Family Affairs …

Was ist in den letzten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren nicht schon alles über die Brocken-Challenge geschrieben worden. Die Geschichte des Laufs ist interessant, aber auch bekannt und die Geschichte des Brocken mit der Walpurgisnacht, den Hexen und mit den Erzählungen von Heinrich Heine? Auch interessant, aber auch schon oft beschrieben, auch schon hier in diesem kleinen Blog.

Also schreibe ich darüber, was die Brocken-Challenge 2014 für mich war.
Die Brocken-Challenge war wie so oft ein großes Familientreffen, das wussten wir alle, nachdem wir einmal kurz auf die Starterliste geschaut haben. Und da gab es Namen nachzulesen, dass einem schwindelig wurde, so schön war das. So viele aus unserer kleinen Familie hatten Glück, ich jedenfalls habe nur sehr wenige Posts lesen müssen von Freunden, die bei der Lotterie leer ausgegangen waren.Bei Veranstaltungen wie der Brocken-Challenge, die natürlicherweise durch eine behördlicherseits definierte personelle Obergrenze limitiert sind und die dazu noch so etabliert, so schön und so sozial sind wie die Brocken-Challenge, müssen Startplätze nach dem Lotterieprinzip vergeben werden, leider.
Dabei war neben der reinen Lotterie auch das Beantworten der Frage, warum man glaubt, an dieser Brocken-Challenge teilnehmen zu müssen, von großer Wichtigkeit. Mir hat es auch Spaß gemacht, kurz aufzulisten, dass mir die veganen und die sozialen Aspekte des Events von besonderer Bedeutung sind. Und damit diese Antworten nicht einfach nur für den jeweiligen Tag bestehen, sondern damit deren „Halbwertszeit“ länger ist, sind ausgewählte Antworten sogar in die Form eines Büchleins gepresst worden. Wer also zu Ostern noch etwas Lustiges verschenken mag, der sollte sich über dieses Büchlein Gedanken machen.

Und die meisten der Starter siehst Du schon, wenn Du Deine Startunterlagen abholst. Oder später dann, beim gemeinsamen Abendessen. Stefan Beckmann war der Erste, den ich drücken und herzen durfte. Er „machte den Hasen“ für Michael Frenz, den ich aber erst hinter der Ziellinie sah. Jens Vieler war da zum Beispiel, den ich seit dem Mt. Everest Marathon nicht mehr gesehen hatte. Und auch Ricarda Bethke hatte ich seither nicht mehr gesehen. Ihr Mystery Trail Event konnte ich zum zweiten Mal hintereinander nicht besuchen, es ist halt die Hauptsaison in meinem Beruf, leider.
Ich war aber rundum glücklich, die beiden mal wieder zu sehen und ich habe wohl gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, was Ricarda gleich dazu veranlasst hatte, zu sagen, dass ich „frisch verliebt“ und „glücklich“ aussehen würde.
Frisch verliebt?
Ich schluckte etwas und schüttelte spontan den Kopf. Dann aber dachte ich, dass das doch gar nicht so falsch sei.
Frisch verliebt – und das seit nunmehr fast 30 Jahren. Liebe ist halt doch etwas wie das Ultralaufen. Sie bedeutet ständige Arbeit, eifriges Training und gelegentlich auch mal den einen oder anderen Schmerz. Unter dem Strich aber ist sie grandios und jedes Stück Arbeit wert.JensVor der Halle traf ich Christoph Matterne, wie immer unverkennbar mit seinem Propeller wie Astrid Lindgren’s „Karlsson auf dem Dach“. Mit Christoph hatte ich schon ein paar Stunden zuvor per Facebook gechattet, weil ich, ungewöhnlich für mich, viel zu früh schon in Göttingen war. Ihn habe ich zuletzt bei der Brocken Challenge 2011 gesehen, aber es war so, als wäre die Zeit dazwischen still gestanden. Facebook ist doch ein unglaubliches Mittel, auch mit den Menschen verbunden zu bleiben, die man nicht oft sieht.
Bei diesem Chat empfahl er mir, doch erst einmal in die Göttinger Innenstadt zu fahren und alles ganz ruhig angehen zu lassen.
Was ich dann auch tat.Christoph2Foto: Frank Mölders – (https://plus.google.com/…)

Rolli, den Dealer von „Wat Läuft“, traf ich dann wieder in der Halle. Er sah wie immer großartig aus, bunt, auffällig, eben typisch Rolli. Er war gleich „mit Verstärkung“ angereist und insgesamt sechs LäuferInnen teilten sich die Anreise aus Wattenscheid. Mit Andreas Bulling habe ich seinen siebten Platz vom Vorjahr diskutiert und mit Günter Kromer habe ich intensiv über das World Wide Web geredet, über Blogs und über Web-Portale.RolliFoto: Frank Mölders – (https://plus.google.com/…)

Gabi Kenkenberg, die am darauf folgenden Tag einen neuen Streckenrekord für Frauen laufen sollte, hatte ich schon vom Göttinger Bahnhof abgeholt und wir haben natürlich vor allem den PTL besprochen. Und die wichtigsten Dinge im Leben, unsere Kinder. Die sind uns doch immer näher und präsenter als wir glauben.

Da war natürlich auch noch Martin Ottersbach, der mir seine Erlebnisse beim Spine Race geschildert hat. Er analysierte seine Fehler wie immer brilliant. Zu viel Gepäck hat er dabei gehabt und ihn behinderte diese und jene falsche Vorabeinschätzung.
Wir alle kennen das ja, Du stellst Dir einen Lauf, den Du nicht kennst, so oder so vor. Oft liege ich dann deutlich falsch. Und so hast Du die falsche Ausrüstung dabei, zu viel von dem und zu wenig von jenem.
Martin wird wiederkommen zum Spine Race. Und er wird diese Fehler nicht erneut machen.
Und dann wird er siegen gegen die unerbittliche Uhr, gegen die Cut-Off Zeiten, dann, vielleicht 2015.
Aber eine richtige Alpenwanderung werde ich mit ihm hoffentlich schon vorher mal machen. Da weiß er so viel mehr darüber als ich und gerne lerne ich hier dazu.MartinFoto: Karsten Hogh-Holub – (karsten@hogh-holub.de)

Florian Schöpf, der Importeur der wunderbaren INOV-8 Schuhe für Deutschland und Österreich, war auch da. Ich muss schon einräumen, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass er mich noch kennt. Wir hatten vor einigen Jahren mal ein „Survival-Wochenende“ unter anderem mit Michael Neumann bei Münnerstadt verbracht. Er war schnell wieder da, der Spirit von damals, die Erinnerung an eine kalte Nacht unter einer in Bäume gespannten Plane. Welch ein Glück habe ich doch, so etwas mit ihm erlebt zu haben.FlorianFoto: Karsten Hogh-Holub – (karsten@hogh-holub.de)

Und da war auch noch der stets freundliche und lustige Klaus Dahlbeck. Seit ich ihn am Morgen des Nachtlaufs von Hagen nach Hattingen kennen gelernt habe, haben wir uns schon einige Male gesehen, zuletzt, wenn ich mich recht erinnere, beim UTMB und seinem Besuch im „Deutschen Haus“. Das Laufen verbindet doch sehr und er macht es ja allen Menschen leicht, mit ihm zu kommunizieren.BC9Foto: Frank Mölders – (https://plus.google.com/…)

Frank

Foto: Tobien-Images.de –     (www.tobien-images.de)

Frank Kleinsorg sah ich dann erst, als ich wieder zum Auto ging. Auch er, immerhin Halter des Streckenrekords bei den Herren, begrüßte mich mit einer Herzlichkeit, die mich begeistert hat. Beim anschließenden Lauf habe ich ihn, der ja durch seinen Unfall dieses Jahr nicht mitlaufen konnte, an etlichen Verpflegungsposten gesehen. Stets hat er ein, zwei warme Worte für mich gehabt und ich hatte den Eindruck, dass es in unserer Familie nicht unbedingt notwendig ist, durch gute Leistungen aufzufallen.
„Familie ist …“ sang ja Nena mal. Läuferfamilie ist … eben auch.

Tanja Niedick zu sehen, die bedauerlicherweise nicht mitlaufen konnte, die es sich aber nicht nehmen lassen wollte, als Supporterin am Rennen teilzunehmen, war auch ein Herzenswärmer. Wir haben uns ja erst vor einem knappen Jahr beim NordEifelUltra (NEU) kennen gelernt, beim Ebberg brutal hat sie mir läuferisch gezeigt, dass ich manchmal doch ein alter Mann bin, aber trotz der kurzen Zeit hat jede Begegnung etwas Besonderes, dank ihrer unglaublich positiven Ausstrahlung.

Hände schütteln und Menschen umarmen war also neben dem Abholen der Startnummer eine Hauptbeschäftigung in der Halle des Sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Göttingen.
Und sich zu freuen auch.

So viel Wärme und Geborgenheit kann einem eben nur die Familie geben …
Welt, lass‘ Dich umarmen, welch‘ ein Tag …

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Foto: Casimir Matterne

Über den Lauf selbst schreibe ich an dieser Stelle dann das nächste Mal …

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Danke für dieses Jahr 2013


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Mein Laufjahr 2013 war ähnlich wie der „Zug des Lebens“ in diesem YouTube-Video.

Ich saß in meinem Abteil und nahm wie jeder andere seinen Weg nimmt, meinen Weg. Dieser führte mich über das India Ultra Race in den indischen Kerala-Bergen, besucht vorwiegend von neuen französischen, belgischen und singapurianischen Freunden, unter anderem nach Andorra, ins österreichische Pitztal, zum schweizer Eiger und zu Günter Kromer ins schöne Baden.
Vor dem TransGranCanaria durfte ich drei Wochen lang auf dieser imposanten Insel Urlaub machen, dann ging mit Frank Nicklisch an und um den Müritz-See, es gab Nachtläufe in der Eifel, auf der berühmten Treppe in Radebeul, bei Gerhard Börner’s JUNUT und auch einige lange Nächte in England beim Thames Ring Race, dem bisher zeitlich und entfernungsmäßig längsten Lauf meines kleinen Sportler-Lebens.
In Nepal rückte ich menschlich eng mit Henk Sipers zusammen und in Chamonix lernte ich viele Bewohner des Deutschen Hauses entweder besser und näher oder sogar ganz neu kennen. Der Lauf war dabei für mich ein genauso freudig prägendes Erlebnis wie das Erleben dieser wunderbaren Menschen. Noch heute trage ich das rot-weiße UTMB-Bendelchen um mein Handgelenk, um mich ständig an diese vielleicht schönste Woche des Jahres 2013 zu erinnern.

Manch einer von Euch ist in diesem Jahr in mein Abteil eingestiegen, einige haben es aber auch verlassen. Manche haben nur kurz herein geschaut, manche sind gerne darin sitzen geblieben. Jeder, wie er es mag. Gerne hätte ich mein Abteil weiter aufgemacht für den Einen oder Anderen und auch manche hätte ich gerne daran gehindert, mein Abteil zu verlassen, aber im Leben müssen wir alle den Weg gehen, der uns vorbestimmt ist, der für uns gut ist und der uns weiter bringt.

Manch einen habe ich in meinem Abteil ungerecht behandelt, nicht ausreichend gewürdigt oder sogar seine Erwartungen nicht erfüllen können oder wollen. Ich bin jedoch dankbar, dass es einige von Euch gab, die eingetreten sind und noch immer in meinem Abteil verweilen und die mit ihrer Aufmerksamkeit und Freundlichkeit dieses Abteil wärmen und die damit dafür sorgen, dass ich hoffe, dass es für diese Fahrt niemals ein Ziel, ein Ende geben möge.

Neben den Erfolgen und Glücksgefühlen in diesem Jahr gab es natürlich auch die kleinen und großen Enttäuschungen. Jin Cao und Niels Grimpe-Luhmann haben eine davon aus der Nähe erlebt. Der Darmvirus (Giardia-Lamblia-Infektion), den ich mir aus Nepal mitgebracht habe, hat mir in Andorra und in der Schweiz den Lauf verleidet und mich zum Abbruch gezwungen, im Pitztal habe ich mich deswegen gleich entschlossen, „nur“ den kleineren Lauf zu wagen.

Jetzt schaue ich gespannt aus dem Abteilfenster, strecke meinen Kopf in die Kühle des Fahrtwinds und schaue gespannt und mit Freude nach vorne. Und ich sehe da zuerst den kleinen privaten KoBoLT, den ich mit Andreas Haverkamp gemeinsam rein privat ablaufen werde. Vom 11. Januar auf den 12. Januar sehe ich uns auf dem Rheinsteig zwischen Koblenz und Bonn, die gute Tradition fortsetzend, die wir auf Gran Canaria begonnen und mit dem kompletten Hermannsweg fortgesetzt haben.
Schon kurz danach sehe ich mich unter anderem mit Joe Voglsam um den Neusiedler See laufen, 120 hoffentlich schneereiche Kilometer meist auf österreichischen, teils aber auch auf ungarischem Staatsgebiet. Es wird eine hervorragende Möglichkeit sein, mich bei Joe für die Unterstützung und bei fitRabbit für die zusätzliche Power zu bedanken, die mich schon ein Jahr lang anschiebt und motiviert.

Ein wenig weiter vorne sehe ich dann den hohen und wahrscheinlich tief verschneiten Brocken, auf dem nicht nur die Hexen Walpurgisnacht feiern, sondern wir auch mit einer ganzen Heerschaar an hervorragenden Läufern ein gemeinsames Gipfelfest feiern werden, alles zum Wohl derer, die weniger Glück im Leben haben wie wir.
Und um diesem Gedanken der Nächstenhilfe gerecht zu werden, sehe ich mich im Juli, weit hinter den Läufen auf Gran Canaria, auf dem Hermanns- und dem RheinBurgenWeg, auf dem ich auch 2014 wieder den Einen oder Anderen von Euch begrüßen darf, im Altmühltal und an der Ruhr, hinter dem Trail Yonne im schönen Burgund und dem GUCR im sommerlichen England, eine große Runde um Köln und Koblenz laufen, um erneut Gelder zu sammeln für den Bonner Bunten Kreis, dessen Grenzen sich im neuen Jahr im Norden bis nach Köln und im Süden eben bis nach Koblenz ausdehnen werden. Jeder Euro, der dabei erlaufen werden wird, wird dann vor allem Frühchen und ihren Familien helfen, mit ihrem Schicksal besser umgehen zu können und ein glückliches und normales Leben leben zu können.

Und direkt danach sehe ich schon die hohen Berge Andorras, die Alpen zwischen Sölden und Meran und ganz weit hinten am Horizont sehe ich durch den Dampf der Lokomotive in der Ferne den majestätischen Mont Blanc. In 2014 will ich mir endlich die Finisher-Weste des PTL abholen und das gemeinsam mit Jörg Kornfeld und einer dritten Frau oder einem dritten Mann, die oder der aber bisher noch nicht gefunden sind. Aber es ist hier so romantisch wie bei einer Verlobung: versprochen sind wir schon!

Und auch in 2014 werden wahrscheinlich einige neue Freunde in mein Abteil einsteigen und auch dann werden einige wieder gehen.
Ich aber hoffe, dass Du, der Du Dich im Moment in meinem Abteil befindest, noch ein langes Weilchen bleibst und mich mit Deinen Hinweisen, Deiner Kritik und Deiner Aufmerksamkeit unterstützt.

Ich sage Dir DANKE FÜR DIESES JAHR 2013 und ich wünsche Dir und mir eine GUTE REISE … !

UTMB für Runaways …

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Wenn ein Engel herunter geschwebt kommt vom großen Berg, in diesem Falle vom Weiler Bovine, und wenn Dir dieser Engel dann ein Geschenk anbietet, dann musst Du dem Himmel oder dem Wahnsinn nahe sein …

„Nein, ich gehe auf keine Finisher-Zeit,“ sagte ich Tom Dörner. Schlimm genug, dass er gewonnen hat!
„Ich setze 50 EUR auf Deinen Start,“ hat er gesagt. Aber niemand hat dagegen gehalten, auch ich nicht. Die Oberschenkel fühlten sich noch bis Donnerstagmorgen an wie feste Schienen, erst die Wanderung mit Uwe Herrmann zum „Refugio Belle Lachat“ lockerten sie auf. Aber die Knie und die Kniescheiben wackelten wie Pudding herum. Und richtige Lust zu starten hatte ich eigentlich auch nicht.
Eher war es die Überlegung, nichts mit mir anfangen zu können, wenn alle beim CCC oder UTMB laufen und ich ziemlich alleine im „Deutschen Haus“ herum lungere. Und wieder nur surfen? Facebook, bis die Fingerkuppen qualmen? Nein, dachte ich, dann doch lieber laufen gehen!
UTMB
Die Organisatoren hatten mir mit ihrer Mail am Donnerstagnachmittag die letzten Sorgen genommen, nicht starten zu dürfen. „Wer sich noch nicht eingeschrieben hat, der möge es morgen früh ab 9.00 Uhr bitte tun!“ Also tat ich es.
Es war leichter als befürchtet. Niemand fragte mich wegen des Starts beim PTL, wie auch, bei 2.300 Startern? Aber wenn man die Einschreibeprozedur des PTL hinter sich gebracht hat, dann stellt man fest, das die gleiche Prozedur beim UTMB ein Vielfaches an Zeit benötigt. Alles wird detailliert kontrolliert. Und Du läufst von Pontius nach Pilatus, um erst einen Schein zu erhalten mit Deinen Daten, dann die Materialkontrolle über Dich ergehen zu lassen, das Bändchen für das Handgelenk zu erhalten, das Plastikfähnchen an den Rucksack zu bekommen, die Startnummer und das Starterpack zu erhalten, das Starter-T-Shirt ausgehändigt zu bekommen und noch das nette Sackerl des UTMB für Deine Abfälle abzugreifen, das dann an Deinen Rucksack montiert werden soll.
Mir hätte die Startnummer und das strahlend blaue Starter-T-Shirt schon genügt. Aber das Shirt war schon sehr, sehr wichtig.
Nach den guten Jahren 2009 und 2010 gab es ja manche Geschmacksverirrung im Starter-T-Shirt Design, 2013 aber ist das Shirt wieder ein Traum. Gut, dass ich zwei Mal gestartet bin. Zwei Starts – zwei Shirts, so gehört sich das!

Der 4er Club der UTMB-Starter des „Deutschen Hauses“ setzte sich schon um 14.30 Uhr Richtung Startlinie in Bewegung. Na ja, eigentlich war es gar kein 4er Club, eher ein 2x2er Club. Zwei Rennhasen, Axel, der am Ende eine unglaubliche Zeit abliefern sollte und Gerald auf der einen Seite und zwei Rennschnecken, Marius, der sich selbst wegen seiner Knieprobleme nur eine 50%-Chance gegeben hatte, das Ding zu finishen und ich auf der anderen Seite.
Und wir warteten geduldig vor dem Start auf dem Boden sitzend. Selbst hier wurden manche noch stichprobenartig auf die Vollständigkeit der Pflichtausrüstung kontrolliert. Na ja, alles, was ablenkt, ist gut und hilft, dass die Zeit schneller vorbei geht.
Aber das zog sich hin und erst vielleicht 15 Minuten vor dem Start, alles stand natürlich schon wieder, begann das Kribbeln im Bauch, die Nervosität und der Wille, dieses Ding auch ein zweites Mal zu finishen.

Ich hasse eigentlich die zweiten Läufe.
Bei der TorTOUR de Ruhr hatte ich 2010 die 230 K finishen können, trotz großer Hitze und immenser Schmerzen. 2012 hat wieder etwas weh getan und dann war nach 100 Kilometern Schluss für mich. Nein, Jens Vieler, das passiert mir nicht noch einmal! 2014 musst Du mich wieder im Ziel bei der berühmten Stele empfangen.
Beim KoBoLT konnte ich in der ersten Edition bei klirrender Kälte finishen, ein Jahr später hatte ich schon nach 35 Kilometern mehr Lust, mit Günther Brun Bahn zu fahren und zu quatschen.
Wahrscheinlich ist es das: beim ersten Mal bist Du bis in die Haarspitzen motiviert und Du willst Dir beweisen, dass Du es kannst. Beim zweiten Mal weißt Du, dass Du es kannst. Die Frage ist nur, ob Du es wirklich noch einmal willst.
KarteAber den UTMB wollte ich wirklich noch einmal. Spätestens als „die Musik“ spielte, als sich die 2.300 Läufer in Bewegung setzten und Du gefeiert wurdest wie ein Star. Der Start beim PTL war schon „Emotion pur“, der Start beim UTMB 2013 war einfach unbeschreiblich. Ich würde mich immer wieder dort anmelden, nur, um diesen Start erleben zu dürfen. So viel Gefühl, so viel Begeisterung!
Mit einem Mal sind alle Gedanken an das, was zu Hause an Problemen auf Dich wartet, weg geblasen und Du bist beseelt von dem Wunsch, die Vorschusslorbeeren, die diese Menschen Dir auf den ersten zwei Kilometern gegeben haben, auch wirklich zu verdienen.
Ich hätte den Menschen in Chamonix nicht mehr in die Augen sehen können, wenn ich dieses Rennen ohne triftigen Grund nicht gefinished hätte. Zudem kam dazu, dass schon die ersten Finisher des TDS im Ziel waren. Und die hatten die Weste!
Die Weste des UTMB ist ja eines der am besten gehüteten Geheimnisse dieser Welt. Selbst die Nachfrage bei der NSA hilft da kaum weiter. Aber spätestens, wenn der erste Finisher des TDS im Ziel ist, ist das Geheimnis gelüftet. Und dieses Jahr war das Geheimnis rot! Strahlend rot!
Die Weste passt so schön zum strahlend blauen Starter-T-Shirt! Es ist einfach wunderbar.

Ich begann locker trabend, aber etwas zügiger als 2009. Aber ich hatte immer eine kleine Bremse im Kopf. So viele machen sich schon auf dem Weg nach Les Houches kaputt. Aber was kannst Du auf den ersten 7,6 Kilometern denn gewinnen? Vielleicht 10 Minuten. Aber was kannst Du hinten heraus verlieren?
Das gilt auch für den ersten Abstieg. Abstieg ist da eigentlich nicht der richtige Ausdruck, Abfahrt trifft es besser. Es ist eine ordentlich steile Skipiste, die ich im Winter wohl kaum ohne Päuschen durchfahren würde. Aber bergab laufen scheint ja so einfach zu sein. Und viele, so viele, sind ohne Rücksicht auf Knie, Oberschenkel oder sonstige Verluste da runter gespurtet, als gäbe es kein morgen mehr, keine weiteren vielleicht 150 Kilometer!

Ansonsten gibt es wenig zu schreiben über diesen Lauf bei mir. Das rauf und runter schien weniger als 2009 zu sein, vielleicht weil 9.600 Höhenmeter heute nicht mehr so gewaltig klingen wie damals, vielleicht auch, weil nach den Erlebnissen des PTL die „Bergautobahn“ des UTMB mehr dem Auslaufen als dem Anstrengen zu dienen schien.
Und alles war gut – bis kurz vor Courmayeur.

Ich war ja auch bestens vorbereitet. Als ordentlicher Trail-Maniak hatte ich auf neue Stöcke gesetzt, auf die leichtesten, die es zurzeit gibt, auf die FIZAN-Stöcke. Sie kamen gerade noch rechtzeitig vor meiner Abreise nach Chamonix, schade, dass ich sie heute nicht mehr habe. Aber dazu später.
Und ich habe mich ja dem Fanclub der CLIF BARS angeschlossen, das schrieb ich ja hier an dieser Stelle nach dem Pitztal Gletscher Marathon schon. Und weil ich ja ursprünglich vorhatte, vor dem UTMB erst ein paar Bergtrainingstage einzulegen, habe ich von den fünf leckeren Sorten jeweils vier CLIF BAR Riegel mit nach Chamonix gebracht.
Und zuletzt hatte ich vor allem für die zweite UTMB-Nacht bei unser aller „Dealer“, dem großartigen Rolli von WAT LÄUFT, einige Ampullen des Wachhalters Activator aus dem Hause Sponser bestellt. Da ist so ziemlich alles drin, was mit -in aufhört: Koffein, Taurin, … auch eine gute Wahl, die ich schon in den beiden Nächten des PTL getestet hatte.

Aber auch FIZAN-Stöcke haben so ihre Grenzen. Kurz vor Courmayeur auf dem schmalen Waldweg runterwärts, gar nicht an einer extrem steilen Stelle, sondern eher in einer gemäßigten, die Gedanken schweiften ab, ich fragte mich, ob Eric Tuerlings vielleicht dort zu Besuch wäre, da fädelte ich an einer Wurzel ein, stolperte und konnte mich nicht mehr fangen. Ich sah einen großen Baum auf mich zukommen und drehte ab, den Abhang hinunter. Dort fiel ich dann auf den Rücken, zum Glück durch den Rucksack abgefedert. Und da lag dann ein abgesägter Baumstamm. Es ging alles so schnell und instinktiv. Ich stoppte mit dem linken Fuß an dem Baum, schüttelte mich, zählte meine Extremitäten, alle waren noch da. Nur einer der Stöcke fehlte. Nach knapp der halben Strecke und als passionierter Stöckeschieber musste ich auf einen Stock verzichten. Mehr noch als die Wunde am Rücken, die ich in Courmayeur versorgen ließ, schockierte mich diese Situation und der Verlust enorm und bremste mich auf Stunden ein.
Du glaubst gar nicht, wie vielen Läufern ich danach erklären musste, warum ich nur einen Stock dabei hatte!
ProfilAus Courmayeur heraus lief ich auf Gabi Kenkenberg auf und wir beide beschlossen, lange Zeit zusammen zu laufen. Für Gabi, die auf ebenen Strecken sämtliche Rekorde dieser Welt knacken kann, war es nach dem CCC im Vorjahr der erste wirklich lange Berglauf und ihr ging es sichtlich schlecht. Mir auch, aber eher wegen des Sturzes. Mittlerweile wurde ich beim Kopf drehen immer wieder an den Sturz erinnert, der Nacken tat weh, der Rücken schmerzte und ein Stock war weg.
Und Gabi und ich trabten und trotteten die Berge rauf und runter.
Am einem sonnenbeschienenen Berg ohne Büsche und Bäume, dafür mit hohen Temperaturen, großer Müdigkeit und sinkender Motivation, ich glaube, es war der Grand Col Ferret, mit 2.537 Metern höchster Punkt des UTMB, konnte und wollte ich Gabi nicht mehr halten. Ich musste ein paar Minuten ruhen, mich die Wege hinauf quälen und ich hatte das Gefühl, dass mich in dieser Phase Hunderte anderer Läufer überholten. Aber dann war ich auch dort oben und – alleine.

Immer, wenn es rauf ging, kannst Du Dir sicher sein, dass es auch wieder runter geht. Und dann auch wieder rauf. Verpflegungspunkte gibt es zu Hauf beim UTMB, Höhenmeter auch. Und irgendwann kam der Berg, an den ich mich nur mit Grausen erinnern kann. 2009 war der Bovine richtig schwer und steil, enorme Steinstufen waren zu überwinden. Nach einem Regenjahr schrieb Rainer Wachsmann über diesen Berg einmal, er sei „Körperverletzung“. Und dieser Berg kam. Ich habe mir vorher noch in einem Vorsorgungszelt die sich anbahnenden Blasen am linken Fuß versorgen lassen, dabei hatte ich auch den anderen Stock versehentlich stehen lassen. Jetzt war ich also komplett auf mich alleine gestellt. Und das vor dem Bovine.
Die Organisatoren hatten ja schon geschrieben, dass es den Versorgungspunkt auf dem Bovine nicht mehr geben würde, man solle sich essensmäßig und von den Getränken her doch darauf einstellen. Aber direkt vor dem Berg standen drei vielleicht 8-jährige Mädchen, die Spaß daran hatten, die Läufer mit Wasser zu versorgen. Ein kleines Wunder, eines von zweien, das diesen Berg zu meinem Freund werden ließ.
Und als ich die ersten Meter nach oben gelaufen war und den Berg als wesentlich unproblematischer erlebt hatte, kam Engel Gabi Kenkenberg mit einem japanischen Läufer von oben. Sie hatte ein schmerzverzerrtes Gesicht und erzählte mir, dass der Rumpfbeuger nicht mehr mitspielen würde. Sie müsste hier und jetzt aussteigen.
Und sie fragte mich, ob ich mir ihre Stöcke ausleihen wollte! Das zweite Wunder des Bovine. Aber klar doch, nur mal her damit.
Bis dahin dachte ich immer, dass Engel weiße Flügel haben, es gibt sie aber auch in einer Läufer-Edition.

UTMBNun, wieder mit Stöcken, war der Bovine ein eigentlich einfacher Berg. Aber ich schickte bei den nächsten beiden Abstiegen ein Stoßgebet nach oben. Abstiege ist dabei eigentlich nicht das richtige Wort für die Strecken runter nach Trient und nach Vallorcine, die Dinger sind so steil und so wenig griffig, dass Du wirklich froh bist, dass Du Stöcke hast und irgendwann tatsächlich unten bist. Welcher Landschaftsarchitekt sich bei der Planung und dem Bau dieser Berge eine solch üble Passage ausgedacht hat?

Trotzdem war ich dann froh, in Vallorcine zu sein. Seit dem Aufstieg zum Catogne war ich auch nicht mehr alleine gewesen. Jörg, ein Schweizer, kam mir auf dem Weg nach oben entgegen. „Was machst Du denn?“ fragte ich ihn. Und er antwortete vergeistigt, dass er müde wäre, aufhören würde und in Trient schlafen würde. Ich redete auf ihn ein wie auf ein unartiges Kind. „Nein,“ sagte ich, „das machst Du nicht. Du gehst jetzt mit mir auf den Berg, dann wieder runter und schläfst in Vallorcine. Du hast mehr als genug Zeit für das Laufen und das Schlafen.“ Jörg folgte artig. Oben dann, auf dem Berg, war ich froh um ihn, weil ich so müde wurde, mich immer wieder auf die Stöcke stützen musste und in Trance irgendwelchen Blödsinn erzählte. Mehr lallen als ich dort kann auch kein halbwegs ambitionierter Alkoholiker.
Später dann, in Vallorcine, war Jörg dann nicht mehr müde. Schlafen wollte er nicht mehr, also sollte es gleich weiter gehen. Aber Schweizer sind ja eher gemütlich. Bis wir uns wieder weiter bewegt hatten, das dauerte. Und ich hatte mir ausgerechnet, dass wir mein eigentliches und erstes Ziel, die Strecke unter 40 Stunden zu bewältigen, erreichen konnten. Aber Jörg war langsam. Für einen, der in 24h 230 Kilometer laufen kann, der den Halbmarathon in unter 1:30 Stunden ablaufen kann, war er doch sehr, sehr langsam. Ich blieb das flache Stück bis zum Col des Montets bei ihm und dann wurde es wirklich steil. Die üblen Steinstufen waren an diesem Berg, nicht da, wohin meine Erinnerungen sie gepackt hatten.

Aber Dank des Geschenks des absteigenden Engels war ich schnell und ich nahm keine Rücksicht mehr auf den immer langsamer werdenden Schweizer. Ich wollte sicher gehen, unter 40 Stunden einzulaufen, da durfte ich kein Risiko mehr eingehen. Rauf auf den Tete aux Vents, immer in Gedanken an das Jahr 2009, wo ich diese Strecke im Sonnenschein mit Lars Schläger hochgestiefelt bin. Ich wusste noch, dass Du da immer denkst, gleich oben zu sein. Und wenn Du dann scheinbar oben warst, dann ging es noch weiter und noch weiter …
Oben überholte ich noch eine Gruppe Läufer und dann begann ich diesen Berg zu hassen. Eine Steinwüste, nichts war mit Laufen oder Tempo machen, es ging Ewigkeiten von großem Stein zu großem Stein und die Zeit verrann. Noch eine Kontollstelle, noch ein Versorgungspunkt, noch zwei kleinere Anstiege. Und dann ging es abwärts.
Meine Füße, mittlerweile von drei Rot-Kreuz-Leuten begutachtet, waren voller Blasen und schmerzten wie noch nie. Tausend Gründe, langsam zu machen. Aber ich hatte kaum mehr als 38 Stunden auf der Uhr und es waren vielleicht noch 9 Kilometer abwärts, vielleicht noch 10 Kilometer. Vielleicht geht da noch was, die 39 Stunden-Marke schien erreichbar.
Blasen hin, Schmerzen her, der letzte Abstieg darf schmerzen!
Wenn Du drin bist, dann gibt es keinen Berg mehr, Du brauchst keine Reserven mehr. Und so lief ich Trail. Wie ein Trail-Maniak so schnell, wie ich Trails eigentlich nie laufe. Und ich überholte einen Läufer nach dem anderen. Da waren zügige Läufer dabei und Läufer, die sich kaum mehr bewegen konnten. Und vor mir war ein guter Trail-Läufer. Er machte die Geschwindigkeit, ich folgte auf Abstand.
Es war die vielleicht schönste Dreiviertel Stunde meines Lebens. Wir rasten gemeinsam den Wald-Trail hinab, passierten alle und jeden, Läufer, die ehrfürchtig zur Seite gingen, als sie uns anfliegen hörten. Und dann kam der letzte Abschnitt vor Chamonix, die breite Waldautobahn.
Der Trail-Läufer vor mir, ein Franzose, war mir auf der Autobahn vollkommen unterlegen. Ich zündete den Turbo, genau an der Stelle, wo ich 2009 nur noch tippeln konnte und ich rannte und rannte und rannte. Ich ließ ihn einfach stehen, überholte einen weiteren Läufer, der es mir sehr schwer machte und dann kam die Straße.
Und die Staße in Chamonix ist lang.
Ich hatte mittlerweile Zeiten von 4:30 Minuten pro Kilometer, aber ich wusste nicht, wie weit es noch war. Und da kam dann der erste Bogen.
Unmittelbar ein paar Meter vor dem Bogen überholte ich noch einen Italiener und ich sah den Zeitnahmebalken unter dem Bogen. Und ich bekam ein schlechtes Gewissen.
Überholen nach 168 Kilometern fünf Meter vor dem Bogen gehört sich nicht. Also stehen bleiben, die Hand des Italieners greifen und gemeinsam durch das Tor laufen.
Trail-Maniak_LogoAber er korrigierte mich und sagte, dass das erst der Vorbogen wäre. Noch ein weiterer Kilometer! Und er schickte mich los und ich gab wieder Gas. Rechts an der Strecke stand Julia, unser Trailschnittchen und feuerte mich an. Und ich rannte und rannte und rannte wie noch nie nach 100 Meilen. Als die 39 Stunden um waren war ich gerade beim Hotel Alpina und es ging nach rechts ein paar Meter bergauf.
Die Luft war jetzt leider ein wenig raus, also ein paar Meter gehen und verschnaufen. Und dann wieder gebremst Fahrt aufnehmen. Die Fußgängerzone entlang, nach rechts Richtung Start-/Zielbogen und dann nach 39:03 Stunden richtig glücklich rein.

Es hat gar nicht weh getan, das mit den drei Minuten. Ich freute mich, fühlte mich wie im „7. Himmel“, ich wollte endlich meine strahlend rote Weste haben und ich wartete noch ein Weilchen auf andere Läufer.
Ich war tatsächlich richtig glücklich. Die Füße schmerzten zwar sehr, aber der Verstand war so klar und rein wie der Morgen. Trailschnittchen kam, wir warteten noch auf den Einlauf von Marius aus dem „Deutschen Haus“ und dann gingen wir gemeinsam nach Hause.
Erst duschen, dann frühstücken.
Tränen rollten auf dem letzten Weg zum „Deutschen Haus“ mal wieder über meine Wangen, aber es war einer der schönsten Momente meines Lebens.
Nach dem Abbruch beim PTL hatte ich mir doch noch eine Weste erlaufen können. Und nur für diese Weste laufen wir ja.
Ich glaube, ich ziehe sie nie wieder aus …

UTMB Abschlussfoto  3

(klicken zum Vergrößern …)

Das Deutsche Haus in Chamonix

„There was a house in Chamonix, they called the German House …“
Deutsches Haus Als ich 2012 für The North Face ein wenig über deren Läufer und meinen alten Trans Alpine Run – Laufpartner Heiko Bahnmüller schreiben durfte, lernte ich zuerst Judy Ng, die für Denis Wischniewski’s Trail Magazin schrieb und dann ihren Lebenspartner Thomas Bohne kennen. Thomas ist ein junger und sehr schneller Läufer, auch in der unsäglich nassen Nacht von Chamonix 2012. Und Judy, Thomas und ich verstanden uns spontan ausnehmend gut.
Anschließend blieb ich den beiden über das Blog www.thomasbohne.com verbunden und las da von mancher Verrücktheit, vom Laufen im Land von Dschingis Khan, vom Projekt Rim2Rim2Rim, das Thomas von der Südseite des Grand Canyon (South Kaibab Trail) quer durch denselben auf die Nordseite (North Kaibab Trail) und wieder zurück (Bright Angel Trail) geführt hat. Außerdem gibt es dort Berichte über „Hong Kong – zu Fuß in China“ und über Trailrunning in Beijing. Lauter interessante und außergewöhnliche Themen also. Ein wirklich lesenswertes Blog.
DHAußergewöhnlich war auch die Idee der beiden, mitten in Chamonix ein „Deutsches Haus“ einzurichten. Mit der Unterstützung des Trail Magazins, von Patagonia, Erdinger Weißbier Alkoholfrei und 4Deserts.com wurde also ein großes Chalet gemietet, in das sich deutsche Athleten und Medienvertreter einmieten konnten. Und ich war wohl der erste Läufer, der dafür zugesagt hatte. Dabei ging es den beiden darum, eine Anlaufstelle für die doch relativ wenigen vor Ort weilenden deutschen Teilnehmer zu schaffen. Eben so, wie man es beispielsweise auch von den Olympischen Spielen kennt.

Ich wusste anfangs noch nicht, wer sonst noch alles sich dort im Haus aufhalten würde, ich wurde aber dann sehr positiv überrascht. Viele Mitbewohner kannte ich schon lange zuvor, Da war zum Beispiel die Läuferlegende, der Abenteurer, Bergsteiger und Läufer Gerald Blumrich, der unter anderem auch etwas über seine Besteigung des „tödlichsten Bergs der Welt“, des Mt. McKinley verriet oder der stets gut gelaunte Marathon4you und Trailrunning.de Texter Bernie Manhard, bei dessen 50. „Marathon und länger“ im Karwendelgebirge ich dabei sein durfte und der aber mittlerweile auch schon deutlich auf die magische 100 Marathon – Grenze zusteuert.
Manche kannte ich nur vom Namen her aus Facebook, das war Tom Dörner, der sich, sehr engagiert, die ersten Sporen auf wilden und langen Trails, in diesem Fall auf dem des CCC (Courmayeur – Champex – Chamonix) verdienen wollte. Insgesamt liefen übrigens vier Chalet-Bewohner diesen CCC.
Natürlich waren auch Judy und Thomas da, einige andere, die ich alle lieb gewinnen konnte, später kam sogar noch Trailschnittchen Julia Böttger für ein paar Nächte, es waren aber auch – und das fand ich etwas ganz Besonderes – unzählige Gäste da, die entweder zur Patagonia Pasta Party erschienen sind, beim 4Deserts Vortrag anwesend waren oder die einfach so mal diesem Haus, dieser Institution ihre Aufwartung machen wollten, um einen Tee, ein Glas Wein oder ein alkoholfreies Weizenbier zu genießen.
Unter den Gästen war auch der schnelle Thomas Wagner, der angeblich nur unsere Waschmaschine gebraucht hatte. Er kam auf einen Drink und einen Gruß, um gleich weiter zu fahren zum Start des Trans Alpine Run 2013, wo er dort schon einen Tag später als TEAM 357 mit Denis Wischniewski die Konkurrenz ordentlich aufmischen wollte.

Das „Deutsche Haus“ war also meine Bleibe für eine komplette Woche in Chamonix und die Überlegung, die ich hatte, war, nach einem Eingewöhnungstag am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag ein wenig in die Berge zu gehen, um mich für den UTMB (Ultra Trail du Mont Blanc) zu akklimatisieren, noch ein wenig Höhenmeter zu sammeln und sonst einfach eine gute Zeit zu haben.
Aber wie heißt es im Musical „Elisabeth“ an einer Stelle?
„Was nützt ein Plan, ist er auch noch so schlau, er bleibt doch immer Theorie. Und nur das eine weiß man ganz genau: so wie man plant und denkt, so kommt es nie! „
Wie wahr, denke ich heute, wenn ich nachträglich an diese unglaubliche Woche denke.
ElisabethAls ich am Sonntag vor dem UTMB am frühen Abend endlich in Chamonix ankam, brauchte ich schon eine Weile, um das „Deutsche Haus“ zu finden. Eine verdächtige schwarz-rot-goldene Fahne hat mir aber schließlich doch verraten, welches der vielen Chalets damit gemeint war. Außer Judy, Thomas und Marius Keil war noch niemand da, ich bezog mein Einzelzimmer, richtete mich ein und gewöhnte mich langsam an das weiche und sehr hohe Bett.
Und ich telefonierte. Ich hatte erst wenige Tage zuvor erfahren, dass das einzige deutsche Laufteam beim PTL (La Petite Trotte à Léon) um eine Person verkleinert war und ich überlegte, ob ich diesen Makel ausgleichen könnte und am Montagmorgen gegen 11 Uhr entschieden Eric Tuerlings, Uwe Herrmann und ich, dass wir das gemeinsam wagen wollten.
Wunderbar für mich auf der einen Seite, ein wenig schade war es aber auch um die Nächte im „Deutschen Haus“, um das Runningevent, das vom Patagonia-Laden in Chamonix für den Dienstagmorgen vorgesehen war, um die Pastaparty, um die vielen Gäste und um all die schönen Erlebnisse, die man in solch einer großen und einschlägig interessierten Runde haben kann.

Und so verabschiedete ich mich am Montagabend auf die maximal 136 Stunden lange Strecke des PTL. Und ich wurde verabschiedet – von allen Bewohnern dieser neu gegründeten „WG“. Und ich sagte Thomas, dass es schade wäre um mein nun nicht mehr genutztes Bett und dass er dieses gerne weitergeben könne.
Welch ein Glück, dass dies nicht schnell genug geschah, denn schon am Mittwoch war ich zum Frühstück wieder in meinem Zimmer.
Die Mitbewohner des Chalets staunten nicht schlecht, als sie mich, zusammen gefallen wie ein Häufchen Elend, zum Eingang traben sahen und mancher fragte mich sofort, ob ich denn nun doch den UTMB laufen würde.
Tom Dörner wagte sich am weitesten aus der Deckung, als er rief: „50 EUR, dass Du startest!“
Er wusste nicht, dass ich genau darauf gehofft hatte. Aber noch wusste ich ja nicht, ob das überhaupt möglich sein würde. Also antwortete ich stets damit, dass mein Startplatz weg sei und außerdem würde ich nicht glauben, dafür noch Courage und Motivation aufbringen zu können.
Aber ein kurzer Blick auf die Internetseite und ich wusste, dass ich tatsächlich noch auf der Starterliste des UTMB stand, der Platztausch mit dem verletzten Michael Eßer, dessen Platz ich im PTL Team einnahm, hatte nicht dazu geführt, dass ich beim UTMB von der Starterliste genommen wurde. Welch ein Glück!

Und so gönnte ich mir einen harmonischen Mittwoch in unserer WG, am Donnerstag wanderte ich mit Uwe Herrmann auf das Refugio „Bel Lachat“, um bei herrlichstem Wetter auf den grandiosen Mont Blanc zu blicken und am Freitag tat ich alles dafür, um am Spätnachmittag erneut starten zu können. Da mussten zuerst die drei Dropbags des PTL abgeholt werden, damit ich überhaupt Wäsche zum Anziehen und Wechseln haben würde. Dann musste die Einschreibung für den UTMB vorgenommen werden und eine neue Dropbag musste gepackt und abgegeben werden.
Dann ging es zum Mittagessen wieder ins „Deutsche Haus“ und anschließend warteten wir alle gemeinsam darauf, dass es endlich 16.30 Uhr werden möge, damit wir vier UTMB-Starter Chamonix wieder verlassen konnten.

Bei all dem dachte ich mir, dass meine ganzen Rochaden, der spontane Start beim PTL mit dem späteren Abbruch, die Wandertage und dann der Start beim UTMB zum Schluss, nicht möglich gewesen wären, wenn Judy und Thomas nicht diese fantastische Idee mit dem „Deutschen Haus“ gehabt hätten.
Ein wunderbares Haus, fein eingerichtet, internettechnisch auf höchstem Niveau, eine harmonische und liebevolle Bewohnerschaft, zumindest ab dem Mittwoch auch bestes Wetter, es hat einfach alles gestimmt in dieser Woche, in diesem Chalet, mit diesen Menschen.

Ich verneige mich in Dankbarkeit und Zuneigung und hoffe, dass diese Woche nicht die letzte gewesen sein mag, die uns zusammen vergönnt war.
UTMB Abschlussfoto 1
Und 2014?
Vielleicht gibt es dann von jemand Anderem eine Fortsetzung dieser großartigen Idee, einen anderen Anlaufpunkt für Medienvertreter und Athleten, für Freunde und Fans, einen neuen Punkt, wo man sich begegnen und austauschen kann.
Das wäre doch auch ein wirklich schlauer Plan, oder?

Der Mann, der bei uns Hans Esser war …

Am 1. Oktober 2012 feierte Günter Wallraff seinen 70. Geburtstag.
Aus diesem Anlass wurde sein Buch „Der Aufmacher – Der Mann, der bei BILD Hans Esser war“ neu aufgelegt und das endlich in einer unzensierten Version.
BILDDieses Buch schrieb bei der Ersterscheinung 1977 Presse- und Verlagsgeschichte und schlug wie eine Bombe ein. Es war Günter Wallraffs legendärer Bericht aus dem Innern der Bild-Zeitung, Wallraff beschreibt in diesem Buch, was er als Bild-Reporter „Hans Esser“ erlebte.
Und der Springer-Konzern schlug zurück, setzte Spitzel und Detektive auf ihn an, verleumdete Wallraff als »Lügner«, »Psychopathen« und »Untergrundkommunisten« – und klagte in mehr als einem Dutzend Verfahren gegen den »Aufmacher«. Obwohl der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht Wallraff am Ende in entscheidenden Punkten Recht gaben, blieben viele Passagen in dem Buch verboten.
Dass sich Wallraff damals auch mit Geldern von „ganz unten“ finanzieren ließ, also von der „Staatssicherheit“ der ehemaligen DDR, schmälert nicht seinen Erfolg. Das Buch war und bleibt ein Glanzstück des investigativen Journalismus und wir alle wünschten uns mehr davon.

„Der Mann, der bei uns Michael Esser war“ hätte auch meine Geschichte heißen können, eine Geschichte, die sich um Stolz und Erfolg, um Scheitern und Aufstehen dreht, eine Geschichte von guten Freunden und von drei Menschen, von denen einer noch ein wenig verrückter ist als der andere. Aber nun mal alles der Reihe nach …

Es begann mitten in der Nacht beim Einladungslauf von Martin Urlaub auf einem Teil des Westfalenwegs von Schwerte nach Hattingen. Ich konnte arbeitstechnisch bedingt erst ab der Tankstelle zur Gruppe stoßen, die den ersten Verpflegungspunkt bildete. Und dort hörte ich, dass das Team der „schleichenden EMUs“ beim PTL 2013 zerbrochen ist. Michael Esser hatte sich vor Wochen schon aus dem Team verabschiedet. Und alle wussten es, nur ich nicht.
Ich hatte noch einen Tag zuvor mit Uwe Hermann in einer anderen Sache telefoniert und keinen Ton davon erfahren, wahrscheinlich, weil er dachte, dass ich diese Situation sicher kennen würde.
2011 hatte ich mit Uwe Hermann, dem „U“ der „EMUs“ und Eric Tuerlings, dem „E“ der „EMUs“ ein Erkundungswochenende im Aostatal verbracht und wir hatten uns, welch ein Wunder, weder gegenseitig die Gabeln ins Fleisch gestochen noch sind wir uns danach aus dem Weg gegangen. Nein, es war ein fantastisches Wochenende, an das wir uns alle noch heute gerne erinnern. Zwar hatte es 2011 beim TdG dann für Eric und mich nicht zum Finish gereicht, Uwe aber erledigte das mit Bravour und Eric korrigierte dieses Scheitern in 2012 mit seinem Finish an gleicher Stelle. Nur ich blieb ein Gescheiterter.
Aber wenn Michael Esser, der das „M“ zu den „EMUs“ beisteuern sollte, nicht laufen kann, vielleicht kann ich dann der Michael Esser des PTL-Team der „schleichenden EMUs“ sein, dachte ich. Und dann diesen Wahnsinnslauf mit diesen tollen Jungs finishen, das wäre doch was!
Offiziell ummelden ging zwar nicht mehr, die Fristen dafür waren knapp verpasst. Aber es gibt ja immer noch ein Leben außerhalb von offiziellen Regeln und Regularien.

Uwe und ich gingen also zum Boss des gesamten UTMB-Events, zu Jean-Claude, mit dem ich vor Jahren schon einmal beim Frühstück saß und ein paar Worte wechseln konnte. Wenig genug, dass er mich nicht mehr kannte, aber dennoch ausreichend, dass in seinem Hinterkopf eine Ahnung von Bekanntheit entstand. Er sagte sofort zu und wir änderten den Namen Michael Esser in Thomas Eller und änderten auch die Telefonnummern, die bei der Organisation für jeden Läufer hinterlegt waren.
Ob es an der Zustimmung von Jean-Claude lag, an der immens ähnlichen Namesgebung von Michael und mir oder ob es einfach ein Versehen war, dass ich mit der Einschreibung beim PTL nicht aus der Starterliste des UTMB gestrichen wurde, weiß ich nicht, es war jedenfalls so, dass ich auch weiterhin noch als UTMB-Starter geführt wurde.
Auf dem „Dossart“, der Startnummer, stand aber Michael Esser. Da war ein Neudruck in so kurzer Zeit nicht möglich, also war ich im Team der „schleichenden EMUs“ der Michael Esser und so ging es mit den beiden nach „ganz oben“.PTL

Der PTL, der „kleine Spaziergang des Léon“, startete am Montagabend um 22 Uhr. 91 Teams nahmen daran teil, die meisten als Dreierteams, manche aber auch nur als Zweierteams. Eine eher kleine Veranstaltung also, aber der Start war tatsächlich atemberaubend. Nicht nur, dass alle, wirklich alle Mitbewohner des „Deutschen Hauses“ in Chamonix da waren, um dem einzigen deutschen Team die Daumen zu drücken, wobei der nominelle Niederländer Eric wegen seiner langen Wohntradition in Deutschland der Einfachheit halber von uns eingebürgert wurde, was ja auch gewissermaßen zu Recht geschah, immerhin wollen meisten der wenigen Einwohner von Reichweiler, dass Eric deren Bürgermeister sein sollte. Eric hat mit seiner Arbeit dort und auch mit dem K-UT, dem Keufelskopf-Lauf, diesem Städtchen so viel Sympathie gebracht, dass Reichweiler nun zumindest in Trailrunnerkreisen eine Art Mekka des Traillaufens geworden ist, ein unübersehbarer Punkt auf der Trail-Landkarte, der vor Eric einfach nicht präsent war. Und wenn im kommenden Jahr beim K-UT auch noch die offizielle DUV-Meisterschaft im Traillaufen ausgetragen wird, dann erhebt sich Reichweiler noch höher über die unzähligen anderen Kleinstädte, deren Trails unbelaufen, unbeweint und unbezwungen im Dunkeln vor sich hin trauern.

Die ganze Stadt Chamonix war auf den Beinen, um die 91 Teams auf ihre lange Reise zu schicken, 91 Teams, von denen allerdings die meisten nicht ankommen würden, das war von Anfang an klar. 49 Teams schafften die ungefähr 288 Kilometer lange hochalpine Strecke, die „schleichenden EMUs“ aber waren nicht darunter. Schade, wirklich schade. Dieser Traum zerplatzte sehr früh wie eine Seifenblase, die gerade eben noch in großer Stärke regenbogenfarbig schimmerte und dann nach einem kleinen „Plopp“ in sich zusammen fällt.
Dass dieser Bewerb so viel Beachtung bei der dortigen Bevölkerung findet, hätte ich nicht gedacht und mir kamen schon die Tränen, als wir kilometerweit durch ein Spalier von Menschen gelaufen sind, die uns alle „courage“ gewünscht haben, die applaudierten, winkten und jubelten. Kinder hielten ihre Hände zum Abklatschen hin und manche der Zuschauer standen erst in der Fußgängerzone und sind dann schnell noch den Berg nach oben gelaufen, um uns erneut zu sehen, als wir nach einer Biegung dort ankamen.PTL

Dass unser Team und unsere Situation von Anfang an unter keinem guten Stern stand sei aber auch erwähnt. Kaum waren wir aus Chamonix heraus und verschwanden im Wald, wollte ich die Stirnlampe anschalten, aber nichts tat sich. Später tauschte ich dann die Batterien aus, weil ich dachte, dass sich diese entladen hätten, wieder tat sich nichts. Die zweite Stirnlampe hatte ich im Auto gelassen und dafür lieber eine LED Stablampe mitgenommen, ideal zum Leuchten und Suchen, aber in Verbindung mit Treckingstöcken war das keine gute Alternative.
Am Ende lösten wir das Problem mit einer Mischung aus der Verwendung der Stablampe, teilweise bin ich in Erics Lichtkegel gelaufen und irgendwann habe ich Erics Ersatz-Stirnlampe bekommen. Dafür ist man ja ein Team, aber meine Sorgen wuchsen.
Sie wuchsen auch, weil Eric einige fatale Sätze sagte. Ob er das nur zu unserer Motivation tat oder wirklich daran glaubte, weiß ich nicht, ich jedenfalls empfand manches als unpassend und unüberlegt. Der Satz, der mich am meisten irritierte, war dabei dieser: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, hier nicht zu finishen!“
Ich konnte das schon. Und als Eric dann vorschlug, wir sollten nicht auf die Schlusszeit Sonntag 14 Uhr zielen, sondern auf ein Finish am Samstagabend, da wurde mir richtig unwohl. Uwe würde ich so etwas zutrauen, bei Eric war ich mir da gar nicht sicher. Zwar ist er hartnäckig, konsequent und zäh, aber er ist, wie ich, eher langsam. Und bei mir fielen mir die vielen Tausend Höhenmeter ein, die ich in der Vorbereitung auf den UTMB 2013 nicht gemacht hatte.

Bedingt durch den Darmvirus aus Nepal war ja in Andorra statt nach 170 Kilometern schon nach 20 Kilometern Schluss, beim Pitztal Gletscher Event habe ich mich von der 95 Kilometer Distanz schon vor dem Event auf die Marathonstrecke zurückstufen lassen und beim Eiger Ultra Trail war schon nach 16 Kilometern Schluss, weil der Virus wieder zugeschlagen hatte. Und dann sollten wir beim PTL schnell sein?

Für die erste Nacht auf den Dienstag war Regen vorhergesagt, zu unserer großen Freude blieb es aber trocken. Und am Dienstag wurde es sogar warm, fast heiß. Erst als wir gegen 14 Uhr vom Berg herunter zum tiefsten Punkt des gesamten Parcours herunter gekommen waren, zu dem Punkt, an dem Eric im Vorfeld eines von insgesamt fünf Verstecken eingerichtet hatte, Verstecke, in denen sich eine 1,5 Liter Flasche Coca-Cola, TUC Kekse, M&M Snacks und Mars Riegel unf für Eric eine Flasche Bier finden ließen, begann es dann doch zu regnen und wir zogen die verschwitzten Sachen aus und die Regensachen an. Und nach einer kleinen Pause ging es weiter, von da an nur noch rauf.

War der Weg bis dahin sehr gewöhnungsbedürftig, da waren Klettersteige, die Dich langsam gemacht haben, auch, weil sich ständig Schlangen davor bildeten. Immerhin waren einige der Läufer eben keine Bergsteiger und hatten schlichtweg Angst. „Gelbe Nummernschilder“ eben, gewissermaßen, ohne den Niederländern zu nahe treten zu wollen. Und da waren auch Leitern, Spalten, über die gesprungen werden sollten und Steinpassagen, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Das Resulat für uns war, dass wir sage und schreibe 13 Stunden und 45 Minuten für unseren ersten von etwa sieben Marathons brauchten. Der Besenwagen beim Berlin-Marathon wäre da schon zwei Mal vorbei gefahren gewesen.

Es ging also nur noch rauf und das im ständigen und stärker werdenden Regen. Und Eric schwächelte sichtlich. Als ich ihm eine für mich wichtige und lieb gewordene Nachricht erzählen wollte, wollte er die gar nicht hören und verwies darauf, dass es ihm wirklich nicht gut gehen würde. Ähnliches hat er dann auch Uwe erzählt. Uns beiden hatte er aber nicht verraten, wo seine Probleme lagen, das erfuhren wir erst ganz am Ende, nach knapp 60 Kilometern, also unwesentliche 228 Kilometer vor der Ziellinie.
Erst ging es eine Schotterstraße herauf, dann einen steilen Waldtrail. Dann folgte ein Trail durch niederes Gebüsch, der teils waagrecht verlief, teilweise anstieg. Und irgendwann waren wir dann an einer etwa 150 Meter hohen und etliche Kilometer langen Steinwand, die man nur über einen Klettersteig bezwingen konnte.
Ich ging mit Uwe zügig herauf, wir beide sind schon seit Kindesbeinen an auf solchen Klettersteigen gewandert. Dafür muss ich heute wohl noch meine Eltern um Verzeihung bitten, weil ich die damaligen Bergtouren eher in die Schublade „Things, I hate to do“ gepackt hatte. Heute sind sie das Fundament für einige Bergläufe und das habe ich auf diesen 60 Kilometern des PTL wieder gemerkt.
Oben warteten wir auf Eric und stellten uns an einer Hütte unter, deren Dachüberstand so klein war, dass Du nur dann nicht nass wurdest, wenn Du stramm an der Hüttenwand standest. Beim späteren Umziehen, beim Anziehen der warmen Schicht, wurdest Du permanent nass, was aus der „trockenen, warmen Schicht“ eine klamme, kühle Schicht machte. Immerhin besser als die nasse, kalte Schicht, die wir uns im Dauerregen erlaufen haben und die uns enorm frieren ließ.
Stehen bleiben und warten ist halt doch nicht immer leicht.

Als Eric kam, zog er sich auch um und erzählte uns davon, dass er sich „einen Wolf gelaufen“ hatte – und das direkt zwischen den Pobacken. Hirschtalg hätte das verhindern können, dachte ich, aber es war nun mal geschehen. Und er cremte sich ein und hoffte, als John Wayne o-beinig den kleinen Rest der Reise bewältigen zu können. Die Diskussion, ob wir aussteigen sollten oder nicht, hatte aber schon begonnen. Eric hatte die Frage zuerst gestellt, ich hatte sie nur gedacht. Als Gast des Teams wollte und konnte ich sie nicht formulieren, aber da oben frierend hatte meine Motivation schon deutlich abgenommen.
Am Ende hatten wir uns jedoch darauf geeinigt, doch weiter zu laufen, aber es war viel Zeit vergangen, sehr viel Zeit. Und nach weiteren vielleicht 200 Metern musste Eric einräumen, dass es für ihn definitiv nicht weiter gehen konnte. Er bot Uwe und mir an, als Zweierteam weiter zu laufen, das wollte ich aber nicht. Uwe ist ein sehr guter Läufer und ich hätte mich ständig unter Druck gefühlt. Im Dreierteam mit Eric wusste ich, dass mal er, mal ich die Bremse waren, das verteilt den Druck und gibt Dir Motivation, wenn Du auf den anderen warten musst.
Außerdem glaubte ich nicht an Erics Aussage, dass da eine Straße nach unten existieren würde. Und ich hatte Recht. Wir suchten und fanden – nichts. Am Ende stiegen wir im Dunklen über den Klettersteig ab. Eric wurde von uns dann kurzerhand ausgebürgert, bekam sein gelbes Nummernschild zurück und verhielt sich dann auch so. Aus dem starken Bär war ein verunsicherter Läufer geworden, der sichtlich Angst vor jedem Schritt hatte. Uwe und ich waren froh, ihn dann irgendwann nach unten geschleust zu haben.

Wenn ich mir vorstelle, wir wären weitergelaufen, dann hätten wir den Tracker mitbekommen und Eric wäre unbemerkt vielleicht gestürzt und keiner hätte es gemerkt. Ich bin so froh, dass wir die Entscheidung so getroffen haben, wie wir sie getroffen haben, obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass Uwe mit der Situation stark hadern muss. Eric kann sich ja noch beim TdG den Frust von der Seele laufen und der Fehler der Organisation, mich beim UTMB nicht zu streichen, gab mir die Chance einer Revanche. Für Uwe, unseren besten Läufer allerdings, gab und gibt es keinen „Entfruster“.

Nach dem Klettersteig folgte der Trail durch das Gebüsch und den steilen Trail durch den Wald wollten wir durch einen langen Spaziergang auf der Straße umgehen. Das wiederum bedeutete 12 Kilometer kaum abfallende Straße und wir waren gegen 2.30 Uhr wieder im Dörfchen, das zwar einen Bahnhof, aber keinen Traffic mehr hatte. Kein Taxi, kein Bus, die Kirche abgeschlossen, die Parkbänke aber waren frei. Und sie wurden bei 12 Grad Temperatur unser Domizil.
Wir froren also kräftig, bis gegen 5.40 Uhr das Café eines einfachen Hotels öffnete und wir endlich wieder etwas Wärme erfuhren, eine heiße Schokolade trinken konnten und so warteten wir bis 7.40 Uhr auf den ersten Zug nach St. Gervais und dort dann auf den Zug nach Chamonix.

Mit leeren Händen, geknickt und gescheitert kamen wir dann dort an. Der Tracker, der ständig unsere Position verriet zeigte denen, die zwischen 14 Uhr am Dienstag und 2 Uhr am Mittwoch nicht auf unsere Position geschaut haben, an, dass wir uns scheinbar 12 Stunden lang nicht bewegt hätten. Am Ende waren also 75 Kilometer auf meiner Uhr verzeichnet und Eric, Uwe und ich waren müde und traurig.
Jetzt waren wir „ganz unten“.
Die restlichen vier Verstecke, die Eric an der Strecke eingerichtet hatte, sind wohl heute noch da. Wenn Du also mal die Strecke des PTL abläufst, dann schaue doch hinter jeden Stein – es könnte sich lohnen …

Das „Deutsche Haus“ in Chamonix

Deutsches Haus

Wenn Du die Teilnahme am UTMB planst, dann kommen üblicherweise die gleichen Fragen.

 Schaffe ich das überhaupt?
Welche Rennstrategie wende ich an?
Schlafe ich während des Rennes oder besser nicht und wenn ja, wo und wie oft?
Auf welches Material verlasse ich mich während des Laufs?

Und dann kommt Dir noch eine Frage in den Sinn, die auch sehr wichtig ist:
Wo wohne ich in und um Chamonix an den Tagen vor und nach dem Rennen?

Diese letzte Frage habe ich in den letzten Tagen sehr inspirierend beantworten dürfen. Ich wohne im Deutschen Haus in Chamonix – und das schon vom Sonntag, den 25. August bis zum Sonntag, den 01. September an.

Was ist das Deutsche Haus überhaupt?

Das Deutsche Haus ist der zentrale Treffpunkt für deutsche Athleten, deren Familien und Freunde sowie Medienvertreter und Sponsoren. Das Haus befindet sich zehn Gehminuten vom Zentrum von Chamonix entfernt und lädt während der Wettkampfwoche zu gemeinsamen Veranstaltungen und Aktivitäten rund um den Trail ein.
Und ganz nebenbei wohnen auch ein paar von uns Ultraläufern dort. Und einer davon darf ich sein.DH1

Es ist dabei nicht, wie manche unterstellen, das alkohlfreie Erdinger Weißbier, warum ich mich so sehr auf diese Woche freue, es ist die Gesamtheit der Gäste, der vielen Besucher, der anwesenden Medien, die schönen Räumlichkeiten und die hervorragenden Relax-Möglichkeiten, die diese Woche zu einem kleinen Traum werden lassen.
2012 wohnte ich ja schon ähnlich exklusiv im Hotel der THE NORTH FACE Kollegen, 2013 will ich, dann ohne den immensen Termindruck wegen der vielen Pressekonferenzen, die 2012 abgehalten wurden, in Ruhe meine Mitte finden, mich auf den Lauf vorbereiten, die gemeinsamen Events dort wahrnehmen und auch wissen, wo mein Bett steht, wenn ich dann nach hoffentlich „46 Stunden minus X“ übermüdet wieder in Chamonix ankommen werde.DH3

Deutsches_Haus

(Klicken zum Vergrößern …)

2012 hatte ich eine riesige eigene Dachterasse mitten in Chamonix mit Blick auf die Holzbuden der Aussteller auf dem zentralen Platz der Läufer. Darauf war ich allerdings nie, das Wetter war einfach zu schlecht gewesen. Und hier schließt sich mein Wunsch an, den ich heute schon nach ganz oben richte:
Oh Himmel, lass das Wetter in Chamonix in dieser Woche richtig gut sein!

Dann wird der Aufenthalt und auch das Rennen mit Sicherheit ein Event, an das ich noch lange nach meiner Zeit als aktiver Läufer denken werde …

Weitere und auch topaktuelle Informationen zum Haus findet ihr außerdem

 Vielleicht trinken wir in Chamonix dann eine Fassbrause zusammen oder touren gemeinsam etwas durch die Lande?DH