„Ja, ich will!“

Auch dieses Jahr hat wieder Gerhard Börner zu seinem JUNUT gerufen, dem 230 Kilometer langen Lauf auf dem Prädikats-Wanderweg Jurasteig und auch dieses Jahr bin ich seinem Ruf gefolgt.
Trotzdem. Und genau deswegen.
2014-04-11 13.00.32Trotzdem, dass ich 2012 schon an der sehr engen Cut-Off-Zeit zu scheitern drohte und Gerhard uns dann gesagt hat, wir sollten, weil ein Verpflegungspunkt hochzeitsbedingt sehr pünktlich schließen musste, doch einen Abschnitt statt über den Steig lieber am Fluss entlang gehen. Das wiederum hatte zur Folge, dass wir die Flussgabelung nicht realisierten und dem falschen Gewässer folgten.
Nie werde ich wohl den Anruf von TrailMaxx (Max Schiefele) vergessen, der uns darüber informieren wollte, dass er aus dem Rennen sei.
„Wo seid Ihr eigentlich?“ fragte er noch und ich nannte ihm den Ort, dessen Ortsschild wir gerade neben uns stehen hatten. „Nein, seid Ihr nicht!“ war seine Antwort.
„Klar sind wir da, ich kann doch lesen!“
„Dann seid Ihr total falsch!“ sagte Max und holte uns mit dem Auto dort ab. Ein DNF bei solch einem Rennen war neu für mich.

Trotzdem, dass ich 2013 bei 172 Kilometern ausgestiegen bin. Nein, kein DNF, das war im Rahmen der Möglichkeiten, aber eben ein „Finish zweiter Klasse“. Und wer will das schon?
Dabei hatte ich noch genug Zeit, die restlichen 58 Kilometer zu rennen, zu laufen, zu gehen sogar. Zu gehen wahrscheinlich, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon in meiner Moral geknickt war.
Aber die Aussicht, die vier UTMB-Punkte dennoch zu erhalten, dennoch gewertet zu werden, ein Finisher zu sein und, was genauso motivierend war, in einem richtigen Bettchen schlafen zu können, war zu schön, also verzichtete ich auf den kleinen Rest der Reise.
Aber schon eine Nacht später ärgerte ich mich sehr über mich und dieser Ärger hielt an – bis zum letzten Wochenende.

Und genau deswegen, weil ich diese Scharte beim dritten Start auszumerzen gedachte. Und so sagte ich jedem, der es hören wollte und auch denen, die es nicht hören wollten, dass man mich doch bitte so lange schlagen möge, bis ich eine solche Entscheidung, das Rennen zu verlassen, neu überdacht hätte, falls ich eine solche Entscheidung irgendwann treffen sollte.
2014 musste es einfach ein „Finish erster Klasse“ sein, mein erster von insgesamt drei 230 Kilometer-Läufen, ziemlich dicht hintereinander.
Die beiden anderen neben dem JUNUT sind noch das Grand Union Canal Race (GUCR) und die TorTOUR de Ruhr

2014 wollte ich auch alles anders machen und ich entschloss mich, das Rennen gemeinsam mit Frank Nicklisch zu bestreiten. Nach der Müritz-Umrundung und dem halben, im kalten Januar inoffiziell nachgelaufenen, KoBoLT wusste ich, dass wir gut harmonieren können und ich folgte seinem Rennplan. Die ersten 100 Kilometer wollten wir in 10 Minuten pro Kilometer absolvieren, die zweiten 100 Kilometer dann in 12 Minuten pro Kilometer. Dann die Schlafpause und ein Finish am späten Sonntagvormittag, soweit zu diesem Plan.

Wir waren langsam unterwegs, auch dank eines Abstechers in einer bayrische Dorfkneipe, die neben echten Originalen, Bayern-Bazis, wie sie im Buche stehen, auch stark gewürzte Pommes anbot, zwei kühle alkoholfreie Weißbier dazu, es war ein kleine Oase im stundenlangen Trail. Wir waren langsam, aber stets im Rahmen unseres Plans.
Zu gewinnen gab es für uns mit diesem Plan nichts, das wussten wir beide. Aber ich bin ja 2013 nicht aus Zeitmangel raus, sondern, weil ich vor der zweiten Nacht Angst hatte.
Nun, 2014, rund zwei Stunden später am Punkt 172 K, dem offiziellen Ausstiegepunkt?

Ich überlegte hin und her. Mit Frank kann ich gut auskommen, er hat viel und Gutes und Interessantes zu erzählen, auch wenn die Nacht lang ist und die Laufgeschwindigkeit niedrig, irgendwie wird es gehen.
Und da kam mir auch die Stimme in den Sinn, die Stimme, die die ultimative Frage stellte:

„Willst Du, TOM, den hier anwesenden Jurasteig-Trail als Deinen Dir ausgewählten Trail annehmen, ihn ehren, achten und lieben und ihn so lange belaufen, bis dass der Zieleinlauf Euch scheidet? Dann antworte mit „Ja“!“

2014-04-11 15.18.27Was weiß ich denn, dachte ich mir, aber ich sprach ein deutliches „Ja, ich will!“ in mich hinein.
Und ich war ein wenig stolz auf mich. Es ist so leicht, zu laufen, so lange es schnell geht, Spaß macht und nicht allzusehr schmerzt. Aber an diesem Punkt, mit schmerzenden Füßen, die so maltraitiert waren, dass ich später Blasen in einer Größenordnung entdeckt habe, wie ich sie noch nie hatte, mit Knieschmerzen in beiden Knien, mit matschigen Oberschenkeln, die zwar nicht blockierten, die mich aber auch nicht unterstützen wollten und allem voran mit einem „Wolf“ im Schritt, der so schlimm war, dass ich die bayrischen Landmädels mit meiner tief herunter gezogenen Laufhose erschrecken konnte, an diesem Punkt dennoch „Ja, ich will!“ zu sagen, darauf war ich schon stolz, weil es so einfach gewesen wäre, auszusteigen.

Um die Nacht noch kurzweiliger zu machen, nötigte ich an diesem Punkt auch noch den Moorrunner Frank, sich uns anzuschließen. Und das war gut so. Er war zu diesem Zeitpunkt einfach zu schwach, um sich gegen meine Nötigung zu wehren und so trabten wir die folgenden 58 Kilometer gemeinsam Richtung Ziellinie. Wir gönnten uns noch 90 Minuten Schlaf und erzählten uns gegenseitig Romane aus unseren Leben, romantische Schwänke aus Zeiten, in denen auch nachts die Sonne schien, in denen alles, aber auch wirklich alles besser war und wo uns junge Burschen die Frauen noch gnädig anlächelten.
Und wenn das alles heute nicht mehr so ist, wenn die Nächte kühl und dunkel sind und wenn wir für unsere Frauen längst schon altes und gewohntes Inventar geworden sind, das auch mal abgestaubt gehört, dann sind wir gegenüber damals doch eines:

Wir sind Finisher des JUNUT, des mit 230 Kilometern und rund 7.000 Höhenmetern im Aufstieg zurzeit noch zweitlängsten Ultralaufs Deutschlands. Und das kann uns keiner mehr nehmen.
2014-04-11 13.00.37Rund 200 dieser 230 Kilometer bin ich dabei an der Seite von Frank gelaufen, knapp 60 Kilometer war auch der Moorrunner bei uns. Und dazwischen bildeten wir Trios, Quartette oder mehr mit vielen der fast 100 Läufer, von denen exakt 50 ins Ziel in Dietfurt gekommen sind. Andreas Siebert ist hier an erster Stelle zu nennen, mit ihm teilten wir vor allem am Anfang Trail und Suche.

Was Gerhard Börner und seine Frau Margot, sein Team aus Schwester, Schwager, Schwippschwager, Bekannten, Verwandten, Freunden, Kumpels und Unterstützern da auf die Beine gestellt hat, das ist schon phänomenal.
So ausergewöhnlich, dass nun, im vierten Jahr der offiziellen Austragung, im allerersten Jahr waren es ja nur vier wackere Testläufer, der BR sogar in der Abendschau darüber bereichtete. Ein regionaler Fernsehsender war auch da und auch Antenne Bayern und andere Rundfunksender nahmen hochachtungsvoll Notiz von diesem Event.

Und 2015?
Wenn Gerhard Börner mich also wieder fragt, ob ich starten möchte, dann antworte ich ganz bestimmt auch mit
„Ja, ich will!“
Urkunde

Der Eiswein, die stade Zeit, der Weihnachtsmarkt und der Glühwein

Jedes Jahr, wenn der Eiswein gelesen wird, dann ist es schon kalt. Der Spätherbst hat eingesetzt, mit Nachtfrost und mit kurzen Tagen. Es ist die ruhige, oder wie sie die Bayern nennen, „stade Zeit“, die Zeit der Besinnung und der Vorbereitung auf die bevorstehenden Weihnachtstage.
Es ist die Zeit der abendlichen Weihnachtsmärkte, der heißen gebrannten Mandeln, der klebrigen Zuckerwatte und des massenweise Konsums von Glühwein. Familien und Freunde gehen gemeinsam aus und Einzelne nutzen die Gelegenheit, die letzten Geschenke für den Heiligen Abend zu erstehen.
All das passiert auch auf dem ganz besonders schönen und edlen Weihnachtsmarkt in Baden-Baden. Nur eine weitere Besonderheit gibt es dann auch noch dort:

Am dritten Advent laufen dort Dutzende von redseligen, müden und erschöpften Läufern ein, von denen die meisten schon 65 Kilometer und 1.800 Höhenmeter in den Beinen haben. In Offenburg gestartet, als Gruppe über Stunden durch den kalten Regen des Samstags gelaufen, geredet und gescherzt, ist der abschließende Einlauf auf den Baden-Badener Weihnachtsmarkt für viele der Abschluss eines mehr oder weniger aufregenden und anstrengenden Laufjahres und das Umschalten auf den „Weihnachtsmodus“, in dem alles ruhiger vonstatten geht, familiärer und harmonischer.

Traditionell um 8 Uhr in der Frühe startet die Truppe des von Brigitte und R(ud)olf Mahlburg organisierten und geführten Gruppenlaufs vom Offenburger Hauptbahnhof aus. Viele der Läufer haben zuvor in der Tullahalle in Brühl übernachtet, dort, wo dann einen Tag später auch die Abschluss-Veranstaltung mit einem gemeinsamen Abendessen und natürlich auch badischem Eiswein stattfindet. Dort hat man sich nach einem Jahr wieder gesehen, erneut begrüßt, die jeweilige Laufagenda gegenseitig abgefragt und über das kommende Laufjahr philosophiert. Man hat gemeinsam gelacht und ist gemeinsam früh schlafen gegangen, um früh wieder fit zu sein für die Morgentoilette, das zeitige Frühstück und die Fahrt nach Offenburg durch das Ende der Nacht.

Ein Vertreter der Stadt Offenburg hält eine kleine Rede und wünscht den Läufern Glück und Erfolg, die Drop-Bag Taschen werden eingesammelt, die dann an jedem Verpflegungspunkt aufwändig wieder ausgebreitet werden, damit jeder Läufer nahezu jederzeit an seine persönlichen Gegenstände heran kommt. Ein Gruppenfoto, ein paar nette Worte von Rolf Mahlburg über den Sinn und Zweck des Laufs, über die karitative Wirkung des Laufs und über die beiden Hilfsorganisationen, die in diesem Jahr den Erlös des Laufs erhalten. Die Aktion ABC (Aktion Benni & Co.) ist traditionell immer dabei – und das ist gut so.

Für mich sind Gruppenläufe immer die einmalige Gelegenheit, alte Kontakte zu vertiefen und neue Kontakte zu knüpfen. Gerade der Eisweinlauf ist dabei fast schon ein Familientreffen, wie ich es 2009 einmal hier an dieser Stelle beschrieben habe (Link zum damaligen Artikel hier …).
Auch 2013 versprach die Teilnehmerliste interessante Gespräche und liebevolle Umarmungen. Besonders gefreut habe ich mich dabei auf die erste Teilnahme des großartigen Ultraläufers Rainer Wachsmann aus Münster, mit dem ich über die wenigen Monate gemeinsamer Arbeit im Jahr 1996, über die gemeinsamen Freunde außerhalb der Läuferwelt und natürlich auch über unser langjähriges gutes Verhältnis reden konnte.
Ihn hatte ich zuletzt auf der legendären Treppe in Radebeul gesehen, das war aber nicht bei meinem erfolgreichen Finish in 2013, sondern deutlich früher. Manche Läufer sieht man eben eher selten im echten Leben, dafür umso häufiger auf den Teilnehmerlisten diverser Ultramarathon-Veranstaltungen auf diesem kleinen Planeten.

2013 hat erstmals Rolf Mahlburg auf seinen Start und die Führung der Truppe verzichtet, um sich mal „backstage“ auch um die Verplegungspunkte und die allgemeine Logistik zu kümmern. Brigitte Mahlburg hat stattdessen die Frontfrau gegeben und sie hat diese Aufgabe mit Bravour erledigt. Es war nicht nur so, dass wir Rolf nicht vermissten, sie brachte einen Zug in die recht homogene Läuferschar, der zu einem pünktlichen Erscheinen der weit über 100 Menschen auf dem wohlig warmen Baden-Badener Weihnachtsmarkt geführt hat.
Und wenn diese über 100 Menschen, meist mit Kopflicht bewaffnet und mit einer Sicherheitsweste bekleidet, als Gruppe dort einlaufen und ihren Weg durch die meist wohlhabenden Baden-Badener Weihnachtsmarktbesucher bahnen, wenn dann der Bürgermeister der Stadt diese Läufer in einer kleinen Rede lobt und die Weihnachtsmarktbesucher sich ob der übermenschlichen Leistung dieser Läufer, die gesamte Strecke von Offenburg bis nach Baden-Baden zu Fuß bewältigt zu haben, gewissermaßen bekreuzigen, klatschen und später immer wieder nach den Details des Laufs fragen, dann ist das schon ein Top-Termin, das so auch als Top-Termin im Führer zum Baden-Badener Weihnachtsmarkt explizit eingedruckt ist.Top-TerminFür die Läufer gibt es dort entweder heißen „alkoholfreien Glühwein“ oder eben die alkoholhaltige Version davon, einen leckeren Weckmann und viel Zuspruch. Zudem weiß jeder der Läufer, an diesem Tag nicht nur etwas für sich und seine Muskeln getan zu haben, sondern auch angesichts von zwei symbolischen Schecks von insgesamt 10.000 EUR für die beiden ausgewählten Hilfsorganisationen, etwas für kranke Muskeln, für kranke Menschen getan zu haben, für Menschen, deren größtes Glück es wäre, gesund und lange solche Läufe machen zu können.
Für mich gab es noch etwas Anderes: der großartige Klaus Duwe stand dort, mit seiner Kamera bewaffnet. Und er gönnte mir ein eigenes Foto, bestimmt werde ich es irgendwann auch zu sehen bekommen …

Auch einige der anderen Läufer ließen mein kleines Herz tanzen. Da war beispielsweise wieder Andreas Siebert dabei, erstmals auch der „Italiener“ Luigi Albergo, da war mein Laufpartner aus der marokkanischen Wüste, Tilmann Markert, dabei und so viele Andere, die ich nicht alle erwähnen kann. Obwohl auch die es Wert wären, genannt zu werden. Alles aber geht halt nicht.

Der Eisweinlauf selbst ist mit seinen 5 hervorragend ausgestatteten Verpflegungsstellen in Durbach Schloß Staufenberg, Tiergarten Fatima Kapelle, Sasbachwalden, Burg Windeck, Neuweier Kirche schon etwas ganz Besonderes. Da gibt es alles zu essen und zu trinken, was das Läuferherz begehrt. Ob Schokolade oder Gewürzgurke, ob vegetarische Bouillon oder Fleischbällchen, ob Käse oder Schaumküsse, es ist einfach alles da. Und ob Du mit oder ohne Alkohol trinkst, Du kommst bei Glühwein, Bier, Wasser, Cola und Tee auf jeden Fall auf Deine Kosten.
Und immer wieder wird der lange Stand neu vom Team auf- und wieder abgebaut, die Drop-Bags werden für den Zugriff der Läufer verteilt und all das erledigt ein kleines Team emsiger Helfer, denen eigentlich der Dank der Läufer und der Weihnachtsmarkt-Besucher gehören müsste.

Die Strecke des Eisweinlaufs führt rauf und runter über die Höhen des Schwarzwaldes und in die Täler des Rheingrabens. Dabei werden Orte durchquert wie Oberkirch oder Sasbachwalden. Und immer, wenn es auch nur annähernd gefährlich werden könnte, steht ein Auto des Veranstalters quer, damit die Läufer gepudert und gepampert sicher und weich ihren Weg nehmen können.
In Baden-Baden dann wird die große Läuferschar dann von einer Polizei-Eskorte durch die nächtliche Stadt bis zum Kurgarten geführt, vorbei an mondänen Villen und prachtvollen Klinken, vorbei an einem großen Gebäude des SWR und hinunter in eben jenen Kurgarten. Und kurz davor stoßen sogar noch einige Walker dazu, die die Strecke im Gänze oder in Teilen mit Stöcken begangen haben. Dann ist die Gruppe riesig, die Aufregung spürbar und der Hunger der Läufer groß.

Der Eisweinlauf ist für mich der Lauf, den ich am häufigsten bislang von allen Läufen wiederholt habe und der, den ich wahrscheinlich immer wieder wiederholen werde, bis zum Ende meiner Läufertage. Und so trägt mich das Bild vom nächtlichen Abstieg in Baden-Baden und vom glitzernden Weihnachtsmarkt wieder ein ganzes Jahr lang und ich freue mich jedes Jahr aufs Neue vor, bis die „stade Zeit“ wieder anbricht, der Nachtfrost kommt, der Eiswein gelesen und der Eisweinlauf gelaufen wird.