Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht finden!

Irgendwann Anfang Oktober hat „Runningfreak“ Steffen mich gefragt, ob ich am 27./28. November beim ICE AGE 24-Stunden-Lauf in Bad Berleburg dabei wäre. Es war noch lange hin bis zum Event, also ließ ich meine Antwort offen.
Bad Berleburg? Wo ist das denn?


Der Tag kam, an dem ich entscheiden musste, ob ich nun in Bad Berleburg laufen würde oder nicht. Ein letzter Test, ein paar weitere Kilometer vor dem „Kleinen KOBOLT“ wären schon gut, dachte ich. Und dieser Lauf wäre auch gut mit meinem Tennistermin am Sonntag um 10 Uhr zu kombinieren, dachte ich.
Ich hatte mein sonntägliches Tennisdate schon in der Vorwoche absagen müssen, was bei einem Doppel immer zu Problemen führt. Zwar hatten meine Mitspieler kurzfristig doch noch einen Ersatz für mich gefunden, aber mit zu vielen solcher Aktionen verlierst Du schnell Deine Freunde und spielst alleine Tennis. Auf Dauer ist das auch keine gute Lösung.

Der legendäre Lauf Olne-Spa-Olne, der am 28. November stattfand, schied also aus. Der „Marathon der alten Männer“ in Bad Arolsen wurde ja kurzfristig abgesagt und auf das Pfingstwochenende verschoben, nur, weil die Stadt Bad Arolsen nicht begreift, wie wichtig so ein gut organisierter Marathon für eine Kleinstadt wie Bad Arolsen sein kann, was Bekanntheit und Sympathiewerte angeht.
Ich bemerkte, wie vergleichsweise nah Bad Berleburg von uns ist, also entschloss ich mich fast einen ganzen Tag vor dem Event doch für diesen Lauf.

Ich war planmäßig kurz vor 9 Uhr am Start, rechtzeitig, um Steffen und Melanie sowie Bernd Nuss zu begrüßen, mich einzuschreiben und meine Startnummer auszuwählen. Es waren Nummern in den 400 ern, die Nummer 444 aber war schon vergeben. Ich entschied mich für die 456 und dachte mir, dass 20 Runden für mich perfekt wären.

Jede Runde hatte 4,416 Kilometer Länge, zu viel für einen guten Lauf. Zudem war das Höhenprofil anspruchsvoll, ein kurzes Stück nach der zweiten Versorgung musste sogar gegangen werden. Das Teilnehmerfeld von kaum mehr als einem Dutzend Ultraläufern und einigen Rundenläufern versprach, viel Zeit für Gespräche während des Laufs zu lassen.

20 Runden, also rund 88,5 Kilometer … ist das ein Ziel?


Du kennst das vielleicht: Du hast keine Möglichkeit, die volle Zeitdistanz abzulaufen, sondern kaum für die Hälfte. Du weißt, dass Du mit dem, was Du in dieser Zeit laufen kannst, sowieso weit hinten platziert sein wirst. Und dann sinkt bei mir stets die Erwartung, die ich an mich selbst habe.
In Bad Berleburg war es nicht anders. Aus 20 Runden wurden am Ende 10 Runden plus einer Talk-Runde mit Bernd Nuss als Abschluss. Aber es ist schon erstaunlich zu bemerken, wie Du Dich sukzessive, Stück für Stück, zurücknimmst.
Wenn Du also kein herausforderndes Ziel hast, dann kannst Du den Weg nicht finden und irrst irgendwo im Niemandsland herum.

Ich lief in Bad Berleburg einige Runden mit dem DUV-Mitglied Norbert Ebbert und mit Steffen Kohler, länger und zügiger, als mir eigentlich lieb war, weil die Rennaufteilung dadurch gelitten hat. Andererseits dachte ich mir, dass ich sowieso nicht vor hatte, allzu lange zu laufen, dann musst Du nicht so pedantisch auf Deine Geschwindigkeit am Anfang achten.
Gerade am Anfang, in den ersten drei Stunden eines langen Laufs, „nordest“ Du Dich ja auf die Tagesgeschwindigkeit ein.
Jeder Läufer kennt das, glaube ich. Du startest langsam bei einem Marathon und willst irgendwann schneller werden, aber es gelingt Dir kaum. Oder Du startest zu schnell und willst dann das Tempo reduzieren, aber auch das gelingt Dir nicht. Du fällst immer wieder in den Trott, in dem Du begonnen hast.

Vielleicht war das damals der Schlüssel zu meinen 177,520 Kilometern bei der DLV-Challenge in Delmenhorst 2009. Wir liefen auf einer 1 Kilometer langen einigermaßen flachen Strecke und ich entschied mich, mit meiner Freundin Sabine Strotkamp zu laufen. Wir wollten eine 7er Zeit laufen und wurden jedes Mal geschimpft, wenn wir am Trainerzelt vorbei liefen: „Ihr seid zu schnell!“
Und wir waren es. Wir hatten eine Runde unter 6:50 Minuten absolviert. Und ich weiß noch genau, wie ich nach zwei Stunden, als wir mittlerweile zweieinhalb Runden hinter dem Vorletzten platziert waren, zu Sabine sagte, dass ich nicht vor hätte, hier Letzter zu werden.
Und Sabine antwortete trocken mit einer Frage: „Wie weit willst Du laufen?“

Ich antwortete ihr, dass die Männer der Altersklasse M40 und M45 nur gewertet werden, wenn sie mindestens 150 Kilometer laufen. 150 Kilometer! Das war damals die mit Abstand weiteste nonstop-Strecke, die ich gelaufen war. Und Sabine sah mich mitleidig an und antwortete: „Für 150 Kilometer sind wir zu schnell!“

Und es stimmt. Mit einer 7er Zeit kommst Du auf gut 200 Kilometer, genau auf 205,7 Kilometer – ein phantastischer Wert für Hobbyläufer, wie wir es alle sind. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war und glücklich war, mich von da an ihrem „Diktat“ unterwerfen zu dürfen. Ich hielt es damals bis km 104 an ihrer Seite aus, dann musste ich etwas langsamer machen. Sabine aber spulte Runde um Runde ab, immer in der gleichen Geschwindigkeit. Und sie endete wie ein Uhrwerk bei 200 Kilometern und 400 Metern.

„12 Stunden zügig laufen ist einfach,“ sagte sie immer zu mir. „Aber dann kommen weitere 12 Stunden!“ Und wenn Du da dann nicht mehr laufen kannst, sondern Dich von Kilometermarkierung zu Kilometermarkierung schleppst, dann verlierst Du viel mehr als Du in den ersten Stunden gewinnen konntest.
Ich habe mich für Anfang Juni 2011 wieder für Delmenhorst angemeldet, für den Burginsellauf, da es die DLV-Challenge nicht mehr gibt. Die Strecke wird etwas länger sein, eine Meile lang statt nur einen Kilometer lang, aber sie bleibt flach und das Wetter bleibt einigermaßen warm. Dazu kommt, dass eine ganze Facebook-, Blogger- und Twitterer-Gemeinde dort am Start sein wird – das wird vielleicht sogar der Saisonhöhepunkt 2011 – zumindest, was den Spaßfaktor betrifft.

Und die Betreuung, die ich dort genießen kann, wird erheblich besser sein als in Bad Berleburg, weil meine Gabi ihr Zelt permanent direkt neben der Strecke aufbauen kann und die technische Ausstattung beim Lauf wird so sein, dass Du Deine Rundenzeiten schnell, einfach und gut vergleichen kannst. Damit Du nicht zu schnell läufst und damit Du sofort merkst, wenn Deine Rundenzeiten schlechter werden.

Und die Versorgung wird wieder den Standard vom letzten Jahr haben, mit frischem warmen Milchreis und allem, was sich ein vegetarisch gefärbtes Läuferherz erträumt. In Bad Berleburg war eine leichte Eisschicht auf dem Trinkwasser im Becher. Ich bin sicher, das mir das noch deutlicher in Erinnerung geblieben wäre, wenn ich tatsächlich die Nacht durchgelaufen wäre.
Dennoch dachte ich in Bad Berleburg immer auch an den 6-h Lauf in Troisdorf. Die MUTler haben ja auch mit kalten Temperaturen zu kämpfen, aber sie wärmen den Läufern liebevoll nicht nur das Wasser an, sogar die Cola wird in warmem Wasser temperiert. Das ist so angenehm, wenn Du trinkst und Du musst Dich um nichts kümmern, musst nicht das Wasser mit warmem Tee aufheizen und Dir Gedanken machen, die Dich vom Laufen abhalten.

Die Strecke in Bad Berleburg war ebenfalls eher unterdurchschnittlich. Vor allem die lange Gerade an der Bundesstraße verlangt Dir mental alles ab. Es riecht unangenehm dort, wahrscheinlich, weil sich die Gerüche der Autos und LKWs dort stauen. Im Vorjahr muss es ebenso gewesen sein, sagte Norbert. Das ist schade, aber da die Nase bekanntlich ja ein phasisch-tonisches Organ ist, gewöhnt sie sich an alles und Du merkst selbst in einem Ziegenstall den Geruch nach einer Weile nicht mehr. Ein Glück für viele Menschen in den Schlafzimmern dieser Welt!


Was ich bewundert habe in Bad Berleburg war, dass drei Straßen- und Parkplatzeinmündungen, die überquert werden mussten, permanent mit Helfern besichert waren. Es war ja bitterkalt und so hatten die Helfer wahrscheinlich einen wesentlich schwierigeren Job als die Läufer. Und da es keine elektronische Erfassung der Rundenzeiten gab, musste ein Helfer 24 Stunden lang Läufer für Läufer Runde für Runde einzeln abhaken.
Es war wohl eine kluge Entscheidung des Organisationsteams, dort auch eine Klingel hinzustellen, damit die Läufer den Helfer bei Bedarf wecken konnten. Tauschen mit ihm hätte ich aber nicht wollen, vor allem nicht in der Nacht.

Nach etwa drei Stunden entschied ich mich, nur einen Marathon zu laufen und eben die Runde noch zu Ende, also nach 10 Runden Schluss zu machen. Ich wollte mir noch auf dem Weg nach Hause die Fußball-Bundesliga im Radio anhören, am Abend für die Familie da sein und ausgeruht bleiben, um am nächsten Vormittag noch ein gutes Tennis spielen zu können.

Eigentlich kann ich ja kein Tennis spielen, „Aufschlag“ ist ein Fremdwort für mich, aber ich schaffe es zum Glück leidlich, meine spielerischen Schwächen durch Laufbereitschaft und Kondition auszugleichen. Wenn ich aber nicht laufen kann, dann wird es sehr leicht, gegen mich im Tennis zu gewinnen.

Ich hatte gerade meine Startnummer abgegeben und war auf den ersten Metern zur Sporthalle, als Bernd Nuss mich sah und sagte, dass er gerne noch mit mir gesprochen hätte. Bernd Nuss, der „Erfinder“ und Organisator des 24-h Seilersee-Laufs in Iserlohn, erfolgreicher Unternehmer und unermüdlicher Ultraläufer, will mit mir reden?
Ich trabte also mit ihm wieder zurück zum Start/Ziel Zelt, ließ mir meine eben erst abgegebene Startnummer wieder aushändigen und lief noch eine interessante Runde noch mit Bernd.
Es war die schönste Runde von allen, entspannend für die Muskeln, belebend für den Geist und motivierend für die Seele.

Bernd fragte mich, ob ich ihn beim 24-h Lauf am Seilersee im April unterstützen könne. Es wäre mir eine große Ehre, Bernd! Aber noch habe ich nicht die Rückflugdaten von unserer Hochzeitsreise, also weiß ich nicht, ob ich im Lande sein werde. Sobald aber klar ist, dass die Terminierung passt, freue ich mich, lieber Bernd, Dir assistieren zu dürfen.

„Du gehst auf eine Hochzeitsreise?“ fragst Du Dich vielleicht. „Bist Du nicht schon lange verheiratet?“ Aber klar doch. Und dennoch geht es Anfang April nach Tansania auf die Hochzeitsreise.

Aber das ist ein anderes Thema …

DLV Challenge, 24-Stunden-Lauf in Delmenhorst

24 Stunden am Stück laufen? Geht denn das?

Als meine Lauffreundin Sabine Strotkamp, immerhin erfolgreiches Mitglieded der Deutschen Nationalmannschaft, mir gesagt hat, dass ich vom 20. auf den 21. Juni beim DLV-Challenge im 24-Stunden-Lauf in Delmenhorst antreten sollte, dachte ich mir: das musst Du einfach ausprobieren!

DLV Challenge 2009, OldenburgDLV-Challenge 2009, Delmenhorst, 24-Stunden-Lauf

Aber ganz so einfach war es dann doch nicht. Die DLV Challenge setzt voraus, dass Du Mitglied in einem Laufverband bist, das bin ich schon seit meinen ersten Laufversuchen im Jahr 2004.

Nun brauchst Du noch eine Startpass-Nummer, die über den Verein beim Landesverband des DLV beantragt werden muss. Aber auch das war irgendwann erledigt.

Ich habe mich sofort angemeldet, ohne mir die Ausschreibungen genau anzusehen. Ich habe also nicht bemerkt, dass es dort zwei 24-Stunden-Läufe gibt, einen der „offenen Klasse“ und eben die DLV Challenge. Bei der „offenen Klasse“ wirst Du immer gewertet, egal, wo Du ankommst, bei der DLV Challenge aber gilt für die Wertungsklasse M40 und M45 die Mindestanforderung 150 Kilometer.

150 Kilometer! Noch nie war ich so weit gelaufen. Zwei Mal Biel, zwei Mal 100 Kilometer, das war es. 24 Stunden! Noch nie war ich so lange unterwegs, lediglich die gut 14 Stunden beim „Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul standen hier zu Buche. Und so kreisten meine Sorgen der letzten Woche um die Angst, 148 Kilometer zu packen, aber nicht gewertet zu werden.

DLV-Challenge

Schon der Anfang war schwer. Es war eine wirklich überschaubare Anzahl an Mitstreitern und damit diese Menge nicht zu klein würde, wurden die „Nationalläufer“, das A-Kader, gewissermaßen zwangsverpflichtet, hier mitzulaufen. Ein Lauf unter wirklich Großen also – und ich fühlte mich entsprechend klein.
Gabi war dankenswerterweise als Betreuerin mitgefahren und sie durfte sich mit ihren Sachen im DLV-Zelt unterstellen. Das war gut für die Unterhaltung und auch sehr lehrreich.
Gleich zu Anfang wurde ich gefragt, was ich laufen wolle und ich erzählte von meinen Ängsten, die 150 Kilometer – Hürde zu „reißen“. Ein kleines Ziel für die Cracks, ein großes Ziel für die meisten Ultra-Läufer, ein sehr großes Ziel für mich …

Ich begann den Lauf, indem ich immer parallel mit der erfahrenen und auch für die Nationalmannschaft laufenden Sabine Strotkamp lief. Und ich schämte mich. Wir waren letzte – und das bald mit großem Abstand. Sabine aber machte sich nichts daraus und sagte immer wieder: eine 7er Zeit macht am Ende 200 Kilometer, wenn Du das Tempo durchhältst. Und der Trainer winkte uns immer wieder zu, dass wir zu schnell wären.
Schon bald fiel ein Läufer aus – endlich nicht mehr Letzter!
Markant waren drei Läufer mit einem knallorangenen Trikot aus Zetel, die uns permanent überrundeten. Die Cracks, die an uns vorbeizogen, waren auch toll zu beobachten. Sechs Stunden vergingen, zwölf Stunden vergingen. Es geschah ein kleines Wunder für mich: meine Rundenzeiten von exakt 7 Minuten pro 1-Kilometer-Runde blieben konstant. Ich erinnere mich an meine Probleme in Biel. Spätestens bei km 70 wurde ich signifikant langsamer. Nach 12 Stunden hatte ich knapp über 102 Runden geschafft, perfekt.

Die Zahl „100“ ist für mich ein Meilenstein, „von Null auf 100“ heißt eine Unterseite auf http://www.marathonundlaenger.de, ich will in den 100er Marathon Club und es ist eben die längste Strecke, die ich je gelaufen bin.
Es war die Idee des „Mental-Coaches“ Michael, dass Gabi mich jetzt ansprach und sagte, ich solle mir als nächstes Ziel unser „Familienalter“ vornehmen.
Familienalter? OK, ich bin 47, Gabi ist 46, Milena ist 17 und Pascal ist 15, zusammen … 125! Tolle Zahl.

Ein ganz besonders gutes Gefühl war es, eine Runde lang ein Fähnchen zu tragen. „100 km“ stand auf dem ersten, „125 km“ auf dem zweiten. Alle anderen Läufer und die Zuschauer haben Dich da beglückwünscht, einfach herrlich! Immer und immer wieder.

Am nächsten Morgen sah ich die Jungs mit den knallorangenen Shirts wieder. Über Nacht hatten sie andere Trikots angezogen, daher haben sie sich meiner Aufmerksamkeit entzogen. Ich war mittlerweile bei 159 Kilometern angelangt, längst im „sicheren Hafen“, was die Wertung angeht – und die Jungs waren noch in Sorge, an dieser Hürde zu scheitern. Die Strategie, ganz langsam anzulaufen und so konstant wie möglich zu sein, ging auf. Unglaublich, diese Disziplin. Sabine Strotkamp hat es übrigens geschafft, ihre Rundenzeiten bleiben fast konstant. Wir beide hatten 102 Runden nach 12 Stunden, sie hat es dann auf etwas mehr als 200 Runden gebracht, viel konstanter geht es nicht, oder?

Mein finales Ergebnis waren 177,520 Meter, also durfte ich die Fähnchen für 150 Kilometer und für 175 Kilometer auch noch spazieren tragen. Insgesamt wurde ich von 28 männlichen Startern in diesem hochkarätigen Teilnehmerfeld 10., das bedeutete 5. Platz der Wertung M45, sechshundert Meter hinter dem 4. Platz der Wertung M45 und über 15 Kilometer vor dem 6. Platz der Wertung M45. Alle waren mit mir zufrieden – ich selbst sowieso. Nie hätte ich mir vorstellen können, so weit zu kommen!

Und beim nächsten 24-Stunden-Lauf? Na ja, ich glaube, es würde mich sehr motivieren, wenn ich auch mal das 200 Kilometer Fähnchen tragen dürfte …

Der krönende Abschluss des Laufs aber war der durch eine Lasergravur designete Glasblock, den ich für diese Leistung erhalten habe. Er wird dauerhaft einen Ehrenplatz in meiner Galerie haben.

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