Ein Topf voll Gold

Start „Kaiserwetter“ hatte Tobias Riedel noch am frühen Morgen des Sonntag angekündigt, „nordisches Kaiserwetter“, um genau zu sein.
Und während in den alpinen Bergen „Kaiserwetter“ von tief verschneiten und weiß glitzernden Berglandschaften unter strahlend blauem Himmel, garniert mit einer Sonne, die hell und freundlich auf eben diese Landschaft hinunter scheint, träumen lässt, scheint „Kaiserwetter“, insbesondere „nordisches Kaiserwetter“, eben doch ganz anders zu sein.
Auf jeden Fall hat er sehr viel geweint, dieser Kaiser, vielleicht war er ja traurig, dass es nur zwei bescheidene Grad warm wurde dort im Norden, am Lübeck-Elbe-Kanal.

Trotz dieses eher unschönen „nordischen Kaiserwetters fand ich dort im hohen Norden ein zartes, schönes Pflänzlein am Lübeck-Elbe-Kanal zwischen der wunderschönen Stadt Lübeck. Heimat von viel mehr als nur leckerstem Marzipan, und Mölln. Dieses Pflänzlein hätte es verdient, von nun an Stück für Stück zu wachsen, um irgendwann eine solide deutsche Eiche zu werden, mit einem Fundament, das tief in der heimatlichen Erde verwurzelt ist, einem Stamm, der allen Wettern trotzt und zarten Zweigen, die immer für viel Gefühl und Sensibilität stehen.

Dieses Pflänzchen, das ich wachsen sehen will, hieß „Lübeck-Elbe-Kanal Ultra“. Es ging vom Lübecker Ufer aus bis nach Alt-Mölln, exakt 30 Kilometer lang und dann auf der genau gleichen Strecke auch gleich wieder 30 Kilometer zurück nach Lübeck.
Wer nun denkt, dass es langweilig sein muss, die gleiche Strecke wieder zurück zu laufen, der irrt. Ich hatte viele schöne Dinge tatsächlich erst auf dem Rückweg bemerkt, beispielsweise die unglaublich schönen und teuren, mit aufwändigen und dicken Reetdächern eingedeckten, Luxusvillen direkt am Wasser in Alt-Mölln. Diese Häuser stehen dabei auf Grundstücken, die so groß sind, dass man darauf auch durchaus ganze Fußballstadien mit den dazugehörigen Parkplätzen hätte bauen können. Teilweise waren diese Häuser modern, viele aber, die meisten, die schönsten, die romantischten, schienen aus einer Zeit herüber gerettet zu sein, die längst vergangen ist.
Warum ich diese Häuser auf dem Hinweg nicht wahrgenommen habe, weiß ich nicht mit Bestimmtheit. Es mag daran liegen, dass man doch eher immer in eine Richtung sieht.

Als ich die Einladung von Tobias Riedel und seiner bezaubernden Freundin Laura Schwerk, Tochter des legendären Läufers Wolfgang Schwerk (http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Schwerk), Kenner der Szene wissen, dass seine 1987 in Köln gelaufenen 276 km in 24 Stunden noch immer und vielleicht sogar ewig der deutsche Rekord im 24-h Lauf sind, erhielt, schluckte ich schon ein wenig.
Am Freitag noch im französischen Devoluy Ski fahren, am Samstag erst mit der Familie die rund 850 Kilometer nach Hause fahren, um danach gleich weiter zu fahren, dann aber alleine, um die weiteren rund 500 Kilometer bis nach Lübeck abzureißen? Wie verrückt muss man sein, um sich so etwas anzutun?
KanalDann aber dachte ich, dass ich beruflich sowieso nach Hamburg müsste und legte meinen Hamburg-Termin auf den darauf folgenden Montag, einen wichtigen Geschäftstermin in Peine bei Hannover legte ich auf den Dienstag und so war der Trip wirtschaftlich akzeptabel und der zeitliche Aufwand war so auch angemessen, also sagte ich zu.
Ich habe es wirklich nicht bemüht, zu keiner Zeit.

Wir starteten also am Sonntag um 10 Uhr bei zwei winzigen Grad Celsius, zwei Grad, die sich auch noch verstecken wollten. Wir starteten bei Nieselregen, der dann irgendwann aber aufhörte und später auch mal von heftigerem Regen abgelöst wurde. Lange Phasen über blieb es allerdings auch trocken und ganz gelegentlich drohte sogar die Sonne mit Sonnenschein. In Alt-Mölln, am Wendepunkt des Trails, wo wir vielleicht ein Viertelstündchen pausierten und von den „guten alten Zeiten“, von anderen Läufen und eigenen Bestmarken erzählten, brach sogar die Sonne mal richtig durch die Wolken, was mit motivierte, die Regenjacke auszuziehen. Das aber war nicht sehr klug, denn sofort nach dem Wiederanlaufen begann es wieder zu regnen, teilweise sogar richtig stark.

Die Sonne aber war aber phasenweise durchaus auch der Meinung, scheinen zu müssen und so hatten wir ein Viertelstündchen sogar beides, starken Regen und Sonnenschein. Und diese Kombination schuf den schönsten, perfektesten und vor allem vollständigsten Regenbogen, den ich in meinem Leben je gesehen habe.
Alleine für dieses Schauspiel wäre ich an diesen weit entfernten Kanal gefahren.
Und natürlich auch für den Anblick der Alt-Möllner Luxusvillen.
WegBeim Start waren wir (leider nur) sechs LäuferInnen, ein Hund und ein Fahrradbegleiter, nach der zweiten der insgesamt neun Verpflegungsstellen drehten eine Läuferin und ein Läufer wieder um. Mehr als einen Halbmarathon war man bisher noch nicht gelaufen und da waren diese zwei Mal zehn Kilometer schon fast der Gipfel der eigenen Läufergenüsse.
Und nach der dritten Verpflegungsstelle fehlte eiin weiterer Läufer, Oliver, der nur wenig gemacht hatte in der letzten Zeit, den ich aber beim 100 Meilen Berliner Mauerweglauf wiedersehen werde.
Weil Tobias und Laura sich beim Laufen und bei der Besetzung der Verpflegungspunkte abwechselten, waren Alex(andra) Martin und ich die beiden Einzigen, die die kompletten 60 Kilometer liefen.
Dass Alex die Frauenwertung und ich die Männerwertung gewann, war also folgerichtig.
Aber mal im Ernst: es war sowieso ein Gruppenlauf, es war unser Ziel, gemeinsam zu starten und auch gemeinsam anzukommen.

Zwei Läufer, die sich angemeldet hatten, sind nicht erschienen, ohne wenigstens abzusagen. Und zwei Läufer, beide aus meinem Facebook-Freundeskreis, mussten leider krankheitsbedingt absagen. Das war sehr schade, weil ich die Nordlichter im Freundeskreis ja eher selten zu sehen bekomme.
Der Norden ist für mich zwar nciht weiter weg als der Süden, aber ich liebe halt die Berge und auch deshalb zieht es mich meist in den Süden, in die Alpen. Zudem „schwätz‘ I au gern schwäbisch“, ich liebe den badischen Dialekt und höre gerne bayrisches Schimpfen, all das jedenfalls viel mehr als das kühle Hamburgerisch, das mir oft sehr kalt und distanziert vorkommt.

Tobias und Laura gaben sich alle erdenkliche Mühe, neun Verpflegungspunkte, ein Begleitauto, alles sehr liebevoll und aufwändig, ehrlich und voller Euphorie. Wenn es bald einen „kleinen Bruder“ dieses Laufs gibt oder der in dieser oder sogar einer erweiterten Form wiederholt wird, dann wünsche ich diesem Lauf, dieser Strecke und diesem Organisationsteam viel mehr Mitläufer und einen Kaiser, der nicht weint.
Neben den Villen von Alt-Mölln waren es drei Dinge, die ich wohl nie vergessen werde:
– eine wertige Urkunde
– eine Finisher-Trophäe, die ihren Platz auf und nicht in meinem Läuferschrank finden wird
– ein Regenbogen, so perfekt, so klar, so deutlich.
UrkundeUnd was sagt man über die Regenbogen?
Am Ende des Regenbogens, sagt man, findet man einen Topf voll Gold.
Das Gold des Nordens war diese wunderbare Veranstaltung, dieser Regenbogen, der über dieses Event einen Bogen der Freude und des Lichts spannte.

Danke Tobias, danke Laura!
Regenbogen

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Ein Kommentar zu “Ein Topf voll Gold

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