Ein wirklich extremer Lauf …

Wenn man seinen eigenen Nonstop-Längenrekord deutlich verbessert, dann sollte man glücklich und stolz sein. Ich aber bin vor allem dankbar. Nicht nur, weil diese zwei Lauftage ohne einige Menschen nicht möglich und nicht denkbar gewesen wären, sondern weil ich mir spätestens jetzt im Klaren bin, dass sich andere Menschen wirklich für mich interessieren und sich um mich sorgen.

Mein erster Dank geht natürlich an Jens Vieler, den Veranstalter der TorTOUR de Ruhr. Wenn man sieht, worum er sich schon im Vorfeld gekümmert hat, wie viele Briefing-Mails er vorab geschickt hat, wie er im Rahmen seiner Budgets versucht hat, es den Läufern möglichst angenehm zu machen, dann beschleicht Dich fast so etwas wie Demut. Und auch beim Lauf selbst war er omnipäsent, von Q wie Quelle bis Z wie Ziel gewissermaßen. Jens war an den Verpflegungsstellen, Jens war ständig telefonisch erreichbar und er war auch beim Zieleinlauf da.
Und Jens hat „seine“ Läufer auch gesucht. Nach der vorletzten offiziellen Verpflegungsstelle, die von Peter J. Hunold, ebenfalls einem erfahrenen und allseits geschätzten Ultra-Marathonläufer, betreut wurde, habe ich mich, warum auch immer (dazu später mehr), entschlossen, mir im Auto meiner Frau Gabi ein Schläfchen zu gönnen. Später rief dann Jens an, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge, ob ich dabei sei und auch dabei bleiben würde.

Jens, selbst nicht nur ein geschätzter Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch einer, der mit besonderen Resultaten und Platzierungen aufwarten kann, nimmt Dich gewissermaßen mental in die Arme, pudert Dich und pampered Dich. Nur noch laufen musst Du noch selbst.


Mein zweiter Dank geht mal wieder an meine Frau Gabi. Als Supporterin ist sie schon einigermaßen erfahren, 2009 war sie schon meine Batterie und Motivation bei der 24-h DLV Challenge in  Delmenhorst, aber vor allem den KÖLNPFAD hätte ich nicht ohne ihre Unterstützung bewältigen können. Ihr Support ist so herausragend, dass sie von meinen Mitläufern Hans-Peter Gieraths beim KÖLNPFAD genauso gelobt wurde wie dieses Mal von Hauke König, mit dem ich so lange gemeinsam gelaufen bin.
Ich danke ihr außerdem, weil sie nicht nur sah, dass es mir richtig schlecht ging, sondern sie versuchte auch, den Zustand zu verbessern. Sie zwang mich kurz nach dem oben erwähnten vorletzten Verpflegungspunkt zu einem Schläfchen in ihrem Auto, weil sie merkte, dass ich schon anfing zu lispeln, keine klaren Sätze mehr artikulieren konnte und wohl auch richtig schlecht aussah. Wenn man so umsorgt wird, dann weiß man, was Liebe ist.

Mein dritter Dank geht an die beiden Mitläufer Martin Raulff und eben an Hauke König, ohne die die TorTOUR noch mehr zur Tortour geworden wäre. Dass beide nicht finishen konnten, lag teilweise auch an mir und deshalb fühle ich mich ein wenig schuldig und ich schäme mich. Zumindest bei Hauke hätte ich darauf bestehen müssen, dass er sich von mir absetzt, aber sein Pflichtbewusstsein und sein „Helfersyndrom“ sind so stark ausgeprägt, dass er bei mir blieb. Schlussendlich hat ihm dann seine Archillessehne gesagt, dass er mich verlassen muss. Da war es aber schon zu spät.
Ich erinnere mich in solchen Situationen immer an das, was mein Laufpartner Heiko Bahnmüller vom TransAlpineRun 2008 zu mir gesagt hat: „Du hast keinen ersten Gang!“
Damit meint er, dass ich schnell gehen kann, sehr schnell sogar. Und ich kann auch laufen, aber ich kann nicht sehr langsam laufen.
Das wiederum führt dazu, dass ich, wenn mein Akku leer ist und ich auf das Gehen umstellen muss, meinen Mitläufern Schwieriges zumute. So schnell zu gehen wie ich gelingt nur den Wenigsten und das führt zu einer Mischung aus Gehen und Tippeln – sehr belastend für die Archillessehne. Ich hätte Hauke das sagen müssen.

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Dankbar bin ich auch für die vielen schönen Momente, die ich bei der TorTOUR de Ruhr erleben durfte.

Einer davon war zum Beispiel, als Bernd Krayer mich überholte. Bernd ist nicht nur ein hervorragender Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch der Motor des TuS Breitscheid e.V., einem Verein, dem ich bin heute zutiefst verbunden bin. Mit den Läufern dieses Vereins habe ich am 3. Oktober 2005 zum ersten Mal die Längenmarke „Marathon – 42.195 Meter“ überwunden. Und ohne den Einsatz von Robert Zeller, einem erfahrenen Trainer dort, hätte ich das auch nicht geschafft.
Er aber zeigte mir nach 45 km, dass man weiter kommt, wenn man die Geschwindigkeit reduziert. Und auch wieder regeneriert. Der Seniorenmeister im Langstreckenlauf, das war er zumindest in dieser Zeit, kümmerte sich liebevoll um mich und so konnten wir ab km 55, als ich wieder bei Kräften war, noch eine Läuferin einsammeln, die beim Ratinger Rundlauf die Kilometer von 30 bis 60 laufen wollte und nach 25 Kilometern vollkommen am Ende war.

Ich wusste gar nicht, dass Bernd meinen Laufweg beobachtet hatte und wurde mir dessen erst bewusst, als er mir eine Mail schrieb, dass er sich für den Bambini-Lauf der TorTOUR de Ruhr angemeldet hat und mit Freude sah, dass ich mich für die große, die ganze Strecke des Ruhr-Radwegs von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein entschlossen habe. Als Bernd mich dann überholte, hatte ich schon mindestens 150 Kilometer hinter mir und befand mich im totalen Tief.
Schade, denn sonst wäre die Begrüßung wesentlich herzlicher ausgefallen. Falls Du, Bernd, diese Zeilen also lesen solltest, dann sehe mir das nach und fühle Dich nachträglich gedrückt und geherzt.

Ein anderer dieser Momente war, als ich bei der Verpflegungstelle „130 km“ ankam. Dort begrüßte mich ganz herzlich mein lieber Lauffreund Rainer Wachsmann aus dem westfälischen Münster. Ihn hatte ich zuletzt beim Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon gesehen, den er in beeindruckender Weise finishte. Mit ihm hatte ich gar nicht gerechnet und er war auch nur da, um die Einführungsrunde für die 100 Meilen-Läufer zu laufen. Ein kleiner Lauf, aber ein TorTOURist ist er immerhin schon. Und auch sonst hat er fast alles gefinished, was auf der Agenda der meisten Ultra-Marathonläufer steht.

Für andere Momente sorgten die vielen Fahrradfahrer und Spaziergänger auf der TorTOUR-Strecke. Viele wussten, was wir hier trieben, manche aber stellten die immer gleichen Fragen: „Was ist das für ein Lauf? Wie weit lauft ihr?“
Wenn Du die letzte Frage mit: „230 Kilometer“ beantwortest, dann kommt ein entsetztes „Was?“ zurück und auch die besten Wünsche. Einer der vielen ungeplanten Zaungäste fragte mich so vieles. Er wollte alles wissen. Warum wir so etwas tun, wie wir leben und arbeiten, wie wir uns vorbereiten. Und er verriet mir, dass er selbst Marathons laufen würde. Weiter aber, so ergänzte er, hätte er sich noch nie getraut. Ein interessierter, wirklich netter Mann. Vielleicht bekommt er irgendwann auch den „Kick“ und er gönnt sich die Vorsilbe „Ultra“ vor dem Wort „Marathoni“?


Kurz vor dem Ende, vielleicht bei km 217, passierte ich zwei junge Männer, die, beide einheitlich mit einer Flasche Bier und einer Zigarette bewaffnet, sich lautstark unterhielten Der eine sagte zum anderen: „Ich bin kein schlechter Mensch! Ich bin kein schlechter Mensch, nur weil ich …“
Zu gerne hätte ich erfahren, was ihn vielleicht zum schlechten Menschen gemacht hätte, aber da war ich schon zu weit von den beiden entfernt.

Schon kurz danach gab es ein Problem. Der Ruhr-Radweg verlief durch ein Gebiet, auf dem eine riesige Pfingstfeier stattfand. Ich war irritiert und fragte zwei der Gäste, wie ich von hier (ich zeigte auf den Punkt auf der Karte) nach da (wieder zeigte ich auf die Karte) käme. Beide Gäste waren, wie eigentlich auch alle anderen auf diesem Fest, schon aus der Phase des Biertrinkens heraus. Mehr wäre wohl auch nicht mehr gegangen.
„Mann, was ist denn hier los? Alle wollen hier durch!“ Sein Kumpel antwortete daraufhin: „Na, das ist doch die Marathon-Scheiße.“
Und dann erklärte er mir den richtigen Weg.

Ohne diese schönen Momente, diese „Magic Moments“, wie Amerikaner sie nennen würden, hätte ich diesen Lauf wohl nicht gepackt.
So bleibt mir die Erinnerung an die vielen „Magic Moments“, an Lauffreunde, die mir sehr, sehr nahe stehen, an einen Lauf, bei dem ich mich zwar oft verirrt, aber nie verloren gefühlt habe. Mir bleiben intensive und ehrliche Gespräche vor allem mit Hauke König und mit Martin Raulff. Und mir bleibt das Bewusstsein, dass wir Läufer irgendwie alle zusammen gehören, zusammen hängen, dass die Welt zugleich riesengroß und auch so winzig klein ist.

Und wenn ich heute Beschwerden an den Füßen habe, dann sind sie geringer als bei anderen Großevents. Wenn ich nur schwer in die Senkrechte komme, dann immer noch leichter als nach anderen Events. Eines aber wird mir sicher in Erinnerung bleiben, aber darüber schreibe ich das nächste Mal.

„Wer sich nicht bewegt, der kann auch nichts bewegen!“

Der Baden-Badener Weihnachtsmarkt - auf der Skala der Weihnachtsmärkte sicherlich relativ weit oben zu finden!

Es ist 18 Uhr am Samstag Abend auf dem wunderschönen Baden-Badener Weihnachtsmarkt. Menschenmassen schieben sich durch die Gassen des Weihnachtsmarktes und der Duft von Glühwein lässt Weihnachten erahnen. In der Mitte des Weihnachtsmarktes befindet sich eine hell erleuchtete Muschel, eine Aula, eine Bühne und auf der sammeln sich neben R(ud)olf Mahlburg und seiner Frau Brigitte noch der Bürgermeister von Baden-Baden sowie Repräsentanten von der „Aktion Benny & Co.“, die muskelkranken Duchenne-Kindern hilft und andere Repräsentanten unterschiedlichster Organisationen.

Gerade sind wir als Laufgruppe mit weit über 100 Läufern in Baden-Baden eingelaufen und wir alle haben unseren Weckmann bekommen. Einen leckeren frischen Weckmann und ein Glas Glühwein oder Kinderpunsch für die Läufer und ein paar warme Worte der Repräsentanten für die Weihnachtsmarkt-Besucher. Worte darüber, dass wir die langen Weg von Offenburg bis nach Baden-Baden bewältigt und dabei viel Gutes für kranke Kinder getan haben, Worte über die soziale Aufgabe, der sich Brigitte und Rolf Mahlburg gestellt haben und Worte der Bewunderung für die vielen Läufer, die da unten vor der Bühne standen, allesamt glücklich und stolz, diese 65 Kilometer mit den 1.800 Höhenmetern bewältigt zu haben.

Mir persönlich hat dabei dieser Satz aus der Seele gesprochen: „Wer sich nicht bewegt, der kann auch nichts bewegen!“ Wie wahr, dachte ich am Samstag und ich erinnerte mich sofort an die vielen Laufkilometer, die ich seit dem April 2004 gelaufen bin, seit jenem läuferischen Startpunkt, an dem ich begonnen hatte, in meinem Leben etwas zu bewegen. Ich habe mich fortan bewegt und ich habe auch vieles in meiner Umgebung bewegt. So habe ich viele fantastische und bewunderswerte Läuferinnen und Läufer kennen und schätzen gelernt, ich habe noch nicht alles, aber einiges von dem unnötigen Fett weggebrannt, das sich als Schwimmring deutlich sichtbar abgesetzt und mich zu einem „Sitzsack“ gemacht hatte und das sich auch im ganzen Körper verteilt hat, in jeden einzelnen Muskelstrang.

Vor allem aber habe ich neue Prioritäten im Leben gesetzt und erkannt, dass ich nicht auf Dauer ohne einen einigermaßen fitten und gesunden Körper leben will. Und heute freue ich mich beim Duschen immer wie ein kleines Kind, wenn ich meine Waden sehe oder den Oberschenkel-Muskel, der, wenn er angespannt ist, so stark akzentuiert und fest ist, dass ich denke: „Yes, I can!“ Oder ich fasse eine Po-Backe an und merke, wie fest und muskulös diese geworden ist. Schon dafür hat sich das Laufen gelohnt!

Und auch bei meiner Einstellung zur Familie und zum Beruf hat sich etwas bewegt. Während ich früher ein extremer Workoholic war ist mir heute die Balance zwischen den beruflichen Notwendigkeiten und dem Recht der Familie auf Beachtung, Liebe und Gemeinsamkeit sehr wichtig geworden. Erhalten habe ich dafür das Gefühl, ein ganz besonderer Vater zu sein, von den Kindern geliebt und von der Familie verehrt und gebraucht.

Wir standen also unter der Bühne in Baden-Baden und erlebten, wie R(ud)olf Mahlburg  für seine Webseite „Laufend-helfen.de“ einen Scheck von insgesamt immerhin 3.500 EUR an drei Hilfsorganisationen verteilt, das meiste Geld geht dabei wie immer an die Duchenne-Forschung, getreu dem Motto: gesunde Muskeln für kranke Muskeln.

Es ist nicht vollständig das „doppelte Familientreffen“ geworden, das ich erwartet hatte, aber dafür kamen Menschen dazu, die mir bei der ersten Durchsicht der Teilnehmerliste gar nicht aufgefallen waren. Schon am Vorabend traf ich die meisten Lauffreunde bereits in Bühl, wo diese die Nacht verbringen sollten. Ich habe meinen Freund Achim Knacksterdt in Baden-Baden abgeholt und nach Bühl gebracht und dort angekommen, durfte ich herzlich so viele Läuferinnen und Läufer begrüßen, dass ich voller Stolz war und hoffte, dass dieser Abend nie vorbeigehen möge. Allen voran waren es natürlich Heidi Stöhr, die ich schon im Eingangsbereich traf und die „Geschwister Fürchterlich“, die ich herzen und knuddeln durfte, zudem waren es die badischen Lauffreunde Peter Wiedemann, Brigitte Mahlburg und Rolf Mahlburg.
Dann aber erinnerte ich mich an meinen zweitlängsten Lauf meines bisherigen Läuferlebens, an den KÖLNPFAD. Fast vergessen hatte ich die Situation, als Hans-Peter Gieraths und ich vielleicht bei km70 von hinten von einem Läufer eingeholt wurden, der ein aufrichtiges Interesse an unserem kleinen Laufwettbewerb hatte. Er fragte uns, was die Startnummern zu bedeuten hätten und danach, welcher Lauf das denn wäre. Er fragte uns weiter, wie weit wir bislang gekommen wären und welche Strecke noch zu bewältigen sei.
Er lief vielleicht zwei, drei Kilometer mit uns gemeinsam und erzählte uns, dass auch er „einmal einen Ultralauf wagen“ würde, aber nicht im Kölner Raum, sondern im Dezember bei seinem Bruder Andreas, der im Badischen leben würde.
Ich fragte ihn dann, welchen Lauf er denn meinen würde, ich würde die Ultras im Badischen fast alle kennen und er antwortete: „Ich laufe den Eisweinlauf!“

Der Eisweinlauf von Offenburg nach Baden-Baden, ein Gruppen- und ein Spendenlauf, 2009 zum achten Mal durchgeführt!


Jörg Benz, nicht verwandt mit dem Möbeldesigner, hat also einen Bruder im Badischen – und ich kannte diesen sogar von früheren Eiswein-Läufen! Und meine Eltern wohnen im Badischen und Jörg und ich treffen uns unvermittelt und zufällig irgendwo im Niemandslang zwischen Bergisch-Gladbach und Köln. Und Jörg Benz war am Freitag Abend auch in Bühl. Mit seinem Bruder Andreas, der aber wegen einer Erkältung nicht zu den Läufern, sondern „nur“ zum Supporter-Team gehörte.

Gefehlt hat leider die an der Archillessehne verletzte Wilma Vissers und auch Heinrich Dahmen konnte den Weg in den Süden nicht antreten, das war schade, weil ich gerne mit den beiden ein paar Erinnerungen geteilt hätte, dafür traf ich aber Henk Geilen und Joachim Siller, beide Namen sind mir in der langen Teilnehmerliste nicht aufgefallen.
Henk Geilen ist einer der ganz besonders erfahrenen Ultraläufer, mit dem ich etliche lange Läufe gemeinsam gelaufen bin, teilweise in Belgien oder Holland, aber eben auch im Badischen oder in der Eifel, ein echter Gewinn an Gefühl und Witz bei jedem Ultralauf und JoSi, Joachim Siller, ist auch seit Jahren für mich menschlich einer der ganz Großen unter den Ultraläufern. Als TransSwiss 2009 Finisher hat er auch allen Grund, stolz auf seine Läuferbiografie zu sein.

Am Samstag Morgen sprach mich dann Tilmann Markert an, ein Arzt aus Gaggenau, der als Nachrücker ebenfalls im April 2010 zum Marathon des Sables (MdS) nach Südmarokko reisen wird. Für Achim Knacksterdt und mich war das eine gute Gelegenheit, diesen neuen Mitstreiter kennen zu lernen. Während des Laufs entdeckte ich mit Freude auch Nicola Wahl, auch eine von denen, die mich in 2009 besonders oft begleitet haben. Sie war beim SwissJuraMarathon 2009 (SJM) genauso dabei wie beim UTMB 2009. Dass sie selbstverständlich beide Wettbewerbe erfolgreich gefinished hat, sei nur am Rande erwähnt.
Ganz besonders erinnere ich mich aber an den fünften Tag des SJM, an dem ich die schlimmsten Muskelbeschwerden bekam. Ich hatte bestimmt 30 Minuten Vorsprung auf Nicola herausgelaufen, bis die Oberschenkel verhärtet waren und die Sehnenscheidenentzündung in den Füßen mich zwang, bergab nur noch zu tippeln. Irgendwann dann stürmte von hinten Nicola an mir vorbei und sie ließ mich stehen wie eine Slalomstange und ich fühlte mich damals alt, krank und langsam.

Es gab noch viele andere, mit denen ich reden konnte, so beispielsweise Marco Köhler aus Rastatt, mit dem ich über unseren gemeinsamen Lauffreund Dirk Joos geredet habe, den wir beide sehr vermisst haben, so viele, dass der Artikel zu lange würde, wenn ich alle, die es verdient hätten, erwähnen würde.
Nur einen will ihc noch nennen, Klaus Adelmann aus Freiburg, der die Webseite www.runme.de betreibt. Klaus und ich haben in der Vergangenheit schon oft miteinander kommuniziert, live gegenübergestanden haben wir uns aber meines Wissens noch nicht. Klaus sprach mich erst ganz spät am Abend an, als wir von den Bergen aus kommend im Dunklen in Baden-Baden einliefen. Wir liefen eine Straße entlang, die gesäumt wurde von schönen und riesigen Häusern, die deutlich den Reichtum ihrer Besitzer zeigten. Nicht umsonst gilt Baden-Baden als eine der TOP 10 – Städte mit den meisten Millionären pro 1.000 Einwohner und diese Millionäre prägen mit deren Prunk den Charakter der Stadt.
Der Prunk der Häuser spiegelt sich dann auch wider in den öffentlichen Bauten wie dem Theater und in den hell erleuchteten edlen Restaurants und Hotels, die den Ruhm von Baden-Baden mitgeprägt haben.

Und so endete dort vor der Bühne des Weihnachtsmarktes in Baden-Baden ein langer und bestens organisierter Gruppenlauf, der EISWEINLAUF, der die über 100 Teilnehmer über 65 Kilometer und über die Höhen des Schwarzwaldes führte, ein Lauf, bei dem neben dem Wunsch, Gutes für kranke Kinder zu tun, auch die Gelegenheit geliebt wurde, mit vielen unterschiedlichen Menschen zu reden. Und wenn man diesen Lauf, der 2009 schon zum insgesamt 8. Mal durchgeführt wurde, wie ich schon zum vierten Mal absolviert, dann sind es die Gesichter der „Stammkunden“, die diesem Lauf seinen Charakter geben.
Und es sind Rolf Mahlburg, der mit großer Routine das Tempo vorgibt und Brigitte Mahlburg, die sich liebevoll um die hinteren Läufer kümmert, weil das Ziel des Laufs ist, alle Teilnehmer ins Ziel zu bringen und dafür zu sorgen, dass die Gruppe zusammen bleibt, die beiden prägen diesen Lauf mit ihrer Liebe zu den Menschen und ihrem großen Herz für alle Menschen, Läufer oder Nicht-Läufer, Kranke oder Gesunde.

Und wenn sich mehr als 100 Läufer mit Kopflichtern, Sicherheitswesten und Nikolausmützen in Baden-Baden durch den Kurgarten bewegen, dann stehen die Passanten still, salutieren, grüßen und freuen sich über dieses seltene Bild. Und sie begreifen den Sinn des Weihnachtsfestes, der guten Tat und der Bewegung und sie verstehen: „Wer sich nicht bewegt, der kann auch nichts bewegen!“


Bitte, bitte, bitter, am bittersten …

Eigentlich sollte ich mich ja freuen.
Meine Morgenzeitung, die „RHEIN-ZEITUNG“ meinte es gut mit dem Ultra-Lauf. Und sie meinte es gut mit mir. Einen Vorbericht über die Deutschen Meisterschaften im 100km-Lauf hatte ich gar nicht erwartet, schon gar keinen so ausführlichen.
Und dann wurde ich sogar neben der National-Läuferin Sabine Strotkamp und meinem Lauffreund Hans-Peter Gieraths, die beide für die LG Ahrweiler laufen, sogar explizit und lobend erwähnt. Wie schon geschrieben: ich sollte mich eigentlich freuen!

Deutsche Meisterschaft im 100km-Staßenlauf in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Deutsche Meisterschaft im 100km-Staßenlauf in Bad Neuenahr-Ahrweiler (zum Vergrößern bitte klicken!)

Wenn da nicht mein Rücken wäre! Gestern morgen hat mich „die Hexe geschossen“ und seither laufe ich vornübergebeugt schief und langsam durch die Gegend. Mein Lieblings-Sportarzt Dr. Roman Bauer, Bad Neuenahr, hat sich das gestern schon angesehen und mir noch eine Spritze gegeben, seither geht es besser.
Aber es geht halt noch nicht annähernd gut.

Noch habe ich 60 Stunden Zeit, um ein Wunder wirken zu lassen, aber meine Hoffnung schwindet von Stunde zu Stunde. Morgen nachmittag gibt es wieder eine Spritze und am Freitag werde ich meinen Lieblings-Physiotherapeuten Roger Steiner wirken lassen, alles in der Hoffnung, vielleicht doch noch starten zu können.

Ich erinnere mich an 2008, an die letzte Woche vor dem TransAlpineRun (TAR). Der startete am Samstag und ich musste am Samstag zuvor noch bei den internen Tennis-Clubmeisterschaften spielen. Mitten während des zweiten Spiels begann es zu regnen, der Rücken wurde kalt und ich wurde schief und krumm. Trotz der warmen Badewanne war alles zu spät: Das Höhentraining, zu dem ich am Sonntag aufgebrochen bin, fiel den Schmerzen zum Opfer, die ABC-Pflaster-Branche jubelte ob der steigenden Verkäufe und erst am Mittwoch konnte ich wenigstens wieder gehen.
Dann konnte ich leicht tippeln und abwärts laufen und – da gab es das Wunder – pünktlich zum Start war alles wieder gut. Ich lief zwar drei Tage lang sicherheitshalber mit einem wärmenden ABC-Pflaster auf dem Rücken, aber ich lief. So ein Wunder brauche ich jetzt wieder!

Und wenn nicht? Dann werde ich mir den Lauf als Zuschauer ansehen, ein paar Tränen vergießen und mir vorstellen, wie es wäre, wenn ich da laufen würde. Wie ich da versuchen würde, meine Qualifikation für den Sparthatlon zu erlaufen und wie ich in der Heimat so viele Zuschauer kennen würde …

Bitte, bitte, gib mir ein Wunder, bitte, bitte, sonst wäre es bitter …

Nummer 73 lebt …

Stell Dir vor es ist der Allgäu Panorama Marathon Ultra Trail und Du gehst nicht hin …

Sonthofen

Dabei wären die 3.000 Höhenmeter, die zu bewältigen wären, bestimmt hilfreich im Hinblick auf den kommenden UTMB. Und mit der Länge von rund 67km ist der Allgäu Panorama Marathon Ultra Trail auch mehr als nur eine Trainingseinheit.
Und der Lauf geht unter anderem durch das „Kleine Walsertal“, eines der Fleckchen Erde, von dem ich als Kind geglaubt habe, dass es einen schöneren Ort auf diesem Planeten geben könne, weil die bunt gefärbten Ahornblätter überall auf den Wegen herumlagen und ich diese Blätter zu lieben lernte.

Und um noch etwas Salz in die offene Wunde zu streuen: es liefen fast alle mit, die mir lieb und teuer waren:

Hans-Peter Gieraths aus Bad Neuenahr, mir dem ich mir noch letzte Woche die Nacht um Köln herum um die Ohren geschlagen habe,
Achim Knacksterdt aus Mainz, meine liebe Begleitung und mein Pacemaker beim SwissJuraMarathon im Juni,
Wilma Vissers, die herzliche Holländerin, die am schweizer Vierwaldstätter See lebt und mit der ich so viel Spaß beim SwissJuraMarathon hatte,
Peter Wiedemann von der LG DUV, dem lieben badischen Freund, den ich immer wieder bei Rolf Mahlburgs Läufen treffe,
Walti Schäfer, der unermüdliche schweizer Bergläufer, der nicht nur durch die Organisation des TransSwiss unsterblich wurde und die vielen anderen, die ich beim Überfliegen der Teilnehmerlisten nicht fand, kurzum: ich fehlte!

Dabei war ich schon lange angemeldet: als Nummer 73 war ich einer der ganz besonders frühen Anmelder.

Sonthofen2
Aber es ging nicht. Wirklich nicht. Nicht nur, dass ich gestern Nacht bis kurz vor Mitternacht noch in Oberhausen arbeiten musste, um auf einem Sommerfest superschöne Tassen und MousePads zu fertigen und ich schon die Nacht hätte durchfahren müssen, um noch pünktlich in Sonthofen anzukommen, auch der Zustand meiner Zehen, vor allem des zweiten Zehs rechts am rechten Fuß machen mir Sorgen. Und ich habe noch immer Wasser in den Beinen und das sollte bis zum UTMB am kommenden Freitag Nachmittag abgeschwollen sein.

Also „bye bye“ kleines Walsertal, „bye bye“ liebe Lauffreunde und „bye bye“ zur Illusion, noch etwas wirklich Großartiges vor dem UTMB erlaufen zu können.
Schade eigentlich, es hätte sehr schön werden können …

Hat sich die Sahara schon bis Köln ausgedehnt?

Eigentlich sollte ich Anke Molkenthin anrufen und meine Zusage für den „Marathon des Sables“ in der südmarokkanischen Wüste absagen!

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... immer dem weißen Kreis nach!

Als wir am Samstag um 8.00 Uhr früh beim KÖLNPFAD starteten, wusste ich schon, dass es ein sehr heißer Tag werden würde. Aber dass es so wenig Schatten geben würde, dass die Temperaturen so hoch steigen würden, das ahnte ich nicht. Und so gehörten die krampfenden Oberschenkel wohl zu den notwendigen Übeln dieses 171 Kilometer langen Laufs.

„Laufen mit Freunden“ war ja meine Devise für diesen Lauf. Meine Lauffreunde Michael Eßer und Hans-Peter Gieraths waren da, der Lauffreund Florian Bechtel betreute eine der vier Versorgungspunkte. Nur vier Versorgungspunkte, im Schnitt alle 43 Kilometer! Viel zu wenig, wenn da nicht auch noch meine Frau Gabi als Betreuerin mit ihrem Van gewesen wäre, der mit so viel Essen und Trinken vollgeladen war, dass Gabi mühelos alle 17 Starter über die gesamte Strecke hätte verpflegen können.
Trotzdem waren die vorher ausgemachten Treffpunkte an der KÖLNPFAD-Strecke oft zu wenig und der Durst war manchmal so groß wie die Sehnsucht nach moralischem Beistand.

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... noch lächeln alle, aber 17 x 171km stehen noch vor den Läufern!

Dass Michael am Ende nicht im Ziel ankam ist sehr schade und Hans-Peter, mit dem ich sehr lange zusammen gelaufen bin, schaltete irgendwann noch seinen Turbo ein und schloss um zwei Plätze besser ab als ich. Aber Hans-Peter ist auch zweifellos der bessere Läufer von uns beiden.
Auf jeden Fall war es hilfreich, einen Freund an der Seite zu haben, vor allem in den heißen Feldpassagen.

Anfangs haben wir uns noch verquatscht und dabei zwei Mal die Weggabelungen übersehen, später dann war es eher still um uns und wir sprachen nur noch das, was wirklich wichtig war. Die Sonne hat uns so zugesetzt, dass ich mich teilweise fragte, wie das dann in der Sahara werden solle. Aber das kann kaum schlimmer sein, denke ich, weil die Distanzen wesentlich kürzer sind und die Luft zwar heißer, aber auch trockener ist. Also muss ich doch bei dem Ursprungsplan bleiben und den April-Anfang in Marokko erleben. Kein Grund für Ausreden … !

Als Hans-Peter und ich am zweiten Versorgungspunkt hörten, dass wir auf dem 5. und 6. Platz liegen würden, haben wir es nicht geglaubt. Aber es hat uns fast so sehr motiviert wie die kalte Dusche aus dem Gartenschlauch, die dort angeboten wurde. Kein Versorgungspunkt war mehr ersehnt wie dieser „VP2“, der von den Troisdorfer M.U.T.-lern (Marathon Ultra Team) des Siegers Michael Irrgang betreut wurde. Das lag natürlich vor allem daran, dass wir eine sehr lange extrem heiße und vollkommen schattenfreie Feldpassage in der Mittagshitze erdulden mussten.

Aber am dritten Versorgungspunkt begannen wir, zu glauben, zu hoffen und zu rechnen und als wir kurz danach den viertplatzierten überholen konnten, da wusste ich, dass ein 5. Platz möglich sein würde, viel mehr als erhofft! Und so kam es dann auch und ich war zudem sehr erfreut, noch unter der 24-Stunden-Marke geblieben zu sein.

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... endlich ein wenig Schatten!

Weißt Du eigentlich, wie schön die Kölner Ecke ist? Vor allem Bergisch Gladbach und da primär Bergisch Gladbach Bensberg sind so schöne Orte mit zuckersüßen alten Häusern, mit einem traumhaft schönen Schloß und – ganz wichtig – mit dem direkten Blick auf den Kölner Dom.
Nur die vielen Menschen im Bergisch Gladbacher Freibad, die sich dort vergnügt haben, wirkten etwas störend. Neid auf das Eintauchen in kaltes Wasser war da sicher mit im Spiel.

Auch der Königsforst war schön zu belaufen, schattig und romantisch, aber danach kamen eben die baumfreien und schattenfreien Feld- und Uferweg-Passagen, die unsere Flüssigkeit aus dem Körper gesogen haben wie hungrige Stechmücken, die Blut sehen und saugen wollen. Wir froh war ich, als es Abend und damit auch kühler wurde.
Nach der Einnahme von viel Magnesium, viel Salz und den abnehmenden Temperaturen wurden auch meine Krämpfe weniger, bis sie dann irgendwann ganz aufhörten.

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... jetzt abbiegen, bloß keine zweite Runde mehr! Nur noch 500 Meter!

Als mich ab der „VP3“ mein „Real Life“ Freund Detlev begleitete waren die Krämpfe schon Geschichte. Aber dennoch fühlte ich mich gefordert, ihn moralisch zu unterstützen, weil er eigentlich nur Halbmarathons läuft und auch dafür nur wenig trainiert hat. Sein Ziel war es, die 34 Kilometer vom „VP3“ bis zum „VP4“ mit zu laufen – und er hat es geschafft. Respekt, Detlev, „Hut ab“!
Aber er war viel zu früh am „VP3“, wahrscheinlich, weil er sich irgendwo verrechnet hat, als er wusste, dass wir in Köln-Porz-Wahn sind. Die Wege des KÖLNPFADS sind doch verworrener als man glaubt. Glück für ihn war, dass er so viel mit Florian Bechtel reden konnte, den ich schon vorher auf die Ankunft und die Anwesenheit von Detlev vorbereitet habe. Und die beiden hatten Spaß miteinander. Mehr will ich ja gar nicht!

Apropos Spaß: zumindest zwei Geschichtchen finde ich wert, erzählt zu werden.

Als erstes die Geschichte, als uns ein Hobbyjogger kurz vor der zweiten Verpflegung eingeholt hat. Er sah uns und die Startnummern und frage, was wir tun würden. Und wir erzählten vom KÖLNPFAD und davon, dass wir schon 50 der 171 Kilometer hinter uns hätten. Und Jörg, so heißt der Läuferkollege, sagte uns, dass er im Dezember einen langen Lauf planen würde. Auf meine Frage hin, welcher Lauf das denn sei, antwortete Jörg, dass es ein Spendenlauf sei.
„Spendenläufe kenne ich fast alle“, dachte ich und so hakte ich nach und erfuhr, dass es der „Eisweinlauf“ von Offenburg nach Baden-Baden sei, den ich schon drei Mal absolviert habe. Organisiert von Rudolf Mahlburg ist das einer der romantischten Höhepunkte des Läuferjahres, wenn Du gegen 17.30 Uhr, wenn schon alles dunkel ist, vom Berg runter kommst und das erleuchtete Baden-Baden und den schönen Weihnachtsmarkt siehst, wenn dann der Bürgermeister eine kleine Willkommensrede hält und die Weihnachtsmarkt-Besucher applaudieren, weil die Horde verschwitzter Körper aus dem 65 Kilometer entfernten Offenburg über die Hügel des beginnenden Schwarzwald gelaufen sind. Das ist immer wirklich schön!
Jörgs Bruder wiederum wohnt in Baden und ist ein enger Freund von Rudolf Mahlburg – so klein ist die Welt, wenn man miteinander spricht! Ich freue mich schon jetzt, ihn Mitte Dezember wieder zu sehen und ein wenig mehr mit ihm zu plauschen.

Als zweites die Geschichte, als ein Fahrradfahrer mich auf der Rheinuferpromenade überholt hat. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt mein drittes Laufshirt an, das Finisher-Trikot des „Swiss Alpine Marathon“ von Mitte Juli. Hübsch, schwarz und mit der stilisierten Alpen-Gemse. Zwanzig Meter vor mir bremst er plötzlich, wendet und fragt mich, ob ich bei dem „Swiss Alpine Marathon“ dabei gewesen wäre. Seine Schwester wohnt wohl in Bergün und er kannte jeden Winkel dieses Laufs. Wir waren einige Zeit zusammen, so lange, dass die Streckenkontrolleure, die uns gesehen haben, geglaubt haben, das er meine Fahrradbegleitung gewesen sei.

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... 7 Uhr 47 in Deutschland ... wenn der kleine Hunger kommt!

Laufen ist eben auch immer das Aufspüren und Entdecken neuer interessanter Menschen. Und von denen habe ich an diesem Wochenende wieder viele kennen gelernt.
Als meine Frau Gabi mich dann etwa 500 Meter vor dem Ziel erwartet hat, da fiel der ganze Druck ab und ich war einfach nur noch glücklich.

Ergebnisse? Na hier!