Der ewige Anfänger

2017-02-21-18-32-59Selten war ich so gut vorbereitet auf einen Lauf, das dachte ich zumindest.
Ich habe mir den Track angesehen, bin einige Teile der Insel abgewandert, Teile, von denen ich dachte, dass der Bewerb „360 Grad“ vom TransGranCanaria dort stattfinden würde.

Selten aber habe ich einen Lauf derart unterschätzt wie diesen. Ich hatte mir immer wieder gesagt, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man für die 265K lange Strecke bis zu 101 Stunden benötigen könnte. Alle Rechenformeln, die ich kenne, kommen zu erheblich niedrigeren Zielzeiten.

Aber so wie der PTL eben kein langer UTMB ist, sondern ein Lauf, der um ein Vielfaches schwerer ist, weil die Strecken anders, schwerer sind, weil Du ständig auf das GPS-Gerät schauen und Deinen Weg kontrollieren musst, so ist der „360 Grad“eben auch kein langer TransGranCanaria.
Vier Mal habe ich den TransGranCanaria (TGC) nun gefinished, immer mit Zeiten zwischen 24:50 Stunden und 26:20 Stunden. Und so dachte ich: mache das Ding einfach zwei Mal, rechne etwas für die Länge dazu, addiere zwei Mal drei Stunden Schlaf und dann läufst Du locker am Samstagabend in Maspalomas ein. Eine weitere Nacht auf Sonntag? Nein, unvorstellbar.

So war also der Plan. Aber zwischen einem Plan und der Wirklichkeit stehen viele Hürden. Im Musical „Elisabeth“ singt Lucheni, der Mörder von Sissi, aus dem Off:

„Was nützt ein Plan – ist er auch noch so schlau,
Er bleibt doch immer Theorie!
Und nur das eine weiß man ganz genau:
So wie man plant und denkt,
so kommt es nie!“

Mein schlauer Plan hat auch so gar nicht funktioniert. Und solch einen Lauf wie den „360 Grad“ bestreiten geht eigentlich nur, wenn wirklich alles passt und wenn Du Dir keine Gedanken und Sorgen machen musst.

Ich hatte mir vor dem Lauf Gedanken gemacht, was ich in die Dropbags packe. Den großen Dropbag, die wunderschöne Tasche, sollte ich am VP1 und VP3, also bei km 38,5 und bei km 149 sehen, den kleinen Dropbag, den Beutel, sollte ich am VP3, also bei km 98,5, bekommen.
Ich entschied mich, die wichtigen Dinge in den großen Dropbag zu packen, beispielsweise die kurze Ersatzlaufhose. Ich hatte ja nur zwei Stück dabei auf Gran Canaria und mit der einen wollte ich ja starten. Die zwei Dreiviertelhosen hatte ich auf die beiden Dropbags verteilt, das war mein erster Fehler.
Die Einlegesohlen für die Schuhe hatte ich in den großen Dropbag gepackt, aber beim VP1 nicht entnommen, das war mein zweiter Fehler.
Den Rest hatte ich im Verhältnis 1:2 auf beide Dropbags verteilt.

Schade fand ich, dass wie die Dropbags nicht erst beim Start abgeben konnten, sondern bereits am Vorabend um spätestens 18 Uhr. Eile beim Packen war also angesagt und ich war nicht der Einzige, dessen Packorgie „suboptimal“ ablief.
Ansonsten hatte ich am Vorabend meinen Rucksack gepackt, die Laufklamotten einzeln rausgelegt, nur die Wasservorräte musste ich noch auffüllen. Drei Liter Wasser sollten wir dabei haben, ich entschied mich für zwei Flaschen am Brustgurt und zwei Flaschen am Bauchcontainer.
Zur „Geschmacksfärbung“ hatte ich mich für Zitronensaft für die unteren Flaschen entschieden und für ZERO Tabletten von High Five für die oberen Flaschen. Das war dann die Aufgabe für den Morgen vor dem Start.

Wir sollten eine Stunde vor dem Startschuss an der Expo Meloneras sein – eine ganze Stunde! Und wir Mitteleuropäer sind da auch sehr genau. Aber tatsächlich nur wir. Die Spanier erschienen erst kurz vor dem Start, so hatten wir Zeit für Fotos, für Gespräche und ich hatte auch noch Zeit für einen kleinen Schock.
Etwa vierzig Minuten vor dem Start fiel mir auf, dass ich die beiden oberen Flaschen zwar mit ZERO Tabletten gefüllt hatte, die beiden Flaschen hatte ich aber nicht in die Halterungen gesteckt und prompt auf dem Küchentisch vergessen.
Zum Glück war meine Gabi dabei und wir waren motorisiert. Also lief sie zum weit entfernt geparkten Auto, fuhr wieder in unser Appartement, holte die Flaschen, fuhr zurück, suchte einen Parkplatz, der nun noch weiter vom Start entfernt war, lief zu uns und streckte mir die Flaschen etwa fünf Minuten vor dem Startschuss über die Absperrung.
Ein hektischer und nervenaufreibender Beginn also.

Ich habe mich ja für den „Mitic“ Bewerb des Andorra Ultra Trail eingeschrieben und die Markenbotschafterin des Andorra Ultra Trail für Dänemark, die in Barcelona lebende und sich roh vegan ernährende, Harriet Kjaer, schlug vor, dass wir ein paar Kilometer gemeinsam laufen sollten. Gerne nahm ich den Vorschlag an. Mein Tag schien gerettet.

Den Weg nach Garanon kannte ich, dachte ich. Und es ging auf der vom TransGranCanaria bekannten Weg Richtung Tunte, über die „dirt road“, durch das ausgetrocknete Flußbett, durch den Steingarten, alles Teile, die der nörmale TransGranCanaria-Läufer nur in der Nacht erleben darf. Und es ging rauf über Trails, ganz wie gewohnt.
Ich malte mir dann aus, dass wir ab Tunte dann den ebenfalls aus dem TGC bekannten Trail zum Cruz Grande und dann über meine Lieblingsstrecke auf den Kraterring laufen würden. Das aber war eine grobe Fehleinschätzung.

Erst ging es nach Tunte runter, so weit, so gut. Dann ging es durch Tunte durch und dann weiter runter über abenteuerliche Wege, immer weiter weg von dem Trail, auf den ich spekuliert hatte.
Und dann kam eine ewig lange Passage, die uns allen die Beine aufgerissen hatte. Ich jedenfalls blutete am Ende aus Dutzenden von Scratches und Einstichen.
Es ging permanent nach oben, durch ein Gestrüpp von dornenbesetzten und ausgesprochen harten Büschen durch. Ein Weg? Fehlanzeige, also einfach nach GPS Signal irgendwie rauf.
Ich verließ mich auf die Navigationskünste von fünf Spaniern, an die ich mich hängte und so ließ ich Harriet für eine Weile stehen. Es ging rauf und immer näher an die Felswand heran. Mittlerweile war mir klar, dass Cruz Grande mit den schönen Stäffelchen nicht unser Ziel sein konnte, aber andere Mütter haben ja auch schöne Töchter, dachte ich. Und die Freude, noch einen tollen Weg nach oben gezeigt zu bekommen, trug mich und ließ mich die blutenden Wunden vergessen.

Was dann aber kam, war unbeschreiblich. Es ging „einfach so gerade hoch“, einem fast trockenen Wasserfall folgend. Ein paar Steinmännchen, die wir nur selten erkennen konnten, deuteten gelegentlich an, wo wir zu klettern hätten.
Ja, klettern, nichts mit Laufen.16935890_1462313810482988_1292809612_o
Das war auch die Stelle, wo ich auf die drei Deutschen um Frank Reintjes, eben auf Frank, Oliver und Christian, am Ende dem einzigen Finisher-Helden von uns, auflief. Wir kämpften dort gemeinsam. Und einige andere Läufer kämpften mit. Auf allen Vieren, immer wieder in einer „Sackgasse“, wo es kein Hochkommen gab, ständig auf der Suche nach alternativen Wegen und das alles, mit Verlaub, alles andere als ungefährlich.
Bridget Wefelnberg wird dort später abstürzen und einen Meter tief fallen, allerdings glücklicherweise ohne große Schäden.
Frank wiederum sagte dort: „Wenn wir das hier jemandem erzählen, der glaubt uns kein Wort!“ Na ja, das würde ich wohl auch nicht, dennoch ist es wahr.

Aber irgendwann waren wir dann doch oben und Frank, Oliver und Christian zogen sich die Regenjacken an, ich wartete. Harriet ging jetzt an uns vorbei Richtung VP Garanon, es waren ja nur noch zwei oder drei Kilometer, tendenziell leicht abschüssig, durch den Wald.

In Garanon gab es erst den Dropbag, dann etwas zu essen und zu trinken. Vierzig Minuten blieb ich im VP, ich wechselte die Schuhe, das war mein dritter Fehler, wie schon erwähnt verzichtete ich auf die Einlegesohlen. Ich zog wegen der aufkommenden Nacht und der zunehmenden Kälte die Dreiviertelhose an, suchte eine Mütze und die Stirnlampe und packte die schmutzige kurze Laufhose, die Kappe und die Sonnenbrille in – den Dropbag.
Das war dann mein vierter Fehler.

Dann füllte ich noch die Flaschen auf und hatte wieder drei Liter Flüssigkeit bei mir. Beim Briefing am Vortag wurde von einer Teilnehmerin explizit gefragt, ob es bei den Checkpoints zwischen den VPs wenigstens Wasser gäbe. Das wurde ebenso explizit verneint.

Es ging also weiter. Frank, Oliver und Christian blieben noch im VP, ich wollte weiter und schloss mich einem Tschechen an, zudem war eine Gruppe Spanier immer um uns herum. Sie liefen etwas schneller, machten dafür aber sehr häufig ein Päuschen, sodass wir immer einander überholten.
Rund zwanzig Kilometer sollte es bis zum Checkpoint sein, immer tendenziell runter bis kurz vor der Küste, dann ging es nach rechts.
Tendenziell runter? Es gab da einen Downhill, der so steil war, dass ich permanent mit den Zehen am Schuh anstieß. Erst waren es eine Art Treppenstufen, dann einfach eine sehr lange und sehr steile Wiese. Wie sehr hätte ich da die Einlegesohlen gebraucht, die auch das Durchschlagen der Steine auf die Fußsohlen verringert hätten …

Dieser erwartete Checkpoint war jedoch aufgegeben worden – und ich rechnete immer und überlegte, ob die Angaben auf der Uhr spinnen würden.
Schlimmer aber war, dass drei Liter Wasser einfach viel zu wenig sind für fünfzig Kilometer. Und ich überlegte, was zu tun sei. Irgendwann entschied ich mich, nach jeder Meile drei Schlucke zu trinken, eigentlich viel zu wenig, aber ich wollte sparsam sein.
Später dann, kurz vor Mogan, standen zwei Männer am Weg und wiesen uns
a) nach rechts auf den weiteren Weg
b) nach links zu einem Getränkeautomaten und zudem hatten sie
c) Wasserkanister da.
Alles Sparen und Rechnen hätte nicht sein müssen. Und Flüssigkeit, die Du nicht zu Dir genommen hast, bekommst Du auch nicht kurzfristig wieder in Dich hinein. Trotzdem war ich über je einen halben Liter kalte Cola und kalte Sprite sehr glücklich, außerdem füllte ich meine Bestände komplett wieder auf.

Der Tscheche und ich gingen unseren Weg weiter, immer wieder ging es rauf und wieder runter, aber vierzehn Kilometer vor dem zweiten VP – und damit vor dem zweiten Dropbag – ging es nur noch fast eben, ganz leicht nach unten, aber mein Laufpartner wollte nicht Laufen. Gehen. 14 Kilometer. Und das nicht mit meinem Stechschritt, sondern mit mehr als 12 Minuten pro Kilometer.
Ich weiß, ich hätte ihn an dieser Stelle verlassen sollen. Das langsame Gehen hat mich psychisch fertig gemacht. Aber ich wollte ihn in diesem Moment einfach nicht alleine lassen udn dachte, dass ich sowieso nur vielleicht zwei Minuten pro Kilometer schneller wäre. Bei 14 Kilometern wäre das aber auch schon eine halbe Stunde gewesen.


Im VP gab es wieder Reis und Nudeln, eine kalte Broccolisuppe, viel zu trinken, den Dropbag mit einem Glas Tomatensauce (ich hatte mir für jede Dropbag-Station ein kleines Glas Tomatensauce eingepackt, weil es in Spanien nur fleischhaltige oder fischhaltige Saucen gibt).
Was es aber nicht gab, war eine kurze Laufhose (klar, die ist im großen Dropbag und damit erst wieder in 100 Kilometern zu bekommen!), die Kappe und die Sonnenbrille (warum habe ich die nicht in den Rucksack gepackt?).
Ich duschte noch, putzte die Zähne, nahm Sonnenmilch und Vaseline in den Schritt.

Zwei Stunden blieb ich im VP, dann ging ich alleine weiter. Den Tschechen habe ich nicht mehr gesehen, die Sonne stand hell und heiß am Himmel und ich lief, nein ging, mit warmer Dreiviertelhose, aber ohne Kappe und ohne Sonnenbrille.
Ich hielt kurz im erstbesten Supermarkt, dann im Spar-Markt, in einer Pharmazia, aber niemand hatte eine Sonnenbrille und eine Kappe hatte auch niemand für mich.
Einzig ein Brillengeschäft mit Dutzenden von Sonnenbrillen in der Auslage habe ich gefunden, das aber hat Mittwoch und Donnerstag geschlossen.

Meine Gedanken kreisten. Ich schwitzte übermäßig in der warmen Hose, hatte Sorge wegen eines Sonnenstichs, hatte Sorge wegen meiner Augen, ich hatte Schmerzen in den Füßen und generellen Weltschmerz.

Warum ich mich in dieser Situation entschloss, auszusteigen und den Veranstalter darüber zu informieren, anstatt zum VP zurück zu gehen, den heißen Tag abzuwarten und am Spätnachmittag die Reise fortzusetzen, das weiß ich heute nicht mehr.
Immerhin hatte ich ja 12 Stunden Vorsprung auf den Cut-Off und 6 oder 7 Stunden Pause wären also gut möglich gewesen, ich hätte schlafen können und dann die Reise ohne die direkte Sonne und ohne die große Hitze fortsetzen können.
Diese Entscheidung war dann also mein fünfter und letzter Fehler.profil
Trotz allem war der „360 Grad“ein tolles Event. Und die schönsten Landschaften wären ja erst noch gekommen. Für jeden, der nicht so naiv ist wie ich es war, für jeden, der weiß, dass zwei Mal TransGranCanaria noch lange kein „360 Grad“ ist, für jeden, der Läufe wie den PTL liebt, für den ist der „360 Grad“ geradezu ein MUSS.

Ich jedenfalls werde nächstes Jahr, wenn ich wieder auf Gran Canaria bin, den „360 Grad“ laufen. Ob im Bewerb oder einfach nur für mich, das weiß ich noch nicht.
Aber, liebe „360 Grad“ Strecke, Du siehst mich wieder!

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Ein Kommentar zu “Der ewige Anfänger

  1. Hi Tom,
    ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert und begeistert was für Läufe du dir aussuchst! Ob du, wie dieses Mal dabei vorzeitig die Segel streichst oder dich wie die vielen, vielen anderen Male ins Ziel kämpfst spielt für mich jedenfalls keine große Rolle.

    Du bist und bleibst ein klasse Läufer, ein Kämpfer und ja auch ein Vorbild für mich. Danke!

    Gruß
    Sascha

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