3 Tarzans auf dem Trail

Ich muss gesteh’n, obwohl das eher gegen mich spricht:
Kinder und Kleintiere liegen mir nicht.

Und dieser Pudel war wirklich lächerlich klein.
„Hau ab!“ rief ich, doch er wich mir nicht vom Bein.
Und weil ich ihn doch irgendwie witzig fand,
hab‘ ich ihn feierlich „Tarzan“ genannt.

(Ulrich Roski aus „Des Pudels Kern“)

Es war gestern Nachmittag gewesen, bei unserem gemeinsamen Wandertag.

Wendy Widmer, meine Gabi und ich hatten schon rund zwei Drittel unserer Wanderung im Westen Gran Canarias hinter uns und der Trail ging an den letzten Häusern eines kleinen kanarischen Dorfes vorbei.
Eine mittelgroße, braune Hündin kam ihres Wegs und schnüffelte ein wenig an uns herum, dann aber fand sie uns wohl nicht interessant genug und ging ihrer Wege.
Na ja, eigentlich will ich für Hunde ja nicht interessant sein, immerhin habe ich eines mit Ulrich Roski gemein: Kleintiere liegen mir auch nicht.DSCI0363Nun führte uns der Trail von der Dorfstraße wieder in die Natur und nach wenigen Metern kamen uns drei kleine Hundchen entgegen, Ulrich Roski hätte sie sicherlich auch „wirklich lächerlich klein“ genannt, aber eben auch „irgendwie witzig“. Sie waren tatsächlich irgendwie süß, drollig, wie sie mit ihren kleinen Schwänzen wedelten. Einer der Hunde war schwarz, zweifellos der Mutigste von allen, einer war schwarz mit ein paar weißen Stellen und einer, der ängstlichste Hund der Truppe, war braun wie seine Mutter.

Wahrscheinlich erwarteten die Drei etwas zu fressen von uns, vielleicht aber waren sie auch nur auf ihr bisher größtes Abenteuer aus. Auf jeden Fall war unsere Wandertruppe nun doppelt so stark, wobei die Neuankömmlinge strikt darauf achteten, stets die Nachhut zu bilden, ausgenommen, wenn einer von uns Großen stehen blieb.
Die Hunde mögen drei Monate alt gewesen sein, vielleicht sogar noch etwas jünger und sie folgten uns auf dem Weg, der flach und schmal war. Gelegentlich versperrte ein großes herumliegendes Holz den Weg oder eine der abgestorbenen Agaven und so bildete sich eine natürliche Barriere gegen diese kleinen Knäuel.
Aber immer, wenn wir dachten, dass die drei nun begreifen würden, dass ihr großer Tag, ihr großes Abenteuer nun vorbei war und sie sich auf den Rückweg besinnen würden, da überwanden sie jedes für solch kleine Körper noch so schwierige Hindernis und kamen sie dann auch schon wieder zu uns, auch, als es immer höher den Berg hinauf ging.

DSCI0393Und obwohl ich ja eigentlich nicht der große Hundeversteher bin, begann ich, mir Sorgen zu machen. Anfangs redete ich mir noch ein, dass die drei auf jeden Fall nach Hause finden würden, noch waren wir ja nirgends abgebogen. Aber aus Minuten wurde eine Stunde oder länger und nach und nach schlich sich bei mir die Vorstellung ein, ob ich nicht einen der drei Hundchen einpacken und mitnehmen sollte.

Ich sah nun einen Hundkäfig vor mir, die Impfung und Entwurmung des Wunschtiers in Deutschland und ich sah dann den mutigsten der Drei, den schwarzen Hund, in unserem Haus herumspringen.
Und ich dachte an Ulrich Roski und nannte ihn feierlich auch „Tarzan“ – oder besser „Tarzan 1“.
Der Ängstlichste der Drei, ein Hund, der sich vor mir fürchtete (!), wo das doch normalerweise immer anders herum funktioniert, das braune Knäuel, war aber auch ganz süß.
Oder sollte man die drei Geschwisterchen dann doch nicht trennen und plötzlich sah ich mich mit drei Hundekäfigen an Bord des Fliegers zurück nach Deutschland. Und die drei kläfften und schmusten im Flieger und ich versuchte, den Hundchen beizubringen, doch mal ganz still und leise zu sein.DSCI0381Ich sah unser Familienleben mit Hunden, meine Reisen, unsere Reisen, unsere Arbeit und die häufige Abwesenheit von Heim und Herd und dachte, dass das so wohl nicht funktionieren könne.

Aber nach etlichen Kilometern, das Dorf, von dem aus die Drei uns folgten, war nur noch am Horizont zu sehen, begann ich, mir echte Sorgen zu machen. Ich ließ die Hundchen also kommen, formte mit den Händen eine Trinkschale, Wendy goss etwas Wasser hinein und ich hielt es den Hundchen hin.
Keiner schlabberte das Wasser.
Dann aber wurde der Mutigste, Tarzan 1, zum Titanen und wagte das Trinken. Und dann trauten sich auch Tarzan 2 und Tarzan 3, Tarzan 3 aber erst, als wir Tarzan 1 und Tarzan 2 weg gehalten haben.IMG_6656

Später dann schleckten die Drei eifrig unsere von den gesalzenen Sonnenblumenkernen leicht salzig schmeckenden Hände ab, diese lange Reise war für die Hundebabies offensichtlich extrem anstrengend, kräftezehrend und die körperlichen Ressourcen verbrauchend.
Die Drei nutzen immer gerne jeden Schatten, wenn wir Großen einmal stehen blieben und die Reise wurde länger und länger. Längst zweifelte ich, ob die Drei wieder nach Hause finden würden, zudem zeigten sie erste Symptome einer beginnenden Erschöpfung und so schlug ich Wendy und Gabi bei der nächsten kurzen Rast vor, dass die beiden doch den Weg alleine fortsetzen sollten. Ich würde zurück ins Dorf gehen und die Hündchen zu ihrer Mama bringen.
Es wäre uns so recht gewesen, wenn uns ein Wanderer entgegen gekommen wäre, den wir dann mit dem „Auftrag Familienzusammenführung“ hätten beauftragen können, aber der Trail war einsam und leer.

Wendy war es schließlich, die vorschlug, erst noch ganz nach oben auf den Berg zu gehen und dort an der Straße neu zu überlegen, was zu tun wäre und ob man meinem Vorschlag folgen wolle.
Wir stampften also weiter, die drei Lütten tapsten hinter uns her. Noch einmal gab es Wasser für die Drei, die Sonne schien hell und warm vom Himmel, kein Schatten lag auf dem Trail und irgendwann erreichten wir dann tatsächlich die Straße und ich schickte mich an, Tarzan 1 bis 3 zurück zu bringen, ob es aber auf dem anstrengenderen Trail oder der gefährlicheren Straße besser gewesen wäre?DSCI0392

Die nächste Überlegung war, ein Auto anzuhalten und den „Auftrag Familienzusammenführung“ an einen Autofahrer zu delegieren. Aber da war kein Auto. Die Straße war eine höchst selten befahrene Nebenstrecke, wir konnten in einer Meile Entfernung die Kreuzung von der BC-60, der Hauptstraße, sehen aber dann, endlich, bog ein Auto in diese Nebenstrecke ein. Aber er hielt auch nach wenigen Metern wieder an.

Ein Tourist also, dachten wir. Fotoshooting am Parkplatz.
Doch dann setzte der Wagen seine Fahrt fort. Und ein zweiter Wagen kam, einer, der an diesem Aussichtspunkt nicht hielt. Da könnten wir doch eher Chancen haben.
Wenn die Autofahrer nicht denken, wir wollten trampen, sie überfallen oder, noch schlimmer, sie anbetteln.
Aber doch, anbetteln wollten wir die Autofahrer schon, aber eben nur, um Mama Hund glücklich zu machen und Tarzan 1, Tarzan 2 und Tarzan 3 zu retten.

Der zweite Wagen schloss immer dichter auf den ersten auf, wir winkten und der erste Wagen hielt. Keinerlei Englischkenntnisse auf der einen Seite trafen sich mit keinerlei Spanischkenntnissen auf der anderen Seite. Aber wozu hat man Hände und Füße? Und drei Wollknäuel, auf die man hinweisen könnte?
Der Autofahrer und seine Begleitung begriffen schnell, was wir wollten, verließ die Straße und bog in die Parkbucht ein.IMG_6662

Nur die Hundchen hatten eine andere Ansicht vom weiteren Verlauf des Nachmittags wie wir fünf Menschlein. Sie entfernten sich und schauten in sicherer Entfernung dem Treiben zu. Ich versuchte, die drei Tarzans mit Wasser zu ködern, Gabi probierte es mit Zwieback und die Beifahrerin des Autos versuchte es mit dem Rest ihres Mittagsmahls, nicht aber, ohne sich eine Zigarette angesteckt zu haben. Immer jede Gelegenheit zum qualmen ausnutzen!

Ich bin sicher, dass Wendy, Gabi und ich die drei Hundchen nicht hätten einfangen können, die beiden Einheimischen aber packten nach und nach die Hundchen am Kragen oder an den Füßchen und steckten sie auf den Rücksitz des Wagens, wo sie sich nicht zu bewegen trauten. Nur Tarzan 1 war richtig schwer zu kriegen, der Autofahrer aber, an den Umgang mit Hunden offensichtlich gewöhnt, folgte dem Hund erst eine Böschung hinab, dann einen Berg hinauf, bis er auch ihn greifen konnte.

Die Autotüren vorne waren dabei stets geöffnet, keiner der beiden schon Gegriffenen wagte aber die Flucht. Und dann packten wir unser ganz weniges Spanisch aus und sagten der Autofahrerfamilie: „Camisa Una!“
Erstes Haus … oder so.IMG_6658

Dann zogen wir weiter.
Glücklich, Mama Hund, Tarzan 1 bis 3, die Einheimischen und uns selbst stolz gemacht zu haben.
In mir aber bleibt bis jetzt die Frage, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, die drei …
Läufer werden die drei Hunde definitiv, da bin ich mir sicher.

Ich werde wohl an manchen Tagen zu Hause diese drei Geschöpfe vermissen.
Und beim Laufen werde ich wohl gelegentlich an die Drei denken.

Und wenn ich im nächsten Jahr oder einmal danach wieder hier auf Gran Canaria sein werde, dann will ich mal nachsehen, was aus den Dreien wohl geworden ist.

Was aber würde Ulrich Roski dazu sagen?

Songtext: Ulrich Roski – Des Pudels Kern

Ich geh‘ im Walde bisweilen so für mich hin,
nach schmackhaften Pilzen steht mir der Sinn
.
Schon ihre seltsamen Namen faszinieren mich,
so wie „Schlonz“ oder „Mulmiger Knöterich“.

Dabei genieß‘ ich auch noch die Waldesruh,
bei Alledem lief mir jüngst ein Zwergpudel zu.
Ich muss gesteh’n, obwohl das eher gegen mich spricht:
Kinder und Kleintiere liegen mir nicht.

Und dieser Pudel war wirklich lächerlich klein.
„Hau ab!“ rief ich, doch er wich mir nicht vom Bein.
Und weil ich ihn doch irgendwie witzig fand,
hab‘ ich ihn feierlich „Tarzan“ genannt.

Ich dachte: „Heute Abend gibt’s Pilzragout,
vielleicht reißt mir der Pudel einen Hirsch dazu.“
Schon vernahm ich ein gewisses Rascheln im Gras,
mutmaßte ein Wildbret und rief: „Tarzan, faß!“

Es war kein Hirsch, es war ein Jäger im grünen Gewand,
an dem sich allerlei Blattwerk befand.
Sein Hut war merkwürdigerweise aus Stahl,
bald kamen auch seine Kollegen in stattlicher Zahl.

Immer mehr grüne Jungs brachen durch das Geäst,
die sahen alle gleich aus, ich dachte: „Hier ist wohl ein Nest!“
Sie waren schwer bewaffnet, und ich hab‘ mich gefragt,
seit wann man Hasen mit Maschinenpistolen jagt.

Dann kroch einer aus dem Dickicht heraus,
der sah wie der Oberjäger aus.
Voller Würde, wie’s einem Anführer frommt,
ich rief: „Tarzan, Ast weg, der Förster kommt!“

Ich begrüßte ihn zünftig mit: „Waidmannslust!“
Doch er schrie: „Tun Sie nicht so, als hab’n sie nicht gewusst,
dass hier Manöver ist. Also nennen Sie
a) einen Grund f
ür Ihr dasein und
b) begründen Sie den Hund!“

„Herr Förster, ich versteh‘ Sie, Sie tun ja auch nur Ihre Pflicht.
Also a) Ich suche Pilze, und b) Ich kenne den Pudel nicht.“
„Aha, kenn‘ Sie nicht, ham Sie wohl vorher nie geseh’n,
wie? Die Masche kenn‘ wir. Alle Mann ins Glied, wir geh’n!“

„Welches Glied?“ frage ich, doch er donnert nur barsch:
„Ich stell hier die Fragen. Also: Vorwärts, Marsch!“

Die Grünen stell’n sich wirklich auf in Reih‘ und Glied,
ich frag‘ einen von ihnen, als uns der Förster nicht sieht,
was denn des Laub an ihren Klamotten soll,
darauf antwortet er mir geheimnisvoll:

„Wenn wir so mit den Blättern im Unterholz steh’n,
kann der Feind uns im Wald überhaupt nicht seh’n.
Und weil er uns alle für Büsche hält,
tappt er in die Falle und schon ist er umstellt.“

Ich lache herzlich, dann seh‘ ich am Wegesrand
ein paar Pilze und hab‘ sie schon fast in der Hand,
als mich eine Stimme laut: „Vorsicht!“ warnt.
„Das sind welche von uns, als Morcheln getarnt!“

Wir marschieren weiter und kommen sehr schnell
zu einem großen Gebäude, wie es scheint ein Hotel.
Denn die Angestellten in diesem Haus
seh’n wie frisch gebadete Liftboys aus.

Man bringt uns zu einem Herrn in schmucker Livree,
ich such‘ nach Trinkgeld, weil ich denk‘ das ist der Portier.
Der Förster zischt: „Sie spinn‘ wohl, das ist der Major!“
Und stellt uns dem geschniegelten Herren vor:

„Streun’nder Pud’l und verdächt’che Person.“
Der Major sagt scheißfreundlich: „Nimm Platz, mein Sohn!“
Ich nehm‘ an, dass er glaubt, dass ich ihn jetzt Papi nenn‘,
frag‘ aber: „Hoppla Kumpel, seit wann duzen wir uns denn?“

Da raunzt er: „Auch noch frech werden, wie?
Also raus mit der Sprache: Was ist mit dem Vieh?
Ihr schnüffelt hier rum, da ist doch was faul!“
Der Pudel knurrt und ich sag‘: „Tarzan, halt’s Maul!“

Tarzan, des klingt wie ein Codewort, der Major hört so was gern.
Er triumphiert: „Ein feindlicher Agent, jawoll, das ist des Pudels Kern!“

Er ruft sein Ministerium an, weil er denkt
er hat den Spionagering „Tarzan“ gesprengt.
Und während der Major noch telefoniert
wird der Pudel gefesselt und abgeführt.

Dann redet er wieder auf mich ein,
wer meine Hintermänner und Drahtzieher seien.
„Nenn‘ sie ein paar Namen, das ist doch nicht schwer.“
Ich denk‘ „Nö“ und sag‘ ein paar Pilznamen her:

Nenn den „Ruppigen Stiesel“, den „Scheuen Kalmück„,
den „Nonnenschwengel“, den „Sämigen Lück„,
den „Schleimigen Widerling“, und zum Schluss
die „Stinkmorchel, Phallus Impudicus“.

Der Major notiert sich die Namen und flucht,
weil er die Burschen vergeblich im Fahndungsbuch sucht.
Um Zeit zu gewinnen, nimmt er auch mich in Arrest,
der Raum ist schön dunkel und bald schlafe ich fest.

Mir träumt von einem Scharmützel im Wald,
von einer Schlacht gegen Pilze, es donnert und knallt.
Ich selbst bin der Feldherr und rufe im Traum:
„Seid nicht feige Leute, lasst mich hinter’n Baum!“

Dann werd‘ ich geweckt und zum Major geführt,
der hat unterdessen meinen Pudel dressiert:
Er macht Männchen, holt des Stöckchen und kuscht,
kurzum, sein Charakter ist völlig verpfuscht.

„Ihr Hund“, sagt der Major, „Macht sich ganz gut.“
„Tja“, denk‘ ich, „Hat schon Manier’n wie ein Rekrut.“
Er fährt fort: „Der Verdacht hat sich übrigens zerstreut.
Sie könn‘ geh’n, junger Mann, hat mich sehr gefreut.“

„Mich nicht“, sag ich herzlich und ruf‘: „Tarzan, wir geh’n!“
Doch ich seh‘ nur einen begossenen Pudel dasteh’n,
der nicht mit mir gehen will, mir liegt auch nichts dran,
weil ich Hunde eigentlich sowieso nicht leiden kann.

Seit damals lässt der Wald mich kalt, ich sitz‘ lieber in der Diskothek,
ich ess‘ Pilze aus der Dose und geh‘ Zwergpudeln aus dem Weg.

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