Von Koblenz nach Bonn – Rheinsteig extrem schön …

Vor vielen Jahren in einem Seminar der Dale Carnegie Gesellschaft hörte ich diese Geschichte zum ersten Mal:

Ein Wanderer ging seinen Weg entlang, seinen Esel mit Satteltaschen auf jeder Seite an der Hand führend. Es war schon später Abend, der Wanderer war müde und traurig. Da stand plötzlich ein merkwürdig gekleideter bärtiger Mann neben dem Weg.
Der Wanderer war froh, endlich wieder einen Menschen zu Gesicht bekommen zu haben, hielt an und unterhielt sich mit dem Mann am Wegesrand. Und nach einem längeren Gespräch wollte der Wanderer sich verabschieden und weiter ziehen, um noch eine Bleibe für die Nacht zu finden. Er haderte ein wenig mit seinem Schicksal und er zeigte, dass er deprimiert war.
Der altem Mann am Wegesrand aber sagte: „Sei nicht betrübt, alles wird gut. Du sollst ein Geschenk von mir haben. Bücke Dich und sammle so viele Steine hier vom Boden auf wie Du tragen und in Deine Satteltaschen packen kannst. Dann verspreche ich Dir, dass Du morgen zugleich glücklich und auch traurig sein wirst!“

Der Wanderer war etwas in Eile und wollte nicht allzu viel Zeit mit dem Aufsammeln von Steinen vergeuden, immerhin hatte er ja noch keine Bleibe für die Nacht. Er wollte aber auch das Geschenk des Bärtigen nicht ausschlagen und so entschied er sich, einen Kompromiss einzugehen.
Er nahm einige Steine, packte sie in die Satteltaschen, aber er bemühte sich nicht, so viel Zeit aufzuwenden, bis diese randvoll wären. Dann dankte er dem Mann und zog weiter.

Er fand keine Bleibe mehr für die Nacht, schlief im Freien unter einem sternenklarem Nachthimmel und als er am nächsten Morgen aufwachte, hatte er die Steine in den Satteltaschen des Esels schon fast vergessen. Dann aber erinnerte er sich daran, wurde wieder neugierig und griff in die Satteltaschen, um sich diese Steine mal genauer anzusehen. Und er stellte fest, dass sich die Steine über Nacht in kostbare Edelsteine verwandelt hatten.
Und er war glücklich über diesen Schatz.
Gleichzeitig war er aber auch traurig, nicht mehr von den Steinen eingepackt zu haben.

Trail laufen ist ähnlich wie das Sammeln von Steinen am Wegesrand. Jessica Junker aus Koblenz ist ein gutes Beispiel dafür.
Sie sprach mich während meiner roh-veganen Phase an, weil sie selbst erst seit kurzem auf vegane Ernährung umgestellt hatte und wir hielten eifrig Kontakt zueinander. Sie erzählte mir von ihren Läufen bis hin zum Marathon. Und diese Läufe machte sie durchweg sehr ordentlich, schnell und ambitioniert. Da war beispielsweise ein Marathon dabei, den sie in rund 3:45 h bewältigte, aber ein Marathon, der zudem noch 800 Höhenmeter im Aufstieg bot.
Nicht schlecht, dachte ich und ich dachte an die Anstrengung, der ich ausgesetzt wäre, wenn ich diese Zeiten wieder einmal laufen müsste.
Ich lud sie dann ein, beim RheinBurgenWeg-Lauf mit mir zu starten. Es ist ja immer so, dass man, wenn es nicht mehr geht, aussteigen und den Zug am Rhein entlang nach Hause nehmen kann. Weil sie aber an diesem Wochenende etwas Anderes vorhat, vertagten wir unseren kleinen gemeinsamen Lauf auf „irgendwann“.

Dann planten Andreas Haverkamp und ich, uns für den TransGranCanaria-Lauf vorzubereiten. Nachdem wir schon im Herbst gemeinsam den gesamten Hermannsweg von Rheine bis Horn – Bad Meinberg gegangen waren, wobei ich ihn ab Bielefeld habe alleine ziehen lassen, sollte es ein Lauf bei mir in der Nähe sein. Lang sollte der Weg sein und reichlich Höhenmeter sollte der Weg bieten. Was bietet sich dann besser an als der Rheinsteig zwischen Koblenz und Bonn?
Meine Gabi bot sich an, den Support für uns zu machen, es ist ja nicht so schrecklich weit von uns weg, wenn da nicht dieser Fluss zwischen unserem Örtchen und dem Rheinsteig wäre. Und über diesen Fluss gibt es zwischen Bonn und Neuwied keine Brücke. Zwar gibt es Fähren, aber die fahren nicht in der Nacht, sind nicht wirklich planbar und zudem riecht es darauf immer deutlich nach Diesel und Motorenöl.
Bis zum zweiten Weltkrieg gab es noch eine Brücke. Die „Brücke von Remagen“ verband die beiden Rheinufer, sie wurde aber nach der Zerstörung zwar verfilmt, aber nie wieder aufgebaut und ist auch heute noch als Mahnmal gegen den Krieg zu bewundern.

Ich erzählte Jessica von dem Vorhaben und lud sie ein, uns zu begleiten. Auch auf der anderen Rheinseite, liebevoll auch die „schäl sick“, die „schlechte Seite“ genannt, kann man ja jederzeit aussteigen und mit dem Zug zurück nach Koblenz fahren. Jessica hatte etwas Sorge vor der Strecke, immerhin war ihr Limit bislang 42,195 km gewesen und so wollte sie 50 km „plus X“ mit uns laufen.
Sie wiederum brachte eine Freundin mit, Antje Überholz, die wiederum nur 15 km mitlaufen wollte und Thomas, einen Freund, mitbrachte.  Schlussendlich schlug auch Frank Nicklisch vor, uns ein Stück zu begleiten. Für ihn als WiBoLT-Läufer war die Herausforderung natürlich eher gering, für Jessica aber war es schon echtes Neuland, das da betreten werden sollte.

Jessica und Frank blieben am Ende deutlich über 50 km bei uns und Jessica verhält sich seither wie der Wanderer, der am Abend die Steine aufgehoben und mitgenommen hatte. Sie ist glücklich, diese Strecke bewältigt zu haben, gleichzeitig ist sie aber auch traurig, dass es nicht noch mehr Kilometerchen waren, die sie da mitgelaufen ist.
Und weil Trail laufen eben auch süchtig macht, wird sie am 12. Februar ganz alleine eine weitere Etappe auf dem Rheinsteig laufen und dann, bei nächster Gelegenheit, eine weitere. Und abschließen wird sie mit dem Rheinsteig Ende November, wenn sie ganz offiziell den „Kleinen KoBoLT“ laufen wird, 104 km auf dem Rheinsteig.

Ich erzähle diese Geschichte so gerne, weil sie mich auch an mich selbst erinnert, an meine ersten Versuche im Ultramarathon-Bereich und auch daran, wie die Sucht bei mir entstanden ist. Und auch heute, wo ich 60 km Trail ohne Vorbereitung als Trainingslauf verstehe, weiß ich noch genau, dass am Anfang ein Halbmarathon mein sportliches Ziel war, wie weh der erste Marathon 2004 in Frankfurt getan hat und welche Schmerzen ich bei meinem ersten Ultra in Ratingen-Breitscheid, beim leider nicht mehr durchgeführten „Ratinger Rundlauf“, auszuhalten hatte.

Wir starteten also zu sechst bei der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein und folgten stets dem Rheinsteig. Antje und Thomas verließen uns genau dort, wo die Läufer des KoBoLT ihr erstes „Beweisfoto“ machen müssen, wohl auch, um die Neigung, nicht den schönsten, sondern den schnellsten Weg nach Sayn zu nehmen, einzudämmen.
Zu viert ging es dann weiter bis zur ersten Verpflegung, wie beim KoBoLT auch in Rengsdorf gelegen. Gabi fuhr uns dabei ein kleines Stückchen entgegen, was aber einen Bewohner von dort veranlasst hat, seine Gedanken über gesperrte Wege und darüber preis zu geben, was passieren würde, wenn jeder diese zweihundert Meter auf geteertem Grund, aber mit ganz neuen Halteverbotsschildern geschmückt, befahren und beparken würde.
Um den Herrn glücklich zu machen und auch, um jedem Streit aus dem Wege zu gehen, ist Gabi dann doch so weit wieder zurück gefahren, bis der Herr zufrieden genickt hatte. Ich begleitete das Auto mit nacktem Oberkörper, da ich mein X-BIONIC Shirt schon ausgezogen hatte, um es gegen ein trockenes und frisches einzutauschen. Ich habe nicht übermäßig gefroren, zwei oder drei Grad fühlen sich in solch einer Situation durchaus annehmbar an, annehmbarer jedenfalls als die Vorstellung, das wärmende Blinken von blauen Lichtern auf Polizeiwägen, die zu rufen dieser um Gerechtigkeit besorgte Mitbürger gedroht hatte, zu erleben.

Der „eineinhalbte“ VP folgte dann schon wenige Kilometer später und der kam vollkommen ungeplant und überraschend. Eine Wandergruppe, hauptsächlich Rentnerinnen und Rentner, hatte auf einem Teilstück des Rheinsteigs eine ähnliche Idee und ließ sich auf demselben aus einem Auto mit Getränken versorgen. Und es war genug da für alle, auch für uns. Wir erzählten von der Strecke, die wir schon hinter uns hatten und von der langen Strecke, die wir noch vor uns hatten.
Die große Auswahl an sicherlich bekömmlichen Schnäpsen haben wir ausgelassen, aber Wasser und Cola machten diese zusätzliche Pause neben der gefühlten Bewunderung durch drei Dutzend Wanderer zum echten kleinen Highlight.
Aber irgendwann dankten wir, verabschiedeten uns und gingen unseren Weg weiter.

Nach dem zweiten VP, an dem sich Jessica und Frank verabschiedeten, waren Andreas und ich dann alleine. Und wir beschlossen, auf den dritten VP in der tiefen Nacht zu verzichten, dafür aber in Linz noch etwas zu essen. Frank schätzte, dass wir gegen ein Uhr in Linz sein würden und bis zwei Uhr, da war er sich sicher, war in Linz am Samstagabend noch etwas los.
Frank hatte dabei die Linzer Gastronomen richtig eingeschätzt, aber unsere Geschwindigkeit hat er wohl deutlich falsch eingeschätzt. Wir erreichten Linz erst kurz vor drei Uhr und wir fanden eine Kneipe, in der noch die Funkenmariechen für ihren großen Auftritt im Karneval probten und eine Art Disko, in der es auch um 3 Uhr noch Flammkuchen gab.

Aber so ein Flammkuchen ist dann doch nicht die optimale Läufernahrung und wir wurden schnell wieder hungrig. Und dann, so gegen 7.00 Uhr, rief Gabi an und meldete sich ausgeschlafen zurück. Wir diskutierten einen Treffpunkt, das ausgewählte Örtchen wurde dann zwar auf den Wegweisern erwähnt, der Rheinsteig aber lief nicht durch diesen Ort.

Nur keine unnötigen Meter, dachten wir und richteten uns auf die nächste Ortschaft, auf Rheinbrohl, ein. Aber dann merkten wir, dass auch Rheinbrol nur auf Schildern stand und von Zubringern erreicht werden konnte, der Rheinsteig aber läuft 2,5 km an der Ortschaft vorbei. Also zum nächsten Ort?
Aber der Hunger war groß, die Nacht zu Ende und so beschlossen wir, diese 2,5 km Richtung Rhein abzusteigen und dann dort so lange im Tal weiter zu laufen, bis der Rheinsteig wieder zum Rhein runter kam. Nicht aber, ohne ordentlich gefrühstückt zu haben, das war klar.
Diese Wegänderung verkürzte unsere Wegstrecke auf rund 129 Kilometer und unsere Laufuhren zählten nur 4.200 statt der geplanten 4.446 Höhenmeter. Aber wer fragt danach bei einem Trainingslauf?

Als wir dann auf dem Drachenfels auf Bonn blickten, war es schon etwas wärmer, auf dem Petersberg oben war es dann beim nächsten VP, dem „zweiten Frühstück“ scho fast angenehm warm. Dann folgten noch rund 19 Kilometer und als wir dann in Bonn ankamen stand die Januarsonne hoch am Himmel und wir waren deutlich zu warm angezogen. Entscheidend war aber, dass wir angekommen waren, deutlich später als gedacht und deutlich gestresster als geplant.

Aber dieser Stein, der Rheinsteig, hatte sich auch für uns in einen Edelstein verwandelt und wir waren glücklich, es geschafft zu haben. Gleichzeitig waren wir aber auch traurig, dass es nicht noch etwas mehr gewesen war. Andreas beschloss deshalb für sich, die 130 km voll zu machen und lief noch 700 Meter weiter Richtung Bonner Innenstadt.

Trail laufen macht eindeutig süchtig …

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Auf dem Rheinsteig nachts um halb eins …

Rheinsteig-Lauf (6)Erst war es nur eine witzige Idee, später wurde dann etwas zwischen langem Training und Miniveranstaltung daraus. Ein Lauf auf dem Rheinsteig, idealerweise dem Track des KoBoLT folgend, mit ähnlich vielen Verpflegungspunkten, mit teilweiser Autonomie und mit ähnlichen Zeitzielen wie bei diesem mittlerweile schon kultig-etablierten Lauf Ende November.

Für Andreas Haverkamp, mit dem ich diese „Schnapsidee“ ausheckte, und für mich verbanden sich mit diesem langen Lauf gleich eine Unmenge an Zielen. Hauptsächlich ging es Andreas darum, noch einen wirklich langen Lauf mit etlichen Höhenmetern zu stemmen, weil der Anfang März stattfindende Trans Gran Canaria mit seinen 125 Kilometern und seinen 7.500 Höhenmetern für ihn schon eine ganz besondere Herausforderung ist.
Na ja, für mich wird das auch nicht leicht sein, aber immerhin habe ich diesen Lauf 2012 und 2013 jeweils finishen können, jeweils mit einem deutlichen Zeitpolster auf die Cut-Off Zeit. Außerdem darf ich ja mit dem Lauf Burgenland Extrem eine lange flache Strecke und mit der Brocken-Challenge noch eine mittellange Strecke mit viel Arbeit für die Waderln bewältigen, bevor es nach Gran Canaria geht.

Für mich ging es mehr darum, früh im Jahr schon aktiv zu sein, den Makel, beim KoBoLT mal wieder nur an die Arbeit und nicht an das Finish gedacht zu haben, auszumerzen und auch, den schönen Teil des Laufs, die letzten 25 Kilometer vor Bonn, zu genießen. Da liegt die Löwenburg zur Besichtigung herum, da lockt der Drachenfels, das süße Ausflugslokal „Milchhäuschen„, der Petersberg und viel Trail im Wald.
Außerdem wollte ich mich bei Andreas für den gemeinsamen Lauf auf dem Hermannsweg im letzten Jahr revanchieren.

Es gab nur einen einzigen möglichen Termin, also mussten es der Samstag und Sonntag am vergangenen Wochenende sein. Starten wollten wir auch auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz-Urbar, aber etwas früher als beim echten Lauf, dem KoBoLT auf gleicher Strecke und enden wollten wir ebenfalls in Bonn-Beuel an dem Sportstudio, das auch der Dusch- und Schlafplatz im November ist.

Schwieriger war aber, eine Lösung für die Verpflegung zu finden.
Ganz ohne Support geht nicht, weil der Weg außer in Linz meist oberhalb der Örtchen verläuft. Ein Nachmittagsspaziergang mit Kaffee und Kuchen aber sollte es auch nicht werden. Gabi bot sich gleich an, hier helfend zur Seite zu stehen.
Ich werde wohl nie begreifen, was Menschen treibt, ihre Partner an solch einem Wochenende als Supporter zu begleiten, wo es doch so schön sein könnte zu Hause.
Der Mann aus dem Haus, niemand der stört und um Aufmerksamkeit bettelt, eine Freundin eingeladen und ein paar Flöten Sekt geschlürft, ein paar Kannen Kaffee geleert und dabei redet frau sich den ganzen Frust mit den „haarigen Biestern“ von der Seele.
Aber nein, es muss der Support sein, die Kälte der Nacht, das Suchen geeigneter Stellen am Trail, das Bemitleiden der schon direkt nach dem Start kurz vor der Erschöpfung stehenden Läufer und all das, ohne dafür ausreichend gewürdigt zu werden.
Ich würde mich für die Lösung mit der Freundin am heimischen Kamin entscheiden!Rheinsteig-Lauf

Der erste VP war also auch in Rengsdorf geplant. Und dort lernten wir, dass es Rheinsteig-Bewohner gibt, deren bürokratische Korrektheit es verhindert, dass ein VP direkt an der Strecke liegt. Es dürfen ein paar Hundert Meter weit weg sein, hinter bestimmten Markierungen. Das ist natürlich überaus verständlich. Denn wenn alle Lauftrupps, die den Rheinsteig durch die Nacht von Koblenz nach Bonn ablaufen wollen, dort ihre Verpflegungspunkte einrichten würden, dann wäre wohl für diesen engagierten Herren jeder Abend verdorben, weil Dutzende von Läufern sich schmatzend um das Auto mit der Versorgung tummeln würden, weil oft der unangenehme Blick auf verschwitzte Oberkörper geboten würde, wenn die Läufer sich ein neues Shirt anziehen wollen. Und überhaupt, es sind ja auch Kinder im Haus, in welcher Welt sollen die denn leben?

Der zweite VP folgte nur 15 Kilometer später. Eigentlich hatte sich mein Sohn Pascal angeboten, gegen 22 Uhr einen VP zu machen, aber weil wir langsamer waren als geplant hat das alles nicht gepasst. Also zogen wir den zweiten VP deutlich vor, verzichteten dafür auf einen Support in der Nacht.
Die verrauchte Disko in Linz, in der es neben den bewundernden Fragen etlicher deutlich angetrunkener Gäste auch ganz passablen Flammkuchen gab, profitierte davon. Aber wir hatten in der Nacht schon lange Hunger, spätestens „auf dem Rheinsteig nachts um halb eins“ begann das Knurren in der Magengegend. Und als wir dann endlich um 3 Uhr in Linz waren, mussten wir froh sein, überhaupt noch etwas Warmes zu bekommen.
Und dass wir hier auf die Gnade der Chefin angewiesen waren, die sich im Alkoholpegel ihren Gästen angenähert hatte, sagte sie uns überdeutlich. Schuld daran war vor allem Andreas, weil er den vegetarischen Flammkuchen abgelehnt hatte, weil der ja nicht vegan sei. Damit hat er die Dame geistig deutlich überfordert und als sie das bemerkte, wurde sie schnippisch. Die Unterschiede zwischen „kleinem Feigling“ und einem „Willi“ hätte sie uns wohl erklären können, aber warum Veganer keinen vegetarischen Flammkuchen essen können, der mit viel Käse bestreut ist, das gehört nicht zur Allgemeinbildung, zumindest nicht in Linz am Rhein.

Der nächste VP am frühen Morgen wurde dann zum Problem. Im ersten Örtchen, in dem Gabi aufgebaut hatte, kamen wir gar nicht vorbei, es wurde einfach umlaufen. 700 Meter weit hätten wir den Rheinsteig verlassen, vielleicht noch 200 Meter im Ort gesucht und dann das ganze zurück? Nein, war unsere einhellige Meinung, wir warten auf das nächste Örtchen.
Dort aber war der Rheinsteig 2.400 Meter vom Ort entfernt und der Rheinsteig war weit oben, der Ort ganz unten im Tal. Ganz unten hingen auch unsere Mägen, also entschieden wir, an dieser Stelle den Rheinsteig zu verlassen, um dann nach dem Frühstück solange im Tal zu laufen, bis wir wieder einen Einstieg zum Rheinsteig finden würden.

Und dann war da noch der VP oben auf dem Petersberg, der letzte VP für das späte zweite Frühstück.
Zusammen also vier Mal Auto mit besorgter Gabi und ein Mal verrauchte Disko mit schnippischer Chefin, wir hätten es schlechter treffen können.Rheinsteig-Lauf (2)

Um nicht ganz „alleine zu zweit“ zu sein, fragte ich die Koblenzerin Jessica Junker, ob sie nicht ein paar Stunden mit uns laufen wolle. Und sie wiederum brachte mit Antje Überholz und Thomas noch zwei Kleinetappenläufer mit, die dort ausstiegen, wo die Läufer beim KoBoLT das erste Pflichtfoto machen müssen.
Und zwei Tage vor dem Lauf bot sich auch noch der WiBoLT-erfahrene Frank Nicklisch an, unsere Moral zu stärken und einen Teil der Strecke mit uns zu laufen.
Jessica und Frank beendeten ihren Lauf beim VP2 und Gabi fuhr die beiden dann in nahe liegende Neuwied zurück.

Andreas bastelte noch für diesen Lauf ein eigenes Logo-Bildchen und über Facebook streuten wir die Information, dass wir nun für viele Stunden nicht erreichbar sein werden. Spätestens jetzt war eine Miniveranstaltung auf dem Rheinsteig aus dem Projekt geworden.
Was also als eine Wiederholung des zweisamen Laufs auf dem Hermannsweg geplant war, wuchs zu einem Gruppenlauf heran, in dem sich zwei Veganer, zwei Teilzeit-Veganer und zwei Carnivoren vor allem über das Essen unterhielten.
Ich war mal wieder beeindruckt, was doch manche Menschen in kürzester Zeit lernen können. Jessica, die  erst vor 6 Monaten auf eine vegane Ernährung umgestellt hatte, erzählte von Keimen und Chia-Samen, von selbst gezogenem Gemüse, weil ihr Mann da den „grünen Daumen“ beweisen kann, wir redeten über Quinoa, Bulgur und über all das, was Vegetarier und Veganer so bewegt.

Ach ja, gelaufen sind wir natürlich auch noch.
Aber wie das war, das erzähle ich ganz bald in der nächsten Geschichte …Reeperbahn

Ein wenig kürzer auf dem Hermannsweg …

In Rheine starten und dann über Hörstel-Bevergen, einem wirklich zauberhaften Dorf, das schon mal „Bundesdorf“ der Ausschreibung „Unser Dorf soll schöner werden“ wurde, weiter durch die Fachwerkstatt Tecklenburg mit ihrem faszinierenden Stadtzentrum, dann nach Bad Iburg, nach Borgholzhausen und Bielefeld laufen. So war der Plan und so wurde es gemacht.
Für die Realisierung des weiteren Plans, dann über Oerlinghausen und Lage bis nach Horn-Bad Meinberg zu laufen, fehlte mir aber das notwendige Zeitfenster und die entsprechende Motivation.Hermannsweg Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ich Andreas Haverkamp wenigstens auf einer Strecke begleiten durfte, die bei einem Anbieter von Wanderveranstaltungen immerhin 6 Tage beansprucht. Wir hatten das in rund 22 Stunden ablaufen können.
Für den Rest der Strecke, also von Bielefeld bis nach Horn-Bad Meinberg, veranschlagen die Oberwanderer dann weitere zwei Tage. Es geht also auch gemütlich zu auf diesem Wanderweg. Gemütlich, aber auch teuer.
So nimmt dieser Veranstalter mindestens 529 EUR und wenn man nur zu zweit reist und in Doppelzimmern schläft, dann sind es immerhin 617 EUR für diese 8 Tage – pro Person, versteht sich. Es rechnet sich also, Läufer zu sein.

Überhaupt war alles ein wenig kürzer auf diesem Lauf „Hermannsweg komplett nonstop“. Es begann mit der TomTom Laufuhr. Ich hatte ja geschrieben, dass ich die TomTom dort zum ersten Mal auf einer längeren Strecke ausprobieren will. Dank des Hinweises von Laufhannes habe ich schon vorher in der Uhr nachgesehen, wie es sich denn mit so etwas Nützlichem wie einer Höhenmetermessung verhält. Er hatte da nichts gefunden, ich leider auch nicht. Für die Berge, dachte ich dann, ist diese Uhr dann wohl eher „suboptimal“.

Aber sie hat einen enormen Vorteil. Sie zwingt Dich, zügig zu laufen. Den City-Marathon solltest Du nicht allzu lasch angehen und manche von uns in der lieben großen Ultraläufer-Familie würden auch noch die 50K von Rodgau damit bewältigen können, aber auch die müssten dann schon ein wenig Druck auf das Tempo machen.
Ich hatte die TomTom Uhr vor dem Start voll geladen und ich wusste, dass sie ohne GPS und nur mit der Nutzung als Handgelenksuhr durchaus mehr als eine Woche lang funktioniert. Wenn sie aber das tut, wofür sie erschaffen wurde, dann verlässt sie Dich schon nach gut 4 1/2 Stunden. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig enttäuscht war.
Gleichzeitig aber war ich aber auch froh, weil ich nach der Frage von Laufhannes doch etwas skeptisch wurde und deshalb sicherheitshalber doch meine Garmin 310 XT an den anderen Arm geschnallt hatte. Die hält knapp 20 Stunden lang und das ließe sich noch etwas ausdehnen, wenn ich ein paar Erinnerungsfunktionen ausschalten würde.
Das ist auch nicht allzu viel, aber für einen City-Marathon reicht es allemal.

Wenn ich mir vorstelle, wie das war, als ich mit dem Laufen angefangen habe! Die erste Laufuhr war eine einfache Polar-Uhr. Die konnte kaum mehr als den Puls und die Geschwindigkeit messen, kostete aber 129 EUR. Eine unvorstellbar hohe Summe für etwas Plastik, dachte ich damals. Erst danach lernte ich mühsam, wie teuer Laufuhren sein können und wie viele davon ich in den wenigen Laufjahren noch kaufen würde.
Diese Anfängeruhr fristet seit Jahren ihr Dasein am Handgelenk meiner Mutter, die damit ihr „Nordic Walking“ Programm absolviert. Gute Lösung.
Dann kam die Polar 610 mit Fliehkraftmessung. Ein wirklich edles Teil, das mein Sohn seit etwa sechs Jahren verwendet. Diese Uhr war wirklich schon richtig gut, alleine der Makel mit der nicht so genauen Fliehkraftmessung ärgerte mich oft.
Und dann, als ich meinem Sohn etwas Gutes tun wollte – und mir auch – holte ich mir die Garmin 305 mit GPS, sehr exakt und so wunderschön. Mit ihr wurde mein Tempo bei den Mehrstundenläufen ruhiger und konstanter, die Ergebnisse wurden besser. Ihr erster Makel war die Akku-Laufzeit, obwohl ich die beiden Läufe in Biel damit noch problemlos bewältigen konnte. 10 – 12 Stunden hält der Akku, hieß es damals. Und ich dachte:
Wer braucht schon mehr als das?
Insgesamt hatte ich drei dieser Garmin 305 Uhren und keine funktioniert mehr, die Feuchtigkeit hat alle dahingerafft, das war ihr zweiter Makel.

Und dann, wenn Du merkst, dass 12 Stunden noch eher als Kurzstrecke durchgehen, wenn die Laufzeiten länger werden, dann suchst Du weiter. Die Garmin 310 XT zum Beispiel. 18 – 22 Stunden, offiziell, immerhin. Und das kombiniert mit einem aufladbaren Akku bedeutet, dass ich sogar die etwas längere Strecke des Thames Ring Race komplett mit der Garmin abbilden konnte, immerhin 94 Stunden und 44 Minuten lang. Auch hier habe ich mittlerweile meine zweite Uhr davon und auch hier hat die Feuchtigkeit des Himalaya der ersten Uhr den Todesstoß versetzt. Triathlon damit? Ja! Aber Regen? Wohl eher nicht.
Und die TomTom Uhr? Sie ist etwas ganz Besonderes. Sie ist schön am Handgelenk anzusehen, zweifellos. Und sie ist gemacht für die Millionen von Läufern, die zwei Mal die Woche 30 bis 60 Minuten lang ihre Hausstrecke abtraben, um dann einmal, vielleicht zwei Mal im Jahr sich an einen Marathon zu wagen, immer mit Blick auf die ominöse 4-Stunden-Marke. Für die ist das wirklich eine nette Alternative, für uns „harte Mädels“ und „harte Jungs“ ist die TomTom aber sicher nicht mehr als ein netter Anblick.
Die rund 1.500 Kilometer des „Millenium Quest“ Wettbewerbs jedenfalls würden sich mit dieser Uhr auch in der Kombination mit etlichen Notfall-Akkus wohl nicht abbilden lassen.
Fazit: Tom wird wohl in der Zukunft wieder ohne TomTom auskommen müssen.

Rheine

Aber ich wollte ja vom Hermannsweg erzählen und bin etwas abgeschweift.  Also den Faden wieder aufnehmen …
Andreas Haverkamp hat sich im Vorjahr schon daran versucht, gemeinsam unter anderem mit Sascha Horn. Der hat die gesamte Strecke gepackt, für Andreas aber blieb eine offene Wunde und der „Hermannsweg komplett nonstop“ als nonstop Lauf ein Ziel, die Motivation schlechthin. Ich bin froh, dass er das nun hinter sich hat. Für mich aber war dieser Weg nicht mehr als ein weiterer deutscher Fernwanderweg, ganz nett, vor allem die Städtchen, die man durchläuft, aber eben kein großes Ziel.

Nach dem Einstieg in die Strecke über die Straße „Hermannsweg“ in Rheine ging es noch im Dunklen flach voran. Wir hatten geplant, um 6 Uhr zu starten, ich hatte auf 5 Uhr gehofft, aber auch einen vorgezogenen Start um 22 Uhr am Vortag vorgeschlagen, aber es war dann 7.20 Uhr, bis wir wirklich auf der Strecke waren.
Und gleich verliefen wir uns einige Male.
Es dauerte einige Stunden, bis wir in einen vernünftigen Laufrhythmus kamen, aber dann klappte auch das Wege finden recht gut. Aber ich ärgerte mich doch die ganze Zeit über mich selbst, weil ich mich entschieden hatte, den Garmin Oregon mit dem Track des Hermannsweges zu Hause zu lassen, ein törichter Fehler, wie wir mindestens an zwei Stellen am Abend feststellen mussten. Wozu habe ich denn so ein tolles Teil, wenn ich es dann doch nicht bei mir trage?
Die ersten Kilometer sind ja im Wesentlichen flach, wenig aufregend und unspektakulär. Es ging über Feldwege, teilweise auch über nennenswerte, aber eher unschöne Straßenpassagen, oft jedoch über wunderschöne Waldwege, die angesichts des hervorragenden Wetters und des verfärbten Herbstlaubs, das sich schon heftige Gefechte mit der Gravitation lieferte, eine ganz neue Dimension des Laufens zeigten.

Wir versorgten uns im Wesentlichen über Verpflegungspunkte, die Andreas im Vorfeld angelegt hatte. Getränke und etwas Nahrung, die immer in schwarzen Müllbeuteln neben der Strecke deponiert waren, selbstverständlich alles vegan und gesund. Aber dennoch fehlte mir da etwas.
Schon in Tecklenburg hätte ich gerne eine Bar besucht, in Bad Iburg dann kam ich aber nicht an einem EDEKA-Laden vorbei.  Ich musste etwas eiskalte Cola haben, eine große Dose Energy-Drink, ein paar Cashew-Nüsse und ein Mandelhörnchen. So viel Sünde darf einfach sein, finde ich.
Und dann saßen wir auf dem Parkplatz in der Sonne, genossen diese kleinen Sünden und ich erinnerte mich an den Lauf im Herbst 2009 mit Susanne Alexi und dem Ultrayogi Jörg Schranz auf dem „schrägen O.“ rund um Oberhausen und dabei an die Pausen vor den Einkaufsgeschäften, wo wir uns auch etwas kauften und das im Sonnenschein tranken und aßen. Wie schön ist so ein Trainingslauf, wenn es nicht ausschließlich um Zeiten und Tempo geht, wenn man solche Situationen nutzen kann und einfach das Leben genießt!
In solchen Momenten schicke ich gerne ein Stoßgebet nach oben und bedanke mich dafür, ein Läufer zu sein, ein Läufer über längere Distanzen, bei denen genug Zeit bleibt für solche Erfrischungen.

Der Hermannsweg ist meistens ein Kammweg über die Höhen des Teutoburger Waldes. Du siehst also rechts und links ins Tal hinab. Die Höhen sind nicht allzu hoch, aber in der Summe des Weges kommen dann doch fast 4.000 positive Höhenmeter zusammen. Die Ausschilderung war wahrscheinlich mal fantastisch, als Hermann der Cherusker dort gelaufen ist. Im Laufe der folgenden 2.000 Jahre aber ist die eine oder andere Markierung aber abgefallen. Anders formuliert: selten habe ich mich so oft verlaufen wie auf dem Hermannsweg. Das hat schon unsere Mütchen gekühlt und hat mir immer wieder mein Hauptproblem des Laufs in Erinnerung gebracht.

Mein Hauptproblem während des gesamten Laufs aber war die etwas kürzer bemessene Zeit, die mir zur Verfügung stand. Ich musste am Samstag spätestens um 6 Uhr in der Grafschaft wieder losfahren, um dann noch vor 9 Uhr, vor der Ladenöffnung des Würzburger Neubert-Möbelhauses, im Laden zu sein. Wenn wir also am Freitag zu lange brauchen würden, dann hätte ich kaum mehr Möglichkeiten, ordentlich zu schlafen. Die Fahrt von Horn-Bad Meinberg nach Bielefeld, dann müsste ich noch drei Stunden nach Hause fahren, schlafen, duschen, all das schien mir nach zwei nächtlichen Verlaufern, die uns jeweils mindestens eine Stunde gekostet hatten, schwer machbar zu sein. Der verspätete Start und die vielen zeitraubenden Verlaufer verschärften dann noch mein Problem.
Aus diesem Grund stoppte ich die Begleitung von Andreas in Bielefeld auf der Habichtshöhe, ich duschte, aß und schlief dann bei ihm in der Wohnung, um ihn anschließend im Ziel abzuholen und nach Bielefeld zurück zu bringen. Es war eine gute Entscheidung, eine gute Lösung für uns beide.
Andreas konnte sein großes Ziel, das ihn ein Jahr lang beschäftigt hatte, erreichen, ich kam zu einem langen Lauf durch die Nacht, ohne meine Arbeit zu gefährden, alles war perfekt.Bismarckhöhe

Dass ich in Bielefeld noch einige Zeit mit Andreas Freundin Cordula über Ehe und Familie, über Verwandtschaft und Ernährung und über Gott und die Welt reden konnte, rundete den Freitag sogar noch ab. Ich hatte während des Laufs mit Andreas über die gleichen Themen geredet, aber oft andere Antworten erhalten. Vielleicht konnte ich hier und da meinen Anteil dazu beitragen, dass sich in der Zukunft manche dieser Antworten gleichen werden?

Es bleibt die Frage, ob ich das Ganze noch einmal wiederholen würde. Ich glaube nicht, dass ich diesen Weg erneut angehen würde, aber mit Andreas Haverkamp würde ich so einen ausgedehnten Trainingslauf sicher erneut wagen, dann aber vielleicht über den Westfalenweg?

Hermann, Hermann und Hermann

„An einem Sommermorgen, da nimm den Wanderstab. Es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab.“Theodor Fontane

:
PlanungWenn wir längere Läufe planen, dann nehmen wir uns dafür viel Zeit, ganz viel Zeit. Da wird langfristig geplant, oft Monate, manchmal Jahre im Voraus. Geplant wird die Anreise mit dem Flugzeug, mit dem Auto, mit dem Fahrrad, da werden die entstehenden Kosten kalkuliert, Übernachtungsmöglichkeiten werden ergoogelt und gebucht, man sieht sich im Detail die Strecke an, bemüht unter Umständen sogar Google Earth, um sich die Strecke, die gelaufen werden soll, wirklich bildlich vorstellen zu können man fragt im Freundeskreis herum, ob auch einige der Lauffreunde bei diesem oder jenem Lauf dabei sind.
Man sucht das Internet kreuz und quer nach Berichten und Fotos ab, hofft, Hinweise zu finden, die einem den einen oder anderen Fehler ersparen helfen. Man macht sich erste und letzte Gedanken über das Material, das man für solch einen langen Lauf braucht, ob in der Wüste, im Eis, auf dem Berg oder im Moor.
Dabei gilt: je länger eine Strecke ist, desto langfristiger und detaillierter ist die Vorplanung.

Ich aber liebe auch diese Art Läufe:
Zum Beispiel, wenn „der Hexer“ Michael Frenz über Facebook anfragt, ob denn jemand spontan Lust hätte, von Detmold nach Paderborn zu laufen. Einfach so, mitten in der Woche. Viel Regen war bestellt, die Temperatur war herunter geregelt, die Bahnstrecke für den Rückweg von Paderborn nach Detmold war nicht intakt, beste Voraussetzungen also für uns.
Der Lauf aber war, abgesehen davon, dass er eben sehr nass war, vor allem am Ende, sehr nett. Ich hatte leider eine falsche Entscheidung bezüglich der Schuhe getroffen und habe auf die HOKAs verzichtet, ein Fehler, der mir schon ab Kilometer 20 klar gemacht hat, dass ich mich in diese klobigen Dinger wohl verliebt haben muss. Aber Michael war nachsichtig mit mir und hat geduldet, dass ich noch ein wenig langsamer war wie geplant.

HOder ein anderes Beispiel: wenn Andreas Haferkamp, alias „Hermann, der Einladende“, mich, in diesem Fall alias „Hermann, der Eingeladene“, zum Hermann einlädt.
So sollen die rund 156 Kilometer auf dem legendären Herrmannsweg am 24.-25. Oktober nonstop bewältigt werden, idealerweise in 36 Stunden, gerne aber auch zeitlich etwas ausgedehnter.
Für all diejenigen, die genausowenig wie ich wussten, dass der jährliche Hermannsweg-Lauf nur einen sehr kleinen Teil des Herrmannsweges darstellt, eben nur knapp 32 dieser rund 156 Kilometer, sei gesagt, dass der Hermannsweg einer der bekanntesten Wanderwege Deutschlands ist und als Kammweg des Teutoburger Waldes von Rheine bis hinauf auf den Lippischen Velmerstot verläuft.

Entlang dieses 156 km langen Weges findet man viele Sehenswürdigkeiten, wie das „Hockende Weib“ der Dörenther Klippen, Deutschlands größtes Freilicht-Musiktheater in Tecklenburg, das Schloss Iburg mit seinem barocken Rittersaal, die Sparrenburg in Bielefeld und natürlich das Hermannsdenkmal in Detmold. Aha, denke ich, da war ich doch mit Michael Frenz gerade erst?

Historisch soll dieser Weg an die Varusschlacht erinnern, in welcher Hermann der Cherusker als Anführer der Germanen vor 2000 Jahren eine entscheidende Schlacht gegen die Römer gewann. Hermann der Cherusker, der in Rom als Mündel angenommen, von den Römern als Soldat ausgebildet und in Kroatien die Kampfkunst der Römer real studieren konnte, wurde von Martin Luther so genannt, die Römer aber nannten ihn Arminius. Gut, dass Luther ihn da anders genannt hat, ich würde ja nicht so gerne als „Arminius, der Eingeladene“ mit „Arminius, dem Einladenden“ auf dem Arminiusweg unter anderem zum Arminiusdenkmal gehen.
Gut auch, dass wir nicht Hermanns Lebensweg von Germanien über Rom nach Kroatien und zurück nach Germanien laufen müssen, da würden zwei Tage innerhalb einer Woche wohl nicht reichen. Außerdem wäre es sehr schwer, vorab alle etwa 30 Kilometer ein Depot an Getränken und Nahrung anzulegen.
VarusschlachtWelche Läufe tummeln sich dort alle auf dem Hermannsweg!
Der bekannteste ist wohl der kurze Hermannsweg-Lauf, den ich schon wegen der fehlenden Länge seit Jahren nicht mehr gelaufen bin. Im nächsten Jahr wird es dort den „Double H – Hermannsweg extrem“ über 63 Kilometer geben, auch eingeladen und organisiert von Andreas Haferkamp, aber unzählige Laufkollegen sind den ganzen Hermannsweg schon komplett gelaufen, teilweise nonstop, oft aber auch als Etappenlauf.

Rekorde brechen wollen Andreas Haferkamp, alias „Hermann, der Einladende“, und ich, alias „Hermann, der Eingeladene“, beide nicht. Ich würde es bei meinem schlechten Trainingszustand auch gar nicht erst versuchen wollen. Nach dem UTMB Ende August habe ich mir ja einen Monat der Regeneration verschrieben und ich wollte dann, so war der Plan, im Oktober bis Mitte November die Trainingsumfänge wieder so weit steigern, dass ich die 141 Kilometer des KoBoLT von Michael Eßer und Andreas Spiekermann am 23.-24. November einigermaßen bewältigen kann.
Diese spontanen 156 Kilometer auf dem Hermannsweg kommen also eher zur Unzeit, einen Monat zu früh – und damit genau richtig.

Wie ich oben schon geschrieben habe, ich liebe ja diese Art Läufe, die Läufe, die in etwa so vereinbart werden wie manche einen Kneipenbesuch unter Freunden vereinbaren.
„Hast Du in zwei Wochen schon etwas vor? Wollen wir dann in die Kneipe um die Ecke gehen, etwas trinken und dabei Fußball auf Sky ansehen?“
Bei uns entfallen halt die Kneipe, das Bier und natürlich auch der Fußball. Dafür kommen bei uns halt viel mehr Kilometer zusammen als beim Kneipenbesuch.

Sport ansehen ist zwar schön, den Trainingszustand verbessern tut Sport aber nur, wenn Du ihn auch machst.
Es ist da wie so oft im Leben bei den Dingen, die wirklich schön sind, wie beim Essen beispielsweise: Zusehen alleine macht nicht satt, reicht nicht aus.

Und so laufen wir auf dem Hermannsweg und denken an Hermann, den Cherusker, an den, der „Germanien“ ein Stück weit befreit hat.
Auch, um uns von den Alltagssorgen zu befreien.
Und auch, weil ich solche spontanen Läufe so sehr liebe.
Herrmannshöhen