Was Du schon immer mal wissen wolltest …

… über den Trail des Canyon du Verdon.
Die „abartige“ Strecke, wie Dr. Alfred Witting sie genannt hatte, die Strecke, die mich pyschisch derart belastet hat, dass ich in dem schönen Örtchen Moustiers Sainte Marie der Einladung des deutschen Pensionärs und seiner finnischen Frau gefolgt bin und die Wasserflaschen gegen zwei, drei Glas herrlich trockenen und fruchtigen französischen Weißwein getauscht habe, ist es wert, einmal näher betrachtet zu werden.


Warum bin ich ausgestiegen? Auf diesem Foto (alle Aufnahmen stammen von Volker Schillings) sah ich doch noch richtig gut aus und der kleine Anstieg war auch noch nicht repräsentativ für die gesamte Strecke. Aber Du kannst schon gut die Markierungen sehen, das rot-weiße Band, das uns Kilometer für Kilometer weiter geführt hat. Ich habe es fürchten gelernt …

Dass ich überhaupt ein paar Kilometer mit Volker Schillings laufen konnte, verdankte ich einem Zufall. Die erste Verpflegungsstelle lag etwa bei km 10, nach dem ersten langen und knackigen Anstieg, kurz vor unserem Hotel. Hans-Peter Gieraths hatte uns erzählt, dass genau bei diesem Hotel der Einstieg in die Schlucht stattfinden würde und deshalb wartete Gabi, meine liebe Frau und Begleiterin bei diesem Trip, dort auf der Terrasse, um sich am Ende dem Läuferfelde anzuschließen.
Aber es kam anders. Wegen eines großen Steins, der Tage vorher direkt auf die Laufstrecke gefallen war und diese unpassierbar machte, wurde die Strecke geändert und so liefen wir in einiger Entfernung am Hotel vorbei die Straße entlang, um dann nach links abzubiegen. Volker Schillings stand plötzlich da und fragte einen Mitläufer, wo denn der richtige Weg sei, immerhin war er vor einer halben Stunde schon an genau dem geleichen Punkt.
Es war ein kleiner Schock für ihn, als er erfahren hat, dass er eine mittlere Runde also zwei Mal durchlaufen musste. Am Ende des kurzen Wegs von der Straße bis zum Hauptweg ging es dann wieder nach rechts, den ursprünglich gekommenen Weg zurück bis zur zweiten Verpflegung, die identisch mit der ersten war. Weil Volker aber nach links ging, kam er wieder am Hotel vorbei und vielleicht würde er heute noch dort laufen, wenn er da nicht gefragt hätte.

Ein wenig gefrustet war er also schon an jenem 2. Verpflegungspunkt. Wir beschlossen dort, ein paar Kilometer gemeinsam zurück zu legen. Eigentlich ist er mir ja zu schnell, aber er musste eben sein Tempo verlangsamen und ich habe „eine Schippe draufgelegt“ und lief schneller, als ich es alleine getan hätte.
Meine Belohnung waren dann ein paar Fotos, die mir verwehrt geblieben wären, weil meine eigene Kamera seit ein paar Wochen beleidigt ist.

(Klicken zum Vergrößern ... ) Obwohl wir hier nur wenige Höhenmeter zu bewältigen hatten, kamen wir auf dem Geröllfeld nur sehr langsam voran. Ein wenig geflucht habe ich schon auf diesen großen Steinen ...

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(Klicken zum Vergrößern ... ) Nur die rot-weißen Bändchen machen Dir klar, dass das hier der Trail ist. Steil runter, steil rauf - und das, ohne auf dem Boden irgend eine Entsprechung zu finden. Wirklich grenzwertig.

(Klicken zum Vergrößern ... ) Kurz vor Moustiers Sainte Marie ging es über diesen großen Stein und unter diesem Tor durch. Zumindest groß gewachsene Läufer mit einem dicken Rucksack hatten hier mächtige Probleme und bei mir hat unter anderem diese Passage dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, warum ich mir das antue ...

Aber es gab auch echte „Magic Moments“, Situationen, in denen Du denkst: hier gehe ich nie wieder weg!
Dort, wo ich Volker und er dann anschließend mich fotografiert hat, war ein solcher Moment. Du bist in der Höhe und Du siehst in den Canyon und auf den grünlich-blauen Fluss. Und Du willst diesen Moment in Dein Bewusstsein einbrennen, ihn nie wieder vergessen und ihn mit der ganzen Welt teilen.
Wie schade, dass den meisten Menschen diese Situationen ihr Leben lang verwehrt bleiben! Aber dafür müssten die Menschen halt runter von Ihrem Sofa, raus aus ihrem Wohnzimmer und rein in die nahe und entfernte Landschaft. Wir Läufer tun das, wir Läufer wissen das!

(Klicken zum Vergrößern ... )



Das obere Foto ist auch eines meiner Lieblingsfotos, weil es deutlich macht, wie teilweise die Streckenführung ausgesehen hat. Gerade vor Moustiers Sainte Marie hatte ich das Gefühl, dass die Neuplanung der Strecke zu Situationen geführt hat, wo die Läufer irgendwie von der neuen auf die alte Strecke geführt werden müssen, ob da ein Weg ist oder nicht. Oder hättest Du gedacht, dass Du bei dem rot-weißen Bändchen mitten durch die Büsche musst?

Oder – und dafür steht das untere Foto – einfach quer durch die Gegend, über Stock und über Stein – und auch noch über diesen umgestürzten Baum. Und dann ging es die Anhöhe herauf, das kleine Bändchen oben in der Bildmitte zeigt den Weg. Das war ätzend, steil und nur zu bewältigen, weil der Baum oben Erbarmen gezeigt hat und ein paar Wurzeln aus dem Erdreich hat ragen lassen. Die waren unser Halt und unser Glück. Eine wahrhaft „abartige“ Strecke, da stimme ich Alfred hundertprozentig zu …



Beim oberen Foto war ich schon nicht mehr dabei. Einerseits war ich froh, dass dieses Drama vorbei war, andererseits hätte ich diese Steilwand doch gerne noch erlebt. Die Läufer hatten zu diesem Zeitpunkt so ungefähr schon 70 der insgesamt 102 harten Kilometer hinter sich und ich bin sicher, diese Kletterpassage wäre schon hart und gefährlich, wenn Du sie frisch, ausgeruht, wach und im Hellen machst. Wenn Du aber etwas langsamer warst, dann konnte es zu diesem Zeitpunkt durchaus schon dunkle Nacht sein …


Alles in allem denke ich heute, dass dieses Event einfach nicht „meine Veranstaltung“ war. Ich will zwar nicht immer gemütliche Läufe auf weichem Waldboden haben, es darf ruhig mal steil und steinig sein, aber der Trail des Canyon du Verdon ist zumindest in 2010 wohl eine Nummer zu hart, zu schwer, zu gefährlich und zu „abartig“ für mich gewesen.

Und wie sagte Dr. Alfred Witting letzte Woche so schön zu mir: „Die Gefahren dieses Laufs kannst Du nicht kalkulieren. Ich muss das nicht haben!“ Andererseits habe ich dadurch einen Canyon kennengelernt, der so schön ist, dass er für immer Platz in meinen Gedanken haben wird. Ich habe das süße Städtchen Moustiers Sainte Marie im glänzenden Sonnenlicht erlebt und ich habe mich in die riesigen Lavendelfelder verliebt. Und das ist ja auch was …

Verbier – oder an fremden Wassern weinen …

Ich bin wieder zurück. Eine ganze Nacht durchgefahren, 700 Kilometer durch die Nacht, immer wieder mit einem kleinen Stop auf einem Parkplatz neben der Autobahn, immer dann, wenn die Augen zuzufallen drohten. Und ich bin immer noch traurig, deprimiert und noch immer weine ich ein wenig.

Der Trail Verbier St. Bernard sollte der letzte große Alpentest sein vor dem PTL und daher hatte ich nur wenig Ziele. Ankommen wollte ich, nicht mehr. Nicht auf Zeit laufen, nicht auf eine Platzierung laufen, nur ankommen. Als ob das so leicht wäre …
Immer gingen mir die Bilder vom Trail des Canyon du Verdon durch den Kopf, von dem Trail, bei dem ich nach 45 Kilometern Schluss gemacht hatte. Ich wusste genau, warum mir das passiert ist und deshalb habe für den Trail Verbier St. Bernard alles anders, alles richtig gemacht.

Ich bin alleine angereist, damit ich den Kopf frei hatte und sich keine Gedanken ins Bewusstsein schleichen können, was passiert, wenn Du früher oder später ankommst. Ich bin langsam losgelaufen, das allererste Mal wirklich von ganz hinten. Und ich habe mich immer geschimpft, wenn ich mal wieder angefangen habe, zu rechnen, nachzurechnen und zu spekulieren, nach jedem Kilometer neu zu prognostizieren, wann Du an welchem Punkt sein könntest.
Es war so entspannend, so schön.

Ich startete schon am Freitag, am Vortag und gönnte mir noch einen Abstecher zu meinen Eltern, die fast an der Fahrtstrecke wohnen. Später dann hörte ich im Schweizer Radio eine Live-Übertragung des WM-Fußballspiels Niederlande gegen Brasilien und war begeistert, wie „Usgliech“ (Ausgleich), „Corner“ (Ecke) und andere fußballtypische Begriffe auf Schweizerisch klingen.

Erst auf den letzten Kilometern, der Serpentinenstraße aus dem Tal hinauf in das wunderschöne Bergstädtchen Verbier, begann es zu regnen. In diesem Moment hörte ich gerade das Lied von Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“

Rosenstolz – Lass‘ es Liebe sein …

Hast du nur ein Wort zu sagen
nur ein Gedanken dann
lass es Liebe sein
Kannst du mir ein Bild beschreiben
mit deinen Farben dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Hast du nur noch einen Tag
nur eine Nacht dann
lass es Liebe sein
Hast du nur noch eine Frage
die ich nie zu fragen wage dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein
Lass es Liebe sein

Aber es war keine Liebe, es war Wasser, Regen und davon richtig viel, zumindest dachte ich das. 24 Stunden später hätte ich den Regen wohl als „eher durchschnittlich“ eingestuft, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ich war froh, dass die Kontrolle der Ausrüstung problemlos funktioniert hatte und dass dann Christian Zimmer kam, um mit mir unsere kleine private Pasta-Party zu veranstalten, er mit Spaghetti Bolognese und ich mit Spaghetti Pesto, natürlich fleischlos, dafür aber mit viel Würze und italienischem Temperament.

Christian hatte schon sicherheitshalber vorab für uns beide die Schlafplätze im Bunker gesichert, sodass wir keine Hektik mehr hatten und einen schönen Abend hätten verleben können, wenn die Weckzeit 3.00 Uhr nicht gewesen wäre. Der Regen hatte aufgehört, als ich einzuschlafen versuchte.

Wenn Du mitten in der Nacht um 3.00 Uhr geweckt wirst, dann fragst Du Dich erst einmal kurz, wo Du jetzt bist, ordnest und sortierst Dich, um dann festzustellen, dass jetzt alles sehr schnell gehen muss. Die Vorbereitung auf den Lauf geht mittlerweile leicht von der Hand, so viel Routine nach fast 100 „Marathon und länger“ habe ich doch schon erworben. Die Pflaster für die Brustwarzen, der Brustgurt, die präventiven Compex-Pflaster auf die gefährdeten Stellen an den Füßen, das Melkfett, die Kompressionsstrümpfe, die Laufhose, das Laufshirt, die Armlinge, die Uhr, einen Buff über das rechte Handgelenk, einen über das linke Handgelenk, den MP3-Player, den Du mal wieder nicht benutzen wirst, die dünne SKINFIT – Jacke..
Zuletzt noch die Schuhe, die Stöcke und den schon vorbereiteten Rucksack und dann ab zum frühen Frühstück.

Dort war ich gleich doppelt überrascht. Das Frühstück war für französische Verhältnisse gut und üppig, ein Beleg mehr dafür, dass nicht überall Frankreich ist, wo Französisch gesprochen wird. Und da war auch Grace. Meine liebe und tapfere Lauffreundin Grace Sacher, die Inkarnation der Fitness, umarmte mich und stellte mich ihren Freunden vor. So beginnt ein Tag, der ein ganz großer Tag sein soll.

Im Startbereich traf ich viele andere Deutsche. Dr. Alfred Witting zum Beispiel, mit dem ich 2010 schon den MdS, den Marathon des Sables in Marokko, gelaufen bin. Und der Alfred Witting, der, wie ich auch, beim Trail des Canyon du Verdon in Moustiers Sainte Marie ausgestiegen ist. Weil ihm die Strecke zu „abartig“ war.
Es ist schön, zu wissen, dass es andere Läufer gibt, die manche Dinge ähnlich sehen wie Du es tust.
Und da war der Rest der Wuppertaler Laufgruppe, vielfach bewährt und teilweise auch beim Trail des Canyon du Verdon dabei.
Christian Zimmer war nicht am Start, sein Start war erst um 12 Uhr, weil er ja nur für die kurze Distanz eingeschrieben war. Welch eine verrückte Parallelität, dass wir am Ende dann doch eigentlich die gleiche Distanz gelaufen sind.

Verbier liegt ganz romantisch angeschmiegt an die mächtigen Berge der Region. Wasserfälle sind allgegenwärtig in und um Verbier und in einer wasserreichen Zeit wie jetzt sind diese auch schön und gut gefüllt, zumindest dachte ich das. „Wallende Wasser“ dachte ich, als ich die Serpentinen nach Verbier hochgefahren war, heute aber, nach diesem Lauf, weiß ich, wie viel mehr Wasser in solche Wasserfälle passt.
Schon vor dem Startschuss wunderte ich mich über meinen hohen Puls, den Dr. Alfred Witting mit der Höhe über Normalnull begründete. Das sei einer der Gründe, warum er den PTL wohl nie wieder versuchen würde. Wasser in den Lungen, Blut in der Leber, gesund erreicht da niemand das Ziel, außer er ist an die Bergwelt angepasst. Und wer von uns Flachland-Tirolern kann das schon von sich behaupten?
Aber der Puls interessierte mich nicht, Sorgen machte mir nur, dass ich vergessen hatte, die Sonnenmilch einzupacken.
Die Strecke ging aber sehr dicht an dem Parkplatz vorbei, wo mein Auto stand, also bin ich abgebogen und habe das Vergessene noch eingepackt. Daher fand ich mich gut 100 Meter hinter den letzten Läufern abgeschlagen hinten wieder. Das ist ein interessantes Gefühl, weil Du den Zuschauern, die Dich als „Träger der roten Laterne“ anfeuern, zu erklären versuchst, warum Du hinten und sogar so weit hinten läufst. Totaler Quatsch eigentlich, aber so sind wir Männer nun mal. Wir laufen auch immer dann ein wenig schneller, wenn Zuschauer an der Strecke sind …

Die Landschaft dort bei Verbier ist grandios. Ein Gutteil der Strecke deckt sich mit der Strecke des UTMB, nur geht die Reise anders herum. Also erst Champex-Lac, dann La Fouly. Dort war es auch, wo der erste Regen begann, aber er war nicht schlimm. Eher hat er gut getan hat nach der Hitze des Tages und ganz schnell war der Regen auch wieder vorbei und die Hitze kam zurück.
La Fouly liegt auf rund 1.600 Metern über N.N. und von dort aus geht es knapp über 1.000 Höhenmeter nach oben, zur Doppelspitze um den Großen St. Bernhard, den „Col du Grand Saint-Bernard“ herum. Und obwohl wir stetig höher kamen, wurde es heißer und drückender. Was für ein Glück, dass wir etliche Gebirgsbäche über- und durchqueren mussten. Immer wieder tauchte ich die Arme in das kalte Nass, immer wieder ließ ich Unmengen an kaltem Wasser mittels meiner Kappe über den Kopf, die Brust und den Rücken laufen.

Die letzten vier Kilometer dieses Anstiegs aber werde ich wohl lange nicht vergessen. Der Weg führte uns weitgehend über Schneefelder, weich, verharscht und glitschig und wegen der Steigung rutscht Du fast so weit nach hinten, wie Dich Dein Schritt nach vorne getragen hat. Eigentlich bin ich kein schlechter Bergläufer, aber die Psyche, die Oberschenkel und die Atmung zwangen mich zu mancher kurzen Pause. Vier Kilometer in 95 langen Minuten!
Mittlerweile war mein Wasservorrat leer, ich war durstig und froh, dass ich oben an der Kontrollstelle von der Kontolleurin einen Rest Wasser von ihrer Flasche bekommen hatte, den ich in einem Zug austrank. Es war schwül und heiß, obwohl wir auf einer Höhe von 2.698 Metern waren. Sogar die Geschwindigkeit einer kampferprobten Landschildkröte ist wahrscheinlich höher als meine an diesem Berg.


Im gleichen Moment, in dem ich die Wasserflasche zurück gab, begann der richtige Regen
. Regen? Nein, was passierte, war schlichtweg unbeschreiblich. Der Himmel machte alle Schleusen zugleich auf und Du denkst, dass jetzt die Welt untergeht.
Du gehst ein Schneefeld herunter, in das zwei schuhbreite Rinnen wie von schweren Langlaufskiern gegraben waren. Du rutscht in diesen Rinnen, Du hast Angst und Du freust Dich, dass Dir wenigstens die Stöcke ein wenig Halt und Sicherheit geben. Und von oben prasselt es. Du frierst und zitterst und überlegst, ob Du das aushalten sollst oder in dem Regen anhältst, um Handschuhe und eine Regenjacke anzuziehen. Ich entschied mich für das Aushalten.


Von oben kam ein anderer Läufer. Mittlerweile waren wir auf Grasebenen, die vollständig von fließendem Wasser bedeckt waren und die Bächlein, die wir überqueren mussten, waren Bäche geworden. Mein Laufpartner ging direkt durch das Wasser, während ich in gutem Glauben war, doch noch Steine zu finden, um den Weg durch die Fluten zu vermeiden. Nur zwei Bäche später war es mir egal und ich tat es ihm gleich. Bis zum Knie ging es durch die Fluten. Kurz vor der Versorgungsstelle an der Statue des St. Bernhard ging der Trail unterhalb der Straße weiter und mein leider nur französisch sprechender Laufpartner schlug vor, über die Straße zu gehen, durch den seitlich halb offenen Tunnel.
Ich fragte ihn in meinem mäßigen Französisch, ob er sich sicher sei und er nickte. In der Not versteht man sich auch ohne viele Worte. Die Straße war vier, fünf Zentimeter unter Wasser, das von oben über unsere Füße nach unten floss. Die Regentropfen von oben schlugen ein wie kleine Bomben und die von den Fluten über die Straße verteilten Steine brachen das fließende Wasser und es bildeten sich kleine Fontänen. Ein wunderschönes Bild, wenn man es im Trockenen hätte beobachten können. Wir kamen gut voran und ich bedauerte die drei Läufer, die ich weiter unten auf dem Trail laufen sah.

Direkt nach dem Tunnel querte der Trail die Straße und ging nach oben weiter. Wir folgten dem Tail und schon bald wusste ich, dass das ein Fehler war. Der Trail war kein Weg mehr. Es war eine einzige, mehrere Hundert Meter lange Pfütze. Und ich beneidete die drei Läufer, die ich weiter unten auf der Straße laufen sah.
Strike – Bingo – Ausgleich für die Drei!

Es war sehr voll am Verpflegungspunkt, auch die Läufer waren da, die mich zuvor am Berg überholt hatten. Warum waren die noch da? Sich unterstellen macht doch keinen Sinn, dachte ich. „Wir dürfen nicht weiterlaufen, es ist zu gefährlich!“ wurde ich belehrt. „Wir dürfen aber da unten in die Caritas Hospiz gehen und warten.“ Ein wenig froh war ich schon, dass ich die Gelegenheit nutzen konnte, mir frische Sachen und eine Regenjacke anzuziehen, also ging ich dort auf die Toilette und kramte in meinem Rucksack.
Weißt Du, was Klamotten sind, die bei so einem Regen im Rucksack waren? Richtig. Nass. Richtig nass, keine Verbesserung gegenüber dem, was Du am Körper getragen hast, aber dennoch habe ich die Sachen getauscht. Die Schuhe quietschten vor Nässe, das Shirt und die Hose waren nass, die Regenjacke war nass. Ekelhaft. Aber wir durften nicht weiterlaufen. Man überlege noch, wurde uns gesagt, wie es weiter gehen könne. Für diesen Fall gab es offensichtlich keinen „Plan B“.

Wir bekamen heißen Tee und mit abnehmender Körpertemperatur fing ich stärker an zu frieren, regelrecht zu zittern. Mehr als zwei Stunden waren wir dort, als uns gesagt wurde, dass man eine Fortsetzung des Trails unterhalb des Berges markiert hätte. Es würde aber auch ein Bus kommen für all diejenigen, die aufhören wollten, hieß es. Ich war nicht hin- und hergerissen, ich fror, ich hatte Sorge, meinen Rücken wieder zu verkühlen, ich war demotiviert, enttäuscht und wütend. Ich wollte weg.
Wenn ich weitergelaufen wäre, dann hätte ich minutenlang richtig Gas geben müssen, um wieder eine höhere Körpertemperatur zu erreichen. Wie aber machst Du das, bergab, auf nassem, glitschigen Gelände? Ich dachte aber auch daran, dass ich für mich gesagt habe, dass dieser letzte Alpentest für mich der Lackmustest dafür sein sollte, ob ich wirklich beim PTL antrete. Wenn ich das nicht schaffe, dann laufe ich auch nicht den PTL, dachte ich beim Start.
Jetzt denke ich, dass der Abbruch des Laufs mit Vernunft und mentaler Stärke zu tun hat und nicht mit psychischer und physischer Schwäche wie beim Trail des Canyon du Verdon, also werde ich davon nicht meinen Start beim PTL abhängig machen.
Ich starte dort, weil ich es will und weil ich es kann. Und ich werde dort auch finishen, allen Warnern zum Trotz, weil ich es kann und weil ich es will. Das ist meine Botschaft, die ich in den Fluten des Großen St. Berhard in großer Höhe gelernt habe!

Als der Bus uns dann zurück brachte, fuhren wir an vielen Wasserfällen vorbei, die ich einen Tag zuvor auch passiert hatte. Aus den wallenden Wassern sind stürzende Wasser geworden, die vertraute Optik hübscher Bergwasserfälle wechselte zu fremden, gefährlichen Sturzbächen, die sich in die Tiefe stürzten. Und ich weinte. Ganz leise.
In Verbier angekommen wollte ich nicht einmal mehr duschen. Ich wollte nur noch weg. Weg aus der Gegend, die meinem Selbstwertgefühl so sehr zugesetzt hatte.

Es regnete noch bis kurz vor Basel, ich war hundemüde und ich hörte immer und immer wieder Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“