Der Ottonenlauf von Stiege nach Quedlinburg

Es sollte eingentlich das GONDO EVENT Wochenende sein, dafür jedoch zwei Bürotage opfern konnte ich nicht.  Aber die beiden Lauffreunde, die mich dorthin mitnehmen wollten, HaPe Gieraths und Eule Frings, fuhren schon am Freitag früh um 6 Uhr in die Schweiz und wollten erst am Montag danach nach dem Frühstück wieder in die Heimat aufbrechen. Vor dem späten Montagnachmittag wäre diese Reise also nicht zu Ende gewesen.


Also musste eine Alternative her und die fand ich im 69 km Ottonenlauf in Sachsen-Anhalt. Ein kurzer Blick in die Starterliste freute mich. Lars Schläger und Hans Würl waren dort verzeichnet. Vor allem Lars hatte ich lange nicht mehr gesehen, mit ihm aber verbinde ich Läufe wie den TransAlpineRun 2008, die Unter-Tage-Marathons in Sondershausen, die Mt. Everest Treppenmarathons in Radebeul, den 24-Stunden-Lauf in Delmenhorst, den UTMB und den Brocken-Ultramarathon von Braunschweig über den Brockengipfel nach Schierke.
Für den Ottonenlauf sprachen auch das außergewöhnlich niedrige Startgeld von 20 EUR und der günstige Rücktransport von Quedlinburg zum Start für nur 6 EUR.
Dass mich aber das Profil des Laufs, es geht mehr runter als rauf, zu der Annahme verleitet hat, ich könnte schnell sein, war einer der Irrtümer am Samstag.


Das einzige Problem, das ich sah, war, dass dieser Lauf am Samstag schon frühmorgens um 7.00 Uhr beginnen sollte. Dass ich am Freitag noch im Büro sein wollte war dabei nur ein Aspekt. Ich wollte auch beim wöchentlichen Freitagabend-Tennisspiel mit meinen „Herren40“-Mannschaftskollegen dabei sein und außerdem wollte ich noch das Eröffnungsspiel der Bundesliga ansehen.
Was also machst Du, wenn Du um 22.30 Uhr noch zu Hause bist, aber spätestens um 6.30 Uhr am nächsten Morgen rund 435 Kilometer weit weg angekommen sein willst?

Ich packte also meine Sachen in aller Eile in der Halbzeitpause des Fußballspiels und verließ Haus und Familie direkt nach dem Abpfiff. Wenn ich dann durchgefahren wäre, wäre ich um 3 Uhr in Stiege gewesen, also gönnte ich mir nach einer Stunde Autofahrt kurz hinter Wuppertal dreieinhalb Stunden Schlaf im Auto. Ich hatte meine mollig warme Bettdecke mitgenommen, schlief gut und tief und wäre sicherlich nicht aufgewacht, wenn ich den Wecker nicht auf 3.00 Uhr gestellt hätte.
Und dann ging es wieder weiter und so war ich um 6.10 Uhr in dem schönen Städtchen Stiege, direkt an der Touristinformation am Stiegener See. Ich meldete mich nach, bereitete mich auf den Lauf vor und bemerkte, dass ich neben dem Startnummernband auch mein Handtuch und das Duschgel vergessen hatte.
Da hast Du schon über 100 Mal Deine Läufertasche gepackt und dennoch fehlt Dir die Routine, das ordentlich und komplett zu tun …

Ein paar warme Worte vom Veranstalter, etwas Offizielles vom Bürgermeister und eine kurze Ansprache eines Läuferkollegen, der dem Veranstalter dafür dankte, dass es noch so schöne Landschaftsläufe von Läufern für Läufer gibt, garniert mit dem Hinweis, dass dieser Lauf mehr Läufer verdient hätte.
Ich war also hoch gespannt auf die Strecke und schon ging es los.

Lars, Hans und ich starteten locker im Mittelfeld, orientierten uns an einer 6er Zeit, quatschten über gemeinsame Freunde und gemeinsame Ziele und so hätte es noch lange weiter gehen können, wenn nicht nach 6,5 km etwas passiert wäre, was ich bei all meinen bisherigen Läufen noch nicht erlebt hatte.
Ich hatte mich mal wieder für das geliebte X-Bionic Visor Headband als Kopfbedeckung entschieden, weil es leicht ist und nirgendwo drückt. In der einen Situation aber hätte mir ein richtiges Basecap mehr Schutz geboten, weil ich ganz überraschend und plötzlich einen großen, stechenden Schmerz am Hinterkopf spürte, direkt oberhalb des Headbands.
Ich schrie: „Shit, was ist das denn?“ und riss mir das Headband und die Laufbrille vom Kopf. Ich sah dann noch, dass etwas Großes wegflog.
„Was war das denn?“ fragte ich erneut und ich erfuhr von dem Läufern um mich herum, dass es der Angriff einer Hornisse war, die offensichtlichin meinen immer kahler werdenden Hinterkopf mochte.


Der Schmerz war riesig und hörte den ganzen Tag und die folgende Nacht nicht mehr auf und die erste Angst war groß. So schön Sachsen-Anhalt ist, keine Region ist schön genug, um dort ein gravierendes medizinisches Problem zu erleben.

Der eine Läufer fragte mich, ob ich auf Hornissengift allergisch reagieren würde, aber ich konnte das nicht beantworten, weil ich noch nie von einer Hornisse angegriffen wurde.
Der andere Läufer erzählte mir, was im schlimmsten Fall hintereinander passieren würde. „Wenn Du allergisch reagierst, dann wirst Du erst schwarze Flecken im Sichtfeld haben, danach wird Dir schlecht, dann wirst Du Dich übergeben und dann kippst Du um.“
Dann milderte er die Aussichten noch etwas ab: „Aber Du lebst dann noch immer.“

Ich beschloss, auf mich und auf die angekündigten Symptome aufzupassen und solange weiter zu laufen, so lange mir nicht schlecht würde. Aber ich bat die Supporter am ersten Wasserstand, sich mal meinen Hinterkopf anzusehen.
Hornissen beißen mehr als dass sie stechen und ein kleines Hautstück, das aus der Kopfhaut herausgerissen wurde, fehlte. Es blutete, sah aber eher beruhigend aus. Und Schmerzen halten wir ja alle aus, nur Sorgen um das körperliche Wohlbefinden wären ein Lauf nicht wert, also ging es weiter.

Ich lief dabei mit zwei Jungs, von denen mir einer sehr bekannt vorkam. Ich kam ihm auch bekannt vor und er fragte mich, woher wir uns kennen könnten. Nun ist es bei den vielen Läufen nicht allzu leicht, den richtigen herauszufinden. Er fragte mich nach der Brocken-Challenge und ich antwortete, dass ich dort dabei war. Aber ich sei ganz schlecht drauf gewesen und kam erst oben an, als es schon schneite, nach 10 Stunden und 43 Minuten.
Das war aber nicht der gesuchte gemeinsame Lauf, aber dann kamen wir später zusammen auf den Brocken-Ultralauf vom Mai 2010, wo ich richtig gut drauf war.
Er erzählte mir, dass er damals mit Lars Schläger und einem „älteren Mann“ ins Ziel gelaufen sei. Ich erinnerte mich, dass ich mit Lars Schläger auf dem Brocken-Gipfel einen anderen Läufer motivieren und mitnehmen musste und dass wir dann gemeinsam zu dritt in Schierke ins Ziel gelaufen sind.

Es war der unausgesprochene Moment, in dem er bemerkte, dass ich damals der „ältere Mann“ gewesen war und sein Lauffreund erwähnte, dass er schon die Fettnäpfchen gesehen hätte, in die Björn Gnoyke, so heißt der Laufkollege, hinein tappen sollte.
Jetzt gehöre ich also zu den „älteren Männern“, das war mir noch gar nicht bewusst.
Eine Weile lang lachten wir noch über die neu gewonnene Erkenntnis, redeten über Ultraläufe, dann beschleunigte ich etwas, um mich den nächsten Läufern anzuschließen.

Die Laufstrecke als solche ist durchweg wunderschön, trailig, fast ausschließlich auf Wald- und Forstwegen, nur die letzten vier Kilometer läufst Du leider auf Asphalt. Es geht durch Wälder, vorbei an kleinen Seen, die am Morgen noch von den Nebeln des Sonnenaufgangs verziert waren. Die Dörfer, die man sieht, sind, typisch für Ostdeutschland, natürlich schön und ursprünglich und manche Großimmobilie am Weg, die in exponierter Lage gebaut wurde, ist entweder stilvoll restauriert und renoviert worden oder sie gammelt langsam vor sich hin und dokumentiert so auch noch 20 Jahre nach dem Mauerfall ungeklärte Eigentumsfragen oder SED-  und Volksarmee-Nachwehen.
Sehenswert ist die Strecke allemal und laufenswert ist sie sowieso.

Das Profil allerdings täuscht sehr. Wer einen „leichten“ Ultra erwartet, der sieht sich genauso getäuscht wie der, der an persönlichen Bestzeiten arbeiten will. Dieses Jahr kamen noch die hohe Temperatur von immerhin 28 Grad genauso dazu wie die extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Ich schwitzte, litt und bereute meine Entscheidung, ohne eigene Wasservorräte zu laufen.
Kurz nach der 40 km Marke war ich deutlich dehydriert, konnte nur teilweise nur noch gehen und trug ab dann immer eine ganze Wasserflasche von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt in der Hand, damit ich stets so viel trinken konnte wie ich  wollte.
Die Kilometer 40 bis 50 blieben allerdings schwierig, weil Dein dehydrierter Körper dann gar nicht mehr so viel Wasser aufnehmen kann wie er bräuchte.

Die Verpflegung an sich aber war vollkommen ausreichend, fast üppig, variantenreich und geschmackvoll, genug Auswahl auf für uns Vegetarier. Besonders bemerkenswert fand ich aber, dass überall ausreichend Salz vorhanden war. Das hat bei den besonderen Bedingungen vom Samstag wirklich sehr geholfen, es wurde auch ausgiebig von allen genutzt.

Mein Glück am Samstag war, dass die anderen Läufer offensichtlich genauso litten wie ich. Wo ich befürchtete, nach hinten durchgereicht zu werden, konnte ich meine Position im Rennen trotzdem wenigstens behaupten. Und auf den letzten neun Kilometern, als mich der „Heim-in-den-Stall“-Trieb packte und ich den Bündener Läufer Sascha, einen Freund von Lars und Hans, mit dem ich lange gelaufen und gegangen war, stehen ließ, konnte ich sogar noch etwas Positives für die Endplatzierung tun, aber das war wirklich nicht wichtig.

Für mich entscheidend war, dass ich die ersten 40 Kilometer in 4 Stunden und einer Minute laufen konnte, für die offiziell folgenden 29 Kilometer, die allerdings 31,5 Kilometer waren – Männer vermessen sich doch oft – brauchte ich jedoch bedrückende 3 Stunden und 44 Minuten. Eine gute Rennaufteilung sieht natürlich vollkommen anders aus.

Im Ziel in Quedlinburg angekommen bewiesen die anderen Läufer mal wieder, dass Ultraläufer einfach nettere Menschen sind. Dann hatte ich ein Handtuch zur Verfügung und auch ein Duschgel. Die Dusche war warm und angenehm.
Die Rückreise nach Stiege war nur rund 30 Kilometer lang, was bewies, dass wir zwar nicht die kürzeste, wohl aber die schönste Strecke von Stiege nach Quedlinburg erlebt hatten.

Nach der schwierigen Anreise folgte noch die lange Rückreise in die Grafschaft. Eine Vollsperrung der B49 zwischen Gießen und Limburg zerrte an den Nerven, der insgesamt lange Tag sorgte für eine latente Müdigkeit, gegen die nur sehr viel „Red Bull“ half.
Und trotz allem war ich zu köstlichen Spaghetti mit gebratenen Pilzen sogar noch vor 21 Uhr wieder zu Hause.
Nur mich der Familie widmen konnte ich nicht mehr, so laut rief das Bettchen nach mir …

Walpurgisnacht auf dem Blocksberg

Es sollte dunkel sein in der Nacht auf den Bergen. Nicht aber in dieser Nacht. Maifeuer brennen auf den Gipfeln, um der heiligen Walburga zu gedenken. Die Pestilenz soll sie weghalten von den Menschen, die Tollwut und den Husten.
Die Menschen tanzen in dieser Nacht in den Mai hinein, in der Nacht, die genau in der Mitte liegt zwischen der Frühlings-Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende und die Hexen fliegen eifrig auf ihren Besen und reinigen dabei die Luft.
Der Brocken im Harz ist mit dem Hexenplatz und der benachbarten Rosstrappe das Zentrum dieses alten heidnischen Walpurgisnacht-Brauchtums.


Die beste Zeit also, um auf den Brocken zu laufen.
Steil ist sie, die durch Betonplatten panzerbefahrbar gemachte Strecke, die ohne Windungen direkt hinauf führt von der Eckertalsperre auf den mystischen Berg, den Brocken. Und sie ist ein Teil von gleich drei Lauf-Events, die dieses Teilstück im Nationalpark Harz nutzen, vor allem, weil der Läufer hier merkt, wie schwer ein Aufstieg sein kann.
Die Brocken-Challenge, der Brocken-Marathon und eben auch der Brocken-Ultra führen die Läufer jene rund 1.000 Höhenmeter nach oben, um dort Heinrich Heines „Die Harzreise“ zu genießen, im Schweiße des Angesichts, abgekämpft und müde. Dass Petra Rösler, Natascha Bischoff und ich am Sonntag diese Harzreise übertrieben wörtlich genommen haben, sei vorweg erwähnt.

Und die meisten, die einen der drei Events schon mal gelaufen sind, berichten von einem mystischen Brocken, der im Nebel oder in Wolken liegt und kein Einsehen hat, dass die Läufer auch mal bis ins Tal sehen wollen.
Das galt auch für unseren zweiten Tag, den Sonntag, der so nebelige Sichtverhältnisse bot, dass auch die gelbe Jacke unserer Vor-Läuferin uns nicht auf dem rechten Weg – oder genauer gesagt auf dem mittleren Weg – führen konnte.
Am ersten Tag aber, am Samstag, da war die Luft klar und rein. Die Sonne scheinte, der Blick war frei bis in die Täler. Hier hatten die Hexen mit ihrer Luftreinigung wirklich gute Arbeit geleistet.
Und der Brocken war voll mit Menschen, die die Frühlingssonne für einen kleinen Spaziergang nutzten. Freilich waren der überwiegende Teil der Brockenbesucher mit der Bimmelbahn oder einem Pferdefuhrwerk nach oben gekommen und so entgingen sie den Strapazen des Aufstiegs, vor allem, wenn Du von ganz unten, von Eckertal kommst.
Nur die 26 Läufer der Schar von Dieter Grabow gingen zu Fuß und das, nachdem wir bis Eckertal schon rund 50 Kilometer über flaches Land gelaufen waren, teilweise an der Oker entlang, durch Wälder, durch Dörfer oder einfach auf befestigten Wegen überland.

Ich wollte eigentlich langsam sein und mich endlich auch tempomäßig auf die TorTOUR de Ruhr einstellen, also wartete ich erst auf den vielgeprüften Hans Würl, lief zuerst mit ihm und so ließ ich Lars Schläger ziehen. Aber dann lief ich mit Frank Endriss voraus, nachdem er mir erzählt hatte, dass auch er Mitte Juni durch den Canyon du Verdon laufen will. Wir haben uns beim Reden von Hans Würl und Günter Meinhold abgesetzt, ohne das wirklich zu merken. Und dann war Frank plötzlich auch weg und ich lief für rund 30 Kilometer ganz alleine.
Nach Eckertal dann, als es steil wurde, lief ich plötzlich doch noch unerwarteterweise auf Lars auf und wir haben beide unseren schnellen Bergschritt gewählt, um möglichst schnell auf dem Brocken zu sein.

Ich bin mit Lars schon so oft gelaufen, zuerst den Trans Alpine Run 2008, zwei Mal den Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, den Unter-Tage-Marathon in Sondershausen, den UTMB, den Lars und ich dann gleichzeitig abgeschlossen hatten, nachdem wir uns auf dem letzten Berg trafen, aber noch nie konnte ich so viel mit ihm reden wie auf dem Weg hinauf auf  den Berg, der als Grenzberg für Westler zwar immer präsent, aber eben gesperrt und unerreichbar war. Dieses Reden war richtig schön und ohne die gegenseitige Motivation wäre ich wohl nur etwas langsamer nach oben gekommen.
Und dann, als es rund 10 Kilometer lang auf der Asphalt-Straße runter bis nach Schierke ging, da sammelten wir auch noch Björn Gnoyke ein, dessen Wadenkrämpfe nun, mit uns laufend, weggezaubert waren. Ob hier auch noch die Hexen im Spiel waren?
Wir legten uns jedenfalls mächtig ins Zeug und wäre ich nicht am Ende die Spaßbremse gewesen, dann hätten wir das Tempo von teilweise deutlich unter 5 Minuten pro Kilometer auch noch auf den beiden letzten Kilometern eingehalten. Aber so reduzierte ich das Tempo ein wenig, weil längst klar war, dass wir unter der Marke von 8:30 Stunden enden würden.
Genau dann fingen auch die Spiele der Fußball-Bundesliga an und Lars wollte doch wenigstens am Radio dabei sein, wenn „seine“ Schalker um die letzte Chance kämpften, doch noch Deutscher Fußballmeister zu werden. Das aber konnte ohne die Hilfe der Hexen nicht funktionieren – und die waren ja alle auf dem Brocken, dem „Blocksberg“, versammelt. Kein Schalker Sieg also, lieber Lars, aber dafür haben Lars, Björn und ich gemeinsam einen 10. Platz der Tageswertung erreicht und das in, wie ich finde, guten 8:25:58 Stunden. Für 75 Kilometer und rund 1.000 Höhenmeter ist das respektabel, als Vorbereitung für die TTdR230 eigentlich zu schnell. Und zu kurz.

26 Starter versammelten sich also in Braunschweig, nachdem Dieter Grabow zum Brocken-Ultra gerufen hatte, um zwei Mal 75 Kilometer weit zu laufen, zwei Mal den Brocken zu besteigen  und zwei Mal vom Organisationsteam gut versorgt und behütet zu werden. Für so einen kleinen Lauf war die Versorgung vorbildlich, nur eines hätte ich mir noch gewünscht, das bei den meisten Ultra-Läufen vergessen wird: Salztabletten oder eben einfach eine offene Schale mit Jodsalz.
Ansonsten aber war alles da. Von Malzbier über alkoholfreies Bier, ein Isogetränk, Wasser, Säfte, Cola und was ich besonders schätzen gelernt habe war die große Menge an Christinen Sportdrinks, die nach Limone schmeckten und ungeheuer erfrischend waren.
Zu Essen gab es hochwertige Riegel, Erdnüsse, Schokolade, Käsewürfel, Salami, Salzbrezeln und auch etwas, was ich normalerweise nie essen würde: Kinder Milchschnitten. Labberiges Zeug, aber es hat geschmeckt, den Zuckerhaushalt korrigiert und es hat wirklich geholfen.

Man hat zwei Dinge bei dieser Veranstaltung gesehen:
Erstens: Dieter Grabow ist ein Läufer, er weiß, was wir brauchen. Das aber habe ich schon beim Blick auf Dieter Grabow’s DUV-Statistik gesehen. Dieter, Runner 25309 bei der DUV, hat dabei sehr ähnliche Zeiten gelaufen wie ich. Zwar war ich in Biel 2008 um rund eine Minute schneller als Dieter in seinem besten Jahr 2004, dafür hat Dieter mir beim Rennsteiglauf 2002 gegenüber meinem besten Lauf dort in 2008 rund 4 Minuten abgenommen.
Zweitens: Dieter Grabow ist ein echter Gastgeber, er war omnipräsent. Natürlich hat er den Start eingeläutet, er war aber auch da, als die Strecke in Wolfenbüttel ein wenig schwierig zu finden war. Sie war zwar hervorragend ausgeschildert, dennoch hatte Dieter stets ein Auge darauf, dass wir uns nicht verlaufen. Und er ließ es sich nicht nehmen, auch beim Zieleinlauf bei seinen Läufern zu sein.
Bemerkenswert fand ich auch, dass er insgesamt fünf Fahrradbegleiter aufgeboten hat, einen für den führenden Läufer Dirk Vinzelberg, einen für den letzten Läufer und drei für das Mittelfeld. Die waren für mich besonders hilfreich, weil Du von denen durchaus auch mal eine Flasche Cola oder ein Fläschen Wasser bekommen konntest, wenn Du das wolltest. Zwei Mal habe ich das am Samstag in Anspruch genommen, beide Male, als ich mit Lars unterwegs war, zuerst ein Wasser bei der Eckertalsperre und dann ein Wasser und eine Flasche Cola oben auf dem Brocken, als ich schon schneeweiß auf den Händen und im Gesicht war.
Die Salzmenge, die es mir am Samstag aus dem Körper getrieben hat, ließ meine schwarze Skinfit Jacke ein ganz neues Muster haben und ich sah aus, als wäre ich durch den Schnee gelaufen. Aber ich weiß nicht, warum mich das immer so viel stärker betrifft wie viele andere. Eine Läuferin war über meinen Zustand so verwundert, dass sie sich fragte, ob sie denn normal wäre, weil man weder an ihr noch an ihren Laufklamotten irgendwelche weißen Ränder sah.

Kurzum: der Brocken-Ultra ist eine tolle zweitägige Veranstaltung, die mit viel Engagement und Liebe veranstaltet wird.
Wir Läufer können froh sein, dass es so engagierte Läufer-Kollegen wie Dieter gibt und wir sollten das durch rege Präsenz honorieren!
Wenn wir dafür den einen oder anderen Stadtmarathon auslassen, dann haben wir uns und den Veranstaltern etwas Gutes getan.
Uns, weil das Laufen durch die Natur, auf Berge, eben außerhalb der Städte, schön und gesund ist und den Veranstaltern, weil es gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, was ein bedeutet, eine Strecke von 75 Kilometern zu betreuen, auszuschildern und die Versorgungspunkte dafür zu platzieren und offen zu halten. Das verdient Respekt und Dank, finde ich.

Dass für mich der Sonntag, der Rückweg, nur weniger glücklich war, lag nicht an der Veranstaltung, sondern an der Kombination aus meinem engen Terminplan und meiner geringen mentalen Stärke. Ich hatte eine Einladung zu einem Abendessen in Bonn um 20 Uhr und wusste also, dass ich spätestens um 16 Uhr in Braunschweig losfahren hätte sollen, „geduscht, geduzt und ausgebuht“, um mit Max Goldt zu sprechen.

Nachdem Natascha, Petra und ich uns im Nebel des Brocken aber auf Heinrich Heines Spuren zu weit Richtung Ilsenburg gewagt hatten und uns so, als wir das korrigierten, hinter dem letzten Läufer fanden, war dieser ehrgeizige Zeitplan nicht zu schaffen und in solchen Situationen knickt stets meine Psyche ein und ich sinke herab von meiner „Läuferwolke Nummer 7“ in die Gefilde der Normal-Menschen, die sowieso nicht verstehen, warum ich so viele Dinge gleichzeitig versuche. Und wenn ich dann „normal bin“ und über mich nachdenke, dann sehe ich das genauso – und steige aus.
Im Falle des Brocken-Ultra bedeutete das, das ich insgesamt 30 Kilometer innerhalb der Strecke ausgelassen habe, um dann wieder 20 Kilometer vor dem Ziel erneut einzusteigen und den Rest des Weges in Ruhe nach Hause zu tippeln.
Immerhin habe ich am Sonntag immerhin insgesamt etwas mehr als 48 Kilometer hinter mich gebracht, ich bin pünktlich, entspannt und glücklich in Bonn beim Abendessen gewesen, ich habe „Kilometer gefressen“ für die TorTOUR de Ruhr – alles war gut.

Am meisten gefreut hat es mich allerdings, dass Carsten A. Mattejiet am Samstag Abend mit seiner Familie auch in der Jugendherberge von Schierke war. Auch wenn wir in einem Punkt meiner Vorbereitung für den Marathon des Sables unterschiedlicher Auffassung waren, so sind wir doch beide einigermaßen ordentliche Vertreter der großen Familie der Ultra-Läufer, jener Gemeinde, in der eigentlich nur nette Menschen zu finden sind.
Carsten und ich sind auch bei FACEBOOK als Freunde verbunden und es tat richtig gut, am Samstag Carsten tief in die Augen zu sehen, seine Hand zu drücken und zu wissen, dass wir auch im „real life“ Freunde sind.
Und für diese Erfahrung brauchten wir weder Hexen noch die Walpurgisnacht, aber so etwas am „Blocksberg“ zu erleben ist doppelt schön.