A Chacun son Everest !

„A Chacun son Everest !“
„Jedem seinen Everest !“ Das ist das inspirierende Motto der sozialen Organisation „A Chacun son Everest !“, die krebskranken Kindern und krebskranken Frauen beistehen, helfen und Orientierung geben will.
Aus dem Text auf der Webseite der Organisation:

„Nach der Krankheit… ein Ort zum Leben!
Der Verein „A Chacun son Everest !“ begleitet Kinder mit Krebs oder Leukämie und Frauen bei der Remission von Brustkrebs, um Ihnen zu helfen, mit der heiklen Phase der Zeit nach dem Krebs (postkrebs) umzugehen, damit Vertrauen, Lebensfreude und wieder neue Impulse des Lebens gewonnen werden.“

Es war der Sonntagmorgen des UTMB in Chamonix. Ich saß mit Sarah Schreiber in einem Café an der Fußgängerzone und wir warteten auf die Finisher des UTMB, vor allem natürlich auf Tobi Schreiber, der aber erst gegen Mittag kommen sollte.Wir sahen viele Menschen einlaufen, mir unbekannte Menschen, aber auch Freunde, von denen ich oft nicht einmal wusste, dass sie beim UTMB gestartet waren.
Und fast alle dieser Menschen, die an diesem Punkt der Strecke nur noch knapp 400 Meter von der Ziellinie entfernt waren, erzählten eine eigene Geschichte.
Da wurden wartende Kinder, weinende Ehepartner und jubelnde Freunde gedrückt und mitgenommen auf die letzten Meter, um den vielleicht größten Moment jedes Läufers in seinem Läuferleben gemeinsam zu erleben.
Manche der Einlaufenden schüttelten die Hände der unbekannten Zuschauer, knieten sich hin, bekreuzigten sich, machten die Bewegungen eines Fliegers oder vollführten einen Luftsprung nach dem anderen.
Viele kramten die Flagge ihres Landes aus dem Rucksack oder bekamen ihr Banner von Freunden gereicht.
Bei so viel Nationalstolz, bei so vielen Zeichen vollkommenen Glücks auf den Gesichtern dieser Menschen rannen mir nicht nur einmal kleine Tränen der Freude über meine Wangen.

Ein Franzose jedoch, der schon von seiner Familie und seinen Freunden erwartet wurde, blieb stehen und zog sich sein verschwitztes und schmutziges Laufshirt aus, um für das Finish ein ganz frisches Shirt überzustreifen. Und auf diesem Shirt standen das Logo und der Name der Organisation „A Chacun son Everest !“ – mit der Webadresse auf strahlend weißem Grund.

Später dann feierte dieser Läufer mit seinen Freunden unweit von uns auf der gleichen Terrasse des Cafés seinen Sieg über sich selbst, über seinen „inneren Schweinehund“, den Sieg über Krämpfe, Schmerzen, über Hunger und Durst.
Und ich lernte diese Organisation kennen und ich lernte, was für eine großartige Plattform doch der Zielbereich der Bewerbe des UTMB in Chamonix ist, um andere Menschen zu erreichen, um Gruppen und Organsiationen zu danken oder um Botschaften ins Land zu tragen.

„Jedem seinen Everest !“ Dieser Satz kann auch anders interpretiert werden, nämlich dahingehend, dass jeder von uns sein „höchstes Ziel“ hat. Für Bergsteiger gibt es kein höheres Ziel als die Besteigung des Mt. Everest im Himalaya-Gebirge, dem Läufer ist „sein Everest“ eben das Finish beim UTMB, beim TDS, beim TOR oder bei welchem bedeutenden Rennen auch immer.
Radfahrer mögen wieder einen anderen eigenen „mein Everest“ haben, Fischer und Paraglider auch. Es ist auch vollkommen egal, was für Dich „Dein Everest“ ist, Hauptsache ist doch, dass Dich „Dein Everest“ träumen lässt, dass er Dich motiviert und zu Höchstleistungen anspornt.

Und wenn beim Bergsteiger das Finisherfoto die Bergspitze zeigt und tief unten viel Landschaft, dann zeigt das Finisherfoto des Fischers den Thunfisch, der größer ist als der Fischer und das Finisherfoto des Läufers zeigt vielleicht das blaue Tor, auf dem riesig die Buchstaben UTMB prangen und bei dem im Hintergrund die in Läuferkreisen vielleicht bekannteste Kirche zu sehen ist.
„Jedem seinen Everest !“ Welches ist „Dein Everest“?

Wenn man wie ich das Glück hat, solch ein Megaereignis wie den UTMB also akkreditierter Journalist beobachten zu dürfen, wenn Du am Start dabei sein darfst, wenn Du danach in St. Gervais am zweiten Checkpoint auf die führenden Läufer und die führende Läuferin wartest und wenn Du dann wieder am berühmten „Gorge“ der „Chapelle Notre-Dame-de-la-Gorge“ neben einem lodernden Feuer wartest, um danach am Checkpoint Les Contamines, dem dritten Checkpoint des UTMB, mit anderen Journalisten gemeinsam zu Abend zu essen, dann wird Dir bewusst, wie ausgefeilt, wie präzise und wie detailliert die Organisation dieses „Weltgipfels des Trailrunnings“ doch ist.
Da wird nichts dem Zufall überlassen und kein Läufer wird sich selbst überlassen, jeder wird beobachtet, damit keinem etwas Schlimmes passiert.

Am nächsten Morgen geht es dann zum Lac Combal, dem schönen Spiegelsee, an dem die Läufer gleich doppelt vorbei laufen, ein Mal richtig und ein Mal kopfüber gespiegelt im Wasser des stillen Sees.

Und später dann entdeckst Du in der Dropbag-Station von Courmayeur Freunde, die sich umziehen, etwas essen, ihre Sachen ordnen und wieder neue Kraft zu schöpfen versuchen. Nun bist Du nicht mehr an den Führenden dran, sondern bei denen, für die der UTMB „ihr Everest“ ist, ihr Saison-Highlight, ihr Gipfel läuferischer Ambitionen, bei denen, die oft drei Jahre warten mussten, bis ihnen ihr Traum vom Start in Chamonix erfüllt wurde.

Zwar habe ich 2009 und 2013 selbst dort in Courmayeur pausiert, 2009 habe ich dort Eric Tuerlings kennengelernt, der kurz vor der Erstaustragung seines KUT (Keufelskopf Ultra Trails) stand und der neben mir seine Portion Spaghettis zu sich nahm.

Aber wenn Du, entspannt und wach, die vielen Menschen erlebst, die dort erschöpft und müde aufschlagen, die sich selbst die Blasen an den Füßen aufstechen, sie ihre Wunden pflegen, sich eincremen oder einfach nur ein Viertelstündchen vor sich hin dösen, dann begreifst Du erst wirklich, was es heißt, beim UTMB bis hierhin oder sogar bis zur Ziellinie zu kommen.

Später dann warteten wir im Ziel auf die Sieger, bei den Herren auf den Franzosen Xavier Thévenard, der die favorisierten US-Amerikaner Zack Miller, Tim Tollefson oder Jim Walmsley zur Aufgabe zwang und der von der allergischen Reaktion auf einen Wespenstich bei Kilian Jornet profitierte.
Ich fand es sowieso interessant, dass Xavier Thevenard bei den vielen Umfragen vor dem Start nie als Kandidat fürs Podium genannt wurde, obwohl er in den letzten Jahren schon alle UTMB Wettbewerbe gewonnen hat (2010 CCC, 2013 UTMB, 2014 TDS, 2015 UTMB, 2016 OCC).
Bei den Ladies warteten wir auf Francesca Canepa, die ebenfalls eher als Überraschungssiegerin galt und die ausgemachte Favoritin Caroline Chaverot überlebte.

Mit dem Einlauf der Siegerin war das Presseprogramm dann beendet und jeder und jedem blieb überlassen, wie sie oder er den Rest des Wochenendes verbringen würde.
Ich entschied mich dafür, mit Sarah auf den Einlauf von Tobi zu warten und bis dahin die Läufer zu beobachten, den einen oder anderen zu fotografieren und meinen Blick lange auf dem Läufer verweilen zu lassen, der das Shirt trug mit dem Aufdruck:
„A Chacun son Everest !“
„Jedem seinen Everest !“

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