Herzschmerz

Am 13. Oktober 2014 verstarb mein geliebter Bruder Wolf Siegfried Eller, *18.09.1960 in Nürnberg, im Alter von nur 54 Jahren in seiner Wahlheimat Berlin.
Nach einem Leben voller Leiden erlöste er sich davon durch eine eigene Entscheidung.
In meinen Gedanken, in den Gedanken der anderen Familienmitglieder und in den Gedanken seiner vielen Berliner Freunde wird er ewig weiterleben.

Kurzbiografie

Wolf wurde am 18.9.1960 in Nürnberg geboren. Er war damit exakt 14 Monate älter als ich. Dennoch war er oft so was wie mein Kind, gleichzeitig aber auch oft mein Vorbild. Als Jugendlicher liebte er das Leben, er hatte immens viele Freunde, er war äußerst großzügig und immer lustig. Er war ein begeisterter und hochtalentierter Koch, ein Berufswunsch, den er schon als 8-jähriger Junge artikulierte und an dem er zeitlebens festhielt.
Er verließ dann das von ihm nie geliebte Gymnasium nach der 10. Klasse, um in Schlosshotel Monrepos in Ludwigsburg seine Lehre als Koch anzutreten. Nach seiner Ausbildung und der leidigen Bundeswehrzeit zog es ihn in seine zweite Heimat, nach Berlin. Dort konnte er anfangs so sein und sich so zeigen, wie er war. Homosexualität in den 70ern war im provinziellen Schwaben noch nicht konsensfähig, nicht darstellbar.
Beruflich war er zuerst im Hotel Kempinski tätig, dann im hoch dekorierten Restaurant Alt Luxemburg, später dann im Restaurant Trio, bis er sich entschloss, sein eigenes Restaurant zu eröffnen, das Torso in Berlin-Wilmersdorf. Der Name des Restaurants, den er mit seinem langjährigen Lebensbegleiter wählte, sollte ein Symbol sein für sein zukünftiges Leben. Genährt von Spitzenkritiken im essen & trinken sowie in der Rubrik „Von Tisch zu Tisch“ in der Berliner Morgenpost, aber stets zurückgeworfen von den kaufmännischen Herausforderungen, die so ein Spitzenrestaurant bietet.
Eine zunehmende Verschuldung, die wohl nur ein Schuldenberater à la Peter Zwegat hätte ordnen können, zunehmende gesundheitliche Probleme durch das Ausbrechen der Immunschwäche-Krankheit HIV, die ihn am Ende nahezu arbeitsunfähig machte und ein ständig steigender und nicht mehr zu kontrollierender Alkoholkonsum, die zwangsweise Aufgabe seines geliebten Berliner Restaurants, ein gescheiterter Neustart in Bonn und dann als angestellter Koch, wieder in Berlin, dort aber überall, wo gute Kochleistungen gesucht, aber nur wenig Geld zu verdienen war, zwei gescheiterte Versuche, in einer Klinik von seiner Sucht loszukommen und wahrscheinlich die finale Ankündigung, seine über die gesamte Berliner Zeit gehaltene kleine Wohnung verlassen zu müssen, all das zusammen bildete dann den Boden dafür, dass Wolf irgendwann die Entscheidung traf, auszusteigen aus dem, was wir Leben nennen.

Er reiste nicht viel herum in der Welt, die wirtschaftliche Situation ermöglichte ihm diesen Luxus nie. Aber seine letzte Reise war eben eine, bei der er uns allen – und vor allem mir – ein Stück voraus gegangen ist. Und er ist nun dort, wo er auf seine Eltern, auf seine Schwester, auf mich und auf alle Freunde wartet, die er zurückgelassen hat.
Keiner konnte ihm helfen, leider. Keiner hat die Dramatik seiner Situation in Gänze erkannt, auch ich nicht. Vielleicht aber wollte ich sie auch gar nicht sehen, vielleicht war ich damit zufrieden, dass er meine Fragen immer so beantwortet hatte, wie ich das hören wollte.
Verdammt, lieber Bruder, ich hätte konkreter fragen sollen, ich hätte mehr überprüfen sollen …

Wolfs Vermächtnis aber war, dass er niemandem die Verantwortung für seine unglücklichen Jahre zuschob, unglückliche Jahre, die insgesamt mehr als ein Vierteljahrhundert lang angedauert haben.

Amoi, großer Bruder, irgendwann sehen wir uns wieder, irgendwann schaue ich auch von oben zu. Auf meine alten Tage leg ich mich dankend nieder und mach für alle Zeiten meine Augen zu. Bis dahin aber pass`auf mich auf von da oben – besser, als ich es hier unten für Dich tun konnte.amoi

In tiefer Trauer und in ewiger Liebe
Thomas „TOM“ Eller

PS: Den Nachruf, den ich zehn Tage nach seinem tragischen Ableben gesschrieben habe, findest Du hier: https://marathonundlaenger.wordpress.com/2014/10/21/im-leid-alleine/

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Ein Kommentar zu “Herzschmerz

  1. Hallo Tom,

    eigentlich habe ich keine Worte zu diesem Beitrag. Ich möchte nur mein „gefällt mir“ unter diesem Post nicht so einfach alleine stehen lassen, den eigentlich gefällt es mir überhaupt nicht…

    traurige Grüße
    Sascha

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