„Keine gute Idee!“

Ich werde nie das erste Mal vergessen, als ich eher zufällig in Ölüdeniz Urlaub machte. Dort gibt es, nur wenige Hundert Meter von der eigentlichen Stadt Ölüdeniz entfernt, die Ferienanlage „Lykia World“, ein ehemaliger Robinson Club, der aber schon etliche Jahre jetzt unter türkischer Leitung ist. Dadurch ist er kaum schlechter geworden,  dafür aber deutlich preiswerter. Und internationaler, was ich sehr schätzte.

Wir sind als komplette Familie hingereist, ich glaube, es war unser letzte gemeinsamer Urlaub. Danach folgten noch manche Urlaube mit der Tochter, manche mit dem Sohn, aber „alle zusammen“ war uns leider nicht mehr vergönnt. Vielleicht ändert sich das wieder, wenn die Studien der erwachsenen Kinder abgeschlossen und Enkelkinder da sind …

Unweit dieses Clubs sah ich damals ein Schild an einem Trail rauf auf den Babadag, den riesigen Hausberg von Ölüdeniz. Ohne GPX-Track, aber mit vollem Vertrauen in eine „ordentliche Beschilderung“, wagte ich den Weg auf den Berg. Der Trail war meist nur zu erahnen und ich begann irgendwann fast zu verzweifeln, weil ich dachte, komplett weg zu sein vom Trail. Ich erblickte noch einen Hügel vor mir, der die Sicht nach oben versperrte und ich sagte zu mir, dass ich dort noch rauf gehe. Wenn ich dann den Gipfel nicht sehen würde, dann würde ich umdrehen.

Und da huschte über mich ein Tandem-Paraglider, so nah über mir, dass ich die Gespräch zwischen dem Lenker und der Gastfliegerin mithören konnte. Sie war Britin, das war unverkennbar. Die ganze Ecke dort ist fest in den Händen von einst blasser, nun aber krebsrot gebrannter, Massentouristen, meist älter, meist mit typisch englischen Tatoos. Und gleich folgte der nächste Paraglider – und noch einer. Männer und Frauen unterschiedlichster Nationalität, aber eines hatten sie gemeinsam: Alle waren glücklich!

Am nächsten Tag paraglidete also die Familie Eller, nur Pascal wollte nicht, was ich bis heute nicht verstehe. Ein Start auf diesem Berg, knapp zweitausend Meter über Ölüdeniz, was angeblich die größte Höhendifferenz für touristisches Tandem-Paragliding auf der Welt ist – und mit einer Aussicht auf ein Stück Welt, das so schön ist, dass Du glaubst, ein Kunstmaler hätte sich das alles ausgedacht und es wäre gar nicht real. Die „Blaue Lagune“ (Fotos der „Blue Lagoon“ findest Du hier), der halbmondförmige, riesige Strand, die meist niedrige Bebauung, Ölüdeniz wirkt beschaulich nur wenig deutet darauf hin, dass es ein Hotspot für Touristen ist, es gibt keine Bettenburgen, Ölüdeniz ist einfach zauberhaft und wahrlich attraktiv.

An einem anderen Tag führte mich mein Lauftraining nur wenig hoch und ich entdeckte den „Lycian Way“, den „Lykischen Weg“ oder auf türkisch den „Likya Yolu“. Ich hatte schon einiges von diesem 509 km langen Trail entlang der türkischen Marmaraküste gehört und noch mehr darüber im Internet gelesen. „Wandern auf dem Lykischen Weg“ ist eine Google-Suche, die sich wirklich lohnt. Du findest Tausende von interessanten Berichten, geschrieben oder gefilmt.

Es ist länger her, dass ich die Geschichte erzählt habe, wie ich auf der Suche nach meinem biologischen Vater im Auto von Kayserli aus durch das beeindruckende Kappadokien gefahren wurde und wie fasziniert ich von dem Anblick er Tuffsteinformationen war. Und dann lernte ich die Veranstaltungsagentur UZUNETAP kennen und ich beschloss, gleich für beide 7 Tage / 6 Etappen – Läufe zu zeichnen, für den „Runfire Cappadocia“ und den „LYUM“ (Likya Yolu Ultra Maratonu) auf dem Lykischen Weg.

Beide Events hatten das gleiche Format: 250 km, 6 Etappen an 7 Tagen, „self-sufficient“, also bekommst Du nur die Schlafgelegenheit im Camp und Wasser. Teilnehmer*innen des „Marathon des Sables“ (MdS) wird das alles bekannt vorkommen, es gibt aber zwei Unterschiede. Statt einem Loch im Boden, spärlich verdeckt durch eine gespannte Folie, gab es bei UZUNETAP richtige Toiletten und sogar Duschen. Nachteilig aber war, dass neben der immer recht kleinen Anzahl an Ultraläufer*innen auch eine große Schar von Ein-Tages-Läufer*innen da war, Vier-Tage-Läufer*innen des 4G und Sechs-Tage-Läufer*innen des Bewerbs 6G.
Und für diese Menschen gab es täglich ein tolles Frühstück, ein Lunch-Paket und ein türkisches Buffet mit Party am Abend. Zudem gab es für diese Gruppe kalte Getränke bis hin zu eiskalter Cola. Kannst Du Dir vorstellen, wie viel Kraft Du brauchst, um, des warmen Wassers und der „Travel Lunch“ Outdoornahrung überdrüssig, nicht ständig an das Essen der Anderen und die kalte Cola der Glücklichen zu denken?
Du bist ausgetrocknet, der Duft von türkischen Leckereien hängt über dem Camp und die Ultraläufer*innen sitzen in ihrem Ghetto und kochen sich eine Outdoor-Mahlzeit! Und damit niemand mogelt, durften Ultraläufer*innen nicht mit in die Zelte der 4G oder 6G Gruppe.
Die Forderung, dass Du alles trägst, was Du in dieser Woche brauchst, ging sogar so weit, dass es Dir verboten war, Früchte von den wenigen Obstbäumen, die es manchmal negen dem Weg gab, zu nehmen. Dass Du die Shops am Wegesrand nicht betreten durftest, versteht sich von selbst. Beim MdS gibt es weder Obstbäume noch Shops, da lernst Du damit zu leben, beim „Runfire Cappadocia“ empfand ich das alles teilweise als Folter, zumindest als einen Test der Willensstärke.

Da meine Gabi damals aber mitkommen wollte auf den Lykischen Weg änderte ich sehr gerne meine Einschreibung vom 250km „Ultra“ hin zum „6G“ Event, eine kluge Entscheidung, weil das die wohl schönste Laufwoche wurde, die ich je erleben durfte. Vom „Runfire Cappadocia“ her kannte ich schon viele türkischen Läufer*innen, was sehr hilfreich war, dazu kam, dass das halbe Team von „Luna Sandals“ auch dort war, angefangen vom Erfinder der Lunas, Barefoot Ted, seiner damaligen Lebensgefährtin und heutigen Frau, Liv Irem, die selbst türkische Wurzeln hat, dem schwedischen Importeur der Sandalen, Daniel Broberg, dem deutschen Importeur der Schuhe, Andy Müller, einem seiner Freunde, Robert Engler, einem jungen, von „Luna Sandals“ gesponserten, spanischen Läufer bis hin zu Jess Soco, einer amerikanischen Läuferin mit indianischen Wurzeln, die kurz zuvor eben mal den rund 3.500 km langen „Appalachian Trail“ bewältigt hat – als Barfußläuferin in Luna-Sandalen!

Es war wirklich die perfekte Woche. Schon die Startlocation auf einem Campingplatz an der „Blauen Lagune“ war atemberaubend schön, das Baden in warmen Wasser und der Blick vom Wasser aus auf die unzähligen Paraglider war ein Traum. Und die Läufe selbst?
Einen Halbmarathon pro Tag auf ausgesuchten Teilen des Lykischen Wegs laufen, viele nteressante und inspirierende Gespräche, unglaublich freundliche Menschen, Party am späten Nachmittag, ein türkisches Catering, das Maßstäbe gesetzt hat, Toilettenwägen, mobile Duschen, gekühlte Getränke, Mensch, Läufer*in, was willst Du mehr?
Begeistert, aber müde, fällst Du am Abend ins Zelt und euphorisch stehst Du mit der aufgehenden Sonne wieder auf, um dann zum türkischen Frühstück zu gehen, das dem Abendcatering in nichts nachstand. Und all das wurde täglich von einem Punkt der Strecke zum nächsten überführt.
Genial, traumhaft – mit nur einem Schönheitsfehler: Es wurde mit diesen Events leider kein Geld verdient und man war auf die üppige Unterstüzung der namhaften Hauptsponsoren angewiesen. Sponsoren jedoch sparen in Krisenzeiten gerne an diesem Teil der Öffentlichkeitsarbeit, leider. Und dass die Türkei zurzeit in einer existenziellen Krise steckt, das erlebst Du hautnah, wenn Du zusiehst, wie der Kurs der türkischen Lira ständig nach unten fällt. 1 zu 2,8 war der Kurs, als ich beim „RunfireCappadocia“ war, noch vorletztes Jahr gab es für einen Euro keine vier Lira, aktuell gibt es dafür mehr als sieben Lira.
KursSeit damals bin ich mit UZUNETAP und der Chefin Özge Dogan noch zwei Mal auf dem „Tuz Gölü“, dem türkischen Salzsee, gewesen, ein Mal für eine große Runde (100 km – „Longest Day“), dem einzigen Bewerb, den ich je gewinnen konnte und danach für 100 Meilen.
Aber da war ich auch schon überrascht und traurig, dass die große 100 Kilometer-Runde nicht weiter vergrößert wurde, sondern sie wurde auf 40 km verkürzt, die dann vier Mal gelaufen werden sollten. Dazu kam, dass auch diese 40 km Runde ein vierblättribes Kleeblatt war, vier Schleifen um den immer gleichen Verpflegungspunkt herum, alle rund 10 km lang. Bei weitem nicht mehr so schön wie am Anfang, aber es war immer noch eine Freude, dort dabei sein zu dürfen. Und die türkischen Freund*innen, die meinen Zieleinlauf dieses Jahr beim TDS bejubelt hatten, legitimieren nachträglich jede einzelne meiner Laufreisen in die Türkei,  wobei ja noch zwei unvergessliche Teilnahmen beim „Iznik Ultra“ dazu kamen, die mein Bild dieser Reisen abrundete.

Es war ein Fehler in meinem Terminplan, der mir ein scheinbar freies Wochenende genau dann zeigte, als der LYUM wieder ausgeschrieben war. Nicht der „250 km Ultra“ an 7 Tagen, nicht der „6G“, sondern ein ganz neues Format:
180 km entlang des Lykischen Wegs bis zum Traumziel Ölüdeniz.
Die Marmaris-Küste ist eine wunderschöne Küste und ich war regelrecht elektrisiert von der Aussicht auf so viel Aussicht. Klar war sofort für mich, dass ich da dabei sein muss!

Stück für Stück erfuhr ich dann Details, weil die englischsprachige Version der Homepage nahezu keine Antworten gab. Die Startlocation wäre in Kaş, dort wäre auch der Start der 130 km Läufer*innen. Die 180 km Läufer*innen würden mit dem Bus zu deren Start 50 km in den Süden gefahren. Die Situation, nach den ersten 50 km wieder durch die Startlocation zu laufen, gefiel mir nicht wirklich und ich überlegte, ob ich nicht doch besser auf 130 km downgraden sollte.

Als Nächstes erfuhr ich, dass Özge die Leitung von UZUNETAP an ihre zwei engsten Mitarbeiter abgegeben hat, das tat mir schon sehr weh. Für mich sind Özge, UZUNETAP und die gemeinsam erlebten Geschichten eine zusammengehörige Einheit.
Die nächste Änderung betraf dann das Format an sich. Statt eines aufwändig zu organisierenden Punkt-zu-Punkt-Laufs sollten wir vom eigentlichen Zielort, Ölüdeniz, 85 km weit in den Süden laufen, um dann die gleiche Strecke wieder zurück zu laufen. Als kleines „Bonbon“, als Kompensation für die Teilnehmer*innen gewissermaßen, wurde der Lauf von einem Selbstversorger-Lauf umgestellt auf einen, bei dem es etwa alle 12 Kilometer einen VP gibt. Welch ein Luxus und ein zarter Traum von Hummus, Wassermelonen, türkischem Joghurt, Oliven, türkischem Tee und Falafel wagte sich in meine Vorstellungswelt!

Meine Zweifel wuchsen zwar, aber ich redete mir alles schön. In Ölüdeniz, so sagte ich mir, kenne ich mich aus und so kann ich die Zeit vor und nach dem Lauf genießen und sinnvoll gestalten. Und, ganz ehrlich, ich habe viel Phantasie und muss mir nichts „schön trinken“. Ein klein wenig träumen reicht …

Dass das Wochenende eben nicht arbeitsfrei war, war Pech und meine Tochter Milena rettete mich, indem sie meinen Part übernahm und dafür auf ein eigenes Wiedersehen mit Freunden verzichtete, mit denen sie in Tansania war. Ein herzliches „Danke schön“ an dieser Stelle dafür.

Die Kommunikation vor dem Event ließ zu wünschen übrig, was wohl auch daran lag, dass man vergessen hatte, mich in die mit nur 15 Läufer*innen nur sehr übersichtlich besetzte Starterliste einzutragen. Und weil die Starterliste nicht auf der Homepage veröffentlicht wurde, konnte ich das auch nicht sehen. Aber ich verließ mich für die Anreise auf den perfekten ÖPNV der Türkei, so war nicht vom Transport durch den Veranstalter abhängig. Es ist in der Tat so, dass Du nahezu von jedem Punkt aus jeden anderen Punkt der Türkei erreichen kannst, auch ohne Auto und das zu äußerst niedrigen Preisen.

Ich buchte einen Flug über Istanbul (Sabiha Gökçen) zum Flughafen Dalaman, den Rest der Reise machte ich mit einem Fernbus nach Fethiye (17,50 Lira) und einem Minibus nach Ölüdeniz (6,50 Lira), die erste Übernachtung suchte ich mir vor Ort und hatte damit sehr viel Glück.

Noch am Ankunftstag machte ich mich auf die Suche nach der Startlocation, aber auf dem Campingplatz, der vor drei Jahren dazu gedient hatte, wusste man von nichts. Am Starttag hätte ich gerne länger geschlafen, aber weil ich ja die eMails nicht bekommen hatte und nicht wusste, wo wir uns alle treffen würden, war ich nervös und wollte das zeitig herausfinden. Zwei PNs an Gözde und Hakan waren erfolglos. Gözde wusste nichts, Hakan glaubte, dass sehr zentral sein müsste, er würde mich aber informieren, sobald er eingetroffen wäre und Bescheid wüsste. Dann sah ich durch Zufall eine UZUNETAP Mitarbeiterin, mitten in der City, alles war gut.

Die Materialkontrolle bei UZUNETAP habe ich noch nie verstanden, aber ich habe mich ja schon daran gewöhnt. Keine Regenjacke, keine „zweite Schicht“, aber einen Kompass, einen Spiegel und ein Gasfeuerzeug brauchst Du – Zündhölzer sind keine Alternative. Und Du brauchst neben einem ärztlichen Attest auch noch ein EKG, beides schickst Du vorher per Mail an den Veranstalter und Du benötigst es im Original auch noch einmal beim Materialcheck.

Dass ich dabei stets Eindruck hatte, dass niemand ein EKG lesen kann, verwundert, weil das EKG ja erneute Zusatzkosten verursacht. Beim „Marathon des Sables“ sieht das Ärzteteam lange und genau auf die Graphen – zu Deiner Sicherheit.
Auch wird Deine Fähigkeit, mit einem Kompass umgehen zu können, nicht kontrolliert. Und jetzt lernte ich Filipe kennen, einen Brasilianer aus Rio mit einem Haus an der Ipanema Beach, der aber in Doha arbeitet und lebt. Er hatte seine „schönsten Jahre“ jedoch im Oman. Und seine Geschichten vom Oman lassen mich auf einen Saisonabschluss hoffen, der unvergesslich werden wird. Filipe erzählte davon, dass er damals jedes Wochenende an einem anderen Strand verbracht hatte und immer gab es ein „BBQ“, wie Amerikaner das Barbeque nennen. U
nd er schwärmte vom al-Dschabal, dem Berg, auf den es beim UTMB Oman hinauf geht. Ob er aber im Oman am Start sein wird? Er weiß es noch nicht, weil vielleicht die Urlaubstage dafür nicht ausreichen. Drei Wochen Urlaub hatte er gerade und lief dabei den Eco-Trail in Brüssel, einen neuen Trailbewerb bei Paris und eben den LYUM in der Türkei, alles in Begleitung seiner Frau und der kleinen Tochter.

Filipe scheiterte gerade bei der Materialkontrolle am „Lighter“ und er fragte mich, was es mit dem Feuerzeug auf sich habe. Mir war die Antwort auf diese Frage schon vor über drei Jahren ein Rätsel, aber ich habe mich halt an diese Forderung gewöhnt. Filipe und ich verabredeten uns, zu versuchen, die Nacht gemeinsam hinter uns zu bringen. Es ist ja schwer, läuferische Stärken und Schwächen in einem Gespräch festzustellen, aber es passte später dann doch recht lange sehr gut.

Alles war ausgedehnt am Nachmittag des Starttages, die Pastaparty war um 15:30 Uhr. OK, dachte ich, das mit der Pasta geht auch besser, aber die vegetarische Tomatensauce war prima. Briefing fand dann um 17:30 Uhr statt, auf Türkisch und Englisch, wie ich es ja von den vielen Malen zuvor schon kannte. Es wurde auch detailliert auf die VPs eingegangen, die auf dem Höhenprofil auf der Startnummer aufgeführt waren, mit Punkten für „food“, „WC“ und anderen Details.
VP

„Wenn da WC steht, dann ist da ein WC in unmittelbarer Nähe“ war allerdings die Einschränkung. Aber „Du musst nichts zu essen mitnehmen, es ist alles vorhanden“, sagte man mir, es sei ja kein „self-sufficiant“ Lauf mehr.

Um 19:00 Uhr ging der Bus zum höchstens zehn Autominuten entfernten Startpunkt, auf dem Rückweg würde uns der Track aber bis nach Ölüdeniz hinunter führen. Auch dafür war ein GPX-Gerät vorgeschrieben. Angesichrs der oft fehlenden Wegmarkierung war der GPX-Track mehr als nur hilfreich. Dann standen wir noch 50 Minuten rum und langweilten uns, bis es dann endlich los ging.

13 Starter und 2 Starterinnen standen aufgeregt vor der Startlinie, darunter ein Paar, das ich schon vom 100 km Lauf auf dem Tuz Gölü kannte, ihm hatte ich damals ganze viereinhalb Stunden abgenommen, daneben standen zwei Läufer, deren Ausstattung schon auf „Newbies“ hindeutete und die schon am ersten Cut-Off scheiterten, daneben paar ältere Herren, einer machte mir Sorgen, weil es bislang noch nie über 65 km gelaufen war, aber es gab auch echte Cracks, Mustafa Kiziltras war der Eine, der schlussendlich Zweiter wurde, Kemal Kukul war der Andere, der spätere Sieger des Bewerbs. Alleine die DUV-Statistiken der beiden sprechen dafür, dass beide in einer ganz anderen Liga spielen als unsereiner.

Alle starteten ziemlich schnell und ich bildete sofort das Schlusslicht der Läuferschar. Nach einem Kilometer überholte ich die beiden „Newbies“und nach fünf Kilometern lief ich auf Felipe auf. Also doch zusammen durch die Nacht. Vor uns waren zu diesem Zeitpunkt noch ein Zweierteam, die mit scheinbarer Leichtigkeit über den Trail flogen, eine Dreiergruppe mit der schnellen Frau (Name herausfinden), die mit ihrem Auftreten von Anfang an keinen Zweifel aufkommen ließ, den Frauenbewerb gewinnen zu wollen. Danach folgte noch „ein älterer türkischer Läufer“ (Yusuv Duran), der Rest der Truppe war hinter uns.

Die Strecke kannst Du getrost in drei etwa gleich lange Teile aufteilen. Erst 57 km“hart“ bis zur DropBag-Station, wobei die Härte dort nach 48 km zu Ende war und es flach wurde. Dann folgen 59 Kilometer „scheinbar leicht“, also 2x ca. 30 Kilometer, zum Wendepunkt und wieder zurück zur DropBag-Station und dann wieder 58 km „hart“, eben das Spiegelbild des ersten Drittels, nur ganz am Ende verlässt Du ein paar Kilometer vorher den Lykischen Weg und bekommst dafür den Abstieg nach Ölüdeniz dazu.

Die optimistische Version meines Laufplans war, das erste Drittel in zehn Stunden zu bewältigen, die pessimistische Version rechnete mit 12 Stunden. Schnell war klar, dass die schwierigen Aufstiege und Abstiege, das Suchen der Wegmarkierungen im Dunklen, die engen und teils zugewachsenen Trails Optimismus nicht vertragen, die „32 bis 36 Stunden“, die ich mal geäußert hatte, waren nicht machbar, „39:59:59 Stunden“ war das neue Ziel.

Am ersten VP trafen wir wie eigentlich immer auf freundliches und motivierendes Personal, das Dich mit „Bravo“-Rufen begrüßte. Zu Trinken gab es aber nur ungekühltes Wasser, dazu gab es trockene Erdnüsse, staubtrockene Cracker, trockene Kekse und Salzstangen ohne Salz. Aber wer braucht nach rund 10 Kilometern denn mehr?

Irgendwo vor dem zweiten VP liefen wir auf den älteren türkischen Läufer auf, der den Weg nicht mehr fand, er blieb dann lange bei uns. Ich erwähne den Begriff „älterer türkischer Läufer“ deshalb gleich öfters, weil er … jünger ist als ich. Nur ein Jahrgang, aber immerhin. Nein, denke ich mir, so alt sehe ich noch nicht aus! Und ich will es nach Möglichkeit auch nicht …

Am zweiten VP war das Personal nicht weniger euphorisch gestimmt, aber auch keinen Deut besser ausgestattet. Ungekühltes Wasser, trockene Kekse, staubtrockene Cracker trockene Erdnüsse und Salzstangen ohne Salz. Not „self-sufficient“? Ich hätte mir was einpacken sollen und auch etwas in den DropBag tun sollen. Und auch beim dritten und vierten VP war das Bild gleich: Jubelndes Personal und trockene Snacks! Wir hatten unsere Position im Ranking mittlerweile gefestigt, die Dreiergruppe vor uns hatte 90 MinutenVorsprung, die beiden Führenden hatten sogar 180 Minuten Vorsprung, nach hinten aber klaffte auch eine große Lücke, aber die Teilnehmerzahl reduzierte sich weiter.

Beim technisch schwierigen Abstieg von 630 Metern auf Null Meter schwächelte Filipe ein wenig. Technisch schwere Downhills sind nicht nach seinem Geschmack, zudem brauchte der „ältere türkische Läufer“ eine Pause und Filipe blieb bei ihm. Ich hatte das nicht mitbekommen, war irgendwann des Wartens überdrüssig und lief alleine weiter, ständig von der Uhr getrieben. Dann machte ich noch Druck auf den letzten neun Kilometern vor der DropBag Station, die ich dann nach exakt 12:30 Stunden erreichte. Auf den letzten Kilometern dorthin kam mir die Dreiergruppe entgegen, das war auf der Pendelstrecke, außerdem bellten mich aggressive Hunde an und sie verfolgten mich. Eklig, Angst einflößend, demotivierend. Und dieses Pendelstück war vier Mal zu meistern, zur DropBag Station, zurück zum Trail – und das Gleiche noch einmal auf dem Heimweg.

Motivierend war aber, dass es dort, nach nunmehr 57 harten Kilometern durch die sehr warme Nacht, wenigstens Cola gab. Ich gierte gleich nach zwei Dosen. Und es gab Äpfel. Und säuerliche Clenentinen, immerhin. Ansonsten noch trockene Erdnüsse, staubtrockene Cracker, trockene Kekse und Salzstangen ohne Salz. Und „richtiges“ Salz? Da vergesse ich ein Mal meine Salztabletten und dann bekomme ich zur Antwort, dass man das Salz vergessen hätte, es würde aber nachgeliefert. Was sollte mir das jetzt sagen? Freuen auf Kilometer 120?

Auf dem flachen Stück bis zur DropBag-Station begann ich zu rechnen und ich begann, mir Sorgen zu machen. 12:30 Stunden für das erste Drittel, plus die Zeit in dieser Station. Zurück, nach 120 Kilometern, würde ich deutlich länger brauchen, vor allem für die Aufstiege und die Passagen, bei denen ich am Anfang noch rennen konnte. 14 Stunden mindestens, eher 15 Stunden setzte ich dafür an. Dazu verrechnete ich mich bei der mittleren Etappe und hatte sie mit 72 Kilometern im Kopf. 12,5 Stunden plus mindestens 14 Stunden sind 26,5 Stunden, eine Viertelstunde für die erneute DropBag-Station, bleiben nur 13,5 Stunden für 72 Kilometer, wenn auch vergleichsweise flach. Unmöglich, dachte ich. Die Information, dass es „nur“ 59 Kilometer sein würden, ließ alles in einem neuen Licht erscheinen, außerdem hatte die Dreiergruppe vor mir nur noch 60 Minuten Vorsprung und ich hatte eine Stunde Luft zum Cut-Off. Motiviert verließ ich die DropBag-Station und freute mich auf die Begegnung mit Felipe und auch die Hunde flößten mir nur wenig Angst ein, obwohl sie genauso aggressiv reagierten wie zuvor. Den „älteren türkischen Läufer“, der nach Angaben von Felipe hinter ihm war, sah ich nicht mehr.

Es ging an dem Punkt vorbei, an dem wir auf die Pendelstrecke abgebogen sind und es ging flach weiter geradeaus bis zur Küste. Auf meinem Garmin-Gerät zeigte sich der Trail immer wieder mitten im Wasser und mein Telefonprovider schickte mir eine SMS mit dem Text „Willkommen in Griechenland“. Der Hintergrund dazu ist, dass die Insel, die direkt hinter der Halbinsel liegt, die schräg vor mir zu sehen war, tatsächlich eine griechische Insel ist.

Nach dem sechsten VP, direkt an der Küste, ging es mit dem Boot weiter. Ein Hauch vom JUNUT. Und es ging weiter, über den Strand. Profil: flach. Aber sehr anstrengend. Eineinhalb Stunden immer im Zwiespalt, ob es besser ist, auf der schiefen, aber festeren Böschung zu laufen und immer den Wellen ausweichen oder doch durch den lockeren Sand, der Dir alle Kraft aus den Beinen zieht? Ich lief fast immer auf der Böschung. 90 Minuten mit einem Tempo von 10 Minuten pro Kilometer. Da ich ja 12 Minuten pro Kilometer für das Mitteldrittel Zeit hatte, sah das einigermaßen gut aus und ich redete mir ein, auf diesen neun Kilometern im Sand so viel Zeit als Polster geschaffen zu haben, dass ich unbesorgt die kommenden, weniger hohen, Berge angehen könnte.

Und dann kam der siebte VP. Das „siebte Zeichen“ irgendwie. Die Versorgung war bekannt. Trockene Kekse, staubtrockene Cracker, trockene Erdnüsse und Salzstangen ohne Salz. Außerdem stand das bekannte warme Wasser auf dem Tisch und eine ungeöffnete Flasche Gatorade. Ekllg blau, süß ohne Ende, aber eben etwas mit Geschmack! Aber das war wohl nur ein Leidenstest, das Gatorade war nicht für mich. „Das ist meine Flasche“ sagte eine der beiden auf Äußerlichkeiten getrimmten jungen Ladies, als sie mal kurz vom Handy aufsah. Die andere Lady bat mich, kurz aufzustehen, um mir das Polsterunter dem Hintern weg zu ziehen. Na ja, es wurde nass. Das sieht nicht schön aus und passt nicht in das designete, aber vermutlich inhaltslose, Leben der Grazien.

Bei welchem Kilometer wir jetzt exakt sind? Keine Ahnung. Wie weit ist es zum nächsten VP? Das weiß ich nicht. Und wie geht es weiter? Schulterzucken. Fünf Menschen kamen vorbei und die Damen haben keinem Läufer und nicht der Läuferin nachgeschaut, wo es lang geht? Geht’s noch?

Der nun folgende Berg war nicht hoch, nicht steil, aber er kostete wegen der Wegführung, den Dornen und der schwülen Hitze dennoch sehr viel Zeit. Die ganzen Minuten, die ich zuvor schneller war als das benötigte Tempo von 12 Minuten pro Kilometer waren nach dem ersten Berg weg, komplett. Neun Mal zwei Minuten sind halt doch nicht viel, wenngleich es mehr Polster war als mir die Grazien unter dem Hinterteil gönnten.

Und es kam noch ein weiterer Berg vor dem achten VP und dahinter noch einer, der wieder höher ist, zum neunten VP, zum Wechselpunkt. Ich entschied, dieses Mitteldrittel nicht in der geforderten Zeit hinzubekommen, entspannte mich und entschied mich, am achten VP auszusteigen. Jetzt war der Zeitdruck raus und ich „spazierte“ gewissermaßen zum VP und hoffte dabei, dass Felipe mich vielleicht noch einholen würde. Dann kamen mir die beiden führenden Läufer entgegen, noch immer fit, noch immer ein Team. Ein kurzer Plausch, ein „good luck“ und weiter gehen. Der Weg zum VP zog sich lang und länger und als ich dort ankam, sagte ich, dass ich jetzt und hier aussteigen würde.

Als Information bekam ich, dass hinter mir alle Läufer*innen schon draußen waren, wobei sich das Ehepaar extrem echauffiert hat – wegen der Verpflegung, den trockenen Erdnüssen, der staubtrockenen Cracker und der Salzstangen ohne Salz und natürlich der billigen Kekse, die ich vielleicht mal vergessen habe, zu erwähnen, jedenfalls wegen komplett untaglicher Verpflegung.

Und die Dreiergruppe vor mir? Ihr Vorsprung auch mich war trotz meines „Spaziergangs“ auf nur noch 15 Minuten abgeschmolzen und die Drei zweifelten auch am Finish und diskutierten das Aussteigen. Ein Hauch von Motivation keimte dadurch bei mir auf, aber die Perspektive auf weitere 90 Kilometer mit permanentem Zeitdruck, die Panik vor dem langen Anstieg, die Hunde, die unzureichende Verpflegung, alles zusammen sagte mir, dass ich nur noch leiden, aber nicht mehr finishen kann. So blieb mein Entschluss bestehen und ich wartete darauf, abgeholt zu werden.

In dem Transporter, der dann irgendwann kam, saß auch Ahmed, einer aus der Dreiergruppe, der „die Faxen dicke“ hatte, die beiden anderen wollten den Traum vom Finish aber nicht aufgeben. Sie sollten es auch nicht schaffen, leider.
DNFZwei Finisher ab es also und 13 DNF, eine Katastrophe,  gerade bei der Premiere eines neuen Formats. Aber die Verantwortlichen müssen sich selbst einige wichtige Fragen stellen und an vielen Punkten nachbessern.

  1. Wollen wir neben den beliebten und gut gebuchten Kurzdistanzen tatsächlich auch die Langstrecke bedienen und den Preis dafür bezahlen? Wenn das gewollt ist, dann muss die Versorgung ultraläufergerecht werden. Bei heuer nur 2x 15 Starter*innen auf den Distanzen 130 K und 180 K muss man schon darüber nachdenken, diese Formate zu streichen. Sechs VPs waren exklusiv für die Langstreckler aufgeboten. Dazu kommt, dass 13 von 15 Teilnehmer*innen abgeholt und ins Ziel gebracht werden müssen. Ein Riesenaufwand, der sich nur darstellen lässt, wenn die Zahl der Anmeldungen relativ hoch ist. Und zukünftig wird es nach diesem Desaster noch schwerer, wenigstens jene 15 Läufer*innen je Ultradistanz zu gewinnen. Erfolg verbreitet sich in unserer Ultralauf-Familie schnell, solche Katastrophen aber auch, manche Veranstalter können ein Lied davon singen.
  2. Wenn wir die Langstrecke anbieten wollen, sollen dann die Langstreckler nicht auf „Selbstversorgung“ umgestellt werden? Bei dieser Premuere wäre jeder gut beraten gewesen, einen vollen Rucksack gehabt zu haben. Bei einem Selbstversorger-Lauf ist die Anzahl an möglichen Einschreibungen jedoch relativ niedrig, die meisten von uns, mich selbst eingeschlossen, wollen betreut und betüttelt werden.
  3. Wie offen gestalte ich meine Pre-Event Kommunikation? Eine Website soll informieren, auch im englischen Teil, Starterlisten sollten einsehbar sein, damit sich der Teilnehmer darauf einstellen kann. Es ist ja schon ein himmelweiter Unterschied, ob ich voraussichtlich alleine sein werde für die Dauer von 40 Stunden oder ob ich immer wieder auf andere Läufer*innen treffe. Und es muss jedem Teilnehmer klar aein, wo das Startcamp ist, die Vorschriften für das benötigte Material müssen überarbeitet werden. Eigentlich, wenn ich das richtig überlege, muss da ein erfahrener Ultraläufer in die Verantwortung eingebunden werden. Solch ein Ultra ist für Hobby- und Kurzstreckenläufer einfach nicht einfach zu organisieren, woher soll der Kurzstreckler auch wissen, welche Bedürfnisse jenand hat, der extrem lange Strecken bewältigen will?

Wenn ich dieses Lauf-Wochenende zusammenfasse, dann mache ich das mit den Worten der deutschen A Capella Band „Wise Guys“: „Das ist keine gute Idee“. Vom Veranstalter ist keine gute Idee gewesen, das Format zu ändern, ohne zu wissen, was man eigentlich tut, was notwendig und was üblich ist. Und von mir ist es keine gute Idee gewesen, die Signale nicht zu hören, ich hätte dieses Desaster zumindest erahnen können, vielleicht sogar erahnen müssen.

Aber ich bin nicht sauer oder frustriert, auch wenn manche Zeile dieses Textes vielleicht darauf hindeuten mag. Nein, ich bin sogar ein stückweit froh, dass alles so gekommen ist. Ich hatte ja schon angekündigt, mich ab 2019 mehr bei „laufendhelfen.de“ einbringen zu wollen, deren Läufe reaktivieren zu wollen und auch organisatorisch Änderungen herbeizuführen zu wollen.

Das wiederum geht kaum, ohne dass ich woanders Ressourcen spare, zeitliche und auch finanzielle Ressourcen. Und wenn mich dann mal Wehmut überkommt, weil ich mal wieder einen tollen Bericht über ein großes Event gelesen habe, dann werde ich mir das vergangene Lauf-Wochenende in Erinnerung rufen und ich werde mir sagen, dass Ultra-Laufevents zu organisieren eben doch anstrengend ist – und keineswegs selbstverständlich.

Ich werde mich also zukünftig neben den beruflichen Tätigkeiten vor allem mit dem KÖLNPFAD beschäftigen, mit „laufendhelfen.de“ und mit meiner Familie, denn Familie ist der Anfang von allem.

Meine türkischen Freunde von UZUNETAP wiederum bitte ich, diesen Namen des Lykischen Wegs in Ehren zu halten. Er ist so wunderschön, so geschichtsträchtig, so berühmt als Wanderweg. Und ich sage, dass ich immer sehr gerne bei Euch war in der letzten gut drei Jahren. Alles ist gut, wie es ist.

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