Von Delmenhorst nach Delmenhorst …

Lange ist es noch nicht her, dass in Delmenhorst das Schlusssignal ertönt ist, aber es wirkt für mich fast unwirklich, so lange vergangen.
Es ist ja der Traum der meisten Läufer unter uns: etwas Besonderes leisten, sich selbst irgenwo abholen, das Gewesene verbessern und die Achtung und Aufmerksamkeit von Anderen erhalten.

Am Anfang meiner „Läuferkarriere“ dachte ich immer, zu schlecht zu sein, zu langsam zu laufen und zu schnell müde zu werden. Ich habe immer nur zu den Schnellen aufgeschaut, ich habe die bewundert, die weiter laufen können als ich und die Cracks unter den Läufern beneidet und in meine Abendgebete eingeschlossen.


Dabei ist es gar nicht wichtig, ob Du bei einem 24-h Lauf 120, 180, 200 oder mehr Kilometer hinter Dich bringst. Wichtig ist lediglich, dass Du weißt, wo Du stehst und dass Du dort versuchst, aus Deiner „Wohlfühlzone“ auszubrechen und eine Leistung zu bringen, mit der Du Dich am nächsten Tag im Spiegel mit Stolz betrachten kann.
Und wie diese Leistung sein muss, das entscheidest Du ganz allein. Du holst Dich eben da ab, wo Du bist. Und da sind wir alle verschieden – zum Glück.
Oder anders formuliert: lieber einen persönlichen Bestwert mit 140 Kilometern schaffen als weinend einzulaufen, weil es „nur“ 169,6 Kilometer waren und das definierte Ziel „170 Kilometer“ verfehlt wurde.

Mein erster 24-h Lauf war vor zwei Jahren bei der DLV-Challenge in Delmenhorst. Ich hatte diesen Lauf ausgesucht, weil ich bis dahin nur zwei 100 Kilometer – Läufe gemacht hatte, beide waren in Biel, 2007 und 2008, und ich war der begründeten Ansicht, dass es nicht schlecht wäre, vor den 166 Kilometern des UTMB diese Strecke zumindest einmal flach gelaufen zu sein. Zwei gleichzeitige Herausforderungen, eine für mich extreme Länge und für mich extrem viele Höhenmeter, wollte ich mir nicht zumuten, da kam die DLV-Challenge genau Recht.

Und jetzt, zwei Jahre später, bei meinem zweiten 24-h Lauf, war ich also wieder in Delmenhorst, beim Burginsellauf, weil die DLV-Challenge nicht wiederholt wurde.

Dabei war die DLV-Challenge für mich optimal. Schon die Grundbedingungen waren perfekt. In der Altersklasse M40 und M45 wurdest Du nur gewertet, wenn Du mindestens 150 Kilometer gelaufen bist. Am Anfang war noch meine größte Angst, lange zu laufen und dann nicht gewertet zu werden. Der Vorteil gegenüber anderen 24-h Läufen ist aber, dass Du die Walker mit ihren Stöcken nicht auf der Strecke hast.
Staffeln waren ebenfalls verboten, auch das ist ein unschätzbarer Vorteil, weil Du Dich, wenn Du nicht sehr diszipliniert bist, doch immer ein wenig von den Staffeln zu einem schnelleren als Deinem angemessenen Tempo verleiten lässt.
Und ich bin damals mit der damals noch für dle LG Ahrweiler laufenden Sabine Strotkamp gelaufen. Sabine läuft auch für die Nationalmannschaft, ist sehr diszipliniert und hatte das gesamte DLV-Team „im Boot“.

Wir sind damals mit einer 7er Zeit gestartet und schon nach zweieinhalb Stunden waren wir mit zwei Runden Rückstand zum Vorletzten abgeschlagen ganz weit hinten. Ich hätte viel schneller gekonnt, aber Sabines Trainer, der heute ihr Ehemann ist, schimpfte uns schon dann, wenn wir mal die 1 Kilometer Runde mal mit 6:53 Minuten abgeschlossen hatten. „Ihr seid zu schnell!“ rief er uns ständig zu und meine Sorge, die 150 Kilometer-Hürde nicht zu schaffen, wuchs mit jeder Minute.

„Sabine,“ sagte ich zu ihr, „ich bin nicht hier, um Letzter zu werden!“
Aber Sabine schaute mich mitleidig an und fragte mich, wie weit ich denn zu laufen gedenke. Als ich ihr sagte, dass ich mindestens 150 K schaffen müsste, antwortete sie: „Dafür sind wir viel zu schnell!“
Ich war irritiert und sie sagte mir, dass wir, wenn wir das 7er Tempo bis zum Ende halten könnten, bei 200 Kilometern landen würden.
Mit den Stunden rutschten wir dann im Ranking immer weiter nach vorne. Ich endete dann mit 177,520 Kilometern als insgesamt Zehnter und als Fünfter der Altersklasse M45.
Das war für mich kaum mehr steigerbar und so wuchs von Monat zu Monat die Sorge, das irgendwann nicht mehr toppen oder wenigstens einigermaßen erreichen zu können.

Ich war danach bei mindestens drei weiteren 24-h Läufen angemeldet, bei einem Fun-Lauf im Saarland, bei einem 24-h Lauf in Ratingen-Breitscheid, der von meinem Freund Bernd Krayer organisiert wird und bei der Deutschen Meisterschaft im 24-h Lauf im letzten Jahr in Rockenhausen. Im Saarland und in Rockenhausen habe ich mit mäßiger Motivation immer direkt nach der Überquerung der Marathon-Marke aufgehört. Immer war ich zu schnell angegangen, jedes Mal habe ich mich über mich selbst geärgert  – und beim 24-h Lauf in Breitscheid habe ich eine andere Taktik gewählt. Hinlaufen war die Devise, nicht primär dort laufen.

All das habe ich getan, um erst gar nicht in die Versuchung zu kommen, den Bestwert von damals testen zu müssen – und daran vielleicht zu scheitern. Ich habe jeden Grund akzeptiert, vorzeitig auszusteigen, gewertet wirst Du ja auch mit ein paar Metern mehr als ein Marathon!

Und jetzt hatte ich mir für Delmenhorst Ruhe verordnet und das Glück, jede noch so bescheidene Leistung mit dem Training für England begründen zu können. Ich wollte ja gar nicht auf einen persönlichen Bestwert laufen, nur entspannt für das „TRA 250 Miles Thames Ring Race“ trainieren. Und so entschied ich, die Strategie von Sabine zu wählen, langsam zu starten und zu versuchen, so lange wie möglich auf diesem Level zu verharren.
Trotz der besten Vorsätze begann ich zwar sehr langsam, aber immer noch etwas zu schnell. Statt eines 7er Tempos hatte ich meist eine 6:35 auf dem Schirm, aber noch weiter zu reduzieren traute ich mich nicht, immerhin lief ich mit meinem Freund Birger, der von mir gedacht haben muss, dass hier eine echte Ultra-Schnecke unterwegs ist.
Sabines Trainer hätte mich wohl total „zur Sau“ gemacht wegen der meist 20 bis 25 Sekunden pro Kilometer, die ich effektiv zu schnell war.

Besonders stolz auf mich war ich, weil ich 10 Runden lang der Versuchung widerstanden habe, bei jeder Runde auf den Monitor zu schauen, um nachzusehen, wo ich denn gerade platziert bin.


Es ist seit langem ein offenes Geheimnis: Du nordest Dich in den ersten zwei Stunden auf eine Laufgeschwindigkeit ein. Beginnst Du zu schnell, dann brichst Du irgendwann ein und verlierst ein Vielfaches von dem, was Du am Anfang gewonnen hast. 24 Stunden sind eben enorm lang und der Gewinn der ersten Stunden verblasst gegen den Verlust der letzten Stunden.
Folgerichtig sah ich auch, dass ich nach der Runde 11 „nur“ der 32. von allen war, der 5. der Altersklasse M50.
Mittlerweile hatte ich mich auf mein Renntempo eingenordet, die ersten zwei Stunden waren vorbei, der Mensch ist zur Maschine mutiert und die Gefahr, jetzt noch zu schnell zu werden, war relativ gering.
Und trotzdem verbesserte ich mich bis zur Geisterstunde von Runde zu Runde fast immer um einen Platz.


Als meine Gabi für sich entschieden hat, kurz nach Mitternacht, zwischenzeitlich waren 12 der 24 Stunden vergangen, etwas zu schlafen, war ich 9. von allen und 2. der Altersklasse und meine Gedanken spielten verrückt, der Ehrgeiz erwachte und alle guten Vorsätze, locker zu bleiben, gab ich irgendwo auf der Strecke ab.
In der nächsten Runde verbesserte ich mich auf den 7. Rang und eine weitere Runde später war ich schon 6. und 1. der Altersklasse.
Es war meine Vernunft, Gabi nicht zu wecken, um ihr das schöne Ereignis zu zeigen, aber es wurde mein Ziel, diese Platzierung bis ins Ziel zu retten.
Gleich darauf war ich sogar auf dem fünften Platz und dieses Ergebnis hielt ich bis zum Ende.
Erst in den letzten vielleicht drei, vier Stunden, reduzierte ich mein Tempo ein wenig, gönnte mir ein paar Gehpausen und ließ mir von Gabi und dem „Runningfreak“ Steffen Kohler ausrechnen, wie groß mein Vorsprung auf den Zweitplatzierten der Altersgruppe und auf den Sechstplatzierten des Rennens ist.
Beide Werte vermittelten Sicherheit und weil ich ja ein träger Junge bin sank meine Motivation, ständig am oberen Level für so eine Veranstaltung zu laufen, ein wenig ab und ich gönnte mir ein paar nette Gespräche mit lieben Läufern wie dem großartigen Bernd Nuss, seines Zeichens Veranstalter des 24-h Laufes „Rund um den Seilersee“ bei Iserlohn, mit Hans Würl, den ich immer wieder bei Großevents treffe und vielen Anderen.
Es war eine schöne Veranstaltung – und das nicht nur wegen des sportlichen Erfolgs.

Wenn man betrachtet, welche Mühe sich die Organisatoren machen, dann verharrt man in Demut und Dankbarkeit. Schon die Startgebühr ist bescheiden niedrig und die Versorgung lässt keine Wünsche offen.
Außer Wasser und Cola gab es alkoholfreies Weizenbier, Malzbier und eine Batterie von Säften, beginnend mit Orange und Apfel und endend mit Exoten wie Guavensaft und Mangosaft. Es gab frische Früchte, frische Ananas, Weinträubchen und erntefrische Erdbeeren.
Wer da nicht glücklich wurde, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Und den leckeren Milchreis mit Erdbeersauce, der ab 20 Uhr erhältlich war, kannte ich ja schon aus dem Jahr 2009.
Zu diesem Zeitpunkt gab es dann auch Nudeln im Überfluss, garniert mit fleischhaltiger Sauce oder, vielleicht speziell für mich, in einer vegetarischen Sauce. Richtige Läufernahrung also.

Musik vom Band am Anfang, eine Live-Band ab 20 Uhr, die allerdings etwas rockigere Musik hätte spielen können, ein Speaker mit einer wunderschön trainierten Stimme, der Lust gemacht hat, ihm immer wieder zuzuhören und als Abendabschluss in verschiedenen warmen Farben angestrahlte Bäume im Park, durch den wir liefen.

Perfekt war auch die technische Ausstattung. Jeder Läufer erhielt spezielle Transponder und innerhalb einer Megasekunde war Dein Ergebnis auf dem Monitor mit Deiner Platzierung Gesamt und AK, mit Deiner letzten Runde, der Gesamtzahl der absolvierten Runden und der Gesamtstrecke, die Du schon bewältigt hast.

Bleiben nur noch die Siegerpokale für die schnellsten Teamstaffeln, die schnellste Frau, den schnellsten Mann und die Auszeichnungen für die jeweils drei Altersgruppensieger.
Von 2009 war ich ja noch verwöhnt, als es einen Glasblock gab mit einem als Hologramm eingelaserten Läufer und meinem 5. Platz der Altersklassenwertung.
2011 aber stand in nichts nach. Die Glasaufsteller, die wir bekamen, sind zauberhaft schön, wertvoll und werden stets einen Ehrenplatz in meinem Schlafzimmer haben.


Besser, finde ich, kann man solch einen Lauf nicht machen. Und so verneige ich mich Richtung Delmenhorst und den dortigen Organisatoren.

Delmenhorst, ich komme wieder …

Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht finden!

Irgendwann Anfang Oktober hat „Runningfreak“ Steffen mich gefragt, ob ich am 27./28. November beim ICE AGE 24-Stunden-Lauf in Bad Berleburg dabei wäre. Es war noch lange hin bis zum Event, also ließ ich meine Antwort offen.
Bad Berleburg? Wo ist das denn?


Der Tag kam, an dem ich entscheiden musste, ob ich nun in Bad Berleburg laufen würde oder nicht. Ein letzter Test, ein paar weitere Kilometer vor dem „Kleinen KOBOLT“ wären schon gut, dachte ich. Und dieser Lauf wäre auch gut mit meinem Tennistermin am Sonntag um 10 Uhr zu kombinieren, dachte ich.
Ich hatte mein sonntägliches Tennisdate schon in der Vorwoche absagen müssen, was bei einem Doppel immer zu Problemen führt. Zwar hatten meine Mitspieler kurzfristig doch noch einen Ersatz für mich gefunden, aber mit zu vielen solcher Aktionen verlierst Du schnell Deine Freunde und spielst alleine Tennis. Auf Dauer ist das auch keine gute Lösung.

Der legendäre Lauf Olne-Spa-Olne, der am 28. November stattfand, schied also aus. Der „Marathon der alten Männer“ in Bad Arolsen wurde ja kurzfristig abgesagt und auf das Pfingstwochenende verschoben, nur, weil die Stadt Bad Arolsen nicht begreift, wie wichtig so ein gut organisierter Marathon für eine Kleinstadt wie Bad Arolsen sein kann, was Bekanntheit und Sympathiewerte angeht.
Ich bemerkte, wie vergleichsweise nah Bad Berleburg von uns ist, also entschloss ich mich fast einen ganzen Tag vor dem Event doch für diesen Lauf.

Ich war planmäßig kurz vor 9 Uhr am Start, rechtzeitig, um Steffen und Melanie sowie Bernd Nuss zu begrüßen, mich einzuschreiben und meine Startnummer auszuwählen. Es waren Nummern in den 400 ern, die Nummer 444 aber war schon vergeben. Ich entschied mich für die 456 und dachte mir, dass 20 Runden für mich perfekt wären.

Jede Runde hatte 4,416 Kilometer Länge, zu viel für einen guten Lauf. Zudem war das Höhenprofil anspruchsvoll, ein kurzes Stück nach der zweiten Versorgung musste sogar gegangen werden. Das Teilnehmerfeld von kaum mehr als einem Dutzend Ultraläufern und einigen Rundenläufern versprach, viel Zeit für Gespräche während des Laufs zu lassen.

20 Runden, also rund 88,5 Kilometer … ist das ein Ziel?


Du kennst das vielleicht: Du hast keine Möglichkeit, die volle Zeitdistanz abzulaufen, sondern kaum für die Hälfte. Du weißt, dass Du mit dem, was Du in dieser Zeit laufen kannst, sowieso weit hinten platziert sein wirst. Und dann sinkt bei mir stets die Erwartung, die ich an mich selbst habe.
In Bad Berleburg war es nicht anders. Aus 20 Runden wurden am Ende 10 Runden plus einer Talk-Runde mit Bernd Nuss als Abschluss. Aber es ist schon erstaunlich zu bemerken, wie Du Dich sukzessive, Stück für Stück, zurücknimmst.
Wenn Du also kein herausforderndes Ziel hast, dann kannst Du den Weg nicht finden und irrst irgendwo im Niemandsland herum.

Ich lief in Bad Berleburg einige Runden mit dem DUV-Mitglied Norbert Ebbert und mit Steffen Kohler, länger und zügiger, als mir eigentlich lieb war, weil die Rennaufteilung dadurch gelitten hat. Andererseits dachte ich mir, dass ich sowieso nicht vor hatte, allzu lange zu laufen, dann musst Du nicht so pedantisch auf Deine Geschwindigkeit am Anfang achten.
Gerade am Anfang, in den ersten drei Stunden eines langen Laufs, „nordest“ Du Dich ja auf die Tagesgeschwindigkeit ein.
Jeder Läufer kennt das, glaube ich. Du startest langsam bei einem Marathon und willst irgendwann schneller werden, aber es gelingt Dir kaum. Oder Du startest zu schnell und willst dann das Tempo reduzieren, aber auch das gelingt Dir nicht. Du fällst immer wieder in den Trott, in dem Du begonnen hast.

Vielleicht war das damals der Schlüssel zu meinen 177,520 Kilometern bei der DLV-Challenge in Delmenhorst 2009. Wir liefen auf einer 1 Kilometer langen einigermaßen flachen Strecke und ich entschied mich, mit meiner Freundin Sabine Strotkamp zu laufen. Wir wollten eine 7er Zeit laufen und wurden jedes Mal geschimpft, wenn wir am Trainerzelt vorbei liefen: „Ihr seid zu schnell!“
Und wir waren es. Wir hatten eine Runde unter 6:50 Minuten absolviert. Und ich weiß noch genau, wie ich nach zwei Stunden, als wir mittlerweile zweieinhalb Runden hinter dem Vorletzten platziert waren, zu Sabine sagte, dass ich nicht vor hätte, hier Letzter zu werden.
Und Sabine antwortete trocken mit einer Frage: „Wie weit willst Du laufen?“

Ich antwortete ihr, dass die Männer der Altersklasse M40 und M45 nur gewertet werden, wenn sie mindestens 150 Kilometer laufen. 150 Kilometer! Das war damals die mit Abstand weiteste nonstop-Strecke, die ich gelaufen war. Und Sabine sah mich mitleidig an und antwortete: „Für 150 Kilometer sind wir zu schnell!“

Und es stimmt. Mit einer 7er Zeit kommst Du auf gut 200 Kilometer, genau auf 205,7 Kilometer – ein phantastischer Wert für Hobbyläufer, wie wir es alle sind. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war und glücklich war, mich von da an ihrem „Diktat“ unterwerfen zu dürfen. Ich hielt es damals bis km 104 an ihrer Seite aus, dann musste ich etwas langsamer machen. Sabine aber spulte Runde um Runde ab, immer in der gleichen Geschwindigkeit. Und sie endete wie ein Uhrwerk bei 200 Kilometern und 400 Metern.

„12 Stunden zügig laufen ist einfach,“ sagte sie immer zu mir. „Aber dann kommen weitere 12 Stunden!“ Und wenn Du da dann nicht mehr laufen kannst, sondern Dich von Kilometermarkierung zu Kilometermarkierung schleppst, dann verlierst Du viel mehr als Du in den ersten Stunden gewinnen konntest.
Ich habe mich für Anfang Juni 2011 wieder für Delmenhorst angemeldet, für den Burginsellauf, da es die DLV-Challenge nicht mehr gibt. Die Strecke wird etwas länger sein, eine Meile lang statt nur einen Kilometer lang, aber sie bleibt flach und das Wetter bleibt einigermaßen warm. Dazu kommt, dass eine ganze Facebook-, Blogger- und Twitterer-Gemeinde dort am Start sein wird – das wird vielleicht sogar der Saisonhöhepunkt 2011 – zumindest, was den Spaßfaktor betrifft.

Und die Betreuung, die ich dort genießen kann, wird erheblich besser sein als in Bad Berleburg, weil meine Gabi ihr Zelt permanent direkt neben der Strecke aufbauen kann und die technische Ausstattung beim Lauf wird so sein, dass Du Deine Rundenzeiten schnell, einfach und gut vergleichen kannst. Damit Du nicht zu schnell läufst und damit Du sofort merkst, wenn Deine Rundenzeiten schlechter werden.

Und die Versorgung wird wieder den Standard vom letzten Jahr haben, mit frischem warmen Milchreis und allem, was sich ein vegetarisch gefärbtes Läuferherz erträumt. In Bad Berleburg war eine leichte Eisschicht auf dem Trinkwasser im Becher. Ich bin sicher, das mir das noch deutlicher in Erinnerung geblieben wäre, wenn ich tatsächlich die Nacht durchgelaufen wäre.
Dennoch dachte ich in Bad Berleburg immer auch an den 6-h Lauf in Troisdorf. Die MUTler haben ja auch mit kalten Temperaturen zu kämpfen, aber sie wärmen den Läufern liebevoll nicht nur das Wasser an, sogar die Cola wird in warmem Wasser temperiert. Das ist so angenehm, wenn Du trinkst und Du musst Dich um nichts kümmern, musst nicht das Wasser mit warmem Tee aufheizen und Dir Gedanken machen, die Dich vom Laufen abhalten.

Die Strecke in Bad Berleburg war ebenfalls eher unterdurchschnittlich. Vor allem die lange Gerade an der Bundesstraße verlangt Dir mental alles ab. Es riecht unangenehm dort, wahrscheinlich, weil sich die Gerüche der Autos und LKWs dort stauen. Im Vorjahr muss es ebenso gewesen sein, sagte Norbert. Das ist schade, aber da die Nase bekanntlich ja ein phasisch-tonisches Organ ist, gewöhnt sie sich an alles und Du merkst selbst in einem Ziegenstall den Geruch nach einer Weile nicht mehr. Ein Glück für viele Menschen in den Schlafzimmern dieser Welt!


Was ich bewundert habe in Bad Berleburg war, dass drei Straßen- und Parkplatzeinmündungen, die überquert werden mussten, permanent mit Helfern besichert waren. Es war ja bitterkalt und so hatten die Helfer wahrscheinlich einen wesentlich schwierigeren Job als die Läufer. Und da es keine elektronische Erfassung der Rundenzeiten gab, musste ein Helfer 24 Stunden lang Läufer für Läufer Runde für Runde einzeln abhaken.
Es war wohl eine kluge Entscheidung des Organisationsteams, dort auch eine Klingel hinzustellen, damit die Läufer den Helfer bei Bedarf wecken konnten. Tauschen mit ihm hätte ich aber nicht wollen, vor allem nicht in der Nacht.

Nach etwa drei Stunden entschied ich mich, nur einen Marathon zu laufen und eben die Runde noch zu Ende, also nach 10 Runden Schluss zu machen. Ich wollte mir noch auf dem Weg nach Hause die Fußball-Bundesliga im Radio anhören, am Abend für die Familie da sein und ausgeruht bleiben, um am nächsten Vormittag noch ein gutes Tennis spielen zu können.

Eigentlich kann ich ja kein Tennis spielen, „Aufschlag“ ist ein Fremdwort für mich, aber ich schaffe es zum Glück leidlich, meine spielerischen Schwächen durch Laufbereitschaft und Kondition auszugleichen. Wenn ich aber nicht laufen kann, dann wird es sehr leicht, gegen mich im Tennis zu gewinnen.

Ich hatte gerade meine Startnummer abgegeben und war auf den ersten Metern zur Sporthalle, als Bernd Nuss mich sah und sagte, dass er gerne noch mit mir gesprochen hätte. Bernd Nuss, der „Erfinder“ und Organisator des 24-h Seilersee-Laufs in Iserlohn, erfolgreicher Unternehmer und unermüdlicher Ultraläufer, will mit mir reden?
Ich trabte also mit ihm wieder zurück zum Start/Ziel Zelt, ließ mir meine eben erst abgegebene Startnummer wieder aushändigen und lief noch eine interessante Runde noch mit Bernd.
Es war die schönste Runde von allen, entspannend für die Muskeln, belebend für den Geist und motivierend für die Seele.

Bernd fragte mich, ob ich ihn beim 24-h Lauf am Seilersee im April unterstützen könne. Es wäre mir eine große Ehre, Bernd! Aber noch habe ich nicht die Rückflugdaten von unserer Hochzeitsreise, also weiß ich nicht, ob ich im Lande sein werde. Sobald aber klar ist, dass die Terminierung passt, freue ich mich, lieber Bernd, Dir assistieren zu dürfen.

„Du gehst auf eine Hochzeitsreise?“ fragst Du Dich vielleicht. „Bist Du nicht schon lange verheiratet?“ Aber klar doch. Und dennoch geht es Anfang April nach Tansania auf die Hochzeitsreise.

Aber das ist ein anderes Thema …

Die kleine Vorsilbe „Ultra“

Jens Vieler hatte gleich doppelt Unrecht:

in seiner letzten Mail vor der TorTOUR de Ruhr (TTdR230) schrieb er, der Lauf sei etwas wie ein Kindergeburtstag, es gäbe „alle paar Meter eine Pause“.

Das war der Moment, in dem ich überlegte, ob ich mich beim falschen Bewerb angemeldet habe. Und ich begann, die Ausschreibung erneut zu lesen.
Sollte es doch ein Lauf über 23,0 Kilometer sein und ich habe irgendwo das Komma übersehen? So etwas passiert ja leicht, dachte ich mir, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass die Ruhr so kurz sein und gleichzeitig einer ganzen Region ihren Namen aufdrücken könne.

Aber Jens hatte Unrecht. Die TorTOUR de Ruhr war wahrlich kein Kindergeburtstag, die Liste derer, die aussteigen mussten, belegt das eindringlich.

Alle paar Meter eine Pause?


Gut, die erste Verpflegungsstelle lag etwa bei km 30, also hinter einer Strecke, die selbst passionierte Normalläufer nie oder nur selten erreichen. Ich meine hier die Läufer, die zwei, drei Mal die Woche eine Strecke zwischen sechs und zwölf Kilometern zurücklegen und für die der Halbmarathon noch eine lange Einheit ist.

Und die zweite Verpflegungsstelle lag dann beim Start der TTdR160 bei km 73, also war dahin rund eine Marathon-Entfernung zu laufen. Ein Marathon, eben mal so zwischen zwei Verpflegungspunkten!
Der Marathon ist immerhin die Krönung für fast jeden Läufer. So viele träumen davon, einmal im Leben einen Marathon zu schaffen, andere laufen regelmäßig diese Distanz. Aber nur sehr wenige laufen diese Distanz, um von einem Verpflegungspunkt zum nächsten zu kommen.

Beim Thema Marathon frage ich mich ja immer, woher die These stammt, dass man nicht mehr als zwei Marathons im Jahr laufen dürfe, alles andere sei schädlich für die Gesundheit. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass der Marathon nur der Anfang ist. Die kleine Vorsilbe „Ultra“ ist es, die mich so fasziniert. Aber nur extrem wenige Marathonis schmücken sich mit eben dieser kleinen Vorsilbe „Ultra“. Alleine die Vorstellung, auch nur einen einzigen Meter über die Marathon-Distanz hinaus zu laufen, löst meist Abscheu, Angst oder Verwunderung aus und häufig muss ich meinen Gesprächspartnern die Handys abnehmen, wenn wir auf meine langen Läufe zu sprechen kommen.
Das passiert dann genau in dem Moment, wenn diese Gesprächspartner das örtliche Zentrum für die psychologische Betreuung „geistig Verwirrter“ anzurufen versuchen.
Diese Marathon-Entfernung zwischen zwei Verpflegungspunkten läuft bei Jens noch unter „Kindergeburtstag“?!

Im Ernst stellte ich mir die Frage, ob seine Kinder bei ihren Kindergeburtstagen ähnliche Bedingungen vorfanden. „Kaiser, wie viele Kilometer gibst Du mir?“ könnte eins der Kinderspiele gewesen sein. Oder das berühmte Eierlaufen. Du läufst mit einem Ei auf einem Löffel 42,195 Kilometer entlang, der Löffel steckt im Mund und wer das bis ins Ziel schafft, der darf dann zurücklaufen, um beim Topfschlagen teilzunehmen. War so „Happy Birthday“ bei den Vielers?


Schauen wir uns mal die Liste der Aussteiger an, hoch engagierte Ultraläufer der Spitzenklasse sind da dabei und ganz ehrlich: als ich mich das erste Mal verlaufen hatte, wäre ich fast auch dabei gewesen. Nur Susanne Alexi und Florian Bechtel, die ihren Fahrrad-Guide Raimund Slabon ausgeschickt hatten, mich zu finden und auf den rechten Weg zurück zu führen, haben das verhindert.
Das hat so gut getan, zu wissen, dass sich andere Sorgen um Dich machen … also musst Du weiter und darfst Dich nicht eintragen in die Liste derer, die noch einen schönen Sonntag haben wollten.

Ausgestiegen sind Tom Wolter-Roessler, Martin Raulff, Jörg Eberling, Dirk Vinzelberg, Mattin Becker und Sarah Hreczkun, alle wohl schon vor der 100km-Marke, Tom Kuschel, Angela Ngamkam, Martin „Tasso“ Schöer und Ralph Dietz noch vor der 180km-Marke und nach der 180km-Marke erwischte es zuletzt noch Hauke König, Günther Bruhn und HUPSI (Dirk Przybyllok).
Als Hauke aussteigen musste, drückte er mich und sagte: „Du musst mir eines versprechen: finishe das Ding bitte!“
Kann man so einen Auftrag unerledigt lassen?

Es war also kein Kindergeburtstag, sondern richtig harte Arbeit und vor allem die Kilometer von vielleicht 140 bis etwa 180 waren lang, quälend lang.


Ich kam so schlecht durch die Nacht wie noch nie und daher habe ich am Sonntag drei Mal eine Parkbank aufgesucht, um wenigstens einen Kurzschlaf zu nehmen. Das tat ich immer dann, wenn mit beim Laufen immer wieder die Augen zufielen, mein Kopf hin und her wackelte und ich nicht mehr in der Lage war, mich klar zu artikulieren. Ich nuschelte, ich lispelte, ich redete Unsinn in diesen Momenten.
Wer mich näher kennt, der weiß, dass ich das öfters tue, aber ich rede eben sonst anderen Unsinn als dort bei der TorTOUR.

Warum ich so schlecht durch die Nacht kam, glaube ich heute zu wissen.
Natürlich hatte ich in der Nacht zuvor einfach zu wenig geschlafen, der Tag war hektisch und arbeitsreich gewesen und nach dem Wecker um 4:30 Uhr am Samstag früh haben meine Frau Gabi und ich uns noch um die letzten Versorgungsdetails gekümmert. Aber sicher war auch ein Grund, weil wir so langsam gelaufen, eigentlich fast ausschließlich gegangen sind.
Der Puls bleibt niedrig, die Ausschüttung von Adrenalin und Wasweißichfür-in’s ist reduziert, das Schlafbedürfnis steigt.
Wie auch immer, viele haben am Sonntagvormittag geglaubt, dass ich den Mittag nicht mehr als TorTOURist erleben würde.

Der zweite Punkt, in dem Jens Vieler sich geirrt hat, war folgender:
für jeden der vielen Teilnehmer hat Jens eine kleine, individuelle „Hymne“ geschrieben, eine wohlwollende Vorstellung, damit die Webseiten-Besucher wissen, was die einzelnen TorTOURisten so gelaufen haben und was sie noch vorhaben.

Meine Hymne ging so:

Falsch, Jens, absolut falsch. Was Jens meinte ist, dass ich bei km 178 Neuland bei Nonstop-Läufen betrete. Zwar dauerte der UTMB für mich noch länger als die TorTOUR de Ruhr, aber er hat „nur“ bescheidene 166 km, der KÖLNPFAD mit seinen 171 km in knapp 24 Stunden ist auch ein eher „kurzer“ Lauf und mein bisher längster Nonstop-Lauf, die 24-h Lauf der DLV Challenge in Delmenhorst im Juni 2009 brachte eben jene knapp 180 km, genau 177,520 km.
Ab dann zählte es also wirklich.

Die Oberschenkel waren seit langem verhärtet, aber ab etwa km 185 begann ein kleines Wunder. Ich konnte und ich wollte wieder laufen. Ich lief dann zwar nur noch eine 8er Zeit, weiter bekam ich die Beine nicht mehr auseinander, aber immer noch schneller als das Gehen der vergangenen Stunden, trotz meiner Schnelligkeit beim Gehen.
Nach der letzten Verpflegung bei der dem alten Herrn Hans Jansen konnte ich sogar wieder eine 7er Zeit laufen. Ob mich der alte Herr dazu animiert hat?

Herr Jansen bewachte die letzte Verpflegungsstation, weil die offizielle Betreuung zusammen gepackt hatte. Also wurde die Verpflegung ein paar Häuser weiter auf einen Campingtisch vor das Haus der Jansens verlegt. Das Angebot war immer noch üppig und Susanne Alexi, ihr Trupp und ich genossen noch diese letzten Kalorien. Dabei sollten wir das Alter von dem alten Herrn Jansen schätzen. Aber auf wie alt schätzt man einen alten Mann?
Ohne Höflichkeitsfloskeln hätte ich ihn auf mindestens Ende 70 geschätzt, mit einem Höflichkeitsbonus jedoch ging er auch für 72 durch, fand ich.
„Ich werde in drei Wochen 90 Jahre alt,“ sagte er stolz zu mir und ergänzte, dass er auch ein Läufer gewesen sei, allerdings ein Kurzstreckenläufer, damals 1936.

Wer jetzt glaubte, von Schulrekord bei den damaligen Bundesjugendspielen zu hören, der sah sich getäuscht. „11,1 Sekunden bin ich damals auf die 100 Meter gelaufen!“  Jesse Owens, der damalige Goldmedaillengewinner, lief mit 10,2 Sekunden nur knapp eine Sekunde schneller.
Ich muss zugeben, ich war beeindruckt. Und diese 15 oder 20 Jahre, die er jünger aussah als er war, verdanke er dem Sport, sagte er.
90 Jahre alt, kein Stock, auf den er sich stützen musste, vollkommen gerade auf den Beinen und klar im Kopf – so will ich auch das hohe Alter erreichen. Wenn ich da an die vielen auf lebenserhaltende Geräte angewiesenen bettlägerigen Achtzigjährigen denke, dann hätte ich in diesem Moment auf die Knie fallen und „Halleluja!“ rufen sollen.
Und ich hätte ihn nach den Kindern Renate und Burkhard fragen sollen und danach, wie stolz er auf die beiden sein muss. Renate ist Marathonläuferin und eine der Hauptorganisatorinnen beim 24-h Lauf des TuS Breitscheid und Burkhard ist einer der erfahrensten Marathonis des TuS Breitscheid und zurzeit auf Pilgertour auf dem Jakobsweg.
Oder ich hätte nach Frau Jansen fragen sollen, die ebenso gesund aussah, aufrecht ging und mit liebevollem Stolz auf ihren Mann hinter ihm stand. Vielleicht war sie auch eine große Sportlerin gewesen, dachte ich, aber ich traute mich nicht, danach zu fragen. Was für eine sportliche Familie …

Wenn die TorTOUR de Ruhr also für etwas gut war, dann dafür, mir mal wieder zu zeigen, dass wir alle es zum guten Teil in der Hand haben, zu entscheiden, wie wir alt werden wollen. Und wenn es uns gelingt, das so hinzubekommen wie die die Jansens, dann hat sich jeder Meter laufen, jede Minute Sport, jede Anstrengung gelohnt …

Ein wirklich extremer Lauf …

Wenn man seinen eigenen Nonstop-Längenrekord deutlich verbessert, dann sollte man glücklich und stolz sein. Ich aber bin vor allem dankbar. Nicht nur, weil diese zwei Lauftage ohne einige Menschen nicht möglich und nicht denkbar gewesen wären, sondern weil ich mir spätestens jetzt im Klaren bin, dass sich andere Menschen wirklich für mich interessieren und sich um mich sorgen.

Mein erster Dank geht natürlich an Jens Vieler, den Veranstalter der TorTOUR de Ruhr. Wenn man sieht, worum er sich schon im Vorfeld gekümmert hat, wie viele Briefing-Mails er vorab geschickt hat, wie er im Rahmen seiner Budgets versucht hat, es den Läufern möglichst angenehm zu machen, dann beschleicht Dich fast so etwas wie Demut. Und auch beim Lauf selbst war er omnipäsent, von Q wie Quelle bis Z wie Ziel gewissermaßen. Jens war an den Verpflegungsstellen, Jens war ständig telefonisch erreichbar und er war auch beim Zieleinlauf da.
Und Jens hat „seine“ Läufer auch gesucht. Nach der vorletzten offiziellen Verpflegungsstelle, die von Peter J. Hunold, ebenfalls einem erfahrenen und allseits geschätzten Ultra-Marathonläufer, betreut wurde, habe ich mich, warum auch immer (dazu später mehr), entschlossen, mir im Auto meiner Frau Gabi ein Schläfchen zu gönnen. Später rief dann Jens an, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge, ob ich dabei sei und auch dabei bleiben würde.

Jens, selbst nicht nur ein geschätzter Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch einer, der mit besonderen Resultaten und Platzierungen aufwarten kann, nimmt Dich gewissermaßen mental in die Arme, pudert Dich und pampered Dich. Nur noch laufen musst Du noch selbst.


Mein zweiter Dank geht mal wieder an meine Frau Gabi. Als Supporterin ist sie schon einigermaßen erfahren, 2009 war sie schon meine Batterie und Motivation bei der 24-h DLV Challenge in  Delmenhorst, aber vor allem den KÖLNPFAD hätte ich nicht ohne ihre Unterstützung bewältigen können. Ihr Support ist so herausragend, dass sie von meinen Mitläufern Hans-Peter Gieraths beim KÖLNPFAD genauso gelobt wurde wie dieses Mal von Hauke König, mit dem ich so lange gemeinsam gelaufen bin.
Ich danke ihr außerdem, weil sie nicht nur sah, dass es mir richtig schlecht ging, sondern sie versuchte auch, den Zustand zu verbessern. Sie zwang mich kurz nach dem oben erwähnten vorletzten Verpflegungspunkt zu einem Schläfchen in ihrem Auto, weil sie merkte, dass ich schon anfing zu lispeln, keine klaren Sätze mehr artikulieren konnte und wohl auch richtig schlecht aussah. Wenn man so umsorgt wird, dann weiß man, was Liebe ist.

Mein dritter Dank geht an die beiden Mitläufer Martin Raulff und eben an Hauke König, ohne die die TorTOUR noch mehr zur Tortour geworden wäre. Dass beide nicht finishen konnten, lag teilweise auch an mir und deshalb fühle ich mich ein wenig schuldig und ich schäme mich. Zumindest bei Hauke hätte ich darauf bestehen müssen, dass er sich von mir absetzt, aber sein Pflichtbewusstsein und sein „Helfersyndrom“ sind so stark ausgeprägt, dass er bei mir blieb. Schlussendlich hat ihm dann seine Archillessehne gesagt, dass er mich verlassen muss. Da war es aber schon zu spät.
Ich erinnere mich in solchen Situationen immer an das, was mein Laufpartner Heiko Bahnmüller vom TransAlpineRun 2008 zu mir gesagt hat: „Du hast keinen ersten Gang!“
Damit meint er, dass ich schnell gehen kann, sehr schnell sogar. Und ich kann auch laufen, aber ich kann nicht sehr langsam laufen.
Das wiederum führt dazu, dass ich, wenn mein Akku leer ist und ich auf das Gehen umstellen muss, meinen Mitläufern Schwieriges zumute. So schnell zu gehen wie ich gelingt nur den Wenigsten und das führt zu einer Mischung aus Gehen und Tippeln – sehr belastend für die Archillessehne. Ich hätte Hauke das sagen müssen.

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Dankbar bin ich auch für die vielen schönen Momente, die ich bei der TorTOUR de Ruhr erleben durfte.

Einer davon war zum Beispiel, als Bernd Krayer mich überholte. Bernd ist nicht nur ein hervorragender Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch der Motor des TuS Breitscheid e.V., einem Verein, dem ich bin heute zutiefst verbunden bin. Mit den Läufern dieses Vereins habe ich am 3. Oktober 2005 zum ersten Mal die Längenmarke „Marathon – 42.195 Meter“ überwunden. Und ohne den Einsatz von Robert Zeller, einem erfahrenen Trainer dort, hätte ich das auch nicht geschafft.
Er aber zeigte mir nach 45 km, dass man weiter kommt, wenn man die Geschwindigkeit reduziert. Und auch wieder regeneriert. Der Seniorenmeister im Langstreckenlauf, das war er zumindest in dieser Zeit, kümmerte sich liebevoll um mich und so konnten wir ab km 55, als ich wieder bei Kräften war, noch eine Läuferin einsammeln, die beim Ratinger Rundlauf die Kilometer von 30 bis 60 laufen wollte und nach 25 Kilometern vollkommen am Ende war.

Ich wusste gar nicht, dass Bernd meinen Laufweg beobachtet hatte und wurde mir dessen erst bewusst, als er mir eine Mail schrieb, dass er sich für den Bambini-Lauf der TorTOUR de Ruhr angemeldet hat und mit Freude sah, dass ich mich für die große, die ganze Strecke des Ruhr-Radwegs von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein entschlossen habe. Als Bernd mich dann überholte, hatte ich schon mindestens 150 Kilometer hinter mir und befand mich im totalen Tief.
Schade, denn sonst wäre die Begrüßung wesentlich herzlicher ausgefallen. Falls Du, Bernd, diese Zeilen also lesen solltest, dann sehe mir das nach und fühle Dich nachträglich gedrückt und geherzt.

Ein anderer dieser Momente war, als ich bei der Verpflegungstelle „130 km“ ankam. Dort begrüßte mich ganz herzlich mein lieber Lauffreund Rainer Wachsmann aus dem westfälischen Münster. Ihn hatte ich zuletzt beim Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon gesehen, den er in beeindruckender Weise finishte. Mit ihm hatte ich gar nicht gerechnet und er war auch nur da, um die Einführungsrunde für die 100 Meilen-Läufer zu laufen. Ein kleiner Lauf, aber ein TorTOURist ist er immerhin schon. Und auch sonst hat er fast alles gefinished, was auf der Agenda der meisten Ultra-Marathonläufer steht.

Für andere Momente sorgten die vielen Fahrradfahrer und Spaziergänger auf der TorTOUR-Strecke. Viele wussten, was wir hier trieben, manche aber stellten die immer gleichen Fragen: „Was ist das für ein Lauf? Wie weit lauft ihr?“
Wenn Du die letzte Frage mit: „230 Kilometer“ beantwortest, dann kommt ein entsetztes „Was?“ zurück und auch die besten Wünsche. Einer der vielen ungeplanten Zaungäste fragte mich so vieles. Er wollte alles wissen. Warum wir so etwas tun, wie wir leben und arbeiten, wie wir uns vorbereiten. Und er verriet mir, dass er selbst Marathons laufen würde. Weiter aber, so ergänzte er, hätte er sich noch nie getraut. Ein interessierter, wirklich netter Mann. Vielleicht bekommt er irgendwann auch den „Kick“ und er gönnt sich die Vorsilbe „Ultra“ vor dem Wort „Marathoni“?


Kurz vor dem Ende, vielleicht bei km 217, passierte ich zwei junge Männer, die, beide einheitlich mit einer Flasche Bier und einer Zigarette bewaffnet, sich lautstark unterhielten Der eine sagte zum anderen: „Ich bin kein schlechter Mensch! Ich bin kein schlechter Mensch, nur weil ich …“
Zu gerne hätte ich erfahren, was ihn vielleicht zum schlechten Menschen gemacht hätte, aber da war ich schon zu weit von den beiden entfernt.

Schon kurz danach gab es ein Problem. Der Ruhr-Radweg verlief durch ein Gebiet, auf dem eine riesige Pfingstfeier stattfand. Ich war irritiert und fragte zwei der Gäste, wie ich von hier (ich zeigte auf den Punkt auf der Karte) nach da (wieder zeigte ich auf die Karte) käme. Beide Gäste waren, wie eigentlich auch alle anderen auf diesem Fest, schon aus der Phase des Biertrinkens heraus. Mehr wäre wohl auch nicht mehr gegangen.
„Mann, was ist denn hier los? Alle wollen hier durch!“ Sein Kumpel antwortete daraufhin: „Na, das ist doch die Marathon-Scheiße.“
Und dann erklärte er mir den richtigen Weg.

Ohne diese schönen Momente, diese „Magic Moments“, wie Amerikaner sie nennen würden, hätte ich diesen Lauf wohl nicht gepackt.
So bleibt mir die Erinnerung an die vielen „Magic Moments“, an Lauffreunde, die mir sehr, sehr nahe stehen, an einen Lauf, bei dem ich mich zwar oft verirrt, aber nie verloren gefühlt habe. Mir bleiben intensive und ehrliche Gespräche vor allem mit Hauke König und mit Martin Raulff. Und mir bleibt das Bewusstsein, dass wir Läufer irgendwie alle zusammen gehören, zusammen hängen, dass die Welt zugleich riesengroß und auch so winzig klein ist.

Und wenn ich heute Beschwerden an den Füßen habe, dann sind sie geringer als bei anderen Großevents. Wenn ich nur schwer in die Senkrechte komme, dann immer noch leichter als nach anderen Events. Eines aber wird mir sicher in Erinnerung bleiben, aber darüber schreibe ich das nächste Mal.

Der KÖLNPFAD nonstop

– oder  „Der KÖLNPFAD – Einmol öm Kölle röm“

„Der KÖLNPFAD – was ist denn das schon wieder?“

Koelnpfad

Als ich von der Veranstaltung des fleißigen Ultraläufers Wolfgang Olbrich zum ersten Mal hörte, ging mir genau diese Frage durch den Kopf: „Der KÖLNPFAD – was ist denn das schon wieder?“

Also, der KÖLNPFAD ist ein 171 km langer Wanderweg rund um Köln. Er wurde im Herbst 2008 durch den Kölner Eifelverein offiziell eröfffnet und eigentlich sind es 11 Wanderungen zwischen 9 und 22 Kilometern.Für die Läufer unter uns die Chance, all das in 28 Stunden zu packen.

Was liegt für einen „gefühlten“ Kölner Ultraläufer also näher, als diesen Weg selbst einmal in einem Rutsch zu laufen? Vor allem, weil von den voraussichtlich 17 Teilnehmern zwei Läufer enge Lauffreunde von mir sind:

Michael Eßer aus Wesseling, mit dem ich schon zwei Wochen später die 166 Kilometer des UTMB („Ultra Trail de Mont Blanc“)  bewältigen will und Hans-Peter Gieraths aus Königsfeld bei Bad Neuenahr, mit dem ich im Vorjahr gemeinsam zum GONDO EVENT gefahren bin und mit dem ich unzählige Läufe gemeinsam bestritten habe, zuletzt auch den SwissAlpine in Davos. Er ist ja gewissermaßen mein direkter Nachbar als Ultra-Läufer und ich bewundere ihn und seine Laufergebnisse sehr.

Aber 171 Kilometer? Schon wieder so viel?

Noch immer erinnere ich mich an die äußerst schmerzhaften Blasen der 177,520 km DLV Challenge in Delmenhorst, an den Zehennagel des kleinen linken Zehs, den ich dort verloren habe und an die Sehnenscheiden-Entzündungen in beiden Füßen, die ich beim 350 km SwissJuraMarathon bekommen habe. Und jetzt schon wieder so weit, nur zwei Wochen vor dem UTMB?

Aber Michael traut sich das auch zu – und Ultraläufer sein ist eben kein „Kindergeburtstag“. Finde ich jedenfalls. Nach kurzer Überlegung stand dann mein Entschluss fest: ja, das mache ich!

Und so laufe ich am Samstag den Lauf, den ich vor drei Monaten noch kaum aussprechen konnte.

KölnpfadKarte

Karte des Kölnpfades, Maßstab 1:25.000 Quelle: J. P. Bachem Verlag, Köln 2008. 1. Auflage Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber Stadt Köln, Amt für Liegenschaften, Vermessung und Kataster, Nr.: KT 121/2007 Datum: 22.09.2008 Genehmigung: J.P. Bachem Verlag GmbH, Ursulaplatz 1, D-50668 Köln Anmerkungen: Niedrigauflösende Kopie aus Kölnpfad - Der Kölner Rundwanderweg, Copyright beim J. P. Bachem Verlag

Natürlich freue ich mich und bin sehr dankbar, dass mein Tennis-, Lauf- und RealLife-Freund Detlev B. aus Leichlingen mich läuferisch ein paar Kilometer durch die dunkle Kölner Nacht begleitet und dass meine Frau Gabi die Autobegleitung übernimmt. Ohne diese Hilfe wäre dieser Lauf nicht machbar!
Immerhin gibt es nur vier Verpflegungspunkte – viel zu wenig, um ohne Begleitung autark zu sein.

Und noch immer hoffe ich, dass sich noch der eine oder andere Läuferfreund bei mir meldet, der ein paar Kilometer „schönes Köln“ mit mir laufen will. Langsam, extrem langsam und bedächtig, versteht sich …
Wäre das nichts für Dich, was meinst Du?

Noch etwas ganz zum Schluß: in der „Kölnischen Rundschau“ vom 29. Juli 2009 erschien auf Seite 30 dieser Bericht über den KÖLNPFAD: hier klicken!