„MMM 2015“, mein zweites „M“

Mallorca, das 17. deutsche Bundesland …
… überall sind sie dort zu finden, die Germanen. Wenn Du durch die Städte wanderst oder wenn Du Dir die Strände ansiehst, Du wirst immer Touristen finden. Und die meisten von denen sprechen deutsch.
Es sind dort so viele, dass sich manche Restaurants, Kneipen, Shops oder Bäckereien erst gar nicht mehr die Mühe machen, einen spanisch klingenden Namen für das Etablissement zu finden, also heißen Kneipen oft „Bei Tina und Jupp“ oder „Deutsches Eck“. Und auch die, die sich der Anglizismen bedienen, sind meist deutsch, wie beispielsweise der „King Currywurst“.
Das alles finde ich schon ein wenig schade, es ist aber sicher auch der Nähe zu Deutschland geschuldet.

„Nach Mallorca kommen vor allem ärmere Urlauber oder sehr wohlhabende, sehr reiche,“ sagte mir ein einheimischer Gastronom vorletzte Woche in Port de Alcudia, bei dem ich eine Portion „Creative Wok“ genoss. Ärmere Urlauber, sehr reiche Besucher – und Trailrunner!
Die hatte er doch glatt vergessen. Und gerade von denen gab es dieses Jahr, bei der immerhin schon siebten Ausgabe dieses Bewerbs, ganz besonders viele. Auch viel mehr deutsche LäuferInnen wie früher. Weit über 2.000 Starter waren es heuer, wenn man den ganz neuen Bewerb, die Marathon-Distanz ab Sóller, dazu nimmt.

Es gibt ja mehrere Laufbewerbe auf Mallorca, …… angefangen mit dem Palma Marathon als Straßenbewerb über den Trans Mallorca Etappenlauf als Trail-Event bis hin zum absoluten Highlight der Mallorca-Bewerbe, dem Ultra Trail Tramuntana von Andratx oder Valldemossa oder Sóller bis nach Pollença, in diese wunderschöne mediterrane Stadt, die alleine den Besuch der Insel wert wäre.
44 oder 67 Kilometer für die Trailgenießer oder 112 Kilometer für die Unersättlichen, für die, die so ähnlich ticken wie ich. Für die, die der Ansicht sind, dass die mitternächtliche Stunde sich hervorragend zum Start in einen langen Lauf eignet und für die, die meinen, dass schroffes Geläuf voller Steine jedem Asphalt überlegen ist.
2015-04-17 23.52.34 2015-04-17 23.53.00 2015-04-17 23.51.59 2015-04-17 23.50.01 2015-04-17 23.49.26

Schon der Start ist jedes Jahr aufs Neue ein Erlebnis. Es beginnt eben zu mitternächtlicher Stunde – oder eine Stunde nach vorne versetzt – von einer hübsch beleuchteten Burg weg. Die Stimmung am Start ist phantastisch, Vangelis wird gespielt und Hunderte von Kameras recken sich zum oder aus dem Läuferfeld. Und dann geht es recht einfache, meist doch geteerte, Wege Richtung Tramuntana-Gebirge.
Auf den ersten Kilometern soll sich das Feld etwas entzerren, das funktioniert aber nicht, wenn sich die Führenden verlaufen. Und so waren wir alle wieder nach gut 3,5 Kilometern eng beisammen, Stau vorprogrammiert.

Und dieser Stau war so schlimm, dass die Organisatoren gleich mal 30 Minuten länger Zeit für die Cut-Offs gegeben haben und diese 30 Minuten waren es auch, die Klaus Neufend, mein Laufpartner vom Anfang, und ich bis zum ersten VP auf der Strecke angestanden haben, auf dem SingleTrail, zwei Mal vor einer Zaunüberquerung oder an irgendwelchen Engstellen.

Nach dem ersten VP aber war dieses Problem gelöst und ich hoffe sehr, dass sich die Organisatoren für 2016 Gedanken machen, wie diese unerfreuliche Situation wenigstens entschärft werden kann, denn wenn die Anmeldezahlen weiterhin so explodieren, dann bräuchte es nicht einmal mehr solch einen Verlaufer, um diese Situation wiederkommen zu lassen.

Mallorca ist für mich wie eine Geschwistergruppe von drei Kindern.
Da ist das hässliche, ungepflegte, flegelhafte und ordinäre Kind, mit dem kaum jemand spielen will. Es heißt S’Arenal oder ähnlich, ist in der Nähe der Hauptstadt und eignet sich nur, wenn man beim Spielen mit dem Kind sturzbetrunken sein will.
Und da ist die schöne Tochter, die, die sich immer um ihr Äußeres sorgt. Gut erzogen, eher leise, aber stilvoll. Sie heißt Port de Alcudia oder ähnlich, ist weit weg von der Hauptstadt und begründet den Ruf Mallorcas als wunderschöne Insel.
Aber da ist eben auch noch das wilde Mädchen, die naturverbundene Göre, der Mensch zum Pferde stehlen und Abenteuer erleben. Sie ist die, die ich so liebe, schroff und direkt, großartig, unverwechselbar und einmalig. Sie heißt Tramuntana-Gebirge und zieht sich die Westküste entlang und sie gehört mit Recht zum UNESCO Weltkulturerbe, der UNESCO World Heritage Liste.
Egal, mit wem Du dort auf Mallorca spielst, Hauptsache es ist nicht die S’Arenal …2015-04-18 06.40.50Nach dem VP1 ging es schneller weiter, rauf und runter durch die Dunkelheit und als Klaus und ich den VP2 erreichten, mittlerweile gerade mal so wieder innerhalb des originalen Zeitlimits, begann es, hell zu werden. Ganz schön schön da, dachte ich. Bei den beiden ersten Malen, bei denen ich dabei war, war es dort noch lange stockdunkel und damals übersah ich die Schönheit dieses Küstenstückes.
Nun fotgte die kürzeste Etappe bis zum VP3, nur rund 8,6 Kilometer lang, aber mit einer recht ordentlichen Steigung auf das Hochplateau von Valldemossa, dem Startort des nächsten Bewerbs.
Klaus brauchte noch etwas Zeit im VP, deshalb schloss ich mich für eine Weile Dietmar Rosenau an, verschwand dann aber nach vorne, weil ich Sorge hatte, in Valldemossa wieder hinter der ursprünglichen Cut-Off Zeit einzutreffen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nichts von der Verschiebung der Cut-Off Zeiten gewusst.

Um 8 Uhr wurde dort auf die 67 Kilometer-Strecke gestartet, ich war rund eine halbe Stunde später an diesem Punkt, eineinhalb Stunden später als im Vorjahr. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, wenigstens nun deutlich vor der originalen Cut-Off Zeit zu sein oder ob ich mich wegen der verdaddelten 90 Minuten ärgern sollte. Da nach Valldemossa aber einer der schönsten Teile des Trails beginnt, ein Serpentinenanstieg durch einen wunderschönen Wald hinauf auf die Berge, blieb nur Zeit, mich mit einem Bonner Läufer zu unterhalten, auf den ich aufgelaufen war und der nun seit 8 Jahren auf Mallorca lebt.2015-04-18 08.49.37 2015-04-18 08.49.31 2015-04-18 08.49.59 2015-04-18 09.05.48 2015-04-18 09.05.55 2015-04-18 09.06.23 2015-04-18 09.06.54 Oben angekommen hast Du einen herrlichen Blick runter aufs Meer. Und rüber über die Insel, auch aufs weit entfernte Meer. Und dort oben bleibst Du eine ganze Weile. Ich lief dort mit den beiden Organisatoren des Trans Mallorca Etappenlaufs und wir hatten trotz gewisser Verständigungsschwierigkeiten vieles miteinander zu bereden.
Ich wünsche den beiden Erfolg und eine gute Veranstaltung. Ich kann im Herbst zwar nicht wieder auf Mallorca sein, aber ich weiß zumindest, dass Claudi und Kuno dort dabei sein werden. Und wenn Du so etwas überlegst, dann drücke ich Dir für dieses Event auch beide Daumen. Sicherlich eine schöne, eine liebevoll organisierte und eine attraktive Strecke.2015-04-18 09.21.48 2015-04-18 09.21.52 2015-04-18 09.21.50 2015-04-18 09.22.21 2015-04-18 09.22.20Die Downhills des Ultra Trail Tramuntana waren alle technisch schwierig, ob runter nach Deja, nach Sóller oder nach Pollença und ich schwankte immer zwischen dem Gedanken „mach langsam“, weil ich ja eine Woche später schon wieder lange laufen wollte und dem Gedanken „hier kannst Du noch etwas Technik üben“. Meist gewann die Gier auf eine nicht allzu schlechte Zeit. Anfangs mit dem Ziel 23:59:59 Stunden gestartet, mit den rund 19:04 Stunden des Vorjahres im geistigen Gepäck, wollte ich dann irgendwann wenigstens vor der 22-Stunden-Marke im Ziel sein.
Im Hellen anzukommen, das war schon nach dem ersten VP unmöglich geworden.2015-04-18 09.35.47 2015-04-18 09.35.50 2015-04-18 09.35.45Außer dem Uphill nach Valldemossa gibt es, jetzt bei allen Bewerben, noch den harten Serpentinen-Anstieg hinter Sóller rauf zum höchsten Punkt der Strecke. Rund 1.200 Höhenmeter sind da zu bezwingen und bei diesen Serpentinen gibt es keinen Wald, keinen Strauch, keinen Schatten. Oft brennt die Sonne da unerbittlich auf die LäuferInnen herunter.
Ich erinnere mich da noch an 2014. Da stand sogar ein Polizist an der Strecke, noch bevor es wirklich rauf geht, und dieser Polizist schaute jeden Läufer einzeln an und fragte sinngemäß, ob man wisse, worauf man sich da eingelassen hätte, ob man genug Wasser dabei hätte und erst danach ließ er die Läufer weiterlaufen.
Der Polizist fehlte dieses Jahr, die Sonne und die Hitze aber nicht.
Es dauert zwei oder drei Ewigkeiten lang, bis Du da oben bist (hier räume ich ein, dass mich Marc-Uwe Kling in den „Känguruh-Chroniken“ fragen würde, ob ich das Prinzip einer Ewigkeit nicht richtig verstanden habe …).
Aber später dann, wenn Du meinst, dass es jetzt einfacher werden sollte und Du sehr, sehr lange eine riesige Wasserpipeline entlang gehst, dann zieht sich die Strecke wie Kaugummi. Aber einen Vorteil hatten wir heuer sowohl beim Aufstieg hinter Sóller als auch beim Lauf neben der Pipeline: sowohl der Bach war mit Wasser gefüllt als auch die Pipeline und das sogar mehr als üppig. Ich habe meine Schirmmütze bestimmt ein Dutzend mal in das kalte Wasser eingetaucht, um mein Köpfchen zu kühlen.2015-04-18 12.35.01 2015-04-18 12.33.49 2015-04-18 12.33.24 2015-04-18 12.31.46 2015-04-18 12.29.09 2015-04-18 12.28.31 2015-04-18 13.12.23 2015-04-18 13.12.40 2015-04-18 13.19.23 2015-04-18 13.19.17 2015-04-18 13.19.12Fotos machen konnte ich schon lange nicht mehr, der Akku des Handys „hatte längst fertig“. Die Strecke aber hatte noch nicht fertig. Es gibt da eine Doppelspitze, Du läufst vielleicht gut 150 Höhenmeter runter und fast genauso viel wieder rauf und dieser Weg ist anstrengender, als ich mir das, vom Höhenprofil aus beurteilt, vorgestellt hatte.
Aber dann geht es doch irgendwann runter, scharf und technisch schwierig zum letzten VP im Kloster Lluc. Obwohl es dort eine große Auswahl an Nahrungsmitteln gab, hatte ich dort keine Zeit zu verlieren. Noch in etwa ein Halbmarathon bis zur Finishline …
Überhaupt waren die Angebote der VPs wieder besser als im Vorjahr. Hier lernt man sukzessive dazu.
Heuer gab es sogar Nudeln für Vegetarier, ich war begeistert. Ein großes Lob von mir an die Organisatoren!2015-04-18 10.01.22 2015-04-18 10.01.17 2015-04-18 10.01.10Nach dem Kloster Lluc geht es noch ein letztes Mal ein wenig aufwärts, dann aber geht es steil und hart runter und dann folgen von etwa 8 flache Kilometer, die sich bis in die Innenstadt von Pollença ziehen. Ich wankte schon nach wenigen Kilometern hinter diesem letzten VP, müde torkelnd. Es war so schlimm, dass ich unbedingt schlafen musste.
Ein großer Stein neben der Strecke schien mir ideal für ein Nickerchen zu sein.Stein Ich weiß nicht, wie lange ich da geschlafen habe, wie viele LäuferInnen an mir vorbei gezogen sind, geweckt wurde ich von einem Pressefotografen, der mich erst schlafend fotografiert und dann geweckt hat, um sich zu erkundigen, ob es mir gut gehen würde.
Das Foto schaffte es danach immerhin in den offiziellen Trailer des Laufs.

Von da an konnte ich wieder laufen und ich sammelte viele von denen wieder ein, die meine Schlafpause zum heimlichen Überholen genutzt hatten. Es ging wieder stramm runter, technisch einigermaßen anspruchsvoll und ich lief, die meisten anderen, die da noch auf dem Trail waren, gingen nur noch.
Und dann kam dieses lange flache Stück. Ich weiß noch, wie ich es bei den beiden letzten Malen gehasst habe. Beim ersten Mal konnte ich da nur noch gehen und musste mich sogar noch einige Male übergeben und immer wieder stoppen, um mich zu setzen. Letztes Jahr lief ich im Wechsel mit schnellem Gehen und dieses Jahr?

Es wurde das schönste Stück der gesamten Strecke. Nicht, weil dieser Abschnitt so ultimativ schön ist, sondern weil ich auf einen Polen auflief, ihn als Pacemaker missbrauchte und wir so viele LäuferInnen überholten, die meist schon lange auf einen Spaziergang in die City umgestellt hatten.
Später dann, es wurde immer dunkler, ließ er sich zurückfallen und lief nun neben mir her.
„Ich will Dich nicht überholen,“ sagte ich zu ihm. Er aber erklärte mir, dass seine Stirnlampe defekt sei und er mit mir „Lichtsharing“ betreiben wollte. Und so machten wir es dann bis ins Ziel, ständig stramm laufend. Ich wusste gar nicht, dass ich das noch kann …
Es war einfach wunderschön, ein schöner „Heim in den Stall“-Lauf, die LäuferInnen auf dem Weg als Slalomstangen missbrauchend.
Dann nahmen wir uns bei den Händchen und liefen gemeinsam glücklich über die Ziellinie.
Geile Nummer, gerne immer wieder!

Es gab noch eine wie bei den letzten Austragungen tolle, schwere und wertige Medaille, einen knallorangenen Vliespulli von The North Face, den ich vor allem vor meinem Sohn retten muss, der grün und orange extrem cool findet. Nein, Pascal, diesen Vliespulli bekommst Du nicht, den musst Du Dir schon irgendwann mal selbst erlaufen!
Und es gab noch reichlich zu Essen, worauf ich jedoch verzichtet habe, um einigermaßen zeitig noch mein Hotelzimmer in Port de Pollença zu beziehen.
Nach einer schnellen Dusche schlief ich dann glücklich ein.

Ja, das war schon eine Mega-Veranstaltung, eine von denen, von denen ich gar nicht genug bekommen kann.
Mein zweites „M“ war also wieder ein echtes Highlight.
Dem starken Team, das dieses Event organisiert hat, sage ich aus tiefem Herzen: Gracias!

Wilde Göre Tramuntana, ich komme wieder!Tramuntana

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