„Gülü seven dikenine katlanır.“

„Wer die Rose liebt, der erträgt auf ihren Dorn,“ heißt es ja landläufig.
Und Dornen gab es einige beim IZNIK ULTRA 140 am 21. April 2018. Erstaunlich aber war, dass ich mich an die Dornen überhaupt nicht erinnern konnte, obwohl ich diesen Lauf 2016 schon hinter mich bringen durfte.
Türkei
Selten erinnerte ich mich öfter an den Satz „Die Erinnerung ist gnädig, die Realität ist grausam.“ Oder anders formuliert: Hinter der Ziellinie beginnt die Verklärung.
Schönes bleibt in Erinnerung, weniger Schönes wird vom Mantel der Dankbarkeit und des Vergessens überdeckt.

Ich bin ein Sonnenscheinkind, ein Warmduscher, ein Schattenparker.
Bei mir muss, damit ein langer Lauf funktioniert, idealerweise alles stimmen. Die Realität muss deckungsgleich sein wie die Bilder, die ich mir vorab von einem Lauf in meinem Kopf schon gemacht habe, die Laufklamotten müssen optisch passen, nichts darf vergessen sein und auch das „Drumherum“ sollte so sein, wie ich es haben will, sonst wird es schwer für mich.

Bei meinem Trip nach Iznik zum IZNIK ULTRA 140 stimmte aber einiges nicht. Es begann damit, dass ich mich noch gut daran erinnern konnte, auf der Wiese neben der Start-/Zielzone zelten zu können, inmitten drei Dutzend anderer Camper. Direkt daneben war ein grün gestrichenes Badehaus mit Toiletten und einer Waschmöglichkeit, ausreichend für die kurze Zeit vor dem Lauf, jedoch nicht ausreichend für das Säubern des Körpers nach dem Lauf.
2016 hatte ich deshalb im Grand Nicea Hotel, korrekt Grand Hotel Belekoma 2, direkt an der Strandpromenade, angefragt und ich durfte damals eine der dortigen Duschen benutzen. Der Gast, der dieses schöne Zimmer gemietet hatte, hatte schon ausgecheckt, das Reinigungsteam aber war dort noch nicht fertig gewesen.

Ich packte also meinen (Hand)Koffer …
Ich packte ein:
Ein Zelt
Einen Schlafsack
Einen Innenschlafsack aus dünnem Seidengewebe
Meine Stöcke
Mein gesamtes Laufequipment.

Ich wusste, dass ich erst spät Abends in Iznik eintreffen würde, deshalb buchte ich noch ein Zimmer für die erste Nacht von Donnerstag auf Freitag in einer „Pansyion“ nahe dem See, dem Iznik Gölü. Das Zimmer war mit 22 EUR inklusive einem kleinen Frühstück recht günstig und ich dachte, dass ich vielleicht dort sogar noch zwei weitere Nächte bleiben könnte, falls das mit dem Campen nicht klappen sollte.

Und „wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, heißt es in Urians Reise um die Welt von Matthias Claudius. Und ich reiste. Von Köln aus nach Istanbul zum Flughafen Sabiha Gökçen, dem Flughafen im asiatischen Teil dieser turbulenten Metropole. Von dort aus ging es weiter mit dem Bus nach Bursa und von Bursa mit dem Minibus nach Iznik. Längst war es dunkel geworden und wir fuhren eine Ewigkeit am Iznik Gölü entlang. Und all diese Strecke sollen wir Laufen und das auf beiden Seeseiten?

Der Iznik Gölü (Gölü = See) ist der fünftgrößte See der Türkei. In der Antike wurde er auch Askania-See (Askania Limne, latinisiert Ascania Lacus) genannt. Seinen gegenwärtigen Namen verdankt er der Stadt Iznik (ehemals Nikaia). Seine Fläche misst 298 km². Zum Vergleich: Der Bodensee misst mit Ober- und Untersee zusammen 536 km², der Genfer See misst 580 km².
Kein kleiner Tümpel also. Und weil ja nicht die Seepromenade entlang gelaufen wird, die es sowieso nicht gibt, zumindest nicht um den gesamten See herum, sondern weil über die umliegenden Höhen und Berge gelaufen wird, misst die komplette Runde um den See eben 138,6 km.

Ich bezog mein Zimmerchen, nicht ohne vorher zu fragen, ob man denn noch ein freies Zimmerchen für die nächsten beiden Nächte hätte, was aber nicht der Fall war. Ich schlief früh ein und wachte zeitig auf. Es war Zeit, sich schon für den Lauf am Abend anzuziehen, so spart man sich das Umziehen am Nachmittag.
Beim Anziehen bemerkte ich, dass ich die zu den Armlingen und dem Laufshirt passenden Spykers für die Waden zu Hause vergessen hatte, welche Katastrophe. Ich bin schon lange keinen langen Ultra mehr ohne Wadenkompression gelaufen. Ob das gut gehen kann?
Nach dem Frühstück wollte ich mein Zelt aufbauen gehen. Der Wetterbericht, den ich in Deutschland angesehen hatte, versprach absolut trockenes Wetter, 13 Grad am Tag und 5 Grad in der Nacht, ideal eigentlich für einen Lauf.
Die Wirklichkeit an jenem Freitag aber sah ganz anders aus. 10 Grad warm, Regen, Regen und … schrieb ich das schon? Regen!

So trottete ich mit meinem Handköfferchen erst zum See und dann nach links zum Start-/Zielgebiet. Alles war anders. Es war eine riesige „Construction area“, Bäume wurden gepflanzt, eine Luxuspromenade soll dort entstehen und ich fand nichts wieder, nicht das Start-/Zielgebiet, nicht das kleine grüne Toilettenhäuschen, das längst hätte da sein müssen. Irgendwann kamen mir Morgenläufer vorbei, die ich kurz anhielt und nachfragte. „Mitten in der Stadt ist der Start jetzt,“ also die rund drei Kilometer mit dem Köfferchen zurück rollen. Nun sah ich auch das kleine grüne Toilettenhäuschen, eingebaut in riesige Erdhaufen, mittendrin in der „Construction area“.
Das wird wohl nichts mit dem Zelten, dachte ich. Und ich hatte Recht.
Iznik
Ich fand das Start-/Zielgebiet, anschließend klapperte ich nach und nach die einzelnen Hotels ab. Absage folgte auf Absage – und ich frage auch in den übelsten Kaschemmen nach. Meine Laune sank wie das Quecksilber in einem Thermometer in der Kühltruhe und ich sagte mir, dass ich wieder nach Istanbul fahren würde, wenn ich nirgendwo mehr unterkommen würde.
Zuletzt fiel mir wieder das feine Grand Nicea Hotel ein. Fragen kostet nichts, die Chancen sind gering, immerhin sind solche exponierten Hotels ja meist die ersten, die voll sind, weil sie eben in allen Führern und auf allen Portalen präsent sind.

Zimmer? Ja, eines war noch da. Und Geld? 180 türkische Lira die Nacht, 360 Lira für die beiden Nächte, umgerechnet 72,64 EUR, als Sonderpreis für die beiden Nächte. „Deal!“ sagte ich und reichte dem Consierge die Hand, bezog mein Zimmer und verließ es gleich wieder, um meine Startnummer abzuholen.

„Deinen Pass bitte,“ hieß es da. „Äh, … im Hotel!?“ Und, ach ja, es gibt beim IZNIK ULTRA auch eine Materialkontrolle! Das hatte ich vollkommen vergessen. Ich hatte auch vergessen, in Deutschland zu schauen, ob und was gefordert war.
Also wieder ins Hotel, die Sachen gepackt und wieder zur Startnummernausgabe.
Sicherheitsweste? Igitt!
Handschuhe? Ej, wir sind in der Türkei, da ist es warm!
Trinkbecher? Ich habe doch meine Flaschen …
Aber die Türkei ist billig und so kaufte ich für insgesamt 40 Lira, also für gut 8 EUR, diese drei Sachen nach. Zumindest die Handschuhe sind dabei ein echtes Schnäppchen gewesen und Handschuhe sind wie heißes Wasser – kann man immer brauchen.

Ich versuchte dann, im Hotel zu ruhen und schlief tatsächlich den halben Nachmittag durch. Um 18.30 Uhr (17.30 Uhr deutsche Zeit) gab es das Briefing. Ich ging hin, um zu schauen, wer denn von meinen türkischen Bekannten da wäre. Das Briefing war in Türkisch, macht nichts, ich war ja auch neben einem südafrikanischen Päarchen der Einzige, der kein Türkisch spricht.
Die beiden bekamen danach noch ein Kurzbriefing in Englisch, kurz, weil sie ja auch mit 30 km nur die Kurzstrecke liefen, ich brauchte das nicht, kannte die Zeichen und den Weg ja noch aus dem Vorvorjahr.
Danach gab es Pasta mit Tomatensauce und Ayran, ganz simpel und unspektakulär aus einem riesigen Topf. Ich sah und sprach Ruby und ihren Mann. Die beiden kenne ich von fast allen meiner türkischen Läufe. Sie war Deutsche, ist dann nach Kanada umgesiedelt und hatte den deutschen gegen den kanadischen Pass getauscht. Später dann haben die beiden ihre Firma in Kanada verkauft, seither leben sie in der Türkei, genießen das Leben und Laufen, was da zu Laufen ist.
Noch ein paar Fotos mit einigen türkischen Freunden, ein paar Worte mit dem Chef der Veranstaltung, mit Caner Odabaşoğlu, gemeinsame Erinnerungen teilen (ich verteilte mit ihm an der Warteschlange für den UTMB 2016 Flyer für den IZNIK ULTRA 2017) und ab ins Hotel. Ruhe, Schlaf, Entspannung.

Das Quecksilber des Laune-Thermometers war ein wenig gestiegen, von Begeisterung oder Vorfreude allerdings konnte keine Rede sein. Der Regen hatte weitgehend aufgehört, aber alles war pitschenass, ich hatte viel mehr Bekannte erwartet, es sollte einfach nicht mein Tag, nicht mein Rennen sein.
Ich stellte den Wecker des Handys auf 23.25 Uhr und ich war mir nicht sicher, ob der Wecker nach der türkischen oder nach der deutschen Zeit wecken würde. Wäre es die deutsche Zeit gewesen, dann wären die Läufer längst weg gewesen und ich hätte einen Grund gehabt, nicht Laufen zu müssen. „Höhere Gewalt,“ Du verstehst?

Aber ich wollte Laufen, ich musste Laufen, schon wegen des „Doppelpacks“ TTdR (TorTOUR de Ruhr), 230 km von der Quelle der Ruhr bei Winterberg bis zur Mündung der Ruhr in den Rhein bei Duisburg Rheinorange an Pfingsten und des GUCR (Grand Union Canal Races), 245 km am Grand Union Canal von Birmingham nach London Little Venice eine Woche später.
Ich dachte, wenn ich erst den JUNUT 170 packe, eine Woche später den GR 221 auf Mallorca mit den Lauffreunden von Michi Raabs Laufcoaches.com in drei Etappen bewältige und dann eine Woche später eben jene 140 km des IZNIK ULTRA einigermaßen innerhalb des Zeitlimits hinbekomme, dann zwei Wochenenden pausiere, dann einen Marathon laufe, dann sollte ich für den „Doppelpack“ gerüstet sein.

21 Stunden und 4 Minuten brauchte ich 2016 für die Strecke. Das war heuer nicht wieder drin. Der Boden war matschig und rutschig wegen des andauernden Regens, ich bin schlapp und nach dem JUNUT und dem GR 221 noch nicht vollständig wiederhergestellt und vollkommen untermotiviert.
Zielschluss ist 1 Uhr am Sonntag, also 25 Stunden Zeit. Aber ich wollte schon unter 24 Stunden bleiben, mindestens. Lieber wäre es mir jedoch, vor 22 Uhr zu finishen, mal sehen, ob mir das gelingen kann, dachte ich.

Da weder Gott noch Allah, weder Brahma, Shiva, Vishnu oder Saraswati und schon gar nicht Siddharta Gautama (Buddha) einen Fall von „höherer Gewalt“ mit meinem Wecker produziert hatten, trabte ich rechtzeitig zur Startlinie, gab den DropBag ab und sah wieder Ruby und ihren Mann.
An ihr wollte ich dran bleiben, er lief dieses Mal gar nicht und war als Edel-Supporter eingeteilt. Es wurde heruntergezählt: „On, dokuz, sekiz, yedi, alti, beş, dört, üç, iki, bir … sifir!“ Und die Meute setzte sich in Bewegung, Ruby und ich sicherten das Feld nach hinten ab.

Und das Anfangstempo war ungeheuer schnell …

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4 Kommentare zu “„Gülü seven dikenine katlanır.“

    • Geduld, mein lieber Carsten,

      heute Abend wird die Geschichte fortgesetzt.
      Ich wollte halt schon mal einen Teil der Geschichte loswerden und mit dem Tippen pausieren, bevor mit Hornhaut auf den Fingerkuppen wächst …

      Stay tuned!

  1. Das Warten hat sich gelohnt! Eindrucksvoll und mit dem Happy End eines Super-Finish! Glückwunsch dem Altersklassengewinner! Ein lieber Kollege hat sich gestern bei uns von der Arbeit verabschiedet. Seine Abschieds-E-Mail endete mit folgendem Spruch: If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together! Schön, nicht? Habe ihm gleich geschrieben, dass er mit der Einstellung Ultras laufen sollte. Danke für den Bericht, lieber Thomas. Ich freue mich schon auf den nächsten!
    Carsten

  2. „If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together!“

    Ein genial schöner und weiser Satz. Ich kenne ihn aus der Abwandlung:“If you want to do a Marathon fast, go alone. If you want to do an Ultra, go together!

    Gerade bei langen Ultraläufen finde ich es immens wichtig, häufig nicht alleine zu sein, schon gar nicht in der Nacht. Das hilft stets allen, die in einer Gruppe zusammen sind.

    Liebe Grüße nach „beautiful Canada“!
    TOM

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