Aber Du warst nicht alleine, niemals.
Und Du wurdest immer geliebt, von allen.
Jeder, der Dein Leben begleitet hat, hat Dich geliebt.
Du warst immer in meinen Gedanken und auch in denen von vielen Anderen. Vielleicht konnten wir Dir das nie ausreichend zeigen, wahrscheinlich haben wir uns zu oft hinter Sachzwängen versteckt, jeder aus seinen eigenen Gründen. Aber nun sind uns alle Ausreden ausgegangen, Du wolltest doch immer nur geliebt werden, in den Arm genommen werden, angenommen werden …

Was nur hat Dich glauben lassen, dass es keine Gründe gäbe, zu bleiben? Welche Alternativen hätten wir bieten müssen, damit Du nicht Diesen Ausgang genommen hättest?
Ganz bestimmt hättest Du uns nicht mit so vielen Fragen zurückgelassen, wenn wir Dir früher mehr Antworten gegeben hätten. Und bestimmt hättest Du mich nicht mit meinen Erinnerungen alleine gelassen, wenn ich diese öfter mit Dir geteilt hätte.

Du warst früher mein Vorbild, mein ganzer Stolz. Deine Großzügigkeit haben jahrelang viele genossen, auch ich. Dir aber eine helfende Hand reichen, als Du am Abgrund warst, das tat kaum jemand. Auch ich nicht, zumindest nicht ausreichend.
Ich wusste einfach nicht, wie ich Dir hätte helfen können. Und ich wusste nicht, wie immens groß Dein Leidensdruck in den letzten Jahren wirklich gewesen sein muss.
Du warst immer der Sensibelste von uns Dreien, der künstlerischste, der, der die meisten Albträume hatte, aber Du warst auch der, der die meisten Lebensträume hatte. Aber Du hast es irgendwann nicht mehr geschafft, diese Träume in unsere reale Welt hinüber zu bringen. Dabei hast Du immer gesagt, dass Du alles im Griff hättest, dass es Dir wieder gut gehen würde. Heute weiß ich, dass es sich um eine lustige Maske für uns und die Welt um Dich herum gehandelt hat, dahinter aber gab es viel Leere und Traurigkeit.
Bitte verzeih mir, dass ich das nicht gesehen habe. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht sehen.
nf8l7953_sw1Mit Dir war es eine großartige Kindheit. Mir Dir habe ich rund 16 Jahre lang ein Zimmer geteilt, Du hast mich verteidigt, wenn ich wegen meiner Körperfülle gehänselt wurde, wenn man mich als „dicken, fetten Pfannenkuchen“ bezeichnet hat, oder, wegen der hässlichen Hornbrille, als „Brillenschlange“. Mit Dir habe ich gemeinsam meine Konfirmation gefeiert, mit Dir habe ich meine erste längere Radtour unternommen, mit Fünfgang-Rädern, die wir uns damals von dem Geld der Konfirmation gekauft hatten.
Du stelltest mich immer Deinen Freunden vor und ich war jedesmal voller Bewunderung deswegen.
Vor allem, als Du mir den Inhaber eines City-Hotels in Schorndorf vorgestellt hast, der stets eine Gruppe junger Männer um sich geschart hatte. Du warst einer davon. Und ich hatte damals nicht verstanden, warum er diese Gruppe zu seinen Sauna-Parties brauchte.

Aber Du konntest Dein Leben, Deine Träume und Deine Sehnsüchte damals nicht offen leben. Du hattest sogar eine Freundin, entgegen all dem, was da in Dir geschlummert hat und Deine Zeit beim Militär als noch nicht bekennender Schwuler war für Dich schlimm, mehr als nur verlorene Monate.
Dann aber, nach Deiner Ausbildung zu einem ambitionierten jungen Spitzenkoch, gingst Du nach Berlin, um endlich frei zu sein. Frei von der Enge der häuslichen und der spießig-schwäbischen Gesellschaft und frei, Dich zu Dir und Deinem Wesen zu bekennen. Nicht jedem fiel es damals leicht, das zu verstehen und zu akzeptieren, damals, am Ende der 70er Jahre. Bei unserem Vater gingen damals die geistigen Rolläden runter, ganz auf gingen sie danach nie wieder.
Für mich aber wurde das Leben „zu Hause“ um vieles einfacher und leichter. Die offenen Fragen, die Du damals dagelassen hast, haben unsere Eltern zu einem besseren Umgang mit dem letztverbliebenen Sohn, mit mir, gebracht.
Dann aber kam dort in Berlin mit der Freiheit auch der frühe Frost zu Dir, die Krankheit. Und sie, so schien mir immer, hat Dich glauben lassen, das nächste Jahrtausend nicht mehr erleben zu dürfen und Du hast Dein Leben darauf ausgerichtet. Aber mit der Zeit kamen auch die Medikamente, die Deinen Körper einigermaßen im Gleichgewicht gehalten haben. Aber eben auch nicht immer. Dein Glück war von da ab abhängig von den Blutwerten und die wurden tendenziell immer schlechter, Dein Körper wurde schwächer und schwächer und stets anfälliger für Krankheiten aller Art.
Klinik, Rehabilitation, Krisen und Glück, alles lag nah beieinander.
Aber am Ende warst Du körperlich nicht mehr in der Lage, zu arbeiten, eine wirtschaftliche Perspektive hat Dir jedoch weder die Gesellschaft geboten noch Deine Umwelt, die Freunde, die Verwandten, die Familie.
TE4Was für eine Familie auch? Du hattest über viele Jahre mit ihr gebrochen, auch mit mir, aber dann, als Du wieder Nähe wolltest und brauchtest, fandest Du nur unsere Schwester und mich.
Ich bin damals Botschafter für den Anti-AIDS-Tag geworden und das mit dem Satz: „Bruder, überlebe!“
Es hat nur zum Teil geholfen. Es war zwar nicht direkt die Krankheit, die Dich in den Himmel gebracht hat, aber all das, was da im Gefolge mit verbunden war und passierte.
Rote_Schleife_E-CardDu bist immer ein wundervoller Mensch gewesen, der dafür gesorgt hat, dass sich die Menschen um Dich herum wohl gefühlt haben. Ob Du eine Ahnung davon gehabt hast, wie sehr ich Dich geliebt habe?
Das Leben hier geht aber weiter und wir alle werden lernen müssen, mit unserem Schmerz zu leben. Und Du wirst auf uns herab sehen und uns leiten.

Und ich hoffe so sehr, dass es Dir dort oben, wo Du jetzt hingezogen bist, besser geht als in den letzten 20 Jahren in diesem Leben, Du hättest es mehr als verdient. Und uns, und mir, uns hast Du wieder offene Fragen da gelassen und vielleicht hast Du Manchem damit die Gelegenheit gegeben, im Leben wieder etwas besser zu werden und zu erkennen, dass man selbst nie das Zentrum, sondern immer nur ein Teil eines größeren Ganzen ist.
Für diese Aufgabe, der ich mich gerne stellen will, danke ich Dir.

Ich werde Dich nie wieder sehen können, ich werde nie wieder über Deine Stimm-Imitationen und Deine Schauspielerei lachen dürfen, ich werde nie wieder hören: „Hallo, hier ist das Wölfchen!“ und ich werde Dich nie wieder küssen und nie wieder drücken können, aber ich werde Dich auch niemals vergessen, bis auch bei mir der letzte Vorhang fällt.
Du bist wie immer ein Stück voraus gegangen, irgendwann werde ich Dir folgen.
Und dann bist Du nicht mehr alleine in Deinem Leid.

nf8l7953_sw1In Liebe und in tiefer Trauer …

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