Die Abendpost!

Die Hamburger Morgenpost (MoPo) hatte uns am Samstagmorgen mit ihren drei Seiten über den „irren Lauf“ auf dem Elbe-Radweg ja erst richtig auf Trab gebracht und dafür gesorgt, dass die Depressionen verschwanden und sich in ein Hochgefühl verwandelte, das uns fliegen lies.
Und wenn die MoPo am Morgen etwas schreibt, dann gibt es auch am Abend Post …

Das Hamburger Abendblatt berichtete am Ende auch über Hauke, den „härtesten Sportler der Stadt“ und zeige Hauke ganz weich und gefühlvoll mit Töchterchen Enna auf dem Arm.

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Viel Spaß beim Lesen …

Kahtoola MICROspikes

„Kahtoola!“

Was auf den ersten Moment wie eine hawaiianische Begrüßungsformel klingt, ist etwas, das ich bis gestern noch nicht kannte, aber heute schon bestellt habe.
Regelmäßige Leser meines kleinen Blogs mögen mir verzeihen, dass ich gerade die Serie der Laufberichte über Hauke Königs 530 Kilometer-Lauf von Dresden nach Hamburg unterbreche, um ein freundliches „Kahtoola!“ in die Runde zu rufen, aber der PTL wirft seine Schatten voraus und beschäftigt mich zurzeit in jeder freien Minute.

Gestern habe ich angefangen, meinen Rucksack zu packen. Ich hatte die Wahl zwischen dem SALOMON Rucksack, den ich so liebe und dem RACELITE Rucksack mit Front-Container, den ich mir für den MdS gekauft habe. Zum Glück bin ich sehr vorsichtig mit dem Rucksack umgegangen, sodass ich ihn auch noch für den PTL verwenden kann. Letztendlich hat der Front-Container und damit die gleichmäßigere Gewichtsverteilung den Ausschlag gegeben, warum ich mich für RACELITE entschieden habe.

Ich habe viel gelesen in den letzten Tagen, die 36-seitige Anleitung über die Regeln der vier Bewerbe am Mont Blanc ( CCC, TDS, UTMB und PTL), die Mails von Michael Eßer und Jens Vieler und natürlich die vielen Mails meiner beiden Laufpartner Bob Lovegrove von der britischen Insel und Carsten Quell aus Kanada. Und da las ich, dass wir wohl ab 2.800 Metern Höhe mit Schnee und mit Schneefeldern zu rechnen haben.

Sofort dachte ich an den „Trail Verbier/St. Bernard“ und an die knapp zwei Kilometer Aufstieg über ein riesiges Schneefeld. Ich erinnerte mich, wie ich mich gequält habe, um Meter für Meter nach oben zu kommen, stets zwei Schritte nach vorne machend, während ich einen Schritt wieder zurück rutschte.
Und auf der anderen Seite des Berges ging es in einer gefährlichen Rutschpartie wieder nach unten. Der glatte Schnee unten, der stark prasselde Regen von oben, die schmale Spur im Schnee, die bestenfalls für einen Fuß reichte und die Erschöpfung machten den Weg nach unten zur Qual – Spikes hätte man haben sollen, dachte ich damals.

Nun aber hat sich Carsten „Kahtoola!“ gekauft. Danach musste ich natürlich gleich googeln. Und siehe da, „Kahtoola!“ ist keine hawaiianische Grußformel, sondern der Hersteller von auf den Schuh aufziehbaren Spikes, ideal für die Herausforderungen des PTL und dabei sehen diese MICROspikes auch noch richtig gut  aus:

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„Kahtoola für alle!“

Laufrausch – der heilige Sonntag …

Knapp 190 Kilometer waren gelaufen und der Frust des Stoppelfeldes und der überstiegenen Zäune nagte am Sonntag Morgen noch an mir. Die Nacht war kurz und unruhig gewesen, immerhin sind wir ja erst sehr spät in unsern Lagern im Wohnmobil gewesen. Der Morgen graute schon und ich befürchtete, gar nicht schlafen zu können, weil ich einer derjenigen bin, die stets aufwachen, wenn es hell wird.

Aber ein wenig Schlaf durfte sein, sollte sein, musste sein. Auch für Hauke. Und dann musste er wieder laufen und Susanne begleitete ihn. Ich war für das Frühstück zuständig, da „unsere Mutter“ Thomas Unterstützung brauchte. Wenigstens am Sonntag sollte es einen Touch von Luxus geben. Aber alles, was Mühe macht, war gestrichen.
Kein Frühstücksei, schon gar kein Omlett. Also holten wir frische Brötchen, ein paar Croissants und für den Nachmittag insgesamt acht Stücke Kuchen.
Nicht jedes Kuchenstück hat allerdings den Sonntag Nachmittag erlebt.

Susanne und ich teilen dabei eine Leidenschaft und ich war sehr froh, das in diesem Moment zu merken. Weil ich ein Fan von Mohnkuchen bin und weil ich unbedingt wenigstens ein Stück Mohnkuchen haben wollte, hatten wir insgesamt drei Stücke Mohnkuchen gekauft, zwei Stücke Mohnstreusel, den ich so liebe und ein Stück Mohnkuchen mit einem Eierstich.
Susanne nahm sich einen der Mohnstreusel und sagte, dass sie Mohn in jeder Form lieben würde. Er würde so schön „high“ machen – ich war begeistert!
In meiner Familie hält sich die Liebe zum Mohn in engen Grenzen, aber nun kenne ich jemanden, mit dem ich in rauchigen Hinterzimmern und in dunklen Bahnhofsecken der gemeinsamen Sucht frönen kann.


Als Susanne im Wohnmobil saß und über Mohn philosophierte, dachte ich unweigerlich an das WM-Endspiel Deutschland gegen die Niederlande 1974. Ich war damals knapp dreizehn Jahre alt und es war mein erstes Endspiel vor dem Fernseher. Die Spieler waren noch schwarz/weiß, der Fernseher klein und mit nur einer Box ausgestattet, aber meine Mutter hatte ein ganzes Blech Mohnstrudel gebacken. Für die ganze Familie, für fünf Personen.

Und dann machte meine Mutter gleich zwei Fehler:

1. sie stellte das Blech auf den Esszimmertisch und
2. sie ließ meinen Bruder und mich alleine das Endspiel ansehen.

Hast Du Dir schon einmal ein spannendes Fußball-Endspiel angesehen und vor Dir stand ein riesiger Mohnstrudel? Ja? Dann verstehst Du, dass nach 90 Minuten das Blech leer war. Mohn ist halt so eine Sache …
Schade, dass ich damals Susanne noch nicht kannte. Andererseits hätten wir dann den Mohnstrudel durch drei teilen müssen. Aber lustig wäre es bestimmt gewesen.

Nach dem Frühstück lief ich mal mit den beiden, mal nur mit Hauke, mal machte ich wieder eine Pause, damit ich erneut die Nachtschicht übernehmen konnte. Bemerkenswert war vor allem, dass es unglaublich viele Schlösser in Sachsen-Anhalt gibt. Schön restaurierte Schlösser und auch Schlösser, die noch nicht zu den „blühenden Landschaften“ gezählt werden können.
Aber sonst ist doch vieles traurig gewesen. Ortschaften, in denen es weder Bürgersteige noch hübsche Vorgärten gab, Menschen, die traurig aussahen und landwirtschaftliche Gebäude, wahrscheinlich ehemalige LPG’s, die bei der Wende schon alt und marode waren und denen die letzten fast 21 Jahre dann den Rest gegeben haben.
Schöne, neue und renovierte Häuser waren genauso an der Strecke wie Häuser, die nicht mal in der Nachkriegszeit charmant ausgesehen haben.
An ein Haus erinnere ich mich noch ganz besonders gut. Es war direkt an der Elbe gelegen, genau dort, wo die Zufahrt ins Örtchen war, also in einer wirklich fast optimalen Lage. Das Haus war riesig und man konnte noch gut erkennen, wo die Terrasse gewesen war. Es muss einmal ein Restaurant gewesen sein, aber mittlerweile fehlt der Boden im Restaurant, vom Dach sind nur noch Rudimente erhalten und die einzigen Gäste sind Dauergäste.
Büsche und Bäume wachsen seit Jahren da, wo sich früher Menschen vergnüngt haben. Das Gelände ist mit Bauzäunen abgeriegelt und eine Dixie-Toilette steht davor und bewacht dieses Anwesen.

Hauke hat diese Dixie-Toilette auch aufgesucht. Thomas war darüber sehr erstaunt und verwundert, aber Hauke antwortete ihm: „Ich habe früher auf dem Bau gearbeitet. Kannst Du Dir vorstellen, wie die Toiletten dort aussahen?“ Thomas schwieg.

Noch war der Weg nach Hamburg enorm weit und so ging es weiter, Kilometer für Kilometer. Am späten Nachmittag hat sich Susanne dann eine Pause gegönnt, die hatte sie sich auch verdient. Hauke und ich liefen, gingen und trabten weiter.
Wenige Kilometer vor dem nächsten Treffpunkt sahen wir dann zufällig das Wohnmobil in einiger Entfernung. Wir riefen Susanne an und sie erzählte uns, dass die beiden wieder irgendwo auf einem Campingplatz eine Dusche genommen haben. Ich war so neidisch.
Es ist wirklich eine gute Sache, auf Campingplätzen zu duschen. Am Vortag hatten Susanne, Thomas und ich uns das auch schon gegönnt und die Duschen waren brandneu, warm, hatten einen satten Wasserstrahl und machten sofort neue Menschen aus uns Dreien.

Wir sahen also das Wohnmobil in der Ferne, aber Susanne sah uns nicht, trotz meines leuchtend gelben LIVESTRONG – Laufshirts, das mich immer an den New York – Marathon 2007 erinnern wird. Und dann waren Thomas und Susanne auch schon wieder aus der Sichtweite und Hauke und ich waren ein wenig hungrig und wir freuten uns auf einen Schlag Nudeln beim nächsten Treffpunkt.

Als wir dort ankamen, empfing uns eine gut gelaunte und frisch geduschte Susanne, die sich ganz alleine um das Abendessen gekümmert hatte. Sie hat Thomas schlafen gelegt, so konnte sie richtig wirbeln und aus dem Benutzermobil wieder ein Wohnmobil machen.
Die Nudeln waren fertig, die Sauce auch. Alles noch nichts Besonderes. Aber es standen Kerzen auf dem Tisch. Und die leuchteten das Wohnmobil aus und verströmten einen Duft, der zum Bleiben einlud.
Dass Susanne eben noch alle Teppiche aus dem Wohnmobil genommen und gereinigt hat, sei nur nebenbei erwähnt. Auf jeden Fall hatte das Wohnmobil, in dem wir das Abendessen zu uns nahmen, nichts mehr mit dem Wohnmobil zu tun, das wir verlassen hatten. Susanne hatte den Touch von Luxus geschaffen, den ich schon am Morgen haben wollte.

Die kölschen Jungs von BAP hätten gesungen: „Do kanns zaubere“, so schön war es …

Lyrics BAP – Do kanns zaubere

E wieß Blatt Papier, ne Bleisteff, Jedanke bei dir setz ich
Ahm Finster un hühr, wat sich avvspillt vür der Dür, bess ich
Avvrötsch en die Zick, en der et dich für mich nit joov
un mir ming Levve vürm Daach X op einmohl vüürkütt wie en Stroof.

Do kanns zaubre, wie din Mamm, die Kate läät,
– Irjendsujet muss et sinn –
Jede Andre hätt jesaat: ‚Et ess zo spät,
dä Typ ess fäädisch, nä dä typ,
Dä krisste wirklich nit mieh hin.‘

Mem Rögge zur Wand, spaßend un jede Nacht voll woor ich,
Ming bessje Verstand hassend, total vun der Roll wor ich.
T’schlemmste woor, als mir, wie do mich endlich registriert,
Entsetzlich klarwood, dat et jetz oder nie met uns zwei passiert.

Mensch woor ich nervös, als ich dir alles jesaat – hektisch
Un trotzdämm erlös, weil do mich nit treck ussjelach un dich
Für mich intressiert häss, für all dä Stuss, dä uss mir kohm
Für all dä Laber, dä’sch jebraat hann, weil die Chance zo
plötzlich kohm.

Do kanns zaubre …

E wieß Blatt Papier, ne Bleisteff, Jedanke bei die setz ich
Ahm Finster un hühr en mich, krich kaum jet notiert, weil ich
Immer noch nit raffe, dat mir uns tatsächlich hann,
Un mir deshalb halt wießmache,
Dat do wirklich zaubre kanns …

Aber trotz des schönen Heims ging es für Hauke und mich weiter. Die Nacht kam und dieses Mal wollte ich unbedingt den Sonnenaufgang erleben. Wegen der nicht mehr arbeitenden Fähren mussten mal wieder die Straße nehmen und wir hatten vor, das 25 Kilometer lang zu tun. Ich hatte meine Laufjacke aus der „Brooks Nightlife Kollektion“ an, damit wir besser gesehen werden. Außerdem trugen wir unsere Stirnlampen, wobei eine davon hinten sogar noch ein rotes Licht hatte.

Alles unnötig, wir waren alleine auf den Straßen. Im Osten war in dieser Sonntag Nacht einfach nichts los.
Wir kamen aber nur rund 15 Kilometer weit, als Hauke Schmerzen in den Beinen bekam. Erst setzten wir uns an den Straßenrand, dann gingen wir weiter und dann riefen wir Thomas und Susanne an, dass sie uns abholen sollten.
Und wir gingen langsam weiter.
Es dauert lange, bis sich ein Wohnmobil unter Thomas in Bewegung setzt. Thomas, der Fan jedes Navigationssystems, fragte mich als erstes nach der Adresse, wo wir stehen würden. Zu diesem Zeitpunkt waren wir irgendwo im Niemandsland zwischen zwei Ortschaften, aber an einer Bundesstraße. Der Strauch, neben dem ich stand, sagte auch nichts, als ich ihn nach der genauen Adresse fragte. Aber irgendwann fuhr das Auto dann und rettete uns. Und wir gingen zu Bett.

Hauke musste sich erholen, die Beine mussten wieder lockerer werden. Für ihn war die Nachtruhe wichtig und hilfreich, für mich war sie der Abschluss der Elbe-Tour.
Am nächsten Morgen …

… Fortsetzung folgt.

Laufrausch, der zweite Tag …

75 Kilometer waren erst gelaufen, die Lauflust war auch am nächsten Tag nicht wieder gekommen, obwohl der Regen seit zwei Uhr aufgehört hatte. Nur Susanne, die Konsequente, wollte weiterlaufen. Hauke war träge und ich war vollkommen demotiviert. Mir war kalt und ich fand es „usselig“, um den Ruhrpott-Begriff mal zu verwenden. Zwei gute Gründe, unter der wärmenden Decke liegen zu bleiben, fand ich.
Gegen Susannes Hartnäckigkeit half auch Haukes eingebildete Trägheit wenig und so erbarmte er sich nach vielleicht zehnmaligen Aufrufen von Susanne doch noch, aufzustehen und weiter zu laufen. Ich aber blieb hart wie ein 6-Minuten-Ei.
Ich stieg erst nach dem Frühstück wieder in den Lauf ein. Ich war aber rechtzeitig da, als das erste Mal ein Schild auf einem Baum zu sehen war mit dem Namen unseres Ziels. „Hamburg 280 Kilometer“ stand da, aber damit war bestimmt nur die Strecke in der Luftlinie gemeint. Außerdem waren dort Paris, Moskau, Singapur und auch viele andere hübsche Metropolen dieser Welt erwähnt und mit Entfernungen versehen.

Dieser Baum hat es aber auch nicht geschafft, wieder Elan und Hoffnung in meinen Lauf zu bringen. Wir hatten uns zu dritt schon langsam damit abgefunden, bis Montag Abend zu laufen und dann irgendwo vor Hamburg zu enden, 10 Kilometer, 100 Kilometer oder sogar 1.000 Kilometer. „Es ist ja eh‘ egal,“ dachten wir, „dieser Lauf hat schon so schlecht begonnen, dann darf er auch schlecht zu Ende gehen.“

Und dann geschah das kleine Wunder. Es kam unverhofft in Form einer MMS.
In Wort und Bild stand da etwas von „Haukes irrem Lauf“, das Foto von Hauke war darauf zu sehen, das Foto, das wir am Vortag in Dresden gemacht hatten und die MMS zeigte, dass es sich nicht um einen Artikel im Eutiner Käseblättchen handelte, sondern um einen Artikel in der großen „Hamburger Morgenpost“.
Auf mich wirkte die MMS wie Doping, Susanne wiederum fühlte sich nun unter Druck gesetzt und brauchte sehr lange, um mit dieser neuen Situation umzugehen. Hauke wiederum erklärte, dass er nun auf jeden Fall bis Hamburg laufen werde, egal, wann er dann ankommen würde.

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Wir diskutierten einige Lösungsvorschläge, die Handys liefen heiß und die Aktien der Mobilfunkanbieter stiegen angesichts dieser Kosten ins Unermessliche. Damit auch unser Fahrer Thomas zeitnah über diese Wende informiert war, beschleunigte ich das Tempo und lief über 1o Kilometer in einer Pace von unter 5:00 Minuten je Kilometer. Squeezy, PowerBar Gel oder welche Hilfsmittel auch immer: nichts treibt mich so sehr an wie die Erwartungshaltung von Anderen. In diesem Moment konnte ich fliegen.
Und wieder erkannte ich den „Magic Moment“, den wundersamen Moment, in dem mir stets klar wird, wie glücklich wir Läufer sein dürfen, dass wir diesen Zauber erleben können.

Am Ende setzte sich bei uns der Lösungsansatz durch, dass Hauke nach Hamburg laufen wollte, egal, wie lange es dauern würde, Susanne und ich wollten teilweise zusammen mitlaufen, teilweise aber auch alleine. Auf jeden Fall sollte Hauke stets zumindest von einem von uns begleitet werden.
Die Probleme aber würden ab Montag entstehen. Thomas hatte den folgenden Dienstag fest als Reisetag in den Süden eingeplant. Er hatte ein „Ententreffen“ in Süddeutschland organisiert und sagte, dass es nicht überzeugend wäre, wenn der, der das Treffen organisiert hat, nicht anwesend wäre.
Ich wiederum hatte mich auch fest auf das Ende des Laufs am Montag Abend eingestellt und hatte für den Dienstag geschäftiche Termine vereinbart, die ich nicht verschieben konnte. Mir wird schon die Arbeitswoche fehlen, in der ich um den Mont Blanc laufen werde.
Susanne hat auch auf der Arbeit gesagt, am Dienstag wieder zurück zu sein, aber sie entschied spontan, noch ein paar Überstunden abzubauen, also rief sie auf der Arbeit an und fragte, ob das so möglich wäre. Statt des befürchteten Unverständnisses erfuhr Susanne Lockerheit, Verständnis und Zustimmung. Sie war glücklich und wir hatten eine Lösung.

Und wir liefen weiter, den ganzen Tag durch. Irgendwann machte ich eine Pause, um für uns alle Nudeln zu kochen. Hauke hatte Vollkorn-Nudeln besorgt und es gab eine vegetarische Sauce dazu. Susanne und Hauke liefen aber dann nicht zum vereinbarten Treffpunkt, sondern sie landeten eine Ortschaft weiter dort auf dem Marktplatz. Von dort aus riefen sie uns an, damit wir dorthin kommen können.
Schade, dachte ich, ich hatte den Tisch so schön gedeckt. Irgendwie hat es aber doch geklappt, das Geschirr wurde abgedeckt, die Nudeln warmgehalten und auch die Sauce wurde wieder ins Glas zurück geschüttet. Und obwohl wir kein Salz im Wohnmobil hatten, waren die Nudeln lecker. Gewundert hat mich jedoch, dass Thomas glatte 12 Minuten gebraucht hat, um endlich loszufahren.

In der Nacht lief ich dann mit Hauke. Ich war richtig gut drauf und freute mich darauf, die ganze Nacht durchzulaufen, um die kommenden Laufnächte am Mont Blanc zu simulieren. Ich war genau so lange motiviert, bis die letzte Etappe kam, eine Etappe von nominal etwa 12 Kilometern. Wir wollten sie in 1 1/2 Stunden abhaken. Was für ein Irrtum!

Weil die Fähre in der Nacht nicht mehr fuhr, sahen wir eine Alternative über normale Straßen zu einer großen Brücke und direkt danach wollte Thomas mit dem Wohnmobil warten. Anfangs ging es gut voran. Es waren kleine Straßen, die wir liefen, aber die Landkarte, die wir dabei hatten, schien genau und aktuell zu sein. Ein Mal verliefen wir uns, als wir eine Abzweigung verpassten. Aber das merkten wir relativ schnell im nächsten Örtchen.
Später dann ging es um ein Wasserschloss herum und der Weg sah auf der Karte aus wie ein Rechteck. Lange schein alles in Ordnung zu sein, aber dann wussten wir nicht mehr weiter. Da fehlte ein Weg, den wir laufen wollten, dafür war da sehr viel Wasser. Drei Mal gingen wir einen Weg entlang, stets in der Hoffnung, die für uns entscheidende Abzweigung doch noch irgendwo zu finden. Am Ende des Weges war ein Bauernhof und die Straße war mit einem privaten Gatter geschlossen.

Irgendwann haben wir dann doch eine Abzweigung gefunden und wir verbanden damit die Hoffnung, nun doch noch zügig beim Wohnmobil anzukommen. Weit war es nicht mehr, vielleicht noch drei oder vier Kilometer, schätzten wir, wenn, ja wenn das der richtige Weg gewesen wäre. War er aber nicht.
Das merkten wir aber erst sehr spät, als wir uns lange Zeit durch hohes Gras gekämpft hatten und dann doch wieder am Wasser standen. Es half nichts, wir mussten querfeldein, einfach nach Gefühl. Ein riesiges Stoppelfeld schrie danach, von uns begangen zu werden. Meine Stirnlampe war schon lange aus und ich war froh, dass Hauke ein paar Ersatzbatterien dabei hatte.
Dann war das Stoppelfeld zu Ende, die Autobahn nah und der Zaun zwischen uns und der Autobahn war kein echtes Hindernis für uns. Die Autobahn aber schon.

Mittlerweile war es fast drei Uhr nachts, wir liefen schon bald drei Stunden lang durch die Dunkelheit und ich hatte die Nase gestrichen voll.
Ich wollte einfach über die Autobahn laufen, aber Hauke war dagegen, weil es sicherlich viel zu gefährlich gewesen wäre. Also kletterten wir wieder über den Zaun und folgten Zaun und Autobahn für ein paar Hundert Meter, bis wir einen Tunnel unter der Autobahn ausmachten.

Thomas rief ja vor Stunden an und sagte, dass er unter der Autobahn bei einem Tunnel warten würde, fiel mir ein. War das der richtige Tunnel?
Wir gingen durch und suchten das Wohnmobil, aber ohne Erfolg.

Nun waren wir auf der anderen Seite der Autobahn und wir folgten ihr unten bis zur Elbe. Weiter ging es natürlich nicht. Jetzt war ich endgültig bedient und wollte nur noch schlafen. Auch Hauke war genervt und nervös und das Handy erwähnte durch eifriges Klingeln, auf „Battery low“ zu stehen. Was würde passieren, wenn wir den Weg nicht finden würden und sich gleichzeitig auch noch das Handy verabschieden würde? Langsam machte ich mir tatsächlich Sorgen. Wieder überstiegen wir einen Zaun, wieder scheiterten wir an der Autobahn und wieder kletterten wir über den Zaun zurück.
Jetzt waren wir richtig genervt.

Also beschlossen wir, Thomas anzurufen und uns abholen zu lassen. Hauke hatte ein Schild entdeckt. Da war ein Autobahnparkplatz in 900 Metern Entfernung und dort wollten wir uns treffen. Also sagten wir Thomas, dass er dorthin fahren solle.
Es hätte uns so gut getan, wenn er sich mit ein paar warmen Worten nach unserem Zustand erkundigt hätte, gefragt hätte, ob wir gesund wären, was passiert wäre und all die Dinge, die Frauen perfekt können und wegen derer wir unsere Frauen ganz besonders lieben.
Aber Thomas wollte einfach nicht geliebt werden.

Wir gingen also zurück in Richtung dieses Autobahnparkplatzes, bis uns ein mal wieder abgesperrter Weg auffiel, der Rettung versprach. Während Hauke sich noch fragte, wohin dieser Weg führen würde, war ich schon dabei, den Weg zu inspizieren. Ich war so glücklich, als ich sah, dass er neben der Autobahn über die Elbe führte. Wir riefen sofort Thomas an, damit er nicht allzu weit fahren würde. Aber er hatte noch nicht einmal den Motor gestartet, vielleicht hätte er das auch erst nach weiteren Stunden verzweifelten Suchens gemacht. Wichtig war zuerst, den Fahrtweg in die Landkarte einzutragen und das Navigationssystem zu befragen. Nur losfahren und uns retten war nicht wichtig.

Als wir dann über die Brücke gelaufen waren, das Wohnmobil entdeckten und uns bewusst wurden, dass diese Odysee nun gleich vorbei sein würde, fielen mir Tausend Steine vom Herzen. Es war kurz nach vier Uhr, als uns Susanne entgegen kam und uns ganz fest drückte. Endlich fühlten wir uns wieder geliebt!

Über vier Stunden für 12 Kilometer! Ans Weiterlaufen war nicht zu denken, wir wollten nur noch schlafen …
So endete der zweite Tag im Laufrausch, weiter geht es im nächsten Beitrag.

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Laufrausch, der erste Tag …

Hauke König, "King of Elbe" (Klicken zum Vergrößern!) Foto: Susanne Alexi

Um 5.00 Uhr klingelt die Weckfunktion meines Handys und fast gleichzeitig weckten uns auch die Handys von Susanne, Hauke und Thomas. Trotz einer nicht allzu langen Nacht war ich frisch und voller Elan. Es ist schon erstaunlich, wie Dich Dein Körper einstellt, wenn Dein Hirn es ihm vorgibt.
Es blieben 30 Minuten für die Morgentoilette, das Anziehen der Strümpfe und Schuhe und für die ersten Gespräche des Tages.
Dann begannen die Fragen und die Fotos. Und auch die Hektik.
Für ein Frühstück blieb keine Zeit, nur Kaffee wurde gekocht, aber den trinke ich ja seit Jahren nicht mehr.

Zehn Minuten vor 6.00 Uhr fuhren wir dann zum Dresdner Theaterplatz, um pünktlich dort zu sein. Stefan (www.stefanolix.wordpress.com) wartete dort schon auf uns, um uns einige Kilometer zu begleiten. Das hatten wir schon über Twitter und Telefon vorab vereinbart, aber dennoch habe ich mich gefreut, ihn wieder einmal live zu sehen. Das letzte Mal hatten wir uns beim gemeinsamen Radebeuler „Mt. Everest Treppenmarathon“ gesehen, das ist lange her, entsprechend gab es viel zu bereden. Später dann sollten wir an Radebeul und an der Spitzhaustreppe vorbei laufen und schon der Blick darauf erinnerte mich an die Muskelschmerzen, die ich auf dieser Treppe erleiden musste.

Aber noch wurden vom Redakteur der „Dresdner Morgenpost“ weitere 30 Minuten dafür verwendet, gut 100 Fotos zu schießen. Auch das Foto von Hauke, dass es später auf die Titelseite der „Hamburger Morgenpost“ gebracht hat, entstand vor dem eigentlichen Start in den Norden.
Stefan musste nach seinem Lauf in der Frühe noch arbeiten und da wir durch die Fotosession einige Zeit verloren, bevor es richtig los ging, geriet am Ende Stefans Laufstrecke etwas kürzer als geplant und erhofft. Ich fand die Foto-Orgie auch eher lästig. Aber dann ging es tatsächlich los.

Wie immer waren wir am Anfang viel zu schnell. Stefan („Laufen in aller Frühe“) und ich liefen voraus, aber trotz regelmäßiger Tempodrosselung zogen Stefan oder ich immer wieder das Tempo hoch, weil wir uns so nett unterhalten haben. Stefan ist bekanntermaßen sehr politisch und dokumentiert das auch in seinem Blog, zudem denkt er häufig über unsere Ernährung nach. Eine perfekte Situation für mich, stundenlang über eines meiner Lieblingsthemen zu diskutieren: „Man ist, was man isst!“
Ich hoffe für Stefan, in diesem Gespräch nicht allzu „messiastisch“ gewesen zu sein, aber Gespräche über FoodWatch, die von der Industrie-Lobby verhinderte „Lebensmittel-Ampel“ und über Rhabarber im Erdbeer-Joghurt bewegen mich immer sehr.

Das Wetter war herrlich am Freitagmorgen, aber das sollte sich noch deutlich ändern und die Gespräche über Politik im weitesten Sinne mussten wir ausgerechnet dort beenden, wo die Politik mal wieder ein weithin sichtbares Zeichen von Grossmanns-Sucht und mangelhafter Planung abgeliefert hatte. Wir passierten eine kleine Eisenbahnbrücke über die Elbe und direkt neben ihr thronte eine schon vor Jahren fertig gestellte übermächtige und sehr teure Pylonenbrücke Niederwartha.

Auf der Brücke allerdings fährt niemand, weil es keine Straße geibt, die dorthin führt. Und es wird sie wohl auch nicht vor dem Jahr 2015 geben, weil Bürgerbegehren und Einsprüche den Straßenbau vorerst gestoppt haben.
Vielleicht ist die Fehlplanung aber auch Absicht und das teure Millionengrab soll den Druck auf die Öffentlichkeit und die Gerichte erhöhen, denn wenn man so viel Geld investiert hat, dann sollten Bürgerbedenken doch von der Justiz abgeschmettert werden können, oder?

Bald darauf kam der erste Verpflegungspunkt. Unser Wohnmobilfahrer Thomas hatte stets ein „Händchen“ dafür, so zu stehen, dass wir ihn nicht übersehen konnten. Es war für beide Seiten ein großartiges Gefühl, wenn man sich bei jedem der vereinbarten Treffpunkte wiedersah. Perfekte Harmonie an der Elbe gewissermaßen.
Die Pausen waren immer so schön, dass wir sie ausgiebig genossen und sie so lange ausdehnten, wie ich niemals Pause machen würde. Ich bin ja eher ein Typ der Sorte, beim Verpflegungspunkt zügig etwas zu trinken, ein paar Häppchen auf die Hand zu nehmen und weiter zu gehen. Setzen und den Organismus runterfahren mag ich eigentlich gar nicht.

Aber Thomas hat sich stets viel Mühe gegeben und später, beim zweiten Treffen, waren auch leckere, bereits mit Käse und Salat belegte Körnerbrötchen vorbereitet. Thomas, „unsere Mutter des Laufs“, hat uns damit einen Wunsch von den Augen abgelesen.

Ob es die langen Pausen waren oder die Perspektive, am Montag Abend wegen der Laufwegs-Verlängerung offensichtlich nicht in Hamburg anzukommen oder ob es einfach „nicht mein Tag“ war: schon früh taten mir die Beine weh und der Laufrausch verflog schnell.
Nach 65 Kilometern hatte ich keine wirkliche Lust mehr und ich bat darum, eine Etappe aussetzen zu dürfen.
Am Mittag des zweiten Tages habe ich dieses Ansinnen bereut, aber da konnte nichts mehr geändert werden.

Also liefen Susanne und Hauke allein und der Regen begann. Und er wurde zunehmend stärker und entwickelte sich zu einem ekelhaften und lang anhaltenden Regenguss, der unsere Motivation und unsere Kilometerleistung weiter verschlechterte.

Am Abend gab es dann Spaghetti mit ungarischen Paprikastücken, die wir uns in einem Restaurant machen ließen. Ich wollte zwar kochen, aber Thomas erklärte, jetzt Hunger zu haben und so änderten wir den Plan dahingehend, dass er und ich im Restaurant aßen und die P0rtionen von Susanne und Hauke wurden in Alubehältern warmgehalten.
Von der langen Abendpause erholte sich niemand richtig und so dehnte sich diese aus, bis der Regen gegen 2 Uhr am Morgen aufgehört hat und dann noch zwei weitere Stunden lang, bis der „irre Lauf nach Hamburg“ kurz nach 4 Uhr seine Fortsetzung nehmen konnte.

Aber dazu mehr im nächsten Beitrag …

Eines Deutschen Laufweg II …

Der terroristische Angriff auf die Luftfahrt war also aufgeflogen und verhindert und so konnten wir beruhig Richtung Osten abheben.
Kaum hatten Susanne und ich einen Teil der Neuigkeiten untereinander ausgetauscht, landeten wir auch schon wieder. Eine gute Stunde kann doch sehr kurzweilig sein.
Wir wurden noch im Flughafen von Hauke König und Thomas, unserer „Mutter der Truppe“, abgeholt. Irgendwie findet man sich wichtig, wenn hinter der Absperrung jemand auf einen wartet.
Thomas ist ein interessanter Typ. Ich hätte ihn der rastlosen Kolonie der Harley-Davidson-Fahrer zugeschrieben, in Wahrheit liebt Thomas aber eine Ente. Mit dem 2CV von Citroen, eben der legendären „Ente“, hat er schon so einiges erlebt. So fuhr er damit quer durch die Vereinigten Staaten, durchquerte damit den Kontinent Australien und er dokumentiert seine stille Liebe auch dadurch, Mitglied in einem 2CV-Club zu sein. Sein größter Wunsch war es, am Mittwoch nach dem Lauf bei einem „Enten-Treffen“ in Süddeutschland vor Ort zu sein.
Und Thomas machte einen Vorschlag, nämlich den, zum Griechen zu gehen. Er habe dort, so sagte er, ein All-U-Can-Eat Buffet für kleines Geld gesehen.

Griechisches Essen ist eigentlich nicht wirklich meine Welt. Es ist extrem fleischlastig und zudem wird viel Knoblauch verwendet. Aus Rücksicht auf Haukes Wohnmobil habe ich mich beim Knoblauch sehr zurück gehalten, denn die Gerüche und die Ausdünstungen von vier mit Knoblauch vollgepumpten Personen können die Außenwände eines Wohnmobils schnell nach außen ausbeulen und dieses so zur Kugel werden lassen.
Und abgesehen davon, dass ich ja sowieso kein Fleisch esse, hätte es mich auch gewundert, wenn die Tiere, die für dieses Buffet ihr Leben lassen mussten, einigermaßen artgerecht gehalten worden wären. Noch ein Grund mehr, zumindest auf dieses Fleisch zu verzichten.

Aber ich kam auch so auf ein gutes und ein einigermaßen gesundes Abendessen mit viel Salat und viel mit Tomatensauce durchmischtem Reis, mit gefüllten Weinblättern und leckeren Oliven. Carboloading einmal ganz anders.

Beim anschließenden Tischgespräch mit dem „härtesten Sportler der Stadt“ (Hamburger MoPo) folgten dann bei Kerzenschein die „Geständnisse im weichen Licht“ (Ulla Meinecke).

Lyrics: Ulla Meinecke – Nie wieder
Ich hab‘ dich oft gesehen und hab‘ mich nie getraut
Mal waren wir nicht allein, mal die Musik zu laut
Ein Blick von dir, ich fang zu zittern an
Geh’n wir zu mir? Weiß nicht mal, ob ich laufen kann
Ich red‘ zu viel und lach‘ zu laut
Und spür‘, du hast mich längst durchschaut
Geständnisse im weichen Licht
Und du sagst leise „Ich dich nicht.“

Verliebt, verlor’n, verbrannt
Gelacht, geweint und weggerannt
Und dann im Regen steh’n
Das Herz in der Hand
Nie wieder, bis zum nächsten Mal
Du sagst „Sein wir Freunde“, ich hab‘ hoch verloren
Ohne Halt auf dünnem Eis, ich wär‘ fast erfroren
Roxy Music, tausend mal, Tränen in der Nacht
Und dann zurück im Turm versteckt, die Brücke ist bewacht
Die Wachen sind jetzt aufmarschiert, behüten meinen Schlaf
Drachen fressen Prinzen auf, bevor ihr Blick mich traf

So sagte Hauke, dass seine Addition der Einzelstrecken nicht 560 Kilometer von Dresden nach Hamburg ergeben hätte, sondern 623 Kilometer. 63 Kilometer mehr, 16 Kilometer mehr für jeden geplanten Lauftag. Dadurch können wir die Planung entsorgen, dachte ich spontan. Mir wurde schwindlig und schummrig vor den Augen.
Thomas ergänzte zudem, dass einige Abschnitte des Elberadwegs wegen der Erhöhung der Deiche gesperrt seien. Spätestens heute weiß ich, dass es die Alternativrouten in der Nacht waren, die zu Sucherei, zu längeren und doppelt gelaufenen Strecken und zu Psychofallen wurden.
Ich hatte mich organisatorisch überhaupt nicht auf den Lauf vorbereitet. Wenn ich es aber getan hätte, dann hätte ich bemerken müssen, dass man oft über den Fluß muss, dass man mal rechtselbisch (ist das ein Dialekt?) und mal linkselbisch läuft. Da es aber nur sehr wenige Brücken gibt, ist man auf die Fähren angewiesen. Und die fahren nicht in der Nacht und am Wochenende seltener und kürzer als in der Woche. Die fatalen Folgen spürte ich dann spätestens in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Aber dazu mehr in einem der nächsten Blog-Beiträge.


Das nächste Geständnis kam dann von Thomas. Seine Internet-Recherche hatte zahlreiche Diskussionen gezeigt, die häufig den gleichen Tenor hatten: Da laufen Drei, die sich viel zu viel zumuten und die sich maßlos überschätzen.
So ein Frust. Da tauge ich schon nichts als Terrorist – und auch nichts als Langstreckenläufer!

Und das letzte Geständnis war dann, dass bereits um 5.30 Uhr am Freitag Morgen ein Redakteur der „Dresdner Morgenpost“ zum Wohnmobil kommen würde, um Fotos zu schießen und auch, um ein paar Fragen zu stellen.
Dass wir erst kurz vor 23.00 Uhr im Wohnmobil das Licht löschen konnten, war angesichts der Weckzeit von 5.00 Uhr sicher zu spät. Zum Schlafen zog ich mir schon die kompletten Laufklamotten an, außer die Strümpfe. Das spart Zeit am nächsten Morgen.
Gute Nacht.

Eines Deutschen Laufweg …

Am Ende waren es effektiv rund 530 Kilometer auf dem Elberadweg. Für Hauke, nicht für mich. Und dennoch bin ich für jeden Schritt dankbar, den ich mitlaufen durfte, vor allem aber für die Schritte, die ich durch die Nacht mit Hauke gegangen bin, ein besseres Training für den PTL, „La Petite Trotte à Léon“, hätte es für mich kaum geben können. Dort warten immerhin fünf harte Nächte auf die insgesamt 210 Verdammten, die sich auf diese Strecke weit herum um den „weißen Berg“ machen.

Eines Deutschen Laufweg, Hauke Königs „irrer Lauf“ von Dresden nach Hamburg (Hamburger Morgenpost, MoPo vom Samstag vergangener Woche) begann für mich mit einem hektischen Donnerstag.
Viel Arbeit hält das Büro zurzeit für mich bereit, eigentlich ein Grund, die Laufschuhe nicht zu schnüren und die Nachtetappen im Büro zu verbringen. Aber so verrückt bin ich dann doch nicht …
Erst auf den „letzten Drücker“ habe ich meine Siebensachen für die geplanten vier Lauftage gepackt und mein kleiner Koffer platzte fast vor all dem Inhalt, obwohl ich mich sehr beschieden habe. Fand ich jedenfalls.
Meine Gabi brachte mich dann zum Flughafen und unmittelbar vor der Ankunft rief Susanne Alexi schon besorgt an. Aber noch durfte sie ihren Koffer einchecken, ganz glücklich sah der Mann am Schalter aber nicht aus, immerhin musste er ein Mal mit der Flughafenlogistik telefonieren. Und dann ging es auch schon zur Sicherheitskontrolle. Die üblichen Fragen, die üblichen Antworten. Aber ich hatte nicht mit Susanne’s „Red Bull“ gerechnet. Natürlich wurde die Energydrink-Dose entdeckt und der Kollege, der sie inspizierte, fragte sie, ob sie diese noch austrinken wolle. Wollte sie aber nicht.

Und Susanne hat wohl nicht mit meiner gefährlichen Fracht gerechnet. Große Aufregung herrschte, mein übervoller Koffer musste aufgemacht und ausgepackt werden, um den vermeintlichen Anschlag auf „der Ehrenmänner Wohlergehen“ im Flugzeug zu verhindern. Eine Dose äußerst gefährlichen Melkfetts sollte in meinem Koffer an Bord geschmuggelt werden, 250 Gramm Gefahrgut. Während ich noch mit dem Kollegen, der mich inspizierte, über die nur geringe Explosionsgefahr von Melkfett diskutierte und den Vorschlag machte, diese suspekte Masse als Medizin einzustufen und durchgehen zu lassen, wurden zuerst Susanne und ich über die Lautsprecher persönlich aufgerufen, dann wurden wir entsprechend nervös und anschließend erklärte mir dieser Herr, dass diese Medizin nicht verschreibungspflichtig und daher nicht für den Flug zugelassen war.

Auf den Schreck wollte ich etwas trinken und nahm Susannes „Red Bull“ Dose, die sie ja weder ins Flugzeug mitnehmen durfe noch austrinken wollte.
„Das dürfen Sie aber nicht!“ sagte mein Herr und Gebieter auf der anderen Seite des Tisches. Warum ich das nicht öffnen und trinken durfte, der andere Kollege das aber zugelassen hätte, weiß ich nicht, aber wir mussten ja schnell zum Schalter. 250 Gramm hochgefährliches Melkfett und die ungeöffnete Energydrink-Dose verschwanden im Mülleimer.

Der Bus, der uns zum Flugzeug brachte, wartete nur noch auf uns, eine peinliche Situation. Aber wenn ich den mitfliegenden Menschen im Bus erklärt hätte, dass sie nur Dank des unerschrockenen Einsatzes des mutigen Sicherheitsbeamten gegen dubioses Melkfett sicher nach Dresden fliegen konnten, dann hätten die mir vielleicht ein Schild um den Hals gehängt:
„Hier ist einer, der Terrorist werden wollte. Zum Glück hat er es nicht geschafft!“
Fortsetzung folgt …