Der Eiswein, die stade Zeit, der Weihnachtsmarkt und der Glühwein

Jedes Jahr, wenn der Eiswein gelesen wird, dann ist es schon kalt. Der Spätherbst hat eingesetzt, mit Nachtfrost und mit kurzen Tagen. Es ist die ruhige, oder wie sie die Bayern nennen, „stade Zeit“, die Zeit der Besinnung und der Vorbereitung auf die bevorstehenden Weihnachtstage.
Es ist die Zeit der abendlichen Weihnachtsmärkte, der heißen gebrannten Mandeln, der klebrigen Zuckerwatte und des massenweise Konsums von Glühwein. Familien und Freunde gehen gemeinsam aus und Einzelne nutzen die Gelegenheit, die letzten Geschenke für den Heiligen Abend zu erstehen.
All das passiert auch auf dem ganz besonders schönen und edlen Weihnachtsmarkt in Baden-Baden. Nur eine weitere Besonderheit gibt es dann auch noch dort:

Am dritten Advent laufen dort Dutzende von redseligen, müden und erschöpften Läufern ein, von denen die meisten schon 65 Kilometer und 1.800 Höhenmeter in den Beinen haben. In Offenburg gestartet, als Gruppe über Stunden durch den kalten Regen des Samstags gelaufen, geredet und gescherzt, ist der abschließende Einlauf auf den Baden-Badener Weihnachtsmarkt für viele der Abschluss eines mehr oder weniger aufregenden und anstrengenden Laufjahres und das Umschalten auf den „Weihnachtsmodus“, in dem alles ruhiger vonstatten geht, familiärer und harmonischer.

Traditionell um 8 Uhr in der Frühe startet die Truppe des von Brigitte und R(ud)olf Mahlburg organisierten und geführten Gruppenlaufs vom Offenburger Hauptbahnhof aus. Viele der Läufer haben zuvor in der Tullahalle in Brühl übernachtet, dort, wo dann einen Tag später auch die Abschluss-Veranstaltung mit einem gemeinsamen Abendessen und natürlich auch badischem Eiswein stattfindet. Dort hat man sich nach einem Jahr wieder gesehen, erneut begrüßt, die jeweilige Laufagenda gegenseitig abgefragt und über das kommende Laufjahr philosophiert. Man hat gemeinsam gelacht und ist gemeinsam früh schlafen gegangen, um früh wieder fit zu sein für die Morgentoilette, das zeitige Frühstück und die Fahrt nach Offenburg durch das Ende der Nacht.

Ein Vertreter der Stadt Offenburg hält eine kleine Rede und wünscht den Läufern Glück und Erfolg, die Drop-Bag Taschen werden eingesammelt, die dann an jedem Verpflegungspunkt aufwändig wieder ausgebreitet werden, damit jeder Läufer nahezu jederzeit an seine persönlichen Gegenstände heran kommt. Ein Gruppenfoto, ein paar nette Worte von Rolf Mahlburg über den Sinn und Zweck des Laufs, über die karitative Wirkung des Laufs und über die beiden Hilfsorganisationen, die in diesem Jahr den Erlös des Laufs erhalten. Die Aktion ABC (Aktion Benni & Co.) ist traditionell immer dabei – und das ist gut so.

Für mich sind Gruppenläufe immer die einmalige Gelegenheit, alte Kontakte zu vertiefen und neue Kontakte zu knüpfen. Gerade der Eisweinlauf ist dabei fast schon ein Familientreffen, wie ich es 2009 einmal hier an dieser Stelle beschrieben habe (Link zum damaligen Artikel hier …).
Auch 2013 versprach die Teilnehmerliste interessante Gespräche und liebevolle Umarmungen. Besonders gefreut habe ich mich dabei auf die erste Teilnahme des großartigen Ultraläufers Rainer Wachsmann aus Münster, mit dem ich über die wenigen Monate gemeinsamer Arbeit im Jahr 1996, über die gemeinsamen Freunde außerhalb der Läuferwelt und natürlich auch über unser langjähriges gutes Verhältnis reden konnte.
Ihn hatte ich zuletzt auf der legendären Treppe in Radebeul gesehen, das war aber nicht bei meinem erfolgreichen Finish in 2013, sondern deutlich früher. Manche Läufer sieht man eben eher selten im echten Leben, dafür umso häufiger auf den Teilnehmerlisten diverser Ultramarathon-Veranstaltungen auf diesem kleinen Planeten.

2013 hat erstmals Rolf Mahlburg auf seinen Start und die Führung der Truppe verzichtet, um sich mal „backstage“ auch um die Verplegungspunkte und die allgemeine Logistik zu kümmern. Brigitte Mahlburg hat stattdessen die Frontfrau gegeben und sie hat diese Aufgabe mit Bravour erledigt. Es war nicht nur so, dass wir Rolf nicht vermissten, sie brachte einen Zug in die recht homogene Läuferschar, der zu einem pünktlichen Erscheinen der weit über 100 Menschen auf dem wohlig warmen Baden-Badener Weihnachtsmarkt geführt hat.
Und wenn diese über 100 Menschen, meist mit Kopflicht bewaffnet und mit einer Sicherheitsweste bekleidet, als Gruppe dort einlaufen und ihren Weg durch die meist wohlhabenden Baden-Badener Weihnachtsmarktbesucher bahnen, wenn dann der Bürgermeister der Stadt diese Läufer in einer kleinen Rede lobt und die Weihnachtsmarktbesucher sich ob der übermenschlichen Leistung dieser Läufer, die gesamte Strecke von Offenburg bis nach Baden-Baden zu Fuß bewältigt zu haben, gewissermaßen bekreuzigen, klatschen und später immer wieder nach den Details des Laufs fragen, dann ist das schon ein Top-Termin, das so auch als Top-Termin im Führer zum Baden-Badener Weihnachtsmarkt explizit eingedruckt ist.Top-TerminFür die Läufer gibt es dort entweder heißen „alkoholfreien Glühwein“ oder eben die alkoholhaltige Version davon, einen leckeren Weckmann und viel Zuspruch. Zudem weiß jeder der Läufer, an diesem Tag nicht nur etwas für sich und seine Muskeln getan zu haben, sondern auch angesichts von zwei symbolischen Schecks von insgesamt 10.000 EUR für die beiden ausgewählten Hilfsorganisationen, etwas für kranke Muskeln, für kranke Menschen getan zu haben, für Menschen, deren größtes Glück es wäre, gesund und lange solche Läufe machen zu können.
Für mich gab es noch etwas Anderes: der großartige Klaus Duwe stand dort, mit seiner Kamera bewaffnet. Und er gönnte mir ein eigenes Foto, bestimmt werde ich es irgendwann auch zu sehen bekommen …

Auch einige der anderen Läufer ließen mein kleines Herz tanzen. Da war beispielsweise wieder Andreas Siebert dabei, erstmals auch der „Italiener“ Luigi Albergo, da war mein Laufpartner aus der marokkanischen Wüste, Tilmann Markert, dabei und so viele Andere, die ich nicht alle erwähnen kann. Obwohl auch die es Wert wären, genannt zu werden. Alles aber geht halt nicht.

Der Eisweinlauf selbst ist mit seinen 5 hervorragend ausgestatteten Verpflegungsstellen in Durbach Schloß Staufenberg, Tiergarten Fatima Kapelle, Sasbachwalden, Burg Windeck, Neuweier Kirche schon etwas ganz Besonderes. Da gibt es alles zu essen und zu trinken, was das Läuferherz begehrt. Ob Schokolade oder Gewürzgurke, ob vegetarische Bouillon oder Fleischbällchen, ob Käse oder Schaumküsse, es ist einfach alles da. Und ob Du mit oder ohne Alkohol trinkst, Du kommst bei Glühwein, Bier, Wasser, Cola und Tee auf jeden Fall auf Deine Kosten.
Und immer wieder wird der lange Stand neu vom Team auf- und wieder abgebaut, die Drop-Bags werden für den Zugriff der Läufer verteilt und all das erledigt ein kleines Team emsiger Helfer, denen eigentlich der Dank der Läufer und der Weihnachtsmarkt-Besucher gehören müsste.

Die Strecke des Eisweinlaufs führt rauf und runter über die Höhen des Schwarzwaldes und in die Täler des Rheingrabens. Dabei werden Orte durchquert wie Oberkirch oder Sasbachwalden. Und immer, wenn es auch nur annähernd gefährlich werden könnte, steht ein Auto des Veranstalters quer, damit die Läufer gepudert und gepampert sicher und weich ihren Weg nehmen können.
In Baden-Baden dann wird die große Läuferschar dann von einer Polizei-Eskorte durch die nächtliche Stadt bis zum Kurgarten geführt, vorbei an mondänen Villen und prachtvollen Klinken, vorbei an einem großen Gebäude des SWR und hinunter in eben jenen Kurgarten. Und kurz davor stoßen sogar noch einige Walker dazu, die die Strecke im Gänze oder in Teilen mit Stöcken begangen haben. Dann ist die Gruppe riesig, die Aufregung spürbar und der Hunger der Läufer groß.

Der Eisweinlauf ist für mich der Lauf, den ich am häufigsten bislang von allen Läufen wiederholt habe und der, den ich wahrscheinlich immer wieder wiederholen werde, bis zum Ende meiner Läufertage. Und so trägt mich das Bild vom nächtlichen Abstieg in Baden-Baden und vom glitzernden Weihnachtsmarkt wieder ein ganzes Jahr lang und ich freue mich jedes Jahr aufs Neue vor, bis die „stade Zeit“ wieder anbricht, der Nachtfrost kommt, der Eiswein gelesen und der Eisweinlauf gelaufen wird.

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Sag ganz leise Servus!

Heute sind wir zum Start des CCC gefahren und ich war wild entschlossen, dort viel Spaß zu haben. Aber über den Start des CCC in Courmayeur zu schreiben, geht nicht, ohne auch den TdG zu erwähnen.
11 Kilometer lang ist der Tunnel durch den Mont Blanc, 11 Kilometer, deren Langweiligkeit die Eindrücke, die danach kamen, noch verstärkten. Als uns dann nach 10 immer gleichen Kilometern der Berg wieder ausgespuckt hat, war sofort alles wieder präsent.
Wir waren in Italien, wir waren im Aostatal. Die Berge standen wuchtig und majestätisch rechts und links und die Stadt Courmayeur liegt darin an einer besonders engen Stelle.
Ein wenig rechts den Berg hoch liegt das „Refugio Monte Bianco“, wo Eric Tuerlings, Uwe Herrmann, Thomas Ehmke und ich einige Nächte verbrachten.
Ich sah uns vier dort wieder die schmale alte Straße hinauf fahren und die Stockbetten, in denen wir, Uwe über Thomas und ich über Eric, schliefen tauchten in meinen Erinnerungen auf.

Und ich erinnerte mich an die Flüsse von Tränen, die bei mir geflossen sind, weil ich dort für den TdG nicht genug war.
Auf dem Weg zum Start des CCC passierten wir Kreuzungen, die mir bekannt waren. An der einen sind wir immer zum Supermarkt eingebogen, an der anderen sind wir immer rechts abgebogen. Wir passierten die Restaurants, in denen wir vor dem damaligem Event Pizza oder Nudeln, in einem Fall sogar beides hintereinander, aßen. Carboloading vom Feinsten.
Toll war das und Eric, Uwe und Thomas werden bei mir ein Leben lang mit diesem Event positiv verbunden bleiben. Wenn nur das Ende nicht so dramatisch gewesen wäre, das Ende, das noch immer an meinem Selbstbewusstsein nagt.
So eine Aufgabe tut doch mehr weh, als man denkt.
Der Start des CCC war nicht weit vom Start des TdG entfernt. Er war an der Straßenkurve direkt vor der Fußgängerzone, wo 2011 noch das THE NORTH FACE ULTRA TRAIL DU MONT BLANC Banner hing, das wir euphorisch vor dem TdG fotografierten.
Noch waren 90 Minuten abzuwarten, aber der Platz füllte sich ständig. Auffällig war, dass es wenig Deutsche waren, die dort starteten und die wenigen, die ich entdecken konnte, kannte ich nicht.
Erst als der ewig lächelnde Joe Kelbel kam, erinnerte ich mich wieder daran, dass das ja eigentlich eine Familienveranstaltung war.
Wir drückten uns und redeten über gemeinsame Freunde und über das jeweilige Laufprogramm der nächsten 12 Monate. Joe wird noch ein paar Sätze über den CCC auf Klaus Duwe’s Marathon4you.de verlieren. Ganz sicher steht Joe dabei für einen witzigen und eindrucksvollen Bericht, auf den ich mich jetzt schon freue.

Ansonsten war es ein verregneter Vormittag und den Läufern wurde in drei Sprachen eingeschärft, auf den Gipfeln nicht stehen zu bleiben. Es ist eben viel zu kalt dafür. Zum Glück gibt es bei dieser Wetterlage sowieso nicht viel zu sehen, andernfalls hätte dieser Wunsch der Organisatoren manchem Läufer sehr weh getan. Wie oft steht man schon als „Flachland-Indianer“ auf einem Pass oder einem Berg und kann voller Stolz weit und tief blicken?

Und dann ging es endlich los. Noch nie habe ich so einen Start von vorne gesehen. Irgendwie war ich sonst immer dabei im Läuferkreis – oder eben ganz weg. Ein wirklich imposantes Erlebnis. In drei Wellen , immer im 10-Minuten Rhythmus gestartet, waren die vielen an mir vorbei gezogen.
Und mir blieb nur der Gedanke an diesen Satz: „Sag ganz leise Servus!“

Joe und all ihr anderen. Bleibt gesund und achtet auf jeden Schritt.
Wir brauchen Euch noch!

The North Face UTMB 2012

Nach ein paar glücklichen Tagen im schönen Österreich kam ich nach Hause, sah auf meinen eMail Accout und staunte nicht schlecht.

Da war doch eine Mail von The North Face, immerhin Hauptsponsor des The North Face Ultra Trail du Mont Blanc 2012, in der ich gefragt wurde, ob ich ein wenig über die Vorbereitung ihres Läufers beim UTMB berichten wolle. Und ob ich dann während des UTMB weiter berichten wolle, direkt vor Ort.
Dabei sein in der Kulisse und das Event mal im Ganzen erleben. Grandios, wenn man schon nicht selbst mitlaufen kann. Hinter der Ziellinie stehen, um Fotos der Finisher zu machen, so wie damals Klaus Duwe die Fotos von mir gemacht hat. Menschen kennen lernen, die über unser Hobby berichten und Menschen kennen lernen, die sich für unser Hobby engagieren, die uns einkleiden, ernähren, die all ihr Wissen für uns verwenden, alles, damit wir solche Herausforderungen wie den UTMB meistern können.
Klar wollte ich das.

Aber nur unter bestimmten Bedingungen, selbstverständlich. Aber wer mich kennt, der weiß, dass ich keine Lobhudeleien mag, mich nicht kaufen lasse und nur etwas schreiben will, wenn es interessant für mich ist. Und hier war es für mich besonders interessant, zu erfahren, über wen ich da berichten sollte. Wen, fragte ich mich, soll ich da portraitieren? Mir fielen viele Namen ein, die „üblichen Verdächtigen“ waren darunter und auch ein paar Andere.
Keinesfalls wollte ich über jemanden berichten, der keiner „von uns“ ist.

Es sollte jemand sein, dachte ich mir, der wie wir ein Amateur ist. Professionals gibt es ja einige und viele Printmedien berichten mehr oder weniger gerne von ihnen. Ein Grund für mich, das nicht zu tun.
Es sollte idealerweise jemand sein, dachte ich mir, von dem ich schon vorher etwas weiß. Und wer mich kennt, der weiß auch, dass ich mir über viele Läufer, die mir über den Weg gelaufen sind, vieles merke, vor allem natürlich über die, die ich bei den ganz großen Events kennen lernen durfte.

Es brauchte drei Telefonate, bis wir zur Beantwortung dieser Frage kamen. Drei lange Telefonate an drei langen Tagen – und ich vermute, dass dann meine Fingernägel vor Spannung schon halb abgekaut waren.

In meinem Kopf rotierten immer die gleichen Fragen: Männlein oder Weiblein? Jung oder Alt? Aus meiner direkten Läuferfamilie oder eher nicht?

Und als hätte mich der Läufergott erhört, kam dann die Antwort, die mich dann sofort zur Zusage zu diesem Projekt bewegt hat: „Unser Läufer ist aus Jesenwang,“ sagte Nicole, meine Gesprächspartnerin. Aus Jesenwang? Ein Dörfchen mit nur wenigen Hundert Einwohnern, mutmaßlich nicht gespickt mit Ultraläufern. Das konnte dann also nur Heiko sein, Heiko Bahnmüller, mein Laufpartner vom TransAlpineRun 2008. Was für ein Zufal, was für eine Freudel!

„Kennst Du ihn?“ fragte Nicole überrascht und ich erzählte ihr kurz unsere gemeinsame Geschichte.

Ich habe Heiko durch das Veranstaltungsteam „Plan B“, durch Uta Albrecht, kennengelernt. Den TransAlpineRun zu laufen war damals, Anfang 2008, mein großer Traum gewesen. Einmal quer über die Alpen – zu Fuß, das ist etwas für die ganz Harten, dachte ich damals.
Aber der TAR ist nun mal ein Teamlauf und so ganz ohne Partner ist ein Team ziemlich klein, zu klein. Aus meinem kleinen Bekanntenkreis erhielt ich bestenfalls ein Schulterzucken auf die Frage, ob Interesse bestehen würde, diese 300 Kilometer mit mir im Team zu laufen. Mancher Zeigefinger fand sogar den Weg an die Schläfe des Gesprächspartners und die obligatorische Antwort war stets, dass man für solch gewaltige Entfernungen doch das Auto erfunden habe.

Uta gab mir dann drei eMail Adressen von potenziellen Laufpartnern und mit Zweien habe ich länger telefoniert. Der eine war der niederländische Importeur von Suunto Laufuhren. Ein wirklich netter Kerl. Und wer weiß, wie sehr ich Niederländer und ihren Humor schätze, der kann erahnen, dass er sofort in meiner engeren Wahl war. Am Ende habe ich mich dann aber doch gegen ihn entschieden, weil er mir einfach „zu gut“ erschien. Zu schnell, zu erfahren. Zudem hatte ich die Sorge, dass ihm die Platzierung des Teams auch für seine beruflichen Aspekte wichtiger war als mir.

Entschieden habe ich mich dann für Heiko. Zwar waren seine Marathonzeiten auch besser wie meine. Eine 3:11 stand da zu Buche (ich weiß, Heiko, dass mittlerweile aus Dir ein „unter drei Stunden – Läufer“ geworden ist). Außerdem war Heiko bis dahin niemals weiter als einen Marathon gelaufen und er hatte Sorge, bei längeren Etappen Probleme zu bekommen. Wenigstens ein kleiner Vorteil für mich.
Das dritte Argument für ihn war damals auch, dass er Pädagoge ist, ein unschätzbarer Vorteil, wenn es Dir mal schlecht geht. Und genau diese Eigenschaft habe ich immer an ihm geschätzt, vor allem am letzten Tag, als ich wegen muskulärer Probleme kaum mehr laufen, sondern nur noch tippeln konnte.

Nach etlichen Telefonaten trafen wir uns dann das erste Mal im „real life“ beim StrongManRun 2008 in Weeze. Er war mit seiner Bundeswehr-Sportgruppe dort und wir machten noch schnell mittels eines schnell aufgebauten Fotohintergrundes einige gemeinsame Fotos. Heiko hatte kurz zuvor ERIMA als unseren Sponsor gewinnen können und die Ware war Tags zuvor bei ihm in Jesenwang eingetroffen. „Team ERIMA Sportswear“ hießen wir also dann.

Nach dem TAR 2008 war der Marathon des Sables 2010 das nächste gemeinsame Highlight. Und nicht nur das. Wir lebten gemeinsam mit Achim Knacksterdt, Tilman Markert und Christian Bechtel eine Woche lang unter dem gleichen Berberzeltdach in der südmarokkanischen Wüste. Was war das schön damals!

Einen Tag nach dem Telefonat mit Nicole telefonierte ich mit Heiko und er erzählte mir, dass er sie gefragt hätte, ob ich mich dort bei der Agentur gemeldet hätte. „Nein,“ sagte sie, „das ist purer Zufall.“
Zufall ja, vielleicht auch Fügung, Schicksal? Auf jeden Fall ist es der Beginn von großartigen 10 Wochen, in denen ich regelmäßig über „Heikos Weg nach Chamonix“ berichten werde.
Veröffentlichen werde ich die Berichte dann aber nicht hier auf der allgemeinen Seite, sondern hier:
https://marathonundlaenger.wordpress.com/the-north-face-utmb/
Vielleicht gelingt es mir auch, die Beiträge hier und dort zu posten, aber das ist nicht versprochen.

Als versprochen aber gilt, dass Du Dir dort ein umfassendes Bild von Heiko und seinem Training für den The North Face UTMB 2012 machen kannst. Vergleiche die Erfahrungen vor dem Rennen und während des Rennens mit Deinen eigenen oder nimm die eine oder andere Information für Dich mit, falls Du diesen großen weißen Berg noch nicht umrundet haben solltest.
Für Deinen Start beim UTMB 2013. So viel Berg muss einfach sein, finde ich. Weil diesen Lauf zu finishen noch für jeden Läufer, den ich kenne, das Größte ist.

Bei dem UTMB 2013 werde ich dann auch wieder als Läufer dabei sein, einen sicheren Startplatz habe ich ja schon …

Wer bis 2 zählen kann hat Vorteile …

Es war ein echtes Lauf- und Autofahrer – Wochenende für mich. 1.350 Kilometer Autobahn oder Bundesstraßen, ein Marathon und ein kleiner Ultra. Du kannst schnell zusammen rechnen, wie viel Zeit das alles in Anspruch nimmt:
Vielleicht 15 Stunden hinter dem Steuer und 9 bis 10 Stunden laufen, etwas Zeit für das Schlafen dazu rechnen, etwas Zeit für die Zeit vor den Starts …

Mein Wochenende begann also um 5.00 Uhr mit dem klingelnden Wecker. Am Abend zuvor haben wir noch den 18. Geburtstag unseres Sohnes Pascal gefeiert – im edlen Restaurant „Vieux Sinzig“ in Sinzig, dem Restaurant, das seine Bekanntheit nicht nur der expliziten Erwähnung in den berühmten Eifel-Krimis verdankt, sondern auch dem engagierten französisch-normannischen Patron Jean-Marie Dumaine, der auch selbst einige Koch- und Naturbücher geschrieben hat.
Vor allem die verschiedenen echten und falschen Trüffelpilze dieser Welt und auch die Naturkräuter haben es dem „Wildkräuter-Papst“ Jean-Marie Dumaine angetan. Dabei organisiert er noch Veranstaltungen wie das „Trüffel-Symposium“, Du kannst dort Kochkurse besuchen oder an Naturwanderungen teilnehmen.
Der Abend wurde auch deshalb lang, weil neben den drei Gängen des Menüs, dem obligatorischen „Amuse-Gueule“ und dem Brot mit Walnuss-Tapenade auch noch ein Apetizer für das Dessert gebracht wurde, damit sich der Gaumen schon langsam an die Süße gewöhnen kann.
Und die viele Zeit fehlte mir am nächsten Tag.

Schnell noch für die beiden kommenden Tage und Läufe packen hieß es also um 5 Uhr. eine kurze und eine knielange Laufhose, 1 Paar Kompressionsstrümpfe, 1 Paar kurze Laufstrümpfe, ein Paar Schuhe reichen, Laufshirt, lange Laufjacke, Laufweste, Laufuhr, 2 Buffs, eine Winter- und eine Sommermütze, dünne Laufhandschuhe …
… fehlte da nicht etwas?

Natürlich! Das zweite Laufshirt und auch die Entscheidung für nur ein Paar Schuhe war falsch, weil ich Leipzig nicht so schlammig und nass erwartet hatte, dass die Schuhe danach keinesfalls für einen zweiten langen Lauf hätten verwendet werden können.
Meine Lösungen waren zum einen, ohne Laufshirt nur mit der Laufweste zu laufen. Wie viele schmerzende Scheuerstellen das gab kann ich nicht sagen, aber ihc kann sicherlich bis über 10 zählen und die wunden Stellen auf beiden Seiten unter den Armen, am Schlüsselbein und auf der Brust waren mehr …
Und zum Laufen nahm ich die Brooks-Laufschuhe, die ich eigentlich nur als Zierde zu meinen Jeans als „casual wear“ trage. Für lange Läufe sind die nicht gemacht, vor allem haben sie nicht die zusätzliche Länge, die wir Marathonis oder Ultramarathonis stets unseren Laufschuhen gönnen. Das habe ich dann nach dem Ultra mit einer dicken und äußerst schmerzhaften großen Blutblase am zweiten rechten Zeh bezahlt.
Aber wer nicht bis zwei zählen kann …

Die beiden Läufe aber kompensierten all den Ärger, den ich über mich selbst hegte. In Leipzig war es ein 3-er Teamlauf, für den ich schon im November 2011 zwei ostdeutsche Laufpartner gefunden hatte. Matthias, ein Unternehmer mit bis dahin 8 Marathons in seiner persönlichen Statistik, mit einer PB, die fast exakt gleich ist wie meine aus Edinburgh und mit einer Biographie, die einige Parallelen zu meiner hat und Flo(rian), unser Küken, ebenfalls mit bis dahin 8 Marathons in seiner persönlichen Statistik und einem Beruf, der ihm Flügel verleiht.
Beim 3. Leipziger Winter! Marathon war einer der Sponsoren Red Bull. Gewöhnlich nutze ich die Kraft von Red Bull, um mich für lange Autofahrten wach und fit zu halten, in Leipzig erlebte ich dieser nach Gummibärchen schmeckende Flüssigkeit als Hot Bull, leicht angewärmt mit Orangensaft gemischt. Und das Red Bull – Promotionteam war auch super nett und jede der Ladies war unserem Teammitglied Flo(rian) bekannt.

Läuferisch war der Marathon wieder eine kleine Offenbarung. Wir sind im Gruppendruck natürlich zu schnell losgelaufen. Am liebsten hätte ich schon auf den ersten Kilometern auf die Laufbremse getreten, aber wer will schon der Bremser sein? Und wir Männer wollen das sowieso nicht zeigen, also geht es schnell weiter. Aber nach vielleicht 30 oder 32 Kilometern schmerzte Matthias seine Sehne sehr und Flo durfte mir seine Leidensfähigkeit beweisen. „Das war das Härteste, das ich bisher gemacht habe,“ sagte er am Ende und ich versuchte Kilometer für Kilometer die beiden zu motivieren.
Dennoch wurden wir vor allem auf den letzten eineinhalb Runden auch von Teams eingeholt, die wir längst hinter uns gelassen wähnten und auch das beste Damenteam passierte uns auf den letzten 1.000 Metern. Aber das sollte uns vollkommen egal sein, weil wir ja mit dem Ziel 4:30 Stunden unterwegs waren.
Mir aber wurde es am Ende schon richtig kalt. Am liebsten wäre ich wie ein junger Hund neben der Strecke hin- und hergelaufen, um meinen Kreislauf in Schwung zu halten, weil mein Rücken freundlich angeklopft hat und meinte, schmerzen zu müssen, zum Glück nicht im Bereich meines sensiblen Iliosakralgelenks, sondern etwas höher, knapp unter dem Rippenansatz, aber ich hätte am Samstag Abend eher gehen einen Start am Sonntag gewettet.

Der 3. Winter! Marathon war auch eine große Ansammlung von Marathon4U – Autoren. Klaus Duwe und seine Mannen waren omnipräsent und so gab es viele Hallos und Körperdrücker, nicht nur mit Klaus, Wolfgang und Bernie, sondern auch mit vielen der anderen M4U Jungs. Außerdem waren der MIAU-Organisator Bernd Kalinowski dabei, der ultraschnelle Ulf Kühne vom OEM (Oberelbe Marathon) Team und viele andere Lauffreunde, die mich Runde für Runde höher fliegen ließen.

Für das Wetter konnten die Leipziger Veranstalter nichts, nichts für das Schneetreiben, nichts für den Regen, nichts dafür, dass alles matschig, schlammig und überhaupt „usselig“ war. Aber das, wofür sie was konnten, war schon phänomenal. Für 45 EUR Startgebühr pro Team (!), also nur 15 EUR pro Starter, gab es einen gut organisierten Lauf, wo an jeder Ecke bedauernswerte Menschen in Neon-Schutzjacken herumstanden, um uns auf den richtigen Weg zu leiten, wo die Versorgung vorbildlich war, nicht nur wegen der Hot Bull Becherchen und nicht zuletzt gab es am Ende sogar noch kleine Geschenke für die Teams.
Leider war uns eine der wunderschönen Plastik-Schneekristalle am goldenen, silbernen oder bronzenen Band vergönnt, dafür waren wir einfach viel zu langsam, insgesamt gab es aber neben den Urkunden noch zwei Torten für unser Team.

Flo, Matthias und ich jedenfalls hatten uns viel zu erzählen, die Zeit verflog recht schnell und ich nutzte die mir durch das Red Bull – Team gewachsenen Flügel dann gleich noch, um nach Senftenberg zu fahren. Ich war ja schon im Vorjahr dort am Start des 50 K Hallen-Ultramarathons und damals erzielte ich eine neue persönliche Bestzeit über die 50K Distanz, jetzt, mit dem Marathon in den Beinen, wollte ich keinesfalls in die Nähe dieser Marke kommen, um auf keinen Fall doch motiviert zu sein, hier noch weiter „feilen“ zu wollen. Aber wenigstens unter 5 Stunden bleiben wollte ich schon.

In der X-BIONIC Laufweste ohne Laufshirt darunter sah ich einigermaßen gut aus, fand ich, und ich folgte als Schatten immer wieder anderen Läuferinnen und Läufern. Zwei, drei Runden gemütlich hinter einem anderen Läufer, dann wieder ein paar Runden allein mit etwas Druck aufs Tempo, so ging es letztendlich 4:56:10 Stunden lang, zuerst einfach, später dann zunehmend schmerzhaft. Das Entstehen und Wachsen der Blutblase bemerkte ich schon nach der Hälfte der 50 Kilometer auf der in den Kurven überbauten Indoor-Tartanbahn, das Scheuern der Weste kam dann etwas später in mein Bewusstsein.
Aber Weicheier sind wir Läufer ja alle nicht und so etwas muss halt jeder aushalten, der nicht bis zwei zählen kann, eine echte Lehre für das weitere Leben.

Der MIAU-Organisator Bernd Kalinowski, der auch in Leipzig gelaufen war, hatte zwischen den Senftenberger Ultra-Hallenmarathon und den Leipziger Winter! Marathon noch kurz den Senftenberger Hallen-Nachtmarathon eingeschoben, wahrscheinlich, weil auch Bernd nicht bis zwei zählen kann.
Und auch Marco Cych aus Bad Kreuznach lief außer in Leipzig noch in Senftenberg. Die Anzahl der „Verrückten“ nimmt also ständig zu …

In Senftenberg 2011 konnte ich meine Altersklasse gewinnen, 2012 erreichte ich nicht mehr als einen 6. Platz. Aber wer langsamer ist wie im Vorjahr, der kann auch nicht die Ergebnisse des Vorjahres erwarten. Es war mich auch egal, weil ich sowieso im Jänner nur viel Strecke laufen will, damit ich im Februar ohne Sorgenfalten auf das Laufen verzichten kann, wenn ich in Equador auf die hohen Berge wandere.
Und ein Glas der berühmten Spreewald-Gurken und eine Packung breiter Nudeln gab es dennoch für die Läufer.

Was ich aber wirklich unglaublich fand, war, dass selbst einige meiner Pacemaker noch fast eine Stunde nach meinem Zieleinlauf unterwegs waren, humpelnd, gehend, verzweifelt. Der Hallenboden und die Überbauung in den Kurven verlangen Dir schon einiges ab. Manche konnten schon nach 100 der zu laufenden 200 Runden nicht mehr richtig laufen, schoben Gehpausen ein oder änderten ihre Rennstrategie gänzlich auf das Walken oder Gehen.
Einen meiner Pacemaker vom Anfang des Laufs bewuderte ich, weil seine Runden immer exakt 1:30 Minuten lang waren, plus / minus eine einzige Sekunde.Ich lief so lange hinter ihm, bis er beim Verpflegungspunkt abgebogen ist. Später aber ging bei ihm nichts und meine ursprüngliche Annahme, es hier mit einem extrem erfahrenen und kontrollierten Läufer zu tun zu haben, schwand und ich bedauerte ihn, weil offensichtlich wurde, dass er dieses konstante Anfangstempo von exakt 6 Minuten pro Kilometer einfach nicht durchhalten konnte.

So skurril dieser Hallen-Ultra ist, so skurril ist auch die alte Niederlausitz-Halle, die noch den Charme der 70er und 80er Jahre verbreitet. Aber der Lauf dort ist einfach einzigartig, wenngleich man ihn leicht unterschätzen kann. Eine ganz besondere Erfahrung aber ist er auf jeden Fall.
Für mich aber war es nach 2011 der letzte Lauf dort, weil mich die rund 600 Kilometer bis Senftenberg immer wieder nerven.

Zumindest in diesem Punkt kann ich dann doch bis 2 zählen …

Holla, was für ein Lauf!

Der Karwendellauf begann für mich eigentlich schon eine Woche zuvor an dem wunderschönen Sportwochenende im österreichischen Kleinwalsertal, an dem wir auch am Allgäu Panorama Ultra teilgenommen haben.
Diese Geschichte aber erzähle ich ein anderes Mal. Nicht, weil dieses Wochenende nicht schön gewesen wäre, sondern weil es einfach zu interessant war, es mit wenigen Sätzen zu beschreiben. Und Freunden wie Tanja Neumann, Bernie Conradt, Norman Bücher und Kurt Süsser schulde ich eine schöne Kleinwalsertal-Geschichte

Nur ein kleines Erlebnis von der Wanderung am Vortag des Allgäu Panorama Ultra sei kurz erzählt. Es war ja ein ganz besonders heißes Wochenende und wir, immerhin eine Truppe von 21 Sportlern, kehrten in einer Almhütte ein. Wir waren durstig, sehr durstig.
An der Hauswand hingen zwei Tafeln, die mit den Tagesangeboten beschriftet waren.
Johannisbeerwasser stand da geschrieben und Holunderwasser stand auf der anderen Tafel. Holunderwasser? Das klingt aber gut!

Ich erinnerte mich an meine Kindheit im oberbayrischen Bad Tölz und später dann im schwäbischen Plüderhausen bei Schorndorf. Damals gab es für uns Kinder ein Mal im Jahr ein echtes Highlight, denn da machte unsere Mutter „Holundersekt„, vollkommen alkoholfrei, natürlich.
Und dafür sammelten wir Kinder tagelang eifrig Holunderblüten, diese schönen großen weißen Dolden, die man auch lecker in einem Mehlteig ausbacken kann.
Nur wenige Tage später würden sich die weißen Dolden in schwarze Früchte verwandeln, dann ist der Zauber des Holunders weg. Aber solange der Holunder noch weiß gefärbt ist kann man so leckere Dinge damit machen wie eben den „Holundersekt„, der eigentlich nur stärker konzentriertes Holunderwasser ist.
Und dieses erfrischende Holunderwasser gab es in dieser Hütte und in der nächsten, in der wir einkehrten, gab es das auch. Ich hatte fast schon den köstlichen Geschmack des Holunders vergessen, aber alle Erinnerungen waren sofort wieder da, als die ersten Schlucke des Holunderwassers die Kehle runter rannen.


Und dann kam der Karwendellauf. In der Vorbereitung schaute ich auf die Webseite, suchte nach den Verpflegungspunkten,

  • Larchetalm (1.174 m)
  • Karwendelhaus (1.765 m)
  • Kleiner Ahornboden (1.399 m)
  • Falkenhütte (1.846 m)
  • Eng (1.200 m)
  • Binsalm (1.500m)
  • Gramai Hochleger (1.895 m)
  • Gramai (1.263 m)
  • Falzturn (1.098 m)
  • Pertisau am Achensee (Ziel – 931 m)

die die Österreicher liebevoll „Labestationen“ nennen, und ich schaute auf den Menüplan, über den ich ja schon im Vorbericht hier etwas geschrieben habe:

„… an allen Labestationen gibt es wieder Tee, Hollasaft (von den Bäuerinnen aus Niederndorferberg) und Wasser.

LARCHETALM: Obst, Kekse
KARWENDELHAUS: Obst, Riegel, Brote, Kartoffelsuppe
KLEINER AHORNBODEN: Obst, Kekse
FALKENHÜTTE: Riegel, Brote, Hafersuppe
ENG: Obst, Kekse, Heidelbeersuppe, klare Suppe (Gemüsefond), Joghurt
BINSALM: Obst, Riegel, Joghurt
GRAMAIHOCHLEGER: Obst, Brote
GRAMAI: Obst, Riegel, klare Suppe (Gemüsefond)
FALZTURN: Obst, Kekse, Joghurt
PERTISAU: Obst, Kekse, Brote, alkoholfreies Weißbier“

Hollasaft“ gab es also, las ich und ich fragte mich, was das wohl sei. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen. „Hollasaft“ ist Holunderwasser, ist so etwas wie der „Holundersekt“ meiner Kindheit.
Holunderwasser gehört offensichtlich in der dortigen oberbayrisch / österreichischen Gegend zum normalen Leben dazu. Schade, dass ich dort nicht mehr wohne …

Aber der Karwendellauf 2011 hatte viel mehr zu bieten als Hollawasser.
Normales Wasser gab es nämlich auch. Und das nicht zu knapp.
Zumeist kam es von oben.
Als hätte der Wettergott die Trockenheit mancher Monates dieses Jahres an einem Tag korrigieren wollen, ließ er es auf die Läufer und Wanderer im Karwendelgebirge herunter regnen, dass zumindest bei mir nichts, aber auch wirklich nichts mehr trocken blieb.
Zwei Stunden lang hatte der Regen, der die ganze Nacht schon auf uns herabprasselte, nach dem Start aufgehört und uns in Sicherheit gewiegt, doch einen einigermaßen trockenen Lauf zu bekommen. Aber dann zeigte uns der Wettergott, dass man sich nie zu früh freuen darf.
Und das Wasser von oben verwandelte sich später sogar in Hagel und auch in Schnee, in so viel Schnee, dass die Veranstalter um 14:00 Uhr, ich war gerade eine gute Stunde lang im Ziel angekommen, die Strecke nach der Labestation Eng (km 35) schlossen. Die Wanderer, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht dort angekommen waren, wurden dann mit Bussen nach Pertisau gefahren.
Die Sicherheit der Teilnehmer steht eben an oberster Stelle.

Und es gewitterte sehr. Ein Donner kam so kurz nach dem Blitz, dass die Entfernung zum Einschlag wohl nur wenige 100 Meter betrug. Es knallt dabei so laut, dass ich schon etwas ängstlich wurde.

Aber das schlechte und extrem kalte Wetter konnte nichts dagegen ausrichten, dass man die Schönheit der Karwendelberge zumindest erahnen konnte. Wenn ich in der Woche zuvor beim Allgäu Panorama Ultra noch dachte, dass es kaum schönere Aussichten gibt, so steht dieser Trail dem im Allgäu in Nichts nach.

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Und noch etwas erinnerte mich an den Ultra der Vorwoche. In Sonthofen am Start traf ich Bernie Manhard und beim Start in Scharnitz traf ich ihn wieder. Wir liefen bis zum ersten Gipfel nebeneinander und quatschten über alles, was uns Läufer interessiert, über andere Läufe und über andere Läufer.
Bernie, der auch für Klaus Duwe’s marathon4you schreibt, lief im Karwendel übrigens seinen 50. „langen Kanten“ – 50 „Marathon und länger“. Glückwunsch, Bernie!
Zu uns gesellte sich sehr früh ein Franke aus Bayreuth. Dieter Ladegast läuft seit mehr als einem Dutzend Jahren und er wandert, paddelt und sportelt mit seinen beiden Söhnen enorm viel.


Es war eine wahre Freude, sich mit ihm auszutauschen. Seine besondere Stärke ist dabei das Bergab-Laufen. Nach dem ersten Berg entwischte er mir und ich holte ihn erst oben am zweiten Berg wieder ein.
Bis auf den dritten Berg, der auch den höchsten Punkt des Tages markierte, gingen und redeten wir zusammen und wir bedauerten diejenigen, die sich von der Wärme der Vortage hatten blenden lassen und nur im Laufshirt unterwegs waren.

Da war beispielsweise eine Läuferin, die so stark unterkühlt war, dass sie eine goldene Notfalldecke um den Körper schlang und damit stundenlang lief, eine Läuferin ließ sich an einer Labestation Plastikhandschuhe geben, um die klammen Finger wenigstens ein wenig zu wärmen. Die Station nutze diese Plastikhandschuhe beim Belegen der leckeren Käse- und Wurstbrote, jetzt hatten sie offensichtlich eine weitere Nutzung erfahren.
Auf dem dritten Berg verteilten die Veranstalter schwarze Mülltüten, in die sich zitternde Läufer einpacken konnten, viele aber spielten den Helden und ließen es sich nicht anmerken, dass sie bei Temperaturen von nur zwei Grad auf den Bergspitzen und kalten neun Grad in den Tälern „wie die Schneider“ froren.

Ich selbst hatte Glück: als ich am Vortag meine Sachen packte, überlegte ich lange, ob ich die Armlinge mitnehmen sollte. Ich entschied mich dann dafür, weil die beiden Armlinge nun wirklich nichts wiegen und auch keinen Platz weg nehmen. Dass ich vom Start bis zum Ziel darin laufen würde hätte ich nicht gedacht.
Zudem trug ich eine super tolle Laufweste, die speziell für Läufe im Regen konzipiert wurde. X-BIONIC, das habt ihr wirklich toll gemacht.

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Der Lauf selbst ist kurz erzählt, mit 52 Kilometern Länge gehört er auch zu den eher kurzen Berg-Ultras.
Am Anfang steigt die Strecke gut laufbar permanent leicht an, drei Berge, einer davon mit einer Art Doppelspitze, sind zu bewältigen, all das auf klassischen Trails.
Die Landschaft um die Strecke herum ist zauberhaft und die kleinen Highlights am Rande, wie beispielsweise das Falkenhaus, sind österreichisch, ursprünglich und wunderschön, ein echter Tipp für ein interessantes Familienwochenende.
Nach dem dritten Berg, mit 1.903 HM auch hoch genug, um hochalpine Wetterverhältnisse zu erleben, hast Du fast einen Marathon hinter Dir und dann ab da geht es abwärts.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt 5:40 Stunden auf der Uhr und in den folgenden 20 Minuten war das Geläuf so schwierig, dass ich selbst bergab keine Verbesserung meiner kumulierten Durchschnittsgeschwindigkeit verzeichnen konnte.

Dann aber, nach dem Marathonpunkt, war es wieder richtig gut zu laufen. Gut und schnell.

63 Minuten hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch übrig, um „unter 7 Stunden“ zu finishen. Und ich lief, rannte und drückte, ungefähr bis zur 50km-Marke. Dann hatte ich noch 16 Minuten Zeit für diese kleine Reststrecke und die Lust, mich weiter zu quälen, sank, ich reduzierte also das Tempo und kam mit rund 6:55 Stunden sauber und deutlich unter der mir selbst gesetzten Marke an.

9 Minuten 11 Sekunden brauchte ich für jeden einzelnen Kilometer beim Allgäu Panorama Ultra, 7 Minuten und 59 Sekunden waren es im Karwendel.
Für mich eine gute Zeit, dennoch schaffte ich es nicht einmal in der Altersklasse ins vordere Drittel.

Das Ziel im schönen und edlen Pertisau am Achensee hatte ich ja schon im Frühjahr von der anderen Seeseite her gesehen. Beim MIAU sind wir ja am Achensee entlang gelaufen, den Blick immer auf Pertisau gerichtet. Dass ich so schnell wieder am Achenseee sein würde hätte ich damals nicht erwartet, umso schöner, nun von Pertisau aus auf die Teilstrecke des MIAU zu schauen.

Ganz sicher hat der Karwendellauf besseres Wetter verdient. Schon in den Vorjahren waren die Himmelsschleusen geöffnet, ein Jammer, wenn man bedenkt, wie schön diese Gegend und wie gut ausgesucht der Laufweg ist. Wenn man zudem bedenkt, wie aufwändig die vielen Labestationen bestückt und bedient werden, dann hätte dieser Lauf auch mehr Läufer verdient. Wanderer gibt es genug.

Mit 35 EUR Startgeld (Nachmeldungen plus 5 EUR), ChampionChip Zeiterfassung, leckerem Hollawasser und bester Versorgung, mit einem Finisher-Paket inklusive einer originalen SIGG-Thermoskanne bekommst Du als Läufer hier einen ungewöhnlich hohen Gegenwert für das Startgeld. Wie die dortigen Gemeinden das alles stemmen können, finanziell wie auch von der Manpower her, ist schon erstaunlich und bewundernswert.

Für mich bleibt der Eindruck, dass ich über dieser Lauf, trotz des Wetters, nur eines sagen kann: „Holla!“

Geschichten von neunundneunzigundeinem Luftballon …

Der Münster-Marathon sollte etwas Besonderes für mich sein. Das erste Mal war ich als Brems- und Zugläufer eingespannt und das für 4:00 Stunden, entsprechend nervös war ich. Meine Sorgen gingen in die Richtung, dass ich es gar nicht mehr schaffen würde, schnell, so schnell zu laufen. Die „langen Kanten“ haben mich langsamer gemacht und ich habe seit Monaten nicht mehr richtig trainiert. Wie oft beneide ich die Marathonis, die sich über Wochen konsequent einem Trainingsplan unterordnen können und auch die, die jeden Tag laufen können – oder zumindest jeden zweiten Tag.
Bei mir passiert da seit langem kaum mehr etwas in der Woche. Am Wochenende etwas Langes und Langsames, in der Woche: eindeutig viel zu wenig.


Aber der Zug- und Bremsläufer Luftballon machte mich schon sehr an.

Zudem sollte der Münster-Marathon meine „Nummer 99“ sein, wenn ich nicht drei DNFs in diesem Jahr in meinem Lauf-Lebenslauf gehabt hätte, dann wäre ich schon längst über der Marke von 100 Marathons. So aber heißt es abwarten und stilles Wasser trinken … Ein Luftballon für jeden „Marathon und länger“ macht 99 Luftballons, zusätzlich zu dem Luftballon, der die Zahl 4:00 trug.

Der wichtigste Grund, den Münster-Marathon endlich zu laufen, war aber der Umstand, dass ich von 1982 bis 1984 für 24 Monate in Münster gewohnt habe. Das Warenhaus HORTEN, in dem ich seinerzeit gelernt habe, ist mittlerweile ein Galeria Kaufhof geworden, aber im Grunde hat sich dort nicht allzu viel geändert. Noch immer hängen im Lambertiturm der Lamberitkirche die Täuferkäfige, in denen die münsteraner Täufer hingerichtet wurden. Sie herrschten in den 1530er Jahren im sogenannten „Neuen Jerusalem“, lehnten die Kindstaufe ab und tauften die Erwachsenen erneut (Wiedertäufer). Das Taufen von Erwachsenen aber widersprach dem Reichsrecht, was zu erheblichen Konflikten mit dem Fürstbischof Franz von Waldeck führte.
Die münsteraner Täufer regierten lange die Stadt und bauten die Strukturen in der Stadt radikal um. Die Täufer führten unter anderem die Gütergemeinschaft ein und ließen das Stadtarchiv verbrennen. Diese Radikalität führte zu erneuten Auseinandersetzungen. Vor allem der zunehmende Endzeitwahn der Propheten stieß auf Ablehnung. Für Ostern 1534 verkündete der Kopf der Wiedertäufer, Jan Mathys, sogar das Erscheinen Jesu Christi in der Stadt. Aber Christi erschien nicht und Jan Mathys wurde am Ostertag mit einigen Getreuen vor der Stadt getötet.

Ab diesem Zeitpunkt war Jan van Leiden Kopf der münsterschen Täufer, unter dem sich die Bewegung weiter radikalisierte. Zwar schaffte er die Folter vor Vollstreckung eines Todesurteils ab, vollstreckte aber die Todesurteile nicht selten persönlich. In der Stadt wurde im Sommer 1534 auf Grund des erheblichen Frauenüberschusses – unter den münsterschen Täufern gab es fast dreimal so viele Frauen wie Männer – die Polygynie eingeführt und das, obwohl die Täufer sich anfangs für eine strenge Sittenwacht ausgesprochen hatten. Jan van Leiden selbst nahm im Verlauf des Täuferreiches 16 Ehefrauen.

Die Militanz der münsterschen Täufer folgte unter anderem aus der militärisch ausweglosen Situation innerhalb der Stadtmauern. Die Belagerung führte bald zur Hungersnot. Die weiße Kalkfarbe der Kirchen soll abgekratzt, in Wasser aufgelöst und als Milch verteilt worden sein. Es half aber nichts: Nach anderthalb Jahren wurde Münster am 24. Juni 1535 eingenommen. Ein Blutbad beendete das Täuferreich.
Rund 650 Verteidiger wurden getötet, die Frauen aus der Stadt vertrieben. Die obersten Täufer wurden für ihre Abtrünnigkeit zu Tode gefoltert:
Am 22. Januar 1536 wurden Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling auf dem Prinzipalmarkt mit glühenden Zangen die Fingernägel ausgerissen und schließlich wurden sie erdolcht. Ihre Leichen wurden in eigentlich für den Gefangenentransport bestimmten eisernen Körben an den Turm der Lambertikirche gehängt, teils zur Information, teils zur Abschreckung.

Über den Prinzipalmarkt ging ich heute auch und ich dachte dort auch an den wunderschönen holzgetäfelten Saal im Münsterschen Rathaus, in dem ich vor knapp 30 Jahren einmal gewesen bin und in dem der „Westfälische Frieden“ geschlossen wurde, durch den der 30-jährige Krieg endlich zu Ende ging.

Der Münster-Marathon sollte also etwas Besonderes für mich sein, er wurde aber ein Lauf voller Hektik. Schon zu Hause habe ich getrödelt und fuhr 30 Minuten später als geplant ins Münsterland. Zwar versuchte ich, die Zeitverzögerung durch besonders schnelles Fahren auszugleichen und ich fuhr von den 34 Minuten, die ich als zu spät für das Treffen der Brems- und Zugläufer ausgerechnet war, rund 24 Minuten herein. Gescheitert bin ich aber daran, dass die Polizei die Zufahrtsstraße gesperrt hatte und weil die Existenz von Parkplätzen in Münster nur unzulänglich bekannt ist.
Als ich dann einen Firmenparkplatz von „Westfleisch“ für mein Auto ausgekuckt hatte, weil dort am Sonntag sicher nicht gearbeitet wird, befand ich mich genau auf der falschen Seite der Innenstadt. Schwer bepackt mit einer großen Sorttasche, die meinen Wechselklamotten beinhaltete, rannte ich erst Richtung Paulinum, wo wir uns treffen wollten und dann Richtung Start.

Klaus Duwe von „marathon4you.de“ sah ich als erstes und danach auch gleich Jens Vieler, der den Brems- und Zugläufer für 3:30 Stunden gegeben hat. Weiter ging es bis zum 4:00 Stunden Block und dort bekam ich meine Startnummer und mein Shirt. Noch zwei Minuten bis zum Start, ich war schon verschwitzt und nervös. Ich wechselte das Shirt, befestigte die Startnummer am Startnummernband, während mit der orangene Luftballon angebunden wurde. Passt, geschafft, es konnte losgehen.
Ein kleiner Informationsaustausch mit den beiden anderen Brems- und Zugläufern und dann kam Lars Schläger auf mich zu. Endlich konnte ich ihn wieder herzen und drücken. Lars war auch ein Opfer der Absage des UTMB, aber der gemeinsame Lauf mit ihm im Vorjahr dort und die vielen anderen gemeinsamen Läufe lassen mein Herz immer höher schlagen, wenn ich ihn sehe. Und es ging los.
Nach wenigen Metern lief ein junger Läufer neben mir, Wolfgang, den ich schon beim Remmers Hasetal Marathon in Löningen kennen gelernt hatte und der dort und damals ein Autogramm von mir wollte. Dort brauchte er 4:15 Stunden für den Marathon, in Münster konnte er sich unter die 4:00 Stunden Marke ducken.

Zum Lauf selbst sei nur erwähnt, dass der Lauf durch die Innenstadt Münsters super schön war und dass die Innenstädter auch ihre sprichwörtliche münsteraner Zurückhaltung aufgeben konnten, die Passagen außerhalb der Stadt und in den vorgelagerten Teilorten aber waren zäh und langweilig. Einzig der Abschnitt um den Aasee herum befriedigte meine Lust auf schöne Gegenden.
Mir ging es gut, ich lief seit längerem endlich mal wieder schmerzfrei los und spürte mein armes linkes Knie tatsächlich erst nach gut drei Stunden – herrlich!
Aber ich musste ab km 36 schon beißen und kämpfen, mehr, als mir lieb war. Ich wollte mir aber auch keine Blöße geben und mich aus dem Projekt „unter 4:00 Stunden“ verabschieden. Jetzt, mit einem gewissen Abstand, freue ich mich, dass ich nicht der Versuchung erlegen bin, es mir leichter zu machen. Zu oft schone ich mich hier, eine meiner größten Schwächen, finde ich.

Ab km 40 haben wir das Tempo ein wenig reduziert, um nicht allzu früh im Ziel einzutreffen, dann gab es das Finisher-Shirt und die Medaille, ein Becher alkoholfreies Bier, eine wirklich warme Dusche und dann begann die Suche nach meinem Auto.
Hast Du schon mal in Hektik geparkt und Du wolltest nur schnellstmöglich irgendwo ankommen? Ich habe mir leider nicht gemerkt, wo ich geparkt hatte, nur eine Straße in etwa nach der Hälfte des Weges hatte ich in Erinnerung. Aber wer kennt in Münster schon die Straßen, schon gar an so einem Sonntag? Fast jeder war nicht aus der Stadt und hatte mehr Fragen an mich als umgekehrt.
Ich suchte insgesamt knapp über eine Stunde lang, bis ich endlich Glück hatte.

Superknapp beim Start, superknapp unter der 4:00 Stunden – Linie und dann die Sucherei, aber die „Nummer 99“ war drauf auf der Liste, 99 Luftballons für die 99 Läufe und ein Luftballon, der mich als Brems- und Zugläufer ausgewiesen hat. Ich wurde nicht wegen des Überschreitens der 4:00 Stunden Marke in den Täuferkörben ausgestellt und genoss diese schöne Stadt, durch die Sucherei nach dem Auto sogar länger als erhofft und geplant.
„Hektik ist der Feind jeglichen Erfolgs!“ habe ich als Lebensmotto zur Geburt unserer Tochter Milena in die Geburtsanzeige geschrieben, der nächste Lauf wird wieder besser vorbereitet sein!

„Er ist der Sehende und wir sind blind!“


Das letzte Wochenende begann eigentlich schon vor ein paar Monaten. Genau dann, als ich von Alexander von Uleniecki gebeten wurde, beim am 5. November beginnenden dreitägigen Mauerwegslauf in Berlin als Guide für den blinden Jeffrey Norris teilzunehmen. Alexander empfahl mir auch, schon vorher Jeffrey bei einem Lauf zu begleiten, damit wir im November diese Herausforderung gemeinsam bewältigen können.

Ich kannte Jeffrey damals schon vom Sehen und ich erinnerte mich sofort an den coolen Typ mit der Sonnenbrille, der mit ständig wechselnden Guides einschließlich des Geburtstagskindes und Veranstalters Bernd Nuß in Iserlohn den Geburtstagslauf „Rund um den Seilersee“ bestritt. Es war die Premiere des Laufs, der seither „Iserlohner Stadtwerke-Lauf“ heißt und fast eine Pflichtveranstaltung für TorTOURisten geworden ist. Bernd Nuß hat ihn damals als einmaliges Event anlässlich seines „runden“ 60. Geburtstags geplant, aber der immense Erfolg hat dafür gesorgt, dass Iserlohn ohne diesen Lauf ein wenig ärmer wäre.

Aber ich hatte noch nichts über Jeffrey gewusst.
Ich wusste nicht, dass Jeffrey mehr ist als „nur“ ein blinder Ultra-Läufer. Obwohl es schon eine großartige Sache ist, als blinder Läufer Ultra-Marathons zu laufen, ist Jeffrey mehr. Jeffrey ist ein Ausnahme-Athlet mit klaren Zielen. Diese Ziele haben ihn im vergangenen Jahr zum 8-Tage-Lauf in Monaco geführt, wo er an 6 Tagen die beachtliche Strecke von 392 km gelaufen ist.
Die Nürnberger Zeitung schrieb über ihn:
„Es gibt Menschen, die tun verrückte Dinge. Und es gibt Jeffrey Norris. Im Fürstentum Monaco hat der Nürnberger neulich 392 Kilometer in sechs Tagen zurückgelegt – zu Fuß. Einen wie Norris nennt man im Fachjargon Ultraläufer. Doch Norris ist anders als die anderen. Er kann nicht sehen.“

Und ich wusste nicht, dass Jeffrey für 2010 und 2011 unglaubliche Ziele hat. Ich wäre stolz und glücklich, ihn bei diesen Zielen unterstützen zu dürfen. So will er in Monaco seine Laufstrecke deutlich ausbauen, er will einen neuen 24-Stunden Rekord bei der Weltmeisterschaft in Brugg/CH erlaufen und er erzählt vom „Race across America“, vom IronMan in Regensburg und von einem Film, einem Roadmovie, in dem er gerne all das dokumentieren würde.
Jeffrey Norris ist einer der Menschen, die so anders sind als andere, sogar ganz anders als andere Ultraläufer, dass er beispielsweise oft mit dem letzten Bus in seinen Fitness-Club fährt, die Nacht über dort auf dem Laufband trainiert, um dann am nächsten Morgen mit dem ersten Bus wieder nach Hause zu fahren. „So brauche ich keinen Laufpartner und ich habe meine Ruhe,“ sagt Jeffrey gerne.

Wegen Alexander suchten wir also einen Marathon, der sich als erster gemeinsamer Lauf anbot. Und dann ging es plötzlich ganz schnell.
Jeffrey rief mich an, dass Joey Kelly einen Marathon mit ihm laufen wolle und dass er mich da gerne dabei hätte. Welche Ehre, dachte ich. Allerdings hat Jeffrey Joey falsch verstanden und so kam ich zu meiner Meldung für den Willinger Panorama-Marathon, den ich dann geschwänzt habe.

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Aber es war nicht das sauerländische „Ballermann-Städtchen“ Willingen, sondern das beschauliche westfälisch-oldenburgische Löningen, in dem Joey Kelly, Jeffrey Norris und ich unseren ersten gemeinsamen Marathon absolviert haben.
Der „Remmers Hasetal Marathon“ war schon immer weit oben auf meiner Wunschliste, spätestens, als dieser Marathon bei marathon4you.de zum viertschönsten Marathon in Deutschlands Norden gewählt wurde. Und Klaus Duwe, der auch 2010 wieder selbst am Start war, bezeichnet diesen Marathon als „Juwel im Norden“.
Jeffrey und ich hatten jeweils ein Zimmer im Huckelriederfeld Hof gebucht und schon die Webseite des Hofs deutete auf ein interessantes Fleckchen Erde hin. Und das ist es zweifellos. Frei lebende Schweine, Pferde und Kühe, ein Hofladen, in dem diese biologisch vernünftig aufwachsenden und lebenden Tiere nach der Schlachtung verkauft werden, Gästezimmer und ein friedvolles Gezirpe von Vögeln, ein Platz, an dem Du denkst, im Paradies zu sein.
Ein paar Kilometer vor Löningen gelegen, nahe einer wunderschönen alten Mühle liegt dieses weitläufige Gelände, das in dem Sonnenlicht des Wochenendes ganz besonders romantisch ist. Ein echter Tipp, wenn Du eine Nächtigung außerhalb der Stadtzentren in dieser Region suchst.


Für mich war der Huckelriederfeld Hof aber mehr. In meiner Münsteraner Zeit war ich in der FDP und bei den Jungen Liberalen aktiv und aus dieser Zeit kannte ich den Bundestagsabgeordneten Paul Friedhoff zumindest vom Sehen. Ihm gehört dieses Idyll, sein Sohn „ist der Bauer“, wie Paul Friedhoff mir sagte. Eine herzliche Familie, die sich liebevoll um Jeffrey und mich gekümmert hat und ein Paul Friedhoff, mit dem ich nicht nur über Jürgen W. Möllemann, seine Frau Carola Möllemann-Appelhoff und ihre Schwestern reden konnte, sondern der mir eine ganz aktuelle wissenschaftliche Betrachtung dieses umstrittenen Politikers zu lesen gab. Und gleich fühlte ich mich wieder jung, wie damals, als Anfang 20-jähriger.


Der Remmers Hasetal-Marathon verdankt seinen Namen zum einen der Hase, einem Flüsschen, an dem ein Teil der Marathonstrecke entlang geht und das auch dieser Region ihren Namen aufgedrückt hat und zum anderen der Firma Remmers, die seit einigen Jahren das Vakuum, das entstanden wäre, als der vorherige Hauptsponsor abgesprungen war, gefüllt hat. Und Remmers steckt nicht nur viel Geld und Zeit in diesen Lauf, sondern bringt auch die vielen Mitarbeiter der dortigen Zentrale dazu, zumindest am zeitgleich startenden Halbmarathon teilzunehmen.
Klaus Duwe schreibt dazu auf marathon4you.de (lies doch bitte seinen ganzen Bericht …) :

„Einer der wichtigsten Arbeitgeber ist die Firma Remmers. Dort werden unter dem Motto „Instandsetzen, schützen, erhalten“ Produkte für Bauten- und Holzschutz hergestellt und weltweit vertrieben. Seit ein paar Jahren greift man dem Marathon tat- und finanzkräftig  unter die Arme. Denn auch auf dem „platten Land“ ist ein solches Event ohne das Zutun von Sponsoren, Behörden, Vereinen und der Bevölkerung nicht zu stemmen. Hier in Löningen hat man auch als Außenstehender schnell das Gefühl, alle tun das Hand in Hand, gerne und vor allem mit Freude und Spaß.“

(Klicken zum Vergrößern!) Joey, Jeffrey und ich nach knapp 5 Stunden

Den Vortrag von Joey Kelly vor dem Lauf beschreibt Klaus Duwe in seinem Bericht ja wunderbar, ich will vielleicht noch ergänzen, dass das unermüdliche Veranstalter-Team und der Hauptsponsor einen wirklich guten Job gemacht haben und dass so ein Lauf entstanden ist, der es wert ist, in meinem Lauf-Lebenslauf die schöne Zahl 96 zu tragen.

Nachdem Joey Kelly, Jeffrey Norris und ich nach 4:51:51 Stunden im Ziel ankamen, war meine persönliche Marathon-Party noch nicht zu Ende. Joey und ich hatten uns so geeinigt, dass Joey Jeffrey führt, anfangs durch die locker auf der linken Schulter aufgelegte Hand von Jeffrey und dann durch ein Band, das den Guide und den Läufer verbindet und so hatte ich den Part übernommen, für eine freie Strecke zu sorgen. Vor allem in der zweiten Runde, als die ganzen Halbmarathonis die Strecke verlassen hatten, war das eine leichte Aufgabe und es blieb viel Zeit für Gespräche, aus denen ich viel mitnehmen konnte.
Später sagte Joey über Jeffrey: „Er ist ausgesprochen gebildet und intelligent!“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich selbst habe an Jeffrey besonders bewundert, dass er sich scheinbar mühelos alle Telefonnummern merken kann, die er genannt bekommt. „Das Gedächtnis ist mein Adressbuch,“ sagt Jeffrey dazu und so stehen wir Sehenden da und beobachten staunend, wie Jeffrey sein Leben organisiert hat.

Da ist beispielsweise die Uhr am Handgelenk, die zu jeder vollen Stunde automatisch die Uhrzeit sagt und auch immer dann, wenn Jeffrey auf ein bestimmte Taste drückt und da ist auch das Computerprogramm, das die Texte auf seinem Laptop, Webseitentexte wie auch eMail-Texte, vorliest. Und wenn Du Jeffrey nach den Nationen fragst, die in den einzelnen WM-Gruppen gespielt haben, dann sagt er Dir diese fehlerfrei auf. Das Gedächtnis ist offensichtlich auch sein Notizblock.


Wenn Du mit Jeffrey redest, dann erfährst Du vieles über seine Ziele. Aber Du hörst kein Jammern über seine Situation, obwohl Dritte an seiner Erblindung Schuld tragen, keine Vorwürfe, nichts in der Richtung. Jeffrey spricht immer in bunten und klaren Bildern und das macht es Dir leicht, zu verstehen, was Jeffrey Dir sagen will.
Und wenn Jeffrey von seinem großen Traum, einem Selbstfindungslauf „Bike and Run“ quer durch die USA, von Florida durch seinen Heimatstaat Texas bis nach Kalifornien erzählt, den er ganz entspannt und nicht als Wettkampf laufen und fahren will, dann siehst Du ihn in Gedanken auf dem neuen Renn-Tandem, im Singlet glücklich lächelnd unter der heißen amerikanischen Sonne.
„In jedem Bundesstaat will ich dann noch einen Marathon laufen,“ schwärmt er. Kein Wunder, dass es schon einen Filmproduzenten gibt, der sich für diese Geschichte interessiert.

Auf der anschließenden allgemeinen Marathon-Party auf dem Löninger Marktplatz war Joey Kelly auch für die Siegerehrung zuständig und dort, auf der Bühne über dem Marktplatz, sagte Joey Kelly den schönen Satz über Jeffrey Norris: „Er ist der Sehende und wir sind blind!“

Als Blinder fuhr ich dann mit Joey Kelly durch die Nacht, um ihn nach Hause zu bringen und in Gedanken verneige ich mich in Demut vor Jeffrey, der am letzten Wochenende ein wenig Licht in meine Gedanken gebracht hat.