Şereflikoçhisar – auf Salz laufen

Der Flug vom Köln-Bonner Flughafen über Istanbul Sabiha Göczen nach Ankara verlief problemlos, nur das Gepäck wollte sich nicht auf dem Förderband des Fluges Istanbul – Ankara wiederfinden.
Was bin ich für ein Trottel, dachte ich. Da rät man jedem, zumindest die Laufschuhe keinesfalls ins Aufgabegepäck zu geben und dann denkst Du selbst nicht daran!

Für einen Moment sah ich mich nach Laufschuhen in einer Größe suchen, die es in der Türkei sicherlich kaum gibt, schon gar nicht außerhalb der Metropole Istanbul. Die Laufkleidung bekommst Du ja noch – aber Schuhe mindestens in der Größe US 13, besser US 13.5?
Erinnerungen wurden wach an meine Ankunft im Vorjahr in Nevşehir und ich fragte mich, ob das „Lost & Found – Büro“ mir helfen könne. Nach einiger Konversation wurde mir gesagt, dass Gepäck, das aus dem Ausland und eben nicht direkt aus Istanbul kommt, auf einem separaten Band außerhalb dieser Halle ausgeliefert wird.
Ich wollte es kaum glauben und fragte am Hallenausgang erneut nach, damit mich der Türsteher kennt, um schlimmstenfalls wieder in die Halle zurückkommen zu dürfen, falls ich dieses Band oder meinen Koffer doch nicht finden würde.
Also raus aus der Halle, ein paar Meter nach links, rein in die Nachbarhalle und da winkte mir mein Köfferchen schon zu … gerettet!

Dann nahm ich einen mit bestem WiFi ausgestatteten Bus in die Innenstadt von Ankara, zum dortigen Busbahnhof – ebenfalls ein Vorbild für viele deutsche Lösungen, die oft sehr zu wünschen übrig lassen. Ein Ticket nach Şereflikoçhisar gekauft, rund neun EUR für eine Fahrt von fast drei Stunden, mit Bordservice von einem jungem Mann mit Krawatte, sehr, sehr vornehm und wirklich angenehm, und ich war deutlich früher am Treffpunkt, wo ich abgeholt werde sollte, als erwartet.

Der Busabhnhof von Şereflikoçhisar ist klein und alt – und sehr leer. Mit Englisch kam ich nicht weiter, wollte ich doch meine türkische Mobilfunkkarte irgendwo im Städtchen verlängern lassen. Aber man weiß sich ja zu helfen.
Mit einer App, die ein junger Mann auf seinem Mobiltelefon hatte, in der er seine Antworten auf türkisch eintippte und die mir das dann auf englisch zeigte, ging auch diese Konversation problemlos, leider war meine Mobilkarte wegen längerer Nichtnutzung nicht mehr aktivierbar und eine neue bekommen konnte ich nicht, weil sich die Bezugsregeln so geändert haben, dass ich einen türkischen Pass gebraucht hätte.
Die Einschränkung unserer persönlichen Freiheiten nimmt halt ständig zu.2016-07-30 07.28.02.jpg
Und dann wartete ich. Und je länger ich wartete, desto unsicherer wurde ich, ob ich nicht vielleicht etwas falsch gelesen hätte. Oder ob ich mich falsch erinnert hätte. Aber wenige Minuten vor 15 Uhr, dem avisierten Zeitpunkt der Abholung, war ich dann nicht mehr allein und der Platz begann, sich zu füllen.

Das Camp liegt nur wenige Kilometer von Şereflikoçhisar entfernt und ich hatte das Gefühl, dass man tatsächlich auf mich gewartet hatte. 70% Wiederholer bei den Events von UZUNETAP sprechen für die Leistung des Orga-Teams, diese Quote führt aber auch dazu, dass Du, wenn Du innerhalb eines Jahres das vierte Mal in der Türkei bist, ungeheuer viele Menschen kennst. Menschen, die meist meine Geschichte kennen und Menschen, die stolz sind, dass Deutsche diese Events besuchen.

Es sind ja nur wenige Ausländer dort, leider.
Brice, mein französicher Freund, Chris, der Engländer, der in Japan lebt, Stefan Schlett, ein deutscher Haudegen, Ultraläufer der ersten Stunde, Mike und Ruby aus Kanada, das war sie, die internationale Besetzung bei den Rennen Ultramarathon, Toughest Day und 6 G. Wir müssen da zusammen etwas machen, finde ich …

Das leckere Buffet am Abend, für das alleine sich die Reise zu den UZUNETAP Events lohnen würde, die Nacht im Zelt mit Chris, Brice und drei Herren der Medical Crew, das fast noch leckerere Frühstück, wobei mir selbst jetzt noch beim Schreiben die Augen übergehen, wenn ich an den salzigen Schafskäse und die genial leckeren Oliven denke – oder an das großartige Rührei, dann die finale Vorbereitung auf den Lauf und dann ging es auch schon los.2015-08-01 19.29.33
Ich bin ja auf dem Salzsee 2015 gescheitert. Am Kopf, nicht an den Beinen, wie das halt meist so ist. Und weil ich wusste, warum ich gescheitert bin, wollte ich heuer alles anders machen.
Die Ultraläufer und die Läufer*innen des „Toughest Day“ starteten ja gemeinsam, die Läufer*innen des Bewerbs „6G“ starten zehn Kilometer später, direkt am Beginn des Salzsees, genau eine Stunde später. 2015 hatte ich meinen Lauf auf „langsam“ eingestellt und auch sehr defensiv begonnen. Ich lief mit Stöcken, die mich auf der Ebene immer langsam machen. Und ich lief im hinteren Drittel des Starterfelds.
Am Ende war ich mit einem Südkoreaner alleine und nur auf die Angaben des GPS-Geräts angewiesen. Und prompt verliefen wir uns um einige Meter und liefen rechts von einem abgetrennten Salzgewinnungs-Feld entlang, anstatt links und deshalb sahen wir den Checkpoint zwar in der Ferne, konnten ihn aber nicht erreichen und mussten ein erhebliches Stück zurück laufen. Das hatte mir und meiner Psyche dann den Rest gegeben.

Ich lief also dieses Jahr vorne im Feld mit, auch schon auf den ersten zehn Kilometern, auf denen wir uns Richtung Salzsee bewegten. Dann kannst Du Dich auf die Anderen verlassen und brauchst gar nicht auf den Track zu achten…
Und dann, auf dem Salzsee, kam auch gleich der erste Checkpoint, an dem die 6G Läufer*innen gestartet waren, etwa fünf Minuten, bevor wir dort aufschlugen. Wir konnten sie also noch sehen und holten die Langsameren von ihnen sehr schnell ein. Auch das bedeutete, dass ich so lange keinen Blick auf den GPS-Track werfen musste, solange der 6G-Bewerb noch auf unserer Strecke war.

Und das Überholen der 6G Läufer*innen macht so viel Spaß und schafft eine immense Zuversicht. Immer ein paar nette Worte zu jedem, ein Foto mit dieser Gruppe, ein Foto mit ihr, ein Foto mit ihm, ein paar Hundert Meter mit Chris laufen und quatschen – und dann immer wieder weiter nach vorne.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich in unserem Bewerb vorne war, ich wusste nur nicht, wie groß der Vorsprung gewesen ist, deshalb wollte ich keinen Gang zurück schalten.
In einem Mini-Bewerb vorne liegen ist zwar nicht heldenhaft, dennoch schön  und letztendlich egal. Aber auch mit Blick auf die Ultraläufer lag ich respektabel und verbesserte meine Position auf den noch folgenden 80 Kilometern noch ein wenig. Am Ende wäre ich wohl Vierter geworden, wenn die beiden Bewerbe als ein Gesamtbewerb gewertet wurden wären, immerhin.

Der zweite Checkpoint war ein echtes Erlebnis. Vor Dir: Salz, neben Dir: Salz, hinter Dir: Salz, auf der anderen Seite: Salz. Und mitten drin ein knallroter Pavillon und einige knallbunte Beachflags. Meine Freundin Sibel, die ich als Pacemaker beim 6G Bewerb des Lycian Way im letzten September zum Sieg bei den Damen begleitet hatte, betreute diesen Checkpoint, ein Grund, kurz anzuhalten und etwas zu quatschen.

Nach dem dritten Checkpoint ließ mich mein Laufpartner alleine, er musste sich als Diabetiker um seine Zuckerwerte kümmern und das Tempo deutlich herunter nehmen. Es war mittlerweile schon brüllend heiß. Von oben. Und von unten.
Und auch ich reduzierte mein Tempo und die Gehpausen begannen und nahmen stetig zu.

Nach vierzig Kilometern verlässt Du erst einmal den Salzsee und es geht hinauf auf einen „Berg“, von 900 Metern über N.N., auf dieser Höhe liegt der Tuz Gölü, der türkische Salzsee, auf knapp über 1.100 Meter über N.N.
Gut zweihundert Höhenmeter. Normalerweise würden wir solch geringe Anstiege nicht erwähnen, aber in brüllender Hitze, auf einer „dirt road“, ist das eine echte Herausforderung, zumindest für mich.

Oben auf dem Hügel passierst Du dann alte „Tanks“, alte Weltkriegs-Panzer. Und die bilden einen hervorragenden Kontrast zu den Läufern, Grund genug fü die Fotografen, dort zu stehen.
Die 6 G Läufer*innen waren längst fertig, sie liefen ja „nur“ vom Checkpoint 1 bei km 10 zum Checkpoint 3 bei km 23. Für uns war dieser Checkpoint auch noch ein zweites Mal Anlaufstation, weil wir, um die 100 K voll zu machen, noch eine längere Schleife laufen mussten, äh durften.
Und dann geht es wieder runter, zum mittleren Checkpoint bei km 50,9, einem Checkpoint, an dem es heißes Wasser gibt. Es gibt nämlich an allen Checkpoints nichts Eßbares, eben nur Wasser, meist lauwarmes Wasser.
Dass es nichts zu essen gibt, ist nämlich der Tatsache geschuldet, dass es die Herausforderung an die Ultras ist, alles, was sie in der Laufwoche brauchen, selbst zu tragen. Eben genau so, wie Du es vielleicht vom „Marathon des Sables“ her kennst. Und von den anderen, ähnlich gearteten“Stage Races“, alle mit vergleichbaren Bedingungen, alle mit einer Königsetappe, alle mit einer ähnlichen Gesamtlänge.

Ich hatte ja mein vegetarisches TravelLunch dabei, ein Risotto mit Gemüse. Und so verbrachte ich gut 15 Minuten an diesem mittleren Checkpoint, weil ja das TravelLunch alleine schon 6 Minuten ziehen muss.
Und dann ging es weiter. Noch ging es weiter abwärts. Das tat gut, aber dann zog sich der Weg, meist wieder eine „dirt road“, bis zum Salzsee. Mittlerweile übertrafen die Gehpausen die Laufphasen und ich hoffte auf die abendliche Abkühlung.
In jenen gut 15 Minuten Pause lief niemand im Checkpoint ein, also schloss ich messerscharf, dass ich mindestens 15 Minuten Vorsprung haben sollte, weil die Nachkommenden ja ebenfalls eine Essenspause bei heißem Wasser machen werden.
Dennoch schaute ich in der Folge immer wieder gelegentlich nach hinten, um eventuelle Positionsverschiebungen frühzeitig zu erkennen.

Kennst Du das, dass Du, obwohl Du weit und breit alleine unterwegs bist, ständig Deine eigenen Geräusche fehlinterpretierst und denkst, dass Dir jemand fast auf den Hacken laufen würde, Dir im Nacken sitzt. Und Du drehst Dich um und da ist – niemand?

Bevor es dann wieder aufs Salz ging, gab es noch eine Wasserstelle. Ich fühlte mit dem Kollegen mit, der hier „Dienst schieben“ musste. Seine Aufgabe: nur die Ultras und die Läufer des „Toughest Day“ beglücken durch die Ausgabe von jeweils zwei Wasserflaschen, verteilt auf etliche Stunden … gut, wer da ein Sudoko-Heft oder Ausmalbilder bei sich hat, um die Langeweile zu überstehen.

Das Salz änderte oft seine Farbe und seine Konsistenz. Mal war es weiß und flockig wie Firn auf einem Gletscher, mal war es rosa, mal grau-braun. Mal war es glatt, mal rissig, mal hart, mal so weich, dass man bei jedem Schritt eingesunken ist. Und manchmal lag auch eine Wasserschicht auf dem Salz, die Dich an alle kleinen Verletzungen erinnert, die Du an den Füßen hast. Wer Blasen mag, der wird hier ausgiebig damit beglückt.
Ich hatte am Ende eine riesige Blutblase an der rechten Ferse und einige „normale“ Blasen, die wenigstens nicht übermäßig weh getan haben.
Aber die Blutblase hinten sorgte dafür, dass jedes Auftreten richtig weh tat. Aber sich fortbewegen ohne aufzutreten?

Nun war ich über das Salz froh. Das Geläuf war nun immer eben und glatt. Immer, wenn wir vom See für einige Kilometer runter mussten, weil die Salzkruste nicht hart und stabil genug gewesen wäre, liefen wir auf einem Acker, einer Wiesenstraße, auf einer „dirt road“ oder einfach durch eine steppenartige Grasbüschel-Landschaft.
Und immer tritt man nicht eben auf. Und immer sticht die Ferse.

Aber jeder Lauf endet irgendwann und ich war beseelt von der Vorstellung, dieses Ding noch vor Mitternacht abschließen und finishen zu können, also unter 15 Stunden Laufzeit zu bleiben. Am Ende stolperte ich durch eine Grasbüschel-Landschaft, das beleuchtete Camp in Sicht – manchmal, manchmal aber auch nicht, wenn eine erneute Bodenwelle den Blick verdeckte. Längst wurde ich vom Empfangskommitee im Camp erkannt, so ein Kopflicht ist ja schon weithin sichtbar. Und dennoch dauerte es gefühlt zweieinhalb Ewigkeiten, bis ich dann endlich drin war. Um 23.53 Uhr … ich war sooo stolz.

Auch wenn ein Bewerb extrem klein ist, auf dem Siegerpodest stehen ist schon toll. Nicht nur, weil es dafür eine wunderschöne Amphore gab, nicht nur, weil die Welt von da oben einfach anders aussieht, sondern deshalb, weil man so die Chance hat, sich bei all denen zu bedanken, die diesen Tag, diese für mich knapp 15 Stunden, möglich gemacht haben.

Ich bin ja ein UZUNETAP-Fan geworden, die beiden Veranstaltungen „Runfire Cappadocia“ und „LYUM – Lycian Way Ultramaratonu“ sind einfach super schön. Tolle Landschaft, unglaublich intensive Menschen und einen Komfort im Camp, der beispiellos ist. Diesen September kann ich leider nicht erneut am LYUM teilnehmen, aber in Cappadocia 2017 werde ich wieder vor Ort sein, ob für den Ultramarathon, den 6G Bewerb, falls meine „besseres Zweidrittel“ mitkommt, oder eben wieder für den „Toughest Day“, um wieder auf Salz zu laufen.

Get here if you can.

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