Wer zu früh geht, der verpasst das Dessert …

„Ein freies Wochenende!“ So hieß es plötzlich in der vergangenen Woche.
Die Reise nach Russland, um am Elbrus Race teilzunehmen, musste ich ja leider absagen. Mit argem Bedauern, einem gewissen Neid und größtem Interesse lese und schaue ich, was die Truppe um Michi Raab, vor allem unser Freund Gerald Blumrich, im Kaukasus anstellen. Großartige Geschichten, fantastische Fotos, jeden Tag gibt es neue Fotos von Michi und Co.

Ich also hatte frei, musste nicht arbeiten und war auf der Suche – nach einem Lauf. Ein Ultralauf sollte es schon sein, also schieden der Düsseldorf Marathon und der OEM, der Oberelbe-Marathon, schon aus.
Gefunden habe ich den Helipad, einen 140 K Landschaftslauf auf GPS Basis,

„een ultraloop door Nederland, België en Duitsland“,

dennoch nur einer holländisch-sprachigen Webseite (http://www.helipad.tk/).
Auf der Starterliste fand ich einige Bekannte: Wim Reumkens zum Beispiel, den KÖLNPFAD-Läufer Herman Krijnen, die RheinBurgenWeg-Läufer Renske und Ernst-Jan Vermeulen und nicht zuletzt den JUNUT-Läufer Arno Lux.
Ich verstand einige Details aus der niederländischen Beschreibung nicht, deshalb schickte ich eine kleine Mail über die deutsch-niederländische Grenze, die aber wahrscheinlich an den neu eingerichteten Grenzkontrollen hängen blieb.

Ich fand die drei Bewerbe am Brocken, den Hexenstieg, den Hexentanz und den Hexenritt. Aber der Brocken ist weit und der Hexenstieg noch viel, viel weiter. Und für so viel Länge und Höhe fühlte ich mich nicht ausreichend vorbereitet.Aber die interessanten und mit wunderbaren Läufernamen geschmückten Teilnehmerlisten ließen mich länger überlegen, am Ende aber siegte die Vernunft über das Gefühl.

Ich fand das IATF, das Innsbruck Alpine Trail Festival, bei dem ich 2016 schon teilnehmen durfte, damals bei Sonnenschein und bestem Läuferwetter. Auch da fand ich auf der Teilnehmerliste nette Lauffreunde und die erstklassige Qualität der Veranstaltung lernte ich letztes Jahr schon lieben.
Aber auch Innsbruck ist sehr weit weg und im Nachhinein bin ich sehr froh, dort nicht aufgeschlagen zu haben, weil die lange Strecke (85 K) wegen Schneefalls und Lawinengefahr auf 67 K verkürzt wurde. Dennoch muss das wie auch im Vorjahr eine tolle Veranstaltung gewesen sein, wenn ich den Berichten auf Facebook glauben darf.

Ich fand auch die legendäre Harzquerung, ein liebevolles und sehr privates Event. Leider waren die Tickets mit der Busrückfahrt schon vergriffen und alleine die gesamte Organisation stemmen, das wollte ich dann doch nicht. Auch hier lief viel „Familie“ und viele davon hätte ich gerne wiedergesehen.

Und ich fand den 6h / 12h / 24h Bewerb am Seilersee in Iserlohn. Besser, Monika Lux hat mich mit der Nase drauf gestoßen …
Ich war ein einziges Mal dort gewesen. Und das ist Jahre her, bei der zweiten Austragung dieses Bewerbs. Ich erinnerte mich an enorm viel Regen in der Nacht und ich erinnerte mich daran, dass ich damals nur einen Marathon laufen wollte „und die Runde zuende“.Seilersee2
Vierundzwanzig Stunden? Nein, definitiv zu viel!
Seit meinem PB aus Delmenhorst 2011 (189.554 Meter) bin ich nur ein Mal auf die lange Strecke gegangen. In Steenbergen.
Und dort habe ich nach 100 K gemerkt, dass ich eigentlich keine Lust hatte, mich zu quälen. Und in Frank Nicklisch fand ich einen „Kumpel im Geiste“, dem es ähnlich erging und so gönnten wir uns knapp 5 Stunden Schlaf in seinem Auto und eine Abschlussrunde. Die Zeitangabe 5:21 Stunden für die letzte Runde war schon irgendwie etwas ganz Besonderes.
Gelernt habe ich daraus, dass mir in den letzten Jahren einfach die mentale Kraft fehlt, nicht über alles und jedes nachzudenken, einfach in einen Flow zu kommen, um Runde für Runde abzuspulen, ohne ständig an Rundenzeiten, an Geschwindigkeiten oder an Gehpausen zu denken.

Zwölf Stunden? Nein, definitv auch nicht.
Zu dieser Disziplin finde ich einfach keine geeignete Taktik. Schnell laufen darfst Du nicht, dafür sind zwölf Stunden einfach zu lange. Aber langsam traben geht auch nicht, wenn Du nicht ganz hinten landen willst.

Sechs Stunden? Wenn Iserlohn, dann dieser Bewerb.
Sechs Stunden sind tatsächlich ausreichend, Du kannst Laufen, ohne allzu viel ans Einbremsen denken zu müssen und es gibt keine Gehpassagen, keinen „Wandertag“.
Aber der 6h Bewerb startet am Sonntag um 6 Uhr in der Frühe. Das heißt aufstehen um 3.30 Uhr und knapp zwei Stunden Auto fahren. Irgendwie auch blöd, oder?

Und während ich so hin- und her überlege, melden sich gleich zwei Freunde bei mir. Benjamin Klaile aus Koblenz erklärte, beim 24h Bewerb nicht antreten zu können und Bernd Krayer aus Ratingen teilte mit, dass er beim 6h Bewerb nicht starten können würde. Beide boten mir ihren Startplatz an.
Ein herzliches Dankeschön an Bernd und Benjamin an dieser Stelle.

Ich ging also lange in mich und überlegte, was ich tun solle. Am Ende entschied ich mich für die 24h Variante, aber mit „begrenztem Schaum“. 120 K bis 140 K sollten es werden, nicht mehr, so der Plan.
Meine Gabi bot mir an, mich zu supporten, eine gute Nachricht. Und wir packten warme Sachen für eine ganze Woche, zwei Schlafsäcke, zwei Matten, dazu packte Gabi noch ihr Federbett, eine Decke und ihr Kopfkissen ein.
Und wir packten Essen mindestens für einen sechswöchigen Urlaub mit einer ganzen Fußball-Mannschaft, mit Trainerstab, Zeugwart und Masseuren, verhungern würden wir also wohl nicht …Seilersee1
Wir fuhren um 9 Uhr zu Hause los und erreichten um 10.40 Uhr den Seilersee. Auto an die Strecke stellen oder wenigstens nahe dran? Naiv! Die meisten Läufer*innen sind bereits am Vorabend angereist und da waren die guten Plätze schon alle weg.
Ich sollte sicherheitshalber schon jetzt mal mein Handtuch für 2018 auslegen!
Dennoch fanden wir noch einen ordentlichen Platz für das Zelt, direkt an der Strecke, als erstes Zelt auf der linken Laufseite nach dem Zeitnahmetor.

Und wir fanden eine Heerschaar von Lauffreunden, davon viele KÖLNPFAD-Läufer der unterschiedlichsten Längen. Matze Kröling würde ein geniales Rennen laufen, Udo Kamp deutlich weiter kommen als die avisierten 100 Meilen, Monika Lux und Tim Weißbach würden sich auf 100 Meilen retten und sehr viele andere würden sich an 100 K oder kurz darunter orientieren.
Und ich?

Ich lief recht vernünftig an. Ich hatte mir eine Range von 12.00 Minuten bis 12.30 Minuten pro Runde (6.45 Min / K bis 7.00 Min / K) vorgenommen und ich hielt diese Range relativ gut ein. Ich startete mit Patric Wurmbach und wir klebten einige Stunden aneinander, das war sehr schön. Von ihm lerne ich gerne, er hat einen etwas breiteren Blick auf die Welt und die Krisengebiete in der Welt, na ja, er beobachtet diese ja professionell.

Ziemlich am Anfang überlegte ich dann doch, ob ich nicht vielleicht doch die 100 Meilen oder sogar die 100 Runden anpeilen sollte. Irgendwie hatten die Gedanken an diese beiden Längen etwas, aber sechs Jahre nach Delmenhorst, wahrscheinlich auch sechs Kilogramm schwerer, so nahe an den PB laufen?

Der Lauf machte Spaß, das Wetter war perfekt und die vielen Freunde, die ich immer wieder sah, machten die ersten Stunden zu einem echten Fest. Immer wenn ich Günther Bruhn überholen durfte, sprach er ein paar freundliche und motivierende Worte zu mir – und zwar überholte ich öfters, aber seine Worte führen doch nicht dazu, dass ich eine bessere innere Einstellung zu diesem Bewerb finden konnte.

Denn so nach sechs Stunden fragte ich mich, ob ich da wirklich hingehöre. Der Spaß nahm dramatisch ab, die Oberschenkel begannen zu schmerzen und ich wollte Laufen, ausschließlich Laufen.
Und tatsächlich lief ich die ganze Zeit, auch auf den leicht ansteigenden Streckenanteilen. Auf Gehpausen hatte ich partout keine Lust und ich wollte vor allem nicht überholt werden. Falscher Stolz, falsche Gedanken, falsche Einstellung.

Nach sechs Stunden hatte ich 31 Runden auf der Uhr, fast. Es fehlten nur wenige Meter zur Zeitnahme-Linie, als die 12h Läufer*innen starteten. Rund 10 Minuten vor meinem „12 Minuten pro Runde – Plan“, rund 20 Sekunden pro Runde.
Aber meine geistige Einstellung war weg. Ich wollte nur noch weg. Nur noch die 60 K fertig laufen.

Kurz vor der 60 K Marke standen plötzlich Maike Vogt und Christoph Last an Gabis Zelt. Und sie wunderten sich, wie viele andere auch, darüber, dass ich meinen Wunsch, das Rennen zu verlassen, erklärte.
Nur noch eine letzte Runde, dann sind die 60 K voll.

Dann aber sagte Christoph, dass er noch eine Runde mit mir Laufen wollte. Um mich zu motivieren. Und noch eine. Alles lief noch recht gut, neben Christoph sogar wieder richtig ordentlich.
Aber der Kopf hatte längst mit dem Event abgeschlossen und alleine, ohne meine kurzzeitige neue Begleitung wollte ich keinesfalls weiterlaufen. Und ich wollte das Event verlassen, solange ich noch eine gute Figur machte.
Und ich bin nach 7:02 Stunden mit 64,4 K als 15. Gesamt und als 4. der AK aus dem Rennen gegangen, glücklich und erhobenen Hauptes.

Natürlich weiß ich, dass das kein Modell für Andere, schon gar nicht für Dich, sein kann, sein soll, sein darf. Aber die hohe Frequenz meiner Events sorgt gelegentlich dafür, dass mir der Spaß wichtiger ist als die Qual und dass ich schöne Laufstrecken auf der Welt oft mehr schätze als 1,78 Kilometer rund um einen deutschen See.
Spätestens, wenn mich die Gänse des Sees mit Namen begrüßen, mit „Benjamin“, um genau zu sein, denn so stand es ja auf meiner Startnummer, spätestens, wenn ich jeden Stein und jede Kurve exakt kenne, spätestens wenn ich abgefüllt bin von Apfelschorle und Fassbrause, wenn ich alles gegessen und probiert habe, was mich angemacht hat, spätestens, wenn es anfängt, weh und weher zu tun und spätestens, wenn ich gewahr werde, dass es auch früher schon eine Wertung gibt, ein Ausstiegstürchen, dass offen steht und aus dem heraus die Sirenen zum Eintreten singen, dann fahren meine Gedanken Achterbahn und ich bin in Gedanken schon beim nächsten Event.

Aber so verpasse ich halt manchmal das Dessert. Wenn „hintenraus die Biene sticht“, dann gilt schon, dass es dann erst ultraschön wird, wenn Du durch den Schmerz gegangen bist. Und eben diesen Schmerz nicht vermieden hast. Stolz, Glück und Legenden werden eben erst spät gemacht.

Ich aber werde am kommenden Donnerstag wieder Schmerzen bekommen bei den 102 K vom niedrigsten Punkt des Saarlands zum höchsten Punkt des Saarlands und dann zwei Wochen später ganz sicher auf dem „Weg der Pferde“, dem Cami de Cavalls, auf Menorca.
Und dann bekomme auch ich mein Dessert, meinen Stolz, mein Glück und dann schreibe ich meine Legende.
Und auf Menorca werde ich Dessert, Stolz, Glück und Legenden gemeinsam mit Tobi Schreiber genießen. Nach 30 oder 32 Stunden gemeinsamen Kampfes und gemeinsamer Schmerzen, aber auch nach 30 oder 32 Stunden genialer Ausblicke auf die vielleicht schönsten Küstenstreifen Europas, auf glasklares, grün-blaues Wasser und auf wunderbare weiße Häuser mit ganz besonderen Gattern und Toren, die ich so liebe.

An das Event am Seilersee werde ich dennoch auch immer gerne zurück denken, denn rund 64,4 K in 7:02 Stunden, alles ohne Laufpausen und das in einem Laufstil, der gerade und kraftvoll war, sind doch was, oder?
Was, liebes Läuferherz, willst Du mehr?2017-04-30 06.56.34

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4 Kommentare zu “Wer zu früh geht, der verpasst das Dessert …

  1. Ah, jetzt verstehe ich. Deine Geschichte hatte ich garnicht mitbekommen – irgendwann war einfach euer Zelt weg. Was du so schön als Dessert beschreibst gab es für viele wirklich und ich hab mit eigenen Augen einige „Wunder“ sehen dürfen. Was du nicht erwähnst sind natürlich die Leiden der anderen. Auch dort gab es einiges zu sehen und zu spüren. Denn wie wir vorher schon festgestellt hatten: 24 h können nicht immer nur schön sein! Viel Spaß bei deinen nächsten Läufen!

  2. Danke Dir!
    Irgendwann werde ich wohl noch einmal so etwas probieren. Aber nicht so sehr „im Rampenlicht“.
    Jetzt kommen erst mal die 102 K von Thomas Schmidtkonz‘ Saarland-Orientierungslauf, dann der Veedels Verzäll III und dann kommt die große Aufgabe auf Menorca.
    2015 gefinished, aber die „zweiten Läufe“ fallen mir meist schwerer als die „ersten“.
    Tobi aber wird mich über die Ziellinie prügeln …

  3. Ich wäre ja doch zu gerne noch einige Runden mit Dir gelaufen, aber mit dem rumorenden Magen, und der Übelkeit war es wohl besser so, zumal es echt schwierig war, Dich zu jeder neuen Runde zu motivieren. Spaß hat es trotzdem gemacht!!!! Vierte Grüße,
    Christoph

    • Genau, es hat Spaß gemacht.
      Und wir haben die Zeit gefunden, rund 23 Minuten lang miteinander zu quatschen, ohne dass jemand anderes dabei war.
      Es waren zwei schöne Runden und ich habe es geschätzt, dass Du mich begleitet hast.

      Andererseits hatte ich Deine Gesundheitsgeschichte mit Wadenwickeln und hohem Fieber der vergangenen Woche im Kopf und wollte Dich nicht motivieren, noch weiter mit mir im Kreis zu rennen. Das langsame Tempo von rund 11.45 Minuten pro Runde / 6.50 Minuten pro Kilometer aber war sicher auch für Dich gut.

      Und schnell sein kannst Du ja wieder auf Helgoland. Aber sei nicht zu schnell, Dein Körper ist noch nicht so weit.
      Finishe in 3:59:59 Stunden oder in 4:13:59 Stunden (6 Minuten pro Kilometer), das reicht vollkommen aus und strengt nicht so sehr an.

      Danke auf für Eure Hilfe danach.
      Gabi und ich freuen uns, solch wertvolle Menschen in unserem Freundeskreis zu wissen.

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