Schrei das Schicksal an!

Zurzeit haben die deutschsprachigen Popsänger*innen ja Hochkonjunktur. Und das trotz meistens bestenfalls banaler, oft völlig sinnfreier Texte. Zwar ist mir das noch immer lieber als die Renaissance des deutschen Schlagers, aber dennoch fühle ich mich nicht wirklich wohl, wenn Sänger auf ihren Betten sitzen und Steine essen. Oder wenn sie eben noch kurz die Welt retten wollen, egal, ob von „Wolke 7“ oder von „Wolke 4“ aus.
ALDa gibt es aber auch Ausnahmen. Und eine dieser Ausnahmen, eine echte Songpoetin, ist Annett Louisan. Nach ihren Texten giere ich, von ihr höre ich, was ich zu hören bekommen kann. Und immer wieder finde ich mich in einzelnen ihrer Texte.

Kaum dem JUNUT 170 entronnen, kurz vor dem Aufbruch in die Türkei, um dort wieder 135 Kilometer unter die Füße zu nehmen, frage ich mich, was das ist, was mich treibt, was mich antreibt.
Ob ich „den Hals nicht voll bekomme“? Oder bin ich einfach rastlos und ratlos auf der Suche? Und wenn ja, wonach?

Alles erledigt

In ihrem Lied „Alles erledigt“ singt Annett:

Glück kommt mit der Zeit, doch sie rinnt wie Sand durch unsre Hände, nur die Wünsche geh’n am Ende nie zu Ende.

Wie wahr, oder?
Geht uns das nicht allen so: Du bist auf einer Laufveranstaltung, Du läufst, triffst neue Freunde und am Ende des Laufs könntest Du zwar einen Lauf von Deiner Wunschliste streichen, aber Du hast auch einige Läufe auf diese Liste gesetzt, von denen Du erst jetzt gehört hast. Und den Lauf, den Du gerade hinter Dich gebracht hast, mag er auch noch so schmerzhaft gewesen sein, den willst Du dann doch nicht von der Wunschliste streichen.JunutNie von dieser immer länger werdenden Liste streichen wollen würde ich auch den JUNUT, den „Jurasteig Nonstop Ultra Trail“. In der sechsten Auflage gestartet und bei vieren davon war ich dabei.
Ich war schon dabei, als es noch nur einen Allgemeinstart gab am Freitag um 14 Uhr, als nur maximal 48 Stunden erlaubt waren und wo es deshalb nur 12 Finisher gab.
Damals habe ich mich, einem der vielen Gewässer der Gegend folgend, in ein Nebental verlaufen und ich wäre wohl bis nach Tschechien weitergelaufen, wenn „TrailMaxx“ mich nicht angerufen, erschreckt und dann abgeholt hätte.

Ich habe die 172 Kilometer gefinished und ich habe, in einer legendären Troika mit Frank Nicklisch und Moorrunner Frank laufend, die 230 Kilometer gefinished. Und ich habe heuer die 170 Kilometer gefinished, fast ausschließlich mit der Trans Gran Canaria – Connection laufend, also mit Andreas Haverkamp, mit Ulla und Rolf Kaufmann und vor allem mit Andreas Geyer.
Geliebt habe ich die Strecke nie. Vielleicht die ersten Kilometer bis Kelheim, vor allem aber die Klamm vor der ersten Versorgung im wunderschönen Luftkurort Riedenburg. Aber der Rest? Oft wird man ohne ersichtlichen Grund vom Tal auf die Höhe geführt um dann gleich wieder steil nach unten geschickt zu werden, manchmal wird man kreuz und quer durch den Wald geführt, um dann nach einer halben Stunde wieder dort zu sein, wo man schon war.

Aber ich habe immer die Veranstaltung geliebt. Schon die Geschichte der Entstehung, die der Oberorganisator Gerhard Börner so gerne erzählt, ist skurril und sie endet an einem Bauernhof, wo die sechs ersten Recken, die den Jurasteig komplett belaufen wollten, um zu testen, ob und wie das machbar ist, bei einem Bauern landeten, der, um etwas Wasser gebeten, harsch „Nein“ gesagt hatte. Und selbst der Hinweis, wie wichtig doch Wasser für Läufer wäre, wurde mit dem Satz „Das ist doch micht mein Problem“ unfreundlich beendet.JUNUT

Es konnte also nur besser werden. Und es wurde besser, es wurde sogar richtig gut. Und die Veranstaltung wurde danach sogar von Mal zu Mal noch besser.
Es ist das bestmotivierte Organisationsteam, das ich kenne. Durchweg freundliche, hilfsbereite, bodenständige Menschen, oft aus dem Familien-, Verwandten- oder Freundeskreis der Organisatoren Margot und Gerhard Börner, die wirklich nichts dem Zufall überlassen. Man merkt eben in allen Details, dass da ein guter und erfahrener Ultraläufer eine Veranstaltung für Ultraläufer macht.
BörnersAber was treibt uns alle an, was treibt mich an, unsere kostbare Freizeit auf solchen Events aufzubrauchen? Zu leiden, Schmerzen auf uns zu nehmen und auch hin und wieder den Frust zu akzeptieren, wenn Dein Körper Dir für dieses Wochenende mal die „rote Karte“ zeigt? Im Regen, in der Kälte, in der sengenden Sonne, bei höllisch heißen Temperaturen, bei strammem Gegenwind mit schwerem Gepäck auf dem Rücken Stunde um Stunde übermüdet und halluzinierend zu laufen, zu walken, zu gehen, zu schleichen, zu robben?
Und dann, kaum ist es vorbei und geschafft, stürze ich mich mit Wonne wieder in das nächste Wochenende mit Schlafdefizit und mit aufgeschwemmten „Elefantenfüßen“.

Da fällt mir wieder Annett Louisan ein und ihr Lied „Alles erledigt“:

Schrei das Schicksal an, bis es sich bewegt, sonst hab’n wir irgendwann alles erledigt, aber nichts erlebt.

Die Sorge, nichts oder nicht ausreichend viel erlebt zu haben bis zu dem Tag, an dem ich nicht mehr ohne Rollator den Fernsehsessel verlassen kann oder sogar die Radieschen von unten ansehen muss, die Angst, meinen Enkeln nichts erzählen zu können von dem, was „wir damals so gemacht“ haben, das ist es wohl, was uns antreibt.IznikUnd jetzt also zum IZNIK ULTRA in die Türkei. 135 Kilometer, 19 Stunden Maximalzeit, drei Berge. Es ist eine der wenigen international bekannten Ultraläufe in der Türkei und ich hoffe und bete, ein Vorreiter für noch mehr deutschsprachige Läufer*innen dort zu sein, wenn es dann 2017 und später immer wieder um den schönen Iznik See herum geht, aber eben nicht auf einer Uferpromenade, sondern über die angrenzenden Berge, die einem, so habe ich es zumindest gehört, grandiose Blicke über den See bieten.

Schreien wir also das Schicksal an. Und bewegen wir uns, damit sich auch das Schicksal bewegt. Erledigen wir, was zu erledigen ist, aber erleben wir auch, was zu erleben ist.

Und noch einmal Annett:

Sieh uns beide an. Wir sind alle beide nicht auf Erden, nur um möglichst alt zu werden und zu sterben.

Es ist noch nicht zu Ende.
Schrei das Schicksal an, bis es sich bewegt, sonst hab’n wir irgendwann alles erledigt, aber nichts erlebt.

TE

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