Lieber Christian W. … – ein offener Brief –

Lieber Christian W.,

Du hast, nachdem ich über die Absage des „Dragonheart Battle“ informiert habe, einen Kommentar auf meiner Facebook-Seite hinterlassen, auf den ich gerne antworten will. Ich tue das jedoch hier auf meinem Blog, weil das, was ich Dir zu sagen habe, im Umfang das Medium Facebook überfordern würde.
Außerdem denke ich, dass es angebracht ist, dass diejenigen, die sich bis jetzt hier schon in das Thema „Rassismus“ eingelesen haben, auch hier weiterlesen können.

Du hast geschrieben, dass Du es für ziemlich unverhältnismäßig und asozial“ hältst, „hunderten Leuten wegen so einem Post ein Wochenende zu versauen“.
Dieser Satz ließ mich letzte Nacht kaum schlafen und ich habe mich bemüht, mir darüber klar zu werden, wen Du eigentlich mit dem Vorwurf „unverhältnismäßig“ und mit dem beleidigenden Wort „asozial“ meinst?

Meinst Du mich, der ich ScreenShots von einem Post und den entsprechenden Kommentaren gemacht habe, der am Anfang noch rassistisch war und hart an der Strafbarkeit kratzte und der später durch Präzisierungen und neue „Argumente“ bis zur Volksverhetzung ausgeartet ist?
Ich habe von Anfang an in angemessener Weise darauf hingewiesen, dass dieser Post rassistisch ist und nicht durch die Meinungsfreiheit des Grundgesetzes gedeckt ist. Es wäre ein Leichtes für A.K. gewesen, diesen Post in diesem Stadium zu löschen oder sich dafür zu entschuldigen.

Oder meinst Du die Verantwortlichen der Stadt Trendelburg, die erklärt haben, dass sie im Jahr 2018 nicht mehr mit dem PAS-Team zusammenarbeiten werden?

Oder meinst Du eigentlich doch die Verursacher, die Verfasser, dieses Posts und der entsprechenden Kommentare?
Du siehst, ich gebe die Hoffung nicht auf, dass Du die Täter erkennst und nicht die Zeugen zu Tätern machst.

Was ist „unverhältnismäßig“?
Wir Schreiberlinge, die wir gelegentlich journalistisch arbeiten, finden es immer gut, wenn wir mit den Worten, die wir verwenden, etwas bewirken können.
Aber ganz ehrlich: ich bin nicht David, der mit der Steinschleuder den großen Goliath erlegt hat. Das anzunehmen würde meine Bedeutung immens überzeichnen.
Richtig ist vielmehr, dass mein Blogbeitrag der kleine Tropfen war, der das berühmte Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Die Stadt Münnerstadt hat schon vor Jahren die Reißleine gezogen, weil sich die Veranstalter des BHB über die Stadt und deren Angestellte öffentlich lustig gemacht haben. Der Limes-Run wurde nicht wegen dieses Posts gestrichen, sondern weil sich die Veranstalter öffentlich negativ über die Helfer ausgelassen haben.
Ich könnte Dutzende von kleinen und großen Geschichten erzählen, wie Menschen, die sich beim Event verletzt haben, behandelt wurden und wie generell seitens des Veranstalters mit den Mitmenschen, mit Kunden und Lieferanten, mit Partnern und Helfern umgegangen wurde.
Ich habe niemals die Absage einer Veranstaltung gefordert und ich hätte das mit einem einzigen Blogbeitrag auch niemals geschafft, wenn das PAS-Team nicht längst und häufig „unten durch“ wäre. Meinst Du nicht auch, dass ich mit dieser These Recht haben könnte?

Was ist „asozial“?
Schauen wir doch mal bei Wikipedia nach: „Asozial bezeichnet:

  • das Eigenschaftswort für den soziologischen Begriff Asozialität
  • eine diskriminierende Kennzeichnung von Menschen und Menschengruppen während der NS-Zeit; siehe Asoziale (Nationalsozialismus)
  • ein Verhalten, das im Rahmen einer Schizophrenie auftreten kann. Es handelt sich um ein sogenanntes Negativsymptom und meint mangelnde Kontaktfähigkeit und Desinteresse am Umgang mit Anderen.

 Und Asozialalität?
Asozialität ist eine zumeist als abwertend empfundene und gemeinte Zuschreibung für Verhaltensweisen, die von „gesellschaftlichen Normen“ abweichen und „die Gesellschaft“ vermeintlich oder tatsächlich „schädigen“.

Wer schädigt hier die Gesellschaft? Derjenige bzw. diejenige, die rassistische Posts verfasst oder diejenigen, sie solche Grenzüberschreitungen dokumentieren oder sich aufgrund solcher Grenzüberschreitungen von den Verfassern distanzieren?
Wer weicht von „gesellschaftlichen Normen“ ab? Derjenige bzw. diejenige, die rassistische Posts verbreiten oder die, die sich dafür einsetzen, dass wir Menschen niemals wieder so miteinander umgehen?
Warum behaupten gerade extreme Rassisten, keine Rassisten zu sein? Sind wir doch ehrlich: wir alle sind Rassisten, der eine mehr, der andere weniger. Denn wir sind alle gefangen in Vorurteilen und jeder, der sich ernsthaft mit dem Phänomen des Rassismus auseinander setzt, wird einräumen, selbst mit sich immer wieder ins Gericht gehen zu müssen, um den eigenen Rassismus zu beherrschen.
Und da wollen gerade die, die sich so gerne über andere Menschen erheben, nicht auf sich selbst schauen und das eigene Denken reflektieren?

Anschließend relativierst Du den geschilderten Rassismus und reduzierst die Passage:
„Da kam ein kleiner schwarzer Affe vorbei … dieser hat sich benommen wie ein Affe, war schwarz wie ein Affe und hat auch diese Laute eines Affen von sich gegeben.“
auf das Wort „Äffchen“. Nein, Christian, hier wurden Menschen mit einer anderen Hautfarbe in übelster Weise abgewertet und lächerlich gemacht.
Und anschließend nennst Du das Melden eines solchen Posts „Blockwartmentalität“.
Ist Dir eigentlich klar, wie nahe Du mit der Verwendung der Worte „asozial“ und „Blockwart“ an der Sprache der Nationalsozialisten bist? Aber das sei nur so am Rande mal erwähnt.
Was Du mutmaßlich gemeint hast, ist, dass es einen Denunzianten gibt, der eifrig darauf aufpasst, dass der Müll getrennt wird, dass niemand auf den Boden spuckt usw.
Und dieser Aufpasser, dieser Denunziant, soll ich sein?
Wir reden über Rassismus, über gravierende Gesetzesverstöße. Und die Tragweite und die erlebte öffentliche Abscheu vor diesen Sätzen sollte Dir eigentlich zeigen, dass Du möglicherweise Deine Sicht der Dinge hier ändern solltest, immerhin wollen wir alle in einer Gesellschaft leben, in der wir uns nicht gegenseitig beleidigen und schon gar nicht in einer Gesellschaft enden, in der es normal ist, ganze Bevölkerungsgruppen pauschal zu diskreditieren. Kannst Du Dir denn vorstellen, wie weh es tun kann, wenn man nur deshalb beleidigt wird, weil man eine andere Hautfarbe hat? Und glaubst Du nicht auch, dass der Satzteil „war schwarz wie ein Affe“ auch afrikanischstämmigen Menschen mindestens weh tut, die überhaupt nichts mit dem angeblichen Balkongespräch zu tun haben?

Weiter schreibst Du, dass Dir die „politische Einstellung eines Laufveranstalters am Gluteus Maximus“ vorbei gehen würde. Das ist Dein gutes Recht, ich bin aber davon überzeugt, dass diese Haltung falsch ist, grundfalsch.
Es sollte in dieser Gesellschaft Einigkeit darüber herrschen, dass wir Unternehmen, die Menschen ausbeuten, meiden, dass wir Unternehmen, die mit Kinderarbeit Produkte herstellen lassen, boykottieren. Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie wichtig es ist, dass wir als Verbraucher Zeichen setzen. Nur so verbessern wir die Welt ein Stückweit.
Bist Du denn nicht mit mir der Meinung, dass unser intellektuelles Niveau niemals so niedrig sein dürfte, dass wir nur an „panem et circenses“, an „Brot und Spiele“, denken?
Ich jedenfalls schätze jeden Menschen, der beispielsweise seine Geldanlagen bewusst so steuert, dass keine Unternehmen unterstützt werden, die die Umwelt mehr als notwendig schädigen, die ihre Gewinne aus der Versklavung Dritter ziehen uvm.

Zuletzt fragst Du noch, ob mein „rassistischer Vorschlag als Ablasshandel 100 schwarze Toleranzdarsteller für einen Lauf zu engagieren“ Ernst gemeint war. Ja, das war er. Und er ist eben nicht rassistisch. Natürlich gäbe es für die Veranstalter Alternativen, nämlich sich für eine längere Zeit ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, ein syrisches Kind als Pflege- oder Adoptivkind anzunehmen oder was auch immer, das eindeutig signalisiert, dass sich der Veranstalter des Schadens bewusst ist, der angerichtet wurde und dass er alles dafür tut, diesen Schaden wieder zu beheben.
Es ist ein ähnlicher Ansatz wie der vom Gesetzgeber offerierte „Täter-Opfer-Ausgleich“, eben dass demjenigen oder denjenigen, der oder die geschädigt wurden, hier durch Beleidigung und Diskriminierung, geholfen wird, diesen Schaden zu überstehen.

Einen letzten Gedanken will ich noch zu Papier bringen. Er basiert auf Deinem Wort „Toleranzdarsteller“. Es ist leider mittlerweile so, dass es ein „Wörterbuch“ Deutsch – Alternatives Deutsch zu geben scheint. Und in diesem Wörterbuch werden scheinbar harmlose und gut klingende Worte verwendet, die aber genau das Gegenteil aussagen sollen. In diese Taktik der Ultrarechten reihst Du Dich mit diesem Wort ein.
Was ich genau damit meine?
Das bekannteste Wort aus dem Buch Alternatives Deutsch ist das Wort „Gutmensch“, das für Menschen verwendet wird, die man ob ihrer empathischen Haltung schlecht findet.
„Fachkräfte“ und „Kulturbereicherer“ für Kriegsflüchtlinge gehören ebenfalls in dieses ominöse Buch.
Lass Dich da nicht vor einen Karren spannen und vermeide die Verwendung von solchen ins Gegenteil verkehrten Worten.

Und wenn Du dann noch so weit gehst und einräumst, Dich mit Deinem Kommentar zumindest unglücklich ausgedrückt zu haben und wenn Du Dich für die Beleidigung „asoziales Verhalten“ entschuldigst, dann weiß ich, dass Du tatsächlich etwas begriffen hast.

Danke für Deine Aufmerksamkeit!

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2 Kommentare zu “Lieber Christian W. … – ein offener Brief –

  1. Lieber Thomas „E.“,

    ich fühle mich geehrt, dass ich einen extra Post auf ihrem Blog bekomme. Vielleicht kann ich dann etwas ausführlicher schreiben, warum ich mit der ganzen Geschichte so meine Probleme habe.

    Mit „asozial“ wollte ich auf die Unverhältnismäßigkeit hinweisen, dass auf der einen Seite drei Personen beleidigt werden, auf der anderen Seite aber hunderten Personen konkret etwas negatives passiert. Vermutlich wissen die drei noch nichtmal von ihrem Glück. Im Ergebnis hat die Aktion also mehr Leuten geschadet als genutzt. Eine Kollektivstrafe quasi. Ich glaube ihnen, dass sie den Sportlern das Wochenende gegönnt hätten, und sich der Tragweite bewusst sind. Aber dennoch halten sie an ihrem höheren Ziel fest. Das Bild vom Stein ins rollen ist insofern schief, weil sie über das mitdiskutieren und FB-melden hinaus mit dem weiterleiten an Presse und Behörden das Steinchen noch mehrmals getreten haben, bis es denn lief. Wenn sie das ganze nur bei der Polizei angezeigt hätten, in der Annahme das wäre Volksverhetzung, hätte ich keine Probleme damit. Aber dass dann spätestens die Presse nicht zur Deeskalation beiträgt, ist vorhersehbar. Natürlich trägt auch der Veranstalter für die Absage Verantwortung, aber Sie eben genauso über den Auslöser hinaus. Die Prozesse in der Stadt und zu wieviel Prozent andere Sachen relevant waren kenne ich nicht. Ich hätte als Bürgermeister allerdings noch für 2018 keine Entscheidung ohne juristische Grundlage und nicht vor den Erfahrungen aus dem aktuellen Lauf getroffen.
    Asozial ist für Linke ein Triggerword. Ersetzen sie es mit unfair, den Interessen der Mehrheit zuwider laufend oder unsalomonisch, wenn ihnen das weniger beleidigend vorkommt, was hiermit entschuldigend nicht die Absicht ist.

    Das ist schon mein zweiter Kritikpunkt. Der ganze „Prozess“ hier hängt nicht von juristischen Urteilen ab, sondern ist mehr oder weniger auf einer Empörungswelle getragen. Kann gut sein, dass so ne Firma wie PAS-TEAM pleite macht, und dabei noch nichtmal ein einziger Strafbefehl durchgegangen ist. Hochproblematisch ist, wie man an ihren Argumenten und denen anderer Kommentatoren sieht, dass sie hier mehrere andere Verfehlungen mit in die Wertung hineinmischen. Hier angepflaumte Helfer, da Äußerungen von JvH, dort der im Gegensatz zum Ausgangspost womöglich sogar strafbare Kommentar von einem ganz anderen Typen. Vermischung von Einzelpersonen und der Firma. In den Zeitungsberichten geht es weiter, dass hier zum Beispiel die Rede davon ist, dass „Farbige als Affen beleidigt“ wurden. Diese Formulierung ist zwar nicht falsch, aber wird zwangsläufig als Volksverhetzung interpretiert, wenn nicht dazu geschrieben wird, dass es eigentlich anlassbezogen drei waren. Menschlich nachvollziehbar ist, wenn dann jeder automatisch die schlechteste Interpretation annimmt. Aber sie sind kein Richter und sehen nicht aus wie ein Jurist. Denn für solche Sachen haben wir in Deutschland den Rechtsweg, auf dem hoffentlich nach Gesetzen anhand der Sachlage und nicht nach Gefühl geurteilt wird. Nach Gefühl darf jeder Sportler für sich entscheiden, ob er teilnehmen mag oder nicht. Hier bleibt ihm die eigene Entscheidung aber verwehrt.
    Sie haben eine andere Meinung, aber ich halte Affe in der Deutschen Sprache für ein harmloses Schimpfwort. Ich würde wetten, das gleiche Statement mit drei weißen Proleten hätte zu vielen #metoo Hashtags geführt. Ich glaube sie haben nicht so ganz das Konzept der Beleidigung verstanden. Es geht darum die Würde des Gegenübers herabzusetzen. Deshalb ist sie auch strafbar, wenn es gelingt. Aber, das ist der springende Punkt: keiner kann sie zwingen Mahatma Ghandi zu spielen und sich alles brav anhören zu müssen wenn sie zuerst beleidigt werden. Das kommt aber in ihrer Interpretation so rüber, und daran scheiden sich die Geister. Ich finde nicht, dass man in so einem Fall („ich ficke dich“) einen Fragebogen austeilen kann, um anhand der festgestellten Ethnie, Religion, Ernährungsgewohnheiten, Politik, Behinderungsgrad, Sexuelle Präferenz,… etc eine korrekte aber dennoch effektive Beleidigung herauszusuchen.
    Was passiert, wenn man immer den ‚kurzen Dienstweg‘ wählt, und Facebook-Kommentare, die nicht strafbar sind, aber auch nicht politischer Korrektheit entsprechen über die Empörungsschiene löscht oder skandalisiert? Sie bekommen mediale Parallelstrukturen. Diskussionen werden öffentlich nur noch zum Trollen geführt, vernünftiger Austausch über drängende gesellschaftliche Probleme findet nur noch in abgeschlossenen Netzwerken statt. Die vielzitierte Spaltung der Gesellschaft wird vorangetrieben. Beiträge auf FB löscht künftig ohne Diskussion Facebook selber (NetzDG) sobald irgendjemand petzt. Mag sein, dass so vieles zunächst aus ihren Augen verschwindet, aber das kommt dann alles auf neuen Wegen wieder, alternative Netzwerke und Medienportale entstehen, und irgendwann sitzt womöglich sogar eine neue Partei im Bundestag. Das alles wird durch denunzieren befeuert statt bekämpft. In einer weit ausgelegten Meinungsfreiheit muss man eben einen etwas dickeren Pelz mitbringen, auch mal Dinge ignorieren, unangenehme Diskussionen führen und sich in das Gegenüber mit anderen Lebenserfahrungen und Werten hineinversetzen. Das tut im Zweifel mal weh, aber noch mehr tut weh, wenn aus nicht geführten verbalen Auseinandersetzungen echte Konflikte werden.
    Offensichtlich waren sie ja auf Facebook miteinander befreundet. Man kann ihnen nicht den ideologischen Hintergrund des Blockwarts unterstellen, um Gottes willen. Aber dann haben sie keinen Skrupel in ihrem Bekanntenkreis Sprachhygiene einzufordern, was man ja auch am herumreiten auf mehreren meiner Vokabeln sieht. Bei sehr vielen Leuten werden sie damit negative Assoziationen wecken und eine Diskussion beenden ehe sie angefangen hat.
    Gutmensch habe ich nie benutzt. Das wäre mir nun wirklich zu verbrannt. Aber hören sie sich mal „Achtung Gutmenschen“ gelesen von Nottmeier an, sie werden sich bestimmt an nicht nur einem Punkt wiedererkennen.

    100 schwarze Läufer als Ablass sind aus meiner Sicht klar rassistisch. Sie reduzieren damit Personen auf ihre Hautfarbe um einer Veranstaltung ein gewisses Image zu verpassen. Schon die Einladung wäre gruselig, weil darin die kostenlose von der startgebührpflichtigen Rasse abgegrenzt würde. Wer ist noch schwarz genug, wer ist schon zu weiß? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Leute mit einer Ehre für sowas hergeben würden. Sportler möchten mit dem selben Respekt behandelt werden, also für gleiche sportliche Leistung anerkannt und nicht fürs repräsentieren einer Minderheit. Mit kostenlosen Asylbewerberplätzen treten sie in das Fettnäpfchen andere sozial Benachteiligte zu übergehen. Es ist ja nicht so, als ob es außer der Altersbeschränkung Restriktionen beim Ticketverkauf gäbe.
    Ein professionelles Verhalten wäre ganz trivial gewesen: alle Fakten samt Hintergrundgeschichte und notwendigen Distanzierungen und Klarstellungen möglichst früh auf den Tisch zu legen um die Interpretation nicht ihrem Blog und den (sozialen-)Medien zu überlassen. Und für den Fall einer juristischen Verurteilung Konsequenzen ankündigen, sonst nichts. Zuversichtlichkeit und Ruhe statt Beißreflexe ausstrahlen. Da ist der JvH aber glaube ich nicht der Typ für.

    Ich hoffe das hilft ihnen bei der Einordnung weiter.
    Christian „W.“

    • Danke für die Antwort, Christian, die ich zum Teil nachvollziehen kann.
      Ich erlaube mir, nachfolgend weiterhin in der „Du-Form“ zu antworten, das ist im Internet eigentlich so üblich.

      Du schreibst, dass Du mit „asozial“ auf die Unverhältnismäßigkeit hinweisen wolltest, die zwischen drei Personen, die beleidigt wurden und ganz vielen, denen ein schönes Wochenende genommen wurde, entstanden ist. Das kann ich nicht ganz gelten lassen, schriebst Du doch in Deinem Kommentar „ich finde es unverhältnismäßig und asozial“, also beides. Zudem ist „asozial“ kein Triggerwort, sondern eine Beleidigung. Zwar räume ich ein, dass es in unserer Gesellschaft leider häufiger vorkommt – gerade bei jungen Menschen – , dass beleidigende Worte als „normal“ verwendet werden, mir aber tut es regelrecht körperlich weh, wenn ich Menschen höre, die Sätze sagen wie „das ist doch behindert“ oder „das ist doch schwul“.
      Aber lassen wir das mal.
      Auf jeden Fall danke ich sehr dafür, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, Deinen Standpunkt ausführlich darzulegen, darauf habe ich gehofft, ich habe es aber nicht wirklich erwartet.

      Um noch ein Bild zu korrifieren: Ich bin ein „Schreiberling“, ich habe den Post damals an FB gemeldet, es war die allererste und hoffentlich auf letzte Meldung, die ich je an Facebook geschrieben habe. Und ich habe den Artikel auf meinem Blog geschrieben, alles andere kam nicht von mir. Es waren Menschenrechtsorganisationen, die meine Initiative ergriffen haben, nicht ich. Aber das nur zu Deinem Verständnis.
      Insofern habe ich den Stein wohl tatsächlich zum Rollen gebracht, aber die „Schwerkraft“, die ihn weiter rollen ließ, war ich nicht.

      Nun aber zu dieser Unverhältnismäßigkeit. Da irrst Du, ganz sicher.
      Es ist immer schwer, zu vergleichen, insbesondere nicht mit noch schlimmeren Dingen. Ich will es dennoch tun, aber ich will vorausschicken, dass ich diese Beleidigungen und diesen geäüßerten Rassismus nicht auf eine Ebene stellen will mit noch schlimmeren Straftaten. Diese sollen nur darstellen, warum Dein Argument mit der Unverhältnismäßigkeit falsch ist.
      Stelle Dir vor, da ist ein Steuerhinterzieher, nennen wir ihn mal Uli H. Bei ihm entsteht auch die Frage, ob es verhältnismäßig ist, wegen einem Delikt Tausenden von Fans … Du weißt, was ich meine. Stellen wir uns vor, ein Konzertveranstalter würde ein paar Wochen vor dem Mega-Festival einen Mord begehen. Darf man ihn nicht festnehmen, weil das Festival dadurch gefährdet wäre? Darf man einen Film, eine Fernsehserie, absetzen, weil der Schauspieler Dritte sexuell belästigt hat („Metoo“) oder eine Nazi-Vergangenheit hatte (Lemke, „Was bin ich?“)?

      Fakt ist – und da bin ich wieder beim aktuellen Fall – dass man bei Straftaten nicht abwägen darf. Uli H, ist nicht deshalb frei zu sprechen, weil er andernorts vielleicht der nette Uli war und dieser Konzertveranstalter hätte ebenfalls seine Strafe verdient. Kevin S. ist für große Gruppen von Menschen nicht mehr tragbar und Lemke hätte man nicht mehr ansehen können, auch wenn er nur noch eine unpoltische Fragesendung moderierte.

      Nun zum PAS-Team. Jedes Unternehmen muss sich bewusst sein, dass es eine Außenwirkung hat. Und diese Außenwirkung ist es, die diese Sache hier so brisant macht. Hätte J.v.H. nicht im Fernsehen „keinen Rassismus“ erkannt, hätte man sich zügig, glaubwürdig und deutlich von dieser Aussage und den Kommentaren distanziert, dann wäre alles nicht so schlimm gewesen. Aber das Beharren auf falschen Standpunkten und auf Personen und Positionen ist es, das eskaliert hat. Und eben der Umstand, dass das alles auf „fruchtbaren Boden“ gefallen ist. Hätte es nicht viele Vorgeschichten gegeben, dann wäre die Blase niemals so groß geworden, aber die „Eigenheiten“ der Menschen in diesem Unternehmen haben ja schon sehr oft zu Spannungen geführt, was übrigens wohl auch der Grund dafür war, dass mein Artikel von Dritten an Behörden, die Presse und an die Polizei weitergegeben wurde.

      Dass der weitere „Prozess“ tatsächlich nicht von juristischen Urteilen abhängt, stimmt. Das aber ist das Leben. Ich muss Primark nicht erst dann boykottieren, wenn die Geschäftsleitung wegen Ausbeutung verurteilt wurde und ich muss Starbucks nicht erst dann meiden, wenn deren Steuertricks juristisch abgeurteilt wurden. In beiden Fällen bewegen sich die Unternehmen sogar auf rechtlich einwandfreiem, aber moralisch enorm verwerflichem Feld. Und das reicht, um einen weiten Bogen um diese Unternehmen zu machen, einen Bogen, den wir alle ja auch um Nestlé machen sollten, nicht nur wegen der Wasserpolitik in Afrika. Es ist eben so, dass es neben den Gesetzen auch noch die Moral gibt und dass wir Bürger außer unserem Kreuzchen an der Wahlurne nur noch die Möglichkeiten der Empörung über Zustände haben. Aber diese Möglichkeit sollten wir nutzen, müssen wir nutzen.

      Du drehst Deine Argumentation immer um den Punkt herum, dass ich kein Richter und kein Jurist bin, was stimmt. Es ging mir aber niemals um Strafe oder Sühne, ich wollte nur veröffentlichen, wie in diesen Kreisen gedacht wird, was geschrieben wird. Weil es exemplarisch steht für einen Gutteil – oder soll ich schreiben Schlechtteil – der Gesellschaft, in der der Glaube an die eigene „rassische Überlegenheit“ sogar zu einer ganzen Partei geworden ist.

      Ich will nachfolgend nur noch auf zwei Aspekte eingehen, um die Länge des Kommentars zu begrenzen. Du schreibst „ich halte Affe in der Deutschen Sprache für ein harmloses Schimpfwort“. Das ist es aber nicht, zumindest nicht gegenüber dunkelhäutigen Personen, immerhin ist der Vergleich mit Affen ständige Rhetorik des Ku-Klux-Klans gewesen, außerdem muss man den Sinnzusammenhang verstehen. Es ist ein Unterschied, ob ich jemandem sage, es sei ein „Affe“ oder ob ich so weit gehe, noch dazu sein Äußeres so zu titulieren und seine Artikulation. Das alles ist extrem herabwürdigend und kann von der Gesellschaft einfach nicht hingenommen werden. Wenn wir hier nicht einschreiten würden, dann würde es am Ende normal werden, so miteinander umzugehen.

      Der letzte Punkt ist der, dass Du schreibst, dass wir „offensichtlich auf Facebook miteinander befreundet“ waren. Ich tue mich sehr schwer mit dem Begriff „Freunde“ auf Facebook. Ich habe Freunde dort, keine Frage. Sie bereichern mein Leben und ich fühle häufig eine enge Bindung an sie. Die meisten meiner über 1.300 „Freunde“ auf Facebook sind aber schlichtweg Kontakte, nicht mehr, nicht weniger.
      Ich war beim ersten BHB dabei und bei einem Survival-Event, das bei n-tv als Kurzreportage gezeigt wurde. Damals hat man sich auf Facebook verbunden, um sich „im Falle“ direkte PNs schicken zu können, sich zu finden usw.
      Als journalistisch tätiger Mensch bin ich auf so etwas angewiesen. Die Aufnahme in meine Kontakt oder „Freunde“-Liste bei Facebook bedeutet aber nicht, dass ich mit den Meinungen dieser Personen übereinstimme, in der Regel kenne ich diese gar nicht. Oder sie verändern sich. Grundlage jeden Handelns, ob auf Facebook oder im „RL“, ist stets, dass wir miteinander respektvoll umgehen müssen, dass wir für Rassismus, für Diskriminierung und für Beleidigungen nicht offen sein dürfen. Du nennst es „Sprachhygiene“, die ich einfordern würde. Das ist korrekt. Ich bin tatsächlich der Ansicht, dass man sich dessen bewusst sein sollte, was man schreibt, insbesondere, wenn man beleidigend wird. Dass das nicht jedem gefällt, das ist mir klar. Aber ich sehe es als meine Pflicht an, unbequem zu sein und mich zu artikulieren.
      Und ich habe mit meinem Engagement gegen den Rassismus schon „negative Assoziationen“ geweckt, ich habe aber auch gelernt, wie viele Menschen es da draußen gibt, die aufrichtig sind, die stolz und unbeugsam sind, die mich unterstützen. Und denen gilt mein Dank.

      Doch noch ein allerletzter Gedanke: wenn ich vorgeschlagen habe, eine Gruppe Menschen, die pauschal beleidigt wurde, zu bevorzugen, dann ist das kein Rassismus. Ich will nicht über Rassismus philosophieren, aber es ist immer ein guter Weg, den Bevölkerungsgruppen, denen man geschadet hat, dann gezielt etwas Gutes zu tun. Also Vereinigungen von Schwarzen zu unterstützen, wenn man Schwarze beleidigt hat, den Kinderschutzbund zu unterstützen, wenn man verbal gegen Kinder gekeult hat usw.
      Eine positive Heraushebung – und weder Diskriminierung noch Rassismus – ist auch die Frauenquote. In den USA gibt es in den Firmen sogar Quoten für die meisten ethnischen Gruppen und in Südostasien gibt es Länder, die sogar Wohngebiete bewusst ethnisch gemischt besetzen, um einer Enklaven-Bildung („Ghetto-Bildung“) entgegen zu wirken, um eben Rassismus und Diskriminierung zu verhindern.

      Deine Einlassungen haben mir weitergeholfen, bemerkens- und lobenswert vor allem war der Ton, in dem Du geschrieben hast.
      Wir müssen ja nicht einer Meinung sein oder werden, es ist aber wichtig, respektvoll miteinander umzugehen.
      Ich wiederum hoffe, dass Du aus meiner Antwort auch ein paar Informationen erhalten hast, insbesondere über meinen Beitrag zum „rollenden Stein“, die Dir nicht bekannt waren. Vielleicht hilft Dir auch meine Einlassung zu „Facebook-Freunden“ weiter.

      Herzlichst

      TOM

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