Walpurgisnacht auf dem Blocksberg

Es sollte dunkel sein in der Nacht auf den Bergen. Nicht aber in dieser Nacht. Maifeuer brennen auf den Gipfeln, um der heiligen Walburga zu gedenken. Die Pestilenz soll sie weghalten von den Menschen, die Tollwut und den Husten.
Die Menschen tanzen in dieser Nacht in den Mai hinein, in der Nacht, die genau in der Mitte liegt zwischen der Frühlings-Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende und die Hexen fliegen eifrig auf ihren Besen und reinigen dabei die Luft.
Der Brocken im Harz ist mit dem Hexenplatz und der benachbarten Rosstrappe das Zentrum dieses alten heidnischen Walpurgisnacht-Brauchtums.


Die beste Zeit also, um auf den Brocken zu laufen.
Steil ist sie, die durch Betonplatten panzerbefahrbar gemachte Strecke, die ohne Windungen direkt hinauf führt von der Eckertalsperre auf den mystischen Berg, den Brocken. Und sie ist ein Teil von gleich drei Lauf-Events, die dieses Teilstück im Nationalpark Harz nutzen, vor allem, weil der Läufer hier merkt, wie schwer ein Aufstieg sein kann.
Die Brocken-Challenge, der Brocken-Marathon und eben auch der Brocken-Ultra führen die Läufer jene rund 1.000 Höhenmeter nach oben, um dort Heinrich Heines „Die Harzreise“ zu genießen, im Schweiße des Angesichts, abgekämpft und müde. Dass Petra Rösler, Natascha Bischoff und ich am Sonntag diese Harzreise übertrieben wörtlich genommen haben, sei vorweg erwähnt.

Und die meisten, die einen der drei Events schon mal gelaufen sind, berichten von einem mystischen Brocken, der im Nebel oder in Wolken liegt und kein Einsehen hat, dass die Läufer auch mal bis ins Tal sehen wollen.
Das galt auch für unseren zweiten Tag, den Sonntag, der so nebelige Sichtverhältnisse bot, dass auch die gelbe Jacke unserer Vor-Läuferin uns nicht auf dem rechten Weg – oder genauer gesagt auf dem mittleren Weg – führen konnte.
Am ersten Tag aber, am Samstag, da war die Luft klar und rein. Die Sonne scheinte, der Blick war frei bis in die Täler. Hier hatten die Hexen mit ihrer Luftreinigung wirklich gute Arbeit geleistet.
Und der Brocken war voll mit Menschen, die die Frühlingssonne für einen kleinen Spaziergang nutzten. Freilich waren der überwiegende Teil der Brockenbesucher mit der Bimmelbahn oder einem Pferdefuhrwerk nach oben gekommen und so entgingen sie den Strapazen des Aufstiegs, vor allem, wenn Du von ganz unten, von Eckertal kommst.
Nur die 26 Läufer der Schar von Dieter Grabow gingen zu Fuß und das, nachdem wir bis Eckertal schon rund 50 Kilometer über flaches Land gelaufen waren, teilweise an der Oker entlang, durch Wälder, durch Dörfer oder einfach auf befestigten Wegen überland.

Ich wollte eigentlich langsam sein und mich endlich auch tempomäßig auf die TorTOUR de Ruhr einstellen, also wartete ich erst auf den vielgeprüften Hans Würl, lief zuerst mit ihm und so ließ ich Lars Schläger ziehen. Aber dann lief ich mit Frank Endriss voraus, nachdem er mir erzählt hatte, dass auch er Mitte Juni durch den Canyon du Verdon laufen will. Wir haben uns beim Reden von Hans Würl und Günter Meinhold abgesetzt, ohne das wirklich zu merken. Und dann war Frank plötzlich auch weg und ich lief für rund 30 Kilometer ganz alleine.
Nach Eckertal dann, als es steil wurde, lief ich plötzlich doch noch unerwarteterweise auf Lars auf und wir haben beide unseren schnellen Bergschritt gewählt, um möglichst schnell auf dem Brocken zu sein.

Ich bin mit Lars schon so oft gelaufen, zuerst den Trans Alpine Run 2008, zwei Mal den Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, den Unter-Tage-Marathon in Sondershausen, den UTMB, den Lars und ich dann gleichzeitig abgeschlossen hatten, nachdem wir uns auf dem letzten Berg trafen, aber noch nie konnte ich so viel mit ihm reden wie auf dem Weg hinauf auf  den Berg, der als Grenzberg für Westler zwar immer präsent, aber eben gesperrt und unerreichbar war. Dieses Reden war richtig schön und ohne die gegenseitige Motivation wäre ich wohl nur etwas langsamer nach oben gekommen.
Und dann, als es rund 10 Kilometer lang auf der Asphalt-Straße runter bis nach Schierke ging, da sammelten wir auch noch Björn Gnoyke ein, dessen Wadenkrämpfe nun, mit uns laufend, weggezaubert waren. Ob hier auch noch die Hexen im Spiel waren?
Wir legten uns jedenfalls mächtig ins Zeug und wäre ich nicht am Ende die Spaßbremse gewesen, dann hätten wir das Tempo von teilweise deutlich unter 5 Minuten pro Kilometer auch noch auf den beiden letzten Kilometern eingehalten. Aber so reduzierte ich das Tempo ein wenig, weil längst klar war, dass wir unter der Marke von 8:30 Stunden enden würden.
Genau dann fingen auch die Spiele der Fußball-Bundesliga an und Lars wollte doch wenigstens am Radio dabei sein, wenn „seine“ Schalker um die letzte Chance kämpften, doch noch Deutscher Fußballmeister zu werden. Das aber konnte ohne die Hilfe der Hexen nicht funktionieren – und die waren ja alle auf dem Brocken, dem „Blocksberg“, versammelt. Kein Schalker Sieg also, lieber Lars, aber dafür haben Lars, Björn und ich gemeinsam einen 10. Platz der Tageswertung erreicht und das in, wie ich finde, guten 8:25:58 Stunden. Für 75 Kilometer und rund 1.000 Höhenmeter ist das respektabel, als Vorbereitung für die TTdR230 eigentlich zu schnell. Und zu kurz.

26 Starter versammelten sich also in Braunschweig, nachdem Dieter Grabow zum Brocken-Ultra gerufen hatte, um zwei Mal 75 Kilometer weit zu laufen, zwei Mal den Brocken zu besteigen  und zwei Mal vom Organisationsteam gut versorgt und behütet zu werden. Für so einen kleinen Lauf war die Versorgung vorbildlich, nur eines hätte ich mir noch gewünscht, das bei den meisten Ultra-Läufen vergessen wird: Salztabletten oder eben einfach eine offene Schale mit Jodsalz.
Ansonsten aber war alles da. Von Malzbier über alkoholfreies Bier, ein Isogetränk, Wasser, Säfte, Cola und was ich besonders schätzen gelernt habe war die große Menge an Christinen Sportdrinks, die nach Limone schmeckten und ungeheuer erfrischend waren.
Zu Essen gab es hochwertige Riegel, Erdnüsse, Schokolade, Käsewürfel, Salami, Salzbrezeln und auch etwas, was ich normalerweise nie essen würde: Kinder Milchschnitten. Labberiges Zeug, aber es hat geschmeckt, den Zuckerhaushalt korrigiert und es hat wirklich geholfen.

Man hat zwei Dinge bei dieser Veranstaltung gesehen:
Erstens: Dieter Grabow ist ein Läufer, er weiß, was wir brauchen. Das aber habe ich schon beim Blick auf Dieter Grabow’s DUV-Statistik gesehen. Dieter, Runner 25309 bei der DUV, hat dabei sehr ähnliche Zeiten gelaufen wie ich. Zwar war ich in Biel 2008 um rund eine Minute schneller als Dieter in seinem besten Jahr 2004, dafür hat Dieter mir beim Rennsteiglauf 2002 gegenüber meinem besten Lauf dort in 2008 rund 4 Minuten abgenommen.
Zweitens: Dieter Grabow ist ein echter Gastgeber, er war omnipräsent. Natürlich hat er den Start eingeläutet, er war aber auch da, als die Strecke in Wolfenbüttel ein wenig schwierig zu finden war. Sie war zwar hervorragend ausgeschildert, dennoch hatte Dieter stets ein Auge darauf, dass wir uns nicht verlaufen. Und er ließ es sich nicht nehmen, auch beim Zieleinlauf bei seinen Läufern zu sein.
Bemerkenswert fand ich auch, dass er insgesamt fünf Fahrradbegleiter aufgeboten hat, einen für den führenden Läufer Dirk Vinzelberg, einen für den letzten Läufer und drei für das Mittelfeld. Die waren für mich besonders hilfreich, weil Du von denen durchaus auch mal eine Flasche Cola oder ein Fläschen Wasser bekommen konntest, wenn Du das wolltest. Zwei Mal habe ich das am Samstag in Anspruch genommen, beide Male, als ich mit Lars unterwegs war, zuerst ein Wasser bei der Eckertalsperre und dann ein Wasser und eine Flasche Cola oben auf dem Brocken, als ich schon schneeweiß auf den Händen und im Gesicht war.
Die Salzmenge, die es mir am Samstag aus dem Körper getrieben hat, ließ meine schwarze Skinfit Jacke ein ganz neues Muster haben und ich sah aus, als wäre ich durch den Schnee gelaufen. Aber ich weiß nicht, warum mich das immer so viel stärker betrifft wie viele andere. Eine Läuferin war über meinen Zustand so verwundert, dass sie sich fragte, ob sie denn normal wäre, weil man weder an ihr noch an ihren Laufklamotten irgendwelche weißen Ränder sah.

Kurzum: der Brocken-Ultra ist eine tolle zweitägige Veranstaltung, die mit viel Engagement und Liebe veranstaltet wird.
Wir Läufer können froh sein, dass es so engagierte Läufer-Kollegen wie Dieter gibt und wir sollten das durch rege Präsenz honorieren!
Wenn wir dafür den einen oder anderen Stadtmarathon auslassen, dann haben wir uns und den Veranstaltern etwas Gutes getan.
Uns, weil das Laufen durch die Natur, auf Berge, eben außerhalb der Städte, schön und gesund ist und den Veranstaltern, weil es gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, was ein bedeutet, eine Strecke von 75 Kilometern zu betreuen, auszuschildern und die Versorgungspunkte dafür zu platzieren und offen zu halten. Das verdient Respekt und Dank, finde ich.

Dass für mich der Sonntag, der Rückweg, nur weniger glücklich war, lag nicht an der Veranstaltung, sondern an der Kombination aus meinem engen Terminplan und meiner geringen mentalen Stärke. Ich hatte eine Einladung zu einem Abendessen in Bonn um 20 Uhr und wusste also, dass ich spätestens um 16 Uhr in Braunschweig losfahren hätte sollen, „geduscht, geduzt und ausgebuht“, um mit Max Goldt zu sprechen.

Nachdem Natascha, Petra und ich uns im Nebel des Brocken aber auf Heinrich Heines Spuren zu weit Richtung Ilsenburg gewagt hatten und uns so, als wir das korrigierten, hinter dem letzten Läufer fanden, war dieser ehrgeizige Zeitplan nicht zu schaffen und in solchen Situationen knickt stets meine Psyche ein und ich sinke herab von meiner „Läuferwolke Nummer 7“ in die Gefilde der Normal-Menschen, die sowieso nicht verstehen, warum ich so viele Dinge gleichzeitig versuche. Und wenn ich dann „normal bin“ und über mich nachdenke, dann sehe ich das genauso – und steige aus.
Im Falle des Brocken-Ultra bedeutete das, das ich insgesamt 30 Kilometer innerhalb der Strecke ausgelassen habe, um dann wieder 20 Kilometer vor dem Ziel erneut einzusteigen und den Rest des Weges in Ruhe nach Hause zu tippeln.
Immerhin habe ich am Sonntag immerhin insgesamt etwas mehr als 48 Kilometer hinter mich gebracht, ich bin pünktlich, entspannt und glücklich in Bonn beim Abendessen gewesen, ich habe „Kilometer gefressen“ für die TorTOUR de Ruhr – alles war gut.

Am meisten gefreut hat es mich allerdings, dass Carsten A. Mattejiet am Samstag Abend mit seiner Familie auch in der Jugendherberge von Schierke war. Auch wenn wir in einem Punkt meiner Vorbereitung für den Marathon des Sables unterschiedlicher Auffassung waren, so sind wir doch beide einigermaßen ordentliche Vertreter der großen Familie der Ultra-Läufer, jener Gemeinde, in der eigentlich nur nette Menschen zu finden sind.
Carsten und ich sind auch bei FACEBOOK als Freunde verbunden und es tat richtig gut, am Samstag Carsten tief in die Augen zu sehen, seine Hand zu drücken und zu wissen, dass wir auch im „real life“ Freunde sind.
Und für diese Erfahrung brauchten wir weder Hexen noch die Walpurgisnacht, aber so etwas am „Blocksberg“ zu erleben ist doppelt schön.

Die Nacht der Entscheidung in Lilienthal …

Vor dem Marathon des Sables, dachte ich Mitte der Woche, sollte ich wenigstens ein Mal noch eine der “langen Kanten” laufen. Im Februar und März allerdings gibt es nicht allzu viele Alternativen. Da gibt es am 7. März den 6-Stunden-Lauf von Stein/NL, aber das ist eher zu wenig, vielleicht 60 km, vielleicht ein wenig mehr. Und es gibt den schönen DURAVIT-Erlebnislauf am 19. März, ein wunderschöner Landschaftslauf über immerhin 65 Kilometer durch den prächtigen Schwarzwald, gespickt mit einigen Höhenmetern.
Im Vorjahr habe ich diesen Lauf genießen dürfen, aber ob es dieses Jahr klappen wird, weiß ich nicht.
Und da gibt es am 20. März den KIENBAUM 100 Lauf in Berlin, allerdings bin ich an dem Wochenende in Rom und eine Woche später gibt es die 100 Kilometer von Kelheim, aber das halte ich für zeitlich zu knapp vor dem MdS.

Da kam mir der 100 Kilometer bzw. 100 Meilen Lauf  “X-BIONIC®” von Carsten A. Mattejiet in Lilienthal bei Bremen gerade recht. Ein Lauf, der in der Vollmond-Nacht vom Freitag, 26. Februar 2010 auf den Samstag, 27. Februar 2010 stattfinden sollte. Start war um 20 Uhr, ein Zeitlimit für die 100 Kilometer konnte ich in der Ausschreibung nicht finden, das Zeitlimit für die 100 Meilen sind 30 Stunden, also alles recht gemächlich, fand ich.
Überhaupt wirkte die Veranstaltung für mich schon wegen des exotischen Namens relativ professionell und so startete ich gegen 14 Uhr, um mich durch die vielen Freitags-Staus auf der A1 zu kämpfen. So früh loszufahren war eine wirklich gute Entscheidung, eine bessere als die, von der A1 über Recklinghausen auf die A43 Richtung Münster auszuweichen, um dann bei Münster-Süd wieder auf die A1 aufzufahren. Wenn man “vom Regen in die Traufe” kommen kann, dann habe ich das gestern erlebt.

Aber ich war Punkt 19 Uhr in Lilienthal, also eine Stunde vor dem Start, eine perfekte Punktlandung, fand ich. Vor dem Reihenhaus der Mattejiets stand ein offenes schwarzes 3×3 Meter Zelt, eindeutig der Startpunkt des Laufs. Die Grundbedingung des Laufs kannte ich schon von der Internet-Ausschreibung her, es war ein „Pendel-Lauf“, die Strecke hatte 8,1 Kilometer bis zum Wendepunkt und dann ging es ebenso weit zurück, zusammen also 16,2 Kilometer, nach 6 mal hin- und 6 mal herlaufen hast Du also 97,2 Kilometer auf dem „Tacho“, also musst Du noch eine kleine Ausgleichsrunde laufen, um die 100 „voll zu machen“. Das wollte Carsten uns dann noch sagen und zeigen, aber er hat es dann vergessen …

Schon beim Ankommen hatte ich viele Gründe, mich zu wundern. Meine Frage nach einem Toilettchen wurde mit dem Hinweis auf die Nutzung einer Ecke des Sportfeldes beantwortet, das schöne Reihenhaus hatte wohl keine Gästetoilette. Als Läufer und als Mann bin ich es ja gewöhnt, die Hecken dieser Welt zum Blühen zu bringen und in Laufkleidung habe ich auch keine Probleme damit. Aber in den zivilen Klamotten, die ich noch anhatte, schämte ich mich schon ein wenig, als eine alte Dame mit zwei kleinen Hunden vorbeikam und kopfschüttelnd vorüberging.
Danach frage ich nach einem Platz zum Umziehen. Carsten deutete mit norddeutscher Gelassenheit auf das 3×3 Meter Zelt und sagte ein knappes: „Da!“
Nun muss ich auch die Hosen wechseln und ich trage beim Laufen niemals eine Unterhose darunter, deshalb entschied ich mich für die Wechselstation „Auto“. In meinem Wagen kümmerte ich mich auch noch um meine Zehennägel, um das Einfetten der problemhaften Hautpartien und um das Abkleben der Brustwarzen. Es war eng im Auto, aber es ging.

Die wenigen Läufer, die da waren, wurden nicht miteinander bekannt gemacht, die Stimmung war bremerisch hanseatisch unterkühlt, dem Wetter entsprechend, fand ich. Und wenn Du ins Teufelsmoor rauslaufen sollst, dann solltest Du auch keine Sonne im Herzen tragen, sondern mit gedämpfter Stimmung Deine Meilen abspulen. Im Norden ist halt vieles anders, dachte ich mir. Köln, sagte ich zu mir, ist zwar die schönste Stadt der Welt, aber eben nicht das Vorbild für andere Städte. Wie schade …

Richtig überrascht aber war ich, als uns gesagt wurde, dass es nur einen einzigen Helfer gab. Der saß am Ende der Strecken, am Wendepunkt, die Wende am Start blieb unbesetzt, die Folge wäre gewesen, dass überhaupt „kein Schnack“ möglich gewesen wäre, keine Abwechslung nach jeweils ca. einer Stunde Lauferei. An Musik wollte ich ja gar nicht denken, diese Hoffnung wurde mir ja schon sehr früh genommen.
Du solltest an beiden Wendepunkten aber immer Deine Ankunftszeiten an den einzelnen Wenden auf ein Zettelchen eintragen. Wehe dem, der ohne Uhr unterwegs war, denn der Veranstalter konnte oder wollte keine Uhr neben das Zettelchen stellen. Aber das waren alles Randprobleme einer Frage, die sich mir aufdrängte, seitdem ich Lilienthal erreicht hatte:

„Was will ich hier? Wo bin ich da hingeraten?“

Ein Streckenbriefing gab es nicht, auch bekamen wir keinen Steckenplan. Zwar war mir die Strecke noch aus dem Internet einigermaßen präsent, aber „in realitas“ ist dann doch alles ganz anders, so anders, dass ich mich schon beim Zurücklaufen verlaufen hatte. Aber dazu später. Dafür aber gab es ein Lied, ein Hexenlied, zelebriert von Carstens Tochter, ein kleines Highlight an einem traurigen Abend, fand ich. Und es gab einen Start im Marathontempo. Mindestens. Und alle rannten wie blöd hinter Carsten her, wahrscheinlich, weil alle genau wie ich Sorge hatten, den kaum gekennzeichneten Weg nicht zu finden. Sechs Minuten acht Sekunden für den ersten Kilometer, 5 Minuten 45 Sekunden für den zweiten Kilometer und 5 Minuten 25 Sekunden für den dritten Kilometer….

Ich hatte schon vor dem Start überlegt, gar nicht erst dieses Abenteuer anzugehen und ich zermarterte das bißchen Gehirn, das ich habe, was ich tun sollte, aber ich entschied mich, zumindest zu schauen, wie denn die Strecke aussieht, zumindest das bißchen der Strecke, das man im Dunklen erkennen kann. Aber das, was ich erkennen konnte, war nicht schön. Und es roch nicht gut, mal roch es nach Pferden, mal nach Moor, immer roch es aber irgendwie nicht nach Köln. Die Strecke wiederum war komplett geteert, die entsprechende Straße wiederum war von der Kälte und dem Schnee der vergangenen Wochen her noch in einem erbärmlichen und renovierungsbedürftigen Zustand, es gab sogar ein vierhundert Meter langes Teilstück, wo die Teerschicht abgetragen war, der holprige Untergrund zu sehen war und wahrscheinlich schon bald eine neue Teerdecke darauf gegossen wird. Bald, aber eben noch nicht jetzt.
Und so liefen wir auf Asphalt zwischen Wasserpfützen und Schlaglochern hindurch und ich – ich litt.

Das kurze Ausgleichsstück zum Ende, das Carsten uns noch zeigen wollte, hat er vergessen zu erwähnen, als wir daran vorbei gelaufen sind, andererseits wären mir Streckenmarkierungen auch wichtiger gewesen. Dann hätte ich kontrolliert mit einer 6 Minuten 30 Sekunden Zeit pro Kilometer starten und diese Pace halten können, so aber musste ich hinter Carsten herlaufen, viel zu schnell für so einen langen Lauf.

Und ich dachte nach, was ich bei diesem Lauf will und was für mich an diesem Abend richtig ist. Ich überlegte sogar noch, ein Zimmerchen zu mieten und am nächsten Tag den Marathon zu laufen, der am Samstag vormittag ausgeschrieben war. Oder einfach langsam zu laufen, mich irgendwann ins Auto zu setzen und das mitgebrachte Federbett zu genießen, um dann entspannt am nächsten Tag weiter zu laufen, denn Liegemöglichkeiten wurden von Carsten nicht angeboten, nicht in dem schönen Reihenhaus und auch nicht in dem 3×3 Meter Zelt davor.
Wenn ich die Übernachtungslösung gewählt hätte, dann wäre der Samstag weg gewesen und eine gewertete Laufzeit von vielleicht 18 Stunden für einen 100km-Lauf motiviert mich auch nicht wirklich.
Nein, zumindest sollte ich unter der 7er Marke von 11 Stunden und 40 Minuten bleiben. Das ist die 100km – Durchgangszeit bei der 24-h DLV Challenge in Delmenhorst aus dem Vorjahr gewesen, die normalen 100er-Läufe habe ich bisher in 11 Stunden 19 Minuten, 10 Stunden 43 Minuten und 10 Stunden 51 Minuten hinter mich gebracht und diese Zeiten will ich nicht signifikant verschlechtern.

„Was will ich hier? Wo bin ich da hingeraten?“

Und ich überlegte, was es mir bringt, 16,2km, 32,4km oder 48,6km zu laufen. Nichts. Keine Wertung, kein Finish, dafür aber ein Ende des Laufs gegen 22 Uhr, Mitternacht oder sogar zwei Uhr nachts. Und dann geht es noch vier Stunden Richtung Heimat! Wofür das alles?
Ich dachte an die Aussage von Carsten, dass seine Kinder einen ganz leichten Schlaf hätten und wir deshalb sehr ruhig sein sollten am Wendepunkt „Home“ und ich war richtig froh, dass ich Carsten nicht meine Wertsachen zum Einschließen gegeben hatte, sonst hätte ich sie wohl nicht vor dem nächsten Morgen zurück erhalten und hätte entsprechend laufen müssen.
Und ich überlegte, dass ich alles andere wie Gastfreundschaft erlebt hatte, eher Gleichgültigkeit den Läufern gegenüber, außer natürlich dem „Gerebelten“ gegenüber, den 30 EUR Startgeld, die allerdings nicht dafür ausgereicht hatten, genügend Becher zu besorgen, also sollten wir unsere Pappbecher nach Möglichkeit öfters benutzen und irgendwo abzustellen. Die Idee, den Läufern persönliche Becher auszugeben und somit auf Pappbecher zu verzichten, wie es beispielsweise beim UTMB gemacht wurde oder, ganz legendär mit faltbaren Bechern, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte, beim KiLL50.

Es war dann bei Kilometer vier, als ich beschloss, mich erst unauffällig nach hinten fallen zu lassen, um dann die Stirnlampe auszumachen, mich weiter nach hinten abzusetzen und klammheimlich und ohne Reue den alleinigen Rückweg anzutreten, um dann auf den Zettel bei der Heim-Wedemarke zu schreiben: „SORRY, ABER DAS IST WIRKLICH NICHT MEIN DING HIER!“

Ich dachte an die beiden Ameisen aus dem Gedicht von Joachim Ringelnatz und lief insgesamt rund 8 der geplanten 100 Kilometer.
Auf den kleinen Rest der Reise verzichtete ich, genauso weise.

Es war die Nacht der Entscheidung in Lilienthal, nicht in Altona auf der Chaussee, aber ich war glücklich, als ich noch vor 21 Uhr wieder auf der Autobahn war, um kurz nach Mitternacht wieder zu Hause zu sein.

Ich weiß nicht, was die beiden Ameisen am nächsten Tag nach ihrem Lauf getan haben, ich habe mich auf das konzentriert, was ich noch mehr liebe als das Laufen: auf meine Familie.

Das einzige, was mir noch bleibt, ist DANKE zu sagen. DANKE an die beiden Ameisen, die mir mit ihrem Beispiel Vorbild waren …