Die „Maladie“, die „französische Krankheit“ …

Ich habe mit vielen Menschen geredet in den letzten Tagen. Mit Läufern, mit Kanufahrern, mit Campern , mit Abenteurern und mit Naturfreunden. Und alle hatten sie die gleichen Symptome einer einzigartig ansteckenden Krankheit.
Immer begann es mit glasigen Augen, mit ein paar Tränen in den Augenwinkeln und die Symptome setzten sich fort. Ein verklärter Blick an Dir vorbei irgendwohin ins Nirvana der verblassten Erinnerungen, Schluckbeschwerden und zum Schluss, in der finalen Phase, griff sentimentale Melancholie auf die Angesteckten über.
Ganz klar, dachte ich immer: Vorsicht, Seuche! Halte Dich nicht zu lange hier auf, wer weiß, ob das auch bei Dir ansteckend wirkt!

Schon lange kennt man die „französische Krankheit“, die „gewisse Maladie“. Früher galt sie als unheilbar, aber als nicht lebensbedrohlich. Die österreichische Kaiserin Elisabeth tourte, nachdem ihr Mann sie mit der Krankheit angesteckt hatte, rastlos und unaufhaltsam durch Europa. So zumindest erzählt es das Musical „Elisabeth“.
Das gleiche gilt auch heute noch für die Läufer, Kanufahrer, Camper, Abenteurer und Naturfreunde, mit denen ich in den letzten Tagen geredet habe.

Mein Freund Hans-Peter Gieraths ist ein Beispiel dafür. Er hat sich im letzten Sommer angesteckt und so zieht es ihn auch in diesem Sommer wieder dorthin, wo die Ansteckung begonnen hat: nach Südfrankreich. Und vermutlich wird es ihn sein ganzes Leben lang jetzt jeden Sommer dorthin, in die Berge von Nizza, führen.

Die ansteckende Seuche, die Dich immer wieder dazu treibt, zum Ort der Ansteckung zurück zu kehren, ist der Canyon du Verdon, der zweitgrößte Canyon der Welt.
Jeder, der schon mal da war, reagiert wie schon oben beschrieben.
Die Camper und Wanderer erzählen von den lilafarbigen und duftenden Lavendelfeldern oben über der Schlucht, die Kanuten schwärmen von der Schönheit der Schlucht und von den wilden Wassern, die Dich irgendwann, nach dem „POINT OF NO RETURN“, immer weiter mitreißen, bis Du den langen Einschnitt in die Hochebene glücklich und geschafft hinter Dich gebracht hast.
Naturfreunde erzählen von der Schönheit der Vegetation und der edlen Schroffheit der Felsen, während sie das Zittern bekommen, das jeden befällt, wenn er in so schönen Erinnerungen schwelgt. Und die Abenteurer schwärmen von extremen Dingen, die in so einer schönen Landschaft ganz besonders reizvoll sind.
Ob Du Bungee in diese Schlucht springst, dort einfach nur zeltest, wanderst oder ob Du als Läufer den 102 Kilometer langen und 6.200 Höhenmeter starken Trail des Canyon du Verdon wagst, jeder wurde angesteckt und träumt dann nur noch wehmütig von der Schönheit dieses Fleckchens Erde.
Ich befürchte, am Wochenende werde ich mich auch anstecken.

Schon als ich 2009 beim Hollenlauf Hans-Peter Gierath’s Freund Rolf Wäsche vom Lauftreff SV Westum kennen lernte, war ich fasziniert von dem, was ich von ihm hörte. Rolf erzählte mir, dass er den Hollenlauf nur ganz langsam angeht, weil er sich eigentlich auf einen „ganz verrückten Lauf“ freut, eben den Trail durch den Canyon du Verdon. Besonders fasziniert war er von der Aussicht, so viele Höhenmeter auf dieser eher kurzen Strecke bewältigen zu können, von der Hitze in der Tiefe des Canyons und von dem unschlagbaren Laufangebot der Franzosen.
Später dann, als ich den Bericht der beiden Läufer auf der Internet-Seite des SV Westum gelesen habe, wusste ich: da musst Du hin, das ich Dein Lauf!

Und später dann, Anfang 2010, als sich HaPe’s Krankheit dahingehend bemerkbar machte, dass er den dringenden Wunsch, wieder an die Stelle der Ansteckung zurückzukehren, geäußert hat, da war mir klar, dass ich ihn bei dieser Reise begleiten werde. Seither träume ich und fiebre ich ein wenig in Richtung dieser Schlucht.


Nur irgendwann in der marokkanischen Wüste habe ich für ein paar Stunden Sorgenfalten auf mein alterndes Gesicht bekommen. Das war, als ich hörte, dass der dreimalige MdS-Finisher und zweimalige Deutschlandlauf (DL) Finisher, mein Freund Rolf Mahlburg, vor Jahren, noch vor seinen großen Laufhighlights, sich in den Canyon wagen wollte. Damals war dieser Lauf noch eine 3-Tages-Veranstaltung, die von der Läuferlegende Anke Molkenthin in Deutschland protegiert wurde, wie der Marathon des Sables auch.
Rolf sprach damals Anke an und wollte diesen Lauf buchen, aber Anke schüttelte den Kopf und riet ihm: „Rolf, mach doch erst mal etwas Leichteres, mach erst mal den Marathon des Sables!“

Ich glaube, es war der Tag beim MdS, als es mir so unendlich schlecht ging, als ich diese Geschichte gehört habe. Der Marathon des Sables etwas Leichtes gegenüber dem Trail durch den Canyon du Verdon?
Ich war froh, dass ich in diesem Moment, an diesem Tag und in dieser Situation meine Anmeldung zum Trail im Canyon nicht stornieren konnte. Aber ich gehe daher bewusst und vorsichtig in dieses Abenteuer. Rolf Wäsche vom Lauftreff SV Westum hat dort in Südfrankreich sein läuferisches Waterloo erlebt. Der erfahrene Ultraläufer (AK M65) hatte bis dahin noch nie einen Lauf abgebrochen, im Canyon du Verdon jedoch fand er seinen Meister. Finde auch ich meinen Meister auf diesen 102 Kilometern?

„Ist der Lauf nicht Dein Freund, so ist er Dein Lehrer,“ sagt man. Ob der Canyon mein Freund sein wird oder eben mein Lehrer, das weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich viele Fotos machen werde und ich will jede einzelne der maximal 35 Stunden in der Gluthitze des Canyons genießen.
Ich möchte, dass dieser Trail mein Freund wird und dass ich dann auch an der „französischen Krankheit“, der „gewissen Maladie“, der „Seuche“ leide – und das, so lange ich lebe!

MdS 5: “Ali Baba“, der „Herr der Dünen“

„Ali Baba“ war mein „Mann der Woche“, das Symbol für den Wüstenlauf, den „Marathon des Sables“ (MdS). „Ali Baba“, wie Volker Voss aus Neuffen im Württemberg auch liebevoll genannt wird, dominierte stets durch seine Präsenz die Gruppe der von Anke Molkenthin betreuten deutschen, österreichischen und schweizer Wüsten-Ultraläufer. Stets in schwarz gekleidet, mit dem typisch schwarzen Berber-Turban, braun gebrannter Gesichtshaut und mit einem weißen Bart, der „Ali Baba“ etwas Mystisches verlieh. Für mich schien Volker ein Teil der Wüste zu sein, der gute, der beruhigende, der friedvolle Teil der Wüste.

Volker Voss - Der "Herr der Dünen"

In der Tat war „Ali Baba“ schon zum neunten Mal in der Wüste und davon zum achten Mal beim „Marathon des Sables“ und er wollte 2010 wieder finishen und er hat auch gefinished, insgesamt zum sechsten Mal. Und Volker hat sogar sehr gut abgeschlossen für einen Mann von mittlerweile 68 Jahren. Am Ende erreichte er Platz 692 von 1.013 Startern, die drittbeste Platzierung in seinem Berber-Zelt und er hat, da es nur eine Handvoll Läufer seiner Altersklasse gab, über 300 junge Leute hinter sich gelassen, wie „Ali Baba“ mir stolz berichtete.
Zwar hatte er anfangs das Ziel, noch eine etwas bessere Platzierung zu erreichen, aber die unglückliche Wahl seiner Laufschuhe ließ ihn mehr einsinken wie sonst. Und das kostete ein paar Plätze im Endergebnis. Aber wer fragt wirklich nach der Platzierung? Und bei Herren dieses Alters doch erst recht nicht.
Volker lief mit einem schwarzen Laufshirt, auf dem ein Foto der Faust seines Enkels aufgenäht war. Unter dem Foto stand dann noch: „Opa, Du schaffst das!“ Und Opa hat es geschafft, Opa hat bei der achten Teilnahme am MdS zum achten Mal gefinished. Eine tolle, eine großartige Leistung.

"Opa, Du schaffst das!"

Der andere Wüstenlauf, den „Ali Baba“ hinter sich gebracht hat, war die „Libyan Challenge“ im Jahr 2008. Die hat zwar „nur“ 193 Kilometer Länge, dafür ist diese Strecke aber nonstop zu laufen, also ohne Zwischenübernachtungen. Und damals war Volker auch schon Mitte 60 Jahre alt.
„Ich will zeigen, dass man mit Mitte 50 durchaus noch aufrecht gehen kann und nicht gebückt über dem Einkaufswagen des Supermarktes hängen muss, wenn man das will. Und ich will beweisen, dass man auch mit 68 Jahren noch jeden Tag einen Marathon laufen kann,“ so der „Herr der Dünen“.

Dieser Ehrgeiz, für den ich Volker sehr bewundere, dokumentiert sich auch in seinem bescheidenen Restprogramm für 2010. Auf seiner „to run“-Liste stehen noch die 72,2 km des Rennsteiglaufs, die 100 km von Biel, der K78 des SwissAlpine und, um mal eine kurze Strecke einzulegen, der „Jungfrau-Marathon“ (Zitat Volker: „Den mache ich vor allem wegen der Höhenmeter!“). Aber danach muss es wieder ein Ultra sein und so stehen die 50 km des „Schwäbische Alb Marathons“ auch noch auf seiner Liste.
„Und eventuell,“ so Volker, „gönne ich mir noch den 250 km Etappenlauf durch die Wüste in Ägypten, aber nur, wenn alles andere gesund und planmäßig läuft.“

Für mich war „Ali Baba“ nicht nur wegen seines eindruckvollen Aussehens der „Herr der Dünen“, sondern auch, weil er mit seiner ruhigen und sonoren Stimme für alle deutschen, österreichischen und schweizer „Rookies“ auf dem MdS Berater, Freund und Helfer war.
Schon beim Vorbereitungstreffen im vergangenen November riet er den Teilnehmern, dass es beim MdS nicht darauf ankäme, schnell zu laufen, sondern er riet uns „Neuen“, durch einen frisch gepflügten Acker zu laufen und jede Gelegenheit zu nutzen, die Sehnen und Bänder zu stabilisieren. Und das war, im Nachhinein betrachtet, absolut richtig. Meine Schmerzen an den Füßen resultierten vor allem daher, dass Du bei jedem Schritt den Fuß schief aufsetzt. Mal kippt er nach rechts, mal nach links. Und nicht immer weißt Du im voraus, wie sich der Sand unter den Schuhen verdichten wird.
Apropos Schuhe, den Rat, den Volker heute den potenziellen Wüstenläufern geben würde, hat er selbst nicht beherzigt. „Nehmt möglichst Schuhe mit einem breiten Schnitt, bei Schuhgröße 47 macht das einige Quadratzentimeter aus. Dadurch sinkst Du nicht so tief in den Sand ein und Du läufst besser,“ sagte er zu mir.

10 „Marathon des Sables“ will der „Herr der Dünen“ vollmachen, also 2011 und 2012 wieder dabei sein. Danach wird er den MdS nur noch in den Jahren seiner runden Geburtstage beehren. Weil er 2012 70 Jahre alt sein wird, wird er dann erst wieder 2022 als 80-jähriger versuchen, wenigsten ein paar Junge hinter sich zu lassen. Und er wird wohl auch 2011 wieder die zusätzlichen 130 EURO für den „Race Tracker“ ausgeben. „Weil meine Frau dann beruhigt ist, wenn sie im Internet nachsehen kann, wo ich bin und dass ich mich noch bewege.“
Die Sorgen sind nicht unbegründet. Beim UTMB 2009 musste Volker den strammen Cut-Off Zeiten des ersten Tages Tribut zollen und aufgeben. Er gab seine Startnummer ordungsgemäß ab, meldete sich ab, schaltete das Handy aus und ging in sein warmes Hotelbett. Die Kommunikation unter den UTMB-Helfern war aber nicht perfekt und so „versickerte“ die Information, dass Volker ausgestiegen war und so erhielt Volkers Frau gegen zwei Uhr in der Nacht einen Anruf auf Chamonix, dass Volker vermisst wird.

Der dadurch ausgelösten Panik, denn Dutzende von Anrufen bei Mitläufern, auf Volkers ausgeschaltetem Handy und von den Mitläufern bei ihm hat Volker süße Träume im Hotelbett entgegengesetzt und er war nicht schlecht erschrocken, als er am nächsten Morgen zum Frühstück das Handy wieder einschaltete und er die Liste panischer Anrufe erlebte.

Und das, wo Volker für mich eben das krasse Gegenteil von Panik ist. Der im „Unruhestand“ lebende Volker, der von sich sagt, dass er nichts mehr tut, was er nicht will, ist ein Hobbygärtner. „Jeden Tag eine halbe Stunde, Bäume schneiden geht extra,“ so Volker. Auch durch sein großes Grundstück ist er fast ein vollkommener Selbstversorger. „Obst und Gemüse, eigentlich alles außer Fleisch,“ sagt Volker, „erzeuge ich selbst.“
Die Ruhe, der er ausstrahlt, kommt dabei wohl nicht nur von dem hohen Alter, sondern auch aus den Erfahrungen seines früheren Berufs. So war er jahrelang für Siemens im Außendienst unterwegs und hat EDV-Anlagen gewartet. Dabei war er auch im Ostblock tätig, bemerkenswert, weil es lange vor der Wende, also noch in strammer SED-Zeit, stattgefunden hat. Die ständigen Fragen der west- und ostdeutschen Sicherheitsleute haben Volker auch ruhig und gelassen gemacht, eine Ruhe, die uns allen beim „Marathon des Sables“ gut getan hat.

Der „Herr der Dünen“, „Ali Baba“, mein „Mann der Woche“ heißt Volker Voss.
Danke Volker, dass ich Dich kennenlernen durfte, ich verneige mich vor Dir.

MdS 2: „Herr Ober – Zahlen bitte!“

Der 25. Marathon des Sables ist vorbei. Endlich. Leider. Und glücklicherweise.
Das sind die nackten Zahlen dieses Jubiläums-Events:

– 1.013 Teilnehmer
– 923 Finisher
– 470 Helferinnen und Helfer
– 58 Läufer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
– 53 Finisher aus dem deutschsprachigen Gebiet
– 250 Kilometer zu laufen, eine Verlängerung gegenüber den
– 230 – 235 Kilometern der anderen Events

– 82 Kilometer hatte die längste Etappe
– 21,1 Kilometer hatte die kürzeste Etappe
– 7 Lauftage in
– 6 Etappen
– 1 Traum


Mein Traum …
… meine Nacht.
Und mit der will ich anfangen, von meinem Marathon des Sables zu erzählen.

Mein Traum – meine Nacht: 82 besondere km

Es ist 16 Uhr 30 in der marokkanischen Sahara. Ich trabe locker mit der hübschen Schwedin Petra die Hochebene entlang und wir reden über das, worüber Läufer reden: über Läufe. Ich erzähle ihr, dass ich schon am Wochenende nach dem MdS den „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul laufen will, eine Information, wegen der Petra mich am Morgen danach „The crazy guy“ und später dann, wohl, um den Ausdruck zu relativieren, „The stairs guy“ nennen wird.

Sie läuft mit Stöcken und ist mir am Ende dann doch etwas zu langsam, ich schwitze, leide und hoffe auf den Kontrollpunkt „CP3“ und auf eine lange Pause dort. Es ist heiß und trocken und der Sand, der in der Luft schwebt, macht den Mund ständig trocken und lässt die Zähne knirschen.

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Endlich sehe ich „CP3“ in der Ferne und freue mich darauf, den Puls ein wenig senken zu können, einen kurzen Moment lang wenigstens. Wie ich so vor mich hinträume, wie ich den Rucksack abschnalle, die Wasserflaschen auffülle, Peronin in die eine und Isopulver in die andere Flasche fülle, wie ich fantasiere, wie eine hübsche und nette marokkanische Tänzerin mir Kühle zufächert und mir eine eiskalte Coca-Cola anbietet, passiert etwas sehr hilfreiches: die Sonne verschwindet hinter ein paar Wolken und es wird mit einem Schlag ein paar Grade kühler.
Sofort merke ich, dass ich auch am „CP3“ keine Pause brauche, sondern wenigstens noch bis zum „CP4“ weiterlaufen kann.

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Am „CP3“ saß der erschöpfte Zeltkumpan Tilmann auf dem Boden und ich motiviere ihn, in reduziertem Tempo mit mir weiterzugehen. Tilmann folgt artig und wir erleben eine Etappe mit vielen ausgetauschten Ideen, mit der Begleitung durch eine attraktive Französin, die sich erkundigt, ob Anke Molkenthin wieder zu uns stoßen würde und uns berichtet, dass Anke ihr begebracht hat, wie man auf Dünen läuft und mit dem langsamen Einsetzen der Dämmerung und dem Untergehen der Sonne. Es ist schon fast dunkel, als wir „CP4“ erreichten, Tilmann sich eine weitere Pause gönnte und ich mich drei anderen Deutschen anschloss, um nicht alleine im Dunkeln die Dünenpassage bewältigen zu müssen.

Es sind Stefan aus Hannover, der den MdS schon im Jahr 2007 gemacht hat und ihn dieses Jahr mit seiner Freundin Jutta erleben will. Stefans Bestzeiten auf den Kurzstrecken bis hin zum Marathon sind besser als meine, danach aber sind meine Zeiten weitaus ansprechender. Ich bin eben der „Ultra-Man“, der stets langsam beginnt. Ferner sind es der Schweizer Roland, der stets leicht an seiner grünen Skinfit-Hose zu erkennen ist und der Mönchengladbacher Oliver, der Apotheker, der mir in der Nacht von einem von ihm organisierten 50-Stunden-Spendenlauf berichtet, bei dem er mit seinem Unternehmen, unterstützt durch etliche Läufer und Geld der Pharma-Industrie, die stolze Summe von 23.000 EUR für soziale Zwecke erwirtschaftet hat – eine großartige Leistung für wirklich gute Zwecke.
Zu dritt finden wir den Weg sehr leicht. Die vom Veranstalter aufgehängten Knicklichter sind häufig und weithin sichtbar, zudem haben die Läufer vor uns Knicklichter am Rucksack hängen. Nur wahre Künstler schaffen es in dieser Nacht, den Weg zum „CP5“ kreativ auszulegen und eigene Bahnen zu ziehen. Alle Sorgen, die ich vorher wegen dieser Laufnacht hatte, zerfallen im Sand der marokkanischen Dünen und ich war froh, dass es so einfach war.

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Roland und Oliver sind vielleicht einen halben Schritt zu schnell für mich und Stefan hinkt sichtlich hinterher, also entschließe ich mich, in etwa auf halber Entfernung zwischen „CP4“ und „CP5“, mit Stefan zu laufen und die beiden andern ziehen zu lassen. Es wird später und später und kühler und kühler. Es wird richtig schön und angenehm. Und ich denke an das Buch, das ich nie geschrieben habe, das aber, wenn es denn existieren würde: „Die Bekenntnisse des Nachtläufers TomWingo“ heißen würde. Ich liebe es, durch die Nacht zu laufen und denke an die Nächte in Biel, bei Baden-Baden, bei Chamonix und in Radebeul – und ich werde schneller.
Ich erzähle Stefan die eine oder andere Geschichte, er antwortet immer seltener. Irgendwann antwortet er gar nicht mehr. Kann er auch nicht, weil der Atem im Nacken, den ich ihm zugeschrieben hatte, gar nicht von ihm war. Er war von einem Franzosen und ich realisiere, dass von Stefan in der Dunkelheit nichts mehr zu sehen ist, also gehe ich etwas schneller weiter.

Beim „CP5“ treffe ich Roland und Oliver erneut, ich entledige mich des Bergwerks in meinen Schuhen und bekämpfe ein kleines Hüngerchen durch ein Drittel Riegel Powerbar „Cookies & Cream“, den ich von Roland bekommen habe. Meine eigenen Riegel sind im Rucksack und dafür, die dort zu suchen, haben wir keine Zeit. Wir gehen gleich weiter und ich beschleunige zusehends.

Bald bin ich alleine und am Ende der Dünen, beim „CP6“ geschieht ein kleines Wunder. Zuerst schimpfe ich mit mir, weil ich mal wieder viel zu defensiv diese Langetappe angegangen bin. Getreu dem Motto „save some space for the desert“ habe ich etwas Luft gelassen für befürchtete Hürden, die aber gar nicht gekommen sind. Ich war frisch wie ein Frühlingsmorgen, die Muskeln waren locker und ich wollte möglichst früh schlafen gehen. Ich weiß ja, dass ich das Problem habe, nur schlecht bei Licht schlafen zu können und daher war es mein Ziel, noch vor 1 Uhr 30 in der Nacht im Biwak einzutreffen, damit die dunkle Nacht noch so lange dauert, dass ich auf eine nennenswerte Anzahl an Schlafstunden komme.

Ich erhöhe nun Schritt für Schritt mein Tempo und vielleicht vier oder fünf Kilometer vor dem Ziel sehe ich am Ende des Weges einen hellen Schein, das Biwak. Und ich war davon angezogen. Wie die Motte zum Licht begann ich noch einmal richtig zu rennen und von da an überholte ich 21 Läufer in einem schon enorm auseinandergezerrten Läuferfeld. Und ich werde ständig schneller. Ich erlebe das, was das Laufen so außergewöhnlich schön macht: das „Runners High“.
Als wäre ich gerade eben erst gestartet, als hätte ich nicht schon 80 Kilometer hinter mir, als hätte ich nicht knapp 10 Kilogramm Gewicht auf den Schultern und als wäre es die letzte Etappe des Marathon des Sables renne ich, wie ich schon lange nicht mehr gerannt bin.

Manche der Läufer, die ich noch überholen will, wehren sich und fangen plötzlich auch noch mit dem Laufen an, aber es hilft nichts. Stück für Stück komme ich näher, bin ich parallel und auch gleich vorbei. Noch einen Kilometer, noch eine Vierergruppe, die am Ende scheint. Noch fünfhundert Meter, noch zweihundert Meter, das Ziel kommt immer näher. Die beiden letzten Läufer, die ich überhole, sind eine Französin mit Ihrem Lebenspartner, die Hand in Hand gehen und das schnaubende Etwas von hinten anrollen hören, sich umdrehen und verwundert stehen bleiben. Sie stehen vielleicht dreißig Meter vor dem Ziel und lassen die Dampflokomotive an sich vorbei stampfen und applaudieren. Unglaublich.

Und ich wünsche, dass das Ziel noch zwanzig, dreißig Kilometer weiter nach hinten verlegt würde. Ich weiß, dass diese Etappe meine mit Abstand Beste sein würde, dass meine Tagesplatzierungen sich umgekehrt proportional zur Etappenlänge verhalten.
Ich liebe einfach die „langen Kanten“ und ich fühle mich wie eine AAA-Batterie der Firma mit dem tollen Werbespruch. Unten schwarz, mit goldenem Kopf, garniert mit dem Slogan:
„Hält länger durch …!“

Die 16 Stunden, 13 Minuten und 18 Sekunden für die knapp über 82 Kilometer sind die letzten Zahlen des Berichts. Es hätten kleinere Zahlen sein können, wenn ich weniger defensiv begonnen hätte. Ich weiß das und ich ärgere mich darüber. Aber ich bin auch froh, diesen Zieleinlauf erlebt haben zu dürfen.

Herr Ober, Zahlen bitte!

Hat sich die Sahara schon bis Köln ausgedehnt?

Eigentlich sollte ich Anke Molkenthin anrufen und meine Zusage für den „Marathon des Sables“ in der südmarokkanischen Wüste absagen!

KP0

... immer dem weißen Kreis nach!

Als wir am Samstag um 8.00 Uhr früh beim KÖLNPFAD starteten, wusste ich schon, dass es ein sehr heißer Tag werden würde. Aber dass es so wenig Schatten geben würde, dass die Temperaturen so hoch steigen würden, das ahnte ich nicht. Und so gehörten die krampfenden Oberschenkel wohl zu den notwendigen Übeln dieses 171 Kilometer langen Laufs.

„Laufen mit Freunden“ war ja meine Devise für diesen Lauf. Meine Lauffreunde Michael Eßer und Hans-Peter Gieraths waren da, der Lauffreund Florian Bechtel betreute eine der vier Versorgungspunkte. Nur vier Versorgungspunkte, im Schnitt alle 43 Kilometer! Viel zu wenig, wenn da nicht auch noch meine Frau Gabi als Betreuerin mit ihrem Van gewesen wäre, der mit so viel Essen und Trinken vollgeladen war, dass Gabi mühelos alle 17 Starter über die gesamte Strecke hätte verpflegen können.
Trotzdem waren die vorher ausgemachten Treffpunkte an der KÖLNPFAD-Strecke oft zu wenig und der Durst war manchmal so groß wie die Sehnsucht nach moralischem Beistand.

KP1

... noch lächeln alle, aber 17 x 171km stehen noch vor den Läufern!

Dass Michael am Ende nicht im Ziel ankam ist sehr schade und Hans-Peter, mit dem ich sehr lange zusammen gelaufen bin, schaltete irgendwann noch seinen Turbo ein und schloss um zwei Plätze besser ab als ich. Aber Hans-Peter ist auch zweifellos der bessere Läufer von uns beiden.
Auf jeden Fall war es hilfreich, einen Freund an der Seite zu haben, vor allem in den heißen Feldpassagen.

Anfangs haben wir uns noch verquatscht und dabei zwei Mal die Weggabelungen übersehen, später dann war es eher still um uns und wir sprachen nur noch das, was wirklich wichtig war. Die Sonne hat uns so zugesetzt, dass ich mich teilweise fragte, wie das dann in der Sahara werden solle. Aber das kann kaum schlimmer sein, denke ich, weil die Distanzen wesentlich kürzer sind und die Luft zwar heißer, aber auch trockener ist. Also muss ich doch bei dem Ursprungsplan bleiben und den April-Anfang in Marokko erleben. Kein Grund für Ausreden … !

Als Hans-Peter und ich am zweiten Versorgungspunkt hörten, dass wir auf dem 5. und 6. Platz liegen würden, haben wir es nicht geglaubt. Aber es hat uns fast so sehr motiviert wie die kalte Dusche aus dem Gartenschlauch, die dort angeboten wurde. Kein Versorgungspunkt war mehr ersehnt wie dieser „VP2“, der von den Troisdorfer M.U.T.-lern (Marathon Ultra Team) des Siegers Michael Irrgang betreut wurde. Das lag natürlich vor allem daran, dass wir eine sehr lange extrem heiße und vollkommen schattenfreie Feldpassage in der Mittagshitze erdulden mussten.

Aber am dritten Versorgungspunkt begannen wir, zu glauben, zu hoffen und zu rechnen und als wir kurz danach den viertplatzierten überholen konnten, da wusste ich, dass ein 5. Platz möglich sein würde, viel mehr als erhofft! Und so kam es dann auch und ich war zudem sehr erfreut, noch unter der 24-Stunden-Marke geblieben zu sein.

KP2

... endlich ein wenig Schatten!

Weißt Du eigentlich, wie schön die Kölner Ecke ist? Vor allem Bergisch Gladbach und da primär Bergisch Gladbach Bensberg sind so schöne Orte mit zuckersüßen alten Häusern, mit einem traumhaft schönen Schloß und – ganz wichtig – mit dem direkten Blick auf den Kölner Dom.
Nur die vielen Menschen im Bergisch Gladbacher Freibad, die sich dort vergnügt haben, wirkten etwas störend. Neid auf das Eintauchen in kaltes Wasser war da sicher mit im Spiel.

Auch der Königsforst war schön zu belaufen, schattig und romantisch, aber danach kamen eben die baumfreien und schattenfreien Feld- und Uferweg-Passagen, die unsere Flüssigkeit aus dem Körper gesogen haben wie hungrige Stechmücken, die Blut sehen und saugen wollen. Wir froh war ich, als es Abend und damit auch kühler wurde.
Nach der Einnahme von viel Magnesium, viel Salz und den abnehmenden Temperaturen wurden auch meine Krämpfe weniger, bis sie dann irgendwann ganz aufhörten.

KP3

... jetzt abbiegen, bloß keine zweite Runde mehr! Nur noch 500 Meter!

Als mich ab der „VP3“ mein „Real Life“ Freund Detlev begleitete waren die Krämpfe schon Geschichte. Aber dennoch fühlte ich mich gefordert, ihn moralisch zu unterstützen, weil er eigentlich nur Halbmarathons läuft und auch dafür nur wenig trainiert hat. Sein Ziel war es, die 34 Kilometer vom „VP3“ bis zum „VP4“ mit zu laufen – und er hat es geschafft. Respekt, Detlev, „Hut ab“!
Aber er war viel zu früh am „VP3“, wahrscheinlich, weil er sich irgendwo verrechnet hat, als er wusste, dass wir in Köln-Porz-Wahn sind. Die Wege des KÖLNPFADS sind doch verworrener als man glaubt. Glück für ihn war, dass er so viel mit Florian Bechtel reden konnte, den ich schon vorher auf die Ankunft und die Anwesenheit von Detlev vorbereitet habe. Und die beiden hatten Spaß miteinander. Mehr will ich ja gar nicht!

Apropos Spaß: zumindest zwei Geschichtchen finde ich wert, erzählt zu werden.

Als erstes die Geschichte, als uns ein Hobbyjogger kurz vor der zweiten Verpflegung eingeholt hat. Er sah uns und die Startnummern und frage, was wir tun würden. Und wir erzählten vom KÖLNPFAD und davon, dass wir schon 50 der 171 Kilometer hinter uns hätten. Und Jörg, so heißt der Läuferkollege, sagte uns, dass er im Dezember einen langen Lauf planen würde. Auf meine Frage hin, welcher Lauf das denn sei, antwortete Jörg, dass es ein Spendenlauf sei.
„Spendenläufe kenne ich fast alle“, dachte ich und so hakte ich nach und erfuhr, dass es der „Eisweinlauf“ von Offenburg nach Baden-Baden sei, den ich schon drei Mal absolviert habe. Organisiert von Rudolf Mahlburg ist das einer der romantischten Höhepunkte des Läuferjahres, wenn Du gegen 17.30 Uhr, wenn schon alles dunkel ist, vom Berg runter kommst und das erleuchtete Baden-Baden und den schönen Weihnachtsmarkt siehst, wenn dann der Bürgermeister eine kleine Willkommensrede hält und die Weihnachtsmarkt-Besucher applaudieren, weil die Horde verschwitzter Körper aus dem 65 Kilometer entfernten Offenburg über die Hügel des beginnenden Schwarzwald gelaufen sind. Das ist immer wirklich schön!
Jörgs Bruder wiederum wohnt in Baden und ist ein enger Freund von Rudolf Mahlburg – so klein ist die Welt, wenn man miteinander spricht! Ich freue mich schon jetzt, ihn Mitte Dezember wieder zu sehen und ein wenig mehr mit ihm zu plauschen.

Als zweites die Geschichte, als ein Fahrradfahrer mich auf der Rheinuferpromenade überholt hat. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt mein drittes Laufshirt an, das Finisher-Trikot des „Swiss Alpine Marathon“ von Mitte Juli. Hübsch, schwarz und mit der stilisierten Alpen-Gemse. Zwanzig Meter vor mir bremst er plötzlich, wendet und fragt mich, ob ich bei dem „Swiss Alpine Marathon“ dabei gewesen wäre. Seine Schwester wohnt wohl in Bergün und er kannte jeden Winkel dieses Laufs. Wir waren einige Zeit zusammen, so lange, dass die Streckenkontrolleure, die uns gesehen haben, geglaubt haben, das er meine Fahrradbegleitung gewesen sei.

KP4

... 7 Uhr 47 in Deutschland ... wenn der kleine Hunger kommt!

Laufen ist eben auch immer das Aufspüren und Entdecken neuer interessanter Menschen. Und von denen habe ich an diesem Wochenende wieder viele kennen gelernt.
Als meine Frau Gabi mich dann etwa 500 Meter vor dem Ziel erwartet hat, da fiel der ganze Druck ab und ich war einfach nur noch glücklich.

Ergebnisse? Na hier!