Seit fast 600 Jahren: der K-UT ist der älteste UltraTrail der Welt

Es war der 15. Mai 1426 in Köln. Der Himmel war wolkenverhangen an diesem Samstag, nur wenig Licht drang in die Stadt. Kein Wunder, immerhin war es die Zeit des dunkelsten Mittelalters. König Eric der Dritte wollte etwas Licht ins Dunkel des mittleren Alters bringen und beschloss, in Köln den ersten Ultra-Marathon der Welt einzurichten.
König Eric der Dritte nannte den Lauf „Kölner Ultra-Trail“, kurz K-UT.

Die Strecke ging rauf und runter durch das alte Köln, vorbei an den stark nach Gerbchemikalien riechenden Gerbereien, über den Fischmarkt, durch die Leprastation bis hin zu dem Bauwerk, das einmal der Kölner Dom werden sollte. Noch war er nicht fertig gestellt, obwohl die Bauarbeiten bereits Mitte 1248 begonnen wurden, aber im Wesentlichen war er schon als das Wahrzeichen erkennbar, das der Kölner Dom heute ist.
Zum Mitlaufen eingeladen waren nicht nur die vielen Zünfte der Stadt, sondern auch die Bettler, die Totengräber, die Nachtwächter und auch die Tagediebe. König Eric rief und alle kamen zum Laufen.

Über Jahrhunderte hinweg etablierte sich so ein trailiger Ultra-Marathon der Extra-Klasse und der „Kölner Ultra-Trail“ fand Eingang in den Olymp der Kölner, ins „Kölsche Grundgesetz“. Dort hieß es bald in Artikel 2: Es K-UT, wie es K-UT.


Später dann, als der Lauf nach ein paar Hundert Jahren dann doch vergessen wurde, weil die Kölner mit ihrem Klüngel, ihren Hochwassern und mit ihren Karnevalszügen ausgelastet waren, wurde dieser Artikel in Es kütt, wie es kütt abgewandelt, die ursprüngliche Version, die Älteren unter uns mögen sich erinnern, war aber schöner.

Erst 2009 kam Eric, der Niederländer und griff die Idee des Laufs wieder auf. Aber Eric verlegte den K-UT heraus aus Köln und hinein in die wunderschöne Landschaft rund um den Keufelskopf im saarländisch-pfälzischen Grenzgebiet. Keine Gerbereien, dafür weite Wiesen, statt des Fischmarkts ausgedehnte Wälder, drei Mal das Örtchen Reichweiler, beim Start, nach der ersten, knapp unter der Marathondistanz liegenden Schleife und wieder zum Schluss hin und alles garniert mit über 2.000 Höhenmetern. Eric rief und fast alle kamen zum Laufen.
Nur ich kam nicht, trotz einer Einladung, die mich über Bernie Conradt erreicht hat.

Also hat Eric, der Niederländer, für 2010 noch einmal ein paar Höhenmeter draufgepackt und jetzt, wo es 2.800 davon waren, lief ich mit. Erst waren 60 Läufer zugelassen, doch schnell war die Warteliste voller als die Starterliste und Eric erhöhte das Teilnehmerlimit so, dass rund 110 Trailbegeisterte auf die nun 85 Kilometer lange Strecke durften. Dazu kamen noch rund 40 Läufer, die sich für die mit 22 Kilometern auch nicht einfache Trail-Kurzstrecke entschieden haben.

Die meisten Namen auf der Starterliste waren mir bekannt, also war der K-UT 2010 auch wieder ein Familientreffen der kleinen Familie der Ultra-Läufer und die Namen, die ich las, machten mir große Freude, weil reihenweise große und bekannte Trail-Läufer dabei waren.
Aus meinem engsten Freundeskreis der Läufer freute ich mich besonders auf Kurt Süsser, mit dem ich so gerne durch die Wüste der Sahara gelaufen wäre und der mir das kleine NICI-Kamel geschenkt hat, ohne dass ich es bestimmt viel schwerer gehabt hätte in Marokko. Kurts Leben und das seiner beiden Söhne ändert sich durch den Schicksalsschlag vom April zurzeit sehr, so war der K-UT der erste Lauf  nach diesem Ereignis.
Bernie Conradt wiederum, der sich für die kurze Strecke entschieden hat, bereichert die Welt ganz bald um einen weiteren Erdenbürger. Ihn und seine Sabine habe ich seit dem Braveheart Battle nicht mehr gesehen. Und auch Achim Knacksterdt war dabei, mit dem ich nicht nur durch die Wüste laufen durfte, sondern mit dem ich in letzter Zeit etliche Läufe gemeinsam bewältigt habe.

Aus dem erweiterten Freudeskreis erwähne ich nur wenige, ich will niemanden übergehen, aber die Liste wäre einfach zu lang für dieses kleine Blog. Du kannst die Läuferliste der Helden hier ansehen. Ein paar Namen von Läufern, die überhaupt nicht repräsentativ für den Laufbekanntenkreis sein sollen, will ich dennoch nennen.
Da war beispielsweise Gerhard Börner angetreten, dessen Bericht vom PTL („Es gab Überlebende!“) meinen Wunsch, auch dieses Abenteuer zu bestehen, geweckt hat. Ihn habe ich schon beim Pfefferkarpfen-Lauf persönlich kennen gelernt und so war es eine Freude, gegen Ende des K-UT ein paar Kilometer mit ihm gemeinsam zu laufen.
Er wiederum kam mit Armin Wolf angefahren, mit dem ich schon den SwissJuraMarathon 2009 hinter mich gebracht habe.

Bei den Teilnehmern der Kurzstrecke sei vor allem Gerald Baudek erwähnt, auch einer derjenigen, mit denen ich den SwissJuraMarathon 2009 gelaufen bin. Läuferisch befindet sich Gerald sicherlich eine oder zwei Ligen über mir, er ist schnell und zäh. Gerald hat zuletzt den mega-anstrengenden Lauf „Trans GranCanaria“ hinter sich gebracht und auch einer seiner Marathons, den er in nur 2:52 Stunden absolviert hat, verdient Beachtung.


Und der Lauf selbst?
Er war schön, sehr trailig, selten habe ich so wenig Asphaltanteile erlebt. Wir gingen über vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Waldboden, teilweise richtig steil, glitschig, schmutzig, über Wiesen und Hügel, es ging immer entweder rauf oder runter. Es war ein Trail, der alles hatte, nur keine Anzeichen von Zivilisation, einfach nur Natur. Wenn teilweise nicht das Geräusch der Autos aus dem Tal da gewesen wäre, dann hätte man glauben können, im „Niemandsland“ zu sein. So sollten alle Trails sein …

Und der Trail-Lauf war liebevoll organisiert. Was mich besonders fasziniert hat, war die Ausschilderung. Nicht nur, dass Eric, der Holländer, hübsche Schildchen gemacht hat, es standen sogar immer auch die bislang gelaufenen Kilometer drauf. Da steckt mächtig viel Arbeit drin und ich glaube, dass die größte Leistung von allen nicht die Läufer, sondern die Organisatoren, allen voran Eric, erbracht haben.

Einige der Schilder haben mich besonders gefreut. Das Schild bei km 35,0 zum Beispiel. Da stand: „Und wenn nichts mehr geht … 50 km gehen immer noch!“

Oder das Schild bei km 42,8 als weiteres Beispiel. Das motivierte mit den Worten: „Nur noch ein Marathönchen!“


So liebevoll wie die Schilder war die gesamte Organisation. Im Ziel gab es zwei Getränke und ein deftiges Läuferessen. Eine Lyonerpfanne, frisch gemacht auf einem Riesengrill, ähnlich einem asiatischen Wok. Bestimmt ganz lecker, aber eben nichts für mich. Du weißt ja, wegen dem Fleisch …
„… kein Problem!“ hieß es gleich und ich bekam Gemüse, vor allem Paprika und Kartoffeln gebraten, frisch, lecker, liebevoll. Auch an solchen Dingen erkennt man, dass Erics Gedanken sich vor allem um das Wohl der Läufer, seiner Gäste, gedreht haben.

Etwas ganz Besonderes war auch die Medaille. Eine große, wunderschöne und schwere Platte, garniert mit dem Logo des Laufs. Schon dafür würde ich den Lauf erneut machen. Aber ich würde versuchen, unter der Zeit von 11:27:40 Stunden zu bleiben. Ich bin wohl etwas verhalten gestartet. Zumindest konnte ich am Ende noch einige Plätze aufholen und richtig Tempo machen.
„Gute Renneinteilung“ sagen die Einen, „zu viel geschont am Anfang“ sagen die Anderen. Aber darum ging es mir ja gar nicht. Für mich war wichtig, dass dieser letzte längere Test vor der TorTOUR de Ruhr gut abgewickelt werden konnte. Und das habe ich erreicht.

Im Ziel sagte ich dann: „Jetzt den Trail noch einmal zurück und dann noch 50 Kilometer!“ Das wäre dann die Streckenlänge der TorTOUR de Ruhr, 230 lange, aber flache Kilometer. Dann wäre ich in Duisburg-Rheinorange angekommen, am Ende der Ruhr-Radwegs und im Ziel des längsten Ultra-Laufs in Deutschland, in Jens Vieler’s Lauf-Olymp.

Beim K-UT bleibt mir nur, „Danke“ zu sagen. Danke, Eric, für diesen Trail-Lauf … wir beiden sehen uns spätestens im August wieder, beim PTL.

Viel weiter und höher ist der ja auch nicht …

Reichweiler im saarländisch-pfälzischen Grenzgebiet, ein schönes Stück Erde!

Geralds Ultra-Blog: Von Genf nach Basel …

Mein Lauffreund Gerald Baudek, neben dem ich beim SwissJuraMarathon drei Nächte meine Matte aufgeschlagen hatte, hat auch einen sehr lesenswerten BLOG geschrieben, den ich Dir nicht vorenthalten will:

Von Genf nach Basel in 7 Tagen

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(hier klicken für den Originalbeitrag)

Der rote Faden, der sich hier durch unser schönes Nachbarland zieht, ist 350 km lang, und soll innerhalb von 7 Tagen aufgerollt werden. Dieser Aufgabe stellen sich heuer 60 Laufverrückte.
Die Deutschen stellen mal wieder die größte Gruppe, dazu kommen noch Spanier, Dänen, Niederländer, sogar Mexiko und Kanada sind dabei. Daneben gibt es einen „Bambini-Lauf“ mit halber Tagesration, bei dem weitere 15 Aktive gemeldet sind. Am Vorabend trifft man sich in St. Cerque, zum Kennenlernen bei einem gemütlichen Abendprogramm.
Der Ungar Nemeth Csaba hat diesen Lauf in den vergangenen zwei Jahren gewonnen, und gilt als Favorit. Die Tatsache, dass ich trotz meiner Arm-Bandage an den Start gehen will, wird mehrfach hinterfragt, aber ich bleibe stur: „Ja, ich will, und ich werde!“

TAG 1:
Dieser beginnt mit der Busfahrt vom ersten Zielort direkt an das Ufer des Genfer Sees. Die große Fontäne am Beau Rivage wird uns zu Ehren eine Stunde früher als gewohnt in Gang gesetzt, damit wir diese noch vor dem Start bestaunen können. Aber schon geht es los, zum Einrollen auf 20 flachen Kilometern. Hier bin ich mit dem Spanier Banard Zubillaga und dem Dänen Kartheeban Nagentiraja (der sieht genauso dänisch aus, wie sein Name klingt – er hat indische Wurzeln) unterwegs.
Doch als es dann in den Berg geht, sind die beiden schneller weg, als ich gucken kann. Der Aufstieg ist super knackig, mit 1.100 Metern auf 10 km der dickste Brocken im gesamten Streckenverlauf, aber immerhin ist der Weg halbwegs bequem zu beschreiten, dicke Steine gibt es erst im oberen Bereich, die glatten und wurzeldurchsetzten Strecken sind heute noch nicht im Angebot. Auch bei dem folgenden Abstieg gibt es für mich eine erste Kostprobe, mit der ich mich an die steinigen Alpin-Pfade herantasten kann, während andere Läufer mit mehr Berg-Erfahrung an mir vorbeitanzen. Am Nachmittag setzt ein ordentlicher Dauerregen ein, der aber nur die langsameren Läufer trifft. Für mich gibt es nach der ersten Etappe einen trockenen Zieleinlauf und obendrein den guten 7. Platz für mich zu verbuchen.

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TAG 2:
Dieser Abschnitt soll mit 45 km Länge und nur 1.300 Steigungsmetern der Leichteste sein. Nach der frischen Bewässerung sind die Wege aber schön glatt und seifig. Oft geht es quer über Kuhweiden, die knöcheltief unter Wasser stehen. So bleibt die Uhr am Ende sogar einige Minuten später stehen als am gestrigen Tage.
Zu Beginn bin ich ein ganzes Stück mit dem Schweizer Felix Benz unterwegs, aber es wird mir bald zur Gewohnheit: Die Leute, mit denen ich im normalen Gelände locker mithalte, von denen kann ich mich verabschieden, wenn die Landschaft mit ein paar Gemeinheiten gespickt wird. Dafür kann ich wieder Boden gut machen, wenn ich auf glatten Wegen meine (in diesem Feld) gute Grundschnelligkeit ausnutzen kann. Leider ist es nicht an jedem Tag der Fall, dass solche Streckenabschnitte überhaupt vorhanden sind. Heute stehe ich an Position 8 in der Tagesliste, dennoch komme ich in der Gesamtwertung einen Platz vor und stehe nun auf 6. Heute gibt es den Regen erst später am Abend, als alle trocken im Ziel sind.

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TAG 3:
So langsam geht mir der Tagesablauf in Fleisch und Blut über: Früh aufstehen – Frühstücken – Sachen packen – Laufen – Essen – Massage – Essen – Ruhen – Abendessen – noch ein Bierchen – und ab in den Schlafsack.
So stellt man sich doch den Wellness-Urlaub vor!
Heute mit der längsten Etappe von 56 km sind die übrigen Tagesordnungspunkte leicht zusammengerückt. Immerhin gibt es auf der ersten Hälfte eine recht laufbare Strecke. Am mittleren Posten komme ich gerade rechtzeitig zum Start der Bambini-Läufer an. Nachdem ich Verpflegung gefasst habe, überhole ich einen großen Teil der Halbdistanzler. Als wir aber den Gipfel des Le Suchets überklommen haben, kommt ein für mich ganz böses Stück: Ganz steil bergab, Steine, Wurzeln, nasser Lehmboden, das heißt wieder gaaanz vorsichtig sein.
Die ersten 3 Frauen der 175-km-ies, die noch zusammen laufen, lasse ich gern passieren. Aber natürlich nur für kurze Zeit, die Strecke wird 3 km später wieder ein Weg und ich rolle locker an den Mädels vorbei. Nur kurze Zeit später gerate ich ein wenig ins Träumen und laufe an einer Weg-Biegung vorbei. Bald stehe ich auf einem Bauernhof, den ich nur auf dem gleichen Weg verlassen kann, auf dem ich gekommen bin.
Grrmpf, retour.
Als ich zurück auf Strecke komme, wen habe ich wohl wieder vor mir ?? Also wieder vorbei an den Mädels. Was diesmal nicht so einfach ist, denn schon geht es in den Anstieg zum Chasseron, wo Lidia mit mir mithält und sogar wieder etwas Abstand gewinnt. Nach dem Gipfel (toller Blick in die Ebene) noch über ein paar Wiesen und Weiden, dann endlich wieder Wirtschaftsweg, so dass ich die gewünschte Reihenfolge herstellen und bis ins Ziel halten kann.

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TAG 4:
Das wird meine persönliche Königs-Etappe: Auf der ersten Hälfte zwei richtig dicke Anstiege, dazwischen der Abstieg in das Val de Travers. Seit 3 Uhr Nachts prasselt der Regen und hört exakt mit den Startschuß wieder auf. Nix, aber auch gar nix mit Wegen, die mir entgegenkommen. Auf dem ersten Anstieg hole ich mir mühsam einige Minuten Vorsprung vor der direkten Konkurrenz, die sich abwärts schon auf dem ersten paar 100 Metern wieder erledigt haben. Zack, zack, sind die anderen Jungs nicht nur vorbei, sondern gleich wieder außer Sichtweite.
Nach dem Dorf Noiraique geht es fast direkt die Felswand hoch, dann noch im Wald weiter bergauf. Oben angekommen soll ich unbedingt die Felswand begucken, sehe aber nichts als Nebel. Mir kommt es vor als würd‘ ich gar nicht vorwärts kommen und ich habe Recht: Die 14 Kilometer zwischen den ersten beiden Versorgungstellen lege ich in 140 Minuten zurück! Ein glatter 10er Schnitt!
Die zweite Hälfte ist dagegen ein Zuckerschlecken, wenn auch nicht wirklich einfach. Obwohl die Etappe 9 Kilometer kürzer ist als die gestrige, brauche ich einige Minuten länger und stehe damit nicht alleine. Simon, der mich an der ersten Tagen zuverlässig bei 2/3 der Strecke überholt hat, ist heute ausgestiegen und am anderen Ende hat es einige erwischt, die das Zeitlimit nicht eingehalten haben und deshalb nur noch als 175er weiterlaufen dürfen.

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TAG 5:
Das Schlimmste haben wir eigentlich jetzt schon hinter uns: Natürlich bieten auch die letzten 155 km der Veranstaltung noch einige Berge mit unwegsamen Passagen. Aber zum Einen sind die schweren Passagen nicht mehr so extrem, zum Anderen stellt sich jetzt sogar bei mir ein Übungseffekt ein und ich komme etwas besser durch diese Stücke. Und nicht zuletzt gibt es endlich mal eine 24-stündige Regenpause, die den Wegen merklich gut bekommt.
Auf der ersten Hälfte ist die heutige Strecke richtig griffig, man weiß schon vor einem Schritt, dass dieser nicht im knöcheltiefen Schlamm (oder Kuhfladen) endet. Doch das ist zu früh gefreut. Direkt am höchsten Punkt der heutigen Strecke bekommen wir einen kräftigen Schauer ab und hinter dem Chasseral hat es wohl, den Wegen nach zu urteilen, noch mehr geregnet. Also wieder durch die Matsche und über den glitschigen Lehm. Bis zur dritten Verpflegung haben meine Socken längst die gewohnte Feuchtigkeit und den braunen Farbton. Dort läuft Samuel Arroyo zu mir auf, der hatte mich auf den letzten Etappen in der Gesamtwertung überholt und ich wollte doch heute wieder kontern. Daher haue ich auf dem Weg hinab nach Biel noch mal ordentlich auf den Putz. Gute Wege, bergab, aber nicht zu steil, erlauben mir noch ein paar flotte Kilometer. Direkt vor Biel geht es noch durch die Taubenloch-Schlucht. Schön zum Angucken, aber auch nett, dass ein weiterer Schauer mich hier kaum erreicht und ich halbwegs trocken die 100km-Stadt erreiche.

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TAG 6:
Die Nacht mit echten Bettgestellen hat eigentlich keiner als besondere Annehmlichkeit empfunden, eher wird die Enge und die schlechte Luft im Zivilschutzbunker „Sahligut“ beklagt. Erst mal geht es wieder durch die Taubenloch-Schlucht, dann zackig den Berg hinauf. Bisher waren die ersten vier Läufer eine Klasse für sich und schnell den Fußvolk entfleucht. Diesmal reiht sich der Zweitplatzierte Thorsten Gratzel wegen Sehnenproblemen weiter hinten ein, kommt dann aber an der Steigung doch in Fahrt und stellt die Hierarchie wieder her.
Ich laufe heute den größten Teil des Tages mit Jörg Schreiber zusammen, auf den Wegen harmonieren wir gut, wo es nicht so gut ausgebaut ist, kann ich mich immerhin noch an ihn ranhängen. Zur Mitte des Tagesabschnittes überholen wir Thorsten noch einmal, er versichert aber, dass er zumindest heute das Ziel erreichen wird. Wir kommen noch vor dem 175 km Start an der 2. Versorgung vorbei, und so werden wir ein Stück später von den beiden Führenden des Bambini-Laufes überholt. Nicht für allzu lange Zeit.
An einer Abzweigung fehlen plötzlich die sonst vorbildlich angebrachten Markierungsbänder. Das Duo steht etwas ratlos da und erkundigt sich, ob ich den Weg kenne. „Nein, kenne ich nicht,“ sage ich, aber wir laufen ja schon seit Tagen den Wanderweg mit der gelben Raute entlang und der geht geradeaus.
Kaum einhundert Meter hinter mir läuft Jörg und der ist bekannt dafür, dass er im letzten Jahr beim Lauf die GPS-Daten aufgezeichnet hat und somit stets wegkundig ist. Auch er plädiert für geradeaus. Und so geht es weiter. Fast zwei km lang fehlen die Bändl, wir lesen noch Jan Bergmann auf, der zwar zunächst richtig gelaufen ist, dann aber unsicher wurde, weil keine Markierung kam. Auch ich bin erleichtert, als wir endlich wieder die Bestätigung haben, dass wir wirklich auf dem richtigen Weg sind und schon einen Kilometer weiter kommt uns ein ORGA-Mitglied mit einer Markierungsrolle entgegen. Nach der letzten Verpflegung das umgekehrte Phänomen: Jörg läuft auf dem Bergpfad kurz vor mir, als dieser auf eine Straße mündet. Jörg biegt zielstrebig nach links, doch als ich an diese Ecke komme, geht die Markierung eindeutig nach rechts. Ich rufe ihm hinterher „Hey, hier geht’s lang“ und nehme den richtigen Weg. Ich bin mir recht sicher, dass er mich gehört haben sollte, er kommt aber nicht wieder zu mir auf. Erst als ich schon langsam die Witterung des Ziels aufgenommen habe, höre ich hinter mir Fußgetrappel, doch das ist Thorsten, der sich wieder berappelt hat. Jörg erreicht etliche Minuten nach mir das Ziel, hat mich aber gehört, sagt aber, im vergangenen Jahr sei es anders herum gegangen.

TAG 7:
Kurze Bestandsaufnahme vor dem letzten Lauf: An dem 6. Platz, den ich inne habe, scheint nicht mehr viel zu rütteln zu sein: Jörg ist eine halbe Stunde vor mir, keine Chance für mich. Samuel liegt 11 Minuten hinten, einen Einbruch kann ich mir nicht leisten, dann sollte auch da nichts anbrennen.
Heute gibt es einen Blockstart: Wer gestern über 7 Stunden unterwegs war, darf heute 30 Minuten eher loslaufen, diejenigen, die unter 6 Stunden geblieben sind, gehen erst eine halbe Stunde nach dem Hauptfeld auf die Strecke. Mit meinen 5:57 bin ich also der letzte, der mit den Top 4 und Jan noch zur Elite zählt. Meine Befürchtung, dass ich nun erstmal das ganze Feld vor mir hertreibe, ist unbegründet. Bis auf Nemeth und Benat, die sich absetzen, laufen wir halbwegs geschlossen los und nach 10 Kilometern ist es dann Thorsten, der, mit seiner Sehne kämpfend, den Anschluss verliert.

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Ab rund Kilometer 17 beginnt dann das große Überholen. Mit den Meisten wechsle ich ein paar kurze Sätze, eine angenehme Abwechslung. Wir sind schon im Dunstkreis Basels, als ich auch Samuel überhole. Damit sind alle Bedenken bezüglich der Platzierung ad acta gelegt und ich kann die ersten Ausläufer der Stadt in der Vorfreude auf den Zieleinlauf genießen. Entlang des Flüsschen Birs kommen wir zum Rhein, dann noch unter einer Brücke hindurch und wir können mit dem Münster das Ziel all unserer Anstrengungen vor uns sehen.
Die letzten zwei Kilometer sind entsprechend gefühlvoll. Etwas verschwommen sehe ich das Zieltransparent, da ich etwas mehr Flüssigkeit in den Augen habe als gewohnt. Knappe 39 Stunden war ich auf diesen 350 Kilometern unterwegs. Auch wenn ich gelegentlich über die Strecke geflucht habe, hatte ich nur auf der 4. Etappe einen echten Hänger, an das Aufgeben habe ich während der ganzen Woche aber keinen einzigen Gedanken verschwendet.
In Basel war eigentlich eine Dusch-Möglichkeit eingeplant, aber der Hausmeister war schon im Urlaub, sodass uns nur der Brunnen auf dem Münster-Platz als Waschstelle bleibt. Spannend wird es noch einmal, als wir auf unseren Freund Thorsten warteten. Zunächst hieß es, er sei mit einer Gruppe am Ende des Feldes, dann wird gesagt, er sei mit den Markierungsentfernern unterwegs, würde aber das Zeitlimit schaffen. Aber letztendlich hat auch er sich durchgekämpft und erscheint pünktlich zum Abschiedsbuffet.
Damit haben sich 40 der 60 Starter die vollen 350 Kilometer von Genf nach Basel absolviert, aber auch die Finisher der 175 km sind echte Siegertypen.

Hinweis: Fotos von Felix Benz, Jan Bergmann und Arnold van der Kran

Danke, Gerald, für den interessanten Blog-Beitrag!