Das Finish

In der Gesellschaft des „Wüstenläufers“ Jens Vieler und der unglaublichen Ricarda Bethke über Trails rennen, das hat schon was.
Du schaust auf dem Weg zur Schynige Platte runter auf grün leuchtende Seen, die Städte liegen tief unter Dir und Du kommst in Deinen Flow.
Und Du beginnst zu träumen.

Hatte ich zu dieser Zeit längst schon innerlich beschlossen, statt den 101 K „nur“ rund 60 K zu laufen, also bei der DropBag Station in Burglauenen statt nach rechts oben waagrecht nach links weiter zu laufen?
Ich weiß es nicht, die Gedanken wechselten hin und her.
Ich war ja so glücklich, dass meine Rückenprobleme vollkommen weg waren, dass ich rennen konnte und zudem so gut und zügig unterwegs war.
Nichts riskieren, dem Rücken nicht zu viel zumuten, dachte ich, es kommen ja noch …
Außerdem lockte mein schickes Hotelbettchen und die Aussicht, dann ausgeschlafen die Heimfahrt antreten zu können.

Andererseits ist ein „Finish 2. Klasse“ immer doof, ein Makel, der uns Läufer oft daran erinnert, dass wir bei weitem nicht so stark sind, wie wir es uns gerne einbilden.

Und ich erinnerte mich im Flow an die Pressekonferenz des Vortages, an die ungeheuer vielen Zahlen, die uns da präsentiert wurden. Die Organisation solch eines Laufs, so lang, verschiedene Distanzen, so hoch, so viele Teilnehmer, das ist schon eine planerische Meisterleistung.

Da mussten zwei Tonnen Material per Helikopter aufs Faulhorn gebracht werden, 500 Leute im Staff mussten eingekleidet, gebrieft und zu ihren Einsatzorten gebracht werden.
35 kg Rauchfleisch, 40 kg Käse aus der Region, 500 kg Orangen, 1.800 Liter Bouillon, 2.600 Liter Cola und 3.200 Bananen und noch viel, viel mehr. Für mich ist es unvorstellbar, wie solch ein Event gestemmt werden kann.

Nach der Leiter zur Schynige Platte ging es noch wellig rauf und runter. Der Schnee war ja weg, aber die Strecke war immer dort noch nass, wo die Sonne nicht hinkam. Und das galt vor allem für den nun folgenden Downhill.
Ein wurzeliger und schmaler Trail, mehr stacksen als rennen. Und davon ganz besonders viel. Ich bin überhaupt kein Fan solch technisch schwierigen Downhills im Wald. Oft bleibe ich mit der Fußspitze hängen und dann erinnere ich mich daran, dass ich keinesfalls fallen wollte. Und dann werde ich noch langsamer.

Ja, ich bin langsam auf solchen Stücken. Von den Cracks abgesehen, die sowieso weit vorne waren, verliere ich auf solchen Teilstücken selbst Zeit auf Läufer*innen, die eigentlich „in meiner Liga“ laufen.
Rauf überhole ich oft und runter gebe ich diese Plätze meist frustriert wieder ab.
Und je länger dieser Downhill war, von der Schynige Platte auf knapp 2.000 Meter runter nach Burglauenen, einen einzigen Konteranstieg zur Erholung, runter auf unter 1.000 Meter, desto genervter wurde ich.
Vor allem die letzten knapp vier Kilometer vor Burglauenen, die letzten 500 Höhenmeter runter, taten sehr weh.

Und ich sah den auf den VP in Burglauenen folgenden Aufstieg auf den Männlichen in der prallen Sonne auf der gegenüberliegenden Seite. Und spätestens da entschied ich definitv, was ich im Grunde schon vor der Schynige Platte entschieden hatte.
Short version, lockeres Auslaufen nach Grindelwald, Nachmittags-Finish, Weichei-Version. Verzicht auf den Eiger Gletscher.

Im Nachhinein ärgere ich mich natürlich mal wieder über mich, weil ich in Hinblick auf den Lauf auf dem türkischen Salzsee wohl richtig, im Hinblick auf den späteren „Alpen X“ aber falsch entschieden hatte.

Am VP in Burglauenen gab es ein warmes Nudelgericht, den DropBag brauchte ich dank meiner Entscheidung zum Shortcut nicht, ich traf Freunde aus der Heimat, die ganz offiziell „nur“ den E51 gelaufen sind und dann machte ich mich auf die letzten gut sieben Kilometer nach Grindelwald.

Ein Fahrradweg, ständig leicht ansteigend, das war die letzte Etappe. Schön, oft am Flüsschen entlang, aber es war heiß, die Sonne brannte von oben, die Moral war deutlich gesunken, die Kraft war weg und ich lief mit einer Handvoll anderer Läufer*innen, die alle offizielle E51 Teilnehmer waren.
E101 Weichei-Variantenläufer sah ich keine. Es gab ja auch nicht allzu viele, die diesen Ausweg nahmen. Und, vielleicht ein Trost für mich, von den wenigen war ich wenigstens der Schnellste. Immerhin.

Aber wir alle kämpften. Mal laufen, mal traben, mal gehen, immer im Wechsel. Und wir überholten uns oder ich wurde überholt. Aber ich konnte zu keinem einen nennenswerten Vorsprung heraus laufen. Und niemand schaffte es in dieser Phase, sich von mir deutlich nach vorne abzusetzen.

Dann kamen wir in Grindelwald an, ganz unten am Fluß und so ging es in Etappen noch einmal einige Meter hinauf bis auf die Hauptstraße, von rechts bogen Läufer*innen des E35 Bewerbs ein und dann die Hauptstraße links entlang und dann rein in den schönen Zielkanal, gesäumt von Hunderten von klatschenden Zuschauern.
Kinderhände wollten abgeklatscht werden und kurz vor der Matte blieb ich stehen.
Ich war mir ja nicht einmal hundertprozentig sicher, ob ich alles richtig gemacht hatte, ob es diese offizielle Shortcut-Variante überhaupt gibt und so fragte ich den ersten Aufpasser, ob ich, da ich natürlich noch vor dem Sieger des E101, aber mit einer E101 Startnummer, im Zielkanal war, überhaupt über die elektronische Zeitnahme laufen dürfe.

„Ja klar,“ sagte er. „Die Jungs im Wagen rechnen das nachher alles raus.“ Aber es sei besser, ich würde es denen sicherheitshalber auch noch einmal sagen. Tat ich dann auch.

Es gab einen Stein am EigerUltra-Band als Finishermedaille, ein Finishershirt E51 und die Umarmungen einiger Lauffreunde, meist E35 Läufer, alles war gut.
Die Eigernordwand schaute auf uns herunter, die Sonne lachte.
Nur ich war nicht sicher, ob ich lachen sollte. Ein paar kleine Tränchen musste ich mir dann auf dem Weg ins Hotel schon verdrücken.

Grindelwald ist eine fantastische Stadt, der EigerUltra ist ein fantastischer Lauf, das Wetter hätte nicht besser sein können und die Wärme, mit der ich vom Orgateam und an allen Verpflegungsposten empfangen wurde, wird mir lange in Erinnerung bleiben.
Und wenn ich irgendwann noch einmal den EigerUlta unter die Füße nehmen darf, dann nehme ich mir ein kleines Stöckchen mit und ich haue mir fest auf die Finger, wenn ich auch nur daran denke, wieder die Shortcut-Alternative zu nehmen.

Vielen Dank an die Stadt Grindelwald und an alle, die dieses wunderbare Wochenende dort möglich gemacht haben. Und die, die meinen Rücken in diesen Zustand versetzt hatten, dass ich überhaupt starten und finishen konnte, die werden unvergessen bleiben …

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3 Kommentare zu “Das Finish

  1. Wunderschöner Bericht, Thomas. Es war die richtige Entscheidung! Je älter ich werde, desto mehr Flow (und nicht stacksen) tut auch mir gut.
    Gruß,
    Carsten aus Kanada

  2. Carsten, wie schön …
    … oft denke ich an Dich und an Bob und darn, dass ich damals läuferisch leider noch viel zu jung war.
    Danke für den lieben Kommentar – aber lies bitte auch den Bericht über den „Toughest Day“, Teil 1 und den Teil 2, der noch kommen wird.
    Ich habe diesen Lauf so lieben gelernt und ich hoffe, dass man diese Liebe auch im Text wiederfindet …

    Alles Gute, liebe Grüße nach Canada!

  3. Werde ich tun! Ja, die Liebe zum Laufen spürt man in jedem Deiner Worte. Diese Leidenschaft ist ein Geschenk! Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder!
    Carsten

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