Ein 5.000 Meter Lauf mit reichlich Anlauf…

Ich neige dazu, Geschichten von hinten nach vorne zu erzählen, also mit dem Finish zu beginnen. Das stimmt. Und nicht immer ist das richtig, aber bei meinem Wochenendlauf ist das ein „MUSS“.

Wenn Du um 8.20 Uhr nach einer kühlen und nebligen langen Nacht im Ziel einläufst und Dir ein großes Bettlaken entgegen gehalten wird, auf dem steht: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ und Du in diesem Moment vor Glück zu zerspringen drohst, dankbar, aber auch ein wenig verschämt wegen dieses Empfangs bist, wenn Du Dich umsiehst und viele Menschen entdeckst, die alle es wert sind, Freunde genannt zu werden, dann weißt Du, dass es diese Situation zweifellos verdient hat, als erstes genannt zu werden.

Oft habe ich mich schon gefragt, ob es die einzig denkbare Art ist, Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu fahren oder sogar zu fliegen, um dann 42 Kilometer und 195 Meter weit zu laufen. Und ich habe manchmal spöttisch festgestellt, dass die Rolltreppe, die zum Fitness-Studio im ersten Stock führt, eigentlich nicht notwendig wäre.
In einem Buch eines amerikanischen Autors über die Merkwürdigkeiten des amerikanischen Lebens habe ich von einer Frau gelesen, die die nur rund 400 Meter von zu Hause bis ins Fitness-Studio mit dem Auto zurücklegt, um dann dort im Studio aufs Laufband zu steigen und zu laufen. Als der Autor sie fragte, warum sie das Auto nehmen würde, da antwortete die agile Lady souverän: “Weil sonst der Kilometer, den ich laufen würde, umsonst wäre. Ich kann den ja dann nicht in mein Trainigs-Tagebuch eintragen!“ Stimmt doch, irgendwie.
Andererseits gibt es auch beeindruckende Beispiele wie der unbekannte Läufer beim „Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul, der mit dem Fahrrad zum Wettkampf gekommen ist, um dann, nach 24 Stunden Treppen auf- und ab gehen, damit auch wieder nach Hause zu radeln.
Oder „Trailschnittchen“ Julia Böttger. Sie wollte am UTMB in Chamonix teilnehmen und beschloss, die rund 814 Kilometer vom oberbayrischen Hinterriss ins französische Chamonix über die Alpen zu laufen und dabei rund 42.400 Höhenmeter zu bewältigen.


Es waren diese Beispiele, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich überlegt habe, was ich in Ratingen-Breitscheid denn laufe. Durch ein paar DNFs wäre Breitscheid mein „Marathon und länger“ (MuL) Nummer 99 gewesen, der Münster-Marathon meine Nummer 100, aber das motivierte mich nicht ausreichend. Der 24-h Lauf in Breitscheid ist eine Benefiz-Veranstaltung und da sieht man vieles eher locker. Nichts für Bestwerte, nichts für Bestzeiten. Aber eben etwas von Freunden für Freunde.

Mir kam dann ganz plötzlich die Idee, dort hin zu laufen. Bis Köln kenne ich die Strecke gut, in Köln denke ich an den KÖLNPFAD, wo ich mich an den Kölner Ford-Werken in der Nacht verlaufen habe, zwischen Köln und Ratingen aber gibt es nur die Autobahn für mich. Das sollte sich ändern, dachte ich und druckte mir den Reiseweg von map24.de aus. Die gewählte Option war „Fußgänger“ und ich kam auf erst auf rund 93 Kilometer (Ratingen) und dann auf rund 99 Kilometer (Breitscheid, Mintarder Weg). Perfekt, dachte ich.

Mit den Nachtläufen hatte ich ja so meine Probleme in der letzten Zeit. Beim Elbelauf von Dresden nach Hamburg war ich in der ersten Nacht indisponiert und in den nächsten Nächten „schwächelte“ Hauke König ein wenig, einmal wegen des Verlaufens im Stoppelfeld und einmal, weil es einfach nicht gepasst hatte.
Beim PTL war die erste Nacht ja nach dem Spätstart um 22 Uhr relativ kurz, das ist ja noch verhältnismäßig einfach, und in den beiden nächsten Nächten hatte ich ja 3 Stunden bzw. 2 ¼ Stunden geschlafen. Ich wollte aber mal wieder die Nacht durchlaufen.

Als ich die Idee bei FACEBOOK gepostet habe, ärgerte ich mich schon schnell darüber, weil es nicht unbemerkt blieb. Und wenn es bemerkt wird, dann entsteht ein gewisser Druck und das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil es mich zwingt, ein wenig das Weichei-Dasein zu verlassen und aus der Wohlfühlzone zu fliehen, schlecht, weil ich dann unter Zugzwang bin. Also laufen, schön parallel mit den Breitscheidern, Start war also am Freitag um 18.00 Uhr, pünktlich.

Mein GARMIN-Ührchen aber wollte 14 Minuten lang nicht mit mir spielen und weigerte sich, die Satelliten zu finden. Ich lief also vielleicht zweieinhalb Kilometer, bis GARMIN-Ührchen sich erbarmte und für mich da war.
Ich hatte mich seit langem wieder einmal für ein ERIMA Outfit entschieden, auch, weil ich in der kurzen X-BIONIC-Hose bei der TorTOUR de Ruhr und beim PTL das hübsche Spiel „TOM und der böse Wolf“ gespielt hatte. Das führte bei der TTdR230 dazu, dass zwei ältere Herren, mutmaßlich Menschen mit einem erhöhten Maß an Schamgefühl, mich verbal attackierten, weil ich die Hose dann so weit nach unten gezogen hatte, dass zwar die Schmerzen weg waren, dafür war aber der obere Teil meines Hinterns zu sehen. Um es kurz zu machen: die beiden Herren fanden das sehr anstößig.
Also ERIMA und einen kleinen Camelback mit 2 Litern Wasser, ein paar Riegel, wenige Salztabletten und etwas Magnesium. Und natürlich meine geliebte Petzl-Stirnlampe mit drei Ersatzbatterien, Größe AA, man weiß ja nie, wie lange die alten noch halten.
Aber leider ist meine Petzl seit dem PTL verschwunden. Trotz intensiver Suche ist sie nicht mehr aufzufinden und ich frage mich, ob ich sie im letzten Nachtlager habe liegen lassen. Ich erinnere mich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich sie dort abgenommen und zu meinen Sachen gelegt hatte. Von da an war alles hell, nur in meinem Oberstübchen bleibt es diesbezüglich eher dunkel.
Also habe ich schnell umdisponiert und eine andere Stirnlampe eingepackt. Die Nacht wird ja lang und dunkel.

Meine Motivation war schon kurz hinter Wesseling am Boden und ich fragte mich, was mich wohl getrieben hat, eine so doofe Idee zu verfolgen. Menschen bewegen sich seit Jahrtausenden vernünftigerweise in Autos, warum tue ich das nicht? Dabei war die Strecke wirklich schön, immer den Rhein entlang, hübsche Häuser auf der linken Seite, ein ziemlich voller Rhein auf der rechten Seite. Für die, die mitdenken, sei gesagt: Ja, ich lief auf der „richtigen“ Rheinseite!
Bei Köln-Sürth und Köln-Rodenkirchen wurde es noch schlimmer, die Nacht brach herein, die Ersatz-Stirnlampe funzelte vor sich hin und die Muskeln schmerzten. Und ich fragte mich, wie ich jemals in meinem Leben wieder einen Marathon bestreiten könne, wenn ich jetzt hier, bei diesem niedrigen Lauftempo, schon Muskelprobleme hätte. Zudem schmerzte das linke Knie, leider laboriere ich schon ein paar Monate mit diesem Problem.
In Köln wurde ich dann von einem schnellen Läufer überholt, der aber ein paar Minuten später japsend und hechelnd am Wegesrand stand. Ich sprach mit ihm und nahm ihn mit. Es war ein nettes Gespräch mit einem, der auf seinen 2. Marathon hin trainiert und der – natürlich – den Köln-Marathon vor Augen hat.
Und wir liefen gemeinsam durch Köln-Mitte an den Kranhäusern vorbei, wir passierten das ehemalige Stollwerck Schokoladenmuseum, das jetzt aber das Lindt Schokoladenmuseum ist.
Nach dem Verlust der Köln-Arena geht mit dem Stollwerck Museum wieder ein Stück Heimat weg. Eine Schande ist das …


Und wir sahen die Absperrungen für den KÖLN 226 Triathlon am nächsten Tag und Dutzende von Motorhomes, in denen die Triathleten nächtigten. Ganz bestimmt wäre es schön gewesen, einfach zu bleiben und am nächsten Tag dort zuzuschauen.
Mich aber hat dieser gemeinsame Laufabschnitt wieder richtig motiviert. Wenn Du das Gefühl hast, etwas weitergeben zu können, jungen Läufern eine Ahnung geben zu können, was es heißt, etwas anderes zu laufen als flache Straßen, wie es schmeckt, gesunde Bergluft zu atmen, wie viel Spaß es macht, Kühe wegzuscheuchen und auf hohen Gipfeln zu schwitzen, dann fühlst Du Dich schnell wieder besser.


Als ich wieder alleine war, beschloss ich, an der Mülheimer Brücke auf die „schäl Sick“ zu wechseln, um den Wegen bei den Ford-Werken zu entgehen. Es war ein Fehler, obwohl ich bis kurz vor Leverkusen dort fantastische neue Luxuswohnungen gesehen habe und edle gediegene Alt-Villen.
Ich sah immer seltener das Fahrradweg-Zeichen und landete in einem Teil, das eigentlich für „nicht Befugte“ verboten war. Irgendetwas von Wasserbehörde stand da, aber ich hatte einfach keine Lust, zurück zu gehen und den richtigen Weg zu suchen. Am Ende traf ich dann doch noch auf den normalen Weg, aber ich hatte viel Zeit verloren.

Kurz bevor ich auf dem Damm wieder den richtigen Radweg betreten konnte, wurde es gefährlich. Da stand ein Schild, das darauf hinwies, dass es keinen Winterdienst gäbe und dass das Begehen des Dammes auf eigene Verantwortung stattfinden würde. Auf eigene Verantwortung? Das hatte ich ja noch nie gemacht. Immer ist doch irgendjemand für mich verantwortlich. Aber das war es nicht, was mich störte. Mir fiel auf, dass gerade eben meine Ersatz-Stirnlampe ausgegangen war.
Aber ich hatte Glück, es war eine Bank genau zur rechten Zeit da, ich hatte die Ersatzbatterien –  was willst Du mehr, TOM?

Leider hatte ich erst die Ersatzbatterien eingepackt und wollte dann die Petzl-Stirnlampe dazu packen. Als ich die nicht finden konnte und umdisponierte, dachte ich aber nicht mehr an die Ersatzbatterien. Und die Batterien der Ersatz-Stirnlampe waren kleiner, Größe AAA. Du kannst machen, was Du willst, Du bekommst die großen AA Batterien da einfach nicht rein.
Ich habe dann den Strahler ausgeschaltet und eine kleine LED eingeschaltet, weil die nur wenig Strom braucht. Dafür war noch ein wenig Reserve da, aber die Nacht wurde fortan deutlich dunkler und ich durfte mir den Satz ins Stammbuch schreiben, dass Ersatzbatterien alleine nicht glücklich machen, es sollten schon die richtigen sein!

Und so ging es weiter, bis ich den Rhein auf der linken Seite hatte und den langen Zaun der BAYER-Werke auf der rechten Seite, ganz lang weiter.
Dann aber endete der immer schlechter werdende Weg im Rhein, einfach so.

Ich hätte nie gedacht, dass das BAYER-Gelände doch so groß ist! Wenn Du fast das ganze Gelände zurück laufen musst, dann das Gelände in der Breite abläufst und dann irgendwann das Gelände auf der anderen Seite erneut abtrabst, dann weißt Du, dass dort sehr viele Menschen arbeiten müssen.
Meine Probleme waren dann aber noch nicht vorbei. Die Beschilderung war miserabel, oft hattest Du an einer Kreuzung zwei Fahrradweg-Zeichen, eines nach rechts, eines geradeaus. Dann denkst Du Dir, dass Du durchaus siehst, dass das Fahrradwege sind, aber wohin führen die?
Und wenn dann mal eine Beschilderung nach Ortschaften vorhanden war, dann steht da nicht „Langenfeld“ oder „Hilden“, sondern „Leverkusen-Hitdorf“, „Leverkusen-Opladen“ und andere Teilorte Leverkusens, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Wie genau war denn noch einmal die Aufreihung der Teilorte Leverkusens gewesen?

Ich lief wohl kreuz und quer in dieser Zeit und deshalb beschloss ich, dem Rhein „Lebewohl“ zu sagen und dem ausgedruckten Plan zu folgen, den ich dabei hatte. Aber ich war ganz woanders und musste erst einmal einen Punkt finden, der auf der Liste verzeichnet war. Zwei „Red Bull“ Dosen halfen mir durch die erste Hälfte der Nacht, zudem leerte ich eine große Flasche Apfelschorle. Der Kioskbesitzer, ein Perser, war nett und füllte sogar meinen Camelback mit frischem Wasser. Später dann half mir ein ganzer Liter „Take Off“, auch so ein Energy-Drink, durch die zweite Nachthälfte.

Wenn Du um 2.00 Uhr, 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr auf der Straße jemanden etwas fragst, dann realisierst Du, dass zu dieser Zeit jeder betrunken ist. Bei unseren Nachtläufen fällt das kaum auf, weil die Menschen um Dich herum auch Läufer sind, die Wege markiert sind und die Zaungäste nur klatschen. Reden tust Du mit denen ja nie. Aber hier war das vollkommen anders. Ich musste wissen, wie ich nach Langenfeld komme, nach Hilden, nach Ratingen und nach Breitscheid.
Wenn die Gefragten noch lallen konnten, dann war ich einigermaßen zufrieden, die Antworten aber waren meist sehr dürftig. Und während ein Russe mich in Russisch zutextete und seine Freundin halb verständlich versuchte, das alles zu übersetzen, was ihr aber nicht gelang, war eine Gruppe von vielleicht 8 oder 10 jungen Leuten in Langenfeld, die auf einer Empore saßen, schon kreativer. Der erste hielt mir eine Whiskey-Flasche vor die Nase und fragte mich, ob ich etwas Whiskey haben wolle, der zweite empfahl mir „Berentzen musst Du trinken!“ und ich weiß nicht, welche Angebote ich noch bekommen hätte, wenn ich das alles nicht unterbrochen hätte.
Manche bezeichneten mich als Alien, wahrscheinlich wegen der Stirnlampe, andere als Schneemann und einer fragte mich verwundert, ob ich den Lauf „als Sport“ machen würde. Ich denke, er war in Sorge, ich könnte antworten, dass ich mir das Busticket durch die Nacht nicht leisten könne.

Dem Gefragten in Ratingen war meine Frage, wie ich von Ratingen denn nach Ratingen-Breitscheid kommen würde, einfach noch zu früh am Morgen und die Frau, die ich danach ansprach, sagte, dass „da vorne links“ der Busbahnhof sei und dort solle ich den Bus nehmen.
Dort, es war dann der Ostbahnhof, habe ich einen Taxifahrer nach dem Weg gefragt, den er mir zuerst gar nicht und dann falsch erklärte. Zudem bemerkte er: „Das ist aber weit! Mindestens 10 Kilometer!“ Aber ich wollte nun wirklich nicht Taxi fahren und obwohl er mir zwei Kreuzungen weit folgte, verirrte ich mich nicht in sein Taxi. Irgendwann gab er entnervt auf und ließ mich weiter ziehen, zum Glück gab es dann irgendwann einen detaillieren Stadtplan von Ratingen, an den ich mich halten konnte.

Gerade war ich auf der Mülheimer Straße aus Ratingen heraus gelaufen, rief mich Susanne Alexi an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Ich hatte ja gesagt, dass ich um 8 Uhr beim gemeinsamen Frühstück vor Ort sein wolle. Sie gab mich dann weiter an Stefan, der mir den weiteren Weg erklärte. Also erst nach Breitscheid herein bis zum Kreisverkehr mit den beiden Tankstellen und dann noch einen Kilometer bis zu einer skurrilen modernen Kirche, die als rote Pyramide ausgebildet war. Dort hat Stefan mich abgeholt und ist als Radbegleitung mit mir den letzten Kilometer durch das Wohngebiet geradelt.

Dort, auf dem Sportplatz von Breitscheid, gab es dann den „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ Empfang, Frühstück, nette Gespräche und ein Nickerchen für mich. Lust auf einen Marathon, Lust auf meine „Nummer 99“, hatte ich aber nicht mehr.

Als die Sonne dann wärmte, lief ich mit Susanne Alexi und Joachim Siller eine 5.000 Meter „Ehrenrunde“, eine Runde, für die ich wirklich reichlich Anlauf genommen hatte.

Und da waren noch die Gespräche mit Sigi Bullig, der mich nicht nur mit einem Altbier verwöhnte, sondern mir auch einen Schlafsack um die Schultern legte, weil er sah, wie sehr ich fror und die mit Bernd Nuss, mit dem ich über seinen Geburtstagslauf „Rund um den Seilersee“ geredet habe, über den heftigen Regen in der damaligen Nacht, über Jeffrey Norris, den ich dort zum ersten Mal gesehen habe und über Gott und die Welt, eben über all das, was uns Läufer vereint.

Und wieder wurde mir klar, dass wir Ultra-Läufer nie alleine sind und nie alleine laufen: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“

Danke, lieber Bernd Krayer, liebe Susanne Alexi, liebe Breitscheider Freunde, für diese Nacht, für diesen Tag.

Laufrausch, der zweite Tag …

75 Kilometer waren erst gelaufen, die Lauflust war auch am nächsten Tag nicht wieder gekommen, obwohl der Regen seit zwei Uhr aufgehört hatte. Nur Susanne, die Konsequente, wollte weiterlaufen. Hauke war träge und ich war vollkommen demotiviert. Mir war kalt und ich fand es „usselig“, um den Ruhrpott-Begriff mal zu verwenden. Zwei gute Gründe, unter der wärmenden Decke liegen zu bleiben, fand ich.
Gegen Susannes Hartnäckigkeit half auch Haukes eingebildete Trägheit wenig und so erbarmte er sich nach vielleicht zehnmaligen Aufrufen von Susanne doch noch, aufzustehen und weiter zu laufen. Ich aber blieb hart wie ein 6-Minuten-Ei.
Ich stieg erst nach dem Frühstück wieder in den Lauf ein. Ich war aber rechtzeitig da, als das erste Mal ein Schild auf einem Baum zu sehen war mit dem Namen unseres Ziels. „Hamburg 280 Kilometer“ stand da, aber damit war bestimmt nur die Strecke in der Luftlinie gemeint. Außerdem waren dort Paris, Moskau, Singapur und auch viele andere hübsche Metropolen dieser Welt erwähnt und mit Entfernungen versehen.

Dieser Baum hat es aber auch nicht geschafft, wieder Elan und Hoffnung in meinen Lauf zu bringen. Wir hatten uns zu dritt schon langsam damit abgefunden, bis Montag Abend zu laufen und dann irgendwo vor Hamburg zu enden, 10 Kilometer, 100 Kilometer oder sogar 1.000 Kilometer. „Es ist ja eh‘ egal,“ dachten wir, „dieser Lauf hat schon so schlecht begonnen, dann darf er auch schlecht zu Ende gehen.“

Und dann geschah das kleine Wunder. Es kam unverhofft in Form einer MMS.
In Wort und Bild stand da etwas von „Haukes irrem Lauf“, das Foto von Hauke war darauf zu sehen, das Foto, das wir am Vortag in Dresden gemacht hatten und die MMS zeigte, dass es sich nicht um einen Artikel im Eutiner Käseblättchen handelte, sondern um einen Artikel in der großen „Hamburger Morgenpost“.
Auf mich wirkte die MMS wie Doping, Susanne wiederum fühlte sich nun unter Druck gesetzt und brauchte sehr lange, um mit dieser neuen Situation umzugehen. Hauke wiederum erklärte, dass er nun auf jeden Fall bis Hamburg laufen werde, egal, wann er dann ankommen würde.

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Wir diskutierten einige Lösungsvorschläge, die Handys liefen heiß und die Aktien der Mobilfunkanbieter stiegen angesichts dieser Kosten ins Unermessliche. Damit auch unser Fahrer Thomas zeitnah über diese Wende informiert war, beschleunigte ich das Tempo und lief über 1o Kilometer in einer Pace von unter 5:00 Minuten je Kilometer. Squeezy, PowerBar Gel oder welche Hilfsmittel auch immer: nichts treibt mich so sehr an wie die Erwartungshaltung von Anderen. In diesem Moment konnte ich fliegen.
Und wieder erkannte ich den „Magic Moment“, den wundersamen Moment, in dem mir stets klar wird, wie glücklich wir Läufer sein dürfen, dass wir diesen Zauber erleben können.

Am Ende setzte sich bei uns der Lösungsansatz durch, dass Hauke nach Hamburg laufen wollte, egal, wie lange es dauern würde, Susanne und ich wollten teilweise zusammen mitlaufen, teilweise aber auch alleine. Auf jeden Fall sollte Hauke stets zumindest von einem von uns begleitet werden.
Die Probleme aber würden ab Montag entstehen. Thomas hatte den folgenden Dienstag fest als Reisetag in den Süden eingeplant. Er hatte ein „Ententreffen“ in Süddeutschland organisiert und sagte, dass es nicht überzeugend wäre, wenn der, der das Treffen organisiert hat, nicht anwesend wäre.
Ich wiederum hatte mich auch fest auf das Ende des Laufs am Montag Abend eingestellt und hatte für den Dienstag geschäftiche Termine vereinbart, die ich nicht verschieben konnte. Mir wird schon die Arbeitswoche fehlen, in der ich um den Mont Blanc laufen werde.
Susanne hat auch auf der Arbeit gesagt, am Dienstag wieder zurück zu sein, aber sie entschied spontan, noch ein paar Überstunden abzubauen, also rief sie auf der Arbeit an und fragte, ob das so möglich wäre. Statt des befürchteten Unverständnisses erfuhr Susanne Lockerheit, Verständnis und Zustimmung. Sie war glücklich und wir hatten eine Lösung.

Und wir liefen weiter, den ganzen Tag durch. Irgendwann machte ich eine Pause, um für uns alle Nudeln zu kochen. Hauke hatte Vollkorn-Nudeln besorgt und es gab eine vegetarische Sauce dazu. Susanne und Hauke liefen aber dann nicht zum vereinbarten Treffpunkt, sondern sie landeten eine Ortschaft weiter dort auf dem Marktplatz. Von dort aus riefen sie uns an, damit wir dorthin kommen können.
Schade, dachte ich, ich hatte den Tisch so schön gedeckt. Irgendwie hat es aber doch geklappt, das Geschirr wurde abgedeckt, die Nudeln warmgehalten und auch die Sauce wurde wieder ins Glas zurück geschüttet. Und obwohl wir kein Salz im Wohnmobil hatten, waren die Nudeln lecker. Gewundert hat mich jedoch, dass Thomas glatte 12 Minuten gebraucht hat, um endlich loszufahren.

In der Nacht lief ich dann mit Hauke. Ich war richtig gut drauf und freute mich darauf, die ganze Nacht durchzulaufen, um die kommenden Laufnächte am Mont Blanc zu simulieren. Ich war genau so lange motiviert, bis die letzte Etappe kam, eine Etappe von nominal etwa 12 Kilometern. Wir wollten sie in 1 1/2 Stunden abhaken. Was für ein Irrtum!

Weil die Fähre in der Nacht nicht mehr fuhr, sahen wir eine Alternative über normale Straßen zu einer großen Brücke und direkt danach wollte Thomas mit dem Wohnmobil warten. Anfangs ging es gut voran. Es waren kleine Straßen, die wir liefen, aber die Landkarte, die wir dabei hatten, schien genau und aktuell zu sein. Ein Mal verliefen wir uns, als wir eine Abzweigung verpassten. Aber das merkten wir relativ schnell im nächsten Örtchen.
Später dann ging es um ein Wasserschloss herum und der Weg sah auf der Karte aus wie ein Rechteck. Lange schein alles in Ordnung zu sein, aber dann wussten wir nicht mehr weiter. Da fehlte ein Weg, den wir laufen wollten, dafür war da sehr viel Wasser. Drei Mal gingen wir einen Weg entlang, stets in der Hoffnung, die für uns entscheidende Abzweigung doch noch irgendwo zu finden. Am Ende des Weges war ein Bauernhof und die Straße war mit einem privaten Gatter geschlossen.

Irgendwann haben wir dann doch eine Abzweigung gefunden und wir verbanden damit die Hoffnung, nun doch noch zügig beim Wohnmobil anzukommen. Weit war es nicht mehr, vielleicht noch drei oder vier Kilometer, schätzten wir, wenn, ja wenn das der richtige Weg gewesen wäre. War er aber nicht.
Das merkten wir aber erst sehr spät, als wir uns lange Zeit durch hohes Gras gekämpft hatten und dann doch wieder am Wasser standen. Es half nichts, wir mussten querfeldein, einfach nach Gefühl. Ein riesiges Stoppelfeld schrie danach, von uns begangen zu werden. Meine Stirnlampe war schon lange aus und ich war froh, dass Hauke ein paar Ersatzbatterien dabei hatte.
Dann war das Stoppelfeld zu Ende, die Autobahn nah und der Zaun zwischen uns und der Autobahn war kein echtes Hindernis für uns. Die Autobahn aber schon.

Mittlerweile war es fast drei Uhr nachts, wir liefen schon bald drei Stunden lang durch die Dunkelheit und ich hatte die Nase gestrichen voll.
Ich wollte einfach über die Autobahn laufen, aber Hauke war dagegen, weil es sicherlich viel zu gefährlich gewesen wäre. Also kletterten wir wieder über den Zaun und folgten Zaun und Autobahn für ein paar Hundert Meter, bis wir einen Tunnel unter der Autobahn ausmachten.

Thomas rief ja vor Stunden an und sagte, dass er unter der Autobahn bei einem Tunnel warten würde, fiel mir ein. War das der richtige Tunnel?
Wir gingen durch und suchten das Wohnmobil, aber ohne Erfolg.

Nun waren wir auf der anderen Seite der Autobahn und wir folgten ihr unten bis zur Elbe. Weiter ging es natürlich nicht. Jetzt war ich endgültig bedient und wollte nur noch schlafen. Auch Hauke war genervt und nervös und das Handy erwähnte durch eifriges Klingeln, auf „Battery low“ zu stehen. Was würde passieren, wenn wir den Weg nicht finden würden und sich gleichzeitig auch noch das Handy verabschieden würde? Langsam machte ich mir tatsächlich Sorgen. Wieder überstiegen wir einen Zaun, wieder scheiterten wir an der Autobahn und wieder kletterten wir über den Zaun zurück.
Jetzt waren wir richtig genervt.

Also beschlossen wir, Thomas anzurufen und uns abholen zu lassen. Hauke hatte ein Schild entdeckt. Da war ein Autobahnparkplatz in 900 Metern Entfernung und dort wollten wir uns treffen. Also sagten wir Thomas, dass er dorthin fahren solle.
Es hätte uns so gut getan, wenn er sich mit ein paar warmen Worten nach unserem Zustand erkundigt hätte, gefragt hätte, ob wir gesund wären, was passiert wäre und all die Dinge, die Frauen perfekt können und wegen derer wir unsere Frauen ganz besonders lieben.
Aber Thomas wollte einfach nicht geliebt werden.

Wir gingen also zurück in Richtung dieses Autobahnparkplatzes, bis uns ein mal wieder abgesperrter Weg auffiel, der Rettung versprach. Während Hauke sich noch fragte, wohin dieser Weg führen würde, war ich schon dabei, den Weg zu inspizieren. Ich war so glücklich, als ich sah, dass er neben der Autobahn über die Elbe führte. Wir riefen sofort Thomas an, damit er nicht allzu weit fahren würde. Aber er hatte noch nicht einmal den Motor gestartet, vielleicht hätte er das auch erst nach weiteren Stunden verzweifelten Suchens gemacht. Wichtig war zuerst, den Fahrtweg in die Landkarte einzutragen und das Navigationssystem zu befragen. Nur losfahren und uns retten war nicht wichtig.

Als wir dann über die Brücke gelaufen waren, das Wohnmobil entdeckten und uns bewusst wurden, dass diese Odysee nun gleich vorbei sein würde, fielen mir Tausend Steine vom Herzen. Es war kurz nach vier Uhr, als uns Susanne entgegen kam und uns ganz fest drückte. Endlich fühlten wir uns wieder geliebt!

Über vier Stunden für 12 Kilometer! Ans Weiterlaufen war nicht zu denken, wir wollten nur noch schlafen …
So endete der zweite Tag im Laufrausch, weiter geht es im nächsten Beitrag.

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